Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Außer den beiden Männern fand sie nicht viel zu sehen in dem einfachen Gemach. Ein eisernes Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle, ein Wandbört mit ein Paar Büchern, ein Kleidergestell und ein zweiter, ziemlich großer Tisch, das war Alles. Die Wände waren weißgetüncht und, mit Ausnahme einer einzigen Stelle, ganz ohne Schmuck. Hier aber, über dem Tische, der an der Mauer zur Rechten des Fensters in gutem Licht aufgestellt war, befand sich eine seltsame Zierde. Ein Kruzifix, das mit seinem Ebenholzkreuz und der silbernen Christusgestalt von der Aermlichkeit der Umgebung auffallend abstach, bildete den Mittelpunkt. Umgeben war es in ovalem Kranz von sieben schön gearbeiteten, duukelrothen Rosen. Ein breiter Streifen aus Papier oder Stoff, in den sieben Regenbogenfarben schillernd und leuchtend, war darüber befestigt und zeigte in großen, goldenen Buchstaben das eine Wort: „Excelsior!“ Ein ähnlicher, kleiner Streifen aus weißem Carton aber war unten in geringer Höhe über der Tischplatte angebracht- er trug in schwarzem, deutlichem Druck den Spruch aus dem „Nathan": „Das kleinste: Reichthum. Und das größte: Weisheit." Jetzt eben fiel ein zartes Reflexlicht auf diesen bedeutungsvollen Schmuck, und in dem milden Wiederschein des abendlichen Glanzes schien die Christusgestalt mit einem silbernen Schimmer zu leuchten, schienen Gold und Regenbogenfarben zu einem strahlenden Einklang zu verschmelzen, die Rosen sich weiter und schöner zu entfalten. Absonderlich wie der Wandschmuck war die Tracht des Mannes, der am Fenster saß. Trotz der geringen Höhe des Zimmers war dort noch eine Art Thron, ein ziemlich großes Dienstag d« 26. Jamm. 1897. s k iliü •Steh OTT s fiel einst einem alten Weisheitslehrer Die herbe Wahrheit ein: Schwer hat ein König Freunde, doch noch schwerer Jst's, eines Königs Freund zu sein. Alb. Roderich. Vertrauen nicht zu zeigen, ist schon Mißtrauen. G. W. Manchen lernt man erst als Feind schätzen. H. M. hölzernes Podium in den Raum hineingebaut, und hier kniete die gebeugte Männergestalt vor der anderen, die aufrecht im vollen Lichte dasaß. Ein langes Gewand aus hellgrauem, braunumsäumtem Wollstoff umwallte sie und gab ihr Aehnlich- keit mit den Bildern der christlichen Apostel, die in solcher Kleidung dargestellt werden. Das hagere, scharf geschnittene Gesicht erinnerte an Dürers Johannes, nur daß Kopf und Züge älter waren, und Haar und Bart von grauweißer Farbe lang herabwallten. In den großen, grauen Augen zeigte sich eine schlummernde Gluth, die nur auf einen Funken zu warten schien, um hell emporzuflammen. Jetzt waren die Augen gedankenvoll in die Ferne gerichtet, und die eine Hand ruhte auf den gefalteten des knieenden Mannes. „Stehen Sie auf, mein lieber Sybel," sagte der ältere Mann jetzt in sanftem, aber bestimmtem Ton. „Mit Klagen schaffen wir kein Leid aus der Welt." Mühsam, als schmerze ihn jede Bewegung, erhob sich der Andere. „Sie wissen nun Alles," sagte er leise. „Sie sind der Einzige, bei dem ich noch Trost zu finden gehofft habe. Mein Glück steht vor mir, aber ein Schatten steht zwischen mir und meinem Glück!" Da er keine Antwort fand, trat er von dem Thron herab und betrachtete mit einem leeren Blick das Kruzifix, die Rosen und die Worte an der Wand. Seine Gedanken waren nicht bei dem, was er sah; mit plötzlicher Lebhaftigkeit, der raschen Empfindung seiner Natur gehorchend, wandte er sich wieder zu dem Alten am Fenster und rief: „Ist es denn nicht wahr? Wäre mir's nicht besser gewesen, ich wäre nie hereingekommen in dieses Haus, das mir in Wahrheit ein Haus der Schatten geworden ist? Hier erst habe ich sie kennen gelernt, die Schatten dieses elenden menschlichen Lebens, die Sorge und den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit!" „Die beiden schwärzesten Erdenschatten doch noch nicht: die Schuld und die Reue." „Nein, Gott sei Dank, die noch nicht! Aber weil ich sie nicht kennen lernen will, darum muß ich so leiden!" „Mein armer Freund, Sie sind noch jung und wundern sich darum über die Schatten auf Ihrem Wege. Und doch ist dies Haus der Schatten nur im Kleinen ein Abbild dieser Welt der Schatten. Sie gehören zu ihr und sind nichts Anderes,- als eine Mahnung, ein Erziehungsmittel, als die Wegweiser zu einer höheren Entwickelung." Er hatte, während er sprach, aus das winterliche Bild hinausgeschaut, das in der ermattenden abendlichen Helle weithin sich dehnte und in der Ferne in leise flimmerndem 38 legt man die sieben zurück, von der groben Moterie emporsteigend zum reinen Geist. Wir hören und erzählen so gern- das Märchen, diese Erde, auf der wir leben, sei die schönste und vollkommenste der Welten- in Wahrheit ist sie die schlechteste und unterste von ihnen, der Inbegriff der Materie im gröbsten Sinn. Wir wohnen in einer Welt der Schatten und Dunkelheit und sehen das Licht nur ganz von Weitem. Indem der Geist, der zur Materie niederstieg, alle sieben Stufen durchläuft, gelangt er wieder zum Selbstbewußtsem und dorthin, woher er kam, in das Reich des Geistes im. feinsten Sinne." Er trat noch näher zu dem gespannt und tn halber Verwirrung Horchenden heran und fuhr mit größerem Nachdruck fort: „An uns ist es, diesem Reiche des Geistes zuzu- streben, aber wir können es nur, indem wir unablässig an unserer Vervollkommnung arbeiten, indem wir die Selbstsucht, zeigte. „Wenn Sie jene Kräfte beherrschen gelernt haben und sie in reiner Absicht ausüben. Dann müssen die Tobten wiederkehren in ihren astralen Leibern, und Rede und Antwort stehen auf Ihre Fragen." „Wenn ich ihn rufen könnte I" „Was meinen Sie?" „Wenn ich ihn rufen könnte!" wiederholte Georg. Busenius betrachtete ihn einen Augenblick, als verstehe er den Sinn seiner Worte nicht - seine Gedanken waren weit ab von dem gewesen, was sie vorhin gesprochen hatten. Dann schüttelte er langsam, voll Mitleid den Kopf und trat zum Fenster, an dem er stehen blieb. „Nur dem, der mit reinem Herzen nach geistiger Vollkommenheit strebt," sagte er dann, „gehorchen die großen Kräfte der Natur. Vergessen Sie das nicht. Müßiger Neugierde sind sie nicht dienstbar. „Müßige Neugierde nennen Sie meinen Wunsch? Kennen Sie mich so wenig? Haben Sie keine Empfindung dafür, wie ich leide?" Busenius blickte zu dem reinen Himmelsgewölbe empor, das von einem gelblichen Abendlichte durchstrahlt war. Erst nach einer Pause antwortete er. „Wenn Sie leiden, dann schauen Sie nach den Sternen. Wir werden eine klare Nach haben und werden die Welten sehen, die wir Sterne nennen. Bedenken Sie, daß Ihr gegenwärtiges Leben nur der tauswdste Theil all' Ihrer Leben auf diesem Erdenstern ist. Dann blicken Sie zu den anderen leuchtenden Welten empor un erinnern sich, daß Ihr tausendfaches Leben auf der Er e wieder nur der Tausendste Theil all' Ihrer Existenzen aus und die Brüderlichkeit pflegen. Denn wir sollen nicht allein zu steigen suchen, wir sollen unsere Brüder mit uns emporführen, dann aber, wenn wir uns selbst beherrschen gelernt haben, werden wir auch die Kräfte der Natur beherrschen lernen. Kräfte, die in Jedem von uns schlummern, die, wenn sie erwachen, der Mehrzahl der heutigen Menschheit übernatürlich und übermenschlich erscheinen und die doch natürlich und menschlich sind. Die Weisen im Osten beherrschen sie, und märchenhaft klingende Berichte kommen von dort zu der ungläubigen, unentwickelten Menschheit im Westen. Aber in Einigen von uns hier in Europa sind sie auch schon erwacht, und Jeder von uns vermag sie auszuübev, wenn er in reiner Absicht der Vervollkommung entgegenstrebt. Wenn Sie diese Kräfte in sich erweckt haben, dann können Sie hören ohne Ohr und sehen ohne Auge, dann kann ^zhre Seele zu einer anderen Seele sprechen über Kontinente und Meere hinweg. Dann können Sie mit einem Gedanken Kranke heilen und Gesunde tobten, dann können Sie die Geister Gestorbener rufen —" Geister rufen? In höchster, plötzlicher Erregung that der Assessor die Frage. In nervöser Unruhe, mit wachsendem Staunen hatte er die mystischen Worte vernommen- jetzt aber kam mit einem Male ein Strahl des Glaubens, der Hoffnung in seine Augen, und mit ausgestreckten Händen schien er nach dem Wunder zu greifen, das der Andere ihm ein Christ." „Das bin ich auch. Die einzige Reltgron, dreExtstenz- berechtigung hat, ist die Religion der Liebe. Und weil diese I Religion auf unserer Erde Christenthum heißt, so nenne auch ich mich einen Christen. Sehen Sie dort das heilige Bild des Gekreuzigten an der Wand." Ec schien einen Augenblick zu überlegen, ob er weiter reden solle- dann fuhr er fort. „Aber ich sehe über unsere Welt hinaus zu den anderen Welten, die um uns und über I uns kreisen, die unsere Heimath gewesen sind und wieder unsere Heimath sein werden. Haben Sie niemals die Empfindung gehabt, als hätten Sie das, was Ihnen eben geschieht, schon einmal erlebt? Das war der Schatten einer früheren Existenz, der Ihnen für einen Augenblick sichtbar wurde. Wir haben gelebt und werden leben. Unser Character, unser Wissen und Können ist der Schatten dessen, was wir in einem vergangenen Dasein erworben haben. Unser gegenwärtiges Leben haben wir uns in jenem früheren verdient, und wir verdienen uns jetzt unser zukünftiges." „Danach litte ich also nicht schuldlos?" sagte der Assessor leise vor sieh hin. Busenius achtete nicht auf die Unterbrechung, sondern sprach weiter tn demselben ruhigen, feierlichen Ton wie bisher. „Glaubens- und Weisheitslehren, die vergessen waren und gestorben schienen, stehen wieder auf und wandeln gleich mächtigen Schattengestalten unter uns. Und auch die Zukunft wirft ihre Schatten voraus in unser Dasein. Jene aber werden Heller und Heller und verkehren sich in Licht, wenn wir sie genauer betrachten- diese sind dunkel, von der Farbe vergossenen Blutes, und bedeuten Zerstörung, Vernichtung des Fortschritts, Hemmung des Strebens und der Vervollkommnung. Die ewige Kraft, von der ein unvergänglicher Funke in Jedem von uns lebt, helfe uns, diese blutrothen Schatten der Zukunft zu besiegen! Denn aufwärts müssen wir streben, aufwärts muß unser Weg sein zu höheren, reineren, geistigen Sphären, aufwärts — excelsior!“ Er hatte sich hoch emporgerichtet und stand leuchtenden Auges da wie ein Prophet aus vergangenen Tagen, der wiedergekehrt ist, seine Verkündigungen auszuschütten über die Welt. Nun aber strich er mit der Hand über die Augen, deren lodernde Gluth unter dieser Berührung in ein stilles Feuer sich wandelte, und sprach ruhig weiter. „Ich habe Ihnen so viel gesagt, daß ich verpflichtet bin, Ihnen noch mehr von dem zu sagen, was ich weiß. Verstehen Sie wohl: was ich weiß, nicht was ich glaube. Sie sehen hier diese sieben Rosen um das Bild des Gekreuzigten- auch sie sind ein heiliges Symbol, denn die Zahl sieben ist eine heilige Zahl. Siebenfach zusammengesetzt ist das Wesen des Menschen, und über sieben Daseinsstufen aufwärts bewegt sich das, was wir Leben nennen, zu immer höherer Entwickelung. Auf jeder dieser Stufen giebt es andere Organismen, ihr angepaßt in Erscheinung, Denken, Bewußtsein. Nicht in einem einzigen Leben, in vielfacher Wiederkehr wird eine solche Stufe durchschritten, und erst in Millionen von Jahren „Wir sind's." „Woher haben Sie diesen Glauben?" „Ich glaube nicht, ich weiß." Der Assessor trat einen Schritt zurück, erstaunt, bestürzt, erschreckt, und doch im Innersten getroffen von der machtvollen Glutb die letzt in den Augen des Anderen erwacht war. , --------- „ . „Ich bin ein Pfarrerssohn," sagte er leise, „und bin biefen,9*0,gejnb^un^m hohlen Entwickelung, ^besiegen Dunst verschwamm. Jetzt erhob er sich unb trat vor ben Anberen hin, bem er die Hände auf die Schultern legte. „Dix Schatten sind der Menschen Erbtheil, denn d:e Menschen selbst sind nur Schatten. Die Schatten derer, die vor ihnen gewesen sind, die Schatten ihrer selbst." „Ihrer selbst?" „Wir sind gewesen und totr werden fern." „Wir werden sein, darauf vertraue ich auch. In einem schöneren Jenseits, das Gott uns verheißen hat. Aber gewesen, — daß wir schon einmal gewesen sind —" 39 jenen fernen Welten ist. Was bleibt von Ihrem gegen wärtigen Dasein, mit solchem Maßstab gemessen, was bleibt von dem Leid, das im Augenblick Ihre Seele erfüllt? Erfassen Sie diesen Gedanken in seiner ganzen Größe und Tiefe, und Sie werden stärker sein, als Ihr Schicksal, das Sie dereinst sich selbst verdient und bereitet haben, stärker, als die Schatten auf Ihrem Wege. Richten Sie Ihre Blicke nach oben, schauen Sie nach den Sternen, wenn Sie leiden!" „Ich danke Ihnen," sagte Georg leise, indem er Busenius die Hand reichte. „Seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihren Phantasien heute nicht folgen kann. Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen, und mein Kopf ist wüst. Es wird am Besten fein, ich gehe jetzt und bleibe allein." Der Andere versuchte nicht, ihn zu halten. „Ich wünsche Ihnen, daß Sie heute Schlaf finden," sagte er freundlich. Georg nickte nur und ging langsam hinaus. Auch draußen im Bodenraum war es noch ziemlich hell, nur in den äußersten Ecken unter den Schrägflächen des Daches lauterte schon die Dunkelheit. Er ging trotzdem vorsichtig und mit den Füßen den Boden prüfend, als liege schon tiefe Nacht um ihn her. Seine Blicke waren starr in die Ferne gerichtet, und als er die erste der leiterähnlichen Treppen hmabgestiegen war, blieb er stehen und träumte vor sich hin. „Ihn rufen!" murmelte er; das war das einzige, was von der Unterredung mit Busenius in seiner müden Seele haften geblieben war. Dieser plötzlich in ihm erweckte Gedanke, den Todten zu rufen, der mit kalter Hand ihn hinwegscheuchte von seinem Glück, ihm entgegenzutreten und mit dem wesenlosen Schatten zu kämpfen um den Besitz der Frau, die er liebte. „Ihn rufen!" sagte er leise noch einmal, als er aus den Bodenräumen hinunter gelangt war in dem wohnbaren Theil des Hauses und nun auf dem Corridor stand, an dem Frau Henningers Zimmer lagen. Aber er ging nicht zu ihr hinein; er hatte sie schriftlich gebeten, ihm em paar Tage Zeit zur Ueberlegung zu gönnen, und so schlich er vorsichtig an den Thüren vorbei, zu denen er sonst, von heißer Sehnsucht getrieben, zu allen Stunden des Tages nur allzu oft den Weg gefunden hatte. In seinem Zimmer schloß er sich ein und setzte sich wieder auf den Platz am Fenster, wo er gestern und heute lange Stunden in schmerzlichem Sinnen verbracht hatte. Ein tiefes Bangen hielt ihn ab, eine Unterredung mit der Geliebten zu suchen; mehr noch als die Bestätigung dessen, was man ihm erzählt hatte, fürchtete er etwas Anderes. Die Möglichkeit, daß des Onkels Vorhersage sich erfüllen, und Frau Ina den Eid ihm gegenüber ableugnen könne, den sie geschworen hatte. Ihr Bild befleckt zu sehen, das er angebetet hatte seit Monaten in stiller Verehrung, war ihm der furchtbarste Gedanke von allen. Aber so oft er auch diese Möglichkeiten durchgrübelt, heute war doch der seltsame Eindruck, den Busenius Worte auf ihn gemacht hatten, der herrschende. Er suchte sich zu wiederholen, was der Alte dort oben gesagt hatte, und bunte, phantastische, märchenhafte Bilder stiegen vor ihm empor. In einzelnen Andeutungen hatte er Aehnliches schon vernommen, auch erinnerte er sich, kürzlich den Prospect eines Buches erhalten zu haben, das von jenen geheimnißvollen Lehren und Ueberlieferungen zu handeln, schien. Der plötzliche Wunsch überkam ihn, das Buch zu besitzen, von anderer Seite diese Phantasie bestätigt ober berichtigt zu sehen. Wo mochte er den Prospect gelassen haben? Daß er ihn aufbewahrt hatte, schon damals von einer unklaren Begierde nach der Enthüllung dieser Wunder getrieben, das wußte er, aber er vermochte sich nicht zu erinnern, wo er geblieben war. Mit hastigem, unruhigem Eifer begann er zu suchen, warf alle Papiere auf seinem Schreibtisch durcheinander und durchforschte die Schubladen bis in die äußersten Winkel. Aber nichts war zu finden, auch seine Brieftasche gab das Gesuchte nicht heraus. Endlich, als die nervöse Unruhe schon seinen ganzen Körper durchzitterte, meinte er sich zu erinnern, daß er das Papier damals lose in die Tasche gesteckt habe, und nun riß er den Wandschrank auf, um dort weiter zu forschen. (Fortsetzung folgt.) Neue Gaben der Natur. Ein wichtiges Capitel für den Gartenfreund. Von I. C. Schmidt, Kunst- und Handelsgärtner, Erfurt. ------- (Nachdruck verboten.) „Neuheiten!" — das ist heute das Schlagwort des Gärtners und des Laien, aber die Fluthwelle, die jedes Jahr durch die Samenlisten rauscht, verrinnt oft langsam im Sande und nur einzelne Perlen bleiben am Strande zurück. Die Hauptsache für den gewissenhaften Züchter besteht in dem genauen Stndiren der Vorzüge einer neuen Sorte, eher er sie dem Handel übergiebt. Die Neuheit muß „con- stant" bleiben. Ost verlieren sich schon in den nächsten Jähren die unentdeckten Tugenden. Die Pflanze „schlägt wieder zurück". Sodann sind die neuen Errungenschaften ohne Vorurtheil dahin zu prüfen, ob die heroortretenden Unterschiede derartig bedeutend sind, um die Sorte als vor- theilhaft gegen eine alte bekannte gute hinstellen zu dürfen. Es wird auch in der Gartenkunst manches „verballhornt". — In Folgendem seien, ohne die Reibe vollständig erschöpfen zu können, die hauptsächlichsten Errungenschaften erwähnt, welche als Neuheiten für 1897 in Betracht kommen. An der Spitze der diesjährigen Blumen-Neuheiten marschirt — etwas Altes! Alt, weil das liebliche 2 bis 3 Ctm. hohe Myosotis Rehsteineri (Liliput-Vergißmeinnicht) schon vor Jahrzehnten am Ufer des Bodensees, wo es ein verstecktes Dasein führte, aufgefunden wurde — neu, weil es erst jetzt seiner Verborgenheit entrissen ist und dem großen Kreis der Blumenfreunde zugängig gemacht wird. Es verdient durchaus, daß jeder Garten sich mit diesem Kleinod schmücke. Wer es auch sieht, ist entzückt von diesem Liliputaner. Während seine bekannten Schwestern so sehr in die Höhe, Breite und Weite gehen, um mit Vortheil aus sich alle jene lieblichen Bogen, Figuren und Arabesken bilden zu lassen, wie sie die moderne Teppichgärtnerei verlangt, ordnet sich diese Zwergform den weitgehendsten Ansprüchen unter, da sie in Blatt und Blumen in den bescheidenen Grenzen bleibt. Die Hohe überragt niemals 3 Ctm. Wenn das Teppich-Vergißmeinicht im Februar oder sobald es der Frost zuläßt, gepflanzt wird, lacht es uns von Ende März bis in den Juni hinein entgegen mit seinen tausenden himmelblauen Augen, die als erste Jahresgabe in den Frühling schauen. — Ein geschlossenes Beet aus diesen lieblichen Pflanzen gebildet, stellt einen Blumenteppich in des Wortes vollster Bedeutung dar. Nach der Blüthe kann man die Pflanzen theilen, und den Vorrath dadurch nach einigen Jahren verzehnfachen. Die Engländer bringen dies Vergiß- meinicht als „englische Neuheit" zu einer Mark das Stück an's Tageslicht, man kann aber in Deutschland für einen Nickel das Stück schöne, starke Pflanzen Hatzen. Auf dem. großen Gebiete der Astern finden wir als hervorragendste Neuheit eine eigenthümliche Form, deren Namen, „Strahlenaster", ungefähr sagt, was sie bedeutet. Es ist eine Riesenaster von 12 bis 15 Ctm. Durchmesser, deren Blumenblätter, ähnlich wie bei der kleinen Jgelaster, jedoch in schwungvolleren Linien, vom Mittelpunkt strahlenartig ausgehen. Auch die' bekannte Riesen-Komet-Aster hat sich wieder in einigen neuen Farben, hellblau, lila und carmoisin, gezeigt. In ihrem Gefolge befinden sich als erwähnenswerthe Neuheiten eine lasurblaue, rothviolette und reinweiße Juwel- Aster, eine weiße neue Klasse, die mit „Ideal" getauft ist, und eine dunkelblaue Johannistag-Aster. — Unter den prächtigen Lobelia cardinalis-©orten zeigt sich als etwas sehr Hübsches ein herrliches Purpurcarmoisin. Die Neuheit wurde als Lobelia cardinalis Nanseniana dem unerschrockenen Nordpolfahrer gewidmet. Unter den Godetien zeigt sich als be« üchtenSwerrh eine „Gloriosa" mit leuchtend dunkelblutrothen Blumen, unter den rankenden Kapuzinerkressen ein „Vesuvius" von belebend feurigrother Farbe, die bereits in großer Entfernung dem Auge durch ihre Leuchtkraft auffällt. Nicht unerwähnt soll bleiben Physalis Franchetti mit leuchtend orangefarbenen Samenkapseln, welche die eßbare Frucht umschließen) ferner eine goldgelbe Liliput-Zinnie, die Riesen- Gloxinin von 12 Ctm. Durchmesser, ein neuer hellblauer Phlox, eine Levkoye „Weiße Perle", ein ganz neuer Typus, eine Riesenpetunie mit schwarz-carmoisinrothen Blumen, eine gedrungen wachsende Viktoria-Reseda. Von Stauden möchte ich als die beste Neuheit die Heuchera alba bezeichnen, die nun ein Gegenstück zu der rothblühenden bildet, welche seit einigen Jahren das Entzücken aller Blumenfreunde ist. Von Rosen-Neuheiten sind als gut zu bezeichnen Prinzessin Egon von Ratibor, eine dunkelrothe Theerose, ferner eine Polyantha-Rose „Kleine Prinzessin", in Form der lieblichen Geeite Brunner gleichend, in Farbe jedoch stlbngrosa, und einen Rosen-Sämling, Anemonen-Rose, die schönste der einfach blühenden in Form einer Anemone mit kamelienartigem Laub. Das Gemüse ist prosaiicher, jedoch werden imDurschnitt auf diesem Gebiete wirklich gute, einen Fortschritt in sich bergende Neuheiten weit mehr gefordert, als auf dem der Blnmen. Es ist dies erklärlich. Blumen sind Luxusartikel, Gemüse ist ein Gebrauchs- und Erwerbsartikel, bei dem der Ertrag die größte Rolle spielt. Läßt sich auf demselben Fleck Landes, mit denselben Hülfsmitteln an Dang und Arbeit ein größeres Resultat in Bezug auf Ergiebigkeit und Geschmack erreichen, so ist das eine Geldfrage, die Rente wird für den Produzenten größer. Das gilt sowohl für den Gemüsegärtner inmitten seiner Culturen, als auch für die Hausfrau in ihrem Küchengarten. Als eine Prahlerbse von großartiger Tragfähigkeit stellt sich die Erbse „Duplex" dar, deren Schoten durchschnittlich die Länge von 15 Ctm. erreichen. Der Name bezieht sich auf die eigenrhümliche Form. Die stark aufgeblasene Schote vertieft sich in ihrem Rücken so sehr, daß man beim ersten Anblick zwei aufeinander gelegte Schoten vor sich zu sehen glaubt. Das Gegenstück in Bezug auf Länge und Fruchtbarkeit bildet eine von einem Holländer gezogene Zuckererbse, „Riese von Moerheim", die selbst im vorgerückten Zustande noch zart und wohlschmeckend bleibt. Als ein sehr schöner, neuer „Knollen- Sellerie" ist der „früheste Erfurter Markt-Sellerie" zu verzeichnen, dessen Vorzüge in dem zarten, reinweißen Fleisch, seinem großen Umfang, kurzer Belaubung, Frühreife und in dem Fehlen aller Seitenwurzeln bestehen. Unter Poree- Sorten hat sich als der vorzüglichste der langschaftige, bulgarische Winter-Poree erwiesen. Unter den Krautsorten ragt ein neues Zittauer Riesen Rothkraut hervor. Es liegt in der Natur der Sache, daß Neuheiten, weil der Samen erst in geringer Anzahl vorhanden ist, lheurer in der Anschaffung sind Uib erst im Laufe der Jahre auf das gewöhnliche Preismaß hinrbnnken. Man erhält mit dem hohen Preis aber die frühere Ausnutzung der gebotenen Vortheile. Wem jedoch daran nichts gelegen ist, der warte einige Jahre und begnüge sich inzwischen mit alten guten Sorten. Von Neuheiten der letzten Jahre, die inzwischen schon billiger geworden sind, seien genannt die herrliche, jeder Witterung trotzende, mehlreiche und wohlschmeckende Kartoffel „Perle von Erfurt", der allerseits als der früheste aller Kopfsalate gepriesene „Erstling", die reichtragendste Treibhausgurke „Ideal", die erstaunlich frühzeitige, dickfleischige, üppig tragende Juli-Stangen-Bohne, eine der besten Errungenschaften der letzten Jahre für Markt, Haushalt und Conservezwecke. Im Allgemeinen bringt das Jahr 1897 eine stattliche Reihe beachtenswerther Neuerscheinungen, von denen wenigstens die obgenannten nicht wieder vom Schauplatz verschwinden, sondern für immer ihren Platz mit allen Ehren ausfüllen werden. — Veriinsehtes. Was wird aus den Stecknadeln? Die größte Stecknadelfabrik ist in Birmingham in England. Dieselbe fertigt die Kleinigkeit von 37 Millionen Stecknadeln an einem Tage, die übrigen englischen Fabriken schaffen zusammen elf Millionen Nadeln, sodaß die tägliche Production in England allein sich auf circa 56 Millionen Stecknadeln stellt. Die Fabrikation in Frankreich beträgt täglich zwanzig Millionen, und auf Deutschland und die übrigen europäischen Länder entfallen zehn Millionen Stecknadeln; mithin fabricirt man in Europa täglich das niedliche Sümmchen von 86 Millionen Stecknadeln. Bei dem Gedanken an diese Summe steigt uns die Frage auf: Wo bleiben denn alle diese Nadeln? Die wenigsten werden zerbrochen, abgenützt oder verdorben, vielmehr wird der weitaus größte Theil verloren. Es gibt wohl keinen noch so kleinen Gegenstand, der im häuslichen Leben so viel gebraucht wird und mit dem man so viel Verschwendung treibt, wie die Stecknadel, die so klein und unscheinbar ist, daß sich selten Jemand bückt, um sie aufzunehmen. Wenn aber in jedem Haushalt nur wenige verloren gehen, so macht dies schon eine ganz ungeheure Summe aus. Nehmen wir die Bevölkerung Europas auf 240 Millionen Menschen an, dann braucht jeder dritte Mensch täglich eine Stecknadel zu verlieren, um die Summe von 86 Millionen Nadeln zu verbrauchen. Das macht einen Werth von 20000 Mark aus. Die Fabrikation der Stecknadeln geschieht weit schneller als man zählen kann. Die hierzu verwendeten Maschinen zeigen eine staunenswerthe Vollkommenheit. Der Draht wird von der Masch ne in der gewünschten Länge abgeschnitten, jede Nadel bekommt ihren Kopf, wird gespitzt, polirt, abgezählt und reihenweise in Papier gesteckt. Eine solche Maschine macht geradezu den Eindruck, als ob sie Leben habe. Aber wo bleiben sie, alle die Millionen feinen Spiese? Wie kommt es, daß man nicht längst überall „auf Stecknadeln geht?" Literarisches s«k«««e Dich Selbst! Gedenkalbum zur Characteristik der Freunde und Freundinnen. Mit 14 Facsimiles namhafter Frauen und Männer der Gegenwart. Aus dem fast jedem Menschen innewohnenden Wunsch und Herzensbedürfniß, die Erinnerungen an liebe Freunde und verehrte Bekannte, die ihm auf seinem Lebensweg begegnet sind, für alle Zeit sestznhalten und in einem Buche zu sammeln, entstand zuerst das Stammbuch und später das Photographiealbum, dessen Bilderrerhr man immer wieder gern betrachtet. Allein mit der rastlos fortschreitenden Zeit haben sich auch unserefAnsprüche gesteigert. Die sentimentalen Verse und weisheitsvollen Sentenzen auf den Stammbuchblättern erscheinen uns fade und veraltet, ja selbst die Bildnisse unserer Freunde allem wollen uns nicht mehr ganz genügen — man möchte, daß sie auch zu uns redeten, man wünschte ihre Gedanken und Ansichten über Dies und Jenes zu hören, einen Funken ihres Geist s um uns leuchten j» sehen! Die sinnige Idee des in unserem Verlage bereits «i vielen Auflagen erschienenen Albums „Erkenne Dich Selbst!" fand daher großen Anklang, da er gleichsam eine Ergänzung zu den Vortr“™ unserer Freunde und Freundinnen bildet, durch deren Antworten am die gestellten Fragen wir eine förmliche Characterskizze, ein in”er;'t’e. Bild von ihnen erhalten, sodaß wir sie besser kennen lernen als stundenlange mündliche Unterhaltungen. Namentlich interessant weroe diese Selbstbekenntnisse, wenn sie von geistig bedeutenden, Hervorrageno und allgemein bekannten Persönlichkeiten herrühren, die F°rnersteyen nicht so leicht einen solchen Einblick in ihre Gedanken und Ansichten g - währen. Vielfachen Wünschen entsprechend haben wir eine Anzahl jom Selbstbekenntnisse in getreuer Wiedergabe der Handschrift als ge p allseitig willkommene Gabe in einem Anhänge beigefügt, und sind über; s > daß der Absatz von „Erkenne Dich Selbst!" in Folge dieser Vermehrung sich noch beträchtlich steigern wird. I. I. Webers Verlag, LeMg. s' A ei g d bi 4 n L 8 ei ei v 2 ei 3 ei bi ei bi (s tr ei 91 Redaction« «. «cheyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch & Schcyda) m