Samstag den 30. Octritt 1897. MD M 11| 11 । i «W-IAj I LÄ-i v3ö®W®k3\ b [• _ 1 a f' gräme Dich nicht darob, daß Arbeit sei Dein Loos, Daß oft schon saurer Schweiß Dir von der Stirne floß. Wer müßig sitzt am Markt, den fällt das Laster an, Den lockt und schleppt es leicht seitab von eb'ner Bahn. Doch wer mit muth'gem Geist in dem Berufe schafft, Einsetzt im Tagewerk die zielbewußte Kraft, Bleibt in der Jugend schon vor Anfechtung bewahrt, Im Alter wird der Schmerz der Reue ihm erspart. Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Hartwigs Ansprüche waren desto unbescheidener, aber auch sie wurden anstandslos bewilligt. Nie war der Unterschied zwischen den Brüdern so schroff zu Tage getreten wie jetzt- während Wulff-Dietrich mit seinen noch nicht vollendeten dreizehn Jahren den Eindruck eines ernstdenkenden, ruhigen, beinah verschlossenen jungen Mannes machte, verrieth sich in Hartwigs Wesen schon jetzt der ganze sorg- und anspruchslose Leichtsinn, welchen er wohl als fatales Erbtheil seiner Eltern mitbekommen. Die Grafen Niedeck hatten stets für ein solides, gewissenhaftes, ritterliches Geschlecht gegolten, Rüdiger bildete wohl die erste Ausnahme von dieser Regel. Sein ältester Sohn verleugnete das Blut seiner Ahnen nicht und schien in jeder Beziehung den Traditionen der Familie Ehre machen zu wollen. Hartwig aber war ein echtes Kind seiner modernen Zeit, das treue Abbild des Vaters, und gleich der Mutter ein fremdes Reis auf dem alten Stamm. * * * Jahre waren vergangen, fünfzehn lange Jahre. Gar Manches hatte sich in dieser Zeck geändert und wenig nur war sich gleich geblieben. Zu diesem Wenigen gehörte auch das alte Schloß Niedeck, in welchem kaum ein Stuhl von der Stelle gerückt worden war, geschweige daß eine ein greifendere Neuerung an seinem Inneren oder Aeußeren vorgenommen wäre. Die gräfliche Herrschaft wohnte nur wenige Sommer- und Herbstmonate in der Heimath; sie kam unerwartet an, und kein Mensch würde etwas von ihrer Anwesenheit gemerkt haben, wenn nicht die Bauern und Waldhüter der Equipage in den Forsten begegnet wären. In Angerwies ließ sich Niemand von der Familie blicken, ebensowenig in der Umgegend. Da Niedeck ein mächtig ausgedehnter Ländercomplex war, befanden sich keine Güter in der Nähe, auf welchen man von dem Schlosse aus hätte verkehren können. Aber Graf und Gräfin schienen gerade die Einsamkeit ganz besonders zu lieben. Sie Pflegten voll Entzücken die alten Erinnerungen, saßen Abends Hand in Hand an dem Fenster des Kutscherstübchens, und sahen sich wie einst in den Flitterwochen voll zärtlicher Anbetung in die Augen. Johanna war mit den Jahren noch stiller, fügsamer und sanfter geworden, Willibald hingegen schien die frische Luft der fremden Länder in lebhaftester Weise angeregt zu haben. Sonderling blieb er nach wie vor, — seine kleinen Eigenheiten legte er nicht ab, — aber es waren zumeist Schrullen, von denen die Außenwelt nicht viel merkte und welche seine Gatiin voll nie ermüdender Engelsgeduld ertrug. Nachdem Graf Willibald seiner Zeit die Geburt einer Tochter angezeigt hatte, schien der Klapperstorch die Adresse des Majoraisherrn vollständtg vergessen zu haben. Der Erbe, nach welchem so viele Augen voll brennenden Interesses ausschauten, ward nicht geboren, und je mehr Jahre verstrichen, ohne einen kleinen Majoratsherrn mitzubriugen, je triumphirender und selbstbewußter wiegten sich Graf Rüdiger und Melanie in der seligen Gewißheit, das Majorat unbestritten auf ihren Sohn übergehen zu sehen. Seüsamerweise hörte man so gut wie nichts von der Familie Willibalds. Niemand traf sie auf Reisen an, in keinem Fremdenbuch war der Name Niedeck zu finden, obwohl man wußte, daß die Familie in Venedig, Rom oder Neapel weilte, weil die Briefschaften von Niedeck postlagernd nach dort gesandt wurden. Dann hatte Graf Rüdiger erforscht, daß der Vetter den Winter in Kairo zubringe. Die Neugierde trieb ihn, mit seiner Gattin ebenfalls in Kairo Aufenthalt zu nehmen. Aber von Graf Willibald und seiner Familie war keine Spur zu entdecken, so sehr sie auch alle Hotels und Fremdenpensionen nach ihm abforschten. Da öfters von reichen Engländern, Amerikanern und Russen ganze, villenartige Häuser gemiethet wurden, forschte Rüdiger auch in diesen nach, doch erfuhr er nur unbekannte Namen von etlichen Ausländern, welche sich diesen Luxus gestatteten. Und doch würde es den Kammerherrn außerordentlich interessirt haben, einmal die Nichte von Angesicht zu schauen, welche nach dem eigenartigen Elternpaar ein ganz absonderliches Wesen sein mußte. Es gelang ihm aber nicht. Endlich hörte er auf Umwegen von ihr. Ein Niedccker Forstläufer war für Geld und gute Worte erbölig, von der gnädigen Comtesse Fränzchen zu erzählen. Fränzchen! Also doch Franziska getauft! Wie verrückt war das einmal wieder! So weit man zurückdenken konnte, gab es keine Franziska in der Familie, — höchstens konnte die Ovation einem lieben Nördlingen gelten. Also Comteß Fränzchen ward ihm als ein sehr frisches, derbes, außerordentlich übermüthiges Mädel geschildert, welches die Freiheit von Niedeck dazu benutze, in wildester Weise hcrumzutollen. Die Eltern seien unglaublich besorgt um das Kind. Die Gräfin schlafe nie, ohne ihr Töchterchen an der Seite zu haben, sie sei Tag und Nacht um die Kleine, warte es meist ganz allein und gestatte den Wärterinnen nur die kleinsten Handreichungen. Eine alte Engländerin, welche kein Wort Deutsch verstehe, dürfe allein das Schlafzimmer betreten. Graf Willibald schien seine Lebensaufgabe darin zu sehen, das Kind zu behüten. Fränzchen sei nie ohne die Eltern zu sehen und die Liebe zwischen ihnen geradezu abgöttisch. Ob Fränzchen hübsch sei? Auf b'e Frage war der junge Forstmann ein wenig verlegen geworden. Sie habe etwas große derbe Züge, ähnele aber doch der Gräfin. Namentlich die Augen seien so schön, so groß und braun wie die der Mutter, nur daß sie bei dem wilden Kind ganz anders dreinschauten wie bei der Gräfin. Jetzt sei eben noch nicht viel zu sagen, — aber er glaube wohl, daß das Comteßchen noch mal eine recht schmucke Dame werde! Weiter reichte die Wissensi ast des Jägers nicht, und Graf Rüdiger mußte sich mit diesem skizzenhaften Bilde der unbekannten Nichte genügen lassen. Als er es entworfen bekam, zählte Fränzchen vier Jahre, jetzt war sie schon ein Backstschchen von fünfzehn Lenzen, und noch hatte kein Mensch jemals den Schleier gehoben, welcher dieses Bild von Sais verhüllte. Als zwölf Jahre seit der Geburt der Kleinen verstrichen waren, ohne daß sich der E.be von Niedeck eingestellt hatte, schien Graf Rüdiger dos Majorat für seinen Sohn gewiß zu sein. Die ruhelosen, aber immerhin recht interessanten Wanderjah-e wurden beendet. Nach langer Abwesenheit zog Graf Rüdiger mit seiner Gemahlin abermals in Villa Casavella ein, von Neuem seine altgewohnte, glänzende Rolle in der Residenz zu spielen. Seine Familienverhältnisse hatten sich während der Zeit bedeutend verändert. Ehemals lebte er mit zwei kleinen Knaben, jetzt gingen erwachsene Söhne in seinem Hause aus und ein. Wulff-Dietrich hatte die Forstcarriöre erwählt und war bereits wohlbestallter Forstaffessor geworden. Nebenbei hatte er den Titel eines Hofjagdjunkers erhalten, denn er war bei Hofe sehr beliebt und erfreute sich besonders der Sympathien seines Herzogs Carl-Friedrich. Wie man sagte, hatte Graf Wulff-Dietrich sich diese Auszeichnung durch eine sehr amüsante Schlagfertigkeit verdient, welche ihrerzeit viel besprochen wurde. Anläßlich einer besonderen Hoffestlichkeit in Dresden schickte Herzog Carl-Friedrich eine Gesandtschaft nach dort, und attachirte derselben auch in besonderem Wohlwollen den jungen Assessor Graf Niedeck. Wie es bei solchen Gelegenheiten üblich, wurden die Herren von rem König von Sachsen decorirt, und auch Wulff.Dietrich kehrte mit einem Orden heim. Als kurze Zeit darnach ein hoher Gast im Schloß Carl-Friedrichs einkehrte, ward auch der junge Niedeck zum Dienste einberufen. Die Herren und Damen standen nach dem Galadiner zum Cercle versammelt und lauschten der mehr oder minder huldvollen Ansprachen, durch welche der zum Besuch weilende König die einzelnen Würdenträger auszeichnete. Seine Majestät war dafür bekannt, oft etwas scharf zu spotten, — man zitterte vor seinen Scherzen, weil sie zumeist für den Betroffenen den Fluch der Lächerlichkeit nach sich zogen. So stand auch diesmal der König, und bemerkte mit adlerscharfem Blick den Orden auf der Brust des blutjungen Assessors. Er schaute immer angestrengter, sein Gesicht nahm mehr und mehr den gefürchteten Ausdruck der Ironie an, und aller Augen hingen in angstvollem Schweigen an dem unglücklichen Opfer Niedeck, auf welchen der König langsam zuschritt. Er blieb vor dem Assessor stehen, blickte auf den Orden und fragte mit sarcastischem Lächeln: „Hm, sagen Sie mal, Verehrtester, was haben Sie denn schon für Sachsen gethan?" Betroffene Mienen ringsum, — Todtenstille, — nur Graf Wulff-Dietrich hielt den Kopf hoch und stolz auf den Schultern und antwortete ebenso ironisch: „Mein Möglichstes, Majestät!" Der König brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches alle Umstehenden von Herzen cinstimmten, dann reichte er dem Assessor sehr gnädig die Hand und nickte ihm zu: „Gut geantwortet, — der Herzog wird noch Freude an Ihnen haben." — Und der Herzog erlebte sie. Graf Wulff-Dietrich war einer seiner talentvollsten und strebsamsten Beamten, und wenn er auch in manchen Dingen recht eigenartig und wunderlich erschien, so sah man ihm manche Starrköpfigkeit und Schroffheit nach, weil er vollsten Respecc und Anerkennung verdiente. War es nicht in hohem Grade ehrenwerth, daß der junge Mann, trotz des Reichthums seiner Eltern, trotz des fürstlichen Majorats, welches seiner wartete, einen eisernen Fleiß entwickelte, sich selbstständig zu machen und eine Stellung aus eigener Kraft zu erwerben? Er war zu stolz, um fich von unverdientem Gelde ernähren zu lassen, er war viel zu edel und rechtlich denkend, um dem blinden Zufall seine Existenz verdanken zu wollen. Selbst ist der Mann! — Was er im Leben war und galt, wollte er nur sich allein verdanken. Allerdings übertrieb er in dieser Ansicht ein wenig. Wie man sagte, nahm er nur die allernothwendigste Zulage von den Eltern an, lebte so solid und einfach wie seine unbemittelsten Collegen und hielt sich der Residenz mit ihrem kostspieligen Hofleben mit Vorliebe fern. Der Herzog schien ganz andere Pläne betreffs seiner Carriöre zu haben, — und sehr ungern gab er dem Gesuch des jungen Grafen nach, in der Abgeschiedenheit der Wälder seinen Dienst verrichten zu können. Als abermaliges Zeichen besonderer Huld beförderte der Landesherr ihn zum Oberförster auf Leuenstein, einem Jagdschloß des Herzogs, romantisch im Gebirge gelegen, auf welchem der hohe Herr öfters im Jahre weilte, die verschiedenen Jagden abzuhalten. Graf Wulff-Dietrich lebte dort in anspruchsloser und bescheidener Weise, nun völlig sein eigener Herr und auf eigenen Füßen stehend. Sein Weg führte ihn nur daun in die Residenz, wenn die Eltern ihn zu den hohen christlichen Festen, zu Geburtstagen oder sonstigen Feierlichkeiten einluden, oder wenn er Befehl bekam, seiner Stellung als Jagdjunker gemäß am Hofe Dienst zu rhun. Welch ein Unterschied zwischen Wulff-Dietrich und seinem Bruder Hartwig! Graf Rüdiger hatte seinen jüngsten Sohn bei den Dragonern, welche in der Residenz standen, eintreten lassen, und so sparsam und anspruchslos wie der künftige Majoratsherr von Niedeck lebte, so grenzenlos verwöhnt und unberechenbar war Hartwig. Die Zulage, welche er von den Eltern bezog, war enorm, und weil Wulff-Dietrich keinerlei Unterstützung mehr von dem Vater annahm, so erzählte man sich, daß Hartwig auch noch den Theil, welcher für den 507 Bruder ausgesetzt gewesen, gleich einem Nimmersatten Moloch verschlänge. Und trotzdem war er oft in Geldverlegenheit und benöthigt, die Hilfe der verblendeten Eltern gar manchmal privatim anzurufen. Trotz seines Leichtsinnes erfreute sich der junge Graf einer gewissen Beliebtheit. Seine äußere Erscheinung war hübsch und elegant, wenn auch sein rundes Gesicht mit dem dunklen, gebrannten Schnurrtbärtchen etwas Puppenhaftes gegen die stolzen, großen, gradlinigen Züge des Bruders hatte. Hartwig war auch bedeutend kleiner, wie Wulff-Dietrich, dessen hohe, schlanke Gestalt mit der imponirend ruhigen Haltung die mefften Herren noch um eines Haupteslänge überragte. Hartwig besaß alle gesellschaftlichen Talente, welche dem zukünftigen Majoratsherrn abgingen, er verstand es, zu amüsiren, — er machte ungezählten Damen die Cour, — er wettete und trank mit den Kameraden, er sagte den ver- heiratheten Damen die verwegensten Elogen, — zahlte verschwenderische Summen für alle Suppenvereine, Kranken-, Waisen- und Armenhäuser, welche die unverheiratheten älteren Damen leiteten, er arrangirte alle Partien, Casinofeste, Theateraufführungen, und Lawn - tennis - Schlachten, welche Mütter und Töchter von ihm verlangten, und so war es selbstverständlich, daß er eine hervorragende Rolle in der Gesellschaft spielte und unbestritten als Löwe des Tages in den Salons herrschte. ♦ * -r- Das Weihnachtsfest stand vor der Thür. Ueber den glitzernden Fahrweg, welcher vor dem strahlend erleuchteten Portal der Billa Casabella mündete, rollte die Equipage, welche Graf Wulff-Dietrich von der Bahn abgeholt hatte. Ohne auf die Hilfe der Dienerschaft zu warten, stieß der junge Oberförster selbst den Schlag zurück und sprang auf die spiegelnden Mosaikfliesen nieder. Er stach wunderlich gegen seine prächtige Umgebung ab, als er in dem einfachen, grauen Jagdcivil die goldgegitterte Treppe emporstieg, aber die Diener verneigten sich so respektvoll vor ihm, wie vor einem Manne, welchem man nicht nur Ehre anthun muß, sondern welchem man auch gern alle Ehre erweist. Die Gräfin trat ihm mit phrasenhaftem Willkommen entgegen und Graf Rüdiger umarmte ihn voll gönnerhaften Wohlwollens, nur Hartwig blieb ungenirt in dem bequemen Sessel liegen, breitete die Arme weit aus und sang mit viel Stimme und wenig Melodie: „Max, schieß nicht — ich bin die weiße Taube!" — ein kleiner Scherz für den „gräflichen Jagdbursch", welcher Gräfin Mutter außerordentlich amüsirte „Ja, lieber Wulff, der arrogante kleine Schlingel da kann es Dir immer noch nicht recht verzeihen, daß Du in die simple Jägerjoppe geschlüpft bist!" lachte sie — und fügte ein wenig schmollend hinzu, „ebenso wie es Deiner eitlen Mutter stets v n Neuem einen Stich ins Herz giebt, wenn sie ihren Aeltesten so schmucklos gekleidet daherkommen sieht —" „Hm. — Ein Ordensstern und Tressenhut, die sind gar schön — die sind gar gut!" intonirte der Dragoner abermals, dem Bruder die Hand schüttelnd und alsdann in Prosa fortfahrend: „Ich verwahre mich gegen Deine Anschuldigung, Mama, unser theurer Freischütz ist ein durchaus schmucker Bursch, welcher sogar den Ordensstern aufweisen kann! Was willst Du —? Sein Civil hat tadellosen Schnitt, — verkaffert ist Wulff - Dietrich nicht in seiner Einsamkeit, sondern trotz diesem „Grau in Grau" so pschütt, daß ich morgen Vormittag öffentlich mit ihm spazieren gehen will!" „Grau in Grau! das ist es ja !" seufzte Gräfin Melanie und schmiegte sich so zärtlich vorwurfsvoll an den Arm ihres Großen, daß ihre elegante Toilette in allen Seidenfalten rauschte, süßer Goldliliendust jeder Spitze und Bandschleife zu entschweben schien. „Mein schöner, stattlicher Junge verkriecht sich in ein Fledermausfell, während er in blitzender Uniform ein Gott unter Sterblichen sein würde!" „O Eitelkeit, Dein Name ist Mutter!" Wulff-Dietrich küßte die diamantglitzernden Fingerchen der noch immer sehr jugendlichen Mama: „Wie schade, daß das Schöne mit dem Nützlichen so selten Hand in Hand geht!" setzte er lächelnd hinzu: „Als Offizier würde ich Euch jetzt noch ebensoviel schweres Geld kosten, wie der blaue Apoll dort — welcher seine Götterherrlichkeit recht theuer bezahlen muß,- als Jägermaxel brauch ich Euch aber nicht mehr zur Last zu fallen, sondern verdiene selber genug —" „Um Weib und Kind ernähren zu können! bravo! das klingt unendlich ehrbar und bieder — so herzerfreulich wie das Lied vom braven Mann!" amüsirte sich Hartwig, die silbernen Sporen melodisch zusammenklingend: „Aber wie das Lied eines künftigen Majoratsherrn und reichsten Groß- Grundbesitzers klingt es nicht! Teufel, cs ist ein rechter Mißgriff des Schicksals, daß es nicht mich zum Apltesten von uns Beiden gemacht hat!" Wulff-Dietrich hatte zwischen seinen Eltern Platz genommen. Er zuckte in seiner ruhigen Weise die Achseln: „Vorläufig hat uns das Schicksal alle Beide noch nicht zum Majoratsherrn gemacht, weder Dich noch mich!" Schallendes Gelächter. „Mensch! —Wulff! — glaubst Du etwa jetzt noch, daß sich Tante Johanna, die Buckliche, mit Kinderkrankheiten abgeben wird?" „Nein, aber trotzdem rechne ich nicht eher mit einer Möglichkeit, als bis sie zur Thatsache geworden ist!" „Das möchte doch unpraktisch sein —" schüttelte Graf Rüdiger den Kopf: „und hatte ich Dir im Gegemheil eine ganz andere Rolle in diesem Erbfolgekrieg zugedacht!" „So? und welche?" „Du mußt Dir bei Zeiten — jetzt, — so schnell wie möglich einen Verbündeten sichern, welcher Dir den Steg garantirt!" „Ich verstehe Dich nicht, Papa." Hartwig stieß den Vater kichernd an: „Die Leute in der Provinz sind viel zu harmlos, um auf solche Spitzfindigkeiten zu reagiren, wenn da nicht der Brautbitter mit dem Strauß in der Hand an der Thür klopft und sein Berschen stammelt, wissen sie nicht, was von ihnen verlangt wird!" Wulff-Dietrich lachte: „Ach — Heirathsprojecte! — Hm, ich dächte, die Majoratsherrn von Niedeck wurden nicht lange um ihren Geschmack gefragt!" „Ganz recht! die sechzehn Ahnen werden immer rarer hier zu Land, und kannst Du factisch von colossalem Glück reden, daß die Einzige, welche Deine Zukünftige werden stann, ein junges, reizendes Mädchen, ohne Buckel oder Blatternarben ist!" „Meine Zukünftige! — gräßlich, von einem wildfremden Wesen derart sprechen zu können! Ich kenne bis jetzt keine junge Dame, welche ich zur Gräfin Niedeck machen möchte!" „Um so besser, daß Dein Vater Deiner Unentschlossenheit zu Hilfe gekommen ist!" — Hartwig drehte die Daumen umeinander und recitirte: „Dann kommt mein Sohn Wulff-Dietrich und macht zu seiner Gräfin Dich!" „Ach so! der Heirathsantrag, welchen Papa dem Wickelkinde Pia machte! — Hat das blonde Kind wirklich geduldig auf den verschriebenen Freier gewartet?" „Das versteht sich, Pia weiß wohl, was sie dem Geschlecht der Niedeck schuldig ist! Und wie glücklich sich das trifft! Ihr Vater — welcher doch seit Jahren nach R. versetzt war, hat jetzt als Oberstlieutenant den Abschied genommen — wie man sagt, aus Gesundheitsrücksichten! — und zieht sich nun hierher in das Haus seiner Väter zurück. (Fortsetzung folgt.) — 508 Rothe und aufgesprungene Hande. Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Jetzt kommt wieder die Jahreszeit, wo viele Personen schier in Verzweiflung gerathen über ihre „ewig rothen Hände". Thut man dagegen nicht bald etwas, so pflegen diese auch noch meist ganz rauh zu werden und schließlich aufzuspringen. Das ist nicht nur sehr unangenehm und störend, sondern bereitet auch heftige Schmerzen. Zur Bekämpfung der unangenehmen Röthe der Hände sind zu den verschiedensten Zeiten eine große Reihe von Mitteln empfohlen und wieder verworfen worden, der beste Beweis dafür, daß sie alle nicht den an sie gestellten Anforderungen genügt haben. Das Wichtigste ist, die Hände nie außerordentlichen Temperaturgraden sowohl in der Wärme wie in der Kälte auszusetzen, also nie zu heißes oder zu kaltes Waschwasser zu benutzen. Ebenso ist der jähe Uebergang von der Wärme in die Kälte und umgekehrt zu meiden. Die betreffenden Personen müssen sowohl im Sommer wie im Winter im Freien Handschuhe tragen. Zu häufiges Waschen und starkes Frottiren der Hände ist zu meiden. Als Seife soll eine neutrale oder sogenannte harte Sodakernseife gebraucht werden, das Wasser soll lauwarm sein, es darf kein Ueberrest von Seife an den Händen bleiben, ebenso muß durch Abtrocknen alle Feuchtigkeit entfernt werden, so daß die Hände vollkommen trocken sind. Ganz falsch ist es, die Hände zum vollständigen Trocknen an den warmen Ofen zu halten. Es empfiehlt sich dann, eine dünne Schicht Lanolin Creme aufzutragen und auf der Haut ordentlich zu verreiben- der Ueberschuß wird durch Abwischen mit einem trockenen Tuch entfernt. Während der Nacht streiche man eine dickere Schicht Lanolin-Cröme auf und trage darüber Glacehandschuhe. Durch diese, längere Zeit fortgesetzte Pflege der Hände erreicht man sehr gute Resultate, die Haut springt nie mehr auf, sondern wird zart und weich und verliert ihre Röthe meist ganz. Will Jemand, der an rothen Händen leidet, für einen besonderen Fall, z. B. zum Besuch einer Festlichkeit, die Röthe verdecken, so thut er dies am besten durch Aufträgen von gelbem Puder. GsineinnÄtziges. Stachelbeersträucher pflanzt man am zweckmäßigsten in den Monaten October und November. Ist der Stachelbeerstrauch auch mit fast jeder Bodenbeschaffenheit, jedem Standort zufrieden, so sagt ihm doch am besten zu eine möglichst freie, wenn auch halbschattige Lage und ein etwas feuchter, nahrhafter Gartenboden. Auf zu trockenem Boden bleiben die Früchte klein. Bei der Pflanzung selbst ist auf weiter nichts zu achten, als daß die Pflanzen in tief umgegrabenes, gut gedüngtes Land, aber in demselben nicht zu tief zu stehen kommen, das heißt nicht tiefer, als sie erst gestanden haben und daß die Wurzeln gut vertheilt, mit Erde ausgesüllt werden. Im Herbst ist beim Pflanzen ein Angießen nicht B-dingung, man tritt nur die Erde um den Stamm gut fest und deckt eine Lage kurzen Dünger um den- Behufs Vertilgung verschiedener Obstbaumschädlinge empfiehlt sich das Umgraben der Erde um den Baum herum in einer Entfernung von 1 bis 2 Meter vom Stamm ab. Wird der Boden offen gehalten, so macht die Winterkälte dem Ungeziefer sehr bald den Garaus. Um den Frostspanner zu vernichten, muß nun die Anlegung der Klebgürtel erfolgen. Die Rinde in der Gürtelzone muß gut abgekratzt werden, damit der Klebgürtel sich dem Stamme gut anschließt. Sind die Bäume mit Pfählen versehen, so muß auch der Pfahl einen Klebgürtel erhalten und zwar in genau derselben Höhe wie am Stamm. * Weintrauben bis in den Winter ansznbewahre«. Man taucht die Traubenstengel nach dem Abschneiden mit der Schnittfläche in zerschmolzenes Paraffin, legt sie dann in Watte und bewahrt sie in einer Kiste auf- am besten zur Aufbewahrung eignen sich Gutedel, Frankenthaler, blaue Trollinger, schwarze Hamburger. Oder man verklebt das obere Ende der Rebe mit Baumwachs, Siegellack oder sonstigem Material, steckt den unteren Theil der Rebe in mit Wasser gefüllte Flaschen und stellt letztere in einem kühlen, trockenen Zimmer so auf, daß die Traube frei herabhängt. Diese Art Aufbewahrung eignet sich selbstredend nur, wenn nur ein kleines Quantum conservirt werden soll. Die Hauptbedingung für die Aufbewahrung ist, daß die Trauben ganz sorgfältig bei sonnigem, trockenem Wetter geschnitten werden, am besten, wenn die Beeren nicht zu reif sind und etwas locker sitzen. _______________ Humoristisches. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Deutlich. Aufdringlicher Gast (im Cafs zu seinem Nachbar den Rauch seiner „Echten" hinüberblasend): „Wie finden Sie die Cigarre?" „Nun, sie kohlt eben auch!" — Sehr richtig. Frau Müller: „Sehen Sie nur den feinen Leichenwagen!" Frau Schulze: „So einen kriegt Unsereiner im ganzen Leben nicht!" — Küchenkniffe. „Na, sei man ruhig, Fränz'ken, es bleibt schon was für Dir von die Karbonade, und wenn nich, denn zerschlage ick bet erste Beste, denn läßt die Madame vor Aerger bet janze Essen steh'n!" — Lückenbüßer. „Aber, Emmi, wie kannst Du Dich nur mit bem Kellner unterhalten?" „Laß gut sein, liebe Toni, bei ben schlechten Zeiten ist ber Kellner auch ein Mensch." Literarisches Die parlamentarischen Vorgänge in Oesterreich, welche jüngst in dem Duell Badeni-Wolff eine sensationelle Episode gezeitigt haben, finden in dem zweiten Hefte von „Vom Fels zum Meer (Stuttgart, Verlag der Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Preis des Heftes 75 Pfg.) eine interessante Darstellung, die durch die Beigabe eines doppelseitigen Kunstblattes „Eine Sitzung des Oesterreichischen Abgeordnetenhauses" einen besonderen Reiz erhält. Nicht weniger als 50 Porträts enthaltend, führt die von F. von Myrbach gefertigte Zeichnung alle bemerkenswerthen Parlamentarier und die Mehrzahl der Minister dem Beschauer auf, in ungezwungener Haltung, in voller Echtheit der Bewegungen und Gebärden, so daß man einen vollen Einblick in die fast immer so stürmisch verlaufenden Sitzungen gewinnt. — Im Romaniheil von „Vom Fels zum Meer" gelangt die überaus feffelnde Novelle „Gedankei.schuld" von Isolde Kurz zum Abschluß, während ent größerer Roman von Ilse Frapan „Die Betrogenen" beginnt und der Radfahrroman „Eldena" von Wilhelm Meyer-Förster durch seinen prächtigen Inhalt immer mehr das Jntereffe des Lesers fesselt. Wir können die Hefte von „Vom Fels zum Meer" in ihrer geschmackvollen und reichen Ausstattung und mit ihrem modernen, geistig-gehaltvollen Inhalt unfern Lesern auf's Wärmste empfehlen Unser Salz. Für unseren Haushalt kommt Salz hauptsächlich als Verdauungs- und Conservirungsmiitel in Betracht. Es soll „die Absonderung von Speichel und den Austritt von Verdauungssästen aus den Drüsen der Magenschleimhaut befördern", zwei Umstände, die für die menschliche Verdauung von hoher Bedeutung sind. Scharf gesalzene Sachen, z. B. Caviar, Sardellen re., regen den Appetit an. Wir reichen sie daher als Vorkost, um empfänglicher zu machen. Diese sowie alle übrigen Verwendungsarten des Salzes im täglichen Leben finden eine interessante und erschöpfende Darlegung im neuesten Hefte der allbeued- ten illustrirten Familienzeitschrift „Zur Guten Stunde" (Berlin V. 57, Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.). Auch die übrigen Darbietungen tragen dazu bei, dieses Heft wiederum als eine ganz besonders glänzende Gabe unserer Journalliteratur hinzustellen. Redaetion: 8L Scheyda. — Druck und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m Bietzen.