Warum glaubtest Du nicht? Skizze von Fritz Gregori. ------- (Nachdruck verboten.) Er saß über den Schreibtisch gebückt und schrieb hastig. Hin und wieder strich er mit der Linken durch das dünne, ungescheitelre Haar und sah gerade vor sich hin. Dann sührie er wieder die Feder über das Papier und reihte Linie an Linie. Endlich legte er die Feder zur Seile und überlas die Zeilen, strich hier ein Wort, setzte dort eines hinzu und legte das Blatt auf einen Haufen anderer, die eine kupferne Eidechse zusammendrückte. Tiefathmend legte er sich im Sessel zurück. Sein erstes Drama. Das Ziel seiner Sehnsucht. Die letzte Stufe seiner dichterischen Entwickelung. Nach der edelsten und vollkommensten Blüthe am Baum der Poesie streckte er die Hand aus: Würde er sie pflücken? Ein Zagen quoll in ihm auf. Es wich sogleich der Ruhe fester Zuversicht. Hatte er nicht das Recht, an sich zu glauben? Seine Novellen hatten bei Kritik und Publikum Anerkennung gefunden, der Roman, den er ihnen folgen ließ, ihm einen Platz in den vorderen Reihen der modernen Prosaschriftsteller erworben. Damals litt es ihn nicht länger in der kleinen Provinzialstadt, deren gelesenste Zeitung er redigirte. Die nagende Sehnsucht nach dem raschen, feurigen Leben, das jenseits der Mauern der engen Stadt rauschte, nahm ihm die Freude zur Arbeit; der Duustkreis der Rücksichten und Vorurtheile, in dem er ermattete, lähmte seinen Geist und Willen. Niemals meinte er hier zu dem Vermögen heranzureifen, Menschcngröße und Menschenelend in den Gestalten eines Bühnenwerkes zu verkörpern. Eines Abends hatte er angefangen, zu Sabine, seinem jungen Weibe, von feiner Qual und seinen Hoffnungen zu reden. Und als er in leidenschaftlichem Flehen sie gefragt, ob sie ihm nach Berlin folgen wolle, war ein freudiges „Ja" die Antwort gewesen. 1897 u K HämbäcK «* Ct B / Du meistens vernünftig und klug, Sf'1 Das schützt Dich vielleicht vor Anderer Betrug; Doch Deine beste Klugheit mußt Du sparen, Dich vor eigenen Dummheiten zu bewahren. Alb. Roderich. Das war eine hehre, große Stunde gewesen, ihre wahre Hochzeitsstunde! Er siedelte nach Berlin über, ungeachtet der spöttischen, mitleidigen Warnungen der Verwandten seiner Frau. In rastloser Arbeit vergingen ihm die ersten Jahre. Die Abfassung literarischer Aufsätze und Ueber- setzungen ausländischer Schriftsteller ließen ihm nur für Skizzen und Novelletten Zeit und Muße. Alle diese Arbeiten dünkten ihm nur eine Vorbereitung auf sein erstes Bühnenwerk. Als seine äußeren Verhältnisse auf einige Zeit gesichert schienen, überließ er sich ganz seinem Lieblingsgedanken. Er erfaßte Stoffe und verwarf sie, er fertigte Entwürfe an und vernichtete sie . . . Die Erkrankung seines einzigen Söhnchens riß ihn mitten aus seinem Ringen. Nicht genug, daß es nach wenigen Tagen der tückischen Krankheit erlag. Kaum hatte sich das Grab über dem Kinde geschlossen, als dieselbe Krankheit, deren Keim sie sich von den Lippen des abgöttisch geliebten Sohnes gesogen, auch die Mutterhaus das Siechbettfwarf. Wochen hindurch saß er an ihrer Seite und hielt ihre heißen Hände. In stillen Nächten, wenn er das bleiche, magere Gesicht, umrahmt von dunkelm Haar, in den Kissen liegen sah, kam ihm wohl die Versuchung, die Hände zu falten und zu beten. Aber zornig schüttelte er sie stets von sich ab. Statt sie zu falten, hob er wohl die geballte Rechte und schüttelte sie in wildem Trotz. Er hätte mit dem Gott, der in ewiges Dunkel gehüllt, die Menschen werden und vergehen ließ, um sein Weib ringen mögen! Sabine genas. „Schonen Sie sie," hatte der Arzt gesagt, „eine gewisse Herzschwäche ist zurückgeblieben." Da hatte er den Rest seiner Ersparnisse in Sabinens Hände gelegt: „Pflege Dich gut." Er übernahm kleinere schriftstellerische Arbeiten, um Geld zu verdienen. Aber immer heftiger hatte sich der Künstler in ihm gegen die Brodarbeit aufgelehnt, immer mächtiger drängten die Gedanken zurück zu seinem alten Traum. Eines Abends, als er grübelnd vor dem Schreibtisch saß, war die dramatische Gestalten und Vorgänge gebärende Idee plötzlich wie ungesucht in ihm aufgeblitzt. Klar löste sie sich aus dem Chaos der Gedanken, das in ihm wühlte. Wie ein Fieber erfaßte cs ihn. Nicht lange, so lag das Drama in seinem Geiste fest, in fiel)' geschlossen, lückenlos. Nun saß er schon über einen Monat und schrieb und schrieb, die fliehenden Gedanken in Worte bannend. Heute hatte er den dritten Act vollendet. Dies Alles, Licht und Schatten, zog an seiner Seele 454 vorüber. Er saß, das Auge an die Decke des Zimmers geheftet. Er träumte von Ruhm, Ehre, Gold . . Sabine trat in das Zimmer ihres Gatten. Die großen, braunen Augen fahen müde unter der von dichten Flechten kastanienbraunen Haares umflossenen Stirn hervor, die blassen Lippen waren fest geschlossen. Röder schreckte auf und wandte den Kopf. Sabine setzte sich auf den Stuhl zur Seite des Schreibtisches. Ihr Gatte beugte sich zu ihr und sah ihr tief in die Augen. „Warum so traurig, Geliebte?" fragte er. Sabine versuchte zu lächeln. „Ich wollte Dich bitten, mir etwas Geld zu geben," sagte sie leise. Röder richtete sich auf. Eine jähe Röthe bedeckte sein Antlitz. „Ich habe nichts," sagte er zögernd. „So hast Du in der letzten Zeit gar nichts mehr qe- arbettet?" erwiderte Sabine. „Doch, doch!" rief Röder. „Ich arbeite an einem Drama. Ich wollte Dich damit überraschen. — Mein erstes Bühnenwerk, setzte er mit stolzem Lächeln hinzu. „Und wenn's abgelehnt wird?" sagte Sabine. „Wir schränken uns ein," warf Röder hin, „ich brauche nichts." " „Paul," sagte Sabine mit stärkerer Stimme, „Du hast dre Sorge, für die täglichen Bedürfnisse mir überlassen. Ich habe sie auf mich genommen und geschwiegen, weil ich glaubte. Du arbeitest, um Geld zu verdienen. Jetzt muß und will ich reden. Wohl schon seit einem Monat habe ich von Tur kein Geld mehr bekommen. Ich trug mein Silber ms Pfandhaus, ein Stück nach dem anderen, sparte und entbehrte, wo ich konnte. Jetzt habe ich nichts mehr fortzutragen, und da ich zu Dir komme in der Meinung, daß Du auch das Deinige gethan hast, finde ich Dich müßig, mit trügerischen Hofinungen Deine Zeit vergeudend." Röder lehnte am Fenster und sah finster vor sich hin. Aus jebent Wort Sabinens grinste ihn die Roth an. Sie griff nach ihm mit ihren knöchernen Fingern und wollte ihn hinabziehen aus der Welt, in der er sich frei und glücklich fühlte, hinab in den Staub der Erde. Zorn und Ekel schüttelten ihn. „Ich werde sehen, mir irgendwo Geld zu leihen," sagte er verächtlich. 1 ' '„Immer„leihen, leihen," klangte es zurück, „und wovon wiedergeben?" Röder zuckte ungeduldig mit den Achseln. k "Es .wird sich Rath schaffen lassen. Ja, Rath für heute und vielleicht morgen," entgegnete Sabine, „und übermorgen stehen wir wieder vor dem Nichts. Das ist's ja, was mir so unerträglich geworden ist, diese Sorge von einem Tag zum andern, dieses Leben von der Hand in den Mund, diese Unsicherheit, die kein Gefühl der Ruhe aufkommen läßt." „Du mußt Geduld haben," sagte Röder, „ich kann mich letzt nicht mit einer anderen Materie beschäftigen." //Immer Geduld, Geduld," klagte Sabine. „Bin ich nicht geduldig gewesen? In den letzten Wochen habe ich von Dir nichts gehabt. Kaum, daß Du Dir Zeit nahmst, Deine Mahlzeiten herunterzuschlucken, so gingst Du wieder m Dem Zimmer, und ich blieb den ganzen Tag allein. Früher beschäftigte ich mich mit Bruno, aber jetzt?" — sie 7" "nid)t einmal spazieren gehst Du mit mir, was ich doch so nöthig habe." „Aber liebes Kind," sagte Röder weich, es wäre auch mir angenehmer, wenn ich mich Dir mehr widmen könnte. Warte nur, bis meine Arbeit fertig ist, was nicht mehr lange dauern dürfte. — Dann leben wir wieder wie Turteltauben," scherzte er. „Nein, ich kann das Leben nicht mehr ertragen," sagte Sabine weinend, „es raubt mir den Rest meiner Lebenskraft und macht mich wankend in der Liebe zu Dir." Röder trat rasch an die Seite seiner Gattin und beugte sich zu ihr. „Sabme," sagte er flehend, „Du hast mir bisher treu zur Seite gestanden als mein gutes, tapferes Weib. Willst Du jetzt müde werden, da es gilt, den letzten Anlauf zu nehmen zum großen, entscheidenden Siegen? Sabine, sei stark und glaube!" „Sabine drückte die Hände vors Gesicht. Ihr geschwächter Körper zitterte. Röder kniete nieder, schlang die Arme um Sabinens Leib und flüsterte: „Sabine, was soll ich thun, sprich, was soll ich thun?" Sabine legte die Hände auf seine Schultern und sah ihm ängstlich - flehend in die Augen. „Nimm eine feste Stellung an," bat sie. 1 Sie fühlte, wie ein Beben durch den Körper ihres Gatten ging. Groß und erschrocken waren seine Augen auf sie gerichtet. Er machte sich sanft los und erhob sich. „Bitte, thu's," flehte Sabine. Röder ging langsam, wie tastend, durch das Zimmer. „Sabine," sagte er endlich mit verschleierter Stimme, „wenn Du mich liebst, kannst Du das nicht von mir fordern, nein, das nicht." „Paul, ich bitte Dich, thu's,- Du giebst mir meine Ruhe wieder." Röder schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt geworden," sagte er, „um mich der Bureauarbeit anzupassen. Ich bin gewöhnt, dem Wesen der Dinge nachzudringen, der Sinn für das Aeußere, Nebensächliche, den jede Bureauarbeit fordert, ist mir verloren gegangen." „Du hast's früher gekonnt, warum jetzt nicht?" entgegnete Sabine. „Ja, früher," sagte Röder, „bis mir der Widerspruch zwischen meinem Beruf und meiner Beschäftigung unerträglich wurde." „Wenn Du nur wolltest," sagte Sabine scharf. „Aber Du willst nicht, weil Du mich nicht liebst." Röder hob den Kopf. „Sabine," sagte er, „sprich nichts aus, was Du selbst nicht glaubst. Es wäre ein Hohn auf mein bisheriges Streben, eine Verneinung meines Selbst, wollte ich auf Dein Verlangen eingehen." „Redensarten, von denen ich nicht satt werde," warf Sabine hin. Röder ging hastig von einer Ecke des Zimmers zur andern. „Wie?" sagte er zu sich selbst, „ich soll ein Amt annehmen, das für mich nichts weiter bedeutet als eine melkende Kuh? Für das Schaffen aus mir heraus nur den Rest von Zeit und Kraft anwenden dürfen, den es mir läßt? Und wofür? Für Deine Ruhe? Sabine, Sabine, wenn Du glauben könntest! — Giebt es denn wirklich nicht den mächtigen, Berge versetzenden Glauben, den Jesus von Nazareth bei den Menschen vergeblich suchte?" Er rief es, Schmerz und Sehnsucht in seinen Zügen. „Du entsinnst Dich vielleicht, daß die erste Tugend, die jener Mann predigte, die Selbstverleugnung war?" sagte Sabine höhnisch. Die Muskeln in Röders Antlitz zogen sich straff. „Und jener Mann," rief er, „sagte: Aergert Dich Dein rechtes Auge, so reiß' es aus und wirf es von Dir." Er begegnete dem wirren, verständnißlosen Blick Sabinens. Es war ihm, als ob sich eine Kluft vor ihm öffnete, die ihn von Sabine auf immer trennte. Und dann wurde es klar und ruhig in ihm, wie es in der Seele des Menschen klar und ruhig wird, der auf hohem Bergesgipfel steht, um ihn die mächtige, schweigende Natur und weit, wett unten im nebligen Thal die Hütten der Menschen. „Du willst meinen Wunsch nicht erfüllen?" unterbrach Sabine die Stille, während sie sich erhob. Röder schüttelte den Kopf. „Ich darf es nicht," sagte er. 455 „Und was verbietens Dir?" fragte Sabine schwer athmend. „Die Pflicht gegen mich selbst." „Ich kenne nur eine Pflicht des Mannes. Das ist die Pflicht, für sein Weib zu sorgen." „Und ich kenne nur eine Pflicht des Weibes, das ist die Pflicht, den Mann zu fördern und nicht zu hemmen," klang es zurück. „Aber was soll denn aus mir werden?" schrie Sabine auf. „Sabine," sagte Röder leise und traurig, „wie der Sieger von Gethsemane, als er zu seinen Jüngern kam und sie schlafend fand, kannst Du nicht eine Stunde mit mir hungern?" „Nein, das kann ich nicht, das will ich nicht! Hörst Du, ich will nicht, will nicht!" Thränen stürzten aus ihren Augen, sie stampfte mit dem Fuß auf und ballte die Hände. „So gehe dorthin, wo Du findest, was Du zu Deinem Leben brauchst!" Röder stand hoch aufgerichtet mit flammenden Augen. Sabine starrte ihn an. Sie sah nur den grausamen Zug um seinen Mund, der Zug der Grausamkeit des Genies. Sie wandte sich und ging, die Füße schleppend, zur Thür. Die Klinke sprang ein. Röder starrte auf die Thür, das Blut jagte in seinen Adern . . . Es war im Winter desselben Jahres. Die Foyers des Lessingtheaters leerten sich langsam. Auf den Gesichtern der heimkehrenden Besucher prägten sich Befriedigung und Erhobensein aus. „Ach, dieser Röder," sagte ein großer, schlanker Herr mit dunklem, graumelirtem Vollbart zu seinem Collegen, einem Kritiker, während sie sich die Pelze überwarfen," „ein ganzer Mann."!" „Hm," entgegnete der Andere, „ein großer Erfolg." „'s ist ihm zu gönnen," fuhr Jener fort, „vor zwei Wochen starb seine Frau an Herzkrämpfen." „War er verheirathet? Er wohnte doch meublirt?" „Erst nachdem seine Frau im Frühjahr zu ihren Verwandten gegangen war, um sich zu erholen." „Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch," declamirte der Andere. Jener zuckte die Achseln. Röder stand am Fenster seines Zimmers und preßte die heiße Stirn gegen die Scheiben. „Sabine, Sabine, warum glaubtest Du nicht?" klang es klagend in ihm. Ist Radfahren fiit Frauen ungesund? Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Für vollständig gesunde Frauen ist ein sehr mäßiges und nicht lange ausgedehntes, gleichsam „in homöopathischen Dosen" ausgeübtes Radfahren hygienisch ebenso nützlich wie für Männer. Den Begriff „Frauen" müssen wir hier aber auf alle jene weiblichen Personen streng begrenzen, welche die Entwickelungsjahre schon einige Zeit hinter sich haben, also jedenfalls, um einmal ungefähr ein Lebensalter anzugeben, das achtzehnte Jahr überschritten haben. Nur auf Solche ist auch Alles in dem Folgenden Gesagte zu beziehen, während der hygienische Einfluß des Radfahrens auf jüngere Mädchen in einer anderen Abhandlung dargelegt werden soll. Für Frauen bildet das Radfahren zunächst eine vorzügliche Körpergymnastik. Und gerade diejenige Kategorie von Frauen, welche uns Männern als die idealste vorschwebt, die stets rührige, schaffende Hausfrau, welche von Dichtern und Rednern in Vers und Wort hoch gerühmt wird, gerade sie bedarf einer gesunden, körperlichen Bewegung gar sehr. Zwar hat sie auch daheim in der Häuslichkeit viel Bewegung, oft mehr als ihr lieb ist, jetzt in der Küche, dann in der Kinderstube und nachher an der Nähmaschine. Aber das ist keine Körperbewegung oder Gymnastik in hygienischem Sinne. Die Küche mit ihrem Rauch und Kochdunst, die Kinderstube mit den Staubwolken und dem Lärmen, das Arbeitszimmer, wo sie bei einförmig abspannender Handarbeit meist in gebückter Haltung stundenlang sitzt, das sind keine Orte, wo die Lunge ihr Lebenselement (pabulum vitae), frische, ozonreiche Luft in vollen, tiefen Zügen einathmen kann, wo die Nerven gestärkt und die Sinne belebt werden können. Aber draußen in der frischen Luft und freien Gottesnatur in mäßigem Tempo dahinzuradeln im Frühling und Herbst durch Feld und Flur, wo ein belebendes Frühlingsahnen Geist und Körper durchbebt oder ein wohliges Herbsteswehen die Glieder erfrischt, im Sommer auf schattigen Wegen oder des Morgens der lachenden Sonne entgegen und Abends dem glutrothen Abendroth einen Abschied zuwinkend, das erhebt die Seele, erfrischt den Geist, stählt die Nerven und stärkt die Muskeln, läßt die Pulse höher fliegen und das Blut schneller durch die Adern fließen! Die energische Muskelarbeit zwingt zu tieferen Einathmungen; dadurch wird dem Blute mehr Sauerstoff, mehr Nahrung zugeführt, welche allen Organen, Nerven und Muskeln, zu gute kommt. Deshalb ist mäßiges Radfahren besonders gut bei leichteren Graden von Nervosität und Bleichsucht. Auch die von den Frauen so sehr stiefoäterlich behandelten zusammengeschnürten Lungen werden durch die tieferen Athemzüge gekräftigt und bis in die Spitzen hinein ausgedehnt, so daß es als wirksames Vorbeugungsmittel gegen die Katarrhe der Lungenspitzen anzusehen ist. Daher ist Radfahren allen Lungenschwachen und „Flügellahmen" sehr zu empfehlen. Meist zeigt sich noch eine günstige Einwirkung auf die Stimmung und das Selbstvertrauen ; der Unternehmungsgeist und die Kaltblütigkeit gegenüber Gefahren werden gehoben. Alle diese gesundheitlichen Vortheile können aber nur eintreten, wenn das Radfahren nicht zum Sport ausartet, d. h. wenn es nur in vernünftiger, mäßiger Weise ausgeübt wird. Eine Uebertreibung ist unter allen Umständen durchaus schädlich. Jede Dame, welche sich dem Radfahren widmen will, sollte zunächst mit aller Offenheit, ohne jede Selbsttäuschung, mit sich selbst ernstlich zu Rathe gehen, weshalb sie es zu lernen wünscht. Geschieht es wirklich nur der Gesundheit oder des Vergnügens wegen, dann ist es gut; stecken aber, wenn auch erst in zweiter Reihe, Emanzipationsgelüste, Eitelkeit oder Gefallsucht dahinter, dann soll sie sich characterfest zeigen und es bleiben lassen. Denn beim Vorherrschen solcher Gründe pflegen bei den Damen alle Rücksichten auf Gesundheit und Wohlergehen vollständig vernachlässigt zu werden. Hat sie sich nun zum Radfahren aus vernünftigen Gründen entschlossen, so prüfe sie sich weiter, ob sich nicht bei ihr, wenn auch nur bisweilen, irgend welche körperliche Leiden oder Störungen in den Funktionen ihres Organismus einstellen. Ist dies der Fall, so muß sie ganz entschieden erst den Arzt zu Rath» ziehen. Um die Luftwege nicht durch Einathmen von Staub und etwaigen Fremdkörpern zn schädigen, sollten die Radfahrerinnen nie staubige Wege benutzen, namentlich nicht bei windigem Wetter. Fahren sie in Begleitung von Herren, so mögen sie sich nie dazu verleiten lassen, es mit jenen um die Wette thun zu wollen, sondern müssen stets ein mäßiges Tempo einhalten, was am besten dadurch geschieht, daß sie die Führung an der Spitze übernehmen. Sie sind dann auch besser geschützt gegen etwaige Ungezogenheiten des Publikums, welche immer nur an den Letzten verübt werden, und jede Unregelmäßigkeit an ihrer Maschine, ein Verwickeln des Kleides oder ein Um- und Unfall wird sofort bemerkt. Sehr gefährliche, wenn auch nicht plötzlich eintretende, so doch allmälig sich geltend machende Folgen hat das übermäßig schnelle Fahren. Es bewirkt dies eine Ueberanstrengung des Herzens, welche zur Herzerweiterung und schließlich zu Klappenfehlern führt. Das sind dann sehr gefährliche, leben« I bedrohende Leiden, die man sich durch unverzeihlichen Leicht- — 456 sinn bei einer ursprünglich gesunden Körperübung für's ganze Leben zugezogen hat. War die Ueberanstrengung sehr bedeutend, so kann auch Plötzlicher Tod durch Herzschlag eintreten. Die medizinische Literatur des In- und Auslandes erzählt leider viele traurige Geschichten davon. Namentlich berücksichtige man bei jeder Fahrt, daß man auch wieder zurückfahren muß, verbrauche also bei dem Hinwege nur die Hälfte seiner Kräfte und warte nicht erst, bis man ganz ermüdet ist. Gerade auf dem Heimwege kommt am meisten Herzschlag vor. Während beim männlichen Geschlechte von ärztlicher Seite immer wieder auf die großen Gesundheitsschädlichkeiten des Krummsitzens auf dem Rade hingewiesen werden mnß, ist dies beim weiblichen viel weniger der Fall. Wahrscheinlich spielt hier die Eitelkeit eine große Rolle. Einer Dame ist eben viel daran gelegen, sich in möglichst schöner Haltung zu zeigen. Merkt nun eine Frau, daß ihr das Radfahren irgendwie nicht gut bekommt, namentlich daß in gewissen regelmäßigen Functionen ihres Organismus Störunzen eintreten, so unterlasse sie sofort das Radfahren für immer. Wir können darauf hier nicht näher eingehen, wollen nur bemerken, daß bei Vernachlässigung dieser Angelegenheit schwere, bleibende Leiden entstehen können. Nun noch ein Wort über die Kleidung der Radfahrerinnen vom hygienischen Standpunkte. Zunächst sei betont, daß das Radfahren nicht der damit verbundenen Sportkleidung wegen ausgeübt werden soll. Diese Bemerkung mag Vielen mindestens überflüssig erscheinen, aber doch ist das nicht der Fall. Man beobachte nur einmal in den Großstädten Kleidung und Benehmen vieler Radfahrerinnen. In Paris giebt sich die Radfahrerwelt zu bestimmten Zeiten in einem Restaurant ein Rendez-vous. Da verspürte nun mal vor einiger Zeit die neugierige Polizei das Verlangen, die Herrschaften sich etwas genauer anzusehen. Und siehe da, gerade unter den in recht fesche Sporttoilette gekleideten Damen befanden sich viele, welche gar kein Rad besaßen, überhaupt noch nie auf einem gesessen hatten. So weit kann es die weibliche Gefallsucht und Eitelkeit bringen. Ich will hiermit keineswegs irgend einer verehrten Leserin dieses Blattes im geringsten zu nahe treten, möchte aber nochmals jeder einzelnen Dame an's Herz legen, bei Anfertigung der Sportkleidung sich nur von hygienischen und Bequemlichkeitsgesichtspunkten leiten zu lassen und alle Eitelkeitsgelüste tapfer zu unterdrücken. Als Grundprinzip einer zweckmäßigen Damenkleidung für das Radfahren ist nur die einzige Lösung denkbar, daß das ganze Gewand in einem Stück hergestellt wird und so jede Nothwendigkeit einer besonderen Befestigung und Aufhängung wegfällt, gleichviel ob nun die untere Hälfte hosenartig hergestellt oder zu einem vorn geschlossenen, hinten offenen Rocke wird. Auch müßte das Jnnenfutter aus Seide oder Satin bestehen, damit das Knie sich leicht darin bewegen kann. Jedes beengende Kleidungsstück sei vollständig der bannt, also vor Allem Gürtel und Corsett. Frauen, die letzteres absolut nicht entbehren können, sollen jedenfalls ein sehr kurzes nehmen und dasselbe nicht schnüren. Ein Gürtel aber darf nie getragen werden. Zu den intimeren Kleidungsstücken eignet sich Wolle viel besser als Leinwand, da sie Staub und Schweiß leichter aufnimmt und beim Fcuchtwerden nicht das unangenehme Gefühl der Kälte erzeugt. Wenn die radfahrenden Damen sich nach all' den angegebenen hygienischen Regeln richten, dann werden sie auch unzweifelhaft bald großen Vortheil an ihrem Gesundheiis- zustande verspüren. In dieser Weise betrieben, jeder Mode- thorhcit entkleidet, ist das Radfahren noch besonders den Salondamen zu empfehlen, welche durch reichliche Nahrung und bequemes Leben allmälig in jenen pathologischen Zustand gerathen, der sie durch Neivosität, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Verstimmung re. kennzeichnet. Mögen diese es auch nur der Mode wegen mitmachen, schadet nichts, sie haben hygienischen Nutzen davon. Freilich pflegt ihr stets schnell erweckter Enthusiasmus wie für alles Andere, so auch hierfür nicht lange anzuhalten. Sehr hübsch hat dies der Londoner „Punch" illustrirt, als er vor einiger Zeit eine im Park radelnde Maud abbildete, die zu ihrer ebenfalls radelnden Freundin Dorothy sagt: „Mein Gott, wenn nur das dumme Radfahren schon aus der Mode wäre, — ich hab's so satt — Du nicht auch?" VermEehtrs. Ei« neues Volksinstrument für Hausmusik. Aus der Schweiz, wo neue, practische Erfindungen immer rascheren Eingang finden als anderswo, erfahren wir, daß dort ein leicht erlernbares, handliches und billiiges Musikinstrument ganz erstaunliche Verbreitnng gefunden habe. Es ist die so genannte Accordzither. Besonders in industriellen Dörfern und Flecken kann man an stillen Feierabenden aus vielen Häusern wohllautgetränkte Melodien in harfenähnlichen Tönen erschallen hören, deren Entstehung der allein versteht, der das Instrument kennt. Mit der gewöhnlichen Zither hat es nur die äußere Form und Construction gemein, seine besonderen Vorzüge aber verdankt es drei neuen Vorrichtungen, wodurch bewirkt wird, daß man 1. ohne Notenkenntnisse jedes Volkslied und einfache Musikstück zu spielen, 2. die Begleitung dazu leicht zu finden und 3. das Instrument selber zu stimmen vermag, alles ohne Anleitung eines Lehrers. Eine Menge deutscher und amerikanischer Fabriken bemühen sich, der steigenden Nachfrage nach dem neuen Instrument zu genügen, indessen hat eine Dresdener Firma ihre Con currentinnen in jeder Beziehung so sehr überholt, daß man in Fachkreisen immer die Müller'sche meint, wenn man von Accordzithern überhaupt spricht. Das Haus I. T. Müller in Dresden-Striesen giebt auch ein eigenes, reizend ausgestattetes Accordzither-Büchlein heraus, das auf Verlangen Jedermann gratis und franco zugesandt wird, auch in den meisten Musikinstrumenten-Handlungen zu haben ist. Außer einem herzigen Briefe des steierischen Volksschriftstellers Rosegger und einem illustrirten Scherze: „Der Triumph der Accordzither" enthält das niedliche Werklein eine Menge höchst günstiger Urtheile von Fachmännern und Laien, die Beschreibung der verschiedenen Formen des Instrumentes und eine Inhaltsangabe über die zugehörige, ungemein reichhaltige Musikliteratur. Wir empfehlen jedem Liebhaber herzerfreuende Hausmusik, der keine Gelegenheit hat, die Müller'sche Accordzither anzusehen und zu hören, sich das Büchlein kommen zu lassen. Ein nobler Schwiegersohn. Fräulein (zum Diener, der ein Bouquet vom Bräutigam abgegeben Hal): „Hier haben Sie eine Mark — aber vertrinken Sie das Geld mcht sofort!" — Bursche: „O nein, Fräul'n! Dafür soll ich ja Wurst mitbringen — hat der Herr Baron g'sagt!" * * * Günstige Gelegenheit. Zimmerherr (der zufällig in die Küche kommt, wie die Hauswirthin sich von einer Zigeunerin wahrsagen lassen will): „Lassen Sie das alte Zigcunerweib doch laufen, Frau Müller!" — Hauswirthin: „Ach wo, die soll mir mal prophezeien, wann ich von Ihnen mein Geld kriege!" * * * Unverbesserlich. „Ah, Herr Professor! Wie geht's? Noch immer so zerstreut?" „Danke, nein — hat sich vollständig gelegt." „Aber, Sie haben sich ja keinen Hut aufgesetzt." — „So? Ja, — na, — den hat eben meine Frau vergessen, mir aufzusetzen." Nrdaction: T. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.