Freitag den 81. Dreember. 1897. ZWW sTTrnw ijAsKfflJp.1? In Nr. 1 des neuen Jahrgangs der von Neujahr an wöchentlich viermal erscheinenden „Gietzener Familienblätter" beginnen wir mit dem Abdruck des spannenden Romans „Mrrttsrsohn" voll Arthur Zapp. Die Fortsetzung des Romans „Der Majoratsherr", den wir im alten Jahrgang nicht wie gewünscht zum Abschluß bringen konnten, erfolgt dann an zweiter Stelle. Redaction der „Gießener Familienblätter". rr««jahv 1898. Von Ludwig Lessen. — (Nachdruck verboten.) Die Glocken tönen durch die Winternacht Mit ihren ernsten, feierlichen Klängen! — Zum Leben ist ein neues Jahr erwacht . . . Und neue Hoffnung uns entgegenlacht, Und tausend neue Wünsche vor sich drängen! Du neues Jahr, das vor uns unbekannt Ein weites Feld der Ewigkeit sich breitet, Halt segnend über uns die milde Hand! Vor Krieg und Krankheit schirme unser Land, Auf daß sich Heil und Wohlstand rings verbreitet! — Es ging ein Jahr! ... Für Manchen barg es Leid, Er mußt' sein Liebstes hin auf Erden geben! — Gar manche Blüthe brach es vor der Zeit, Die noch dem Licht, der Sonne war geweiht, Und doch bestimmt war nur zu kurzem Leben! Ihm wird ein Trost: das neue Jahr bringt dort, Wo Leid gewesen, frohe, heit're Stunden! Das Schicksalsrad rollt stetig fort und fort Und bleibt nicht rasten an demselben Ort, Wo Gram es grub und blut'ge Herzenswunden! Ein neues Jahr! — Willkommen in der Welt Du hoffnungsfroher, fröhlicher Geselle! Schütz Hof und Haus! Schirm Wiese, Wald und Feld! Sei wie die Sonne, die den Tag erhellt! Tritt glückverheißend über uns're Schwelle! Der Majoratsherr. Roman von Notaly ». Sschstruth. (F-rlsktzung.) „Selbstverständlich sagt sie das damit! sie kennt ja keine Herren außer Wulff Dietrich und Dir!" „Hast Du sie dircct gefragt?" Pia senkte ein wenig verlegen das Köpfchen: „Ja, ich war so indiscret! Verzeih mir, bester Bruder!" bat sie weich, mit leise bebender Stimme. „Ach, die Ungewißheit war so qualvoll, und ich wollte gern mit mir selber und meinen wirren, krausen Gedanken in's Klare kommen!" „Barmherziger Gott! . . . was sagte sie?" Gert war beinahe blaß vor Schreck. „Sie bat mich, jetzt nicht um eine Antwort in sie zu dringen! am Donnerstag solle Alles nach Wunsch arrangirt werden! wenn Du nach dem Diner noch Lust verspürtest, um sie zu freien, so solltest Du getrost anfragen! — Nun, das ist so gut wie ein Jawort!" Gert stand wie vom Schlag gerührt und zerrte nervös an seinem Schnurrbärtchen. Am liebsten hätte er heftig losgewettert und rundweg erklärt, daß er absolut keine Lust habe, die Cousine zu heirathen und daß er es nie und nimmer thun werde, — aber als er in die glückstrahlenden, wundersamen Mädchenaugen sah, welche wie in flehender Bitte zu ihm aufsahen, erstarb ihm das Wort auf den Lippen. Er drückte kurz und erregt ihre Hand und wandte sich jäh zur Thür. „Ich danke Dir, Schwesterchen, nun sind ja wohl die Würfel gefallen!" Pia aber blieb allein zurück und lehnte sich gedankenverloren in die blühenden Zweige, welche den Balkon umrankten. Nun wird und muß noch Alles gut werden! Sie kann sühnen, was sie an ihm gefehlt hat! Sie faltet die Hände und drückt sie gegen die Brust, — und ihr Blick schweift wie verklärt hinab zum Thal, als wolle sie ihn jetzt schon sehnsuchtsvoll grüßen, ihn, der morgen die 614 Blume des Glücks auf diesem Berge pflücken soll. Für ihn wird das Glück vollkommen sein, — ach, daß auch für sie die einzige Wolke, welche es noch beschattet, zerrinnen könnte! Das Majorat ist und bleibt für sie das Bleigewicht an den Schwingen ihrer Liebe, welches den höchsten Aufschwung nicht gestatten will. Pia hat nie Werth auf Geld und Gut gelegt; ihr zartfühlender Sinn erachtet den Reichthnm als Feind wahrer Liebe. Wie soll sich dieselbe bethätigen, wie soll sie sich in ihrer ganzen Größe und Stärke zeigen, wenn sie es nicht durch Opfermuth beweisen kann? — Ach, daß Wulff-Dietrich der ärmste Mann unter der Sonne wäre! Daß er doch der titel- und mittellose Assessor Hellmuth geblieben wäre, auf daß sie ihm zeigen könnte, wie sehr sie ihn liebt! O glückselige Margaretha, wie die von ihrem Jung' Werner sagen konnte: „Er ist nur ein Trompeter, und doch bin ich ihm gut!" Ja, dadurch allein ist er zum glückseligsten Mann im römischen Reich geworden, durch die Ueberzeugung: Sie liebt Dich um Deiner selbst willen! Wie gern würde sie eine solche Glückseligkeit auch Wulff-Dietrich bereiten!. aber die unbittlichen Schicksalsmächte haben es anders beschlossen. An sich selber und ihren Stolz denkt sie nicht mehr. — Fränzchens schlichte Worte haben einen wunderbar tiefen Eindruck auf sie gemacht! — was ist ihr armseliges Ich gegen das älteste Geschlecht des Landes, dessen Traditionen zu ehrwürdig und heilig sind, um an einer Mädchenlaune zu Grunde gehen zu dürfen! Daß es ihr fern gelegen, aus dem Glückszufall, welcher ihr die sechzehn Ahnen beschieden, Capital zu schlagen und die Grafenkrone für sich daraus zu schmieden, das weiß Wulff Dietrich! Sie vergiebt sich nichts mehr und schädigt ihre Würde nicht, wenn sie nun, wo die Existenz der Grafen Riedeck^von ihr abhängt, die Hand zur Versöhnung bietet. Sie muß es thun, denn Walff-Dietrich kann als Ehrenmann um sie werben, so lange er der Majoratserbe dieses Schlosses ist. Sie liebt ihn! und die Liebe hat über Stolz, Trotz und Vorurtheil gesiegt. Der bedeutungsschwere Tag, welcher so viele Herzen schneller schlagen machte, ist angebrochen. Ein klarer, heißer Sommertag- die Bäume stehen regungslos, — die Rosen duften schwül und die Vöglein verstummen im Walde. Man nimmt das erste Frühstück in der Waffenhalle, unter deren hoher, säulengetragen.er Wölbung nichts von Hitze zu merken ist. Das Gespräch ist viel lebhafter wie sonst und dreht sich hauptsächlich um die Ankunft der Gäste- Fränzchen zeigt sich von ihrer übermüchigsten Seite und scheint sich vor Ungeduld zu verzehren. Aber ihre Sehnsucht gilt nicht Wulff - Dietrich. Im Gegentheil, sie hat Morgens bei der ersten Begrüßung die Hände Pias erfaßt und ihr tief und forschend in die Augen geblickt: „Freust Du Dich auf ihn?" hat sie geflüstert. Das junge Mädchen athmet tief auf und ihre strahlenden Augen geben Antwort. Fränzchen nickt aufgeregt und drückt die schlanken Finger noch heftiger. „Ihr sollt Euch nicht in meiner Freundschaft täuschen! ich habe es mir zugeschworen!" murmelte sie, und dann reißt sie sich los, um Kräalem Aurelchen einen extra dazu eingefangenen Frosch meuchli gs in die Halskrause zu stecken, daß „der Kalte, Nasse" dem zeterschreienden Dämchen längelang den Rücken hinabzappelt. Aurelchen krümmt sich wie ein Fidelbogen, und die junge Gräfin will sterben vor Lachen. Und diese Ausgelassenheit dauert während des ganzen Frühstücks an, nur der etwas schweigsame Gert wird voll zarter Aufmerksamkeit behandelt, ja, trotz des verweisenden Blicks der Mama hält. sie ihm ein paar Mal die Hand zum Kusse hin und sieht den lehr überraschien jungen Offizier dabei so süß und holdselig an, daß Gert wohl oder übel küssen muß. (Fortsetzung folgt.) Das Neujahrs-Gespenst. Novellette von Agnes Schoebel. ------- (Nachdruck verboten.) Auf Schloß Simmern saß eine fröhliche Gesellschaft beisammen, unter geheuchelter Feierlichkeit der ersten Stunde des neuen Jahres entgegenwachend. Man lachte, man kicherte, man blies hin und wieder eine Flamme des siebenarmigen Eisenleuchters aus, der geheimnißvoll schwarz neben der dampfenden Sylvesterbowle thronte, — und die Jugend machte sich bereit, nach bewährtesten Recepten hinter den ihr himmelblau erscheinenden Schleier der Zukunft zu dringen. Rosige Mädchenhände schoben schmale, mit Glücksnüssen und Bleikugeln gefüllte Körbchen, sowie ein paar Netze mit Eiern und Aepfeln auf den Tisch. Zum Schluß brachte der Diener eine Platte mit Zinnlöffeln und hohen, durchsichtigen Gläsern, eine mit Löthwaffer gefüllte Schale und einen verdeckten Spiegel. Das Gespräch wandte sich naturgemäß den unterschiedlichen Neujahrsgebräuchen zu. Der verstaubteste Aberglaube wurde an's Licht gezogen, überlieferter und selbsterlebter Gaukeleien gedacht, so daß es den jungen Mädchen nur so gruselte. Immer schwerer wurden die Athemzüge, immer heißer glühten die Gesichter, man flüsterte, man sprach durcheinander, bis schließlich des Schloßherrn drohende Stimme Ruhe gebot. „Geht mir doch mit all dem in der Luft flirrenden Kram! Das Einzige, was mir imponiren kann, ist ein richtiges Gespenst, — wenn's nicht Unsinn wäre, sagt' ich ans Fleisch und Bein. Aber bleibt mir vom Halse mit krummen Weidenbäumen und zum Trocknen aufgehängten Laken!" Der jugendliche Hasso Harden, dessen Bärtchen bereits einen halben Centimeter aus der zarten Haut hervorwucherte, fing an, mit einer weißen Frau zu renommiren, die sich seinem Geschlecht bei bevorstehenden Todesfällen zu zeige» pflege, — wurde aber gründlich ausgelacht mit so einem abgenutzten Gespenst. Da konnte Edgar von Arnim, der von Hannover herübergekommen und bereits mehrfach im Laufe des Abends in Gefahr gerathen war, die knappe Uniform der Königsulanen vor Lachen zu sprengen, doch einen kräftigen „Wirder- gänger" in's Treffen führen,- einen eisenbepanzerten Ahnherr», welcher sich's angelegen sein ließ, seine Nachkommen durch Rasseln mit Schwert und Schild auf nahendes Unheil hiu- zuweisen. Die kleine Lolo Bentheim, die „Herzensnichte" des alte« Grafen Simmern, und von ihm zu wochenlangen Besuchen eingeladen, mochte nicht zurückstehen. Sie erzählte umständlich von einer silbernen Jungfrau im weißen Rosenkränze, welche besonders die Bräute des Bentheim'schen Hauses mit frühem Sterben bedrohe. „Ja, wollen wir denn wirklich das neue Jahr unter Heulen und Zähneklappern erwarten?" schnitt ihr der „Herzensonkel" weitere Rede ab. Er legte bedächtig ein paar Scheite Holz in's Kaminfeuer, um dasselbe zum Schmelzen des Bleies tüchtig zu machen. „Wenn Ihr nicht von humoristischen Gespenstern zu erzählen wißt —" „Aber humoristische Gespenster giebt's doch nichts erscholl es im Chore. „Na, dann meinetwegen edelmüthige, die Gutes anfangr« und lustigen Unfug in's Haus bringen —" Lolo machte ein spitzes Mäulchen. „Das Gute muß vom Himmel fallen! Wenn man's lange im Voraus weiß, freut's einen nicht," bemerkte sie weise. Der alte Graf zwinkerte äußerst listig mit den graugrün schillernden Augen und trommelte eine Polka auf de« Tisch. Dann wandte er sich an seine Tochter. „Du, Melitta, von einem steinernen Gast hab' ich wohl schon gehört, aber von einer steinernen Wirthin noch niemals. Kops hoch und die Gläser voll geschenkt! Seiner Majestät jüngste Lieutenants 615 haben Durst! — Willst Du Dein larmoyantes Gesicht etwa in's funkelnagelneue Heilsjahr mit hinüberschleppen?" Das Mädchen zuckte zusammen. Sie hatte an dem lustigen Geplänkel der kleinen Gesellschaft keinerlei Antheil genommen, sondern mit tiefgesenkrem Köpfchen dagesefsen und wie abwesend einen Strauß zerpflückt, welchen der galante Edgar ihr geschenkt. Jetzt erhob sie sich. Ein erzwungenes Lächeln durchleuchtete die Schwermuth ihrer Züge. Sie begann die Gläser der Gäste zu füllen. „Arme Melitta," flüsterte es da neben ihrem Ohr, — -/sollst auch noch lustig sein!" Ein paar weiche Arme legten sich um ihre Schultern. Susi Arnim war die einzige unter Melittas Freundinnen, welcher sie einen tiefen Herzenskummer anvertraut hatte, obgleich man es ziemlich a'>gemein wußte, daß die Comtesse Simmern unter Schwermuthsanfällen litt, feit eine gewisse Familienangelegenheit, in welche ein liebenswürdiger Taugenichts hineinspielte, den unerquicklichsten Abschluß gefunden. Besagter verführerischer junger Mensch hatte vor knapp zwei Jahren einen dornengespickten Korb Dom alten Simmern besehen und war seitdem so gut wie verschollen. — Susi nahm der Freundin ein randvolles Glas ab und schob es dem Hausherrn hin. Dabei sandte sie ihm einen reizenden, flehenden Blick zu. Auch seine Gattin, Gräfin Natalie, zwinkerte mit den Augen. „Ach was! Weibersentimentalität! Sind einem alle Felle weggeschwommen, soll man auf frische jagen gehen!" brummte er in den Bart hinein. Dann zwinkerte er von Neuem vergnügt mit den Augen und räusperte sich dreimal gewichtig. . ,-Also Ihr flackriges, oberflächliches Gesindel hegt Zweifel an der Existenz edelmüthiger und glückbringender Geister? Wenn ich Euch nun sage, daß unser eigenes Haus einen solchen besitzt? He?" Er schob die buschigen Augenbrauen zusammen, eine geheimnißvolle Miene aufietzend. „Und wenn's Glück gut ist, erscheint er uns vielleicht heut, denn er ist ein Neujahrsgespenst." Lolo stieß Melitta vbermüthig in die Seite. „Und davon hast Du mir niemals erzählt!" dehnte sie. Melitta fuhr aus Träumen auf. Sie wußte gar nicht, um was es sich handelte. Zwei reizende Nichten des Hauses, Zwillinge, die man -stets verschieden kleiden mußte, um sie nur auseinanderhalten zu können, blickten mit ihren vier Perlaugen die Tante Natalie an. Sie lächelte ihr feines, güt ges Lächeln und nickte. Gedachte ihr Mann irgend einen lustigen Schwank in Scene zu setzen, so wäre sie die letzte gewesen, sich als Spaßverderberin auszusptelen. Ungläubiges Lachen und fragende Ausrufe schwirrten setzt durcheinander. „Ookelchen! Ein Neujahrsgespenst? Warum nicht gar!" Graf Simmern reckte seine Hünengestalt. „Und ein Heirathsgespenst dazu! Sagt unserem Hause jede Hochzeit an!" Die Zwillinge sperrten die Rosenmäulchen auf. „Melitta, da bist Du an der Reihe!" Allgemeines Jubeln und Händeklatschen. Edgar von Arnim wurde sehr verlegen, das Mädchen -erblaßte und senkte den Blick, Thränen funkelten in ihren Augen. Unmuth'g schob Graf Simmern sein Glas von sich. „Ach was, die ist zur alren Jungfer geradezu prädestinirt." Seine Frau legte ihm warnend die Hand auf den Arm. „Schone sie, Jobst," bat sie leise. „Ihr ist es noch sehr weh im Herzen." Melitta sah auf. „Ich weiß nicht, was ich dem Papa gethan habe Seit dem Weihnachtsfest hab' ich keine Stunde vor seinen Neckereien Ruhe." „Mußt Dich eben oa hineinschicken, einen herzlosen alten Vater zu haben," erwiderte gleichmüthig Graf Simmern und griff nach Lolo Bentheims Ktnderpatschchen, welche mit ein paar Glücksnüssen spielten. „Soll etwa das Schicksal durch Liebkosungen von solchen Händen bestochen werden? Nichts da! Zurück mit den Nüssen in den Korb!" Lolo schmollte. „Pah! Schicksal bestechen! Für einen Heirathsantrag mache ich mir nicht die mindeste Hoffnung." Sie zeigte auch ihr kurzgeschorenes Köpfchen. „Wie sollte auch der Brautkranz hier festhalten?" Die Zwillinge strichen stolz über ihr Nest von dichtgeflochtenen Zöpfen. „Aber das Neujahrsgespenst? Hat's denn keine regelrechte Vorgeschichte?" „Na und ob! Schwer romantisch, Ihr neugierige Gesellschaft !" Die Zwillinge falteten die Hände. Lachend drohte ihnen Graf Simmern und fing dann an, die Geschichte des Gespenstes zu erzählen. „Das sind so Sachen, wißt Ihr — Sachen —! Unser Spiritus familiaris ist ein Phönix, ein weißer Rabe. Während sich's andere wohlbestallte Gespenster angelegen sein lassen, Unheil zu verkünden, als ob das nicht früh genug käme — ist dieser edelmüthige Spuk bestrebt, die feurigsten Kohlen auf die Häupter der Simmerns zu legen. Sodann bemüht er sich nicht um Kleinigkeiten. Es verlohnt sich stets der Mühe, wenn er dieses Schloß mit seiner gespenstigen Gegenwart beehrt. Ein fröhliches Hochzeitsfest steht danach bevor und somit die Aussicht, unsere Gesellschaft wachsen und gedeihen zu sehen. Warum trittst Du mich denn auf den Fuß, Natalie? Hm, ach so, — na, also bloß Hochzeit ohne darauffolgende Kindtaufe!" „Aber Jobst!" „Aber Jobst!" wiederholte Graf Simmern schmunzelnd und fuhr dann gemüthlich fort: „Also über die Ziele und Zwecke unseres Familiengespenstes hätte ich mich zur Genüge ausgelaffen, wie der Ordnungsruf meiner verehrten bessere« Hälfte mir soeben bewies. Erübrigt nur noch, die Herkunft der freundlichen Geistes zu beleuchten." Er holte tief Athem. „War da mal unten im Dorf ein junger Caplan, so ein Mann Gottes, der aus lauter Frömmigkeit in Armuth, Keuschheit und Gehorsam, — aber Alte, die neuen Juchtenledernen werden bedenklich leiden — also wie gesagt in Armuth, Keuschheit und Gehorsam lebte. Hinderte ihn jedoch nicht, ein Herz zu haben, so eins voller Explosivstoff, wie sich's jetzt öfters bei den Königsulanen zeigen soll." Er nickte Edgar von Arnim zu. „Na, schweig' stille, mein Junge. — Also, besagter Caplan hob den vermessenen Blick zu der Tochter des dermaligen Herrn auf Schloß Simmern, wodurch alle drei Gelübde bedenklich in's Schwanken geriethen." Melitta horchte athcmlos. „Und die Tochter? WaS thut sie?" „Wie sah sie vor allen Dingen aus?" forschte Hasso Harden. „Die Tochter? Hm Sie hatte schwarzes Haar wie alle Simmerns, aber ihre eigenen blauen, wahrscheinlich vom Himmel mit heruntergebrachten Augen, „große, helllichte Sterne" — sagt eine alte Chronik« —" „Gerade wie Du, Melitta," flüsterte Susi Arnim der Freundin in's Ohr. „Aber was sie nicht hatte, das war so der richtige Menschenverstand, welcher die Hoffnung nicht fahren läßt. Sie sah immer nur die Tonsur zwischen den Locken ihres Herzallerliebsten, denn das war er trotz seines geschorenen Kopses. Statt daß sie ihn Übermacht hätte, aus der finsteren Klosterzelle zu entfliehen, seinem Gott im hellen Sonnenlicht du ch fröhliche Thaien zu dienen und schließlich mit ihr einen christlichen Hausstand zu begründen, — na, was vermeint Ihr junues Vo k, was sie that?" „Sie ging ebenfalls in's Kloster, aber in ein Nonnenkloster," rief Edgar von Arnim. Die Zwillinge schauderten. „Sie wurde eine bösartige, alte Jungfer." Melitta hob die blauen Augen. Ein tiefes Leuchten stand darin. „Sie stieg zu dem Teufelefelsen hinauf —" — 616 — „Und wieder herunter," ergänzte Graf Jobst phlegmatisch. „Mag auch vorgekommen sein. Aber fehlgeschossen habt Ihr allesammt. Sie nahm einen Anderen. Und der Caplan sprach in hiesiger Capelle den Segen über ihr Haupt —" „Danach fiel er doch aber tobt um?" seufzte Lolo Bentheim. „Ach, papperlappap! Dachte gar nicht an solchen romantischen Unsinn. Hat noch an die sechzig Jahre in schöner Fülle gelebt, Gutes gestiftet, die famosesten Blumen gezüchtet und ist schließlich unserer Familie ein treuergebenes Gespenst geworden, das noch heut' seine Freude an fröhlichen Ereignissen hat —" „Noch heut', Onkelchen?" V? ' „Das Wort „heut'" ist freilich nur eine Floskel, aber wer weiß, unter dem Monde ist nichts unmöglich und braven Gespenstern erst recht nicht! Vielleicht findet das Beispiel der sternäugigen Ahnfrau Nachahmung —" Er blinzelte schalkhaft zu Melitta hinüber. „Ich sterbe uuvermählt," sagte diese fest. Es klang wie ein Gelübde. Graf Jobst Pfiff durch die Zähne und stand auf. „Es soll kein Mensch sich je vermessen, von dieser Speise will ich niemals essen. — Wer hat Lust, mit mir in den Kreuzgang hinunter zu steigen? Ihr Alle? Tausend noch mal, seid Ihr ein beherztes Volk! Wenn nun aber das Gespenst nur die zwölfte Stunde abwartete, um an der Capellenthür herumzuspuken? Zuletzt zeigte sich's dort vor der Verlobung meiner jüngsten Schwester." Lolos Rosenfinger stahlen sich in die breite, braune Hand des Schloßherrn. „Sieht's denn so gräßlich aus? Vielleicht wie ein Gerippe?" Er schob die Achseln hoch. „Ich hab's noch nicht gesehen. Aber in der Kutte soll's gehen, gegürtelt und geschnürt sein und ein junges, keckes Gesicht haben." Die Zwillinge tanzten vor Vergnügen. „Aber was wird aus all' dem Bleizeuge und dem sonstigen Shlvesterunfug? Gelegte Eier seh' ich da. Wollt' Ihr Euch um ungelegte kümmern?" Mit dröhnendem Schritt ging Graf Jobst durch's Zimmer. Lolo Pustete die Kerzen des eisernen Leuchters aus. „Das ist ja Alles vieux jeu, Onkelchen, abgetakelte Sachen! Ein richtiges Gespenst sehen, das wäre doch zehnmal hübscher!" Edgar von Arnim zeigte auf die Kaminuhr. „Zwanzig Minuten bis zwölf, 's ist hohe Zeit." Graf Simmern blickte sich im Kreise um. „Also graulich ist's Euch nicht?" Der eine Zwilling schnippte mit dem Finger. „Graulich? Wo ich doch schon einmal einen Geist gesehen habe, damals, ehe ich die schlechte Censur bekam." Graf Jobst warkirte einen Nervenschauer. „Huh," machte er. „Das war wohl der Geist, der Dir selber fehlte?" Er streckte die Hand nach dem Knopf der electrischen Leitung aus. „Stellen Sie Champagner auf Eis," rief er dem ein- tretenden Diener zu. Danach musterte er scharf das blasse Gesicht seiner Tochter. „Willst doch nicht auskneifen? Auf Simmern giebt's keine Deserteure. Mannschaften, nehmt sie in die Mitte!" Edgar von Arnim zog lachend den Arm des Mädchens durch den seinen und schritt zur Thür. Im Vorzimmer wickelten sich die Damen in warme Hüllen, dann stieg man über die hallende Treppe zum Kreuzgang hinab. „Ich müßte lügen, wenn nicht wär', als streue mir Jemand Schnee den Rücken hinunter," wisperte Lolo der Tante zu. Und die Zwillinge klapperten mit den Zähnchen. Susi raffte aus einem Winkelchen ein verschlaffenes Hauskätzchen auf. Sie gedachte es zur Noth dem Geist ins Gesicht springen zu lassen. Lachend folgten die jungen Osfiziere. „Die Geisterstunde hat kein Anderer als der Onkel eingerichtet," flüsterte Hasso Harden. Mit dumpfer Miene „Ruhe" gebietend, öffnete Gras Simmern die eiscnbeschlagene Thür zum Kreuzgang. Weit und öde thut sich die schmale Halle auf. Zwischen den Säulen schaute man hinaus in's Freie, in die Landschaft. Ein weißes Paradies dehnte sich draußen, durchglänzt von bläulichen Schatten. Tiefdunkel, nur von wenigen Sternen überfunkelt, stand der Nachthimmel darüber. Der Mond hatte sich hinter eine Wolke versteckt. Fast athemlos drehte sich das ganze Völkchen nm die riesige Gestalt des Schloßherrn. Schnarrte cs nicht dort in der Ecke? Und oben zwischen den Wölbungen, was flattert auf und nieder? Da erhob die alte Uhr im Capellenthurm ihre knarrende Stimme. Als sie zum zwölften Male rief, öffnete sich die Thür am Ende des Ganges. Langsam, langsam, in gemessener Feierlichkeit trat eine Gestalt hervor, in das Halbdunkel hinein, eine hohe Gestalt in brauner Kutte, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Der nächtlich schweifende gespenstische Caplan nahm die Richtung grab' auf Melitta zu. Wie von ber Tarantel gestochen, jagten die Zwillinge davon, Susi ließ die aufgeraffte Katze fallen und sprang dem Onkel an den Hals, Lolo aber sank in die Kniee und betete vor Schreck ihr allererstes Kindersprüchlein her. Nür Melitta stand wie angewurzelt. Ihre Augen starrten. Der Athem stockte ihr unter Seufzen. — — Und dann hob sie Plötzlich die Arme. Der Mantel glitt ihr von den Schultern. In feenhafter Lieblichkeit stand sie da unter dem matten Sternenlicht, das ihre Augen durchleuchtete, ihre Augen, die an der Erscheinung des Mönchs hingen. „Constantin!" rief sie mit einer Stimme, welche zwischen Lachen und Weinen schwankte. Da wurde die Capuze drüben in den Nacken geschoben, ein lachendes, frohes, glückseliges Gesicht erschien über der Kutte — zwei Arme breiteten sich ans — — Mit einem zärtlichen schluchzenden Laut sank Melitta hinein. Im nämlichen Augenblick durchsonnte blendendes Licht den düsteren Kreuzgang. „Expreß hab' ich die electrische Leitung hierherführen taffen,, um das Gespenst gründlich beleuchten zu können," rief Graf Jobst. Sein Gesicht zuckte vor Rührung und Freude. „Melitta, mein altes Gör, hab' ich nun all meine Sünden gut gemacht? Cmstantin, Du verwünschter Bengel, küffew kannst Du sie noch Dein Lebelang — jetzt laß Dich erst mal von Deiner zukünftigen Frau Schwiegermama Liebdeu anschauen!" Er schlug seiner Frau, die sprachlos vor Erstaunen war, auf die Schulter. „Was sagst Du, Alte? Braun wie 'n Kaffer ist er geworden da unten. Die Erlebnisse haben ihm den Leichtsinn hübsch vom Gesicht 'runtergewischt, he? Aber Noblesse hat er bewiesen, sich tüchtig zusammengeriffen und alles ausgelöscht, was ihm in Europa bös angekreidet war. Hat die Schwarzen menschlich behandelt, wie sich's für einen Weißen ziemt. Wahre Hymnen sandten mir ja der Commiffar und Gras Pfeil über ihn zu. Na, und da, und da —" eine Thräne rollte in seinen grauen Schnauzbart, „da könnt ich doch garnicht anders als einfach telegraphiren: „Einem ganzen Kerl kann ich's Mädel nicht länger verweigern!" Ritsch, ratsch war er hier — und da ich nun mal 'ne ernste Sache ohne 'nen derben Spaß nicht vertragen kann, hab' ich Euch den Bengel als Neujahrsgespenst aufgebaut. Und jetzt — zum Champagner!" Humoristisches. Zielbewußt. Sonntagsreiter (beim Pferdeverleiher): „Geben Sie mir ein Pferd, das in den Stadtpark will." Redaction: 8L Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch & Echeyda) in