Der Majoratsherr. 9tom«n v»n Nataly ». Sschstruth. (gottfttiwfl.) Er weiß auch, daß man in der Residenz darüber spottet, daß Wulff - Dietrich sich so ostensibel fern hält, obwohl sein Bater schon vor Jahren für ihn um Pia angehalten. Die Familie Nördlingen hat die spätere Heirath für selbstverständlich erachtet und hat wohl zu siegesgewiß darüber gesprochen, — nun ist es doppelt empfindlich für das junge Mädchen, verschmäht zu werden. Gert sieht das Alles ein, und der kleine diplomatische Schachzug deucht ihm geistreich und zweckmäßig, wenn . . . ja, wenn er es nur nicht wäre, welcher sein Herz dafür auf den Opferaltar niederlegen muß! Fränzchen ist ein liebes, herzensgutes Kind, — aber sie lieben? Gert seufzt tief und schmerzlich auf. Er denkt zurück an ein Ballfest in Kiel, an ein süßes blauäugiges Engelsangesicht,'welches unter zartem Vergißmein- nichtkranz zu ihm auflächelte, so strahlend glücklich, so scheu und innig, so heimlich flehend: — Vergiß — mein — nicht! Nein, er hat sie nicht vergessen, er hat an jenem Abend sogar stolz entschlossen den Kopf zurückgeworfen und den blitzenden Sternen am Himmel zugejauchzt: „Und wenn ich warten muß bis zum Corvettencapitän! ich liebe das blonde Grethelein und führe sie heim!" und er hatte seit jener Zeit öfters ein heiteres Liedchen gepfiffen: „Mein Schätzer! ist hübsch, aber Geld hat es nit! was nützt mir der Reichthum, das Geld küß i nit: Nein — das Geld küßt man nicht — und doch . . . geht das Feuer auf dem Heerd aus, — flieget die Liebe zum Schornstein hinaus!" — das ist auch ein wahres, ein bitter wahres Wort! Gert streicht nachdenklich über die Stirn. Er ist ein blutjunger Lieutenant und bis zum Corvettencapitän hat'- noch gute Wege, das blonde Grethelein dürfte wohl kaum Samstag dm 25. Deremt«. s MEMHM IjlllL Weihnacht. Die Menschen eilen durch die Straßen, Geschäftig und doch froh gestimmt, Denn jeden Einz'len dieser Massen Das nahe Fest in Anspruch nimmt. Vor jenem Laden welch Gedränge! Es einet dort sich Groß und Klein Zur schau- und einkaufslust'ger Menge. Doch mancher Seufzer klingt hinein Auch in der Menge frohes Lachen - Und manche Zähre heimlich rinnt. Beim Anblick all' der schönen Sachen Denkt Mancher an sein todtes Kind. Ein Dirnlein, dessen Kleid zerschlissen, Sieht dort man im Vorübergehn Mit Aeugelein weit aufgerissen Vor all' den Herrlichkeiten stehn. Als wenn ein Märchenland den Blicken Des Kindes ja sich aufgerhan, So steht es da- wagt vor Entzücken Sich nimmer all' der Pracht zu nahn. Und endlich ist der Tag erschienen, Von dem gesprochen man so ost, Seht, welche Spannung in den Mienen Der Kleinen! Denn jedes hofft, Das Christkind würde ihm gewähren Den Lieblingswunsch und eine Welt Dazu von Sachen ihm bescheeren. Und ach wie klein ist seine Welt! Der Himmel har Milliarden Kerzen Am Heilgen Abend aufgesteckt, Damit auch in des Aermsten Herzen Ein Weihnachtsstimmlein werd' geweckt - Und wie vom nahen Kirchthurm klingen Die Glockentöne durch das Land, D« ist'-, .als ob auf Engelsschwingen Ein Gruß uns kommt von Gott gesandt, Hoch über uns das Chaos Sterne, Um uns der Frieden der Natur. — Das eigne Heim winkt aus der Ferne, Den Zauber kennt die Christnacht nur. S. Halm. 602 — so lange warten wollen, — und Kränzchen, das wilde, derbe, häßliche Mädchen? — Der junge Mann springt erregt empor und schüttelt erschreckt den Kopf: „Nein, nein! sie heirathen? undenkbar!" Capitel 25. Und sprich: woher kommt Liebe? „Sie kommt und sie ist bol" — Und sprich — wie schwindet Liebe? „Die war's nicht, der's geschah!" — Friedrich Halm. „Kann bei solchem Kinderlärmen Wohl ein Mensch vernünftig fein?" Ernst Schulze. Als der junge Herr von Nördlingen nach Tisch in der Buchenlaube des kleinen Burggartens sitzt, erknirscht vor ihm. der gelbe Kies, welcher die schmalen Wege deckt, und seine Mutter taucht jählings vor ihm auf. „Ah, mein Herzensjunge, wie nett, daß ich Dich hier finde!" lächelt sie ihm zärtlich zu: „Ich sage es ja immer, wir Beiden haben einen geradezu lächerlich gleichen Geschmack! hier dieses weltvergessene Plätzchen mit dem herrlichen Blick in die Thalebene hat es mir auch vom ersten Augenblick angethan!" Gert zieht die Hand der noch immer sehr interessanten und jugendlichen Mama galant an die Lippen und schlingt den Arm um sie, als Frau von Nördlingen an seiner Seite Platz nimmt. „Kannst Du es mir verdenken, Mütterchen, wenn es mir einen besonderen Genuß ist, abwechslungshalber mal auf ein Meer von grünrauschenden Wäldern herabzublicken und mich an dem Blick wogender Kornfelder zu freuen? solch ein Idyll träumt der Seefahrer selten, und darum liebt er es, wie den Christbaum, welcher auch nur einmal im Jahre brennt!" „Ja, es ist schön hier! so schön, wie ich mir das sagenumwobene Niedeck niemals vorgestellt habe! Dieses wunderbar großartige Schloß, — diese Pracht der Einrichtung, dieser fürstliche Besitz, welcher es umgiebt!" Die Baronin seufzt wehmüthig auf: „Würde Pia nicht die geborene Burgfrau dafür sein? mir thut das Herz weh, wenn ich ihre schlanke Gestalt durch die Hallen und Säle schreiten sehe, und denke, dieselbe können ihre Heimath, ihr Eigenthum werden, — wenn ... ja, wenn dieses fatale „wenn" nicht wäre!" Gert zwirbelte das blonde Schnurrbärtchen und kaute nervös an der Lippe: „Ja, es ist kein Übel Ding, die Gemahlin des Majoratsherrn von Niedeck zu sein! Tante Johanna hat damals auch noch das große Loos gezogen, als kein Mensch mehr daran glaubte und dachte, — wer weiß, wie Pias Schicksal sich noch gestalten wird, — vorläufig ist Wulff-Dietrich noch frei!" Frau von Nördlingen zuckte ungeduldig die Achseln, „was man bei ihm „frei" nennen kann! Pia schrieb doch, wir sollten jeden Gedanken an ihn aufgeben, er sei für Kränzchen bestimmt!" „So wie ich Cousine Fränzchen kennen lernte, ist sie energisch und eigenwillig genug, um sich ihre Zukunft selber zu gestalten!" Ein lebhafter Blick aus den Augen der Mutter flammte zu dem Sprecher auf. „Macht es Dir auch so den Eindruck?" flüsterte sie hastig. Gert wiegte nachdenklich den Kopf, ein siegesgewiffes Lächeln spielte um seine frischen Lippen. „Fränzchen macht zum Mindesten nicht den Eindruck, als ob sie sterblich in Wulff-Dietrich verliebt sei!" „Nicht wahr! ? das findest Du auch? je nun, Gert, wir können ja offen darüber reden! ich finde, das allerliebste kleine Ding ist geradezu vernarrt in Dich!" „Allerliebste kleine Ding?" Die Baronin rückte eifrig näher: „Findest Du das etwa nicht? mein Gott, sie sieht ja dem Vater leider sprechend ähnlich, aber die Augen hat sie von Johanna, — was für Prachtaugen! und dann mußt Du bedenken, sie ist erst sechzehn Jahre alt, — die unvortheilhafteste Werdezeit für ein junges Mädchen! Da ist Alles noch eckig, ungraziös, derb! aber warte noch ein oder zwei Jahre, dann sollst Du sehen, wie sie sich entwickeln wird! Ich wette darauf, sie wird eine fabelhaft aparte Erscheinung! Oh, und dieses herzige, naive, lustige, amüsante Wesen! ich könnte mich oft todtlachen über ihre drastische Art und Weise, über ihren schlagfertigen Humor! — Sie wird mit dieser Göttergabe alle Herzen erobern! Nun . . . und . . . last not least — — welch ein Vermögen! ihre Großmutter hinterließ ihr die wundervollen Güter Seesenwalde und Sonnenhof, — absolut schuldenfrei, — ihre Großtante brachte auch ein tüchtig Capital ins Haus, nun, und dann Willibalds Privatvermögen — welches ja in den langen Jahren seiner „Majoratsherrschaft" lawinenartig angewachsen sein muß! Bedenke, daß er die zwanzig Jahre vor seiner Verheirathung doch alle Revenüen Zins auf Zins zurückgelegt hat! und bei Johannas Anspruchslosigkeit und ihrem practischen Sinn haben sie auch während der Ehe sicherlich kaum ein Drittel ihrer riesigen Einkünfte verbraucht! Da rechne einmal nach, was für ein gewichtiges Goldfischchen dieses einzige Kind ist!" „Hm ... da mag es wohl nach Millionen gehen..." murmelte Gert mit beklommenem Aufathmen: „Solch ein Reichthum ist sehr schön — aber mit weniger Geld kann man auch glücklich sein ... und . . ." er sprang erregt auf und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das lockige Haar: „Weiß der Teufel, was für ein undefinirbares Etwas in Fränzchens Erscheinung liegt! Etwas so unwiderstehlich Komisches — zum Lachen Reizendes! man kann sie beim besten Willen nicht ernst nehmen!" Frau von Nördlingen zwang ihr Gesicht ernst, erstaunt auszusehen. „Ah . . . findest Du? merkwürdig ... das habe ich noch nicht bemerkt! oder meinst Du nur ihren Anzug? ja! — da muß ich Dir recht geben, Johanna zieht das arme Wurm unter aller Kritik schlecht an! Was helfen die echten Spitzen und seidenen Bänder, wenn sie absolut geschmacklos arrangirt sind! Ich habe mich überzeugt, das große Mädel trägt noch gestrickte Unterleibchen! — Wo soll da eine Taille Herkommen? gesund mag es ja sein, das gebe ich zu, und Johanna thut recht, wenn sie ihr einziges Kind ohne jeden körperlichen Zwang frisch und frei aufwachsen läßt, aber diese Gleichgültigkeit gegen jede Toilettenfrage muß doch mit der Zeit ein Ende nehmen! und sie nimmt es auch sicher, wenn das Vöglein flügge wird! Je nun, und trägt Fränzchen auch als Braut noch kein Corsett, so besorgst Du ihr als Frau eine perfecte Pariser Jungfer, und Du wirst alle Wunder erleben! Aus dem häßlichen, jungen Entlein mausert sich ein Schwan mit blendendem Gefieder heraus!" Gert sank resignirt auf die Bank zurück: „Sie ist ja sonst ein liebes, herzensgutes Mädel!" murmelte er mit starrem Blick. Frau von Nördlingen schlang voll flehender Innigkeit beide Arme um ihn. „Gert — mein Herzensjunge, schmiede das Eisen, so lange es heiß ist! welch ein Segen könnte daraus erwachsen, nicht nur für uns Alle, sondern auch für Pia! welch ein Goldregen würde auf uns niederträufeln — ach, und wie unsagbar wohl würde es mir thun, einmal noch frei aufathmen zu können, nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mit Noth und Sorge kämpfte, nachdem ich auf Alles verzichten mußte, was mein Herz sich wünschte! Sieh, Gert, wie köstlich könnte sich Dein Leben gestalten! in Kiel baut ihr Euch ein Palais — Du schaffst Dir eine eigepe Aacht an, mit welcher Du in königlicher Freiheit manövrirst, Du wünschtest es Dir ja so brennend, an den Wettfahrten in Cowes theilzunehmen--" Gert hob mit leuchtenden Augen den Kopf- „Cowes. — — eine eigene Aacht!" flüsterte er wie verklärt. Seine Mutter küßte ihn fdjter. feierlich auf die Stirn. „Du wirst sie haben, wenn Du das Eisen schmiedest, so lange es heiß ist!" Ein Hornsignal erschallte vom Thurm. „Es ist Essenszeit!" fuhr die Baronin fort: „Sieh, dort blühen rothe Rosen am Stock, lege sie Fränzchen auf den Teller!" (Fortsetzung folgt.) Ein Weihnachtsabend. Von Meta Behringer. „Mutterle, gelt, Du machst heut' Abend das Küchenfenster auf, daß 's Christkindlein gleich herein kann," sagte ein mattes Sümmchen zu der blassen Frau, die nähend am Fenster saß. Der gramvolle Ausdruck ihres Gesichtes wurde noch trauriger, als sie seufzend erwiderte: „Gewiß, Fritzchen, ehe ich mit der Arbeit fortgehe, mach' ich es auf." „Nicht wahr," ertönte wieder das Stimmchen aus der Ecke, wo ein Kinderbett stand, „nicht wahr, Mutterle, ich war schon brav und das Christkindlein bringt mir auch was recht Schönes." „Ja, mein Herzchen, Du warst ganz brav- aber Du weißt, wir wohnen im Hinterhaus und bis das Christkindchen zu uns kommt, hat es schon die meisten Sachen vorn abgegeben." Ach, die Bescheerung würde ja nur gar so mager ausfallen und da war's besser, daß Fritzchen sich keine vergeblichen Hoffnungen machte. Aber als das Kind mit weinerlicher Stimme anhob: „Ich hab' doch alle Tage zum lieben Christkindlein gebetet und ich hab's ihm doch immer gesagt, was ich so gern hätte," da fragte die Mutter: „Nun, Fritzchen, was hättest Du denn gar so gern?" „Ein Bilderbuch, Mutterle, ein recht schönes Bilderbuch mit vielen Thieren und dann ein Heft, in das ich sie ab- zeichnen kann." Die Frau seufzte. „Fehlt Dir was, Mutterle?" frug Fritzchen und Thränen zitterten in dem schwachen Stimmchen. „Nein, mein Herzchen," erwiderte rasch die Frau, indem sie zu dem kleinen Knaben trat und sich zu einem heiteren Lächeln zwang. „Das Kind darf nicht weinen, sonst kann es sehr schlimm werden," hatte der Arzt gesagt. Fritzchen sah forschend in das Gesicht der Mutter- er las es ihr ja an den Augen ab, wenn sie traurig war, und dann flössen seine Thränen unaufhaltsam. Die Frau legte eine Hand auf die fieberheiße Stirn, die andere auf das Herz des Kindes. In der kleinen Brust hämmerte es in raschen Schlägen. Fritzchen streichelte zärtlich die Hand der Mutter. Sie beugte sich nieder und küßte das schmale Gesichtchen. Ihr Herz war zum Zerspringen voll- sie hätte hinausschreien können vor Weh. „Liebes, liebes Mutterle!" sagte der Knabe. „O, werde mir nur wieder gesund, dann ist Alles gut," stöhnte sie und Fritzchen tröstete das Mütterlein und versprach es ihr fest, .er werde bald gesund. „Weißt Du," sagte er, „der liebe Vater ist ja jetzt im Himmel und da bittet er schon das Chrtstkindlein, daß es mich bald gesund werden läßt." „Gebe es Gott," seufzte die Frau, indem sie mit fiebernder Hast ihre Arbeit wieder aufnahm. Es war ein blaues Sammetkletd, das diesen Abend auf dem Weihnachtstisch eines jungen Mädchens liegen sollte. Mit dem Arbeitslohn konnte die Sehnsucht des kleinen Herzens, das so wild in der kranken Brust schlug, gestillt werden und — o, vielleicht brachte die Freude Rettung vor dem drohenden Tode. Ruhig lag das Kind - die Mutter glaubte, es wäre eingeschlafen. Da auf einmal hörte sie sein leises Stimmchen das Lied hersagen, das Fritzchen vor einem Jahr zu Weihnachten gelernt hatte: In der Krippe lag das Kindlern, Lag bei Ochs und Eselein, Und von seinem Angesicht Strahlte aus ein helles Licht. O, leucht' mit Deinem Gnadenschein In uns're Nacht, lieb's Jesulein! In alle Herzen leucht' hinein, Daß sie erwärm' die Liebe Dein. Vor ihrer Gluth die Noth verschwind' — Das gieß, o liebes Jesukind. „Und gieb mir auch ein schönes Bilderbuch," setzte Fritz, chen noch hinzu. „O, leucht' mit Deinem Gnadenschein In uns're Nacht, lieb's Jesulein* wiederholte leise und inbrünstig die Frau, und Thränen rannen ihr über die schmalen Wangen. Sie gedachte der letzten Weihnachten, wo noch der liebe Vater bei ihnen war, wo das Kind, noch frisch und rosig, jubelnd unter dem Weihnachtsbaume stand. Der letzte Stich war gemacht. Die Frau legte das Kleid sorgfältig in eine große Schachtel, und indem sie zu dem Bette trat, sagte sie: „Ich muß Dich'jetzt allein lassen- aber mein Fritzcheü fürchtet sich ja nicht- gelt nein." „Ich bin ja immer allein, wenn Du fortgehst- weißt Du, ich bet' immer zum lieben Christkindlein und da fürcht' ich mich gar nicht. Aber komm' heut' nur bald heim, damit Du da bist, wenn's Christkindlein kommt," sagte Fritzchen und legte die Aermchen um den Hals der Mutter, die sich zu ihm herabbeugte. „Ich bringe Dir auch ein gutes Säftlein mit und etwas Fleisch, damit Du morgen ein kräftiges Süpplein bekommst, mein Herzchen." Ein Blick unendlicher Liebe begleitete diese Worte, mit denen die Frau das Zimmer verließ. Schon dunkelte es. In den Fenstern des Vorderhauses wurde es allmälig hell. Mehr und mehr erglühte die Mondsichel am Firmament. Ihr Licht füllte das Stübchen mit einem solchen Glanze, daß Fritzchen me-.nte, das Chrtstkindlein würde nun gleich kommen. Ganz ruMg tag er da und lauschte, ob er nicht den Flügelschlag oer ^nglein hörte, die es begleiten. Leise, ganz leise lispelte er: „Und von seinem Angesicht strahlte aus ein helles Licht." Das Licht blendete seine müden Augen- er schloß sie und betete leise immerfort: „In alle Herzen leucht' hinein . . . daß sie . . . daß die Noth . . . Bilderbuch . . . Jesulein . . ." Fritzchen war eingeschlafen. Als die Frau im Hause ankam, wo das Kleid auf dem Weihnachtstische Prangen sollte, rief ihr das Stubenmädchen entgegen: „Aber Frau Möller, wie spät kommen Sie, die gnädige Frau ist schon voll Ungeduld." Sie nahm die Schachtel und trug sie in ein Zimmer, aus dem heller Lichterglanz strömte. Frau Möller wartete. Es wurden noch immer Weihnachtsgaben gebracht, wunderschöne Spielsachen: eine Puppe, die wie ein schlafendes Kind in einem reizenden Kinderwagen lag, eine prachtvolle Küche, ein kleiner Dampfer und noch manches Andere. Frau Möller mußte beim Anblicke all' dieser Pracht daran denken, wie schon ein einfaches Bilderbuch ihr Kind glücklich machen würde. Nun wurde auch noch ein Fahrrad gebracht. Während es in das Weth- nachtszimmer geschafft wurde, blieb die Thür längere Zeit offen stehen, da sah die Frau, wie ein Diamantenschmuck gegen das Licht gehalten wurde. Es war ein wunderbares Funkeln- farbige Blitze schossen hin und her. Ein Seufzer entrang sich der Brust der Frau. Es mochte der Gedanke in ihr aufsteigen: Ein einziger solcher Stein und ich könnte mein armes Kind gesund pflegen. Endlich kam das Stubenmädchen und gab Frau Möller die Schachtel zurück. „Die Rechnung liegt bei dem Kleid, sie ist schon quitnrt," sagte diese bescheiden. Mit einem unwilligen Gemurmel über so viel Plackerei am Weihnachtsabend entfernte sich das Mädchen und brachte gleich darauf die quittirte Rechnung zurück mit dem Bescheid: die gnädige Frau bezahle erst, wenn das Kleid probirt und als völlig paffend befunden sei. Die Frau - 604 - mußte sich vor Schrecken an einer Stuhllehne festhalten. Kaum konnte sie die Worte hervorbringen: „Ich lasse die gnädige Frau inständig bitten, ich habe ein krankes Kind zu Hause . . ." „Ein krankes Kind! O, davon lassen Sie nur ja nichts hören. Die Gnädige nimmt sonst das Kleid gar nicht cm; sie hat eine schreckliche Furcht vor Ansteckung," und damit war das Mädchen in dem Weihnachtszimmer verschwunden. Die arme Frau wankte die Treppe hinab; vor dem Haus mußte sie sich an die Mauer lehnen, und beide Hände vor die Augen gepreßt, stöhnte sie laut auf. Was nun? Wohin sich wenden? Wohl hatte sie von mehreren Damen noch Bezahlung zu fordern; aber die eine hatte gleich bei der Bestellung gesagt, daß sie immer erst nach Neujahr bezahle und die andere würde ihr gewiß die Kundschaft entziehen, wenn sie an Bezahlung mahnte. Sie hatte schon öfter diese Erfahrung machen müssen. Und nun gar heute, am Weihnachtsabend. Nein, sie mußte einen andern Ausweg finden. Sie sann und sann; kein Werthgegenstand mehr in ihrem Besitz, Alles verkauft oder versetzt. Sie hätte gerne ihren Mantel in's Pfandhaus getragen, wenn das so spät möglich gewesen wäre. Es war bitter kalt, aber sie fühlte die Kälte nicht, sie mußte eilen, heim zu kommen und fahren durfte sie nicht; ihre Baarschaft reichte knapp für das Fleisch und das Säftchen, und davon hatte sie schon einen Groschen für die Hinfahrt ausgegeben. Wie lange war sie fort! Eine schreckliche Angst ergriff sie. Vielleicht lag Fritzchen im Fieber und rief nach ihr und Niemand war da, der seine fieberheiße Stirne kühlte und seinen Durst löschte. Und während sie voll Angst dahineilte, strahlten in den Fenstern neben ihr die Lichter an den Weihnachtsbäumen auf, hörte sie jubelnde Kinderstimmen. Der Schmerz, die Verzweiflung krampfte ihr Herz zusammen. „Nur nicht weinen lassen," hatte der Doctor gesagt. Und nun, wenn das Christkind ihm gar nichts bri ^ritzchen weinen und das wird vielleicht sein „SD, gutes, einziges Kind," stöhnte die arme Fn hing sich wie ein Bleigewicht an ihre Füße; als sie in die Nähe ihres Hauses kam, mußte sie einen Augenblick stehen bleiben und Athem holen. Da drang ein klagendes Sümmchen in ihr Ohr, das leise Wimmern eines Thieres. Sie spähte, woher es kam und entdeckte, an ein Kellerfenster gedrückt, ein weißes Kätzchen. Es zitterte vor Kälte. Voll Mitleid nahm die Frau das Thierchen auf den Arm; es sollte nicht verkommen in Hunger und Kälte. Und — da kam es wie eine plötzliche Eingebung über sie: das Thierchen hat das Christkindchen gebracht —. Sie eilte ihrem Hause zu, sie hastete die Treppen hinauf; leise öffnete sie die Vorthüre und lauschte; völlige Ruhe im Zimmer. Rasch gab sie dem Kätzchen etwas Milch und entzündete die Kerzenreste an dem Weihnachtsbäumchen, die noch vom letzten Jahre stammen. Damals sollten sie am NeujahrSabend abgebrannt werden. Da brach das Unglück über die Familie herein: ein Todtkranker lag der Vater darnieder, und nach wenigen Tagen verließ er Frau und Kind für immer. Nun steckten die halb abgebrannten Kerzchen am neuen Bäumchen; die alten Glaskugeln und vergoldeten Msfe hingen daran, aber nicht ein einziges Stückchen Confect. Auf dem Gipfel prangte der alte Weihnachtsengel. Er hatte eine blaue Florbinde mit Goldfranzen um den Leib. Diese nahm die Frau ab und band sie dem weißen Kätzchen um den Hals und das Thierchen auf dem Arm, das strahlende Weihnachtsbäumchen in der Hand, trat sie in das Zimmer. Fritzchen saß im Bette auf und schaute mit großen Augen in das strahlende Licht. Da setzte die Mutter das Kätzchen auf das Bett des Kindes: „Sieh, mein Herzchen, das hat Dir das Christkindlein gebracht," sagte sie. Ueber das blaffe Gesichtchen des Kindes ging ein heller Freudenschimmer. Mit einer Art frommer Scheu betrachtete er das , Thierchen und wagte kaum, es zu berühren; nur ganz schüchtern streichelten seine mageren Händchen über das weiche Pelzchen. Ein lebendiges Thierchen hatte ihm das Christ- kindlein gebracht! Um wie viel schöner war doch dieses als die gemalten, die er sich gewünscht; die arme Mutter, die so viel Angst ausgestanden, war glücklich und dankte Gott, daß er ihr das Thierchen in den Weg geführt. Als sich nun Miezchen dicht an Fritzchens Seite hinkauerte und leise zu schnurren begann, da wurde des Kindes Freude immer größer. „Schau nur Mutterle, wie mein Mietzele daliegt; horch nur, wie es schnurrt", rief er immer wieder aus. O wie gern wollte er das Thierchen haben, das ihm das Christkindlein selbst gebracht. „Alle Thiere sind uns vom lieben Gott gegeben, Fritzchen", sagte die Mutter, „wir müffen alle gern haben." Fritzchen wollte sie auch aste gern haben, aber vor allen doch sein Mietzchen, das ihm gehörte und das er vom lieben Christkindlein erhalten. Als am nächsten Tag der Doctor kam, blieb er erstaunt unter der Thüre stehen. Fritzchen saß aufrecht im Bett und jubelte laut über die lustigen Sprünge eines weißen Kätzchens, das mit einem Knäuel spielend im Zimmer umherrannte. War hier ein Wunder geschehen? Ja, die Freude hatte ein Wunder gewirkt. Als die Frau den Arzt aus dem Zimmer geleitete, erzählte sie ihm wie alles gekommen. Erst jetzt wurde ihm die ganze Noth der armen Familie klar. Er war ein guter Mann, der sich auch in seinem ärztlichen Beruf ein mitleidiges Herz bewahrt, hatte. Sofort sorgte er, daß die nothwendigen Lebensmittel beschafft wurden und er that noch mehr. In einigen Tagen kamen Geschenke aller Art, Spielsachen, Bilderbücher, Kleider für das kranke Fritzchen an; der Doctor hatte die rührende Geschichte von dem Weihnachtsabende des armen Kindes in einigen Familien erzählt, wohin sein Beruf ihn führte. Von da an nahm das Geschick der armen Leute eine glückliche Wendung. Die Kundschaft der Frau mehrte sich so, daß sie bald eine größere Anzahl Gehilfinnen aufnehmen mußte. Fritzchen wurde unter der guten Pflege, die ihm sein Mütterlein nun bieten konnte, bald ganz gesund. Er zeichnete jetzt sein liebes Kätzchen in allen möglichen Stellungen und alle Damen, die zu seiner Mutter kamen, wollten solche Katzenbildchen haben. Aus dem kleinen Künstler werde ein großer werden, wenn er die nöthige Ausbildung erhalte, prophezeiten sie. Zu dieser Ausbildung konnte Fritzchens Mutter jetzt die Mittel bieten und er erfüllte die Erwartungen, die man in ihn gesetzt; er wurde ein Künstler von Gottes Gnaden. Ich habe ein Bild von ihm gesehen, das mich tief ergriff; es stellte ein krankes Kind dar, das in seinem Bett- chen sitzt und mit einem seligen Freudenschimmer auf dem blaffen Gesichtchen nach der Thür blickt, in die eben eine Frau mit einem lichtumfloffenen Weihnachtsbäumchen und einem weißen Kätzchen im Arm eingetreten ist. Ich werde das Bild nie vergessen. Christnacht auf dem Meere! Das Schiss zieht dahin durch Sturm und durch Nacht I An Bord steht der Seemann auf einsamer Wacht! Der Weihnachtsbaum strahlt in der Heimath wohl heut', — Eiskalt ist's auf Wacht! — Doch die Pflicht gebeut! Zu Raaen und Mast blickt der Seemann hinauf, — Sein Christbaum ist's nun, mit Lichtern darauf! Auch die Sterne sind Lichter, die blinken so klar Zwischen wallender Wolken finsterer Schaar. Und die Winde heulen den Weihnachtsgesang, Dazu brausen Wogen den Orgelklang. Und der Seemann betet auf einsamer Wacht: „Gott schütze die Schifffahrt in hefliger Nacht!" August Gotthard. Sebactien: SK. Scheyda. — Druck uab Verlag der Brühl'scheu UmvrrsttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.