Donnerstag den 28» Oktober Ra i 1 WM w WA H! Der Majoratsherr Roman von Nataly v. Eschstruth. Zeiten für das alte Schloß zu bringen. Endlich konnte man des alten Kuhnert einmal habhaft werden. Der Bürgermeister beehrte ihn persönlich mit einer Unterredung. Er theilte mit, daß die Stadt großartige Empfangsfeierlichkeiten geplant hätte, welche lerder nicht hatten zur Ausführung kommen können. Das Feuerwerk und die Fackeln zu feierlichem Zuge nach Niedeck lagen nun beteil und die Bürger beabsichtigten, in diesen Tagen das junge Baar zu ehren, - ob wohl der nächste Sonntag dem Grasen angenehm sein werde? — Der alte Kuhnert zog ein absonderliches Gesicht, vor lautet Runen und Fältchen konnte man nicht erkennen, was es eigentlich ausdruckte. Er neigte sich wichtig flüsternd näher. ™ . Jetzt ist überhaupt noch nicht der richtige Moment, Herr Bürgermeister! Das Paar will ganz und gar durch nichts gestört sein! Du lieber Himmel, was ist das für ein Gluck da oben! Solche Flitterwochen lasse ich mir gefallen! Wie Turteltäubchen sind sie miteinander! Was ne sich nur Liebes an den Augen absehen können, thun sie sich an! Wer so etwas sich hätte träumen lasten! Die Frau Gräfin, welche wahrlich ein Engel in Menschengestalt ist, io zart und fügsam und milde und gut — die ist ja ganz entzückt von unserem alten Niedeck! — Wie verklart steht sie Alles an, — und die Aussicht von den Fenstern des Kutscherstübchens findet sie auch am schönsten! Da sitzen sie jeden Abend Hand in Hand und freuen sich °u dem schönen Anblick! Nun wird der arme Graf auch seines Lebens froh „Und das ^Feuerwerk?" erinnerte dec Bürgermeister beklommen. wirklich noch keine Zeit! Das junge Paar ist ja ganz ineognito hier, und Sie wissen, daß der Graf wunderlich in manchen Dingen ist, er wurde sich über jede Störung ärgern. Aber einen guten Rath will ich Fhnen gebln! In vier Wochen ist doch der Geburtstag Seiner Gnaden, da wäre solch eine Ovation vielleicht als Ueberraschung ganz angebracht! Ich glaube, das wurde die Herrschaften freuen! Aber wie gesagt, das ist nur so em Raihschlag von mir und für den Erfolg garantiren kann ich nicht!" Der Vater der Stadt war entzückt. Er dankte mit wärmsten Worten und versuchte noch durch eine Einladung zum Glase Bier seine Beziehungen zu dem Factolum von Niedeck möglichst intim zu 9eJtalte"' Kukmert lehnte jedoch unter dem Vorwande, es sehr etltg • .zu haben, recht entschieden ab, und die Goldfüchse griffen (Fortsetzung.) Die Bestürzung war groß. Was thun? — Rathlos traute sich der oberste Rath „Wir bringen einen Fackelzug nach dem Schloß!" rief „Bravo — brillant! gleich heute Abend muß es, fein! __ Und ein Feuerwerk brennen wir ab. Der Bürgermeister schüttelte besorgt den Kopf. „Wo sollen wir benn Fackeln, Windlichter und Feuerwerk hernehmen? Das mußte doch erst Alles bestellt werden!" Abermals tiefe Stille. , „Nun, dann machen wir es eben em paar Tage spater. prahlte der Auditeur: „wer kann denn vermuthen, daß nach drei Wochen schon die Hochzeit ist! —" „Ja, wir veranstalten die Feierlichkeit spater. Man tröstete sich so gut man konnte. Wer die Gräfin auf der Bahn gesehen hatte, erzählte Wunderdinge, wie sehr freundlich und gütig sie gelächelt und gegrüßt hätte! Hinken thäte sie ja etwas, aber das se doch gleichgültig für eine, die tnt Wagen fahren könne. Und Graf Willibald sei gar nicht zum Wiedererkennen, so nobel gekleidet und so glückstrahlend! Er habe seine Frau in den Wagen gehoben, als ob sie von Glas wäre, und Beide hätten einander so zärtlich angeschaut, wie die Mgsten und verliebtesten Hochzeiter! Man hoffte nun, d^ß die nächsten Tage schon merklich mehr Leben m die Stadt bringen würden: zu allgemeiner Ueberraschung Ücß sich die Gräfin aber mit keinem Blick sehen, u> d Niedeck lag so still und unverändert einsam aus seiner waldigen Bergkuppe, als habe me eine junge Herrin den Fuß über seine Schwelle gesetzt, neue er unverletzt Im Herzen noch den Traum der Jugend trägt, Wen Nimbus der Begeisterung noch umstrahlet, Der, der ist jung, der lebt im ero’gen Frühling, Mag Silberhaar um seine Schläfe spielen. Halm. 502 doppelt eilig auS, die Mauern von Angerwies hinter sich zu haben. Die Wochen vergingen und das Feuerwerk ward mit größtem Pomp vorbereitet. Bürgermeisters Lieschen lernte im Schweiße ihres Angesichts ein äußerst schwungvolles Gedicht, welches der Asseffor verfaßt hatte, und welches sie bei Ueberretchung eines Blumenstraußes der Frau Gräfin aufsagen sollte. — Am Abend vor dem festlichen Tage saßen Graf Willibald und Johanna wie immer an dem weitgeöffneten Fenster des Kutscherstübchens, den entzückenden Anblick in das Thal zu genießen. Obwohl sie für gewöhnlich die eleganten Gemächer des Schlosses bewohnten, liebten sie es dennoch, Abends das ehemalige Junggesellenstübchen des Majoratsherrn aufzusuchen. Johanna hatte es in ihrer Feinfühligkeit sofort bemerkt, wie sehr es ihren Mann beseligte, daß sie diesen Fensterplatz ebenso anziehend fand wie er, und so sorgte sie dafür, daß er liebgewonnene Gewohnheiten auch weiter pstegen konnte. Willibald hatte den Arm um seine junge Frau geschlungen: „Du bist also einverstanden mit meinen Plänen, theuerstes Herz?" Johanna sah ein wenig sorgenvoll in seine Augen. „Ich fürchte, Willibald — Du legst Dir mit dieser Reise schwere Opfer um meinetwillen auf?" Er lachte glückselig: „Ich schwöre Dir, nein! Ich selber kenne keinen höheren Wunsch, als die nächste Zeit auf Reisen verleben zu können. Ihr Blick strahlte vor Freude. „Wahrlich? o dann bin ich mit Dir und froh und glücklich! Dann werde ich all die unendlich: Freude ohne Gewissensbisse genießen können! Reisen! ich habe noch nie eine Reise gemacht! ich habe noch nichts von Gottes schöner Welt gesehen! O, lieber Mann, wie soll ich Dir für so viel Glück danken!" Er küßte voll überströmender Zärtlichkeit ihr Antlitz, ihre Hände. „Ich habe Dir zu danken, — ich allein! O, Johanna, wie hast Du mir die Welt in einen Himmel verwandelt! — Und morgen früh fahren wir, — Du hast Deine Koffer packen lassen?" „Es ist Alles bereit. — Aber der Fackelzug der Angerwieser?" Sein Gesicht ward finster. „Sie sollen uns vergeblich suchen. Ich hasse sie! Jetzt erst ermesse ich ganz, um wie viel Glückseligkeit meine Feinde mich durch ihren verruchten Anschlag bringen wollten! Johanna, Du fühlst sonst in allen Dingen so gleich mit mir, empfinde auch meinen Haß mit mir!" Sie drückte ihm zärtlich die Hand, wie man ein aufgeregtes Kind beschwichtigt: „Du weißt, daß ich Alles will, wie Du es willst!" sagte sie, und ihr Antlitz glänzte in hingebender Demuth und Bescheidenheit. Johanna hatte nie einen Widerspruch im Leben laut werden lassen, ihr sanftes Wesen fügte sich gern jedem Wunsche und jeder Ansicht ihrer Lieben, — wieviel mehr dem Willen eines Mannes, in welchem sie voll überschwenglicher Dankbarkeit ihren Erretter aus aller Roth und Einsamkeit sah. Wenn ihr auch selber jede Regung von Haß und Rache fern lag, so respectirte sie doch das leidenschaftliche Empfinden Willibalds, und wenn sie auch den wunderlichen Plan, welchen er hegte, unbegreiflich fand, so fügte sie sich dennoch ohne den mindesten Widerstand seinem Willen, — er war ihr Herr, — er sollte befehlen und sie wollte gehorchen!" Nie war den Bürgern von Angerwies eine höhere Enttäuschung geworden, als in jenem Augenblick, wo sie mit Fackeln, Pauken und Trompeten vor Schloß Niedeck anlangten und das Nest leer nnd verlassen fanden. Knirschend vor Ingrimm und Beschämung kehrten sie um, und wußten nun genau Bescheid, wie die Actien auf Niedeck für sie standen. Es war ihre eigene Schuld, und das verdroß sie am meisten. Graf Rüdiger war sehr unangenehm überrascht, als er erfuhr, daß Vetter Willibald sich für unbestimmte Zeit mit seiner Gemahlin auf Reisen begeben hatte. Sie entzogen sich nun völlig seiner Beobachtung, und das verdroß ihn. Er erwog die Nothwendigkeit, das neuererbte Vermögen klüglich zu Rathe zu halten, bis sich die Erbfolge von Niedeck entschieden habe. Er bewog seine Gattin, die Familientrauer zum Borwand zu nehmen, um das kostspielige Leben etwas einzuschränken: „Nur auf kurze Zeit!" tröstete er: „wird kein Sohu auf Niedeck geboren, bleibt das Majorat für Wulff Dietrich, so holen wir Alles doppelt nach I" Die Zeit verging. Boll fiebernder Spannung harrte man der kommenden Dinge. Ein Freund des Grafen, welcher die Niedecker in der Schweiz getroffen, berichtete, daß Gräfin Johanna wahr und wahrhaftig vor einem freudigen Ereigniß stehe. Rüdiger und Melanie verkamen vor Aufregung. — Da traf nach Monaten ein Brief aus Wiesbaden ein. „Von Willibald!" keuchte Rüdiger bleich und bebend, er riß mit zitternder Hand den Umschlag ab. Dann gellte ein Triumphgelächter durch das Zimmer: „eine Tochter!" Capitel 9. Wen anhaltendes Glück zu schwindelnden Freuden erhob. Senket der Wechsel in Gram. Horaz. Dem Majoratsherrn von Niedeck war eine Tochter geboren! Eine Tochter, anstatt des höchst ersehnten, hochwichtigen Sohnes! Diese Nachricht wirkte auf Gräfin Melanie wie eine Narkose. Sie starrte mit blödem Lächeln vor sich hin und wiederholte wie im Traume: „Eine Tochter! nur eine Tochter!" und dann lachte sie plötzlich im schadenfrohen Gelächter hell auf: „O, wie ich ihm das gönne, dem verrückten Kerl! wie mir das eine Genugthuung ist!" Graf Rüdiger hatte die Arme gekreuzt und wanderte mit hastigen Schritten im Salon auf und nieder: „Ja, das ist dem jungen Ehegatten recht geschehen," spottete er mit glimmenden Blicken. „Diese Niete dürfte doch wohl als Raureif auf sein Turteltaubenglück fallen, denn ich hoffe, zum zweiten Mal schwingt sich das Buckelinchen nicht zu derartigen Leistungen auf!" „Vielleicht stirbt sie noch!" fuhr Melanie mit gehässigem Blick auf, „dann würde ja die Erbfolge am besten erledigt fein! Schreibt er gar nichts über ihr Befinden?" „I, wo wird er denn an mich schreiben? Es ist eine gedruckte Anzeige." „Laß mich sehen!" — Die Gräfin nahm hastig das Papier zur Hand und entfaltete es: „Da hier, da steht ja „verte!" also laß die andere Seite sehen — richtig! da hat er noch etwas hingekratzt!" — „Was nicht ist, das kann noch werden!" — die Leserin brach in ein schallendes Gelächter aus. „Köstlich, er macht noch Witze! o sieh, Rüdiger, das ist ja unbezahlbar!" „Was nicht ist, das kann noch werden," — las der Kammerjunker ebenfalls und er lachte gleich seiner Gemahlin — aber Beider Fröhlichkeit klang doch ein wenig gewaltsam, und wenn Rüdiger auch über den „Galgenhumor" spottete, so furchte sich seine Stirn dennoch dabei. Schließlich zuckte er nervös die Achseln: „Je nun, bei Gott ist kein Ding unmöglich! Wenn das verwachsene Frauenzimmer überhaupt ein Kind in die Welt setzt, kann es auch noch sechs Geschwisterchen bekommen! Also, verlassen können wir uns noch nicht auf das Majorat!" Melanie biß sich auf die Lippe. „O, es wäre ja empörend! — Es wäre —--“ Sie brach kurz ab und trommelte mit den langen Fingernägeln aufgeregt auf dem steifen Cartonpapier der Anzeige, welche vor ihr auf dem Tisch lag. „Warum er es uns überhaupt anzeigt?" fuhr sie ärgerlich fort, „den Silbergroschen Porto hätte sich der Geizhals auch sparen können." 503 „Pah — er will sich doch nicht blamiren und seinen Aerger zeigen!" „Das ist möglich. — Wenn sie doch sterben wollte!" „Sie stirbt nicht, — solche Jammerbilder sind am jähesten, aber wie gesagt, wir dürfen nicht auf die Erbschaft rechnen, — noch nicht. Und da ist es eine dringende Roth- weudigkeit, daß wir uns mit Dem, was wir jetzt besitzen, einrichten. Unser Haushalt hier ist viel zu kostspielig und ich sehe nicht ein, warum wir ein Heer von Schmarotzern durchfüttern sollen, welche uns absolut nichts nützen. So schlage ich vor, wir sprengen das Gerücht aus, Deine Gesundheit verlange einen Aufenthalt im Süden. Wir lösen hier den ganzen Haushalt auf, schicken die Jungen aus die Ritter- akademie und nehmen Aufenthalt in Italien. Du nimmst Dir Deine Jungfer, ich mir den Kammerdiener mit und dann Wunen wir im Hotel mit aller Bequemlichkeit und allem Com- fort leben — dazu reichen unsere Zinsen aus. — Sollten wir Geschmack an dem Wanderleben finden, so bleiben wir fern von Madrid. — Ist in zehn Jahren noch kein Sohn auf Niedeck geboren, so können wir das Erbe als völlig sicher erachten. Wir kehren dann nach hier zurück und holen Alles nach, was wir etwa versäumt haben sollten. Bist Du damit einverstanden?" Gräfin Melanie nickte. Sie liebte die Abwechslung und sah eS nebenbei auch ein, daß man unter den obwaltenden Umständen nicht mehr blindlings in den Tag hinein leben durfte. Jene Stunde im Fegefeuer der Angst, welche Tante Aureliens .Erbschaft vorausgina, lebte noch in ihrer Erinnerung und mahnte sie zur Vorsicht. So ward der fürstliche Haushalt des Grafen Niedeck aufgelöst und Billa Casabella schloß die strahlenden Fensteraugen zu einem langen, langen Winterschlaf. Wulff - Dietrich und Hartwig siedelten auf die Ritterakademie über, — der Aeltere mit viel Eifer und Genug- thuung, der Jüngere grollend und außer sich, das behagliche, elegante Leben des Vaterhauses aufgeben zu müssen. Er bestürmte die Eltern mit bitteren Borwürfen und verlangte die Beweggründe für diese Neuerung zu wissen, welche ihm in dem leidenden Zustand der Gräfin angegeben wurden. Er lachte spöttisch auf: „Mama ist ja gesund wie ein Fisch im Wasser, und darum könnte ich Euch doch auch mit meinem Hauslehrer begleiten!" Graf Rüdiger ward schließlich grob, und Hartwig verstummte tief gekränkt. Wulff-Dietrich hatte keine einzige Frage an die Eltern gerichtet, als er ihre überraschenden Vorbereitungen bemerkte. Er sah sehr blaß aus, und die herbe Linie rcservirten Stolzes senkte sich schärfer wie je um seine Lippen. Es war schon seit längerer Zeit auffallend gewesen, wie anspruchslos und sparsam der ehedem so sorglose Knabe geworden war. Er verbat sich die spitzenbesetzte Wäsche als Jungen unwürdig, er vermied alle Spiele, welche seine kostbaren Anzüge ruinirten und unterließ all die vielen, unnützen Ausgaben, welche früher sein Taschengeld verschlungen hatten. Auch die neue Ausstattung, welche er für die Ritter- skademie erhielt, ward auf seinen ausdrücklichen Wunsch sehr einfach, beinah schlicht gehalten, und obwohl die Gräfin in ihrer großspurigen Weise laut lachend die Hände über solche Narrheit, — solch eine Marotte — zusammenschlug, befahl sie dennoch in heiterster Laune, diese „Seminaristenausstattung" genau nach seiner Angabe anzufertigen. (Fortsetzung folgt.) Unser Grethchen. Von Elisabeth Buhc. (Schluß.) Gegen neun Uhr kam ich zurück,- im dunkeln Thorweg 'hörte ich Schluchzen und sah in der Ecke die Umrisse meiner Küchenfee. Ich rief: „Grethchen, was fehlt Dir?" „Ach," schluchzte sie, „fehle dhut mer gar nix, awer die Hausdhür — Fräulein — die Hausdhür glauw ich iS behext !" Nichts Gutes ahnend, mußte ich trotzdem unwillkürlich lachen. Da hörte sofort das Weinen auf und ganz ernst erklärte sie mir: „Ja, lache dürfe Se da 'mal üwerhaupt nct; mei'm Vormund sei Mutter sagt immer, es gäb' mehr verhexte Sache als gescheidte Mensche und die is schon siebenundachtzig Jahr alt un hat ihr Lebdag dran 'glaubt un — ach," — da stossen dir Thränen wieder, — „wann se nur hier wär, die weiß so viel Gegenmittel." Nun ging mir denn doch die Geduld aus und ich ersuchte sie ernstlich, sofort aufzuschließen, nachher könne sie noch die ganze Nacht an die Hexerei glauben. „Awer wahr is es doch un dran glauwe muß mer auch un lache därf mer gar net drüwer," belehrte sie mich weiter. „Schließ auf," rief ich nun nochmals. „Ach, das is es ja grab, Fräulein," stöhnte sie nun wieder, „'s geht ja net, 's geht weiß Gott im Himmel net, ich hab mer scho' all mei' Finger dra' verquetscht." Nun überzeugte ich mich selbst, daß der Schlüssel zu meinem größten Verdruß weder vor- noch rückwärts zu drehen war. Was nun anfangen? Ich überlegte! Das Schloß aufbrechen — da hätte ich mit diesem schrecklichen Mädchen die Nacht bei offener Thüre zubringen müssen — das ging also nicht. Einen Schlosser in der Nacht in's Vertrauen ziehen, — war auch so eine Sache! Inzwischen schlug's halb 10 Uhr. „Herr Jesses, Fräulein," meinte Grethchen, „mer könne doch net auf der Steintrepp' schlafe, un ich glauw' auch, 's geht staik uff Mitternacht," philosophirte sie weiter. „Hawe Se scho von Gespenstern g'hört? — Die komme um zwölf!" „Heiliger Bimbam, Du bist das größte Schaf auf Gottes Erde," gab ich ihr zur Antwort. Ganz zerknirscht meinte sie: „Ja, ich glaub's jetzt bald selwer. Wo haw ich auch so was ahne könne, 's hat sich so gut zugeschlosse un jetzt geht's net uff." Da trotz unserer vereinten Kraftanstrengungen die Thüre zublieb, entschloß ich mich nun doch, des Schlossers Hilfe in Anspruch zu nehmen, ging sicherheitshalber selbst und fand ihn allein im Halbdunkel in seiner Stube fitzen, und wie er mir erklärte, gerade beim „Nachtessen". Von dem erwähnten Nachtessen war jedoch außer zwei leeren, einer halbvollen Bierflasche und einem ganz vollen Bierglas, welches er gerade in der Hand hielt, nichts zu entdecken. Seine freundliche Einladung, doch Platz zu nehmen, mußte ich dankend ablehnen und erklärte ihm den Zweck meines Kommens. Wir trollten also selbander nach Hause und vor der Hausthüre angelangt, war sein erstes Werk, daß er über Grethchen, die regungslos auf der Schwelle kauerte, stolperte, auf sie fiel und mit ihr die fünf Stufen herunter bis auf's Kratzeisen kollerte. Dies verbesserte die allgemeine Stimmung durchaus nicht und der Meister fluchte gräulich. „Was sin das for Dumm- heite! Weiß der Herr, haw ich deswege mei' Nachtesse steh' gelaffe? Was for e' Kameel legt sich mir dann da in'n Weg! 's is mer so wie so ganz schwach im Mage un wann S i e' s net wär'n, Fräulein, hält mich kei' Nilpferd hergezoge!" Dabei rieb er seine geschundenen Ellenbogen und Kniee, und meine Donna that wahrscheinlich in irgend einer Ecke der dunkeln Thorhalle dasselbe. Beide ließen sich alsdann in aller Gemüthlichkeit auf der Treppe häuslich nieder und der gute Schlossermeister fing an, von seinen intimsten Familien- verhältniffen zu erzählen und zwar so eifrig, daß er den Zweck seiner Reise vollständig vergessen hatte. Das „Nachtessen" verfehlte seine Wirkung nicht und ich wagte kaum, ihn in seinem Eifer zu unterbrechen. Nur ganz schüchtern bemerkte ich, daß es doch recht kalt würde heute Nacht. „Ja so, das Schloß," entsann er sich, „aber üwerigens, wann's Ihne frier'n dhut, könne Se ja derweil mein g'strickte Wamms noch umnehme, — ich bin net so zärtlich gebaut un 504 — Inzwischen hatte ich Licht angezündet und die indirekte endlich von seinem „Nachtessen" getrennt, die „Schwewel- Hölzer" aber vergessen hatte, machte sich recht deutlich bemerkbar. e’ g'scheidt Idee!" ] Das war etwas so Unglaubliches und bei ihr noch nie Dagewesenes, daß ich wirklich begierig war, die „g'scheidt Idee" näher kennen zu lernen. „Also ganz ei'fach, mer lege unser Hinkelsleiterche an's Küchefenster un kraweln dadurch in's Haus!" Gesagt — gethan, das „Hinkelsleiterche" wird geholt, an's ziemlich hoch gelegene Küchensenster angelegt und der Erfinderin des Experiments lasse ich den Vortritt. So einfach war die Geschichte übrigens nicht, denn es war, wie schon erwähnt, in rabenschwarzer Nacht nirgends ein Licht. — Also, mit aller ihr zu Gebote stehenden Würde, wie Jemand, der sich seines Werths als Retter aus der Noth voll bewußt ist, ersteigt sie langsam Sprosse für Sprosse. „Jetzt bin ich owe, aber ach — Herr Jeh — 's is ja von inwendig zugeriegelt!" ruft sie ganz muthlos, probirt aber doch, den Riegel durch Rütteln von außen aufzuziehen. Das Resultat ist, daß sie sich den Daumen sest einklemmt und jämmerlich zu stöhnen ansängt. Nachdem auch dies Uebel beseitigt ist, ertaste ich zufällig eine Oeffnung im Fensterrahmen und stoße den Riegel zurück. Wir krochen nun auf allen Vieren zu dem altmodischen kleinen Fensterchen Rathbedürstig steht die elegante Frau wie die pratsche Familien-Mutter an der Schwelle der Herbst-und Winter-Saison. Gwa- tich das Haus, wo fleißige Hände sich regen und dem sorgenden Familrew Oberhaupt wenigstens die theueren Schneiderrechnungen ersparm. w Jubel wird die neueste Nummer der lieben Hausfreundin, der „SHOotw jvclt" — nicht zu verwechseln mit den Titel-Nachahmungen »Große Modenwelt" und „Kleine Wodenwelt" — begrüßt, die zu rechter das Hochzeitskleid für die Braut im Hause bringt. Daneben aber W» eine reiche Auswahl dessen, was Groß und Klein beim Eintritt m neue Saison braucht: Schul-und Hauskleider, Promenaden-und Besuch - ^n8!ui|ujCii yune mj «lajt ungrzuuvcr unu vit i Toiletten. So kann es dann an ein fröhliches Schaffen gehen, Benn- Ursache aller Leiden ausfindig gemacht: Der unschuldige Haus- bje mustergiltigen Schnitte, die genauen Beschreibungen machen die Verschlüssel nämlich, der hing ruhig an seinem Haken und unser | stellung all' der hübschen verlockenden Sachen zu einer wahren Freu^. Juwel von Donna hatte ihn natürlich mit einem ganz falschen^ der zusällig zu-, aber nickt aufschloß, verwechselt. Als ich die Thüre öffnete, hörte ich unter Flüchen gerade noch — und Undank ist der Welten Lohn — den Rest von unseres Schlossers Entrüstungsrede: „Ja Fräulein, bin ich denn verrückt — oder haw' ich g'träumt?! — Vorhin meint' ich doch ganz bestimmt, mir Drei hätte vor d'r verschlossene Hausdhür g'sesse! — Sie wer'n mich doch net zum Narr' halte?! So was vertrage mei Nerve abselut net!" drohte er nun. Ich hielt es für gerathen, ihm schleunigst eine kurze und bündige Erklärung zu geben, denn zu meinem Schrecken merkte ich jetzt, daß er sich krampfhaft an der Wand sesthielt und das inzwischen noch beendete „Nachtessen" schien ihm recht schlecht zu bekommen. Ganz energisch schob ich den baumlangen Menschen bei Seite und schloß meine Hausthüre ab. Wahrscheinlich hat er noch eine kurze Siesta auf unserer Treppe gehalten und von dem „merkwürdigen" Fall geträumt. hinein, über den Spültisch in die Küche. Kaum hier angekommen und während die Vielverwundete sich kalte Ausschläge macht, höre ich vor der geschlossenen Hausthüre einen Höllenlärm. Der biedere Schlosser, der sich kann's auch so aushalte," — mit diesen Worten überreichte er mir galant besagtes Kleidungsstück. Mir war längst siedend heiß geworden, doch da ich begreiflicherweise zögerte, es anzunehmen, fuhr er fort: „Genier'n Se sich nur net, denn mich hält mei' Fett warm- betrachte Se sich nur emal allei auf de Aerm den Speck!" Leider konnte ich bei der herrschenden Finsterniß seinem Wunsch nicht nachkommen, um jedoch weitere derartige Ausführungen zu vermeiden, nahm ich rasch den „wollenen Wamme" mit der Rechten und ließ ihn mit der Linken hinter mir ver- I schwinden. Im selben Augenblick kreischte Grethchen, die neben mir saß, laut auf: „Jesses, Maria un Josef! — 'n Hund, — ewe is'r an m'r enauf g'hippt, ich hab fei' weick Fell g'spürt. Um den fürsorglichen Schlosser nicht zu kränken, durfte ich sie über die Täuschung nicht einmal ausklären und mußte ruhig geschehen lassen, daß dieser sie anschrie: „Es kömmt mer schon de ganze Awend vor, als ob Du g'rad' auch net zu de G'scheidtste g'hörst; durch Del' Dummhcite vergißt mer die Haupffach! Mädche, gleich hol' emal e Licht eraus, daß ich das Schloß betrachte kann!" Pflichteifrigst stürzt sie nach der Thüre und wird erst durch unser schallendes Gelächter daran erinnert, daß sie nicht hinein kann. „Ja, dann muß ich awer wenigstens e Paar Schwewel- hölzer hawe," und damit trabt er fort, um angeblich zu Hause welche zu holen, versäumte jedoch nicht, vorher meiner „Beschließerin" noch einige Abschiedsworte zu widmen, die Alles eher waren als ein Kompliment. Ich vermuthete, daß die Veranlassung, die ihn heimzog, weniger die „Schwewelhölzer", sondern weit eher das unterbrochene „Nachtessen" war, denn schon eine geraume Weile war vergangen, ohne daß in unserer Dunkelheit ein „Schwewelhölzchen" geleuchtet hätte. Wie ich so über die vielen dummen Streiche der Menschen im Allgemeinen und über diejenigen von unserem Prachtexemplar von Dienstmädchen im Besonderen nachdenke, meldet dieses mir Plötzlich hoffnungsfreudig: „Fräulein — ich haw Scbaction: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei (Pietsch & Scheyda) tn Bi-ßc«- Gemeinnütziges. Stachelbeeren haben bekanntlich oft unter Raupen zu leiden. Dieselben vor ihnen zu bewahren ist jetzt die beste Zeit, denn die Raupen überwintern als Puppen in Laub und Erde unter den Sträuchern und befinden sich immer nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche. Es empfiehlt sich daher, an den Orten, wo die Raupen aufzutreten pflegen, die Erde unter den Sträuchern etwa 6 Zentimeter tief abzuheben und durch andere zu ersetzen. Die alte Erde und das Laub wirst man in die Dunggrube, wodurch sie uns noch für später nutzbar wird. ___________ Literarisches Von der „Deutschen Kunst und Dekoration", deren Erscheinen in Künstlerkreisen und von kunstsinnigen Laien m den letztem Tagen mit gespanntestem Interesse erwartet wurde, liegt nunmehr das erste Heft vor und darf zwe sellos als das Bedeutendste angesehen werden, was nach Inhalt wie Ausstattung im Dienste der vaterländischen Kunst und des Kunstgewerbes überhaupt in einer periodischen Literatur zu bieten ist. Bisher bestand kein Organ, das sich, wie das vorliegende,, die Förderung vaterländischer Kunst, d. h. ausschließlich deutscher Kunst und Formensprache in neuzeitlicher Richtung, als einzigste, vornehmste Aufgabe gestellt hätte. — Alexander Koch, der Herausgeber hat sich in Verbindung mit einem Stabe von hervorragenden Fachschriststellern und Künstlern die hohe und schöne, nothwendige Ausgabe gestellt, m einer Monatsschrift die gesamnile Kunstproduction Deutschlands, der Schweiz und der deutsch sprechenden Kronländer Oesterreich-Ungarn- pflegend und fördernd zusammen zu fassen, soweit sich ihre Erzeugmste der hohen wie angewandten Kunst als eigenartig-neuzeitliche Schöpfungen von characteristisch-deutscher Eigenart bieten. Die „Deutsche Kunst und Decoration" wird berufen sein, als einzige Zeitschrift ihrer Art die Interessen der Gesammt-Erzeugung deutsch-künstlerrschen Schaffens würdig zu vertreten und den sörderndsten Verkehr zwischen den Künstlern und Laien mit jeglichem Mittel zu pflegen! Die „Deutsche Kunst und Deco- ration" erscheint in der Verlags-Anstalt für Kunst und Kunstgeiverde von Alexander Koch, Darmstadt, und beträgt der vierteljährliche Abonnements-Preis Mk. 5,—, für das Ausland Mk. 5,50. Das erste Heft 'st einzeln in allen Buchhandlungen zum Preise von Mk. 2,— käuflich oder direct von dem Verlage zum Preise von Mk. 2,20 franco zu beziehen.