4‘i nh’HSäö ■Ätii B4 s finden die Besten wohl und die Frommen Dies irdische Sein oft recht unvollkommen; Doch selten erkennt einmal Einer an, Daß er selbst sich auch noch bessern kann. Frieda Schanz. Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Capitel 8. Ich muß geduldig sein, bis der Aspect am Himmel günstiger ist. Wintermärchen 2. Aufz. 1. Sc. „Ich will ihm dienen, ihm leben, ihm angehören ganz." Chamiffo. Das war eine der größten Ueberraschungen, welche die Residenz jemals erlebt hatte, als am nächsten Morgen die Berlobungsanzeige des Grafen Willibald von Niedeck mit Johanna, Freiin von Nördlmgen - Gummersbach, in der Zeitung stand. Frau Melanie stieß einen gellenden Schrei aus, sodaß ihr Gatte entsetzt von dem Chaiselongue, auf welchem er seine Frühstückscigarrette rauchte, emporschnellte. „Rüdiger — auch das noch! — Das war Alles, was noch fehlte!" Der Graf warf eineu verstörten Blick auf das Zeitungsblatt. Ec ward sehr bleich. „Ah — das ist perfide!" stieß er kurz hervor, bann Preßte er die Lippen zusammen und starrte an seiner aufgeregten Gattin vorüber ins Leere. Plötzlich lachte er hart auf: „Je nun, gönnen wir ihm doch das harmlose Vergnügen!" spottete er achselzuckend. „Harmloses Vergnügen, wenn der Majoratsherr heirathet? ?" „Gewiß! — Wen heirathet er beim? Bah! bte kleine Buckline ist sehr ungefährlich!" „Johanna ist nicht bucklig!" „Nun, bann ist sie schief — unb hinkt! Jebenfalls ist wohl ausgeschlossen, baß sie ben Klapperstorch noch zu ihrem Hoflieferanten macht!" „Irre Dich nicht! Man hat Beispiele — —" Rübiger stampfte voll zorniger Gereiztheit bas Parkett: „Unke boch nicht ewig! — Als ob ich es änbern könnte! — Hol der Teufel ben verrückien Kerl, wenn er etwa unserem Jungen noch einen Erben vor die Nase setzen will!" „Der Teufel scheint keinen Appetit auf ihn zu haben, sonst hätte er ihm wohl schon eher den Hals umgedreht! — Rüdiger — ich beschwöre Dich — was soll aus uns werden, wenn Wulf-Dietrich auch noch das Majorat verliert!? Wird in Niedeck ein Sohn geboren, haben wir auch jedweden Credit verloren!" Der Graf schritt wie ein Tiger im Käfig auf dem weichen Teppich hin und her. Er nagte voll zitternder Nervosität an den Schnurrbartspitzen, seine Gesichtsfarbe spielte in das Grünliche. „Ja, was soll dann werden?" murmelte er tonlos. Die Gräfin sank laut aufweinend wie ein Kind in einen Sessel: „Papa muß aushelfen!" „Dein Herr Vater ist bankrott!" „Noch nicht offiziell — er kann vielleicht noch etwas retten!" „Wenn er etwas rettet, denkt der brave Mann zuerst an sich!" spottete Rüdiger. „Ich werde zu Tante Aurelie reisen und ihr unsere Lage mittheilen! Sie ist meine Pathe und steinreich!" „Reise Du zu Taute Aurelie, — aber vergiß nicht, daß sie unserem Wulff ein Alfemde-Besteck zum Pathengescheuk gemacht hat, — Dir gab sie überhaupt nichts. Tante Aurelie ist das gemeinste, knauserigste Frauenzimmer unter der Sonne!" „Du hast recht; — ich fürchte . . . ich fürchte . ." ihre Stimme erstickte in verzweifelndem Schluchzen. „Zur Noth verkaufen wir die Besitzung hier und ziehen uns in das Ausland zurück; unbekannt in einer kleinen Stadt können wir von den Zinsen des Erlöses leben!" „Aber wie! Solch eine unwürdige Existenz ertrage ich nicht! — Ich kann mich nicht einschränken — ich kann nicht darben! — Lieber will ich sterben!" „Das steht Dir ja noch immer frei!" höhnte er mit harter Stimme, „falls Dir nicht im letzten Moment noch einfällt, daß Selbstmord tödtlich ist!" „Laß solche unverschämte, herzlose Redensarten!" brauste sie wüthend auf, „bildest Du Dir ein, ich würbe in solchem Elenb bei Dir bleiben? Ich lasse mich von Dir scheiben!" Er verneigte sich höflich: „Wirb mir ein ganz besonberer Vorzug sein!" — bann wanbte er sich kurz ab, nahm bte Zeitung abermals zur Hanb unb warf sich in einen Sessel nieder, um gleichgültig in den Papieren zu blättern. 498 Aber seine Augen schweiften ruhelos über die Zeilen I hinweg, es schillerte und flackerte darin wie bei einem Menschen, dessen Inneres durch wüste Stürme leidenschaftlicher Erregung durchtobt wird. Frau Melanie schluchzte leise vor sich hin, zerbiß in förmlicher Wuth ihr Spitzentuch und hämmerte mit dem rothen Absatz ihres orientalischen Pantöffelchens gegen die Goldleisten des Kamins. So mochte eine Stunde verflossen sein, eine Stunde, I in welcher die beiden Menschenseelen die Qualen eines Feg- I feuers Lurchlitten. Von der Verzweiflung und Angst, von der Sorge um ihre ganze Existenz geschüttelt, kämpften sie einsam gegen die Schrecknisse ihres drohenden Ruines an. Keines fand bei dem Anderen Trost und Zuspruch, I keines eine milde, liebevolle Theilnahme, welche stützen, rathen und ertragen will. Wenn sich zwei Herzen im Glück kalt und fremd gegenüberstehen, so empfinden sie Oede und Verlasienheit ihres Lebens nicht so schroff, weil noch die Mittel zu Gebote stehen, die Sinne zu betäuben, — tritt aber das Unglück rauh und kalt neben solche Ehegatten, dann reißt es sie rettungslos auseinander und deckt den schwindelnden Abgrund, welcher rosenverdeckt zwischen ihnen gähnte, auf, daß er jedem Glück und jedem Frieden zum I Grabe wird. I Eine trostlose, entsetzliche Stunde bitterster Verlassenheit! Eine Stunde, welche das Schicksal als Keulenschlag gegen die Herzen führt, sie mit brutaler Hand aufzuschrecken und zu mahnen. Aber die Stunde verstrich und die Herzen waren härter gewesen wie die Keule. I Der Zufall mischte die Karten noch einmal tückisch zum Spiel. An der Thüre des Nebensalons klopfte es. Gräfin Melanie schrak mit rothgeweinten Augen und verstörtem Gesicht empor. Sie starrte dem Diener, welcher auf silbernem Tablett ein Papier trug, entgegen. „Was stören Sie mich? — — Was bringen Sw?" herrschte sie den Galonirten zornig an. Graf Rüdiger lachte ironisch: „Die Hochzeitseinladung, Herzchen! Hast Du schon eine Toilette bereit?!" Melanie biß die Zähne zusammen und riß den Brief an sich. „Eine Depesche! — An mich?" „Befehl, Frau Gräfin!" „Aha — der Vetter hat es eilig mit dem Heirathen!" klang die Stimme des Grafen abermals heiser dazwischen, aber er erhob sich und trat hinter den Sessel seiner Gemahlin. Ebenso wie vorhin brach auch jetzt ein Schrei über die Lippen der Gräfin, aber diesmal war es greller Jubel, welcher durch das Zimmer hallte. „Lies!" ries sie triumphirend und warf ihrem Gatten mit flammenden Augen das Blatt zu. „Es ist gut; gehen Sie," fügte sie mit ihrer gewohnten, hochmüthigen Kopfbewegung gegen den Diener gewandt hinzu. Lautlos glitt dieser über den Teppich zurück. Graf Rüdiger aber las mit fliegenden Pulsen: „Tante Aurelie soeben am Herzschlag gestorben, kommt sogleich zur Testamentseröffnung, Melanie ist Universalerbin!" „Hurrah! — Hurrah!" Wie ein Aufathmen der Erlösung nach Todesangst überkam es die beiden Ehegatten, — sie sahen sich an, lachten, — reichten sich die Hände. Rüdiger küßte galant die Fingerspitzen seiner Gemahlin. „Ich gratuliere Dir und mir —! Ich wußte es ja, das Glück hatte noch nicht das letzte Wort mit uns gesprochen!" „Und nun glaube ich auch an seine dauernde Gunst!" lachte Rüdiger übermüthig. „Was gilt die Wette, Gnädigste, der Erbe von Niedeck wird dem Vetter nicht geboren!" Sie zuckte lächelnd die Achseln: „Hoffen wir, ich wette um das Perlenhalsband, welches Dir letzthin noch zu theuer für mich war!" „D'accord." „Nun werde ich Trauertoilette bestellen. Wollen wir die Jungens mit zur Beerdigung nehmen?" „Ja, es macht einen besseren Eindruck." Der Graf schellte und befahl den Erzieher der Knaben zu sich. „Sie müssen ein paar Tage Ferien geben, Herr Doctor, Ihre Zöglinge sollen uns zu einer Trauerfeierlichkeit begleiten," und der Sprecher wandte sich zu seinen Söhnen, welche ihrem Lehrer gefolgt waren: „Na, Ihr Schlingel, das kommt Euch wohl recht gelegen, mal wieder ein paar Tage schwänzen zu können?" — Der jüngere der Knaben breitete mit einem Stoßseufzer die Arme aus: „Gott sei Dank! dies elende Gebüffele hatte ich nachgerade satt!" Die Gräfin lachte, der Hauslehrer aber sagte ernst: „Gerade Hartwig dürfte am wenigsten eine Pause machen, Herr Graf; er ist sehr weit zurückgeblieben und hält in keiner Weise Schritt mit dem Bruder." Hartwig schmiegte sich an die Mutter und hob das hübsche Gesichtchen voll herausfordenden Trotzes nach dem Pädagogen. „Fällt mir im Traume ein, mich derart abzuschinden, wie Wulf-Dietrich: Wenn er ein solches Schaf ist und otft wie ein Unsinniger, obwohl er weiß, daß er mal Majoratsherr wird, — so ist das sein Privatvergnügen —! Ich werde Dragoner — und das Bischen, was ich dazu brauche, pauken Sie mir schon auf der Presse ein!" Frau Melanie lachte abermals höchlichst amüsirt und streichelte die rosige Wange ihres Lieblings, dann hob sie die Lorgnette und sah ihren ältesten Sohn prüfend an: „Mon Dien, Dietel . . . Du arbeitest so viel? Was ist denn plötzlich in Dich gefahren? Natürlich ganz blaß und kümmerlich siehst Du schon aus! Als ob Du für Geld schafftest!" Wulff-Dietrich hob den Kopf mit der ihm eigenen stolz abweisenden Bewegung: „Ich arbeite auch für Geld, Mama, — ob jetzt oder später, das bleibt sich gleich." Gräfin Niedeck riß die Augen weit aus und trat dem Sprecher einen Schritt näher, während Hartwig vor Lachen in die Hände prustete. „Für Geld, bah? was soll das heißen?!" Wulff-Dietrich zog die dunklen Augenbrauen zusammen. „Das soll heißen, Mama, daß ich lernen und studiren will, um später eine Stellung im Leben einzunehmen und auf eigenen Füßen zu stehen!" „Ah — Du überraschest mich! Selbst als Majorats- I Herr willst Du Examinas machen?!" „Selbst dann; vorläufig bin ich es aber noch nicht, I und es ist sehr zweifelhaft, ob ich es werde; Vetter Willibalds Verlobung steht ja heute in der Zeitung." Graf Rüdiger war schweigend im Zimmer hin- und bergegangen, jetzt blieb er neben seinem Sohne stehen und sagte mit dem Anfluge von Ironie, welcher seiner Sprechweise eigen war: „Gut, mein Junge, ich habe absolut nichts gegen die löblichen Absichten einzuwenden! Das Majorat I ist freilich zur Zeit ein hochgehängter Korb für Dich, und darum ist es sicherer, wenn Du nicht darauf rechnest. Ich fürchte nur, Dein Feuereifer wird sehr bald erlöschen, wenn I Dir Niedeck unbestritten sicher bleibt!" Wulff-Dietrich richtete sich noch höher auf. „Ich hoffe Dich von dem Gegentheil zu überzeugen." „Aber sage doch, boy — was hat Dich denn plötzlich I so verwandelt?" — forschte die Gräfin voll naiven Erstaunens — „früher hattest Du so wenig Passion für das Lernen, daß wir meist Klagen hören mußten, und nun entwickelst Du Dich zum Musterknaben! Wie kommt das? Der Gefragte schüttelte die dunkelblonden Haare zurück und preßte die Lippen zusammen. Sein Blick glühte wundersam auf, aber er schwieg. Der Graf jedoch brach kurz ab. — „Nun, wir freuen uns der Thatsache, daß Du bei der Stange bleibst, mein I Sohn, jetzt geht und laßt Eure Koffer packen!" „Du gestattest, Papa, daß ich hier bleibe, um meine 499 Stunden nicht zu unterbrechen! Mein Privatlehrer im Latein verreist nächsten Monat, — bis dahin müssen wir unser Pensum absolvirt haben!" Graf Rüdiger blinzte seinen Aeltesten momentan mit halbzugekniffenen Augen an — dann lachte er in bester Laune auf. „Betend, daß Gott Dich erhalte, so fleißig, fromm und rein!" „Gut, bleibe Du hier! Ich bin sehr stolz, der Welt von solch unnatürlichem Sohn erzählen zu können! Und Du, Hartwig?" Der Kleine schnitt eine Grimasse und nickte dem Vater pstsftg zu: „Ich werde Dich selbstredend nicht im Stich lassen, sondern den Kronprinzen nach Kräften vertreten!" Lautes Gelächter belohnte den Witz, und wie Hartwig mit ironischem Lächeln einen tiefen, devoten Diener vor dem älteren Bruder machte, trat trotz seines runden, rosigen Kindergesichts die Aehnlichkeit mit seinem Vater schärfer denn je hervor. In der Küche aber saß der Kammerdiener im Kreise des Gesindes und sagte mit bedeutsamem Lächeln: „Seltsame Menschen! Als die Hochzeitsnachricht kam, verfiel die Gräfin in Weinkrämpfe und als die Depesche den Tod der lieben Tante meldete, hallte das Haus wider von dem Jubel und Gelächter, — seltsame Menschen!" * * * In Angerwies herrschte große Erregung über die Verlobungsanzeige des Majoratsherrn von Niedeck. Man jubelte und schwelgte in dem Gedanken an bessere Zeiten- — die Optimisten wagten sogar kühnen Flug in das Reich der Phantasie und prophezeiten: „Graf Willibald werde in seinem bräutlichen Glück allen Groll vergessen, der Stadt die alten Vergünstigungen wiederum gewähren und noch viele neue hinzufügen, ja man malte sich schon die herrlichsten Zukunftsbilder aus, wie man dem jungen Paare einen enorm schmeichelhaften Empfang bereiten und von Anfang an für die Angerwieser Interessen gewinnen werde. Wenn die Braut nur halb so viel Humanität und Herzensgüte besäße, wie ihre Cousine Melanie, würde sie sicher allen Einfluß aufbieten, Beziehungen mit der Stadt anzuknüpfen, wie sie Graf Rüdiger nebst Gemahlin so herzerquickend angebahnt hatten! Man schwelgte in dieser Hoffnung- die Pessimisten jedoch schüttelten die Köpfe und sprachen: „Ihr kennt den Sonderling schlecht, wenn Ihr an seine Verzeihung glaubt! — Wenn solche Menschen einmal hassen — dann ist es gründlich ! Graf Willibald ist Fanatiker, er hält zähe fest an Gefühlen und Empfindungen, welche Macht über ihn gewonnen haben!" Und leider sollte sich dies bewahrheiten. Während man noch eifrig debattirend in der „Stadt Hamburg" zusammen saß und die Ausschmückung der Stadt — welche nach viel aussehen und wenig kosten sollte — besprach, als man just darüber stritt, ob sechs oder acht weißgekleidete Ehrenjungfrauen der Gräfin einen Blumenstrauß überreichen sollten und ob der Bürgermeister seine Ansprache auf dem Marktplatz oder am Thor halten müsse, rollte eine Equipage in scharfem Trabe vorüber. Solch elegantes Räderrollen gehörte in Angerwies nicht zu dem täglichen Brod, darum schnellten alle Köpfe empor und äugten hinaus. Und dann sahen sich die Väter der Stadt schweigend und jäh betroffen an. „Die Niedecker Equipage!" „Bah — es werden die Herren Dienstboten ein wenig spazieren fahren!" trösteten die Optimisten. „Gebt acht, sie sind angekommen!" wehklagten die Schwarzseher, und sie sollten abermals recht behalten. Der Bahnhofsvorsteher stürmte nach wenigen Minuten athemlos in das Gastzimmer. „Eben einpasstrt! ganz überraschend! ganz ohne Anmeldung! — vor einer halben Stunde hat der Gros telegraphisch einen Wagen an die Bahn bestellt! Nun find sie da — ohne jeden Empfang!" (Fortsetzung folgt.) Unser Grethchen. Von Elisabeth Buhc. ------- (Nachdruck verboten.) Die alte, treue Kathrine hatten wir krankheitshalber seit fünf Tagen entlasten. Am zweiten dieser denkwürdigen Tage war Mama ge- nöthigt, eine kleine Reise zu unternehmen und unser neues Factotum, „Grethchen das Unübertreffliche", das mir nun Hüter und Stütze, Küchenfee und Gesellschafterin sein sollte, hat während der kurzen Zeit unseres Alleinseins trotz ihres jugendlichen Alters von kaum 16 Jahren Unglaubliches geleistet. Schon gleich am Bahnhof, woselbst sie pflichtschuldigst neben mir stand, als „unserer Frau ihr Zug" sich in Bewegung setzte, eröffnete ste den Reigen: „Da fort is se mit- sammt der Lakemativ," und dabei stampfte sie zur Bekräftigung auf, traf aber unglücklicherweise nicht den Boden, sondern den werthen Fuß des Herrn Stationsvorstehers, der seine rothe Mütze vor Schreck und Schmerz rückwärts und seine beiden gekrallten Hände vorwärts nach unserem Grethchen fliegen ließ. Ganz wüthend schrie er: „Du dumme Person," — jedenfalls hatte sie sein bestes Hühnerauge getroffen, — aber er schrie in die Luft, denn die Attentäterin war geschwind wie eine Eidechse davongewischt und erwartete mich strahlend vor unserem Haus, wo sie mich ganz harmlos fragte: „No, Fräulein, hawe Sie se kriegt, die Bätsche? — Sie stände doch so dicht newe mir!" — — —-- Im Hause angekommen, gab ich ihr für einige Stunden Beschäftigung in der Küche und ich selbst begab mich in das eine Treppe höher gelegene kleine Arbeitszimmer, da im Wohnzimmer der Fußboden frisch angestrichen war. Aus diesem Anlaß schärfte ich ihr auch besonders ein, keinerlei Besuch dorthin, sondern in den Salon zu führen- sie selbst habe jedoch in letzterem absolut nichts zu suchen. Weshalb ich diese zweite Bemerkung noch extra zufügte, war ihr sogleich verständlich, denn sie hatte gesehen, wie ich früh Morgens eine große Schüssel prächtiger Erdbeeren in einem Schränkchen dieses Zimmers verwahrte, die hier kühl und vor Allem zugleich sicher vor Grethchens großer Naschhaftigkeit standen. In dieser Untugend leistete sie Großes! So Großes, daß ich ihr eher eine bedeutende Summe Geld als das kleinste Stückchen Fleischwurst oder gar etwas Eßbares in Obst anvertraut hätte, obgleich sie stets nach einem solchen „Raubanfall" feierlichst schwur, daß es nie im Leben wieder Vorkommen sollte und wenn sie so alt würde wie der selige Abraham aus dem Alten Testament. — Ich saß noch nicht lauge an meiner Arbeit, als Grethchen erschien und mit großer Wichtigkeit halblaut meldete: „Es is Jemand da!" Ich beeilte mich, den Besuch zu begrüßen und meine „Empfangsdame" erzählte mir, indem wir zusammen die Treppe hinabstiegen: „Er scheint Ihne auch 'was Schönes mitgebracht zu hawe, denn er hält unter d'm Arm so 'was Glänzendes un deshalb war ich auch gleich sehr freundlich zu'm. 's Präsent wollt' ich'm ja abnemme un Ihne bringe, awer meine Se, ’r hätt's hergewe? Ja, Pros't! Erscht wollt'r auch gar net 'erei' geh' un im Hausgang uff Se warte, — awer ich hab's scho fertig kriegt — un auch g'sorgt, daß er sich setze dhut. — War's Recht so?" „Gewiß," antwortete ich und öffnete rasch die Thüre. Mein Erstaunen war mindestens ebenso groß als die Verlegenheit meines Gegenübers — unseres alten Flickschusters. Aus der Ecke eines Plüschsessels saß das dürre Männchen, — unter dem Arm hielt er krampfhaft ein Paar frischgewichster Kinderschuhchen — und wischte vor lauter Verwirrung seine 500 schmutzigen Stiefel an dem schönen, hellgrauen Perserteppich hin und her. Bis unter die Haarwurzeln blutroth — er ist ohnedies sehr schüchtern —, stammelte er endlich: „So wahr die Sonn' am Himmel steht, Fräulein, ich wollt' nicht hier herein, aber da haben Sie so'n neues Mädchen, die hat mich mit aller Gewalt hereingeschafft und auf den Sessel gedrückt. Dann hat sie mir auch noch anbefohlen: „Geh'n Se awer nur net an d' Erdbeer'n im Schränkche, unser Fräulein hat se g'zählt — un wenn Se nur zwei Stück wegnasche, merkt se's gleich." — — Ei, Du lieber Gott, was für Verdächtigungen," klagte er weiter, „hab' ich Ihnen denn in all' den Jahren, seitdem ich Ihre werthe Bekanntschaft gemacht habe, schon etwas entwendet?" Ich beruhigte und verabschiedete den immer noch sehr aufgeregten Mann, dessen Mütze wir erst suchen mußten, da sie durch Grethchens „energischen Beistand beim Platznehmen" und durch den „Kampf um's Geschenk", welches sie ihm höflichst abnthmen wollte, sich unter den Sesselfranzen verborgen hat'e. — Unserer Donna hingegen hielt ich einen längeren Vortrag über Sitten und Gebräuche in unserem Hause und bemerkte ihr noch extra, daß, wenn ihr irgend etwas n-cht völlig verständlich sei, sie sich darüber befragen solle. Aber sie verstand natürlich Alles — ganz genau sogar. Da ich nun einen dringenden Brief zu schreiben hatte, empfahl ich ihr, mich während dieser Zeit nicht zu stören, wenn nicht eine ganz wichtige Veranlassung komme. In der Erwartung auf einen schönen, ruhigen Nachmittag begann ich mein Schreiben und hörte bald darauf auch in der Küche zu meiner Beruh gung kräft'ges Scheuern. Etwa eine Stunde hatte ich so ungestört geschrieben und da es unerträglich heiß und kein Besuch in Aussicht war, machte ich mir's so bcqum als möglich mit meiner Toilette. Gerade im Begriff, meinen Brief nochmals durchzulesen, höre ich vom unteren Hausgang her Stimmen zu mir heraufschallen. Zuerst fragte eine Männerstimme, ob die Damen zu Hause seien, worauf Grethchen prompt antwortete: „Nein, Damen sin üwerhaupt gar kei im Haus, awer unser Fräulein die is owe un die Frau is verreist. Zu wem wolle Se denn da eigentlich?" Nun nannte eine mir wohlbekannte Stimme, die meiner alten Freundin Frau Dr. B., lachend meinen Namen und bat das Mädchen, mir zu sagen, daß sie auf der Durchreise für ein ge C tunden sich hier aufzuhalten beabsichtige, um mir ihren Mann vorzustellen. Grethchen versicherte sich jetzt erst bei den Herrschaften, ob sie denn auch bestimmt eine „wich tige Veranlassung" wären, denn sonst wolle das Fräulein nicht gestört sein. Beide gaben schmunzelnd zu, daß sie dies seien. Zu meinem Schrecken merkte ich, daß ich in dieser äußeren Verfassung, in welcher ich mich befand, auf der Bildfläche nicht erscheinen, aber auch nicht in mein Schlafzimmer gelangen konnte, um memen Anzug einigermaßen zu vervollständigen, ohne von den eben Angckommenen bemerkt zu werden. Ich stellte mich, um einen günstigen Moment, in welchem ich unbemerkt verschwinden konnte, abzuwarten, einstweilen an's Treppengeländer und konnte von diesem Platz aus die Scene auf dem unteren Hausflur beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Es mar gerade in dem Augenblick, als Frau Dr. B. de» angefangenen Auftrag vollendete: „Sagen Sie nur, wir hätten uns einstweilen im Wohnzimmer gemüthlich eingerichtet, ich bin ja hier bekannt wie zu Hause." Zu gleicher Zeit drückte sie auf die Thürklinke des genannten Zimmers, um mit ihrem Mann einzutreten. „Grundgütiger Himmel, halt," schrie Grethchen, indem sie ihr in den Arm siel, „bei Leib net, — da sollte Se schöne Lackschuh hawe!" „Was?" fragte ganz perplex Dr. B. „Was sollten wir haben? — Lackschuhe? — Und warum?" „Hm, hawe dhun Se se noch net, awer kriege dhun Se se." „Bon wem denn?" meinte verständnißlos meine Freundin. „Ei, natürlich vom schöne, neue Boddem," erklärte Grethchen mit der überlegensten Miene. „Ja, wer ist denn dies nun wieder?" erkundigte sich das Ehepaar zugleich. Grethchen blieb die Antwort schuldig und in ihrer Entrüstung, daß sie trotz aller Deutlichkeit nicht verstanden wurde, fing sie an, laut zu denken: „. . . . Herr des Lewens, die sin' sicher noch dümmer als ich, un unser Fräulein meint' doch gestern noch, das gäb's gar net." — Ich mußte mir auf meinem Galleriestehplatz das Taschentuch zwischen die Zähne stecken, um meinen Aufenthaltsort nicht zu verrathen. Dr. B. nebst Gemahlin aber, die inzwischen in dem frisch lackirten Fußboden den eventuellen Spender der „Lackschuhe" entdeckt hatten, hielten sich die Seiten vor Lachen. „No, Euch därf ich dann auch itt’n Salo'(n) sühr'n," machte sich Grethchen wieder bemerkbar, „denn Se sin doch kei Schuster?!" „Nein, das sind wir nicht," bestätigte ganz ernsthaft der Doctor, ohne zu wissen, daß sie damit an ihren letzten faux pas dachte. „Ach so — da steh' awer d' Erdbeer'n," erinnerte sie sich zugleich und fügte zögernd hinzu: „Wenn ich nur bestimmt wüßt' . . ." „O," fiel ihr meine Freundin, die die näheren Umstände nicht kannte und das Mädchen daher mißverstand, beruhigend in's Wort, „das schadet gar nicht, die sehen wir nicht." „Ja, Sie vielleicht, — awer Der da," — und dabei deutete sie auf den jungen Ehemann, — „dem trau' ich net mehr als mir selwer, der ißt se all uff!" Neues, stürmisches Gelächter, und Frau Dr. B. mußte sich erst ernstlich für ihren Gemahl verbürgen, ehe Beide Einlaß fanden. Als ich bald darauf bei meinen Gästen erschien, belehrten mich deren lachende Mienen, daß sie den wenig gastfreundlichen Empfang nicht übel ausgenommen und der Doctor bestand darauf, da er doch einen so ungünstigen Eindruck auf die Verwalterin meines Hauswesens gemacht, daß er jetzt auch den größten Theil der Erdbeeren für sich in Anspruch nehme. Die kurze Zeit bis zum Abgang des Zuges war bald verstrichen und als ich meinen Besuch dorthin begleitete, gab ich meinem „gewissenhaften" „Mädchen für Alles" den Auftrag, beim Kaufmann verschiedene Sachen zu holen, das Haus aber vorsichtig abzuschließen. (Schluß folgt.) Humoristisches. Praktisch. Wirthin: „Herr Studiosus, der Schneider ist draußen, möchte gern Geld haben — der Schuhmacher ist auch da." — Student: „Na, dann sagen Sie dem Schuhmacher, er solle dem Schneider was geben." * * * Gemüthlich. Gast: „Da schwimmt ein rothes Haar in der Suppe, gewiß wieder von der Zenzi." — Wirth: „Na, die arme Person kann doch nichts dafür, daß fie rothe Haare hat!" * * * Lakonisch. A.: „Na, Müller, was fehlt Ihnen denn heute?" — Müller: „Das, was ich gestern zu viel hatte." * * * Kasernenhofblüthe. Sergeant: „Piefke, Sie sollen ja das Gewehr präsentiren und nicht Ihre Dummheit!" Redactwn: 8l. Scheyda. — Druck und «erlag der Brühl'schen UniversitütS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Bietzen.