UM MW Töfinw Voö fit ,Mr-kEsrL«:»?k-nM-HkMM« WWW |mjuunfl imiuiliiiDr.iniij ast Du den Stundenlauf bedacht? Bedacht der Tage Wandern? Der Morgen, der Dir Freud' gebracht, Bracht' tiefe Trauer Andern. Und ist Dir dieses erst bewußt, So wirst Du bald verstehen: Der Tag, der Andern brachte Lust, Muß Dir im Leid vergehen. Anna Nitschke. Die schönsten Augen. Novelle von Tarl Teschner. (Nachdruck verboten.) I. Serenissimus hatte seinen Finanzrath Kranzler ungnädig aus dem Staatsdienst entlassen. Alle Ursachen für diese Unqade hier auseinanderzusetzen, würde zu weit sührm. Kranzler war ein höchst ehrenhafter, aber etwas schroffer Beamter, welcher vermeinte, das Interesse des Fürsten, eines älteren, unvermählt gebliebenen Herrn, selbst gegen dessen Willen und Neigungen wahrnehmen zu müssen. Der überwiegende Einfluß der ebenfalls unvermählten Schwester des Fürsten, Prinzessin Adelheid, schien ihm unheilvoll, er wagte zu opponiren, wenn an seine Kassenführung stark gespannte Anforderungen gestellt wurden. Bei der Vermahlung der Hofdame der Prinzessin, Fräulein von Hertzberg, die arm war, mit des Fürsten Geheimen Cabinetsrath Muller, geruhten Serenissimus, derselben ein beträchtliches Heiraths- gut in der Form eines der schatullengüter zu schenken- Kranzler wagte submissenst Einwendungen gegen eine so bedeutende Gabe zu erheben, da durch sie die ohnehin nie zureichenden Revenuen des Fürsten beeinträchtigt würden. Dieser Versuch eines Eingriffes in den höchsten Willen führte zur Katastrophe: Kranzler erhielt den Befehl, nicht mehr vor Serenissimo zu erscheinen. , Neben dieser Staatsaction spielte eine secundäre Jntngue. Zwischen Fräulein von Hertzberg und der einzigen Tochter des Finanzraths Bella, bestand eine brennende Rivalttät. Beide waren schöne Erscheinungen- die Hofdame schon reifer, in den Künsten zu gefallen, geübter, Bella, ein blühend frisches, hochgebildetes, aber auch stolz geartetes Mädchen von einundzwanzig Jahren. Die Bewohner und Hofleute der kleinen Residenz stritten scharf darüber, welche von Beiden die erste Schönheit sei. Bella war, nach dem frühen Tode ihrer adeligen Mutter, fern vom Vaterhause bei Verwandten und in einem „reichen" Pensionat auf großem Fuße erzogen. Waren dabei auch die edlen Züge ihres Gemüths unberührt geblieben, so brachte sie doch bei der endlichen Rückkehr ins väterliche Heim Besonderheiten mit, die in den kleinstädtischen Gesellschaftsrahmen nicht so recht passen wollten. Schon daß sie mit Geschick und Eleganz den Reitsport übte, fiel auf. Bis dahin waren Prinzessin Adelheid und Fräulein von Hertzberg die einzigen Reiterinnen gewesen, welche bte Residenz Hamburg gesehen hatte. Aber noch weit schärfer und individueller gestaltete sich die Rivalität. In den Mittelpunkt der Jntrigue trat unabsichtlich ein Mann, der für jedes unvermählte Weib be- gehrenswerth war. Arno Fendler, zur Zeit der schon angegebenen Katastrophe etwa dreißig Jahre alt, eine stattliche, kraftvolle Erscheinung, hatte Cameralia studirt, indessen hatte ihn ein etwas phantastischer Drang die Welt zu durchwandern, den geographischen Wissenschaften zugetrieben. Durch den Tod seiner Mutter, die mit dem fürstlichen Staatsminister Fendler in dessen zweiter Ehe vermählt gewesen war, fiel ihm ein beträchtliches Vermögen zu. Er konnte nun seinem inneren Drange nachgehen und war auf dem besten Wege, sich als Reiseforscher einen Namen zu machen. Beim Fürsten war er in Folge dieses Bestrebens persona gratissima. Fräulein von Hertzberg angelte nach ihm, doch näherte sich Arno der Familie Kranzler. Der einzige Sohn des Finanzraths, welcher als Oberlieutenant im fürstlichen Jnfanterie- bataillon diente, wurde sein Freund, und Bella nahm sein Herz gefangen. Gerade das was die Hamburger an ihr tadelten, reizte und bezauberte ihn. Er feierte fie mit all seinem geistigen Wesen und galt, ohne daß noch eine formelle Verlobung erfolgt war, als ihr ernstlicher Bewerber. Gegen diese Verbindung arbeitete die Fendler'sche Familie und Fräulein von Hertzberg wurde dadurch zu Bellas Todfeindin, sie blieb es auch dann noch, als der aus sehr weichem Thon geschaffene Cabinetsrath Müller ihr seine Hand gereicht hatte. Die Wirkungen der fürstlichen Ungnade waren für Kranzler und seine beiden Kinder schrecklich. Alle früheren „Freunde" — außer Arno, der auf einer scandinavischen Reise abwesend war — wendeten sich von ihnen ab. Sie erhielten keine Einladungen mehr. Begegneten die sonst so liebenswürdig gewesenen Bekannten einem von ihnen auf der Straße, so gaben sie ihren Augen eine andere Richtung, als ob sie sie nicht sähen. Wo zwei zusammenstanden, 402 zischelten sie ihnen heimlich nach. Gehörten solche aber zu ihren Gegnern, so räusperten sie sich in nicht mißverständlicher Weise. Bella konnte nicht mehr in die Kirche gehen, ohne daß selbst an der geweihten Stelle die Blicke Vieler sich mit verletzender Neugier auf sie richteten. Von allen Seiten kamen Rechnungen von Lieferanten wie eine Sturm- fluth ins Kranzler'sche Haus. Es kam vor, daß von Einzelnen Kranzlers Köchin und Stubenmädchen mit leeren Händen zurückkehrten, wenn sie wie sonst die Tagesbedürfnisse hatten einholen wollen. Es möchten erst die alten Rechnungen beglichen werden re. Der Finanzrath hatte plötzlich Zahlungsschwierigkeiten, wie Bella mit Entsetzen bemerkte. Eine ganze Reihe von Civilklagen kamen mit unheimlicher Schnelligkeit. Der Richter, Arno Fendlers Stiefbruder, fand es zeitgemäß, überall möglichst kurze Termine anzusetzen. Ein Pferdehändler wirkte gerichtliche Beschlagnahme von drei Reitpferden Bellas und ihres Bruders Curt aus. Eines schönen Tages erschien der „Executor" mit sechs Pfändungsbefehlen, und da der Finanzrarh Deckung nicht beschaffen konnte, so ging der Beamte ohne Weiteres an die Ausräumung der ganzen hochelegant eingerichteten Wohnung. Das war ein Schauspiel, welches die Augen wie die Zungen der ehrsamen Hamburger in lebhafte Thätigkeit brachte. Der unglückliche Finanzrath befand sich schon seit Wochen in einem Zustande der Abstumpfung gegen die Wespenstiche und Kolbenschläge des Schicksals. Der letzte Schlag traf ihn mit verzweifelter Resignation. Bella zog sich in ihr geplündertes Zimmer zurück und ihr lange zurückgehaltener dumpfer Schmerz löste sich in Thränen auf. Curt trat mit bleichem Gesicht bei ihr ein. Er trug Civilkleider. „Es kommt Alles hübsch a tempo," sagte er. „Ich habe soeben meinen erbetenen Abschied erhalten." „Unglücklicher Sohn!" erwiderte der Finanzrath in tiefer Niedergeschlagenheit. „Daß ich auch Dir Deine Carriöre verderben mußte! Mein unseliger Pflichteifer ist schuld an Allem!" „Nein, ich — ich allein bin schuld!" rief Bella heftig auffahrend. „Meine luxuriösen Neigungen, mein Mangel an wirthschaftlichem Sinn, meine vollständige Verkennung der Verhältnisse, haben diese Katastrophe herbeigeführt! Ich Thörin glaubte einer Feindin Trotz bieten zu müssen!" „Und darin hast Du recht gethan!" versetzte ihr Vater, um sie zu trösten und aufzurichten. „Wir zogen den Kürzeren, daran scheiterte mein Credit. Es ist nicht zu ändern. Wir müssen damit rechnen und uns nun irgendwie neu einrichten." „Vor Allem fort von hier, fort, fort!" eiferte Bella, ihre Thränen trocknend. „Ich käme um in dieser verhaßten Atmosphäre!" „Ich habe noch meine Pension," sagte Kranzler. „Es bietet sich ein Ausweg. Mein alter Diener Schmook, von dem ich mich trennen wollte, besitzt durch Erbschaft von seinem Bruder eines kleines, ländliches Anwesen jenseits der Grenze, das hat er mir zum Aufenthalte angeboten, dort will er mit mir zusammen bleiben. Dahin gehen wir bis auf Weiteres, liebe Bella!" „Gehe Du getrost, Papa," erwiderte diese. „Ich werde mir möglichst fern von hier eine Stellung suchen." „Eine Stellung, Du . . . ?" sagte Kranzler zweifelnd. „Du kannst nicht dienen." „Weshalb nicht?" entgegnete sie resolut. „Ich kenne Sprachen, ich kann unterrichten, ich kann Gesellschafterin sein, ich vermag mich fremder Botmäßigkeit zu unterwerfen, wenn ich will!" „Dein gewohnter Stolz wird Dich überall hindern, liebes Kind, Du wirst Dich elend fühlen!" „Nicht elender als ich mich jetzt hier fühle, Papa, verlaß Dich darauf!" beharrte sie. Plötzlich trat Schmook ein und meldete einen Besuch. „Wir könnten hier Niemanden empfangen, und gerade jetzt!" rief Bella energisch. „Wer ist es?" fragte Curt. „Herr Arno Fendler." Curt eilte sogleich hinaus. Bella bedeckte, wie voll Scham, ihr Gesicht mit beiden Händen. Das erkannte sie ja, Arno konnte nicht abgewiesen werden. Der Reisende, soeben heimgekehrt und noch in den Reisekleidern, hatte kaum von dem Unheil vernommen, das Kranzlers betroffen, als er zu ihnen eilte. Er mußte sich einen Weg durch Gaffer ins Haus bahnen und auf der Treppe drückten ihn die Möbelträger des Gerichtsvollziehers an die Wand. Bestürzt und mit verstörtem Gesicht begrüßte er den ihm entgegentretenden Freund, der ihm stumm die Hand reichte und ihn ins Zimmer geleitete. Bella schrak bei seinem Eintritt auf und blickte ihn scheu an. Auf einen Moment war es, als ob ein Strahl von Freude über ihr Gesicht huschte, dann aber breitete sich wieder eine Wolke düsteren Schmerzes über dasselbe aus. Arno bot ihr die Hand. „Ich möchte mich lieber vergraben, statt in diesem Zustande der Schmach einen Freund begrüßen!" sagte sie mit halb abgewendetem Gesicht. „Ein Zustand, der sofort geändert werden muß!" entgegnete Arno entschieden. „Herr Finanzrath, ich bitte Sie um den großen Vorzug, ohne Weiteres diesem schnöden Werkzeuge der Justiz zu befehlen, Ihre Wohnung wieder in den Zustand ihrer Integrität zu versetzen! Alles was mein ist, steht selbstverständlich zu Ihrer Verfügung." Bella erhob sich mit einer heftigen Geberde. „Unter keinen Umständen!" rief sie fest. „Papa, ich muß Dir bestimmt verbieten, dies zu thun! Wie würden die Kleingeister starren, wenn sie diese neue, unerwartete Scene in dem widerwärtigen Schauspiel sähen! Wie würden die bösen Zungen judiziren: „Seht da, den Ritter, der den Drachen der Execution besiegte, den Retter in der alleräußersten Krisis, den Nothhelfer!" — Und hätten Sie damit nicht Recht?" „Aber theuerste Bella," wendete Arno betroffen ein, „seit wann imponiren Ihnen denn die bösen Zungen? An Sie reichen die bösesten doch nicht hinan! Hier verleitet Sie Ihr Stolz, den ich ja immer geschätzt habe, zur äußersten Selbstpeinigung! Und übrigens ist dies doch nur die Sache Ihres Vaters! Es ist kein Augenblick zu verlieren . . ." „Es ist zu spät!" unterbrach ihn Bella mit bebendem Tone. „Gestern vielleicht wäre ein solches Eingreifen noch möglich gewesen, nun aber würde dasselbe nur zum Gaudium jenes — auch vornehmen — Pöbels dienen, der stets dem Erfolge zujubelt und jede Niederlage mit frivolem Hohn begrüßt. O, ich würde ja vor Scham die Augen schließen müssen, wenn ich mich morgen auf der Straße blicken lleße und jeder Lump mir nachzischeln könnte: „Der kam aber gerade noch zu rechter Zett, der einzige Freund, der Deus ex machina — der Verehrer!" Mir ist, als hörte ich sie Alle, als spürte ich ihr Gift mit widerlichstem Geschmack! Nein, lieber Arno," fuhr sie milderen Ausdruckes fort, als sie dessen tiefbetrübtes Gesicht beoachtete, „wir dürfen in der jetzigen Verfassung Ihre Hilfe nicht annehmen, und wäre sie der Himmel gegen die Hölle! Wtr würden dann doch genöthigt sein, die Stadt zu verlassen, und was nützte uns dann der Kram, den man uns jetzt nimmt? Ich gehe schon, ja, aber nicht, weil ich muß, sondern weil ich will!" Alle Einreden prallten fruchtlos an Bellas trotziger Resignation ab. „Diesmal ist Ihr Stolz egoistisch," sagte zuletzt Arno. „So bleibt mir nichts übrig, als trostlos von hier zu scheiden. Sobald Sie sich nicht halten lassen, trete ich unverzüglich meine projectirte Reise nach Afrika an." „Nimm mich mit!" bat Curt. „Vielleicht kannst Du mich als Gehilfen brauchen. Ich verstehe die Waffen zu führen. Was soll ich noch hier?" Damit war Fendler einverstanden. Rasches Handeln war nun für Bellas verletzten Stolz — 403 hat man nicht Dieser anmaßende Ton der großen Dame kommt n ,Mr. Phelps Ihnen nicht zu," wüthete die Directorin. eine Gouvernante." (Fortsetzung folgt.) Ihre Schönheit Scenen. Bellas in der einfachsten Toilette elegant aussah. wurde ihr Martyrum. Es kam zu heftigen Stolz bäumte sich auf. „In Ihrer Stellung, Miß Kränzele, Mädchen im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren, Töchter wohlhabender, theils reicher, aber nicht feiner, vornehmer Leute. Der Uebermuth des Geldstolzes zeigte sich schon bei diesen Kindern. Der geringe Respect, welchen sie für die Lehrerin an den Tag legten, schwand fast ganz, als Mr. Phelps, der selbst wie ein Dockarbeiter sprach, wiederholt vor den Schülerinnen Bellas Aussprache des Englischen tadelte. Mit stummem Vorwurf traf ihn ihr Blick, da machte sich plötzlich der alte Zauber ihrer Augen geltend. Mr. Phelps änderte sein ganzes Verhalten gegen sie. Desto schroffer wurde nun die Directorin. Sie fand mit einem Male, daß Bella sich zu elegant kleide, daß sie zu gefallen suche. In ihrer Verblendung mißkannte sie, daß Bella selbst Ursache, hochmüthig zu sein," sagte Mrs. Phelps in beleidigendem Tone. „Es kommt aber Alles von Ihrer Putzsucht. Ich werde diese Extravaganzen nicht mehr dulden. Sie werden sich künftig einfacher kleiden." „Ich werde mich kleiden, wie ich will!" entgegnete Bella empört. „O, werden Sie?" eiferte Mrs. Phelps. „Mir scheint, Sie wollen nur Männer fesseln!" „Dazu hätte ich wohl keine Gelegenheit," versetzte Bella ironisch. „Es ist so albern als unwahr!" wird Sie wegen Widerspenstigkeit sofort entlassen!" Mr. Phelps stand dabei, öffnete hilflos den Mund, brachte aber kein Wort hervor. „Bemühen Sie sich nicht weiter," schloß Bella den Streit mit tiefer Entstrüstung. „Ich bin ganz bereit, dies unerträgliche Joch abzuwerfen." Sie stellte Ihre Thätigkeit auch ohne Weiteres ein. „Miß"Noung,einederkörPerlichentwickelsten Schülerinnen, hatte bei einer anderen Veranlassung zu Aergerniß mitleidig gesagt: „Kommen Sie zu uns, Miß Kranzler, Mama wünscht Zn Todesgefahr. Novellette von Peroy Wince. ------- (Nachdruck verboten.) Die gesammte vornehme Welt Londons war zur Kunstausstellung geströmt; unter den Besuchern schien nur ein einziger weder Vergnügen noch Interesse an den Gemälden zu finden. Auf einem Stuhl im Garten sitzend, die Beine ausgestreckt und den Hut tief in das Gesicht gezogen, bot Guy Merivale gleichsam ein Bild der Verzweiflung. Sein eleganter Anzug wie sein tadelloses Aeußere deuteten darauf hin, daß er den besseren Kreisen d.r Gesellschaft angehörte. Er war im Auswärtigen Amt beschäftigt, woselbst er eine untergeordnete Stellung bekleidete, pecuniär von einem Onkel unterstützt. Der plötzliche Tod desselben hatte ihm indeß diesen Zuschuß geraubt. Während er so in sich versunken dasaß, ging ein junges Mädchen mit blauen Augen und blondem Haar an ihm vorüber, geführt von einem alten, elegant gekleideten Herrn, anscheinend ihrem Vater; das junge Mädchen schien sich in ziemlicher Erregung zu befinden. „Aber Mabel," bemerkte der alte Herr, „Du wirst Dich doch vor dem Gedränge nicht fürchten, es ist ja bei Weitem nicht so schlimm, wie der Carnevaltrubel in Florenz." „O, sprich nicht von Florenz, Vater," erwiderte sie, „ich kann nicht an Italien denken, ohne mich an jene entsetzliche Gerichtsverhandlung zu erinnern, in der ich gegen Ferrari, der unfern Kutscher erstach, Zeugntß ablegen mußte." II. Bella Kranzler kam mit der bestimmten Erwartung in die Riesenstadt an der Themse, daß es ihr unschwer gelingen werde, eine ihrer umfassenden Bildung entsprechende Unterhaltsstellung zu finden. Darin irrte sie sich. Ihr Selbstgefühl erlitt die stärksten Slöße. Sie sah hunderte von deutschen Mädchen aus besseren Klassen auf fruchtloser Stellenjagd. Viele sah sie vom Elend ergriffen. Ihr selbst blieben, da sie keine mächtigen Empfehlungen an bestimmte, einflußreiche Persönlichkeiten brachte, die Häuser der Aristokratie fest verschlossen, denn diese Aristokratie hält sich viel exclusiver als die deutsche. Wochen lang haschte'sie vergeblich nach einem angemessenen Unterkommen. Endlich, als ihre bescheidenen Geldmittel schon zur Neige gingen, glückte es ihr, in der Alles verschlingenden Fluth des Londoner Lebens einen rettenden Strohhalm zu erfassen: sie wurde als Lehrerin für Französisch und Deutsch an eine Privatschule engagirt. Die Besoldung war karg, ein elendes Kämmerchen wurde ihr als Wohnung angewiesen. „Sie werden sich ja meistens in der Schulstube aufhalten!" sagte ihr die sehr häßlich und schlammig aussehende Gattin des Directors Mrs. Phelps. So verhielt es sich auch. Beim ersten Tagesgrauen wurde ihr ein Klingelzeichen zum Aufstehen gegeben und erst Abends spät konnte sie sich zur Ruhe zurückziehen. Sie mußte das Schulzimmer — es gab nur eins — in Ordnung halten und Mrs. Phelps bürdete ihr alle Correcturen, auch die englischen auf. Da sie früher den Wahn gehegt hatte, in England den Hauch der Freiheit belebend in sich aufnehmen zu können, empfand sie das dienende Sclaventhum desto bitterer. Trotzig beugte sie sich unter das kaudinische Joch, aber in diesem Trotze schien auch eine Herausforderung gemeinen Hercschersinnes zu liegen. Die Scholaren waren junge geboten. Sie traf mit fliegender Hast ihre Reisevorbereitungen, um nach England zu gehen und dort eine Stellung zu suchen. Noch einmal, kurz vor ihrer Abreise, versuchte Arno sie umzustimmen. Er sprach mit ihr unter vier Augen. „Die wahre Freundschaft muß sich doch bewähren dürfen," sagte er, „und wann denn dringender als bei entscheidenden Lebenswendungen?" „Nicht in unserer demüthigendeu Verfassung," entgegnete sie, „wo ich ... wo Sie . . ." „Ich weiß, was Sie sagen wollen, theuerste Bella," fing er ihre stockende Rede auf; „und bei Gott! jetzt wäre für Sie der Moment gekommen, wo Sie zeigen könnten, daß edle Frauenliebe auch mit Demuth sich vereinigen läßt! Jetzt wäre Verständigung Erlösung! Sprechen Sie das erlösende Wort, Bella! Lassen Sie uns frei und offen vor die Gesellschaft treten und den Lebensbund schließen!" „Halten Sie ein, Arno!" bat sie, ihr Antlitz bedeckend. „Stellen Sie mir nicht ein Bild vor Augen, das meiner Seele den Abschied noch schwerer macht! Ich muß kämpfen, ich muß! Demuth und Demüthigung in den Augen der Spötter, das sind zwei verschiedene Dinge. Meine Todfeindin, die Müllern (sie betonte spöttisch das Wort) würde ja fort und fort ihr Müthchen an mir kühlen und mir keine Ruhe lassen! Selbst als Ihre Gattin wäre ich unter den jetzigen Umständen gesellschaftlich unmöglich. Vielleicht. . ." „Nun vielleicht . . .?" fragte er gespannt. „Später," ergänzte sie und reichte ihm mit abgewandtem Gesicht, um ihre Thränen nicht sehen zu lassen, die Hand. „Leben Sie wohl, Arno!" Der Abschied war herb, besonders auch von ihrem Vater. „Ich sehe," sagte er, „Du bist trotz alles Elendes noch mein stolzes Kind. Dein Character ist unbeugsam. Nun wird der Alte bald einsam stehen, die Kinder ziehen davon, eins dahin, das andere dorthin — ein bitteres Loos!" „Papa, mache mich nicht weich!" bat sie, seine Hände ergreifend. „Es muß sein! Aber wir wollen auf ein schöneres Wiedersehen hoffen. Vielleicht führt uns das Glück bald wieder zusammen, vielleicht . . .!" 404 — „Dieser elende Schurke," entgegnete ihr Vater, „vor dem brauchst Du Dich doch nicht mehr zu fürchten. Ferrari ist ja auf Lebenszeit auf die Galeere geschickt worden." Das Mädchen seufzte und erwiderte: „Und doch kann ich den Gedanken an ihn nicht los werden. Als er den Saal verließ, wandte er sich zu seinen Freunden, die für ihn als Entlastungszeugen aufgetreten waren, und rief: „Gedenket Eures Freundes, Brüder, und rächt mich an jenem englischen Mädchen dort." „Ah, bah! Das waren leere Drohungen, mein Kind." „Trotzdem erfaßte mich die Furcht, als sie mit einander flüsterten und ein schwarzbärtiger Italiener seine Hand hochhielt, seine dunklen Augen auf mich richtete und ausrief: „Du sollst gerächt werden, Bruder, sie wird uns nicht entwischen." „Aber Kind, ängstige Dich doch nicht deswegen. In England brauchst Tu Dich vor den Racheschwüren eines Italieners nicht zu fürchten. Zu Deiner Beruhigung will ich Dir jedoch verrathen, daß der Mann, den Du neulich für meinen Sccretär hieltest, ein Detektiv ist, der uns überall hm folgt." „Und ich habe ihn stets für Deinen Secretär gehalten." „Nicht ganz," lachte der alte Herr, „bis jetzt habe ich noch keinen finden können." Guy Merivale, der das junge Mädchen mit großem Interesse beobachtet hatte, stand jetzt auf und ging in Vas Restaurant, wo er sich in einer Ecke an einem Tische nieder- licß. Er hatte kaum Platz genommen, als auch das junge Mädchen und ihr Vater eintraten und Beide an einem Nebentische Platz nahmen, den Rücken ihm zugewendet. „Die können sich jetzt auf eine halbe Stunde entfernen, Davis, wenn Sie wollen, können Sie auch speisen gehen," bemerkte der alte Herr zu einem Manne, der iynen unmittelbar gefolgt war. Das Restaurant war fast leer- doch so spät es auch bereits war, Merivale verspürte keine Neigung, irgend welche Vergnügungen aufzusuchcn. Er bezahlte seine Zeche, stützte den Kopf auf die Hand und überließ sich seinen trüben Gedanken. Wäre er weniger vertieft gewesen, so hätte er wohl bemerken müssen, daß der Kellner vom Nebentische ihn aufmerksam beobachtete. „Sieh' da," murmelte dieser für sich, „der Mann schläft, rasch an's Werk." Im selben Augenblick rief auch Mabels Vater den Kellner. Nachdem auch er bezahlt, bemerkte er zu seiner Tochter, daß er sich nur noch ein paar Cigarren kaufen wolle, in einer Viertelstunde sei er wieder zurück. „Dann," fügte er hinzu, „werden wir gehen und uns das Concert anhörcn." Kaum hatte dieser das Restaurant verlassen, als Mabel, in ihren Stuhl zurückgelehnt, bald in einen leisen Schlummer versank, aus dem die Stimme des Kellners sie plötzlich mit den Worten aufschreckte: „Wollen das Fräulein nicht diesen Liqueur nehmen?" „Nein, ich danke," versetzte Mabel kurz, „ich danke." Er trat noch näher an sie heran und zischte ihr in's Ohr: „Sie werden diesen Chartreuse rrinken, mein Fräulein, Sie werden auch nicht schreien und sich bewegen, oder ich steche dies hier Ihnen in's Herz." Mabel sah, wie vor ihren Augen ein Stilet blitzte, indeß der Kellner fortfuhr: „Haben Sie Florenz vergessen? Erinnern Sie sich noch Ostia Ferraris?" Langsam bewegte das junge Mädchen den Kopf und blickte den Italiener mit stieren Augen an, während eine Leichenblässe ihr Gesicht überzog. Sie erkannte die Augen, die sie im Gerichtssaal zu Florenz angeblitzt und sah, daß sie verloren war. „Weshalb wollen Sie, daß ich das Glas austrinke? Ich weiß, es ist Gift darin." „Und wenn dem so ist," antwortete er höhnisch, „so können Sie mir nur dankbar sein, es fließt dann wenigstens kein Blut. Schnell, schnell, trinken Sie, bevor der alte Herr zurückkommt, oder Sie zwingen mich, den Dolch zu gebrauchen." Am ganzen Leibe erbebend, nahm sie das Glas und setzte es langsam an ihre Lippen. In demselben Augenblick sah sie, wie das Gesicht des Italieners sich verzerrte, eine starke Hand packte ihn von hinten und schleuderte ihn zurück. Es war Guy Merivale. Er hatte von seinem Tische aus seine hübsche Nachbarin beobachtet und gesehen, wie ihr Gesicht leichenblaß geworden war, gleichzeitig hatte er bemerkt, daß der Kellner unter seiner Serviette ein Stilet bereit hielt. Lautlos war er von seinem Stuhle aufgcstanden und hatte sich an den Italiener herangeschlichen, ehe dieser etwas merken konnte. Wenige Secuuden später kehrte Mabels Vater in Begleitung des Detectivs zurück, und während der erstere sich erschreckt über das Mädchen beugte, packte der letztere den Italiener, der nun sofort den Händen der Polizei übergeben wurde. „Ihr Name, mein Herr?" fragte der alte Herr, sich zu dem jungen Manne wendend. „Guy Merivale," versetzte dieser. „Mr. Merivale, haben Sie innigen Dank." Und thränenden Auges fügte der alte Herr hinzu: „Gott segne Sie, Sie haben mir mein einziges Kind gerettet." Dann schüttelte er ihm wieder die Hand und fuhr fort: „Sie werden meinen Namen kennen, ich bin Lord N . . . Es ist mir bekannt, daß Sie im Auswärtigen Amt beschäftigt sind und ich freue mich, daß uns das Schicksal zusammengeführt hat, denn ich bin ein alter Freund Ihres Vaters, darum will ich auch einen Theil des Dankes schon heute an Sie abtragen. Ich weiß, daß Sie sich in Ihrer augenblicklichen Stellung nicht wohl fühlen, daher biete ich Ihnen eine andere- ich gehe in den nächsten Tagen als Gesandter nach den Balkanstaaten und würde mich freuen, wenn Sie als mein Privatseeretär zu mir kommen würden- wollen Sie diese Stellung annehmen?" „O, Mylord, wie soll ich Ihnen danken?" „Still, still, keinen Dank, kommen Sie jetzt zu meiner Tochter." Dann trat er an das junge Mädchen heran, das sich bereits einigermaßen erholt hatte, und bemerkte zu diesem: „Liebe Mabel, in Deinem Retter gestatte ich mir, Dir Guy Merivale vorzustelleu, in welchem ich nicht nur den Sohn eines alten Freundes, sondern auch meinen neuen Seeretär gesunden habe." — Wenige Monate später verkündeten Londoner Zeitungen die erfolgte Verlobung der beiden jungen Leute. GeineZnnÄtzig-s. Gebackene Tomaten. Ein Dutzend schöne, reife Tomaten wäscht man, befreit sie von den Stengeln, schneidet sie horizontal durch und entfernt die Samenkörner. Dann stellt man die Hälften, mit der offenen Seite nach oben, in eine niedere, ausgebutterte Steingutschüssel, füllt die Tomaten mit feingehacktem Schinken, streut Salz und Cayennepfeffer, ebenso geriebenen Parmesankäse und Semmelbröseln darüber und bäckt sie bei guter Oberhitze eine Viertelstunde. Dann werden sie mit einem Schäufelchen einzeln aus oer Schüssel gehoben, auf erwärmter Platte angerichtet und, mit einigen Tropfen „Maggi" beträufelt, servirt. Sollten sie viel Saft gezogen haben, läßt man sie in der Schüssel und trägt sie in dieser auf. Redaktion» U> Schk-da. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Stcindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Bießm. de dc in Er S au ge de eil mi h° be fid vo Ml Ki un so! la1 de 6(i mi bo eh roi dii