Der Majoratsherr. Roman van Nataly e. Sschstruth. (Faachtzunz.) „Willst Du Feuer oder brennst Du noch?" Gert seufzt. „Ich brenne lichterloh, Väschen!" Die kleine Gräfin musterte ihn von oben bis unten. „Majestät sollte seine Lieutenants imprägniren lassen!" weint sie trocken. Gert fällt aus der Rolle und lacht schallend auf: „Famoser Witz!" Dann schweigen Beide. Fränzchen gähnt. „Erzähl mir eine forsche Geschichte, boy! irgend so was von Chinesen und Seeräubern, die liebe ich besonders. Hast Du mal so einen Kerl zu Gesicht bekommen? Hast Du mal an einem Stinkpott gerochen? Ich glaube nämlich nicht so recht an dessen Effect!" Gert steckte sich eine neue Cigarrette an. Gewaltsam rafft er sich zusammen. Er: muß die nöthige Stimmung schaffen. „Eine Seeräubergeschichte?" — schwärmerisch schüttelt er den Kopf. „Ach, Fränzchen, danach ist mir momentan wahrhaftig nicht zu Sinnen! Ich bin in so ganz anderer Stimmung, — so freudvoll und. leidvoll . . . gerade so. . . na, Teufel ja, als ob man nur lyrische Gedichte recitiren könnte! soll ich?" Donnerstag den 30. Dreember & as hat das Jahr gebracht? Des Glückes Pracht? — Nimm Dich in Acht! Trag's mit Bedacht! Bracht' es Dir Leid? Leid weiht und feit, Leid heilt die Zeit. Wie die Jahre auch zerrinnen, Richt verlieren, nur gewinnen Kannst Du durch den Flug der Zeit. Reicher wird Dein Innenleben, Klarer, freudiger Dein Streben, Heller strahlt die Ewigkeit. Luise Hitz. Sie wischte sich nicht' gerade schmeichelhaft über den Mund. „Danke, mir ist schon übel! d. h. Pardon, wenn eS Dir Freude macht, schieß los! Kannst Du denn überhaupt solch Zeug auswendig?" „Aber, Fränzchen! das gehört doch zu einem verliebten Menschen! z. B. so ein Heine-Gedicht! was liegt da sür Musik drin! wenn einem so träumerisch weh um daS Herz ist, man immer an die Geliebte denkt, — hangend und bangend in schwebender Pein, — welch ein Trost ist dann solch ein stimmungsvolles Gedicht!" „Ra, sag mal eins auf!" Gert kommt in Verlegenheit. Eigentlich fällt ihm kein einziges ein, die „Wacht am Rhein" und „Heil Dir im Siegerkranz" paffen nicht in die Situation. Doch — Heine! wie fängt es nur gleich an? — Er hat ein so miserables Gedächtniß! — Oh, Triumph! Das ist furchtbar sentimental! Er legt das Gesicht in düstere Falten und beginnt mit viel Pathos: „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!" — — „Hab ihn hören plumpsen!" fährt Fränzchen ebenso schwärmerisch fort, — und dann brechen Beide in ein dröhnendes Gelächter aus, nein, es ist absolut keine Stimmung zu erzielen! Eine Weile necken sie sich in gewohnter Weise hin und her. Fränzchen wirft ihm den Cigarrenstummel an den Kopf und ruft: „Play I" Er antwortet prompt mit der seinen: „Aut!" „Wollen wir Tennis spielen?" „Nein, ich spiele fürerst Klapperschlange!" „Alle Wetter, wie ist daS?" Sie dehnt die Arme. „Das ist realistische Nachahmung der Natur. Nach Tisch ringelt man sich zusammen und verdaut!" „All right!" „Nachher fahre ich die neuen Füchse ein. Kommst Du mit?" Gert erschrickt, er vertrödelt die beste Zeit. Noch einen Ansturm, es muß gesiegt werden!" „Ach, Fränzchen!" seufzt er, aber es war mehr ein Stöhnen. Sie blickt erstaunt auf. „Was fehlt Dir?" „Fränzchen!" er faßt wie beschwörend ihre Hand: „Ach, wenn Du wüßtest, wie es mir zu Muthe ist!" Da richtet sie sich hoch auf und sieht ihm — sich dicht - 610 zu ihm neigend — in die Augen, forschend, prüfend, mit ernstem Blick. „Du auch?" flüstert sie. Er wird kühner und preßt ihre Hand zwischen den seinen, sie zu küssen wagt er nicht wieder. „Bestes, theuerstes Fränzchen, ahnst Du, wie es um mich Allerärmsten steht?" fleht er mit der Miene eines Sterbenden. Sie legt die Hand auf seine Stirn und nickt hastig. „Ganz genau ebenso wie ich! mir ist es nämlich furchtbar zu Muthe!" „Furchtbar?!" Ihre Miene ist sehr düster. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. „Ach, Gert, wir haben uns Beide verfuttert! es war zu viel Eis . . . nun ist einem zu Muthe, als sollte der ganze Magen Platzen! Lieber, armer Gert, mein Leidensgenosse! Komm mit, wir holen uns bei Muttern ein Brausepulver, — das hilft!" Gert steht sprachlos, wie unter einem Sturzbad kalten Wassers, — dann aber lacht er abermals, lacht wie Einer, der aus schweren Aengsten erlöst ist! Nein, beim besten Willen, es ist unmöglich, ihr eine Liebeserklärung zu machen, --Gott sei Dank! ' „Famos! — Hurrah, ein Brausepulver!" jubelt er, und Fränzchen ist auch wieder ganz fidel, hakt ihn unter den Arm, und Beide wandern innig verbündet, aber völlig unverlobt, nach dem Schloß zurück. Ueber ihnen schlägt die kleine Jalousiekette wieder gegen die Fensterscheiben. „Kling—kling—kling." — Gert blickt triumphirend empor und singt lachend- „Mein Schätzer! ist hübsch, aber Geld hat es nit! was nutzt mir der Reichthum — das Geld küß i nit!" Aus voller Kehle stimmte Fränzchen ein. Capitel 26. Es klingt das Wort zu traurig gar: Fahr wohl, fahr wohl, auf immerdar! Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt! Emanuel Geibel. „Uns hat der Himmel ein Söhnlein geschenkt!" Weiße Dame. Noch nie hatte sich die Einwohnerschaft von Angerwies in einer derartig großen Aufregung befunden, wie an dem heutigen Tage. Kein angestochener Ameisenhaufen kann mehr Leben zeigen, wie das kleine Städtchen, dessen Bürger das Mittagsessen noch nie hatten so kalt werden lassen, wie an diesem Sonnabend. Etwas Ungeheuerliches, ganz Unfaßliches hatte sich ereignet. Am frühen Morgen rollte die Niedeck'sche Equipage durch die Straßen und Gäßchen, um vor den Häusern der Honoratioren zu halten. Friedrich, in strotzender, eleganter Galalivröe, sprang von dem Bock und überreichte dem jedmaligen Hausherrn unter feierlichen Bücklingen einen großen, mit rothem Stempel verschlossenen Brief. Aufs Höchste überrascht, beinahe entsetzt, ward dieser zuerst angestarrt, dann mit leicht bebenden Fingern geöffnet. Eine riesengroße, hochelegante Karte mit dem erhabenen Wappen des Reichsgrafen von Niedeck glänzte dem Fassungslosen entgegen und er traute seinen Augen nicht, als er die gedruckten Worte las: „Willibald, Reichsgraf zu Niedeck, Erbherr auf Burg Niedeck, und Johanna, Reichsgräfin zu Niedeck, edle Frau von Sonnenburg und Hohenelf, beehren stch den Herrn Bürgermeister pp. zu Donnerstag den 24. Juli Nachmittags 6 Uhr zur Tafel zu laden." Was bedeutet das? War es eine Hallucination? War e§ em schlechter Scherz? Der jeweilig Betroffene rieb sich die Augen und war !o perplex, daß er vergaß zu antworten, bis Friedrich etwas ungeduldrg um „gütigen Bescheid" bat. Ja, den bekam er nicht so schnell! Wohl aber ward ihm in confuser Hast ein Stuhl und ein Glas Wein anae- boten, die Hausfrau stürzte danach in den Keller, und der künftige Drnergast auf Niedeck legte beide Hände wie beschwörend auf die Schultern des Gallonirten und flüsterte athemlos: „Friedrich, edle, hochherzige Seele, sagen Sie mir, was ist los?" a ' Friedrich wahrte die feierliche Würde. „Sie müssen in vollem Wichs erscheinen, Verehrtester, es giebt ein außerordentliches Ereigniß. Der Herr Graf wollen den künftigen Majoratsherrn proclamiren." „Herrn Wulff-Dietrich? Alle guten Geister! Ja, sagen Sie, Friedrich, da kommt wohl der junge Graf persönlich hierher?" „Es kommt die ganze Familie; auch der Herr Kammerherr Rüdiger mit Frau Gemahlin !" „Graf Rüdiger kommt!" wie ein Schrei rang es sich von den Lippen: „Friedrich, Mensch, haben sich die Vettern denn versöhnt?" „Muß wohl!" nickte der Getreue. „Der Herr Graf Wulff-Dietrich ist ja jüngsthin mit uns am Rhein gereist, und . . wie man munkelt., na, unsere Comtesse Fränzchen tst ja noch reichlich jung, aber Verlobung könnte einstweilen schon gefeiert werden!" Graf Rüdiger! Verlobung! Versöhnung! Wie überwältigt sank jeder Mann, den solch eine Nachricht erreichte, an die Brust der Ueberbringers, und dann glühte der Funken auf und ward zur Flamme, welche durch den schwachen Hauch des Mundes gieriger um sich fraß, als wenn ein Sturmwind sie zur Feuersbrunst anfachte! Angerwies brannte lichterloh vorAufregung! und so viel Bier hatte Vater Simmel noch nie zuvor verzapft, wie heute, wo die Wirthsstube der „Stadt Hamburg" einem Taubenschlag glich. Sollten die schlechten Zeiten für Angerwies doch noch einmal aufhören? sollte Graf Willibald, der endlich Versöhnte, vielleicht all die Privilegien, welche er ehemals zur Strafe entzogen, auf's Neue verleihen? Wie ein Rausch, ein Taumel erfaßt es die Väter der Stadt, und dennoch dachten sie etwas bekniffen an das Wiedersehen mit dem, welcher alles Unheil über sie gebracht, an den Kammerherrn! Und dieweil die thätigen Hausfrauen die besten Vatermörder und Plätthemden für das große Ereigniß rüsteten und die Menge stürmisch eine Wiederholung des ehemals mißglückten Feuerwerks verlangte, ward auch auf Niedeck der festliche Tag vorbereitet. Baronin Nördlingen saß zwar recht niedergeschlagen in ihrem Zimmer und stützte den Kopf sorgenschwer in die Hand. , Gert hatte ihr versichert, es sei absolut unmöglich, Fränzchen eine Liebeserklärung zu machen, sie ließe es absolut nicht dazu kommen, und seit vorgestern habe er sie überhaupt nicht mehr allein zu sprechen bekommen! Dies sei doch recht deutlich „Abgewinkt", und er könne sich unmöglich blamiren und sich gewaltsam einen Korb holen! Nein, das konnte und sollte er nicht, dazu waren sie Beide zu stolz- aber es war doch recht sauer, von allen lieben Zukunftsträumen Abschied zu nehmen! Pia schien merkwürdig ruhig und gefaßt. Ein beinah trahlendes Lächeln verklärte ihr reizendes Antlitz, und rennoch sprach sie sich nicht aus, ob sie Kränzchens Herz er- orscht habe oder nicht. — Gert legte ihre Hand auf seinen Arm und zog sie auf den Balkon. „Pia!" flüsterte er: „Du hast gestern so lange und o ernsthaft mit Fränzchen gesprochen, — war ich vielleicht der Gegenstand Eurer Unterhaltung?" Das junge Mädchen nickte ihm mit leuchtenden Augen zu: „Du wirst siegen! Sie liebt Wulff-Dietrich nicht, und that einen heiligen Eid, daß sie ihn niemals heirathen werde!" „Damit ist doch noch nicht gesagt, daß sie mich liebt und erwählen wird! ?" zuckte Gert mehr unruhig und besorgt, al» wie hoffnungsfroh die Achseln. (Fortsetzung folgt.) 611 - Der Lärm und unsere Kerben. Bon Dr. Kreusner. ----— (Nachdruck verboten.) Fast jede menschliche mechanische Thätigkeit ist mit Erzeugung von Geräusch verbunden. Die Verwendung metallener Handwerkszeuge zur Anfertigung aller unserer Gebrauchs- gegeItande har zur notwendigen Folge, daß jeder Professionist bei Ausübung seines Handwerks Lärm macht. Die Eon- cenrrrrung des Menschenüberschusses in den großen Städten, welche niemals ein solches Wachsthum erfahren haben wie ^Un e«ettltJahrhundert, und vor allem der Ersatz der mensch- i‘cens.Är6n-bur^ bie Maschinen haben es dahin gebracht, daß der Lärm m größeren Orten, welche Brennpunkte industrieller Thätigkeit sind, sich zu einer bedenklichen Höhe gesteigert hat, welcher eine Gefahr für die Nerven der jetzt lebenden und der kommenden Generationen zu werden droht. Wer ein aufmerksames Ohr hat, vernimmt das Sausen und Brausen einer Großstadt bis weit hinaus in die ländliche als ein unbestimmbares Durcheinander, und was wirkliche Ruhe und Stille ist, empfindet der an ein gewisses Quantum Lärm gewohnte Großstädter erst, wenn ihn der in* . m,l ne1n iener weltentlegenen, verkehrsentrückten Orte führt, welche rm Dornröschenschlaf zu liegen scheinen, und deren Lautlosigkeit für den nervösen Bewohner der Großstadt oft geradezu etwas Beängstigendes hat. , r. U"b b°$ ist Ruhe eines der wenigen, vielleicht das beste aller Heilmittel welches dem nervös überreizten Cultur- menschen der Jetztzeit verordnet werden kann. Man stelle sich nur einmal die Unsumme Lärm vor, welche das empfindliche Gehörsorgan im Laufe eines Tages über sich ergehen lassen muß. Schon lange bevor der Morgen seine ersten bleichen Strahlen zwischen die Häuserzeilen entsendet, beginnt der Lärm der Fuhrwerke, welche mit Milch und anderen Nahrungsmitteln beladen, mißtönig über das Granitpflaster ^hren; später gesellt sich dazu das Heer jener, welche unter Rufen, Pfeifen und Läuten ihre Maaren feilbieten- dann treten Pferdebahnen und Droschken in ihre lärmende Thätigkeit, unb. s° steigert sich von Stunde zu Stunde das Straßen- gerausch. Auf der Rückseite der Häuser geht es derweilen auch nicht stille zu. Das Klopfen von Teppichen, Decken und Betten in den Höfen oder auf den Wirthschaftsbalcons martert mit seinem einförmigen Tacte stundenlang das Ohr' Leierkastenmänner, welche auf der Straße nicht geduldet werden, mißhandeln, unterstützt von johlenden Kinderschaaren, ihre Instrumente, und in diesem Lärm, der durch die Scheiben der Doppelfenster dringt, der sämmtliche Theile des Hauses m bestänhig vibrirender Bewegung hält, sitzen zahlreiche Menschen, welche ihre Gedanken auf einen Punkt concentriren wollen. Die Schüler der Gymnasien und anderer Anstalten welche ihr stundenlanges Arbeitspensum abzuwickeln haben, Studenten, welche sich auf Examina vorzubereiten haben, Gelehrte und Schriftsteller, welchen der Lärm den Gedankenfaden jäh abschneidet, Richter, welche ihren juristischen Scharfsinn an die Begründung ihrer Urtheile und Gutachten setzen u. s. w. Zu alledem kommt nun noch der — ich möchte sagen — interne Lärm unserer Häuser. Nicht jede Familie hat Mittel und guten Willen, sür ihre Kinder ein eigenes Zimmer zur Verfügung zu halten, in welchem dieselben auf schalldämpfenden Decken und Teppichen unbeschadet fremder Nerven ihren Spielen ^nachgehen können. Oft wird das zum Theil recht massive Spielwerk — man denke nur an Baukästen, Wagen, Trommeln und dergleichen, — auf dem unbedeckten Boden hin und her geworfen, daß in unseren hellhörigen Häusern der darunter Wohnende jedesmal jäh zusammenschreckt, öderes wird das Treppenhaus zum Tummelplatz erkoren. Und obendrein noch, was ein empfindliches Ohr den Tag über an Musik über sich ergehen lassen muß, welche von Berufenen und Unberufenen geübt wird und in dem eigenen von zahlreichen Parteien bewohnten Hause, ! aus den Nachbarhäusern, von den geöffneten Fenstern des Gegenüber in buntester Abwechselung und fast unaufhörlich auf unsere Nerven einstürmt. Die fortwährende Erregung unserer Gehörsnerven ist erne Hauptursache der heute zur Modekrankheit gewordenen Neurasthenie. Wer eine mehr oder minder mechanische Arbeit auszusühren hat, weiß die Wahrheit dieser Behauptung kaum zu würdigen. Er begleitet, um den geistigen Theil seines Jchs zu beschäftigen, sein Werk gar noch durch eine Melodie, welche er vor sich hersingt oder pfeift, und eS liegt gewiß tief begründet tm Egoismus der menschlichen Natur, daß man den Lärm, den man selber macht, nicht empfindet und sich kaum vorstellen kann, wie störend derselbe häufig auf den lieben Nächsten wirkt. Man empfindet das so recht erst, wenn man einmal selbst krank darnieder liegt oder am Krankenbette eines Angehörigen steht, wie unangenehm der Lüün reizbare Nerven beeinflußt und wer einmal einen Mittelohrkatarrh gehabt hat und Tage und Wochen lang durch die damit verbundenen subjectiven Geräusche bis zur Rasern gequält worden ist, kann sich vorstellen, wie das geräuschvolle Treiben unseres modernen Lebens langsam aber sicher an der Nervenkraft zehrt. Was geschieht nun zur Bekämpfung dieses UebelS? Man sucht durch Polizeiverordnungen den unnöthigen Gtraßenlärm, das Pfeifen und Läuten der Wagen, das sinnverwirrende Ausrufen der Waarenverkäufer, das Peitschenknallen der Kutscher u. s. w. einzuschränken. Das sind aber durchaus unzureichende Maßregeln. Biel wichtiger wäre eine gründliche Reform unseres Straßenpflasters. Das übliche Granitwürfel- oder Kopfsteinpflaster, welches noch in den meisten Städten die Straßendecke bildet, hat freilich den Vorzug der Dauerhaftigkeit für sich und ist dadurch gleichzeitig das billigste. Es brrcht sich aber mehr und mehr die Erkenntniß Bahn, daß es unter den heutigen Verkehrsverhältniffen unerträglich wtrd. Das Beispiel Berlins, wo sich auf dem von Jahr zu Jahr an Ausdehnung gewinnenden Asphaltpflaster ein ungeheurer Verkehr mit einer Ruhe abwickelt, welche den aus anderen Großstädten zum erstenmale dorthin Kommenden auf's Höchste überrascht, verdiente allgemeine Nachahmung unter Berücksichtigung aller jener Umstände, welche je nach den localen Verhältnissen die Holzpflasterung oder Maeadamisi- rung ) als zweckmäßiger erscheinen lassen können. Wenn es nun auch immer unmöglich sein wird, in unseren Hunderttausend- und Millionenstädten die Ruhe der kleinen Orte herzustellen, so ist es doch unzweifelhaft, daß auf diesem Wege wenigstens der größte und empfindlichste Theil bei Straßenlärms aus der Welt geschafft werden kann. Schwieriger ist die wünschenswerthe Ruhe im Hause herzustellen. Der Reiche und Wohlhabende, der im entlegenen Cottageviertel eine tief im Garten gelegene Billa bewohnt braucht freilich nur so viel Lärm über sich ergehen zu lasse/ als er selber will und verursacht. Wer aber gezwungen is/ in unseren modernen Häuserblocks eine bescheidenere Wohnung zu unethen, der ist dem guten oder bösen Willen seiner Nack- barn preisgegeben. Er kann höchstens aus dem Parterre, in welchem er den Straßenlärm aus nächster Quelle erhält und von den über thm wohnenden Parteien belästigt wird, in den dritten oder vierten Stock ziehen, wo im Vergleich zum Erdgeschoß eine ast idyllische Ruhe herrscht, und er wird dabei auch sonst keinen schlechten Tausch machen, da die geringere Mauer- feuchtrgkelt, die bessere Heizbarkeit und Ventilation und das rerchltcher Zutritt findende Tageslicht das Wohnen in den höheren Stockwerken zu einem viel gesünderen macht, als in den Parterregeschossen unserer vielfach schon an Steilschluchten erinnernden Straßen. Mag auch das Clavierspielen und Singen bei offenem Fenster oder zu vorgerückter Nachtstunde an den «eisten , Macadam ist eine nach dem von Mae Ad«m erfundenem 6*11,m gebaute Landstraße. 71 srs — Orten polizeilich verboten sei«, so bleibt doch noch genug Sär« übrig, der bei gutem Wille» abgestellt werden könnte. Hier kann aber nur die planmäßige Erziehung zu gegenseitiger RücksichtSnahme helfen. Was mich heute in meinem eigenen Treiben nicht geniert und waS ich deshalb mich auch nicht verpflichtet fühle, in Mcksicht auf den Nachbarn zu unter» laffen und zu mäßigen, kann, wenn ich es unter veränderten Umständen morgen von Anderen über mich ergehen laffen muß, zur Qual und Plage werden. Hier kann nur die Beherzigung deS Sprichwortes helfen: „WaS Du nicht willst, das man Dir thu', Das füg' auch keinem Andern zu." SU Preiskonkurrenz für Kochrecepte, im September d. K. von der Liebigs Fleifch-Extraet-Compagnie auS- oeichrieben, hat äußerst zahlreiche Betheiligung gefunden- wie wir erfahren, kommen sämmtliche 100 Preise (20 bis 250 Mk., insgesammt 4000 Mk.) zur Auszahlung und außerdem kauft die Compagnie noch manches nicht prämiirte Recept zu dem f. Z. festgesetzten Honorar. Dem Preisgericht, bekanntlich auS Damen vom Lette-Berein bestehend, ist es gelungen, bis zu dem angesetzten Termin die Prüfung zu beschaffen, und wie gründlich diese vorgenommen worden, dafür zeugt, daß kein Recept für die Prämiirung in Frage kam, ehe eS nicht durch praktisches Kochen in der Kochschule deS Lette-Berein« erprobt worden wäre. T ♦ * ES ist eine bedauerliche Thatsache, daß unser Obst immer, »och nicht sorgfältig genug verpackt wird. Es liegt das. daran, daß eine gute Obstverpackung theuer ist und daß die Großhändler behaupten, fie erzielten für ungenügend verpackt-- Obst, wenn es auch unansehnlich geworden, immer noch beffere Preise wie.für gut verpacktes Obst, bei dem sie die theuren Verpackungskosten mit bezahlen müssen. Um nun dem Cön- sumenten tadelloses Obst ohne allzu große Mehrkosten zu verschaffen, "wird eS nöthig sein, eine billige und gute Verpackungsart zu finden, bei deren Anwendnng die Aepfel, um diese handelt eS sich im wesentlichen,. einmal nicht leiden, zweitens aber auch nicht allzu sehr vertheuert werden. In gründlicher Weise ’tmtb die ganze Berpackungsfrage von Aepfeln in der neuesten Nummer des practischen RathgeberS im Obst- und Gartenbau erörtert. Es ist höchst sntereffant, wie da die Ansichten praktisch erfahrener Männer auseinander- gehen — aus der Diskussion sind aber klar die Schwierigkeiten zu erkennen, die zu überwinden sind. Wir können Allen, die sich für die wichtige Frage interesstren, rathen, sich die betreffende Nummer des unermüdlichen Blattes komme» zu laffen, sie wird auf Wunsch gern umsonst zugeschickt von bew SeschästSamt in Frankfurt a. d. Oder. Literarische» D« höchste» Record von allen Modenzeitungen hat die wett, — di« ächte, Lipperheibe'sche Modenwelt. Jede der zweimal «oxatlich erscheinende» Nummern mthält aus 16 Seiten großen Formate« etwa: 25 Toiletten nebst Confeetton für Erwachsene, 8 bis 10 Kleider ,c. für Kinder — meist auf künstlerisch ansprechenden, dabe, klar und deutlich gezeichneten Bildern, Darstellungen von wrrthschaft- lichen Neuheiten, Möbeln rc. Nicht genug damit, sorgt ein trefflich xrdigiries Unterhaltungsblatt für gediegene Seetüre und bietet Gelegenheit zu lebhaftem, ebenso amüsantem als lehrreichem AustauB von Anschauungen und Erfahrungen aus dem Kreise der Leserinnen. Schließlich hat jede derselben das Recht, sich zu jeder in der Zeitung enthaltenen Darstellung ein nach ihrem Maß gefertigtes naturgroßes Schnitt- inuster gegen Erstattung der Spesen von 30 Pfg. kommen zu laffen. Der Abonnementspreis dieser reichhaltigsten aller Zeitungen beträgt »ierteljährlich 1,25 Mk. Zu« Jahreswechsel. ES senkt sein Haupt so erdenmüd Der alte Jahresgreis, Denn schon in seine Arme zieht Der Tod ihn sanft und leis'. ES blickt der Greis voll Wehmuth noch Auf die entschwund'ne Zeit- Wie war so inhaltsreich sie doch, Do voller Lust und Leid! Das ganze Häuflein Mensche» drunt', T'- DaS so geschäftig eilt Dort auf dem weiten Erdenrund, Hat sich darein getheilt. — Der Eine zog das große Loos- Der ward ein reicher Mann. Dem Anderen'fiel in den Gchooß Das Glück. — Er nahm's nicht an. — Es glänzten Augen hell und klar, Es küßte mancher Mund, Und nebenan lag auf der Bahr' Ein Mensch zur selben Stund. — Biel Frohes sah der würd'ge Greis, Doch mehr noch sah er Noth Und Jammer in dem großen Kreis Der Menschheit- sah den Tod Ein reiches Erntefest begeh'»- Sah manches Auge, feucht Bon Thränen, auf zum Himmel fleh'», Der Alte seufzt- ihm deucht Trotz aller Noth doch undankbar Der Jubel, der erschallt Dort drunten in der frohen Schaar, Der ihm im Ohre hallt Wie Donner und wie HohngebrauS. » Der Menschen Jubel gilt Nicht ihm! Ihn treibt man nur hinaus. Im Herzen aber überquillt Das Weh ihm doch in stiller Nacht. Dort draußen vor dem Thor Sieht er in voller Jugendpracht Ein Bürschlein steh'n- ein Chor Bon Genien begleitet ihn: Die Hoffnung und das Glück! Doch Sorge auch mit trübem Sinn Und Täuschung mit dem Blick Der Falschheit. — Alle schmeicheln jetzt Dem künft'gen Herrscher schon Und auch die Menschheit nicht zuletzt Stimmt ein, sich selbst zum Hohn. — Doch so ein Greis ist Pessimist, Zu schwarz steht er vielleicht, Der Tod hat seine Stirn geküßt, Sein Lippenpaar gebleicht - Da sieht er Alles trüb und grau, Sieht nirgends Licht und Freud', Sieht nichts von all' dem HoffnungSthau, Der uns befruchtet heut'. Wir hoffen auf das neue Jahr. Wir weihen ihm dies Glas! , Wir bringen als Willkommen dar Ihm dieses edle Naß. Ein Prosit ihm! Es lebe hoch Die Zukunft, Liebe, Glück! , - Werft ab mir nur des Trübsinns Joch! Schaut vorwärts, nicht zurück! O. Czilinskh- A-dactk«: «. Scheyda. — SmJ uub «erlag der Brühlffche» Nuiversttiits-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Echeyda) tu Eteßm.