ks Z M 1897, fr M W WMKMxM!Wwr * j--. vJ14^ »Sat' ^PöBsenn Du in Groll und Zwist Mit einem Deiner Nächsten bist, \Ss So denke, daß vielleicht schon morgen, Enthoben allen Erdensorgen, Vorbei das Leben ist Und mit dem Leben auch — der Zwist. F. Groß. Der Majoratsherr. Romen von Natal, v. Gschstruth. (Fortsetzung.) Mechanisch erhob sich der junge Marineoffizier, trat zu dem schlanken Stämmchen und bog die purpurnen Blüthen herab. Wie heiß und grell sie in der Sonne flammten! Sie blendeten ihm die Augen, er Pflückte sie mit energischem Griff, unbekümmert, daß die scharfen Dornen seine Finger blutig ritzten. Vor seinen Augen gaukelte ein märchenhaftes, wundervolles Bild, — eine schmucke, elegante Aacht, die als Gallionsbild den aufrechtschreitenden Löwen der Nördlingen trägt, umrauscht von dem Wappenbanner,- — auf blau- kräuselnden Wogen zieht sie stolz daher, und der junge Offizier, welcher sie befehligt, sagt nicht mehr, „Seiner Majestät Schiff", sondern lächelt blitzenden Auges: „Mein Schiff!" Gert fühlt, wie ihm das Blut glühend in die Wangen schießt, wie ein leidenschaftliches Wünschen und Verlangen seine Seele erfaßt. Die rothen Rosen duften schwül zu ihm empor und neben ihnen verblaßt die Erinnerung an zarte Blaublümlein mehr und mehr, bis sie haltlos zerrinnen, wie Nebel und Dunst! Der Wind streicht flüsternd durch die Gebüsche und die Aeolsharfe in der Ruine, welche seitwärts an dem alten Burgberg emporragt, hebt ein leises, wehmuthsvolles Summen an. Gert lauscht empor, beinahe deucht es ihm wie eine bekannte Melodie. „Mein Schätzer! ist hübsch, aber Geld hat es nicht. . ." Nein, diese Weise ist verklungen. Geisterstimmen hallen aus dem zerfallenen Gemäuer herüber, die wollen den Freier in Schloß Niedeck begrüßen! Klingt es wie Jubel und Becherklang, wie Glockenläuten und süße Liebesworte? Der Wind saust stärker daher. Ueber ihnen an einem Fenster des Schlaffes tickt die kleine Kette einer Jalousie gegen die Scheibe. „Kling, kling, kling" ... so tönen Goldstücke, welche man hastig und habgierig zählt . . . Gert macht eine jähe nervöse Bewegung, wendet mit starrem Blick den Kopf und stürmt, die Rosen in der Hand, dem Speisesaal zu. * * ♦ Pia beobachtete es bei Tisch mit hochklopfendem Herzen, wie ihr Bruder Gert begann, der kleinen Cousine recht auffallend die Cour zu machen. Er überreichte ihr ein paar rothe Rosen mit sehr vielsagendem Blick, und Fränzchen antwortete mit einem derart schmachtenden Gesicht, daß man es hätte outrirt halten können, wenn dem naiven Kind dergleichen Ironie zuzutrauen wäre. Die Rosen schienen ihr coloffale Freude zu bereiten, sie roch unablässig daran, und zwar so geräuschvoll, daß auch diese zarte Anerkennung seiner Huldigung etwas außerordentlich Komisches bekam. Nach kurzer Zeit, während die Unterhaltung einmal sehr lebhaft gewesen, hielt Comteßchen mit innig wohlwollender Miene eine der Rosen dem älteren Fräulein Aurelie, welche die Stelle einer Hausdame auf Niedeck bekleidete und einer Offiziersfamilie entstammte, über d n Tisch herüber hin. „So wundervoll wie Gerts Rose duftete noch nie eine andere," sagte sie mit beinahe schmachtender Miene: „Riechen Sie mal, Fräulein Aurelie, es ist zauberhaft!" Die also Ausgezeichnete lächelte sehr geschmeichelt und nahm mit graziös gespreizten Fingern die Blüthe entgegen, um die spitze Nase andächtig in ihren Kelch zu versenken. Kaum aber, daß sie daran gerochen, fuhr sie mit allen Zeichen des Entsetzens zurück, riß ihr Taschentuch aus dem Kleid, starrte mit blöden Augen nach dem Hellen Fenster — und hazie, hazie ertönte eine coloffale Niesexplosion. „Prosit, prosit, Aurelchen!" schrie die kleine Gräfin mit wahrhafter Galgenphysiognomie, und als der Nieskrampf immer ärger ward, und das alte Fräulein mit unverständlich gegurgelten Entschuldigungen aufsprang und nach der Thüre stürzte, ward Fränzchen kirschroth vor Vergnügen, warf sich aufjohlend, ohne alle Prüderie an Gerts Brust und schluchzte vor Lachen. „Um Gottes willen! was ist denn geschehen?" rief die Gräfin betroffen, während die ganze Tischgesellschaft sprachlos vor Ueberraschung auf das erregte Backfischchen und den recht verlegen dasitzenden Gert starrte. Fränzchen wischte sich mit dem Handrücken die Thränen aus den Augen. „Ach, du liebe Zeit ... ach, du beste Zeit . . . oh, du ewige Bekümmerniß . . .!" stöhnte sie. „Bitte, erkläre uns doch —!" „Na, was ist denn da noch zu erklären? ich hatte für die liebe Aurelie ein Bischen Paprikapulver aus dem Pfeffer- ftänder in die Rose gestreut! — warum bohrt sie denn ihren Rüffel bis auf den Grund?!" Ob man will oder nicht, man ryuß lachen! Ja, Vetter Gert amüsirt sich unbändig und in seinen lustigen Augen blitzt etwas auf, was bedenklich an seine eigene Jugendzeit erinnert! Pia, welche zuerst wie gelähmt vor Schreck dagesessen, bemerkte zu ihrer großen Beruhigung, daß ihr Bruder den Scherzen der Cousine mehr Verständniß und Anerkennung entgegenbringt wie sie, und daß ihm ihr Uebermuth entschieden sympatischer ist, wie ihre Sentimentalität. Das. trifft sich außerordentlich günstig, Fränzchen ist Feuer und Flamme, daß dec Vetter ihren Witz so stürmisch belacht, sie rückt ihren Stuhl noch näher zu ihm heran und hakt sich sogar während der kurzen Pause zwischen Braten und Nachtisch bei ihm ein. Dabei flüstert und tuschelt sie unaufhörlich und Gert prustet ein paar Mal laut auf vor Lachen und nickt lebhaft Beifall, sicher sucht ihn die liebe Zukünftige als Affociö für einen neuen Gaunerstreich zu gewinnen. Erst bei dem Erscheinen eines köstlichen Vantlle-Eiskegels ändert sich das Bild. Nun concentrirt sich ihr Interesse auf einen anderen Punkt. Die schwarzen Aeuglein flimmmern vor Wonne und Genugthuung. Sie blinzt Pia eifrig zu. „Siehst Du wohl, die Bickbeeren haben sie zahm gemacht! schon drei Tage nacheinander Eis! — hm . . man muß sich nur Respect verschaffen!" Und dann tritt für den um die Tafel wandernden Eiskegel eine lange Ruhepause ein, er ist bei Gräfin Fränzchen angelangt und kommt sobald nicht wieder von ihr fort. Noch einen! immer noch einen Löffel! Dem servirenden Friedrich sträuben sich die Haare vor Angst. Endlich ist der Teller des Backfischchens nach ihrer eigenen wohlig aufgeseufzten Versicherung „schwuppevoll" — und der geduldig wartende Gert kommt auch an die Reihe. Die Cousine stößt ihn mit dem Ellenbogen an: „Du ißt doch auch gerne Eis, wenn Du mich lieb hast, mußt Du es gerne essen!" „Rasend gern! — geradezu leidenschaftlich gern!" versichert der junge Offizier eifrig. „Na, dann rechne Du mit dem Rest auf der Schüssel ab! Aurelie bedarf heute keines! Die ist leidend, — hat den Schnuppen! . . ich hörte sie niest immer noch!" Gert weigert sich entschieden, mehr wie drei Löffel zu nehmen, — da fährt Comteßchen energisch herum und läd ihm den Teller voll. „Ich gönne es Dir ja! — ich finde es entzückend, wenn ein Mensch tüchtig losfuttert! Komm! wir essen um die Wette!" Pia constatirt, daß ihr Bruder auch diesen Verkehrston nicht unästhetisch findet, sondern seelenvergnügt um die Wette ißt! „Es ist gradezu wunderbar, wie die Beiden so himmlisch harmoniren!" lächelt Baronin Nördlingen mit wahrhaft verklärtem Blick nach dem Pärchen und sie drückt dabei die Hand Johannas. Die Gräfin nickt ihr herzlich zu, aber sie sieht ein wenig verlegen dabei aus. „Willibalds Geburtstag soll diesmal in ganz besonders feierlicher Weise begangen werden!" sagt sie ziemlich unvermittelt. „Und obwohl es für Euch Alle eine Ueberraschung werden sollte, halte ich es doch für besser, Ench ein wenig tzorzubereiten. Wir haben Gäste geladen!" „Gäste? O, das ist ja herrlich! das ist ja ganz reizend! Leute aus der Umgend, liebe Tante?" „Nein, nur Verwandtschaft!" „Verwandtschaft?" Herr von Nördlingen blickt erstaunt auf. „Außer den Rüdigers habt Ihr doch gar keine näheren Verwandten!" Kurze Pause. Dann nickt Willibald hastig. „Du hast recht, darum habe ich den Vetter mit Frau und Sohn hierher gebeten. Athemlose Stille. Pia wird so weiß wie das Tafeltuch vor ihr und dann flammt es purpurheiß in ihre Wangen empor. Ihre Mutter wirft Gert einen Blick des Schreckens zu. „O . . Du überraschest mich im höchsten Grade, Willibald! Seid Ihr denn wieder ausgesöhnt?" Fränzchen ißt unbekümmert weiter, ihr Blick huscht aber über den Teller hinweg und beobachtet Pias Antlitz und dann wandert er voll Interesses weiter, von einem Gesicht zum anderen. Graf Willibald zerdrückt etwas nervös die Serviette zwischen den Händen. „Nein, was man so nennt, „ausgesöhnt" bin ich noch nicht mit ihm wegen damals ... aber es wird wohl Zeit dazu. Der künftige Majoratsherr von Niedeck muß anerkannt werden. Ich feiere meinen sechzigsten Geburtstag; das biblische Alter ist bald erreicht, da weiß man nie, was der nächste Tag bringen kann, denn ich bin nicht mehr der Stärkste und Rüstigste!" „Na, na! Darüber laß uns erst einmal streiten, mein lieber, guter Willibald! — Prost! — auf daß wir hier noch Deinen neunzigsten Geburtstag feiern!" Dex Graf faßte sein Glas und that dem Freiherrn Bescheid. Er lächelte mit resignirtem Blick: „Ich lebe noch! ja! aber meine Rolle als nützlicher, nothwendiger Mann ist ausgespielt, auch dürfte der Vorhang bald fallen! Mir eilt es gewiß nicht damit, denn ich kann es hinter den Coulissen noch gut abwarten, finde es gar behaglich und liebeswarm, und eine Genugthuung ist es mir auch gewesen, daß meine Rolle einen Fünfacter gedauert und daß Weib und Kind darin mitgespielt haben! Aber man darf nicht den rechten Moment zum „Dramatischen Abgang" versäumen. Ich selber hatte ihn feierlich bis zum Nachspiel zurückhalten wollen, aber Fränzchen hat mich überzeugt, daß der rechte Moment gekommen sei! — Mag denn der Würfel fallen!" „Ist bereits Antwort von Onkel Rüdiger da?" fragte Comteßchen mit vollen Backen, ohne das mindeste lyrische Interesse an einem Wiedersehen mit Wulff-Dietrich an den Tag zu legen. Der Graf nickte. „Heute Morgen traf ein sehr charmantes Schreiben von ihm ein, ebenso ein Brief von Wulff-Dietrich, der gute Junge ist so erfüllt von inniger Dankbarkeit, daß ich seinem Vater zuerst die Hand zur Versöhnung biete. Er schreibt, daß Rüdiger sich seit dem Tode seines Lieblings Hartwig bis zur Unkenntlichkeit verändert habe. Ein Herzleiden, welches ihn schon seit Jahren geplagt, sei durch die furchtbare Aufregung und den Schreck bis zu den bedenklichsten Symptomen gesteigert, sein Haar sei ergraut. Auch Melanie sei eine alte Frau geworden und namentlich in ihrem Wesen völlig verändert. Sie, die Lebenslustige von Allen, habe anscheinend ganz und gar mit der Welt abgeschloffen. Daß die Eltern die Residenz für immer verlassen wollten, stände fest, nur sei fürerst die Wahl eines neuen Wohnortes noch unentschieden." „Und sonst schreibt er nichts?" Fränzchens Blick huschte wieder zu Pias tiefgeneigtem Antlitz. „Was soll er sonst noch schreiben?" zuckte Willibald die Achseln. „Er kommt ja übermorgen her und kann sich mündlich aussprechen." Herr und Frau von Nördlingen hatten einen schnellen Blick des Einverständniffes gewechselt. „Liebe Johanna, wäre es nicht besser, wenn wir diesen neuen Gästen das Feld räumten? Es ist Euch doch ungewohnt, so viele Menschen um Euch zu sehen, und ehrlich gestanden ... es ist nicht sehr angenehm für uns, jenem anderen Riedecker hier zu begegnen!" Graf Willibald fuhr jählings auf und legte die Hand auf den Arm des Schwagers: „Unter keinen Umständen dürft Ihr weg, — unter keinen Umständen!" und Johanna schlang aufs Höchste erschrocken den Arm um die Baronin und sagte sehr bestimmt: „Das würde den ganzen Tag und das ganze Fest verderben! Das würden wir Euch nie verzeihen! Es ist gar kein Grund vorhanden, daß Ihr dem Vetter aus dem Wege geht, — Pta hat es ja lange genug gethan und ihre Würde mehr wie völlig gewahrt!" Fränzchen kreuzte behaglich die Arme und lachte pfiffig auf: „Seht doch zu, wie Ihr ohne Wagen und Pferde von hier vorkommt! Wir stellen Euch keinen Karrenhund, geschweige vier Rappen!" „Und die Zugbrücke bleibt oben!" scherzte Willibald. „Teufel, ja, — dann erklären wir uns gefangen!" lachte Gert. Man erhob sich. „Mahlzeit!" stöhnte Fränzchen, die Arme dehnend, und dann reichte sie Gert die Hand. „Mahlzeit, Väschen!" sagte dieser, sah die Kleine mit den tiefsten, unwiderstehlichsten Augen an, hob ihre Hand und drückte seine Lippen darauf. „Alle Donner!" schrie Fränzchen ganz entsetzt und riß sie zurück, und dann stand sie wie versteinert und starrte auf die heidelbeergebläute Rechte nieder, auf welcher der erste Handkuß eines Lieutenants brannte!" „Aber, Gert, um Alles in der Welt!" rief auch Tante Johanna ganz verblüfft und machte Miene, als wolle sie noch nachträglich die kleine Galanterie verhindern: „Ich bitte Dich, verwöhne doch das Kücken nicht so!" Graf Willibald aber stand und hielt sich die Seiten vor Lachen! Fränzchen sah blutroth aus und machte ein Gesicht, als schnappe sie nach Lust, und dann schlenkerte sie mit Händen und Füßen, wie ein Zappelmann, stieß ein undefinir- bares Grunzen aus und stürmte aus dem Saal, daß rechts und links die Stühle und Diener bei Seite flogen. „Mein Gott, wie todtverlegen das süße, kleine Ding wurde!" rief Frau von Nördlingem mit zärtlichem Ton. „Sie hat doch etwas ganz außerordentlich Weibliches bei all ihrem Uebermuth!" Da drückte auch die Gräfin das Taschentuch vor das Gesicht und lachte Thränen. Gert aber zwirbelte stolz über solchen Erfolg sein Schnurrbärtchen und Papa Nördlingen klopfte ihn wohlwollend auf die Schulter und neckte: „Na, na! Bilde Dir 'mal nicht zu große Lorbeeren ein, Du kleiner Schwerenöther!" Die Baronin umarmte ihren Mahlzeit wünschenden Sohn sehr herzlich und dabei flüsterte sie ihm unbemerkt zu: „Losschießen, Jungchen! so bald als möglich! Es ist die höchste Zeit!" * * * Die Damen hatten sich zu einer kleinen Siesta zurückgezogen, ebenso die beiden Väter, welche über „den Dienst nachdenkend" in stiller Beschaulichkeit eine Tasse Kaffee trinken wollten. Es war sehr heiß. Unter den hohen Ulmenwipfeln brütete drückende Schwüle und Gert wandte sich mechanisch der kleinen Felsgruppe zu, in welcher gewiß eine angenehmere Temperatur herrschte. Er hielt die Cigarrette zwischen den Zähnen und starrte nachdenklich vor sich hin auf den Parkweg, welcher ziemlich steil abfiel, da die Gartenanlagen sich den Burgberg hinab erstreckten. Ein unbehagliches Gefühl wollte ihn nicht verlassen. Wie ein Alp lastete die bevorstehende Liebeserklärung auf - ihm, und wemr auch vor seinen Augen noch das Bild der „eigenen Dacht" wie eine lockende Fata Morgan» schwebte, so fand er den Weg bis zu ihr hin doch reichlich so sauer, wie das Wandern durch den glühenden Wüstensand. „Ja, wenn das Herz nicht dabei ist! Damals mußte er gewaltsam die Lippen schließen, um dem süßen, blonden Grethelein nicht voll überströmender Liebeswonne Herz und Hand allsogleich zu Füßen zu legen, und heute . .? Gert stöhnte schwer auf- wie soll er diesem unreifen, kindischen, übermuthstollen Mädel wohl ein ernstes Wort von Liebe reden? Manchmal war ja Kränzchen höchst sentimental und schwärmerisch, verdrehte die Augen und drückte die Hand auf das Herz, aber das waren nur momentane Stimmungen und . . . Potz Anker und Pumpstock. . . gerade diese Anwandlungen liebte er am wenigsten an ihr! Es kam ihm immer vor, als ob eine ausgelaffene Schauspielerin vor ihm stünde, um unter innerlichem, schluchzendem Gelächter ein wenig Comödie zu spielen! Ihre Rüpelhaftigkeit muthete ihn „echter" und darum bedeutend wohlthuender an! Und diesem erschrecklichen kleinen Goldfisch eine L! beS- erklärung machen! Es war furchtbar. Aber was hilft alles Sträuben und Schaudern, er muß! Um Pias und um der Mutter willen! — An die Millionen und die eigene Dacht denkt er schon gar nicht mehr. Uebermorgen kommt Wulff-Dietrich hier an; findet er Fränzchen als Braut eines Anderen, so ist PiaS Schicksal wohl entschieden, und der unentschlossene Graf Dietrich entschließt sich dennoch, sie dem Antrag des Vaters gemäß zu seiner Gräfin zu machen. Wird es ein großes Glück für die Schwester sein, einen Mann zu heirathen, welcher sich so sehr gegen eine Verbindung mit ihr sträubte? Unbegreiflich genug war es von ihm; — je nun, er liebt vielleicht auch ein blaues Vergißmeinnicht, dem er schwer entsagen kann. Und Pia? Der Besitz von Niedeck reizt sie wohl an und blendet sie, — sonst wäre das Handeln des sonst so starren, spröden Mädchens wohl unbegreiflich! O, Gold, du teuflisches rothes Gold, welch eine Macht hast Du selbst über die Besten! Die Zeit drängt, wie soll er eS nur anfangen, Cousine Fränzchen eine regelrechte Liebeserklärung zu machen! Humoristisch? Nein, dazu ist ihr Wesen oft zu sentimental und auch die kindischsten Backfische haben von Liebeserklärungen stets eine außerordentlich poetische Vorstellung! Nachdenklich, mit sorgenschwerem Herzen biegt Gert um die zackigen Granitfelsen, welche die „blaue Grotte" zu beiden Seiten einfassen, und als er in das milde, kühle Dämmerlicht eintritt, schrickt er jählings zusammen bei dem Anblick der „Lupa in fabula“, welche gleich ihm in die schützenden Felsen geflüchtet ist. Fränzchen liegt der Länge lang auf der Bank, die Hände unter den Kopf geschoben, eine qualmende Cigarrette in dem Mund. Sie rührt sich nicht bei seinem Erscheinen, nur die Augen rollen momentan nach ihm herüber. „Ick bin allda, sprak der Swinegel!" citirt sie, ohne die mindeste Spur von Eitelkeit, und als Gert betroffen zögert, näher zu treten, fährt sie wohlwollend fort: „Da drüben ist noch eine Stein- Pritsche, liegen Sie gefälligst Platz!" Sollte ihm das freundliche Schicksal zu Hülfe kommen, sollte er vielleicht jetzt?-- Los dafür! Mit Gott für König und Vaterland. „Merci, holdes Väschen, Platz zu knieen wäre mir allerdings lieber!" sagt er mit bedeutsamem Lächeln, und Fränzchen pafft eine dicke Wolke und sagt voll verblüffenden Scharfsinns: „Dann breite erst das Schnupptuch unter! die Erde ist feucht und Deine Buchsen sind nagelneu!" Er lacht und setzt sich seitwärts auf die Bank. (Fortsetzung folgt.) - 608 - Nir ist etwas iu's Auge geflogen! Bon Dr. tz. Werner. (Nachdruck verboten.) Wohl Jeder hat schon beim Eisenbahnfähren, bei windigem Wetter oder in staubiger Luft diesen unangenehmen Zufall erlebt. Auch wenn nur ein ganz kleines Stückchen von Kohlen, Holz, Haaren, Asche, Staub oder dergleichen von außen in das Auge fliegt, treten sofort Schmerzen, heftige Lichtscheu und Augenlidkrampf ein. Die erste und einzige Hilfe besteht natürlich darin, den Fremdkörper recht schnell zu entfernen, was aber, wenn irgend möglich, stets ein Anderer thun soll und nicht der Betroffene selbst, weil dieser das Partikelchen nicht sehen kann und daher das ganze Auge unnöthiger Weise bearbeitet. Der Kranke setzt sich zunächst so, daß das Licht von der Seite, nicht blendend von vorn einfällt- mit der Hand hält er das andere Auge fest geschloffen, weil er daun das verletzte viel leichter offen halten und beliebig bewegen kann. Der Kopf ruhe womöglich fest auf der Stuhllehne. Zuerst zieht man das untere Lid tief abwärts, wobei der Verletzte nach oben und darauf schnell nach außen blicken soll. Dadurch übersieht man den ganzen unteren und inneren Augentheil. Man verfahre bei diesen und den folgenden Handgriffen zwar geschickt, aber nicht zaghaft- die Lider und äußeren Theile unseres Auges halten mehr aus, als man meist glaubt. Schon vorher hat man in die andere Hand ein reines leinenes Tuch genommen und streift nun mit einem Zipfel desselben den etwa vorhandenen Fremdkörper leicht ab. Hat man ihn aber im unteren Lide nicht erblickt oder hat der Verletzte gleich angegeben, daß er den Schmerz im oberen Theil des Auges fühlt, so stülpe man das obere Lid um, wobei der Kranke nach unten und dann nach außen sehen soll. Den Kopf muß er dabei stark nach hinten gebeugt auf die Stuhllehne legen, während bei der Operation am unteren Augenlide der Kopf, an der Stuhllehne anliegend, sich eher ein wenig nach abwärts biegen muß. Der erkannte Fremdkörper wird wie vorhin mit dem Tuchzipfel entfernt. Gelingt die Umstülpung des oberen Lides nicht, so ziehe man es über das untere herab und laffe dann schnell los- nicht selten streifen die Wimpern des unteren Lides denselben ab. Nach glücklicher Entfernung des Eindringlings schwinden meist auch sofort Stechen, Reizung, Schmerz- nur die Lichtscheu hält noch eine Weile an. Jedoch kann man bei Kindern, namentlich wenn das Auge entzündet ist, lieber zur völligen Erholung derselben und zum Schutze gegen Staub und Zugluft einen kalten Umschlag vorbinden. Dauern die heftigen Schmerzen längere Zeit fort, so gehe der Kranke schleunigst zum Augenarzt, auch wenn man wirklich schon , ein Körperchen herausgeholt hat- denn entweder sitzt noch mehr im Auge oder es find tieferliegende Theile verletzt. Eile thut dann sehr noth. Dasselbe gilt von allen schwereren Verwundungen, z. B. mit Glas- oder Eisensplittern, sowie durch ätzende oder heiße Stoffe, wie Kalk (bei Maurern), Säure, kochendes Wasser oder heißes Fett (bei Köchinnen). Vernachlässigt man derartige Augenverletzungen, so können sehr schlimme Folgen, selbst Verlust des Augenlichtes eintreten. GeineiinMtziges. Nsues über ttttftte Kartoffel. Man sollte meinen, daß über unsere alltäglichen Nahrungsmittel auch die Wissenschaft nichts Neues mehr zu sagen wüßte. Da ist es denn um so auffallender, daß unsere Speisekartoffel vom wissenschaftlichen Standpunkt aus durchaus noch nicht hinreichend untersucht gewesen ist, während man den Kartoffelsorten, die zu technischer Verarbeitung bestimmt sind, eine größere Aufmerksamkeit geschenkt hat. Der französische Chemiker Balland hat in einem der Pariser Akademie der Wissenschaften eiu- gereichten Aufsatz diese Lücke auszufüllen gesucht und dabei manche interessante Eigenschaften der Speisekartoffel ans Licht gezogen. Von der Schale abgesehen, die nur einen kleinen Bruchtheil des Gesammtgewichts ausmacht, besteht die Kartoffel aus drei verschiedenen Schichten, die man ganz gut mit bloßem Auge unterscheiden kann, wenn man eine dünne Kartoffelscheibe gegen das Licht hält. Noch deutlicher treten diese drei Schichten bei einer Photographie mit Röntgen'schen Strahlen hervor. Diese Schichten besitzen eine verschiedene Dichte, die von Innen nach Außen zunimmt. Die äußerste oder Rindenschicht enthält verhältnißmäßig am meisten Stärke, dafür weniger stickstoffhaltige Substanzen- bei der innersten Markschicht ist das Berhältniß gerade umgekehrt. Die mittlere Schicht steht auch in ihrer Zusammensetzung in der Mitte zwischen den beiden andern. Die Rindenschicht ist die trockenste, «ährend das innerste Mark bedeutend mehr Wasser enthält. Durchschnittlich besteht eine Kartoffel zu drei Viertel ihres Gewichts aus Wasser, zu zwei Zehntel aus Stärke und zu einem Fünfzigstel aus Stickstoffkörpern. Balland hat die wichtige Thatsache gefunden, daß der Speisewerth einer Kartoffel um so größer ist, je mehr stickstoffhaltige Substanzen in ihr enthalten sind, und um so kleiner, je reicher sie an Stärke ist. Bei den besten Tafel-Kartoffeln erreicht dar Berhältniß zwischen Stickstoffkörpern und Stärke einen dreimal so hohen Werth wie bei den Speisekartoffeln schlechtester Qualität. Man kann also die Güte einer Kartoffel durch eine chemische Untersuchung feststellen. Da unsere Hausfrauen aber mit chemischen Analysen meist nicht sehr Bescheid totff en werden, so trifft es sich günstig, daß man den Speisewerth verschiedener Kartoffelsorten auch nach ihrem Verhalten beim Kochen beurtheilen kann. Jedermann weiß, daß manche Kartoffeln sich in heißem Waffer aufblähen, an einzelnen Stellen platzen und gar zerfallen, während andere ihre ursprüngliche Gestalt behalten, auch nachdem sie gänzlich gar geworden sind. Früher hat man angenommen, daß die Ursache des Platzens und Zerfallens von Kortoffeln mit einem besonders hohen Stärkegehalt derselben zusammenhängt, indem Stärke aufquillt und die Schale zersprengt. Dies ist nach den neuesten Untersuchungen nicht richtig, vielmehr kommt eS auf den Gehalt der Kartoffel an Eitoeißstoffen an. Enthält eine Kartoffel verhältnißmäßig viel an solchen, so behält sie beim Kochen ihre Form, das Platzen und Zerfallen derselben ist ein Beweis von Armuth an Eiweiß. Da nun die Kartoffeln mit möglichst viel Eiweiß die nahrhaftesten sind, lo kann eine Hausfrau die Güte einer Kartoffel beim Kochen derselben beurtheilen - die besten Sorten sind immer diejenigen, die nicht zerfallen, sondern ganz bleiben. Humoristisches. Bericht des o st afrikanischen Steuer-AmtS. Die neue Badehosen- und Nasenring-Steuer stößt auf den entschiedenen Widerstand der Schwarzen. — Wegen der beiden verschwundenen Steuererheber ist eine Haussuchung in den Speisekammern der Nege frauen angeordnet worden. — Der amtliche Krokodilsänger Wanawana wurde von einem Krokodil aufgefreffen, gerade als er es, weil es herrenlos und ohne Steuermarke umherlief, einfangen wollte." ♦ * * Wie Freundschafte n ent st ehe n. Gläubiger: „Ich werde so lange wöchentlich vorsprechen, bis Sie diese Rechnung bezahlt haben." Schuldner: „Dann ist die beste Aussicht vorhanden, daß sich aus unserer flüchtigen Bekanntschaft eine dauernde Freundschaft entwickelt." Aedactivn: SL Scheyda. — Druck und «erlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Gtemdruckerei (Pietsch & Scheyda) in «ietzm.