jJJ fii W D^WMMWWWiZ Deine Freud' und Deinen Schmerz. Und Nur ur ein Wandern ist das Leben, Und wir wandern auf und ab, Und wir hoffen, sehnen, streben, das Ziel ist nur ein Grab - ein Grab für Dich, o Herz, von Weitem dem Freunde zu, der sein Versteck verlassen hatte und an die Landungsbrücke getreten war. „Das ist fa herrlich! eine richtige Sonntagsfreude." Und dann, als der Nachen landete: „Komm her, Du kannst gleich Ritterdienste üben und den Damen beim Ausstergen behülflich sein. Aber erst gestatten die Damen wohl, daß ich ihnen meinen Freund Forken vorstelle. Cousine Ursel, Fräulein Cläre Brandt." Ursula war die erste, die das Boot verließ, mit einem freundlichen Lächeln legte sie ihre Hand in die rechte Forkens. Ein liebliches Menschenkind, dachte er, und unwillkürlich stet ihm das „Grasmücklein" ein, so leicht und zierlich schwang sie sich an's Ufer. — Jetzt wandte er sich zu der anderen jungen Dame. Aber was war das! Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn, — das waren ja die stahlblauen Augen, die ihm die letzten Wochen im Wachen und im Traum vorge- fchwebt. Welch ein merkwürdiges Zusammentreffen! Auch Cläre hatte ihn wiedererkannt. Fast erschrocken blickte sie zu ihm auf, während ein helles Roth in ihr Gesicht stieg, Dann, als sie neben ihm festen Fuß gefaßt, meinte sie: „Ich glaube, wir kennen uns, wenigstens von Ansehen. Sie fahren ja auch jeden Morgen mit der Pferdebahn Bülowstraße - Potsdamerplatz." Sie hatte noch hinzufügen wollen „aber in letzter Zeit nicht", — doch sie besann sicher brauchte ja nicht zu ahnen, daß sie ihn vermißt hatte und fast einen ganzen Vormittag die Strecke Bülowstraße- Potsdamerplatz hin- und zurückgefahren war, nur, um den hübschen, interessanten Offizier wiederzusehen. „Was macht Ihre Musikmappe, gnädiges Fräulein?" fragte jetzt Carl Forken im Weitergehen mit leichtem Spott in der Stimme. „Hat sie sich von dem schweren Druck wieder erholt?" . Unsicher blickten die blauen Augen zu ihm auf: „Ach, ich weiß wohl, Sie meinen, weil ich so ungeduldig wurde. Aber ich hatte auf der Straße eine Bekannte bemerkt, und da gerade eine Haltestelle kam, wollte ich gerne schnell aus- steigen — und —" m „Und da dachten Sie," fuhr ihr Begleiter ironisch lächelnd fort. „Sie würden Ihre Mappe durch ein kräftiges „Donnerwetter!" schneller bekommen, als durch ein einfaches ^Bitte". War es nicht so?" Doch bevor die Gefragte antworten konnte, erscholl lächelnd des Lieutenants Stimme hinter ihnen: „Also schon wieder ein Donnerwetter! Fräulein Cläre, Fräulein Cläre, sehen Sie sich vor, die rauhe Hülle wird immer stärker! , Aber diesmal nahm das junge Mädchen die Neckerei Im wunderschönen Monat Mai. Erzählung von Sühring-Bardey. (Fortsetzung.) Sehen Sie wohl, nun sitzen wir auf derselben Stelle wie gestern fest und können uns eine halbe Stunde auf dem verwünschten Pfahl herumdrehen. Warum hörten Sw nicht auf, als ich es sagte? Und Du Ursel steuerst auch tote etn Weib von achtzig--" , , Nun konnte Forken nichts weiter verstehen, ein unaufhaltsames Gelächter der beiden Anderen im Boot übertönte Alles Auch über sein Gesicht war ein Lächeln geglttten, aber nur für einen kurzen Augenblick. Er liebte am Weibe so eine derbe, burschikose Ausdruckswetse durchaus nicht. Jetzt hörte er die Stimme seines Freundes: „Eme halbe Stunde also meinen Sie, Fräulein Cläre, müssen w,r uns hier drehen? Wissen Sie was, da können wtr ja so lange Caroussel spielen, ich werde das Geld einsordern, bitte, zehn Pfennige die Tour, meine Herrschaften!' _ Und Forken sah deutlich, wie Fritz seinen Hut der großen, jungen Dame zuerst hinhielt. Aber diese schien gar keine Notiz davon zu nehmen. Erst nach einer ganzen Weile, in der sie sich vergebens bemüht hatte, das Fahrzeug wieder flott zu machen, rief sie in ärgerlichem Ton: „Ihre Witze können Sie sich bis später aufsparen. Sie sollten lieber helfen, daß wir wieder loskommen. Nein, zum Donnerwetter, wir sitzen wahrhaftig wie festgenagelt. O, dieser verflixte Pfahl! „ Der Himmel behüte mich vor so einem Weibe, murmelte jetzt ganz entsetzt Carl Forken. „Die flucht ja ärger als ein Kerl! Na, da dankte ich doch bestens an seiner Stelle und wenn sie noch so schön wäre!" , Da — erscholl plötzlich ein allgemeiner Freudenschrei über das Wasser, und wie eine Möve flog das kleine, weiße Fahrzeug jetzt dem Ufer zu. „Carl! Forken! Du hier?" rief Fritz Malten schon 446 nicht so ruhig hin. Mit zornigem Aufleuchten in ihren ausdrucksvollen Augen stand sie plötzlich vor Fritz Malten, und ihn und seinen Freund abwechselnd ansehend, kam es heftig von ihren Lippen: „Nun ist es aber genug, jetzt lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Redensarten! Wenn Ihnen und Ihrem Freunde meine Ausdrucksweise nicht gefällt, so ist mir das höchst gleichgültig. Ich sehe wirklich nicht ein, warum die Herren das Vorrecht haben sollen, sich durch ein kräftiges, gesundes Donnerwetter das Herz zu erleichtern. Und wer mich um das bischen Fluchen nicht leiden mag, — — nun, der läßt es eben bleiben. Und nun komm Ursel, wir wollen vorausgehen." Damit ergriff sie den Arm der Freundin und kehrte den beiden Herren energisch den Rücken. „Sie haben vergessen mit den Füßen zn trampeln, Fräulein Cläre," rief lachend Fritz Malten der Davoneilenden nach. Als aber sein Ruf unbeachtet blieb, wandte er sich zu seinem Freund mit den Worten: „Ein famoses Mädel, nicht wahr?"-- Der Gefragte zögerte eine Weile mit der Antwort. Mit einem merkwürdig ernsten, fast traurigen Ausdruck in seinen ehrlichen Augen blickte er den beiden Mädchengestalten nach. Erst als sie um die nächste Ecke verschwunden, entgegnete er langsam: „Geschmackssache, ich liebe es nicht, wenn ein Mädchen wie ein Kerl flucht. Schrecklich unweiblich so etwas!" „Na, alter Junge, hab' Dich bloß nicht so" — fast mitleidig klang des Lieutenants Stimme — „ich kann Dir sagen, es giebt unter den sogenannten sanften, echt weiblichen Frauenzimmern schauerliche Ungethüme. Alle guten Geister mögen mich vor der Art schützen. Bei denen liegt oft in einem einzigen Blick mehr Unweiblichkeit, als in all den kräftigen Donnerwettern, die Fräulein Cläre in ihrem ganzen Leben zusammenfluchen wird." Carl Forken war indessen nicht so schnell zu überzeugen: „Na, laß' nur, Fritz, Du weißt ja, über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Uebrigens jetzt kann ich mir erklären, weshalb Dich die Cousine so kalt gelassen." — Diesmal war es der Lieutenant, der gleich eine Antwort fand. Verlegen drehte er seinen Schnurrbart und — schwieg. „Ja, ja, gegen solch eine Walkürengestalt kommt freilich Dein Cousinchen nicht auf," fuhr Forken langsam fort. „Uebrigens, ich war ganz überrascht, so viel Lieblichkeit habe ich noch nie bei einem jungen Mädchen vereint gesehen- ein richtiges Waldröschen, so frisch, so unberührt, so — —" „So! so! so! Na, was nun wohl noch Alles kommt. Bitte, höre blos auf!" unterbrach ihn jetzt in ärgerlichem Ton Fritz Malten. „Potz Blitz! wer sagt Dir denn, daß ich die Cläre liebe? Blos, weil sie groß ist und den nöthigen Umfang hat und ich einmal gesagt habe, daß so etwas nach meinem Geschmack sei? Na, da irrest Du Dich aber gewaltig, das fällt mir gar nicht ein!" Und plötzlich, beide Hände des Freundes ergreifend, fuhr er leidenschaftlich fort: „Ich habe die Ursel ja so unsagbar lieb! So lieb, o, so lieb! Aber glaubst Du mir wohl, erst in diesem Augenblick, wo Du mir, so zu sagen, die Liebe zu einer Anderen in die Schuhe schieben willst, erst jetzt werde ich mir über meine Gefühle zu Cousine Ursel klar." „Nun, dann ist ja Alles gut, alter Junge! Dann heirathe sie doch." Merkwürdig, Forkens Stimme klang plötzlich um Vieles heiterer, ja man möchte sagen, glücklicher. Und fröhlich auflachend, fügte er noch hinzu: „Aber schnell! wer weiß, sonst nehme ich sie Dir am Ende noch fort." Doch der Lieutenant ging nicht ein auf den Scherz. Schweigend schaute er eine Weile vor sich nieder. Dann hob er mit einem Ruck den Kopf, und dem Freund gerade in die Augen sehend, entgegnete er tief ernst: „Nein, Carl, ich kann sie nicht heirathen! Wenn ich sie weniger lieb hätte, dann — ja, dann könnte sie meinetwegen die Ehre haben, meine Schulden zu bezahlen — Deine eigenen Worte — und dafür meine Frau werden. Aber so, nie und nimmer! Es ist mir ein schrecklicher Gedanke, daß sie glauben könne, ich habe sie des Geldes wegen genommen. Ich könnte ihr ja niemals wieder in die Augen sehen, in die süßen, süßen Augen! Ach, Mensch, Du ahnst ja nicht, was sie für süße Augen hat!" Lächelnd sah Carl Forken auf den Freund: „Na, na, erzähle mir nur nicht zuviel davon. Ich könnte sonst auch Lust bekommen, zu tief hineinzuschauen. Aber, nicht heirathen können, das ist ja der reine Unsinn, — ja, ja, der reine Unsinn, sage ich! Weißt Du, ich werde Fräulein Ursula ganz genau beobachten, und komme ich zu der festen Ueber- zeugung, daß sie Deine Gefühle erwidert, dann marsch, vorwärts, ohne Gnade und Barmherzigkeit! Und nun marsch, vorwärts, den Damen nach!" Die beiden jungen Mädchen waren währenddessen Arm in Arm dem Hause zugewandert. Anfangs schweigend, aber dann hatte Cläre noch einmal ihrem Zorn durch die Worte Luft gemacht: „Ist dieser Forken aber ein unausstehlicher Mensch! Ob er damals dachte, ich solle mich noch schönstens bedanken, daß er sich so ohne Weiteres auf meine Mappe gesetzt? Und er merkte nicht einmal wie ick an derselben zog und zerrte. Na, da war doch wohl ein Donnerwetter sehr am Platze." Lächelnd blickte Ursula in die blitzenden Augen der Freundin. Sie hatte es gar zu gerne, wenn ihre Cläre so ins Feuer gcrieth. Aber heute konnte sie sich doch nicht so recht darüber freuen, ihr lag etwas Anderes auf dem Herzen: „Du, sag mal Cläre," begann sie ein wenig zaghaft, „dieser Forken ist wohl der Herr, von dem Du mir vorigen Sommer so viel erzähltest, nicht wahr?" „Ja, ja!" kam es ein klein wenig ungeduldig von Clärens Lippen, und während ein leichtes Roth langsam in ihr Gesicht stieg, fügte sie schnell hinzu, „aber ich hatte ja noch nie mit ihm gesprochen, ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt." „Nun, ich finde, es ist ein sehr netter Mensch! So ruhig und ernst! Schade nur, daß er den einen Fuß etwas nachzieht." „Meinetwegen könnte er den anderen auch noch nachziehen," war die schnelle Antwort. „Uebrigens finde ich gar nicht, daß er es thut! Aber er ist mir ein unangenehmer Mensch, ich hasse solche Pedanten! Da lobe ich mir Deinen Vetter, der ist ein reizender, lieber Kerl, — ganz nach meinem Geschmack!" Betrübt senkte Ursula das Köpfchen! Ja, ja, im Grunde genommen, konnte sie es Cläre auch nicht verdenken, wenn sie Vetter Fritz lieber mochte, aber — — weiter kam sie nicht mit ihren Gedanken. Ganz, ganz heimlich zerdrückte sie eine verrätherische Thräne im Auge, dann trat sie mit der Freundin ins Haus. Carl Forken wollte noch an demselben Tage wieder fort, aber Herr und Frau Linde, Fritz und auch Ursula baten ihn so herzlich, einige Tage zu bleiben, daß er schließlich einwilligte. „Nur Fritzens wegen," redete er sich ein, „denn wenn ich gleich wieder abreise, wird aus ihm und der Cousine im Leben nichts." — Daß es in Wirklichkeit ganz allein zwei blaue Augen waren, die ihn hielten, gestand er sich nicht zu. In Ursulas kleinem Herzen wuchs an diesem Abend noch einmal der Muth. Vielleicht würden sich Forken und Cläre doch noch wieder für einander interessiren, — und dann merkte am Ende ein Anderer, daß die kleine Cousine auch noch da war. Aber es kam Alles ganz anders. Herr Forken, der gegen Ursula stets die Güte und Freundlichkeit selbst war, nahm, wenn er sich mit Cläre Brandt unterhielt, ein so steifes, förmliches Wesen an und brachte Alles in einem so ironischen, spöttischen Ton vor, daß Ursel oft ordentlich erschrak. Na, und Cläre erst, die nahm so etwas schon lange nicht ruhig hin. Sie gab Forken so ungezogene, ja oft — 447 derbe Antworten, daß Ursel himmelfroh war, wenn sie „die beiden Kampfhähne" wieder auseinander hatte. So verging eine Woche. Morgen wollte Forken abreisen, und in einigen Tagen hatte auch der Urlaub des Lieutenants sein Ende erreicht. Am Kaffeetische war eben davon gesprochen worden. Papa und Mama Linde drückten lebhaft ihr Bedauern aus, daß es nun wieder so still in ihrem Hause sein würde, besonders, wenn auch Cläre nächste Woche auf und davon flöge. „Ja, Ursel, dann mußt Du Dich wieder allein amü- siren," meinte der Hausherr, indem er zärtlich über das Blondhaar seines Töchterleins strich. Ursula nickte nur traurig mit dem Kopf, sie wagte nicht zu sprechen, die Thränen saßen in letzter Zeit immer gar zu lose bei ihr. Am Ende wäre sie ein wenig muthiger geworden, wenn sie den warmen, innigen Blick des Vetters bemerkt hätte, der gerade jetzt auf ihr ruhte- — aber die braunen Augen blieben gesenkt. Fritz Malten war vollkommen mit sich im Unklaren. Was sollte er thun? So abrcisen oder Ursel von seiner Liebe und — von seinen Schulden sprechen? Denn so viel stand bombenfest bei ihm: Das Eine ging nicht ohne das Andere! — Gut war sie ihm wohl ein wenig, das glaubte er schon — Forken meinte es ja sogar ganz bestimmt, — aber es war ihm unmöglich, ihren lieben, klaren Augen gegenüber von seinen Schulden, doch gleichbedeutend mit einem leichtsinnigen Leben, zu sprechen. Nein, nein, das konnte er nicht, mochte kommen, was da wolle! Als der kleine Kreis nach dem Kaffee noch plaudernd beisammen saß, hatte Ursel leise das Zimmer verlassen. Sie mußte allein sein, die Thränen schnürten ihr fast die Kehle zusammen. Und als sie jetzt vor der Hausthür stand, tropfte cs auch wirklich schon heiß aus ihren Augen. — Wenn sie Jemand von denen da drinnen so fand! Nein, nein, nur das nicht! Aber wohin? — Da fiel ihr plötzlich ihr Lieblingsplatz ein, und kurz entschlossen eilte sie durch den Garten, an dessen Ende dte Kastanie ihre Zweige ausbreitete. Wie ein Eichkätzchen so behende erklomm sie von der Bank aus, die unter dem Baum stand, den Sitz oben in dem dichten grünen Laubwerk. O, wie lange hatte sie hier nicht gesessen! Zuletzt an dem Morgen, als der Vetter sich angemeldet. Wie glücklich und vergnügt war sie damals gewesen und nun — o, wäre der Vetter doch nie nach Worklin gekommen, nie, nie! — Herzbrechend aufschluchzend lehnte sie den Kopf gegen den Stamm des Baumes und weinte, — bis ihr schließlich die Thränen versiegten. Aber auch dann verharrte sie noch auf ihrem lauschigen Platz und dachte zum erstenmal in ihrem jungen Leben recht ernstlich — so meinte sie — über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach. Da plötzlich hörte sie, wie sich Schritte aus dem Kiesweg näherten. Der Vetter und sein Freund! — Einen Augenblick erschrak Ursel — wenn sie sich auf die Bank unter den Baum setzten! Aber nein, kurz vor demselben machten sie wieder Kehrt. Gerade beim Umwenden sagte Vetter Fritz: „Ich begreife gar nicht, daß Du immer so kurz und unliebenswürdig gegen Fräulein Cläre bist. Sie ist doch ein so prächtiges, liebes Mädchen! Glaube mir, der Mann, dem die noch einmal ihr Herz schenkt, ist zu beneiden." Der Andere lachte kurz und hart auf, dann meinte er: „Dann will ich Dir wünschen, daß Du der Glückliche wirst, denn wahrhaft vernarrt bist Du ja in das Mädchen." Weiter konnte Ursula nichts mehr verstehen, aber es war auch gerade genug. Ein liebes, prächtiges Mädchen hatte er Cläre genannt. Ach, warum mußte sie auch so ein unbedeutendes, zerbrechliches Wesen sein! Und dieser blonde Zopf! O, wie sie ihn haßte! Warum war er nicht rabenschwarz? Vielleicht würde der Vetter sie dann geliebt haben. Wüthend schleuderte sie die herrliche Flechte nach hinten. Da kamen beide Herren zurück und als sie jetzt bei der Kastanie anlangten, hörte Ursula Herrn Forken sagen: „Wollen wir uns nicht einen Augenblick hier setzen, Fritz? Die Sonne brennt mächtig heute." Eine namenlose Angst ergriff das junge Mädchen. Was sollte sie thun? Sitzen bleiben? Entdeckt würde sie ja nicht werden, — aber wenn die Beiden nun über Dinge sprachen, die für keinen Dritten bestimmt waren? Doch bald vergaß sie alles Andere über dem, was da unten in erregtem Ton verhandelt wurde. „Fritz, ich bitte Dich, das ist ja wahrhaft verrückt von Dir! Du willst ihr nicht von Deiner Liebe sprechen, weil sie Geld hat und Du — Schulden! Kann wohl etwas besser zusammenpassen? Es ist wirklich zum Lachen. Em Lieutenant und solche romantische Idee!" „Ach was, da ist gar nichts zum Lachen! Mir ist wenigstens nicht danach zu Muthe. Und Du würdest auch gerade so denken, wenn Du meine Schulden hättest und das Mädchen so unsagbar liebtest wie ich." „Na, alter Junge, dann will ich Dir noch einen Vorschlag machen, ich leihe Dir vorläufig das Geld, Du bezahlst Deine Schulden, heirathest sie und legst ihr dann eine umfassende Beichte ab." „Nun höre aber, bitte, auf! Weißt Du, der Gedanke ist geradezu gemein! Schweig' blos still! Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe!" „Nun gut, mir auch recht, aber dann erlaubst Du wohl, daß ich mich eutferne. Ich habe keine Lust, Deine Grobheiten noch länger mit anzuhören. Du bist ja unausstehlich hier in Worklin geworden." Ursel hörte, wie sich Schritte entfernten, dann wurde es ganz still unter dem Baum. — Vorsichtig bog sie die Zweige auseinander, — ja richtig, der Vetter saß allein auf der Bank und jetzt eben schlug er mit einem Aufstöhnen beide Hände vor das Gesicht. Da plötzlich wurde ihr kleines, gutes Herz von einem mächtigen Mitleid sür den Vetter ergriffen. Wenn er auch eine Andere liebte, was konnte er dafür? Sie wollte doch versuchen, ihm zu helfen. Und: „Du, Vetter Fritz!" erklang es unendlich weich und zaghaft über dem Haupt des Lieutenants. Wie electrisirt sprang er auf und sah sich um. Aber erst, als Ursel rief: „Hier im Baum!" richtete er seine Blicke nach oben. Leichenblässe bedeckte sein Antlitz, als er jetzt Ursulas Gesichtchen durch das Grün lugen sah, und fast verzweifelt rief er: „Ursel! Du! Um des Himmelswillen, hast Du Alles gehört?" Und als Ursula nur ernsthaft mit dem Kopf nickte, — ganz verzweifelt: „Und dabei bist Du so ruhig? Alles, Alles hast Du gehört? Das ist ja nicht möglich! O sag', daß es nicht wahr ist!" „Doch, Vetter, Alles habe ich gehört. Sei, bitte, nicht böse darüber. Und weißt Du, es ist nicht recht von Dir, daß Du Cläre nicht sagen willst, wie lieb Du sie hast." Muthig schluckte sie die wieder aufsteigenden Thränen hinunter. —- „Sieh' mal, wenn sie Dir wirklich gut ist, dann wird sie gerne, sehr gerne Deine Schulden bezahlen- Du hast sie ja gemacht, bevor Du Cläre kanntest. Und noch Eins, Vetter," — immer stockender und langsamer kam es von ihren Lippen — „ich glaube ganz gewiß, Cläre ist Dir auch gut." Beim Anfang ihrer Rede hatte Fritz ganz verständniß- los zu ihr aufgeschaut, aber dann mit einem Mal war es wie Helles Leuchten aus seinen Augen gebrochen und jetzt, als das junge Mädchen schwieg, rief er fast jubelnd: „Ursel, süße, kleine Ursel! Bitte, bitte, komm' herunter!" „Nein, nein, Vetter, laß nur," klang es ganz ängstlich zurück. Der Vetter machte ja auch mit einem Mal ein gar zu komisches Gesicht! ■— „Ich kann Dir das von hier oben ebenso gut sagen. Vetter Fritz, wenn Du das von Deinen Schulden Cläre durchaus nicht sagen magst, will ich Papa bitten, daß er Dir das Geld giebt, dann — dann — könnt - 448 Ihr Euch —" Aber nun kamen sie doch, die bösen Thränen, und rannen unaufhaltsam über ihr Gesicht. Mit einem Jauchzen streckte Fritz Malten beide Arme nach oben. „Herzens-Ursel! Komm' herunter!" (Schluß folgt.) G-HreinnNtziges. Verwendung von Glückwunschkarten. Diejenigen Karten, welche nach Herstellung der bekannten Wandfächer, auf Palmblättern oder Pappgrund übrig bleiben, benutzt man zur Verzierung einer Tischplatte. Die auf den Karten befindlichen Blumen werden ausgeschnitten und geschmackvoll auf die Platte eines jener gegenwärtig beliebt- n, einfachen T'schchen mit drei gekreuzten Beinen angeordnet. Als Lückenbüßer dienen Ausschnitte aus Tanz- und Tischkarten, zur Roth auch kleine Oblatenbilder. Als Klebmittel benützt man gekochten Mehlkleister mit Tischlerleim vermischt. Die fi'.sch geklebten Bilder beschwere man bis sie angetrocknet find und glatt liegen. Den Rand der Platte umgebe man mit einer geknüpften oder gehäkelten Kante, auch ein gebogener Stoffreifen genügt für diesen Zweck. Die gut getrocknete Platte wird mit sehr dünnem, hellen Leim und zuletzt mehrmals mit hellem Kopallack überstrichen. Auch Teller für Besuchskarten, Wandmappen, Körbchen lassen sich auf diese Weise herstellen. * * * Riechkissen. Hausfrauen, welche ein paar Rosenstöcke ihr eigen nennen, können mit leichter Mühe dufiende Riechkissen herstellen. Man trocknet die Rosenblätter im Schatten, Pulverisirt sie, vermischt sie mit etwas gestoßenem Sandelholz und besprengt sie mit ein wenig Rosenöl. Auf 250 Gramm trockene Blätter rechnet man 130 Gramm Sandelholz und fünf Tropfen Rosenöl, welche für 50 Pfennig käuflich sind. Nach Verlauf einer Viertelstunde füllt man die Mischung in kleine Säckchen, welche man aus farbigen Seidenresten zusammennäht, und bindet sie so recht zusammen. Sehr zier lich nimmt sich ein gestickter Rosenzweig, ein Namenszug oder 'auch nur ein hübsches Bildchen, ein Sträußchen oder dergleichen vorstellend (sog. Liebesmarken) darauf aus. Die fertigen und gefüllten Söckchen umbindet man mit dicker Goldschnur oder Seidenband. * * * Englische Hummersuppe. 10 Personen. Bereitungszeit zwei Stunden. Das Fleisch eines frischgekochten, etwa 3/4 bis 1 Kilo wiegenden Hummers wird aus den Schalen gebrochen und in feine Stücke geschnitten- nun schwitzt man eine Mohrrübe, Zwiebel, Sellerie, zwei Schalotten, ein Stück Cckronenschale, ein Kräuterbündchen, Alles ebenfalls klein geschnitten, in 90 Gramm Butter gut durch, rührt 200 Gramm Reismehl hinzu, fügt die im Mörser zerstoßenen Hummerschalen nebst 3 Litern guter Bouillon aus Liebigs Fleisch- Extract bei und läßt Alles langsam eine Stunde kochen, wobei man durch wiederholtes Umrühren ein Ansetzen der Suppe am Boden des Topfes vermeidet. Durch ein Sieb gegeben, g^cßt man der Brühe ein Glas Weißwein zu, schmeckt sic mit Salz ab, stäubt eine Messerspitze Cayenne-Pfeffer über, thut das Hummerfleisch, auch ehret aus diesem verfertigte Klößchen oder Semmel-Klößchen hinein und giebt die Suppe auf den Tisch. Hurirsrrstisches. (Ausden„FliegendenBlättern".) Bestätigt. Vater: „Radfahren — Kinderspiel! Mein Fritz fährt erst kurze Zeit und schon wie der Blitz!" Nachbar: „Sie scherzen wohl?" Onkel: „Nein, nein — es ist kein schlechter Witz! Sein Fritz fährt wirklich wie der Blitz — im reinsten Zickzack!" — Recht schmeichelhaft. Er (während der Flitterwochen): „Wann hast Du denn zuerst entdeckt, daß Du mich liebtest, mein Herz?" Sie: „Als ich merkte, daß ich mich jedesmal ärgerte, wenn die Anderen Dich einen Schafskopf nannten!" — Entweder — oder. Bergkraxler: „Nur vorwärts, unverzagt! Komm' ich hinaus, so werd' ich bewundert, fall' ich 'runter, so brauch' ich morgen nicht in's Bureau zu gehen!" — Ordnungsliebend. Erste Dame (beim Kaffeeklatsch): „Ich sage Ihnen, die kleine Räthin, das ist eine —" Zweite Dame: „Bitte, über die sprechen wir immer erst bei der zweiten Taffe!" — Ein de sidcle. Dienstbote: „Weshalb haben Sie die Stelle bei Raths nicht angenommen?" „Ich bitte, in dem Hause hätte ich ja mit meinem August keinen Telephon-Anschluß!" — Gütig. Onkel (bei dem der Neffe eben eine größere Anleihe gemacht): „Sag' mal, mein lieber Arthur, wirst Du mir auch Zinsen zahlen?" Neffe: „Gewiß, Onkelcheu, mindestens ein halbes Jahr lang pump' ich Dich nicht wieder an!" * * Gewohnheit. Gauner: „Mit meinem Seitenstechen wird es immer schlimmer — ich werd' nächstens bei dem eiubrechen müssen!" Literarisches Beim Aufschlagen der neuesten Nummer des „Praktischen Rathgebers im Obst- und Gartenbau" ist man überrascht von der Schönheit einer Kunstbeilage, in der zwei unserer besten Tasel- biruen: „Boses Flaschenbirne" und „Gute Louise von Avranches" farbig dargestellt sind. Wie man dem begleitenden Text entnimmt, sind es Birnen, die auch unter weniger guten Verhältnissen noch gedeihen. Gemalt sind die Früchte von dem Leiter der Trowitzsch'schen Kunstanstalt, Kunze, unter dessen Augen auch die Vervielfältigung entstanden. Wir nehmen wiederholt Veranlasfung, Gartenfreunde und Obstfreunde auf die vortrefflich redigirte Wochenschrift aufmerksam zu machen. Die Poesie des Fächers hat die bekannte Damen- und Modenzeitung „Der Bazar" zum Gegenstand eines interessanten und eigenartigen dichterischen Wcttstreites unter ihren Leserinnen gemacht. Besonderen Reiz verleihen diesem Wettbewerb die für die schönsten Gedichte ausgesetzten Preisen höchst elegante und künstlerisch ausgeführte Fächer, die im „Bazar" abgebildet sind und unter denen sich auch ein sehr kostbarer Ballfächer befindet, den der bekannte Berliner Künstler Georg Schöbel auf Seide gemalt hat. Die preisgekrönten Gedichte werden in einer späteren Bazarnummer veröffentlicht. Das Ideal. Von oben her Kam seraphgleich aus lichtem Sternenheer Auf Traumesfittigen wie Himmelsmahnung Und meines sehnsuchtsvollen Herzen Ahnung Ein Alf des Lichts, — mein Sängerideal; Vorn Kampf der Zeit gebräunt und sonst ermattet, Doch jetzt mit Zügen, die kein Weh' beschattet, Seit ihm fein Geist geklärt durch eigne Wahl! Ach, diese Wahl! Wohl brachte sie Entsagung ohne Zahl, Entsagung, — aber nicht des wahrhaft Hohen, Noch Edlen, das, von Thoren nur geflohen, Verehrt wird in des Geistes Vaterland. Entsagung war es nur von ird'scher Wonne, Die aufblüht in der Jugend Maiensonne, Und allzubald wie ein Phantom verschwand! König Oscar II. von Schweden. Ihr eig'nes Gepräge trägt jede Zeit, Nicht ewig ist Nacht, nicht ewig ist Streit, Einst dämm rt der goldene Morgen! Frei wird uns verkündet der Wahrheit Wort, Und frei ist die Forschung, des Geistes Hort, Vor Aberglauben geborgen! König Oscar II. von Schweden. Redaction: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen-