- m. 99. twmottei»« 26. ll MM MD u GTfiT i - A-, pl ZR Mm ME MM MJW-ii 8 8 8 iM'Jj LLMßM M AnlechLÜunZsblMMMeßmerKl^eiger(Geueml-AHetzer). W^t’ brich den Faden nicht der Freundschaft rasch entzwei! Wird er auch neu geknüpft, ein Knoten bleibt dabei. Berichte einen edeln Zug, Und Zweifler giebt es g'rad' genug; Doch sprich von einem schlechten Streich Und Jeder glaubt Dir allsogleich. G. W Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Tante Pamela blickte mich mit großen Augen an. „Wie unvernünftig Du sprichst, mein Kind! Warum füllten sich Dir keine Anbeter nahen? Der spanische Typus Deines Gesichtes ist sehr anziehend. Ich glaube, Du würdest wohl daran thun, während der Winter-Saison ein Haus in New- Jork zu beziehen. Es wäre mir nichts erwünschter, als Dich in die fashionable Gesellschaft einzuführen. Ich habe viele Freunde, wie Du weißt, die sich in den feinsten Kreisen bewegen, und Du würdest gewiß Aufsehen erregen. Natürlich mußt Du darauf bedacht sein, Dich zu oerheirathen wie andere Mädchen." „Nein, nein, Tante Pamela — nur keine Partie für mich!" protestirte ich. „Auch an der fashionablen Gesellschaft ist mir nichts gelegen. Ich ziehe es vor, mit Dir hier zu bleiben- wir wollen nur für einander leben." „Ja, aber ich bin alt," seufzte Tante Pamela - „meine Frist auf Erden wird bald abgelaufen sein, und wenn ich dahin bin, mein Kind, wirst Du allein dastehen." Die Tage, welche auf die Abreise des Baronets und seiner jungen Gattin folgten, verflossen ruhig, fast langweilig. Ich brachte meine Mußestunden hauptsächlich an dem Flügel zu — denn ich schwärmte für Musik — oder auch in der Bibliothek bei Godfrey Greylocks Büchern. Der Winter stellte sich früh ein und schloß uns völlig von der Welt aus. Eines Abends erschien Tante Pamela in tiefe Trauer gekleidet und mit ungewöhnlich trauriger Miene beim Abend- brod. „Weißt Du, was dies für ein Tag ist, Ethel?" sagte sie. „Nein," antwortete ich. „Ich hatte eben eine von | Schuberts Sonaten gespielt und die herrliche Musik klang mir noch immer in den Ohren." „Es ist der Jahrestag des Todes Deines Vaters," sagte Tante Pamela ernst. Meines Vaters Tod! — Das mysteriöse Ereigniß, von dem einst Mercy Poole in seltsamer Weise mit Regnault sprach! Schweigend setzte ich mich zu Tisch nieder. Ehe die Mahlzeit zu Ende war, erschien die alte Hopkins unter der Thür und sagte: „Es ist ein Bote von der „Katzen - Herberge" hier. Mercy Poole ist sehr krank und wünscht, Miß Ethel unverzüglich zu sehen." Ich war seit Godfrey Greylocks Tod nicht wieder in der „Katzen-Herberge" gewesen- auch Mercy Poole hatte ich seit jener Zeit nicht gesehen. Ich blickte Tante Pamela fragend an. „Ein sonderbares Verlangen!" meinte sie kopfschüttelnd. „Es ist eine so rauhe, dunkle Nacht- ich würde an Deiner Stelle nicht hingehen, Ethel." „Sie ist aber krank," antwortete ich, „und vielleicht allein. Ich muß gehen, Tante. Du brauchst um meinetwillen nicht aufzubleiben." „So nimm wenigstens die alte Hopkins mit!" „Oh, nicht doch! Ich bedarf keiner Gesellschaft. Die alte Hopkins ist kränklich- laß sie zu Bett gehen." „Nun, wie Du willst!" stimmte die alte Dame halb widerwillig zu. „Du bist ein ganz merkwürdig furchtloses, muthiges Mädchen- geh' denn hin'" Es war eine bitterkalte Nacht. Ich hörte den Wind in den Gipfeln der alten Tannen stöhnen und die gefrorenen Aeste der Kastanienbäume wie Todtengebeine klappern, als ich die dunkle Allee hinab der Landstraße zu fuhr. Der Kutscher trieb die Pferde rasch an. In kurzer Zeit stieg ich vor dem alten Gasthof ab. Nur durch die Fenster des alten Wohnzimmers schimmerte Licht, sonst war Alles dunkel. Ich trat ohne Weiteres in den Hausflur und von diesem ins Zimmer, in welchem Mercy Poole sich befand." Sie saß vor dem Feuer, mitten unter ihren Katzen. Eine alte wollene Decke hing um ihre Schultern, und ihre abgemagerte, zitternde Gestalt beugte sich vorwärts gegen die Flammen. Bei meinem Eintritt fuhr sie auf und stieß einen lauten Schrei aus. „Fürchten Sie nichts, ich bin es," sagte ich, denn ich glaubte, mein unangemeldeter Eintritt habe sie erschreckt- „Sie haben mich holen lassen, und hier bin ich." Sie stand auf, und jetzt erst konnte ich die schreckliche Veränderung, die in den letzten zwei Jahren mit ihr vorgegangen war, deutlich wahrnehmen. Ihr graues Haar war schneeweiß geworden, ihr einst so aufrechter Körper war gebeugt und abgemagert. In ihrem grauen, fleischlosen Gesicht brannten die hohlen, schwarzen Augen mit einer verzehrenden Gluth. „Kommen Sie näher!" rief sie mit heiserer, kreischender Stimme. „Ich hätte Sie kaum wiedererkannt. Es ist eine kalte Nacht. Setzen Sie sich ans Feuer, Miß Grehlock, und wärmen Sie sich!" Ich gehorchte mechanisch. Die Katzen näherten sich mir, „Capitän Kidd" beschnüffelte meinen Petzmantel,- „Ravaillac" und „Pontius Pilatus" miauten zu meinen Füßen. Mercy Poole betrachtete mich neugierig und befühlte meine warmen Kleider mit zitternden Fingern. „So!" sagte sie, „Sie sind also nicht mehr Polly, sondern eine reiche Dame — die reichste im ganzen County! Ich habe Ihre Geschichte vernommen- man sprach wochenlang von nichts Anderem in Blackport. Wie konnte ich nur Robert Greylocks Tochter so lange unter meinem Dache haben, ohne es zu ahnen!" Ihre hohlen Augen flammten wie zwei feurige Kohlen. „Beruhigen Sie sich," sagte ich. „Sie scheinen sehr krank zu sein. „Ja," keuchte sie, indem sie auf ihren Stuhl zurück sank. „Mit mir ist's aus- meine Zeit ist gekommen. Wenn ich das nicht gewußt hätte, würde ich nicht in dieser Nacht nach Greylock Woods gesandt haben, um Sie holen zu lassen. Ahnen Sie wohl, was ich Ihnen zu sagen habe?" Die Katzen miauten und gurrten um ihre Gebieterin herum- sonst vernahm man keinen Laut. Selbst die Lampe auf dem Kamingesims brannte trübe. Alles Leben schien von dem Platze gewichen. „Ich weiß es wirklich nicht," antwortete ich - „Kranke haben oft viel mitzutheilen." „Es war keine bloße Laune, die mich veranlaßte, nach Ihnen zu senden," entgegnete sie. „Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen?" fragte ich'- „Sie wohnen doch sicherlich in Ihrem gegenwärtigen hülflosen Zustand nicht allein hier?" „Eine Magd ist in der Küche, das ist Alles," versetzte sie. „Es kommen jetzt keine Gäste mehr hierher. Doctor Vandine wohnt schon seit über einem Jahre nicht mehr bei mir. Er hat sein eigenes, schönes Haus drunten in der Straße, und eine Verwandte besorgt ihm die Haushaltung. Er wird reich, der Doctor. Nein, Miß Greylock, ich verlange keine Gefälligkeiten von irgend einem Menschen, und Sie wären die Letzte auf Erden, an die ich mich wenden würde. Ich bin kein verzagtes, schüchternes Weib, allein Gott weiß, ich würde nicht den Muth haben, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten." Ich fühlte mich so beklommen, daß ich sie nur anstarren konnte. „Wir Zwei sind allein in diesem Zimmer," fuhr sie fort, „Niemand hört uns außer Gott. „Wissen Sie, welche Nacht dies ist?" „Ja," sagte ich, „es war die Todesnacht meines Vaters." Sie nickte bejahend und streichelte „Pontius Pilatus" den Rücken. „Die Thiere sind nicht gefüttert worden," erklärte sie mit mattem Lächeln- „das macht sie so unruhig. Ich war zu schwach, um in die Küche zu gehen, und die Magd kann die Katzen nicht leiden. — Ja, es ist der Jahrestag des Todes Ihres Vaters, Miß Greylock- ich wollte mit Ihnen über seine Ermordung reden." Nie in meinem Leben habe ich Augen in so wilder, dämonischer Gluth flammen sehen, wie die ihrigen bei diesen Worten. Athemlos wartete ich, daß sie fortfahren werde. „Als Robert Greylock in jener Nacht den Gasthof verließ, um sich nach Grehlock Woods zu begeben," sprach Mercy mit fester, kräftiger Stimme weiter, „schlich ich mich hinauf in das obere Stockwerk. Ich zog den langen Mantel meines Vaters an, setzte seinen niederen Hut auf und folgte Robert auf den Fersen bis zum Herrenhaus — dann wieder zurück, den Hügel hinab bis zu den alten Salzgruben, und dort — erschoß ich ihn mit dieser Hand!" sagte sie, indem sie ihre fleischlose Rechte schüttelte. „Fragen Sie mich, was mich zu dieser That veranlaßte? Rache! Er hatte mir das Herz gebrochen, und ich hatte mir wiederholt gelobt, ihn zu tobten, wenn ich ihn je wieder treffen sollte. Sein böser Genius führte ihn an jenem Abend nach dem Gasthaus- Godfrey Greylocks Hartherzigkeit trieb ihn in die Nacht hinaus und seinem Schicksal entgegen. Ich gab mir nie Mühe, die Gerechtigkeit auf eine falsche Spur zu leiten. Oft wünschte ich sogar, daß man mich beargwöhnen und verhaften möchte. Ich erklärte Godfrey Grehlock, daß sein Sohn meuchlings ermordet worden sei, ich sagte dasselbe jener verächtlichen Creatur, Robert Greylocks Wittwe. Das Gleiche theilte ich Anderen mit, doch kein Mensch wollte mir je glauben. Wenn sich je eine Stimme gegen mich erhoben hätte, so würde ich Alles bekannt haben, denn Gott nur weiß, welche Gewissensbisse ich seit jener Nacht erduldete — welche unsagbare Seelenqual. Oftmals wäre mir der Tod als willkommener Befreier von meinem Elende erschienen. Ich liebte Robert Grehlock mehr als mein eigenes Leben!" Ich vermochte kein Wort hervorzubringen- sprachlos vor Entsetzen starrte ich sie an, während sie sich mitten unter ihren Katzen auf ihrem Stuhle hin und her schaukelte. „Sie glauben mir vielleicht nicht?" rief sie wild. Sehen Sie mich an — betrachten Sie dieses Haar! Ist es nicht weißer als das einer Achtzigerin? Und doch bin ich kaum über mein zweiundvierzigstes Jahr hinaus. Was Anderes als Gewissensbisse brachte diesen Zustand hervor? Bei meinem starken Körperbau hätte ich ein hohes Alter erreichen können. Er warf mir, als er fiel, einen Blick zu, der mich bis in die Ewigkeit verfolgen wird. Oh, mein Gott, ich sehe ihn noch!" rief sie, indem sie das Gesicht mit den Händen beschattete. Dann fuhr sie zum zweiten Male von ihrem Stuhle auf und stand wie das entsetzliche Gespenst eines Weibes vor mir. Mit fast kreischender Stimme rief sie aus: „Ich bin seine Mörderin! — Ich erschoß ihn bei den alten Salzgruben! — Ich liebte ihn, ich tödtete ihn! Ich konnte keine Stunde mehr leben, ohne Ihnen, seine Tochter, dieses Geständniß abzulegen. Jetzt thun Sie mit mir, was Sie wollen! Rufen Sie die Diener der Gerechtigkeit herbei- ich bin bereit, mich denselben auszuliefern. Ich werde nicht leugnen. Blicken Sie mich nicht so verblüfft an, sondern handeln Sie rasch, sonst wird der Tod Sie um Ihre Rache betrügen! Eine ruchlose Mörderin, wie ich, sollte nicht in ihrem Bette sterben dürfen! Gehen Sie jetzt, und thun Sie Ihr Schlimmstes!" Sie war nicht wahnsinnig — davon war ich fest überzeugt. Ich sprang von meinem Stuhle auf. Die Atmosphäre des niedrigen Zimmers erstickte mich- die runden Augen der Katzen stierten mich wie Dämonenaugen an. Ich gedachte des Steinhaufens, den sie mit ihren eigenen Händen über der Sterbestelle meines Vaters errichtet hatte — ich gedachte ihres ganzen excentrischen Wesens, der furchtbaren Namen, die sie ihren Katzen gegeben hatte, und ich fühlte, ich wußte, daß das, was sie mir geoffenbaret, die strenge, entsetzliche Wahrheit war! „Es wäre besser gewesen, Sie hätten Ihr Geheimniß mit ins Grab genommen!" keuchte ich. „Gott vergebe Ihnen, Mercy Poole!" Ein bitteres Lächeln spielte um ihre Lippen. „Ich konnte nicht sterben, bis ich Roberts Tochter dieses Geständniß abgelegt hatte. Etwas hier drinnen —" mit diesen Worten schlug sie wild mit der Hand auf die Brust — „trieb mich an, zu reden. Es war ein Th eil meiner Strafe, es Ihnen sagen zu müssen — das Entsetzen 895 auf Ihrem unschuldigen, jungen Gesicht zu erblicken — Sie vor mir zurückschaudern zu sehen. Gehen Sie, sage ich! Senden Sie die Schergen der Gerechtigkeit — ich werde sie in diesem Zimmer empfangen. Gehen Sie, rächen Sie Ihren Vater, wie es Ihnen zukommt — Sie wären keine pflichtgetreue Tochter, wenn Sie es nicht thäten! Ich flehe um kein Mitleid, keine Gnade — nur handeln Sie rasch!" Ich ließ die geständige Mörderin mitten unter ihren Katzen zurück, eilte hinaus, sprang in die Equipage und hieß den Kutscher nach dem Herrenhause zurückfahren. Zum Glück war Tante Pamela bereits in dem Schlafzimmer- ich hatte daher nicht nöthig, ihr die entsetzliche Geschichte in dieser Nacht noch mitzutheilen. Ich selbst vermochte nicht einzuschlafen- das Entsetzen verscheuchte den Schlummer von meinen Augenlidern. Sobald der Morgen graute, und ehe ein Mensch im Hause auf war, kleidete ich mich an und machte mich auf den Weg nach den alten Salzgruben. Ein unerklärlicher Impuls, eine Macht, die ich weder zu begreifen, noch zu bekämpfen vermochte, trieb mich dorthin. Ganz allein und zu Fuß schritt ich den Hügel hinab, auf demselben Pfade, den mein Vater in der Nacht seines Todes gewandelt war. Kein Schnee bedeckte den Grund. Häßlich und dunkel erhob sich der Steinhaufen in dem Dämmerlichte. Als ick mich demselben näherte, erblickte ich am Fuße des Denkmals eine ausgestreckte, menschliche Gestalt, in eine wollene Decke gehüllt — die Glieder völlig regungslos, die Arme weit ausgebreitet, das Gesicht der Erde zugewandt. Ich eilte näher. Es war Mercy Poole, die hier auf dem Flecke lag, auf dem sie vor etlichen zwanzig Jahren ihren ungetreuen Liebhaber ermordet hatte! Ich beugte mich über sie und rief: „Mercy Poole! Sie haben nichts von mir zu fürchten! Ich will das Amt der Rächerin nicht übernehmen, denn ich glaube, daß Sie seit vielen Jahren schon Schlimmeres als den Tod erduldet haben!" Keine Antwort, keine Bewegung. Ich hob ihren schneeweißen Kopf auf. Ihre Augen waren geschlossen, um sich nicht wieder zu öffnen. Ihr fleischloses Gesicht hatte einen seltsamen, unerklärlichen Ausdruck, den ich nie vergessen werde. Im Schatten des Steinhaufens lag Mercy Poole, die Mörderin meines Vaters — kalt und tobt. 33. Capitel. Ein weiteres Jahr war vergangen. Miß Pamela Greylock und deren Nichte lebten nach wie vor zu Greylock Woods in fast klösterlicher Stille. Bei der alten Dame machte sich die Last der Jahre — sie war jetzt über siebzig Jahre alt — mehr und mehr geltend, Ethel dagegen arbeitete fleißig an ihrer Fortbildung- das Studium guter Bücher und musikalische Uebungen nahmen ihre Zeit vollständig in Anspruch. Daß Tante Pamela hiermit nicht einverstanden und die „unverständige" Lebensweise ihrer Nichte, deren Gleichgültigkeit gegen gesellschaftliche Vergnügungen und totale Mißachtung all der Dinge, welche eine hübsche Erbin von Rechtswegen interessiren sollten, beständig und lebhaft tadelte, machte auf Ethel gar keinen Eindruck. „Ich bin nun einmal nicht wie andere Mädchen, Tante," sagte sie zu ihrer bejahrten Verwandten- „ein Leopard kann sein buntgeflecktes Fell nicht wechseln, und gerade so unmöglich würde es für Dich sein, eine Weltdame aus mir zu machen. Uebrigens," fügte sie lächelnd hinzu, „will es mir scheinen, daß wir Beide recht glücklich in unserer Abgeschiedenheit von der Welt sind." „Allerdings!" stimmte die alte Dame herzlich zu. „Aber Du stehst Dir selbst damit im Licht, Ethel- es ist geradezu Unsinn, wenn ein Mädchen in Deiner Stellung solch' nonnenhaftes Leben führt. Du denkst eben weniger an Dich als an Andere," fuhr sie fort, indem sie die Waise zärtlich anblickte, „der Himmel weiß, daß Du das beste, edelste Herz von der Welt hast!" Ethel-Polly liebte ihr Besitzthum — das reichgeschmückte, stattliche Haus und dessen großartige Umgebungen. Sie machte weder Besuche, noch empfing sie solche- nichtsdestoweniger hatte sie sich in der verhältnißmäßig kurzen Zeit, seit welcher sie auf ihrem Erbe weilte, bereits zahlreiche Freunde erworben: die Armen, Kranken und Bekümmerten. Auf Meilen in der Runde war sie all Denen, die des Trostes und der Hülfe bedürftig waren, wohlbekannt. Regelmäßig trafen von Zeit zu Zeit Briefe von Lady Greylock ein, welche von Glück förmlich überströmten, den Baronet als den edelsten Mann und liebevollsten Gatten, ihr englisches Heim als ein wahres Paradies schilderten. Am Ende des Jahres aber lief die erfreuliche Nachricht in Greylock Wodds ein- das Eheglück der jungen Gatten war durch die Geburt eines Sohnes und Erben gekrönt worden. Aber bald sollte der idyllische Friede auf Greylock Woods einem Leben voll Sorge und Mühseligkeiten weichen. Das kleine Blackport wurde durch den Ausbruch eines gefährlichen, ansteckenden Fiebers, welches seine Opfer anfänglich besonders in den Hütten der Fischer suchte, in Schrecken gesetzt. Die Hitze des Sommers war eine ungewöhnlich starke und anhaltende gewesen, schädliche Miasmen stiegen unter der Gluth der Sonne aus den sumpfigen Marschen auf und trugen Tod -unb Verderben in die dürftigen Behausungen der Armen. Doctor Vandine weilte Tag und Nacht an den Stätten des Leidens - er schien in dieser Zeit der Noth weder der Ruhe, noch des Schlafes zu bedürfen. Er war der einzige Arzt im Ort und hatte, trotzdem der Umfang seiner schwierigen Praxis von Tag zu Tag wuchs, keine Hülfe zu erwarten, da die Epidemie sich auch über die Nachbarstädte verbreitete und die dort wohnenden Doctoren vollauf in Anspruch nahm- nicht einmal Krankenwärter waren aufzutreiben. Dazu kam noch, daß die Bevölkerung von Blackport im Allgemeinen recht arm war, und daß es demzufolge in dem Heim der Kranken oft an den nöthigsten Bequemlichkeiten fehlte. Eines Abends wurde Vandme zu sehr später Stunde noch zu der Behausung eines Froschfängers gerufen, welche am Rande der sumpfigen Marschen lag, an einer verlorenen, einsamen Stelle, und, von den letzten Strahlen des untergehenden Mondes beleuchtet, einen selbst in diesem traurigen Erowinkel ungewöhnlich düsteren und unfreundlichen Eindruck machte. Die verfallene Hütte beherbergte ein halbes Dutzend elender, mutterloser Kinder, welche sämmtlich im Banne der schrecklichen Krankheit lagen, ohne daß ein Mensch zu ihrer Pflege dagewesen wäre. Der Vater der armen, kleinen Wesen, ein halb blödsinniger Trunkenbold, lag schwer berauscht auf einem Haufen Seegras vor der Hütte, sein Handwerkszeug — das Netz zum Froschfang und den Sack aus Segeltuch — neben sich. Vandine versuchte es, ihn wachzurütteln und blickte rathlos um sich, als ihm dies nicht gelang. Der nächste Nachbar wohnte mehr als eine Meile entfernt- die kranken Kinder bedurften dringend der Wartung, und in der Hütte, deren Inneres ein trauriges Bild der Armuth und Verwahrlosung bot, war nicht einmal ein kühlender Trunk für die stöhnenden, sich unruhig hin und her wälzenden Kleinen zu finden. Der junge Arzt sah sich zuerst nach Wasser um, und es glückte ihm auch, nach einer halben Stunde eifrigen Suchens eine Quelle nahe dem Hause zu entdecken, dann brachte er, so gut es ging, die dürftige Lagerstatt der Krank n in Ordnung, flößte ihnen die nöthige Medicin ein und bestieg schließlich sein Pferd, um wieder fortzureiten. „Ich werde ihnen eine Wärterin schicken," murmelte er, indem er noch einen bedauernden Blick auf die unglückliche Nachkommenschaft des Froschfängers warf. Aber dieser Vorsatz war leichter gefaßt als ausgeführt. 396 — Obgleich Dick die halbe Nacht über herumlief, um eine barmherzige Seele zu finden, welche sich der Pflege der verlassenen Kinder gewidmet hätte, so blieb doch all sein Mühen vergeblich, und schweren Herzens stand er endlich von weiteren Versuchen ab. (Schluß folgt.) Gemeinnütziges» Die Aepselernte wird im Allgemeinen nicht gut in Deutschland und damit wird das Schreckgespenst der deutschen Aepfelzüchter, das von Jahr zu Jahr an Umfang zunimmt, die amerikanische Concurrenz uns abermals viel näher gerückt, denn bei steigender Nachfrage steigt naturgemäß auch die Einfuhr- sind aber die Absatzcanäle erst einmal erschlossen, so sind sie selbst bei guter Ernte schwer wieder zu schließen. „Amerika producirt billiger wie Deutschland" heißt es dann wohl, — richtiger wäre: „Amerika producirt pracnscher wie wir." In der neuesten Nummer des „Practischen Rathgeber im Obst- und Gartenbau" setzt ein deutscher Landsmann, Herr Richter, seine hochinteressanten Mittheilungen über amerikanischen Obstbau fort, speciell schildert er diesmal den Aepfelbau auf den Inseln des Sees Champlain, von wo die Aepfel durch den Champlain-Canal zum Hudson und auf diesem nach New-Iork geschafft werden. Hier hat man endlich den leidigen Sortenwirrwarr überwunden und sich auf den Anbau einiger weniger guten Aepfel- und Birnsorten gelegt. Wir können das Studium dieser hochinteressanten Aussätze nur allen Obstzüchtern auf das Dringendste empfehlen- die neueste Nummer des practischen Rathgebers wird gern umsonst zugeschickt von der Königlichen Hosbuchdruckerei Trowitzsch & Sohn in Frankfurt a. O. * * Hühnern das Anpicken und Auffressen -er Eier abzngewöhnen. Man fülle ein ausgeblasenes Ei mit Senf und lege es dem betreffenden Huhn in's Nest. Es wird das Huhn dann dies Ei nach Gewohnheit anpicken, jedoch sofort nach dem Schmecken des Inhalts von weiterem Probiren nicht allein ablaffen, sondern auch nie wieder in den alten Fehler verfallen. Man prüfe! ♦ * * Die Er-beerpflanzeu, von denen man Ableger zu nehmen beabsichtigt, bezeichne man mit kleinen Stäbchen und sehe darauf, daß es nur Pflanzen sind, die vollkommene, schöne und große Früchte bringen. Wie bei den Thieren, so vererben sich auch bet den Pflanzen die guten und schlechten Eigenschaften auf die Abkömmlinge. » * * Deutsche Tomatensuppe. (Sechs Portionen.) In eigroß frischer Butter läßt man einen Eßlöffel feingeschnittene Zwiebeln anlaufen, giebt ein Dutzend quer in Hälften geschnittene, reife Tomaten dazu und durchdünstet sie eine Viertelstunde. Dann füllt man 21/» Liter siedendes Wasser auf, fügt das nöthige Salz und eine Messerspitze weißen, noch besser Cayenne Pfeffer hinzu und läßt die Suppe mit einer Handvoll trocken geröstetem Weißbrod gut auskochen. Dann wird sie durch ein Sieb gestrichen, mit zwei Eßlöffeln „Maggi" verstärkt und angerichtet. — Einlage: Ausgequollener Reis oder geröstete Semmelwürfel. Hninopistisches. Verzweifelter Pump-Versuch. Studiosus (an seine Tante schreibend): „Mein liebes Tantchen! Denke Dir, ich habe soeben die Entdeckung gemacht, daß der eine Genius auf den 100 Mark-Scheinen Dir ganz frappant ähnlich sieht. Da ich zu meinem großen Schmerze noch kein Bild von Dit besitze, würdest Du durch Uebersendung eines solchen Scheines zum Glücklichsten der Sterblichen machen Deinen Dich hochschätzenden Neffen Carl." Abwechslung. „Wie mag's denn jetzt dem Ziemeier, unserem durchgegangenen Cassier, drüben in Amerika gehen?" — „Ja, wissen Sie denn das nicht? Der soll ja von dort nach Europa durchgebramtt sein!"* Vor einem modernen Bilde. Besuch: „Die Landschaft kommt mir außerordentlich bekannt vor!" — Maler: „Das ist ja das Porträt meines Onkels!" — Besuch: „Aya, deshalb ... den kenn' ich ja auch!" * $ Kindlicher Irrt hum. Vater (der seine silberne Hochzeit feiert): „Fritz, weißt Du auch, was das ist, eine silberne Hochzeit?" — Fritz: „Gewiß, — wenn man zum sünfundzwanzigsten Mal verheirathet ist!" * * * Alles in Ordnung. „Nun, sind Ihre Hochzeitsvorbereitungen im Gange?" — Bräutigam: „Jawohl, ich beschaffe die zur Ehe vom Staate verlangten Papiere und mein Schwiegervater in spe die von mir verlangten Staatspapiere." * * Sein erster Gedanke. Student Max: „Du, denke Dir, Bummel, mein Vetter, der Lieutenant, ist versetzt worden!" — Bummel (im Halbschlaf): „Na, für den werden sie auch nicht viel gekriegt haben." * * * ____ , Ueberflüssige Entrüstung. „•■••• Sie haben ferner über mich geäußert, ich hätte das Pulver nicht erfunden." — „Ja — haben Sie es denn erfunden?" * * Neues Wort. A.: „Na, Kamerad, gestern hübsche Mädchen auf Soiree gewesen?" — B.: „Nee, Mütter hatten Uebergewicht." — A.: „Aha — Mamajorität!" Literarisches Ueber den Beherrscher von Siam, der gegenwärtig zum Besuch seiner abendländischen Collegen Europa durchreist, veröffentlicht der bekannte Reiseschriftsteller Ernst von Heffe-Wartegg einen interessanten Artikel im jüngsten (23.) Heft der illustrirten Halbmonatsschrift ,,VoM Fels zum Meer" (Stuttgart, Union Deutsche Verlagsgesell- schaft). Unter dem Titel „Zur Marine!" erzählt uns Hans Nagel von Brawe in einer fortlaufenden Reihe sehr anregender, novellistisch gefärbter Aufsätze den Werdegang eines Seeoffiziers; die hübschen Buder dazu hat der bekannte Marinemaler Willy Stöwer geliefert. Eine sehr lustige und für Bergkraxler lehrreiche Geschichte: „Auf nie erstiegenem Gipfel" von Hans Hoffmann eröffnet das Heft, das an novellistischen Beiträgen außerdem noch die Fortsetzung des spannenden Romans „Alltagsleute" von W. Meyer-Förster und den Schluß einer anmuthigen Novelle „Blohm contra Blohms von Luise Schenck enthält. Unter den Volkskalendern, wellche diesen Ehrentitel nicht nur dem Namen nach, sondern in der That verdienen, steht der im Verlage von Ernst Keils Nachfolger in Leipzig erscheinende ,, Gartenlaube- Kalender" unbestritten an erster Stelle. Die besten Namen unserer Literatur verschmähen es nicht, mit Originalbeiträgen im „Gartenlaube- Kalender" vertreten zu sein und Künstler ersten Ranges verleihen dem Buche gerne den hervorragenden illustrativen Schmuck. W. Heimburg bringt in dem soeben erschienenen Jahrgang 1898 wieder eine ihrer an Lebenswahrheit und Gefühlswärme unerreicht dastehenden Erzithlungen: „Großmutters Kathrin", zu welcher „Der Seefahrer" von Eva Treu ein gar lustiges Gegenstück bildet, während in einer dritten der Wirklichkeit nacherzählten Geschichte die Heimathliebe einfacher Landleute einen rührenden Ausdruck findet. Hübsche, fein ausgeführte Illustrationen erster Künstler erhöhen den angenehmen Eindruck, welchen auch dieser neue Jahrgang des „Gartenlaube-Kalenders" auf Jeden machen muß, der ihn seiner Bücherei einverleibt, was auch dem weniger Bemittelten nicht schwer fallen wird, da der Kalender — auch ein sehr wichtiges Kennzeichen eines wahren Volkskalenders l — elegant gebunden nur eine Mark kostet. Redaction: Ä. Echeyda. — Druck und «erlog der Brühl'fchen ttniverfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.