Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) Besonders qualvoll waren die Abende und Nächte. Den Tag über pflegte ab und zu die ruhige Ueberlegung die Oberhand zu haben. Er sah, daß es Niemandem einfiel, auf ihn auch den geringsten Verdacht zn werfen. Aber des Abends, wenn er allein bei seiner Lampe saß, suchten ihn folternde Schreckbilder heim. Er konnte sich eines schrecklichen Zusammenzuckens nicht wehren, so oft eine Stubenthür ging und als eines Abends einmal noch spät die Thürklingel ertönte, sprang er entsetzt empor. Hatte irgend ein Zufall seine Schuld ans Licht gebracht und kam nun die Polizei, um ihn zu verhaften? Am Tage vor dem mündlichen Examen wurde er zur Polizei citirt, nachdem seine Eltern schon vor ihm vernommen worden waren. Er setzte dem Criminal-Commissar, der ihn verhörte, seine Ansicht auf den Fall auseinander, wie er bereits seinem Vater gegenüber gethan hatte. Die Mutter hatte aus Versehen die Thür aufgelassen und ein Bettler, der zufällig nach ihr die Treppe hinaufgekommen war, hatte die Gelegenheit benutzt, den Diebstahl auszuführen. Der Beamte lächelte überlegen und erklärte: „Ihre Combination ist allerdings die naheliegendste, Herr Referendar, und sie wäre gewiß auch zutreffend, wenn nicht ein gewisser Umstand vorläge. Ein Bettler oder ein professioneller Dieb würde sich niemals die Zeit genommen haben, die Geldtasche auf ihren Inhalt hin erst lange zu untersuchen, noch wäre er so bescheiden gewesen, die Hälfte der Summe zurückzulassen. Er hätte die Tasche einfach gepackt und sich damit schleunigst aus dem Staub gemacht." Der Angeredete blickte bestürzt auf den Sprechenden. Daran hatte er noch nicht gedacht. O Dummkopf, der er gewesen! Das mußte ja früher oder später auf seine Spur führen. Er war nicht im Stande, auch nur das Geringste 1898 MW MU %/J er holen will, der wird Dein Haus Auch ohne Führer finden. Wer bringen soll, dem mußtDu's schon Fest auf die Seele binden. G. SB. auf die Worte des Commiffars zu erwidern. Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß, und er mußte alle seine Willenskraft aufbieten, um nicht schuldbewußt vor dem Beamten die Augen zu senken. Ja, endlich brachte er es sogar über sich, während er seinen Herzschlag bis zum Halse hinauf verspürte, die Frage an den Commiffar zu richten: „Wer kann es denn aber gewesen sein?" Der Beamte zuckte die Achseln und erwiderte: „Die Untersuchung wird es hoffentlich herausbringen. Ganz einfach liegt der Fall nicht. Ich habe Sie, Herr Referendar, hierher gebeten, um ein paar Fragen über Ihren Bruder an Sie zu richten. Es ist Ihr Stiefbruder, nicht wahr?" „Ja." „Wie sind Ihre Beziehungen zu ihm? Ich meine, leben Sie in guten Einvernehmen miteinander?" Otto erröthete. Nach kurzem Besinnen entgegnete er: „Im Ganzen haben wir uns immer gut vertragen. Zuweilen kamen kleine Uneinigkeiten vor, wie das bei Brüdern ja allenthalben der Fall ist. Die Schuld daran lag wohl meistens auf meiner Seite. Mein Bruder ist ein sehr verträglicher und in jeder Beziehung guter Mensch." Der Commiffar sah den Sprechenden ein wenig erstaunt an. Ist Ihnen etwas von den geschäftlichen Schwierigkeiten bekannt — fuhr er in seinem Verhör fort — in denen Ihr Bruder sich seit einiger Zeit befinden soll?" „Nein, nichts." „Gar nichts, Herr Referendar?" Die Frage geschah in einem auffallend scharfen Ton. Dem Gefragten stieg das Blut ins Gesicht. . „Ich meine, ich weiß nichts Genaues darüber," sagte er und setzte zögernd hinzu . . . „ich erinnere mich nur, daß vor einigen Tagen die Rede war, mein Bruder habe meinen Vater um Geld gebeten, das er in sein Geschäft stecken wollte." „Ganz recht! Das war am Tage vor dem Diebstahl. Ihr Vater schlug ihm seine Bitte rundweg ab. Es kam zu einem Wortwechsel zwischen Ihren Eltern und Ihrem Bruder. Wissen Sie, welche Summe Ihr Bruder von Ihrem Vater verlangte?" „Ich glaube dreitausend Mark." „Er verlangte drei- bis viertausend Mark," verbesserte der Beamte. Otto fühlte, wie ein kalter Schauer ihm über den Rücken lief. Was sollte das heißen? Hatte man wirklich Carl in Verdacht? Aber der Beamte ließ ihm keine Zeit, über diese entsetzliche Möglichkeit nachzudenken. 66 „Ich bitte," nahm er wieder das Wort, „ich bitte, t Herr Referendar, nun einmal Ihr Gedächtniß genau zu Prüfen. Es ist eine Frage von höchster Wichtigkeit, die ich Ihnen jetzt vorlegen werde. Ihr Bruder wohnte bei Ihren Eltern, bevor er sich verheirathete, in derselben Wohnung, die Ihre Eltern und auch Sie noch jetzt inne hatten. Sie | sowohl wie Ihr Bruder, jeder hatte seinen eigenen Corridor- | schlüssel, nicht wahr?" „Jawohl!" „Als nun Ihr Bruder fortzog, hat er seinen Schlüssel abgegeben oder hat er ihn, vielleicht aus Unachtsamkeit, mit in seine Wohnung genommen?" „Darüber weiß ich wirklich nichts zu sagen." „Nun bitte, besinnen Sie sich einmal ganz genau, HerrMeferendar! Hat Ihr Bruder, wenn er gelegentlich zu Ihren Eltern zum Besuch kam, jedesmal geklingelt, um sich Einlaß zu verschaffen?" „Gewiß! Wie sollte er sonst....." „Ist Ihnen nicht erinnerlich, daß er das eine oder das andere Mal sich vermitteltst seines Drückers, den er vielleicht zufällig bei sich hatte, die Corridorthür selbst geöffnet hat?" Der Gefragte strich sich mit einer unwillkürlichen Geberde über die Stirn. Ihm war ganz heiß. Seine Gedanken verwirrten sich, er zitterte vor Aufregung. Ohne auf die Frage des Beamten zu antworten, stieß er erregt hervor: „Aber um Gotteswillen, Herr Commissar, Sie werden doch nicht etwa meinen Bruder im Verdacht haben?" Der Beamte erwiderte nichts, sondern zuckte nur die Achseln und mahnte dann: „Bitte, wollen Sie meine Frage beantworten, Herr Referendar?" „Nein", rief der Gefragte voll zornigen Eifers, „niemals hat er die Corridorthür selbst geöffnet. Er besitzt gar keinen Schlüssel mehr . . . unmöglich! Er ist ja seit Jahr und Tag von Hause fort. Mit Ihrem Verdacht befinden Sie sich in einem gewaltigen Jrrthum. Mein Bruder ist schuldlos, mein Bruder ist gar nicht im Stande, so etwas zu thun Und er hatte gar keinen Grund . . . ." „Ich danke Ihnen, Herr Referendar," schnitt der Beamte dem Aufgeregten das Wort ab, „ich habe Sie nichts mehr zu fragen." Otto wollte noch etwas sagen, aber die verabschiedende leichte Verneigung des Commissars veranlaßte ihn, ohne eine weitere Erwiderung das Bureau zu verlassen. Auf der Straße schritt er in halber Betäubung dahin. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Entsetzlich . . . furchtbar! Nun war Alles vorbei. Was nützte es ihm nun, daß bisher Alles so gut gegangen war, daß ihn, ihn selbst Niemand verdächtigte? Wenn man einen Anderen, noch dazu seinen Bruder für schuldig hielt, dann . . . dann konnte er nicht anders, dann mußte er sich selbst anzeigen und Carriäre... Zukunft . . . Alles war dahin. Er schritt hastig vorwärts, wie Jemand, den seine Gedanken mit Gewalt weiter treiben. Er wunderte sich gar nicht, als er Plötzlich merkte, daß er in die Straße, in der Carl wohnte, eingebogen war. Ja, zu ihm wollte er, ihm sagen ... ja, was würde er ihm sagen? „Beunruhige Dich nicht, Carl! Niemand soll Dir ein Haar krümmen. Ich will den schimpflichen Verdacht von Dir nehmen, denn ich selbst bin es gewesen, ich selbst!" Das Haar klebte ihm auf der Stirn und die Zunge lag ihm schwer und trocken im Munde. Er zögerte einen Moment. Ein furchtbarer innerer Kampf schnürte ihm die Brust zusammen. Aber er gab sich innerlich einen Ruck, ballte die Hände ineinander, biß die Zähne zusammen und trat in das Haus ein. Er fand den Bruder im Kreise seiner kleinen Familie. Frau Helene saß auf dem Sopha und hielt den kleinen Fritz auf ihrem Schooß. Ihr Gesicht strahlte vor Mutterglück. Der kleine, rothwangige, dralle Kerl strampelte und quietschte vor Vergnügen. Carl begrüßte den Eintretenden herzlich und freudig. Von Unruhe und Sorge keine Spur. Weder Carl noch Helene schienen auch nur die geringste Ahnung zu haben, was sie bedrohte. Otto fühlte, wie der Druck, mit dem er eingetreten war, von ihm wich. Hier athmete Alles Freude und Zufriedenheit. Wer nur einen Blick hier hinein that, der konnte sich ja unmöglich des Eindruckes entschlagen, daß hier Unschuld und Rechtlichkeit wohnte, daß hier unmöglich ein gemeines Verbrechen seinen Ursprung haben konnte. Carl war sehr aufgeräumt. „Du Otto", — sagte er und deutete aus eine Zeichnung, die vor ihm auf dem Tische lag — „sieh Dir das Ding hier einmal genau an! Das ist ein neuer Brenner . . . zum Patent habe ich ihn schon angemeldet. Meteor werde ich ihn nennen. Feiner Name, was?! Sagt mit einem Wort alles. Na, die Sache wird sich machen, sage ich Dir. Nächstens gehts los. Ich habe mich nämlich nach einem Compagnon umgesehen. Der Abschluß ist schon so gut wie sicher. Der Mann schießt zwanzigtausend Mark ein. Dann sollst Du mal sehen, wie wir ins Zeug gehen werden. Ganz Berlin, ach was, ganz Deutschland wird mit meinem Meteor glücklich gemacht." Er lachte herzlich, um plötzlich ernst werdend, fortzufahren: „Machst ja ein so finsteres Gesicht, Otto? Die dumme Diebstahlsgeschichte, wie? Ist immer noch nichts heraus? Nichts? Kann mir denken, daß Du keine guten Tage zu Hause hast. Vater geht wie ein brüllender Löwe umher, nicht? Wie konnte Mutter aber auch so unvorsichtig sein!" Damit war der leidige Gegenstand für ihn abgethan I und er ging wieder auf das Thema ein, das ihn ganz und gar beschäftigte. Er erläuterte dem Bruder in allen Einzelheiten an der Hand der Zeichnung seine Erfindung, und Otto hörte ihm mit wirklicher Antheilnahme zu und bemühte sich aufrichtig, obgleich er sonst für technische Sachen wenig Interesse besaß, in das volle Verständniß des Mechanismus des Meteorbrenners einzudringen. Er empfand es wie eine wahre Wohlthat, seine Denkkrast einmal von einem Gegenstand, der mit der Diebstahlgeschichte nichts zu thun hatte, ganz in Anspruch nehmen zu lassen. Als er sich eine Stunde später verabschiedet hatte, trat er als ein Anderer auf die Straße heraus. Die Munterkeit, die Sorglosigkeit, die freudige Zuversicht, die der Bruder der Zukunft entgegenbrachte, hatte eine wunderbar beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt. Nein, noch wollte er die Hoffnung nicht aufgeben. Es würde, es mußte sich ja sehr bald zeigen, wie gegenstandslos, wie sinnlos der Argwohn des Polizeicommissars gegen Carl war. Otto hatte eine gute Nacht und frisch und zuversichtlich machte er sich auf den Weg nach dem Justizministerium, wo das Examen stattfand. Was er sich vorgenommen, gelang ihm mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft: alles, was nicht zu dem Programm des Tages gehörte, that er von sich ab. Sein ganzes geistiges Vermögen, fein ausschließliches Interesse concentrirte er auf das Examen. Er ließ nicht eine Frage aus, seine Antworten erregten die Aufmerksamkeit der Examinatoren. Es war nur eine Stimme unter den gestrengen Herren: „Referendar Köster hatte das beste Examen gemacht, eines der besten, die je gemacht worden waren. Man mußte ihn der besonderen Aufmerksamkeit des Ministers empfehlen." Unten vor der Thür traf er Carl, der wartend auf und ab ging. Der Bruder stürzte sogleich auf ihn zu. „War im Patentamt . . . sprudelte er lebhaft hervor — und da dachte ich ... na wie ist's denn ausgefallen, gut natürlich?" „Sehr gut! Als Bester bestanden!" „Als Bester? Da gratulire ich Dir von Herzen." Sie drückten einander die Hände und dann zog Carl seinen Bruder zum nächsten Droschkenstand. „Heute leisten wir uns einmal eine Droschke" — sagte 67 er luftig — „damit Du schneller zu den Alten kommst. Na, die werden sich freuen über ihren Assessor. Ja, ja, unsere Eltern können wirklich von Glück sagen, zwei solche Söhne zu haben! Daß Du , einmal eine Excellenz wirst, ist doch sicher, na und bis zum Commerzienrath hoffe ichs auch zu bringen." Den ganzen Tag über plauderte und scherzte Carl in dieser Weise. Auch Otto war vou Herzen froh. Wenn man ihn Sr. Excellenz empfahl, da kam er ganz sicher ins Ministerium. Darauf konnte er sich schon etwas einbilden. Nun stand er wirklich auf der Leiter zur höchsten Macht. In der Rügenerftraße trennten sie sich. Otto stieg hinauf zu den Eltern, Carl fuhr weiter nach Hause, nicht ohne vorher versprochen zu haben, sich später mit Helene einzustellen, um das feierliche Ergebniß festlich begehen zu helfen. Und wirklich, schon nach einer Stunde kam er in Begleitung seiner Frau. Helene brachte eine Torte mit, die sie selbst gebacken hatte, und Carl spendete ein paar Flaschen Wein, damit sie, wie er sagte, „Ottos Assessor" und seinen „Meteorbrenner" auch gebührend begießen könnten. Den ganzen Abend über herrschte eine vergnügte Stimmung,- selbst Köster vergaß für ein paar Stunden seinen Verlust und freute sich über seinen Jüngsten. Assessor! Das klang. Und das Schönste war, daß Otto nun bald eine Anstellung und Besoldung erhielt und ihm nicht mehr auf der Tasche lag. Erst ganz zum Schluß . . . Carl und Helene rüsteten sich zum Aufbruch . . . kam ein Mißton in die schöne Stimmung. Carl zog nämlich einen Zettel aus seinem Ueberzieher und reichte ihn seinem Vater. „Da sieh mal! ne Vorladung zur Polizeilichen Vernehmung. Da geht wieder ein halber Vormittag drauf und ich habe gerade jetzt alle Hände voll zu thun. Und wenn ich ihnen noch etwas sagen könnte, aber was weiß ich denn von der ganzen Geschichte? So gut wie nichts!" Otto war zu Muthe, als würde er plötzlich von rauh-r Hand aus schönem Traum anfgervttelt. Er erbleichte und biß sich auf die Lippen und hatte Mühe, vor den Andern seine Fassung zu bewahren. Den ganzen Abend über hatte er nicht daran gedacht, war er mit den Fröhlichen fröhlich gewesen und hatte sich in eine glänzende, sorglose Zukunft hineingeträumt. Und nun starrte ihm wieder die grausame Wirklichkeit ins Gesicht und der Rausch, der für ein Paar- Stunden sein Elend hinweggetäuscht hatte, verflüchtigte sich im Nu. Zum Glück gingen Carl und Helene und er konnte sich unter dem Vorwande, übermüdet zu sein, sofort zurückziehen. Mitten in seinem Zimmer stand er, die Hände gegen die Stirn gepreßt und stöhnte aus tiefster Brust. Nie mehr würde er froh, nie mehr glücklich werden. Wahnsinniger Thor, der er gewesen, daß er geglaubt hatte, durch eine Schuld eine glückliche Zukunft erschließen zu können! Welch ein froher Mensch wäre er heute, wenn er, anstatt zu der verbrecherischen That seine Zuflucht zu nehmen, sich dem Vater entdeckt hätte! Selbst wenn er dann nie die äußere Würde erlangt hätte, die ihm heute zu Theil geworden, er wäre doch ein schuldloser, ein reiner Mensch gewesen. (Fortsetzung folgt.) In der Roth. Skizze von A. Grünow. ------ (Nachdruck verboten.) KO. Es war eine Winternacht. Auf der Landstraße, die zur Vorstadt führte, heulte der Wind und trieb die Schneeflocken hin und her, die blattlosen Bäume wiegten ihre schneebedeckten Zweige und ächzten, als wollten sie jeden Augenblick brechen und herniederstürzen. Dazu war es stockfinster. Nur an einer Stelle wurde die Finsterniß verscheucht. Eine große Lichtfülle, die aus den Fenstern einer eleganten Villa hinausdrängte, ergoß sich wie ein Heller, glänzender Streifen quer über die Straße und das Lachen, sowie das Gläserklirren und die Behaglichkeit da drinnen sprachen der ernsten Stimmung der Natur Hohn. Denn in dem Salon verbreiteten große Kronleuchter Tageshelle, aus modernen Kaminen strömte wohlthnende Wärme und zarte Blumen aus dem Treibhause erfüllten den Raum mit Frühlings- düften. — Hier an einem großen Eichentische saßen die Sorgenlosen, denn der Besitzer des Hauses, ein reicher Mann, hatte wieder eines seiner verschwenderischen Gelage, an welchem acht Lebemänner theilnahmen. Alle befanden sich in der ausgelassensten Laune und tranken Champagner. Recht klar konnte wohl keiner von ihnen mehr denken, das verrieth das Lallen ihrer Zungen, aber des Guten wirklich zu viel gethan hatte Baron Reichen, der Plötzlich eine Sophaecke beanspruchte, um seinem Rücken etwas Halb zu geben, dabei aber niemals zugab, daß er trunken sei, sondern seinen Zustand als ein angenehmes Gelöstsein des Körpers bezeichnete. Im Hintergründe desselben Grundstückes lag ein kleines Haus, ruhig und still, nur aus einem Fenster drang ein matter Lichtschimmer. Der Todesengel umschwebte diese Stätte. Wie sah es hier drinnen so ganz anders aus, als da vorn, welch ein Contrast! — Eine winzige Lampe ließ in ihrem faden Licht die klapperigen Möbelstücke erkennen, das Feuer in dem kleinen eisernen Ofen war schon erloschen, durch die schlechtschließen- den Fenster pustete der Wind und bei jedem Windstoß nahm die Kälte hier zu. An der einen Wand stand ein dürftiges Bett, auf welchem ein todtkrankes Kind lag, es röchelte und athmete schwer, während sich von Zeit zu Zeit die kleinen Hände dehnten und krampften. Die grausige Nähe des Sensenmannes wurde mit jeder Minute wirklicher. An diesem traurigen Lager wachten zwei Menschen, Mile, die Mutter saß auf einem Holzstuhl vor dem Bett, hielt die grobe Küchenschürze vor den Augen und schluchzte, neben ihr stand Wilhelm, der Vater, er hielt mit seiner großen Hand unablässig die kleine matte des sterbenden Kindes, gleichsam als wolle er es verhindern, daß der Grausame es hole. Wohl hatte der Arzt ihn zu trösten versucht mit der Vorstellung, daß ihm ja noch zwei kleine Mädchen blieben und daß in den nächsten Tagen Ersatz für das Sterbende werde. — Aber das war nun Mieze, sein Liebling und bei diesem Gedanken krampfte sich sein armes Herz zusammen. Mit ängstlicher Spannung verfolgte er jeden Athemzug des Kindes und streichelte mit seiner groben Hand innig das Haar, aber vorsichtig, ganz vorsichtig, damit er dem kleinen Kopf nicht wehe thue. — Ein Pochen am Fenster schreckte beide auf. Es war das Stubenmädchen, welches Wilhelm mahnte, jetzt anzuspannen, da der berauschte Baron Reichen nicht mehr gehen könne. Das Mädchen verschwand eiligst, damit ihm beim Fortgehen der Gäste das Trinkgeld nicht entgehe. Mile fuhr empor. „Wilhelm nicht fortgehen, nur jetzt, jetzt nicht", flehte sie, „sag's dem Herrn, er wird ja wohl ein Einsehen haben." Wilhelm kämpfte mit sich. Drei Gedanken quälten ihn, seine Frau allein zu lassen, dann von Mieze zu gehen und wie er dem Herrn sein Anliegen vorbrächte. Der Baron hätte ja seinen Rausch über Nacht im Fremdenzimmer ausschlafen können — aber er wagte es doch nicht, nein, das konnte er nicht wagen, hatte doch schon oft genug jener seinen Unmuth über Wilhelm's reichen Kindersegen geäußert, ihm deutlich genug gesagt, daß ihm ein lediger Kutscher fuhr dem ihm anbefohlenen Orte zu. Plötzlich befand er Armin!! Ke sich ans einer Fläche, auf der Stöße von Brennholz auf- \ vergessen.. dem Sterbebette wurde er wieder und dachte nach, dann betrachtete den Gasflammen mehr, dazwischen stöhnte laut. Nachdem er den Insassen seines Wagens los war, fuhr er mit derselben Trostlosigkeit zurück, je näher er dem Ziele kam, desto größer wurde seine Unruhe und er hieb auf die Pferde ein, daß sie dahinrasten, als seien sie wild geworden. Nur noch Mieze lebend antreffen, das war sein Wunsch und darum vorwärts, vorwärts!-- Er fuhr in den Hof, sprang vom Bock und eilte hinein, aber zu spät — die Augen des Kindes hatten sich schon für abgelenkt durch das Lärmen der Nachtzügler wie die wohl ihr Heim ausfinden würden, er wieder die gelblichen, unruhig flimmern- in den Laternen und allerlei Kleinliches Modern. Der kleine Armin (der zur Strafe tagsüber in der Kinderstube bleiben muß): „Jetzt will ich doch 'm st sehen, ob Papa nicht in der Zeitung hat einrücken lassen: Armin!! Kehre zurück zu den Deinen!! Alles vergeben und immer geschlossen. Wilhelm setzte sich auf den Bretterstuhl, stützte beide Ellenbogen auf die Kniee und vergrub sein Gesicht in den Händen. Sein Schmerz war grenzenlos. Nachdem er wohl eine Stunde geseflen hatte, stand er auf, ging ans Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Da fiel ihm ein blendender Strahl in die Augen. Was war das? — O jeh, das war | das Licht von der Wagenlaterne. Erschreckt eilte er hinaus i und fand das Gefährt noch an derselben Stelle, an der er ] e§ verlassen und vergessen hatte. Die Thiere, die vordem schaumbedeckt von der Hetze nach Haus gekommen waren, standen jetzt klappernd und zitternd da. Wilhelm führte sie in den Stall, fuhr sich verzweifelt durch die Haare und stöhnte: O Herr, zu allem Unglück kommt auch noch die Roth, jetzt jagt er mich fort, die Pferde sind hin. — Dann ging er hinein, tröstete Mile und versuchte zu schlafen. Acht Tage waren darüber vergangen, Mieze war begraben und die Vernachlässigung der Pferde hatte Wilhelm die Kündigung eingebracht. Das war nun zum Verzweifeln, um so mehr, als er nicht wußte, wie er das Mile beibringen sollte, auf die mußte jetzt doch auch Rücksicht genommen werden, vielleicht nahm auch der Herr in einer guten Laune sein Wort zurück. — Ja, bei einer guten Laune wollte er ihm seine traurige Lage einmal recht zu Herzen führen und diesen Entschluß führte der Kutscher auch aus, als er gelegentlich zum Herrn befohlen wurde. Die Unterredung zwischen Beiden blieb erfolglos. Der Herr blieb bei der Kündigung, nachdem er ihm mit herzlosen Worten klar gemacht hatte, daß ihm ein Kutscher, der bei jeder Klermg- keit kopflos sei, nichts nützen könne. Wilhelm nahm gebückt, seine Mütze unruhig zwischen den Händen drehend, darauf seinen Auftrag entgegen, der darin bestand, Streu von einem großen Platze zu holen. Er machte sich fertig und Hninovistisches. Eine anstrengende Stellung. Frau A.: „Ihr Herr Bruder ist also Gymnasiallehrer geworden. Wie gefällt es ihm denn in seiner neuen Stellung?" — Frau L.Ganz gut; er hat freilich viel zu thun, er giebt 26 Stunden." — „Frau A.: Täglich?" * * * tauchte wieder das traurige Bild in seiner Stube auf, bis er einen Augenblick nicht mehr wußte, ob ihm ein böser Traum geweckt. — Er fuhr sich über die schweißbedeckte Stirn und kam wieder zur Besinnung, daß Alles wirklich so ist. gestapelt waren, und nachdem er die ihm angewiesene Streu aufgeladen hatte, blickte er um sich, er sah Holz, viel Holz. — Da tauchte ein Gedanke in ihm auf: Könntest Du wohl eine Klobe, nur eine davon nehmen? Hier so viel und zu Hause nichts. — Der Gedanke verließ ihn nicht mehr; scheu sah er um sich und erblickte Niemand. Dann schlich er an einen der Holzstöße heran, faßte eine Klobe, zog daran — und sie gab auch wirklich nach, — von Angst erfüllt, schob er sie wieder zurück, doch nein, was kommt es denn auf die eine Klobe an. — Wieder gewahrte er keinen Menschen, trat abermals einen Schritt näher, zog hastig mit einem Ruck die Klobe hervor — da hielt er das Gestohlene im Arm — und als er sich noch immer unbeachtet sah, schob er das Holz unter die Streu und fuhr scheinbar ruhig hinaus.-- t . Ein Stück des Weges fuhr er noch Schritt, doch immer schwerer wurde ihm die Last; ihm war es, als sei er selbst vor den schweren Wagen gespannt, er keuchte. Die Menschen auf der Straße schienen ihn alle anzusehen, und als er an der nächsten Straßenecke einen Schutzmann stehen sah, malte ihm seine Phantasie schon Fürchterliches aus. Von Gewissensqualen gehetzt, jagte er nun durch die Straßen und athmete erst auf, als er die Landstraße erreicht hatte. Da, o Schrecken, wieder eine Gestalt, sie kam näher, es war em Gensdarm. Wieder fuhr er in schnellstem Tempo. Die Klobe hatte sich bei der hastigen Fahrt hervorgeschoben und fiel unglücklicherweise in dem Augenblick herunter, als der Wachtmann vorüberging; das raubte dem Armen nun ganz die Besinnung und als Jener ihn anrief: „Heda, die I Klobe"--— mehr hörte der Kutscher nicht, da hielt er, sprang vom Wagen und rannte wie von Furien gehetzt seldein. Der Gensdarm sah einige Augenblicke wie gebannt dem sonderbaren Vorfälle zu und glaubte, der Mensch sei verrückt geworden, dann aber lief er, so schnell er konnte, hinterher. Wilhelm war die Mütze vom Kopf gefallen, er wandte sich danach um und gewahrte dabei den Verfolger; jetzt war er ganz außer Fassung, flog mehr als er lief und ein entsetzliches Bild stieg vor seinem geistigen Auge auf. Er sah das Gefängniß, hörte deutlich Dieb, Dieb, rufen. „Barmherziger Himmel hilf mir, rette mich", stöhnte er. — Plötzlich hemmte ein das Feld quer durchschnetdender Fluß seinen Lauf — das war Rettung — doch Mile und die Kinder, dann wieder die Schande, alles verwirrte sich in seinem armen Kopfe — noch ein kurzer Kampf, dann em Sprung in die Tiefe und---Wilhelm hatte es I überstanden.---------" “ “7 — Das Wasser zog große Ringe um ihn, der Kopf tauchte noch einige Mal auf und als der Gensdarm das Ufer erreichte, sah er, wie zum letzten Male die Wogen über dem Unglückseligen zusammen schlugen. Indessen waren die Pferde instinctiv dem Hause zugelaufen und als Mile den Wagen rasseln hörte, schrckte sie die Kleinen hinaus und sagte: „Geht dem Vater entgegen, sagt ihm, der Storch hat einen kleinen Bruder gebracht. lieber sei. Nein, für so etwas hatte der Lebemann kein Verständniß, und darum, sich aufgerafft!"-- Wilhelm umarmte Mile, warf noch einen tiefschmerz- lichen Blick auf sein Kind und ging in den Stall. Hier steckte er seinen Körper in eine Livree und bald saß er auf dem Bocke eines eleganten Coupees; dann fuhr er den Berauschten nach seiner fern gelegenen Wohnung. Während der Fahrt saß er mit fieberhafter Unruhe und allerlei wirre Gedanken durchdrangen sein Hirn. Er gedachte der Nachttouren, die er so oft bei Wind und Wetter für die Herren hatte machen müssen; das war freilich nicht angenehm, aber was that's? — , Wenn er dann nach Hause kam, lag doch Alles in guter Ruh, aber heute, wenn er heute zurückkehrt, — er mochte es gar nicht ausdenken; und dabei trat Mieze auf immer deutlicher vor seine Augen, dann «ed-ction: Ä. Scheyda. — Druck und Vertag der Brühl'schen Uuiversitäts-Buck- und Steindruckerei (Pietsch & ©djftjia) in ®lc$en.