1897. er stolz vor seinem Herrn, Und mild vor seinem Knecht, Dem beuge Du Dich gern, Denn er ist goldesecht. Leutrum-Ertingen. Der Majoratsherr. Roman een Nataly ». Eschstruth. Eortsetzm,,.) „Brillant schießt er! ganz großartig schießt er !" jubelte sie, ohne die mindeste Spur von Künstlerneid oder Ruhmes- gier, „Sie sind ein reizender Mensch, Assefforchen, der erste, den ich hier in Deutschland so gut schießen sehe! In Genf war ein Franzose, mit dem schossen wir alle Tage Glaskugeln, der war auch ein Patentkerl! Großartig, sage ich Ihnen! Hätte sich gleich beim „wilden Westen" als Pistolen- schiitz anwerben lassen können!" und während sie so lebhaft schwatzend neben ihm herschritt, stob sie harmlos ihre Hand in seinen Arm und behandelte ihn mit so kameradschaftlicher Zuneigung, als wären sie die ältesten Freunde und durch alle Gefahren der brennenden Prairieen und Giftpfeil durchwirrten Urwälder for ever verbündet. Dann schoß sie wieder, auch Centrum, und mit blitzenden Augen griff Hellmuth zum siebenten Mal zur Waffe. „Bis jetzt sind wir so ziemlich egal! ich habe nur zwei Ringe mehr, also kalt Blut! mit diesem Schuß können Sie mich schon schlagen!" „Nun denn, mit Gott für König und Vaterland!" lachte Hellmuth und zielte. Plötzlich wandte er den Kopf, als ob eine magnetische Gewalt ihn zöge, ein schlanke Mädchengestalt war in den Rebengang getreten und näherte sich langsam den Herren. Das Abendroth, welches den Himmel in Flammen von Gold und Purpur tauchte, goß seinen Glanz über das blonde Köpfchen, hinter ihr flimmerte der Rhein, und das junge, kaum der Knospe entsprungene Reblaub wiegte sich in graziösen Gewinden über ihr. Fränzchen stand, die Hände auf dem Rücken, und blickte voll lebhaftester Spannung nach der Scheibe. „Na los! worauf warten Sie denn?" drängte sie ungeduldig. Der junge Forstmann schrak zusammen, wie ein Kind, welches bei verbotenen Früchten ertappt wird. Hastig wandte er sich wieder um, zielte und schoß. Das Herz schlug ihm hoch auf dabei, er dachte an alles Andere, nur nicht mehr an die „Königswürde", welche auf dem Spiel stand. Fränzchen streckte den Kopf weit vor. „Na nu!" sagte sie überrascht, „wo sitzt denn die Kugel?" und dann schoß sie, wie ein Pfeil, ihm voran zu dem Ziel. Hellmuth folgte ihr nicht, er trat mit schnellen Schritten der jungen Dame entgegen. „Guten Abend, Miß Lilian! „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Sie haben wirklich viel versäumt, Ihre Fräulein Cousine hat mich geradezu verblüfft! Ich habe noch nie eine Dame derart schießen sehen!" Pia reichte dem Sprecher die'Hand entgegen, er hielt sie momentan in der Seinen. „Ich hörte den Jubel bereits!" lächelte sie, „und konnte der Versuchung nicht widerstehen, die fabelhaften Resultate mit Augen zu schauen!" „Beinahe immer Centrum! Sie haben schon das Schwarze beinahe herausgelockert," nickte der Graf, sich erhebend und behaglich herzuwuchtend. „Ein herrlicher Abend heute, das reine Idyll. Wenn die Schießerei zu Ende ist, schlage ich vor, wir bestellen uns das Nachtessen, und machen noch eine kleine Gondelpartie im Mondenschein, wollen' mal hören, was meine Frau dazu sagt! und wenn--" Er verstummte erschrocken, denn von der Scheibe her ertönte ein wahrhaft indianisches Triumphgeheul. Fränzchen erging sich in ein paar grotesken Sprüngen und dann stellte sie sich hin und krümmte sich in schallendes Gelächter. „Ratze! Ratze!" schrie sie ihrem Gegner zu, und Pia eilte ganz erschrocken zu ihr hin: „aber Kind, bist Du rein von Sinnen?" Fränzchen patschte, außer sich vor Freude, dem Assessor mit beiden Händen auf die Schulter. „Süßer Mensch — Sie haben da hinten am Berge eine Reblaus getroffen!" \ schluchzte sie vor Vergnügen. „Was habe ich?" Hellmuth sah ganz verdutzt darein. ! „Na, Sie haben gefehlt, radical gefehlt! dahier, den ; Rand der Scheibe haben Sie ein ganz klein wenig angesengt I--und das nennen Sie, mich in die Pfanne schießen?" Der Forstassessor lachte hell auf, sah aber doch ein wenig verlegen aur. „Trösten wir unS, dem Max tm Freischütz lst es auch nicht besser ergangen!" „Erlauben Sie mal!" zuckte Fränzchen geringschatzend die Achseln! „Mit dem können Sie sich doch auf eine Stufe stellen, der Narr war ja verliebt!" „So, und können andere Leute nicht auch verliebt sein?" Hellmuth fragt es mit gedämpfter Stimme und Pta neigte sich jählings, um eine kleine Weinranke recht genau zu besehen. , „Haha! — in seine Frau und seine sieben Kinder! nee, Assessorchen, — machen Sie mir nicht etwa weiß, daß Ihre Hand aus Sehnsucht gebebt hätte!" Allgemeine Heiterkeit: „Und nun, marsch — marsch — Hurrah! wir müssen unsere zwölf Schuß heraus haben, ehe es zu dämmerig wird!" das Backfischchen schoß wieder brillant, aber 'auch der nächste Schuß des Assessors brachte nur acht Ringe „Armer Max!" höhnte die Kleine. „Ich gebe das Rennen verloren! — lassen Sie es genug sein, Miß Francis, wir wollen Sie zur Königin krönen!" „Nichts da, geschossen wird! ich will Ihnen erst mrt Fug und Recht die schwarze Brille aufsetzen können! avanti!" Und sie schoß abermals vortrefflich. Hellmuth trat einen Schritt von Pia zurück und blickte starr gerade aus, aber er fühlte, daß ihre Augen auf ihm ruhten und seine Hand bebte abermals, als er zielte. „Aber Mensch!" rief Fränzchen, jählings seinen Arm haltend: „Haben Sie denn plötzlich den Tatterich, daß Sie so wackeln? ruhig Blut und dann los!" und doch schoß er auch diesmal schlecht. Das Backfischchen stampfte mit dem Faße auf. „Wenn ich's nicht wüßte, daß Sie es besser können! aber das ist ja plötzlich wie verhext mit Ihnen. Seit Lilian in den Rebengang trat, haben Sie kein Glück mehr! — Du — Lilian — hast Du ihn etwa behext wie ein altes Weib, — daß er nicht mehr trifft?" Fränzchen hatte es in ihrer Naivetät und Erregung herausgesprudelt und sah auch nicht die Wirkung ihrer Worte, welche dem Betreffenden das Blut in die Wangen trieb, — sie eilte im Triumph an die Scheibe, um unter Assistenz des Papas die Resultate zu verzeichnen. Hellmuth legte die Waffe langsam aus der Hand, er stand neben Pia, aber keines sprach ein Wort. „Max, schieß nicht, ich bin die weiße Taube!" — lachte Fränzchen par distance: „Bitte, vergessen Sie im Eifer nicht, daß ich jetzt die blauen Bohnen auffangen würde!" „Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein! Der Max muß erst Freikugeln schießen, ehe er wieder Centrum trifft!" Pia lachte und zwang sich gewaltsam zu einem harmlos heiteren Ton: „Nun, hier am Rhein, wo Drachenfels, Höllengrund und Teufelsbrücken zu Hause sind, wäre das Terrain für ein Freikugelgießen wohl gegeben! — Haben Sie schon eine Postkarte an Caspar geschrieben?" Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Wenn man das Bildniß eines Engels anbetet, mag man keine gemeinsame Sache mehr mit dem Teufel machen!" „Mehr? das klingt als ob sie früher gute Freundschaft mit ihm gehabt hätten?" Er stieß mit der Fußspitze die kleinen Kiesel hin und her. „Ich bin mir dessen nicht bewußt, und doch ist es mir zu Sinnen, als sei mir jetzt ganz plötzlich erst der Himmel aufgethan!" Sie blickte hinaus in die zauberhafte Flußlandschaft, über welcher die ersten Dämmerschleier mit den letzten Sonnenlichtern rangen. Die bunte Lebhaftigkeit des Tages war verhallt, ein feierlicher Abendfrieven ruhte ans der lenzesduftigen Welt und die Glockenklänge der Rochuscapelle zogen melodisch über das Wasser, wie ein grüßendes Gebet. „Das begreife ich!" antwortete Pi« schlicht, „und möchte wohl behaupten, daß es mir ähnlich ergeht. Ich habe schon so viel von der Welt gesehen, so viel erhabene Pracht und so viel liebliche Schönheit, und doch empfinde ich hier erst ihren vollen Zauber, welcher Herz und Seele erfüllt und andächtig stimmt." „Ich las einmal in einem Buche, welches sich durch viel Tiefe und Wahrheit des Gedankens auszeichnete, daß der Mensch glücklich sein müsse, wenn er die ganze Schönheit der Natur empfinden und sich ihrer voll bewußt werden wolle! nur der Glückliche könne Schönheit genießen, nur Derjenige, in deffen Seele es harmonisch und licht, warm und wonnevoll geworden sei." „Und doch ist die Schönheit der Natur der einzige Trost für Trauernde!" „Nicht der wahre Trost, weil er ein Leid vergrößert, anstatt es von ihnen zu nehmen! Menschen aber, welche einen tiefen Schmerz in die Einsamkeit der schönen GotteS- welt tragen, empfinden es als Wohlthat und Lmderung, diesen Schmerz unter dem Einfluß ihrer Umgebung ausströmen zu taffen! Dem Unglücklichen sind bei dem Anblick landschaftlicher Schönheit die Thränen der Wehmuth stets näher, wie das tiefe, wonnevolle Aufathmen hohen Genusses, — aber gerade die Thränen bekunden seine Ergriffenheit und thun ihm wohl, und doch glaube ich, daß die Schönheit, durch die Schleier von Thränen gesehen — nur halbe Schönheit ist." Das junge Mädchen wandte ihm das Antlitz zu, ein Aufleuchten ging durch ihr Auge. „Diese Ansicht würde mir also versichern, daß Sie zur Zeit sehr glücklich sind, weil Ihnen die Welt als Paradies erscheint?" „Sehr glücklich!" nickte er, „so glücklich, wie ein Kind, welches holde Märchen träumt" Er sagte es leise, und doch drang der Klang seiner Stimme bis in ihr Herz. Kränzchens überlaute Heiterkeit unterbrach sie. Sie schwenkte den Papierzettel triumphirend über dem Kopfe und sang übermüthig: Schau der Herr mich an als König! dünkt ihm meine Macht so wenig? Gleich zieh er den Hut, Mosje! wird er frag' ich? — he, he, he? he — was schoß denn er? — he, he? Der Assessor lachte: „Sie verspotten mich wieder, wie den armen Max im Freischütz, und vergessen ganz, daß der arme, verhöhnte Bursch dennoch beffer als alle Anderen geschossen, — ja, sogar in Agathes Herz mit Pfeil und Bogen den Meisterschuß gethan hatte!" „Ja wohl ja! vor Anno Toback! — heißt Ihre Frau Herzallerliebste daheim auch Agathe?" Nein!" "Na, also! Und wenn Sie sich vor so und so viel Jahren mal in eine holde Schöne verschossen haben, so soll das jetzt noch diese klägliche Niederlage auf der Scheibe dort entschuldigen? — Nein, Assessorchen, einem ganz frisch und jung Verliebten mag schon mal die Hand zittern, aber so einem Ehekrüppel wie Ihnen? hahaha! Also das sind faule Fische und Sie sind besiegt. — Zugegeben?" Der Assessor verneigte sich tief, abermals zuckte da« verhaltene Lachen um seine Lippen, und auch Pia kämpfte gegen die Heiterkeit, während ihr abermals das Blut in die Wangen stieg. „Ich bin in Ihren Augen ein todter Mann, Mitz Francis, — wolle die gestrenge Schützenkönigin mir eine gnädige Richterin sein." „Ich bin Königin, — Sie sind mein Leibeigener! „Oha!" lachte der Graf und Hellmuth kreuzte zerknirscht die Arme über der Brust. , „Oder sagen wir — Sie sind mir tributpflichtig! „Zu Befehl, Majestät!" „Sie müssen mir gehorchen?!" „Ich bin Wachs in Ihren Händen!" „Gut." Fränzchen richtete sich aus, hob arrogant die 555 Nase in die Luft und sagte herablassend. „Der Wirth meldet, daß das Abendbrod servirt ist, — führen Sie mich zu Tisch!" — Sie reichte ihm gnädig, von oben herab, die Fingerspitzen, während Hellmuth einen Augenblick betroffen zögerte. „Gehorsam ist des Christen Schmuck, mein verehrter Assessor!" lachte der Graf Willibald in bester Laune, „Majestät haben befohlen — und ich bitte." Er machte eine heitere Geste nach dem Hotel und bot Pia chevaleresk den Arm, „meine Frau erwartet die Scharfschützen !" Der junge Forstmann war dunkelroth geworden. Sein strahlender Blick traf Fräulein von Nördlingen, und sich galant vor Mr. Luxor und Fränzchen verneigend, und ihre derbe, kleine Hand auf seinen Arm legend, sprach er laut, mit beinah jubelndem Klang in der Stimme: „Und wenn ich auch besiegt bin — das Leben ist doch schön, o Königin!" All right! persiflirte das Backfischchen, und schritt an seiner Seite feierlich und würdevoll der „Krone am tiefen Rhein" entgegen! * * * Es war doch Frühling! frische, erquickende Nachtluft strömte balsamisch durch das offene Fenster, und doch hatte Pia das Gefühl, als müsse sie in der Gluth des Zimmers ersticken! Sie konnte noch nicht schlafen, — warum sich schon zu Bette legen? Hinter ihrer Stirn hämmerte und klopfte es, — sie schritt langsam, die Hände verschlungen und das Haupt leicht zurückgelehnt, in der Stube auf und ab. Noch nie im Leben hatte sie eine derartige Unruhe gequält, wie heute. Noch nie hatte sie die Begegnung mit einem Menschen so völlig aus allem Gleichgewicht gerissen, wie die mit Assessor Hellmuth. Ein unbegreifliches Fühlen und Empfinden stürmte auf sie ein. Himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt. Der Gedanke an ihn verließ sie nicht. Es hätte ihr so gleichgültig sein sollen, ob der Fremde mit ihnen soupirte oder nicht, — und dennoch schlug ihr Herz wie beseligt auf, als Fränzchen ihre neue Königinwürde durch die originelle Tischeinladung bestätigte. Und als sie an seiner Seite gesessen, und Fränzchens übermüthige Laune die kleine Tischgesellschaft ansteckte, so daß Scherzen, Lachen und Becherklang harmonisch durch die Lenzesluft tönte, da fanden sich die Blicke immer häufiger und sprachen unbewußt aus, was die Lippen wohl nie gewagt hätten, zu bekennen! Und Pias Herz erzitterte, — die Glücksschauer von Liebe und Sehnsucht weht darüber hin, und waS seit Jahren den reichen, eleganten und vornehmen Cavalieren deS high lifö nicht geglückt war, dieses Herz durch langes, dringendes Werben zu gewinnen, das war einem fremden Wandersmann in wenig Stunden geglückt. Ist das lebhafte Interesse, welches sie an ihm nimmt, wirklich mehr wie freundschaftliche Sympathie? Das junge Mädchen preßt die Hände gegen die Schläfen, und ihr Blick irrt wie in angstvoller Hilflosigkeit zu der silbernen Mondscheibe empor, welcher ihr träumerisches Licht durch das Fenster gießt. — Sie weiß eS nicht, — ihr klares Urtheil ist getrübt, — wie rosige Schleier wallt es vor ihren Augen, wenn sie an ihn denkt. Und dennoch, wäre es nicht Thorheit? nicht Wahnsinn? wie oft hat sie spöttisch die Lippen gekräuselt, wenn sie in Romanen las, wie schnell die Liebe und Leidenschaft Macht über Menschenherzen gewinnt Es schien ihr unfaßlich, und sie lächelte darüber und war überzeugt, daß wohl nur krankhafte und überspannte Phantasie solch ein „Prima Vista- Lieben" sich ausdenken könne! Und nun? Wie eine Krankheit ist es über sie gekommen! Wenn sie sich frägt: „Warum gefällt er Dir so gut?" weiß sie keine Antwort, keine andere als jenen unbestimmten Begriff: „weil er mir gefallen muß! ist er so schön?" Sie findet: mehr noch wie schön! — Sein Antlitz ist geistvoll, energisch, stolz, vornehm, und dabei drückt eS doch so ßviel warmherziges und edles Empfinden auS, wie kein anderes je zuvor. Sein Blick fesselte sie, — eS liegt eine Macht darin, die sie sich nicht erklären kann. Aber sie entsinnt sich, daß einst eine geistreiche Dame im Salon ihrer Verwandten sehr interessant über diese ge- heimntßvolle Macht des AugeS gesprochen hat. Der Blick ist der Träger eines Geistesfunkens, welcher da zündet, wo er verwandte Seelen trifft. Man entdeckt ja neuerdings so viel wunderbare Naturkräfte — man photographirt sogar die Hände und ihre electrische Ausstrahlungen und zeigt, wie Haß und Liebe an sich denselben bildlich darstellen läßt. Und solch ein geheimnißvoller glühender Strom geht von seinem Auge und seiner Hand aus, und setzt rettungslos ihr ganzes Wesen und Sein in Flammen! Und dies soll ja die wahre und echte Liebe sein. Dieser Sturmlauf der Leidenschaft, welcher steht und siegt! Alles Andere ist nur „sich aneinander gewöhnen," ein allmäliches Abstumpfen und Resigniren, welches den Widerstand lähmt und die Vernunft über das Herz siegen läßt. Diese» laue Gefühl der Duldung, welches aus längerem Verkehr entspringt, hat nie das Herz, sondern nur der Verstand geboren. Man lernt die guten Eigenschaften, den vortrefflichen Character, das engelhaft treue und offenmüthige Wesen eines Menschen kennen, und wenn man früher auch noch so kalt und gleichgültig an ihm vorüberging, so bewirkt dieses „Kennenlernen" doch allmälich ein Interesse, welches sich mehr und mehr erwärmt, bis eS in der ruhigen, leidenschaftlichen Ueberzeugung gipfelt: „Dieses Wesen gefällt Dir doch recht gut und paßt vortrefflich für Dich, sprechen wir das entscheidende Wort!" Und das soll Liebe sein? Pia schüttelt Plötzlich erregt den Kopf. Nein! tausendmal nein! all diese vermeintlich Liebenden — lieben nicht! Sie kennen nicht diesen heiligen Sabbath im Herzen, diese Wethestunde süßer Herzensqual! Sie ahnen nicht, was dies Hoffen — Wähnen, Bangen und Jauchzen, — dieses Sinnen und Träumen mit offenen Augen besagen will! Sie haben nie von ihrem eigenen Empfinden wie vor einem süßen Räthsel gestanden, sie haben nie die zauberische Gewalt empfunden, welche stärker ist als jeder Wille, welche besiegt und zum willenlosen Sclaven macht und doch daS ganze Sein mit jubelnden, berauschenden Wonnen erfüllt! Pia fühlt, wie ihr Thränen über die Wangen rinnen. Thränen! weint sie denn? nein! ihre Lippen lächeln ja doch und ihre Seele athmet Glückseligkeit! — Sie will gern ruhig nachdenken, — sie kann es nicht. All ihre Gedanken kreisen wie leuchtende Strahlen um eine Sonne. Darf sie ihn denn lieben? „Und ob ich Dich liebe — was geht's Dich an?!" Wer will der Liebe wehren? sie spottet jedes Verbotes, und er? — begehrt er ihrer? Ja, sein Auge ruft sie mit jedem Blick! Sein Auge wirbt heiß und flehentlich um Liebe, — mit jedem Blick. Und sie hört und versteht diesen Schrei der Sehnsucht, darf sie ihm folgen? Muß sie fliehen, solange es noch Zeit ist? Pia schließt die Augen und bleibt hochathmend stehen. Warum vor dem Glück fliehen? Sie steht ja, wie es in blendender Schöne ihr entgegenleuchtet, wie eine Sonne, welche sich nach dunkler Nacht am Himmel hebt. Liebessonne! Licht der Gnade und des Glückes! Nein, sie flieht nicht vor ihm. Sie breitet selig lächelnd die Arme aus und harrt seiner! (Fortsetzung folgt.) 886 — Zur Geschichte der Heirathsgesuche. Wer zurrst auf den Gedanken gekommen, auf dem heute „nicht mehr ungewöhnlichen Wege" eines Zeitungsinserates ein Heirathsgesuch zu veröffentlichen, dies zu erfahren, würde zwar recht interessant sein, dürfte sich aber doch kaum noch feststellen lassen. Gewiß ist, daß das heute so beliebte Verfahren weit älter ist als man wohl gewöhnlich glaubt. Die ersten schüchternen Anfänge zeigten sich bereits zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Hamburger Zeitungen, indem einige sich besonder- vereinsamt fühlende Männer sich öffentlich darüber aussprachen, wie sehr es ihr Wunsch sei, an der Hand einer liebenden Gattin durchs Leben zu wandeln. Das Praktische dieser Idee scheint dann zunächst in Oesterreich erkannt worden zu sein und zur Nachahmung gereizt zu haben, denn in dortigen Zeitungen wurde der neue Ableger moderner Cultur alsbald weiter gepflegt. Auch war es ein Wiener Blatt, das im Juli 1795 zuerst ein Heirathsgesuch brachte, dessen Einsender ungenirt seinen Namen nannte. Die denkwürdige Aufforderung, die sich in etwas gemischter Gesellschaft befand, denn gleich daneben las man von einem Mittel zur Vertreibung des Ungeziefers, von einem zu verkaufenden Pferde, einem verlaufenen Hunde u. A. m., hatte folgenden Wortlaut: „Ehegattin wird gesucht. Ein kürz (kürzlich) verwttibter Man«, mit Namen Bruderhofer, welcher sehr gut denket und vermöglich ist, auS Österreich gebürtig, seine- AlterS etlich und dreißig Jahr, mit zwei erwachsenen Kindern, ein gewesener bürgerlicher Bäckermeister, wohnhaft beim Äug' Gottes als Hausinhaber, suchet, weil er wenig bekannt ist, durch diese Gelegenheit eine Ehegattin. Die Person, die auS unbekannter Weise ihr Vertrauen zu ihm hätte, kann sich nach Belieben entweder persönlich oder durch Brief erkündigen. Sie mag von hier oder vom Lande sein, eine Wittib oder ledig, nur darf sie nicht häßlich sein, auch weder zu jung noch zu alt, muß auch wenigstens die Halbscheid seines Vermögens mit zubringen. Die nähere Auskunft wünde sich besser finden, als man hoffen wird." Da in unserer Zeit selbst der Heirathslustigste schwerlich den Muth hat, mit geöffnetem Vistr vor die Oeffentlichkeit zu treten, so war man hiernach im vorigen Jahrhundert auf diesem Wege eigentlich weiter als heutzutage. Nur Gesuche weiblicher Ehecandidatinnen veröffentlichten damals deutsche Zeitungen noch nicht. Erst einer späteren Zeit war es Vorbehalten, auch in dieser Beziehung mit dem Herkommen zu brechen und damit eine neue Aera in der Geschichte der Heirathsgesuche einzuleiten. Zum Schluß mögen hier noch einige Kuriosa auf dem Gebiete derselben mitgetheilt werden, die wir dem Berliner „Intelligenz-Blatt" vom Jahre 1843 entnehmen: „Ein Mann von außerhalb, der sich ausweisen kann und hiesiger Bürger ist, sein Geschäft gut im Stande, verdient jährlich 4 bis 500 Thlr., hat Lust, sich mit einer ordentlichen ländlichen Dame oder Dienstmädchen, mit einem Vermögen von 6 bis 800 Thlr. auf dem Lande zu verheirathen. Reflectirende werden gebeten, ihre Adressen mit Verschwiegenheit rc. abzugeben." — „Gin Sohn aus einer bürgerlichen Familie hat es schon soweit gebracht bis zu seinem Meisterstück- seine Eltern haben ihm auch bereits einen Bauplatz gekauft, wo es auSgeführt werden kann: er sucht dazu eine Lebensgefährtin, die etwas Vermögen dazu hergeben kann. DaS strengste Schweigen wird gehegt." — „Ein hiesiger Bürger, Eigen- thümer, Wittwer und Geschäftsmann in den 50er Jahren, kräftig und gesund, im besten Rufe und alleinstehend, seiner hohen Eigenschaften und Verdienste wegen mit einem Orden geziert, wirbt hiermit zu gegenseitiger Treue und Schutzleistung, um die Hand einer seinen Jahren angemessenen Jungfrau oder Wittwe mit einigem Vermögen, letzteres soll sicher gestellt und dazu dienen, sich von allen Geschäften zurückzuziehen. Ehrenhafte Gesinnungen verbürgen jede Discretion- daher reellen Dank allen denen, welche zur Erreichung des Zweckes behülfltch sein könnten." — „Ein junger Geschäftsmann sucht eine Lebensgefährtin, die ein paar Hundert Thaler Vermögen hat. Es wird nicht gesehen auf den Stand, sondern nur auf eine gute Wirthin, die bei ihrer Herschaft sich gut geführt hat. Adressen rc." GeineinnÄtzige*. Wie seine Vorgänger, wird der Haushaltung-- Kal-trdev fftt 1898, den die Liebigs Fleisch-Extract-Com- pagnie soeben erscheinen ließ und der zur Gratis-Vertheilung an ihre Kundschaft gelangt, den Hausfrauen willkommen sein. Auch der neue Jahrgang birgt manches nützliche und wissens- werthe, z. B. in 48 Menus einfacher und feinerer Art, 115 erprobte Kochrecepte von der Bearbeiterin des Kochbuches von Henriette Davidis. Des weiteren enthält der Kalender eine interessante Abhandlung über den Werth und die Bedeutung des Fleisch-Peptons der Compagnie Liebig, dessen Verwendung für die Krankenküche in 10 verschiedenen Koch- recepten behandelt wird; ferner Liebigs Portrait, Abbildungen der Liebig-Denkmäler in München, Gießen und Darmstadt, Scherz-Vignetten, Rebus etc. * * * Schweinsohren mit pikanter Sauee (vallonisches Gericht). Die weich gekochten und mit geriebenem Weißbrode Panirten Schweinsohren werden gebacken und mit folgender Sauce angerichtet: Mehrere gehackte Schalotten läßt man in etwas Weinessig, dem man Pfeffer und Salz beigefügt hat, aufkochen. Alsdann vermischt man 10 Gramm Mehl mit 10 Gramm Butter, gießt etwas Auflösung von Liebigs Fleisch- extract bei, läßt diese Sauce unter beständigem Umrühren 10 Minuten kochen, fügt die Schalotten mit dem Essig hinzu und servirt die Sauce warm. Humoristisches. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer lO Pfg. Grob. Alte Jungfer: „Das Bild hat aber gar keine Aehn- lichkeit mit mir!" Photograph: „Seien Sie doch froh!"— Enfant terrible. Verehrer der Schwester: „Karlchen, kannst Du mir nicht eine Locke vom Haar Deiner Schwester besorgen?" Karlchen: „Nein, aber ich kann Ihnen sagen, wo sie ihr Haar kaust." — O, diese Kinder. Doctor: „Also, wie alt bist Du, Elschen?" Eischen: „Dreizehn Jahre." Doctor: „Ich hätte Dich für jünger gehalten." Elschen: „Herr Doctor, Sie sind ein Schmeichler." — Empfindlich. Er: „Gieb mir noch ein Stückchen Zucker zum Kaffee." Sie: „Wie, nachdem ich Dir eben den Morgenkuß gegeben, verlangst Du noch Zucker? — Heinrich, Du liebst mich nicht mehr!" * * * „ . . . Aber Herr Wampert, jetzt sind Sie doch schon )rei Wochen hier und haben noch nicht einen Berg be- tiegen!" — „Ja, wissens, Herr Wirth, ich bin Thalfex!" * * Heimgeschickt. Frau von Lersack (der in Gesell- chaft ein Herr vorgestellt wird): „Ach, Sie sind der Kassirer von Müller und Sohn! Da werden Sie meinen Diener 1‘ennen, der öfters Maaren bei Ihnen abgeholt hat!" — Kassirer: „Bedaurc, ich bin in der Abtheilung für Baarzahlung !" * * * Der gefällige Kellner. „Bringen Sie mir ein mar Witzblätter." — Kellner: „Bedaure, werden gerade alle gelesen. Soll ich vielleicht einstweilen selbst einige Witze ür den Herrn machen?" R-dactionr Ä. Sch «»da. - Druck und «erlag der Brühl'schen UuivrrfitätS-Buch- und Steindruckern (Pietsch & Scheyda) in <ß«n.