Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Schluß.) Am nächsten Tage eilte er wieder nach der Hütte. Als er in Sicht derselben kam, bemerkte er mit Erstaunen, daß aus dem Schornstein eine dünne Rauchmule in die klare Luft emporstieg. Rasch öffnete er die Thür, trat auf die Schwelle und blieb aufs Angenehmste überrascht, stehen. An Stelle der wüsten Unordnung und des jammervollen Elends von gestern erblickw er heute — Sauberkeit, Speisen, einen Ueberfluß von neuen Kleidern, Eis, eingemachte Früchte, und, was bas beste von Allem war, eine Krankenwärterin, welche geräuschlos von einem Kinde zum anderen eilte und mit der sicheren und zarten Sorgsamkeit, welche ein ausschließliches Erbtheil des Weibes zu sein scheint, um dieselben bemüht war. „Welcher Engel des Himmels ist hier gewesen?!" rief Vandme aus, als er seine freudige Rührung und sein Erstaunen etwas bemeistert hatte. In diesem Augenblicke erhob sich eine schlanke Mädchengestalt in einfach dunklem Gewände, welche bisher, unbemerkt von dem jungen Arzte, in einer Halbdunkeln Ecke des Raumes an dem Bette eines der kranken Kleinen gesessen hatte. Der junge Arzt zog rasch und höflich den Hut- sein wettergebräuntes, halb von einem röthlichen Bollbart bedecktes Gesicht zeigte keine sonderliche Bewegung, aber seine Stimme bebte leicht, als er sagte: „Ich finde keine Worte, um Ihnen für diese so rechtzeitige Hülfe in der Roth zu danken- wie kommen Sie hierher, Miß Greylock? Er hatte Ethel-Polly erkannt. Ihre Figur hatte an Rundung und Fülle gewonnen, und in ihrem Gesicht mit den großen, dunklen Augen und dem regelmäßigen, scharfgeschnittenen Profil war trotz der unverändert brünetten Färbung der Haut nur wenig zu finden, das an Großmutter Serags Enkelin erinnerte. Auch ihre Hände, welche damals roth, rauh und arbeitshart gewesen, waren nun MM er Tag hat seine Mühe, greif’ zu, sei fest und wach, Das Schwerste thu' am ersten, leicht folgt das Leichte nach. Hab' viel Geduld mit Andern, mit Dir hab' nie Geduld: Die ungethane Arbeit ist unbezahlte Schuld. von einer sammetartigen Weiche und marmorweiß. Dick bemerkte, daß sie keinen Ring trug, und dachte unwillkürlich: „Was für schöne Hände sie hat! Wie es scheint, findet sie jetzt noch ebenso viel Vergnügen wie früher daran, dort zu helfen, wo Hülfe noth thut." „Ich hörte zufälliger Weise heute Morgen von der traurigen Lage dieser armen Wesen," erwiderte Ethel ruhig. „Wenn sonst irgend etwas hier gebraucht wird, soll die Wärterin es sogleich besorgen. Das arme Blackport! Es ist eine böse Zeit über seine Einwohner gekommen." „Ja," antwortete Dick ernst, „die Zahl der Fieberkranken in der Stadt hat sich heute Morgen wieder vergrößert." „Wie können Sie es nur möglich machen, ganz allein für so viele Patienten zu sorgen?" fragte Ethel mit einem Blick voll so warmer Theilnahme, daß der junge Arzt sich an die Polly früherer Zeiten erinnert fühlte. „Ich habe in den Nachbarorten um Hülse gebeten," versetzte er, „aber leider ohne Erfolg, da das Fieber auch dort überall auSgebrochen ist. Glücklicherweise genügt für den Nothfall meine Kraft — wenigstens vorläufig. Aber Sie, Miß Greylock — wissen Sie nicht, daß die Krankheit in hohem Grade ansteckend ist? Dadurch, daß Sie Plätze, wie diesen hier, besuchen, setzen Sie sich der grüßen Gefahr aus." Ethel lächelte ruhig und sagte: „Ich fürchte mich nicht im Mindesten." „Das hätte ich allerdings ohne Ihre Versicherung wissen können," entgegnete er mit einem tiefem Athemzuge. Dick begleitete sie dann bis zur Equipage, welche in der Nähe hielt, erkundigte sich höflich nach Miß Pamela Greylock und blickte dem davonrollenden Wagen lange nach. Es war dies das erste Mal gewesen, daß die Beiden sich während jener schrecklichen Tage der Krankheit und des Todes trafen, aber nicht das letzte. In jedem Hause, wo Mangel und Armuth herrschten, fand er sie wieder. Wochen und Wochen hindurch kämpften der junge Doctor und die reiche Erbin Schulter an Schulter gegen den furchtbaren Gegner- er mit Kunst und Gewissenhaftigkeit des Arztes — sie, indem sie für tüchtige Krankenwärterinnen und für die zahllosen Hülfeleistungen sorgte, welche einzig und allein mit Hülfe des Geldes verschafft werden können. Nur Vandine selbst wußte, wie viele Leben sie ihm retten half, wie viele er ohne ihren Beistand niemals hätte retten können. Sie sprachen wenig miteinander, wenn sie bei der Ausübung ihres edlen Werkes zusammentrafen. Er war der einfache, sich von seinen pflichttreuen Collegen durch nichts — 398 unterscheidende Arzt — sie, die reichste Dame bc Gegend, zeigte sich ebenso zurückhaltend in ihrer Art und Weise, wie sie großmüthig und tapfer war. Keines von ihnen machte den Versuch, die sich selbstgezogenen Grenzen zu überschreiten oder auf die vertraulichen Beziehungen von früher anzuspielcn. Eines Nachts traf Dick das edle Mädchen in einer Hütte am Meeresstrande. Sie saß am Lager eines sterbenden Weibes. Die knochige gelbe Hand der Leidenden hielt die schmale weiße Rechte des Gastes fest umklammert, als ob es die letzte Hoffnung auf Erden wäre, an der sie sich festhalte. Miß Greylock hatte eine Bibel in der Hand und las der Kranken daraus vor- der sanfte Wohllaut ihrer Stimme wirkce tröstend und beruhigend auf die an der Schwelle des dunklen Jenseits stehende, zitternde Seele. Doctor Vandine blieb, den Hut in der Hand, erfüllt von einem unwillkürlichen Gefühl der Ehifurcht, auf der Schwelle stehen. Ethel blickte nicht auf; vielleicht hatte sie ihn gar nicht bemerkt. Er hatte volle Muße, die Reflexe des Lichts auf ihren reichen, dunklen Flechten und der zarten Wangen zu beobachten. Sie sah blaß und ermüdet aus. Was für ein merkwürdiges Leben sie doch führte, sie, in deren Macht es gelegen hätte, sich den häßlichen Anblick der Schattenseiten des Lebens für immer fernzuhalten! Ein eigenihümliches Gefühl kam über Vandine, als er so dastand und dem Tone ihrer klaren, ernsten Stimme lauschte. Die Luft des engen Raumes schien ihm schwül und drückend, er vermochte kaum Athcm zu holen. Blitzartig kreuzten sich seine Gedanken in seinem Hirn, und plötzlich war es ihm, als ob er k ie kleine Polly wieder vor sich sehe, wie sie, ein echter, zerlumpter Straßen-Araber, zum ersten Mal seinen Pfad kreuzte. Er erinnerte sich, welch tiefgehendes Interesse er stets an ihr gewonnen, er gedachte der Pläne, die er hinsichtlich ihrer Erziehung und ihres Wohlergehens einst gefaßt, und die der Wechsel ihres Schicksals zerstört hatte, noch ehe sie zur That geworden- er gedachte auch jener stürmischen, kalten Winternacht und der einsamen Straße, auf welcher er betäubt und hülflos gelegen, bis sie gekommen war und ihn gerettet hatte. Und dann wurde er aus diesen Träumen plötzlich aufgeschreckt. Miß Ethel ließ das Buch fallen und blickte ihn au- offenbar hakte sie seine Anwesenheit in dem Zimmer längst bemerkt. „Ihre Hand ist sehr kalt," flüsterte sie, indem sie ihr dunkles Haupt leicht gegen die Kranke neigte. Er beugte sich über das Bett. Die Seele der armen Fran war still, schmerzlos hinübergegangen zu den Gefilden des ewigen Friedens, aber die Finger der Todten hielten die Hand Ethels noch immer so krampfhaft umschlossen, daß der junge Arzt dieselben gewaltsam lösen mußte. „Kommen Sie mit," sagte er dann, „Sie können hier nichts mehr thun. Kommen Sie, Miß Greylock! Wollen Sie denn auf sich selbst gar keine Rücksicht nehmen?" Bleich, sichtlich erschüttert, stand Ethel auf. „Oh, Doctor Vandine! Wann wird diese furchtbare Zeit enden?" rief sie schaudernd. „Fassen Sie Muth!" tröstete er sie. „Wir haben in dieser Woche keinen Fall von Fieber gehabt, und ich denke, wir können annehmen, daß die Epidemie fast erloschen ist." Sie zitterte heftig. Er hob die auf dem Fußboden liegende Bibel auf und breitete dem jungen Mädchen den Mantel aus schwerer, dunkler Seide um die Schultern. Dann traten die Beiden in die Nacht hinaus, die Sorge für die Todte deren Verwandten überlassend. Die Wogen rollten gegen den mondbeleuchteten Strand, sodaß es wie das Schluchzen eines brechenden Herzens klang, der Wind war zur Ruhe gegangen, und die weite Fläche der Marschen lag dunkel und still unter dem wolkenlosen, sternklaren Himmel. „Ist Ihr Wagen nicht hier?" fragte der Arzt, sich nach allen Seiten umblickend. „Nein," erwiderte sie. „Ich habe zu Hause angeordnet, daß ich erst um zehn Uhr abgeholt werden sollte- ich will nicht so lange warten- ich kann ja nach der Villa gehen — furchtsam bin ich nicht, und außerdem giebt es in Blackport keinen Menschen, der mir etwas Böses thun würde." Dick sah sie mit einem sonderbaren Blicke an. „Der Ansicht bin ich auch. Die Zungen dieses einfachen Volkes sind zu ungelenk, seine Sprache zu arm, als daß es seiner Dankbarkeit so recht von Herzen Ausdruck zu leihen vermöchte. Wie ein Engel der Barmherzigkeit sind Sie während der letzten Monate unter den Armen umhergewandelt und haben Trost und Hülse gespendet. Aber obgleich ich weiß, daß Sie zu jeder Stunde der Nacht auf den wildesten Pfaden der Umgegend ebenso sicher wie in Ihrem Empfangszimmer zu Greylock Woods sein würden, muß ich dennoch um die Gunst bitten, Sie nach Hause geleiten zu dürfen." Ethel machte keine Einwendung, und Beide schritten schweigend vorwärts. Die Villa war etwa eine Meile entfernt. Doctor Vandine zog den Arm seiner Begleiterin leicht durch den seinigen. „Sie sind müde," sagte er im Tone der herzlichsten Theilnahme, „ganz erschöpft durch die unablässigen Anstrengungen, deren Sie sich in letzter Zeit unterzogen. Stützen Sie sich auf mich! Möchten Sie nur nicht auch krank werden!" „Oh nein," erwiderte Ethel mit erzwungener Munterkeit, „ich bin von einer wahrhaft übernatürlichen Kraft. Wissen Sie nicht mehr, daß Sie vor langer, langer Zeit — damals, als ich Ihre Patientin war — zu behaupten pflegten, daß es vollkommen unmöglich sei, mich umzubringen. Erinnern Sie sich dessen noch?" „Ob ich mich dessen noch erinnere?" wiederholt er rasches giebt nichts, Miß Greylock, was Sie betrifft, das ich je vergessen könnte. Sie wanderten schweigend weiter und traten in den Park von Greylock Woods ein, welcher in der Beleuchtung des Mondes einen ganz zauberhaften Anblick bot. Breite Lichtstrahlen flutheten wie flüssiges Silber über die Blätter und Blüthen der grünen Wildniß umher, und neben dcn Hellen Bahnen, welche sie durch das grüne Laub zogen, erschien die Finsterniß der daneben liegenden Büsche und Bäume noch tiefer, purpurner, geheimnißvoller. Unsichtbare Springbrunnen plätscherten leise- blühende Rosen und Heliotropen erfüllten die laue Luft mit ihrem berauschenden Duft. Jahre waren vergangen, seitdem Vandine seinen letzten Besuch in den Woods abgestattet hatte. Er blickte sich um und murmelte unwillkürlich vor sich hin: „Wie das in mir Vergangenheit wachruft?" Ethel warf ihm einen raschen Blick zu und erwiderte seufzend: „Nans Bild wird immer in den Woods nmgehen, und für mich ist gerade dies das Schönste von Allem hier. Für Sie freilich muß die Erinnerung an Nan eine sehr trübe sein!" Der Gedanke, von Ethel falsch beurtheilt zu werden, schien Dick unerträglich. „Auf die Gefahr, in Ihren Augen unbeständig zu erscheinen, Miß Greylock," bekannte er frei' müthig, „muß ich Ihnen erklären, daß der Kummer, welcher sich in meinem Herzen an Nans Bild knüpfte, von Jahr zu Jahr kleiner und schwächer geworden ist. Ich liebte sie einst, wie Ihnen bekannt ist- sie aber machte sich durchaus nichts aus mir. Und da ist es natürlich, daß unter diesen Umständen meine unglückliche Liebe vor langer Zeit einen sanften Tod gefunden hat. Es war ein vernünftiger Mann, welcher den alten Spruch gedichtet: „Eines Weibes Schönheit wegen Will ich nicht in's Grab mich legen, Liebt sie einen anderen Mann, Was geht dann ihr Reiz mich an?" Ethel antwortete nicht- sie schien verletzt, ärgerlich. Unterdessen hatten sie die steinerne Treppe erreicht und blieben stehen. Nach einem Moment des Stillschweigens streckte Ethel 899 die Hand aus und sagte ruhig: „Gute Nacht, Doctor Vandine! Da, Ihrer Ansicht nach, die Epidemie so gut wie erloschen ist, so werden wir uns so bald nicht wieder treffen.'' Er hat ihre Hand ergriffen und hielt dieselbe fest. „Was?!" rief er. „Ich soll Sie nicht wieder treffen ?! Das ist ein hartes Wort, das Sie da zu einem alten Freunde sprechen, Polly, ein sehr hartes Wort nach solchen Wochen, wie wir sie miteinander in den Blackporter Hütten zugebracht — nachdem Sie mir das Ideal der Frauenwürde und des Frauenwerthes, tote ich es so nie vorher geahnt, entschleiert haben." Er nannte sie bei ihrem alten Namen. Das Mondlicht fiel voll auf Ethels feingeschnittenes dunkles Antlitz; er sah Thränen in ihren Augen. Ein unarticulirter Schrei entrang sich den Lippen des Doetors. „Ich liebe Dich, Polly!" jubelte er auf, und ich bin nun davon überzeugt, daß ich Dich — Dich allein immer geliebt habe! Wollen wir uns Wiedersehen oder nicht?" Ethels Hand lag still in der seinen. Die Thränen, welche bisher an ihren Wimpern gehangen, rollten jetzt langsam über ihre Wangen. „Wie darf ich glauben, daß ich von Ihnen geliebt werde," murmelte sie, „so viel Glück kann mir nicht bestimmt sein." Er zog sie an sein Herz und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Die Arme um seinen Hals geschlungen, den Kops an seiner Brust geborgen, erzählte ihm Ethel unter Thränen des Glücks, in der stillen, mondhellen Nacht, daß sie ihn geliebt habe, von dem Tage an, da sie ihn zum ersten Mal gesehen, und wie sie ihr Geheimniß doch so sorgsältig zu verbergen gewußt, daß kein menschliches Wesen je eine Ahnung davon gehabt habe. Dick blickte sie halb erstaunt, halb begeistert an. „Großer Gott! Wie blind war ich doch!" rief er aus. „Sicherlich, mein Liebling, ist kein Manu so thöricht gewesen wie ich!" Auf so einfache Weise verschenkte die Herrin von Grey- lock Woods ihre Hand und all ihre Reichthürner. Sie wurde wenige Wochen später dem jungen Arzt in derselben Kirche angetraut, in welcher Non und der Baronet das Gelübde der Treue miteinander getauscht hatten. * * * Es ist fast zwölf Uhr. Ueber dem Mittelländischen Meere, den Palmen, Gärten und Hügeln der Riviera, dem schönen, im Schutze der Alpen liegenden Nizza, das von Bergnügungsjägern und Gesundheitsuchenden aus allen Theilen der Erde saft übersüllt ist, brütet die Mittagshitze. Auch aus die hübsche, von Orangen- und Citronenbäumen beschattete, gerade in der Hauptstraße liegende „Villa Maria", welche von einer schönen Amerikanerin bewohnt ist, fallen die heißen Strahlen der Sonne- es scheint fast, als ob die strahlende Himmelskönigin alles Leben in dem schmucken Häuschen er- tödtet hätte, so still und regungslos ist es in demselben. Die Uhren in der Villa schlagen eine nach der anderen zwölf, und wie durch die hellen Töne erweckt, erscheint auf der Treppe ein schwarzer Page in Livröe, welcher in der Hand eine kostbare, über und über mit Theerofen gefüllte Vase trägt. Er giebt an einer der seidenen Portieren ein leises Zeichen, und gleich darauf wird dieselbe von einer zierlichen Kammerzofe bei Seite geschoben. „Schläft Mrs. Iris Grehlock noch?" erkundigte sich der Schwarze. „Ja," versetzt das Mädchen, indem sie die duftende Vase in Empfang nahm. „Als sie gestern von Monaeo zurückkam, war sie erschöpft- sie hat am Spieltisch viel verloren, und" — die Kleine zuckte die Achseln — „es verstimmt die Gnädige immer, wenn sie verliert. Mein Himmel! Diese Amerikaner sind ja so reich, daß ein paar Tausend Francs mehr oder weniger ihnen doch unmöglich etwas ausmachen können!" Der Schwarze zog sich in den Corridor zurück. Die Zofe wurde ungeduldig- sie öffnete die Thür des Schlafzimmers ihrer Herrin und blickte hinein. Es war wirklich ein reizendes, kleines Gemach, dessen Fenster eine herrliche Aussicht aus die Promenade und das Meer boten. Die Wände waren mit Spiegeln und Vergoldung reich geschmückt, die Möbel kostbar eingelegt und das Bett, welches in der Ecke stand, mit künstlerisch ausgeführtem Schnitzwerk verziert. Die Zofe schlich leise und vorsichtig auf dasselbe zu Eine schön geformte Hand lag bewegungslos auf der Decke; das wachsbleiche Antlitz der Schläferin war in die gestickten Kiffen gepreßt. Die Zopfe schaute hin- sie beugte sich über das Bett, berührte die Herrin, schob den Fenstervorhang zurück, blickte noch einmal hin und floh dann, einen gellenden Schrei ausstoßend, aus dem Zimmer. „Laufe zu dem englischen Arzt!" rief sie dem herbeieilenden Neger zu- „mit der gnädigen Frau ist etwas nicht in Ordnung. „Oh, mein Gott! — ich glaube, sie ist tobt!" Der Schwarze raunte davon. Wenige Minuten später kam der Arzt- er prüfte die still und kalt auf dem Bett liegende Mrs. Iris Grehlock, betrachtete aufmerksam eine kleine Flasche und ein Glas, welche auf dem Tische standen, und erklärte dann kurz: „Sie ist schon seit mehreren Stunden tobt!" „Oh, mein Herr!" kreischte bie Zofe, „ist es Selbstmorb ?" „Eine zu starke Dosis Chloral wahrscheinlich," meinte ber Arzt. „Mabame mußte ihre Tropfen haben," sagte das Mädchen- „sie konnte ohne dieselben nicht schlafen, und gestern Abend in Folge ihrer Spielverluste in Monaeo besah! sie mir, die Dosis ein wenig, ein ganz klein wenig stärker zu machen. Ach, wie schrecklich! Man wird sie in Nizza sicherlich noch sür lange Zeit nicht vergessen- kannte doch Jedermann die hübsche, lahme Dame, welche mit ihrem Gelbe so freigebig war wie eine Herzogin." „In Nizza wird an Niemanden lange gedacht," bemerkte der Arzt kühl, als er das Haus des Todes verließ. Das ewig Pläne schmiedende Hirn und das rastlose Herz der ehemaligen Tänzerin — sie hatten endlich Ruhe gefunden. Auf einem Tisch, nahe dem Bett, lag ein unvollendet: Brief, der, wie die Aufschrift erkennen ließ, für die jenseits des Oceans lebende Tochter der Verstorbenen bestimmt war. Die letzten Zeilen lauteten: „Das Leben ist nicht werth, gelebt zu werden, Ethel- das meinige ist hoffnungslos verfehlt- Alles belästigt und ermüdet mich- Du bist glücklich zu preisen, daß Du die Natur Deiner Mutter nicht geerbt hast. Ich bin und war all mein Leben lang eine unglückliche Frau —" Dieser unvollendete Brief wurde mit der Nachricht von dem Tode der Schreiberin über das Meer gesandt, denn Mutter und Tochter waren ja durch Tausende von Meilen von einander getrennt. Die Leiche der Mutter ruhte, wenn auch im sonnigen Italien, so doch in fremder Erde, während die Tochter in ber Heimath, im freien Amerika, als glückliche Gattin lebte. Ethel nahm beti Tob ber Mutter nicht allzu tragisch auf- hatte sie boch nie bie Liebe bes Kinbes sür sie em« pfinben können. Nau war von bem plötzlichen Hinscheiben Derjenigen, welche sie seit ihrer frühesten Kinbheit als Mutter zu betrachten gewöhnt worben war, mehr erschüttert- sie machte sich Vorwürfe barüber, baß sie ihr, ber sie boch eigentlich ihr ganzes Lebensglück verbankte, nicht das gewesen, was sie ihr eigentlich hätte sein sollen — eine hingebende Tochter. Ihr Gemahl tröstete sie hierüber- in seiner ruhigen Weise meinte er: „Ihretwegen hättest Du noch heute ein Straßenkind sein können- Du warst ihr nur das Mittel zum Zweck- Dank hast Du ihr nie geschuldet." Im Sommer des nächsten Jahres trafen sich die einstigen beiden Bettelkinder aus der Harmonh - Alley, das wirkliche und angenommene Kind der Tänzerin, in Nizza und legten Kränze auf das vereinsamte Grab Derjenigen, welche eine so wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hatte. Der Kurort zum „Sonnenbad", eine Heilquelle für Jedermann. Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Wo liegt der heilkräftige Kurort zum „Sonnenbad"? Vergebens wirst Du ihn auf der Landkarte suchen und doch liegt er Dir so nahe. Bist Du ein Stadtbewohner, der keine Veranda und kein Gärtchen zur Verfügung hat, so gehe in die städtischen Anlagen und auf die Kinderspielplätze, dann wandelst Du im Kurorte „Sonnenbad". Wohnst Du aber auf dem Lande oder in der Nähe desselben, dann sprudelt, wenn Du durch Feld und Flur wanderst, die Heilquelle des Sonnenbades in wahrhaft überreichlichem Maße vom Himmel auf Dich herab. Dabei bist Du keineswegs das einzig lebende Wesen, welches in dem Sounenstrahlbade Gesundung und Kräftigung sucht. Dort auf jenem Bauernhöfe liegt behaglich in der Sonne ausgestreckt der Hofhund/ nicht weit davon genießt die Katze mit wohlgefälligem Schnurren und zufrieden blinzelnden Augen die Heilkraft der Sonne/ und dort im heißen Sande liegen die Hühner, lüften bald den einen, bald den anderen Flügel, drehen und wenden sich, damit die belebenden Sonnenstrahlen sie an allen Körper stellen bescheinen können. Auch die Sperlinge auf der Straße und die Vögel draußen in der freien Natur machen es ebenso. Und weshalb? Ist im August die aufreibende Thätigkeit des Brutg schäftes vorüber und der entkräftende Federwechsel einzekehrt, so sind die Vögel froh, wenn sie einen ruhigen, von der Sonne beschienenen Platz finden. Sie machen sich die blutbildende Sonnenwärme zu nutze, der sie jetzt um so mehr bedürfen, als durch die Mauser eine bedeutende Säftemenge absorbirt wird. Aber auch die anderen Thiere nehmen womöglich stundenlang täglich ein Sonnenbad. „Die Pflanze selbst kehrt sich dem Lichte zu!" (Schiller.) Und wie verhält sich der vernunftbegabte Mensch gegenüber diesen instinctiv gesundheitsgemäßen Maßnahmen der Thiere? In ängstlicher Lichtfeindschaft verdunkelt er die Stuben mit Vorhängen und Fensterläden zu grabgewölbartigen Räumen und meidet möglichst jeden Gang im Sonnenschein, nur um nicht einige Schweißtropfen zu verlieren. Daher diese kränklichen Milchgesichter unter den Stadtbewohnern, diese bleichen Treibhauspflanzen namentlich unter der Jugend der besser situirten Stände, daher das große Heer der Bleichsüchtigen und Blutarmen, der Schwächlinge an Nerven und Muskeln. Gehet hinaus in den lachenden Sonnenschein und lernet von Pflanzen und Thieren die Heilkraft der Sonne genießen! Ihre belebenden Strahlen zaubern aus der im Winter scheinbar tobten Erde Blätter, B üthen und Früchte hervor, erwecken die im Winterschlaf erstarrten Thiere zn neuem Leben. Groß ist der Einfluß der Sonne auch auf den menschlichen Organismus. Der noch schwache Reconvalescent fühlt bei ihren erwärmenden Strahlen seine Lebens Kräfte und -Säfte sich mehren / wie unter ihrer Einwirkung allein der grüne Farbstoff der Blätter gebildet wird, so verleiht sie auch dem dünnen Blute, den bleichen Wangen eine gesunde, rothe Farbe. Der Rheumatiker wird an sonnigen Tagen von seinen schmerzhaften Leiden fast gar nicht gequält. Gewisse Hautkrankheiten werden im Sonnenlichte geheilt oder nehmen wenigstens einen sehr schnellen Verlauf/ bestimmte epidemische Krankheiten und Fieber verschwinden in der sonnigen Jahreszeit vollständig. Daher sagt der Italiener: „Dove non viene il sole, viene il medico,“ — „Wohin die Sonne nicht kommt, dahin kommt der Arzt." Und ein altes Sprüchwort sagt: „Auf der Schattenseite der Straße hält der Leichenwagen dreimal so oft, als auf der Sonnenseite." Ganz wunderbar bedeutungsvoll ist eben die Einwirkung des Sonnenlichtes auf unseren körperlichen und geistigen Gesundheitszustand. Jedoch würde es uns hier zu weit führen, genauer darauf einzugehen. Ich verweise deshalb auf die betreffenden Artikel in meinem Büchlein: „Gesundheitspflege in den verschiedenen Jahreszeiten." (Verlag von W. Rommel, Frankfurt a. M.) Möchten doch namentlich alle Städter die jetzige Jahres zeit benutzen, um der Gesundungskraft der Sonnenbäder theilhaftig zu werden. Es sind damit nicht die methodisch durchgesührten Sonnenbäder in den sogenannten Naturheilanstalten gemeint, sondern das von Jedem daheim ausführbare Liegen, Sitzen oder Gehen an sonnenbeschienenen Plätzen. Da die Einwirkung der Sonne sich zunächst in einer Verbesserung des Blutes geltend macht, bildet sie einen günstigen Heilsactor namentlich für Bleichsüchtige, Blutarme, schlecht Genährte und Nervenschwache. Experimentell ist aber auch bewiesen, daß der Stoffwechsel bedeutend vermehrt wird, so daß also alle schädlichen Stoffe im Körper schneller ausgeschieden werden. Daher haben alle an Gicht, Rheumatismus, Zuckerkrankheit re. Leidende hier ein sehr werthvollcs Naturheilmittel. Viele Leute meinen, wenn sie sich den Sonnenstrahlen aussetzen, würden sie gleich vom Sonnenstich oder Hitzschlag getroffen. Bei diesen schädigenden Einwirkungen der Sonne spielen aber stets noch ganz besondere, leicht vermeidbare Umstände mit, die ich anch in meinem obenerwähnten Büchlein beschrieben habe. Darum, Ihr Städter, laßt in Eure Dunkelkammern von Wohnungen die belebenden Sonnenstrahlen dringen! Gehet hinaus in Feld und Flur dem lachenden Sonnenschein entgegen ! Lasset Eure K ndlein draußen auf dem warmen Sande oder Rasen Herumspielen, damit sie auch so gesunde, geröthete Gesichter und so feste, dralle Backen bekommen wie die Bauernkinder! Es ist höchst thöricht, wenn schon kleine Mädchen mit einem Sonnenschirm einherstolzirert. Der sonnige Sommer bildet gleichsam die hygienische Gnadenzcit, welche den Menschen verliehen ist, damit sie in ihr eine solche Fülle von Lebenskraft und Gesundheit in ihrem Körper aufspeichern, daß sie den rauhen Stürmen des Herbstes und den Fährlich- keiten des eisigen Winters unbeschadet Widerstand leisten können. Humsristisches. (Aus den „Fliegenden Blättern".) Grau- ame Strafe. „Wie, Frau Weiubeerl, Sie lernen auch radeln?" „Jawohl! Wissen Sie, wenn mein Schwiegersohn mich ärgert, dann muß er mit mir Tandem fahren!" — Deutlich. „Mein Freund hat Dich heute fast nicht wieder- eikannt, liebe Emma!" „Das wundert mich: ich laufe ja noch mit demselben Hut wie vor drei Jahren herum!" — Eine Muster-Hausfrau. „Sie bekommen doch in Ihrer Braut gewiß eine recht fleißige Hausfrau?" „Das will ich meinen — die hat mir sogar während meiner Liebeserklärung einen Knopf an die Weste genäht!" — Empfind- lich. Abgehende Kellnerin (ihre Nachfolgerin anweisend): „Hier an diesem Platz sitzt der Herr Registrator. Bet dem müssen Sie das leere Glas einfach immer wegnehmen und wieder füllen. Ja nie fragen, ob er noch eins trinkt — an st ist er beleidigt!" — Nach der Gesangsprobe. „Sie meinen also, Herr Kapellmeister, ich könnte mit meiner Stimme nicht zum Theater gehen?" „Leider — aber in’S Theater können Sie ruhig damit gehen!" — Standesgemäß. Besuch: „Was macht Ihr denn da, Kinder? Ihr tieft wohl Kaufmann?" Frau Commerzieurath: „Wie heißt Kaufmann? Meine Kinder spielen höchstens Bankier!" Rcdactüm. 8L Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.