Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) „Ja, ja, ich will bereuen!" schrie der Elende auf. „Ich habe schon gebetet, vorhin, für mich allein, — Du hast es nicht gehört, aber ich habe gebetet. Ich bin nicht so schlecht gewesen, wie Du denkst, und wenn ich bereue, werde ich gerettet, nicht wahr? Komm', hilf mir, sag' mir, wie ich es machen muß, daß ich gerettet werde!" „Nicht um Deiner Rettung willen sollst Du bereuen. Denk' an Deine Zukunft, denk' an Derne Seele!" „Ich frage nicht nach meiner Seele, wenn mein Körper verbrennt! Du scheinst blind zu sein und nicht zu sehen, was geschieht." Er packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, während er ihn mit hervorquellenden Augen anstarrte, aus denen der Wahnsinn sprach. „Ich will Dir's sagen, damit Du's versteht. Hier unter uns ist das Feuer, und wir verbrennen bei lebendigem Leibe, wenn Du uns nicht rettest. Sollen wir denn hier stehen, ohne uns gegen den Tod zu wehren?" „Ich stehe und warte auf ihn. Er ist nur eine Pforte, durch die ich in ein neues Leben eingehe, und ich flehe zu dem ewigen Geist, von dem ein Fünkchen auch in meiner unvergänglichen Seele wohnt, daß ich dies künftige Leben zum Guten nütze für mich und Andere." „Du bist wahnsinnig, — so wahnsinnig, wie die Menschen da unten, die nichts für uns thun!" In seiner Todesangst stürzte er noch einmal zum Fenster und blickte hinaus. Unter ihm war jetzt ein einziger, mächtiger Flammenherd, von dem der Qualm gleich schwefelfarbenen Gewitterwolken empor sich wälzte und mit den helleren Massen von Dampf sich mischte, die durch die Arbeit der Spritzen erzeugt wurden. Gleich wallenden Fahnen wehten in der ruhigen Abendluft an einzelnen Pfosten und Balken die gelb- rolhen Flammen, die höher und höher ihr Zerstörungswerk DormerStag de« 25. RSy. 1897. wJ M iß traue Dem, der viel verspricht: d Er nimmt es leicht und hält es nicht; Doch wer bedächtig beim Versprechen, Ist nicht gewohnt, sein Wort zu brechen. A. Stier. ausdehnten und auch schon das Fachwerk der noch stehenden Langwand benagten. Der Boden des Zimmers war glühend heiß geworden, und aus seinen Fugen stieg in seinen Wölkchen ein erstickender Qualm hervor. Bis zu der Höhe des Fensters schlugen einzelne der mächtigsten Flammen heran, und mit einem Schmerzenslaut fuhr Jaksch zurück, als er die glühende Brüstung berührte. Der Strahl der Spritzen durfte nicht auf den Giebel gerichtet werden, weil die Erschütterung ihn herabstürzen müßte- nur unten durfte man versuchen, zu löschen und so das Leben der dort oben Eingeschlossenen zu fristen. Aber jetzt machte man auch noch einen anderen Versuch, sie zu retten, — der Mann am Fenster bemerkte es mit einem Ruse der Freude, der wie ein Schluchzen klang. Ein paar muthige Leute hatten sich gefunden, die mit Gefahr ihres Lebens versuchen wollten, zu den Bedrohten hinanzn- steigen. Man hatte die längsten Leitern zusammengebunden, und nun wnrden sie aufgerichtet, langsam, schwankend, von den brausenden Flammen so hell beleuchtet, daß ihre Sprossen zu glühen schienen. Ein plötzliches, athemloses Schweigen, wie es die Augenblicke höchster Gefahr zu begleiten pflegt, hatte sich über die Menschenmenge dort unten gebreitet, und inmitten dieses feierlichen Schweigens richteten sich die Leitern allmälig empor, höher uud höher, um sich dann gegen die Feuerstätte zu neigen und einen Augenblick schräg in der Luft zu schweben. Aber es war umsonst gewesen, — sie reichten nicht hinan bis zu diesem mächtigen Giebel! So langsam, wie sie emporstiegen waren, sanken sie wieder zurück, und als er diese letzte Brücke zu Leben und Rettung vor seinen Augen zusammenbrechen sah, da warf Doctor Jaksch sich gegen die glühende Brüstung und brach in ein Wuthgeheul aus, das nichts Menschliches mehr besaß. War es Einbildung, war es Wirklichkeit? Hatte eine Stimme von unten ihm geantwortet, hatte sein Geheul ein Echo geweckt, ein wildes, wahnsinniges Lachen, das aus der schweigenden Menge emporstieg und über Qualm und Gluthen hinweg bis an sein Ohr drang? Er verstummte vor diesem Ton und spähte hinab, und durch einen Riß in dem Schleier aus Rauch und Flammen meinte er aus einem Frauengesicht ein paar schwarze, glühende Augen auf sich gerichtet zu sehen, dieselben Augen, die ihn schon einmal an diesem Abend in seinen Phantasien verfolgt hatten. Der dritte der Schatten, die neben ihm gewesen waren in den vergangenen Stunden beginnender Qual — wie schwach und machtlos erschien sie ihm jetzt in diesem Augenblick höchster Todesnoth! — hatte Gestalt und Leben gewonnen und stand dort unten, sich an seiner Verzweiflung zu weiden, 138 Vor diesen Augen und vor den Gluthen, die immer rascher und gewaltiger empordrangen — der Qualm selbst schien Feuer zu fangen und zu brennen, — stürzte er in das Zimmer zurück. Er vermochte Busenius kaum mehr zu erkennen, so dicht lagerte auch hier eine graublaue Wolke - doch als er seine Gestalt entdeckt hatte, eilte er zu ihm hin, sank neben ihm in die Kniee und umklammerte seine Hand. „Rette mich, rette mich! O mein Gott, ist denn Niemand da, der mir hilft? Ich will ja nur leben, ich will nicht sterben, will diesen gräßlichen, gräßlichen Tod nicht erleiden! Rette mich, rette mich!" Busenius antwortete ihm nicht mehr. In seiner vollen Größe stand er da, gestützt und gehalten durch seinen Glauben, der — mochte er Wahn oder Wahrheit, .oder ein Schatten der Wahrheit sein — ihm Kraft und Muth verlieh, dem Tod ohne Beben inK Auge zu sehen. Wenn eine emporschlagende Flamme auch die Rauchwolke im Zimmer mit rothem Licht erfüllte, dann tauchte sein Gesicht für einen Augenblick aus dem grauen Schleier hervor, und auf seinen Zügen leuchtete ein Ausdruck seligen Friedens und hoffnungsvoller Erwartung. So glich er einem der glaubensstarken Märtyrer, die, aus Schmerz und Flammen hervorlächelnd, hinüberblickten in ein herrliches Land der Verheißung. Noch einmal stammelte Jaksch sein: „Rette mich, rette mich!" noch einmal schrie er auf in seiner wahnsinnigen Angst, aber die Antwort, die ihm wurde, klang in sein Ohr wie der Donner des Gerichts. Ein erneutes, furchtbares Knistern und Krachen ging durch das brennende Gebäude, der Giebel neigte sich, schwankte ein paar Mal hin und her, wie ein Schiff im Sturm, ein Angstgeschrei vieler Menschenstimmen tönte noch einmal von unten herauf, dann war es geschehen! Was noch gestanden hatte von dem Hause der Schatten, das war zusammengestürzt mit seiner menschlichen Last, war niedergesunken in den flammenden Heerd der Vernichtung, und bis zum Himmelsgewölbe schienen die Gluthen im wilden Triumph emporfteigen zu wollen, die diese neue Beute begrüßten. Vierzehntes Capitel. Niedergebrannt und zerstört! In Trümmer gesunken im Verlauf einer einzigen Nacht, — ein Haus, das hoch und stattlich dagestanden hatte Jahrhunderte hindurch, das wechselnde Generationen hatte kommen und gehen sehen mit Glück und Leid, mit Hoffnung und Verzweiflung, mit Aufwärtssteigen und Sinken! An seiner Stelle nichts, als ein schwarzer, qualmender Haufen von Schutt und Asche, ein riesiger Grabhügel über drei verbrannten, menschlichen Leibern. Das Haus der Schatten war nur noch ein Name und eine Erinnerung. Man hatte dem furchtbaren Brande nicht Einhalt zu thun vermocht, und die Feuerwehr hatte ihre ganze Kraft einsetzen müssen, um die Nachbarhäuser zu schützen. Daß eine Explosion die Ursache des Brandes gewesen war, zeigte sich — auch wenn keine Zeugen vorhanden gewesen wären — deutlich an den Zerstörungen rings umher. Die Gebäude standen da, als seien sie von einem mächtigen Feinde beschossen worden: mit zertrümmerten Fensterscheiben, beschädigten Dächern, eingestürzten Schornsteinen. Bald ging auch Neuerts Name, mit Haß und Abscheu genannt, von Mund zu Mund, und Martha Wernickes Erzählung von jener unheimlichen Erscheinung an ihrem Verlobungsabend gewann jetzt erhöhte Bedeutung. Und noch eine zweite Zeugin war vorhanden, die wider Willen seine Thäterschaft bezeugte — seine Mutter. Wo sie sich während des Abends bis zum Ausbruch des Brandes aufgehalten hatte, wußte Niemand zu sagen, in der Vorstellung des Festspiels war sie nicht gesehen worden. Dann hatte man sie Plötzlich inmitten der Menschenmenge erblickt, während sie in wirren und unklaren Worten im Angesichte des Feuers ihre Angst und Verzweiflung hinausschrie in die Nacht. Ihre Reden hatten keinen bestimmten Anhalt gegeben, aber man reimte sich allmälig zusammen, was zusammen gehörte, und erkannte das furchtbare Schicksal dieser Frau. Das gräßliche Schauspiel, dessen Zeugin sie geworden war, das vor ihren Augen die Vergeltung über den Stifter des Unheils gebracht hatte, die ganze Summe des Schrecklichen an diesem vom Feuer durchleuchteten Abend hatten sie fast wahnsinnig gemacht- dann folgte eine kurze Zeit wortloser Apathie, in der ihre Sinne für Alles um sie her verschlossen schienen. Wider Erwarten der Aerzte aber schüttelte sie diese Ermattung des Geistes von sich ab und erstarkte von Neuem zu Gesundheit und Kraft der Seele. Nur eine Wahnvorstellung war ihr geblieben und verließ sie niemals mehr: der Gedanke, daß ihr Sohn noch am Leben sei. Offen und rückhaltlos erkannte sie jetzt Neuert als solchen an und erzählte, wie sie ihn nach seiner Flucht in den unterirdischen Gängen und Gewölben mit Speise und Kleidung versorgt habe. Auf diesen geheimen Wegen müsse er auch der Katastrophe entkommen sein, um eines Tages zu ihr zurückzukehren und ihr das Glück zu bringen für den Abend ihres Lebens. Sie wartete auf ihn geduldig Tag für Tag und widmete ihre Kräfte inzwischen der Pflege von Armen und Kranken, die ihren Namen segnen lernten. Ost ließ sie sich die Krypta unter der Michaeliskirche öffnen und betete dort für ihren Sohn. Als hätte der Himmel ihr Schicksal mildern wollen durch einen schönen, tröstlichen Traum, so beherrschte der Glaube an die dereinstige Wiederkehr des all' seiner Schuld zum Trotz über Alles geliebten Menschen den Rest ihres zertrümmerten Daseins. Der Eindruck der furchtbaren Katastrophe zitterte noch tage- und wochenlang nach in der Stadt. Auch Frau Henninger brach beinahe darunter zusammen, als sie zuerst davon erfuhr. Sie war mit Georg am anderen Ende der Stadt gewesen, als das Feuer begann, und das Gräßlichste war schon vorüber, als sie an der Stätte eintraf, wo ihr Leben sich abgesponnen hatte so manches Jahr hindurch. Aber obwohl sie das Sterben der beiden Männer nicht hatte mit ansehen müssen, gebrauchte sie doch lange Zeit, um die schreckliche Vorstellung zu besiegen, und zu einem ruhigen, friedlichen Schmerz über Busenius' Scheiden zu kommen, in dem sie auch einen verehrten Freund verloren hatte. Georg litt gleich ihr- seine rege Phantasie erneuerte vor seinem Geist immer wieder den erschütternden Vorgang, aber das Gefühl, die Geliebte stärken und trösten zu müssen, verlieh ihm die Kraft, sich rascher wiederzufinden. Und während die Tage kamen und gingen, offenbarte sich auch an den Beiden die rasche, mächtige Heilkraft des Glücks. Frau Henninger hatte sich im Hotel eine Wohnung genommen- ihr materieller Verlust war gering, und sie hätte es leicht ertragen, wäre er größer gewesen. Aber ihr Vermögen lag unversehrt in der Bank, und das Haus, mit seinem Inhalt war gut versichert gewesen. Auch Georgs Manuscript war nicht verloren- er besaß das Original, und eine neue Abschrift war leicht hergestellt. Als der gewaltige Brand endlich wirklich erloschen war, und man mit den Aufräumungsarbeiten beginnen konnte, da fand man in den obersten Schichten der Trümmer die traurigen Reste zweier menschlichen Leiber. Von Neuerts Leichnam war keine Spur zu entdecken- wahrscheinlich hatte die Explosion seinen Körper in Atome zerrissen. Weinend standen Ina und Georg an Busenius' Grabe — ein Ring an seiner verkohlten rechten Hand hatte ihn erkennen lassen — und gedachten der stillen Größe des einsamen Mannes. Auch in die Gruft des anderen riefen sie ein Wort der Vergebung hinunter- schrecklich genug hatte er büßen müssen, was er gesündigt hatte. Und noch einmal trat in diesen Tagen der Tod nahe zu Frau Ina heran. Aus Berlin kam ihr als Antwort auf jenen letzten Brief, den sie in ihrer zerstörten Behausung geschrieben hatte, die Nachricht vom friedlichen, schmerzlosen Sterben ihres Bruders. Aber ihre Botschaft hatte ihn noch lebend erreicht, und ihre freundlichen Worte hattea ihm das Scheiden erleichtert. Sie fühlte, daß ihm das irdische Dasein keine Freude mehr hätte geben können, und so war es ein milder Schmerz, mit dem sie ihn aus der Liste der Lebenden 139 strjch, — den längst schon verlorenen, elend Heimgekehrten, endlich zur Ruhe Gelangten. Aber in Trauerkleideru ging sie in ihre neue Brautzeit hinein. Und doch — es war Sommer, und in ihrem innersten Herzen war sie so glücklich, wie nie zuvor. Gab es denn einen Kummer, der diesem doppelten Sonnenschein von innen und außen widerstand? Nein, es war keine Sünde, fröhlich zu sein und wieder lachen zu lernen! Hatte der Himmel sie an jenem Abend des Schreckens so gnädig bewahrt, sie und den Geliebten, damit sie ihm nun mit Thränen und Seufzern dankten? „Der liebe Gott liebt ein fröhliches Herz," hatte ihre Mutter immer gesagt, und an diesem Spruch hielt sie fest, wenn die Schrecken der letzten Vergangenheit sie bedrängten, während zugleich im Geheimen ihre Seele sie trieb, einem vollen, seligen Glücksgesühl sich hinzugeben und sich von ihm tragen zu lassen, wie von einer sonnigen, ruhigen Fluth. Daß Andere weniger zaghaft waren, am Bau ihres zukünftigen Lebens zu zimmern und aus dem Schlimmen das Gute zu schöpfen, bas wurde ihr bald in derben Zügen vor Augen geführt. Caroline, ihre bisherige Köchin, erschien bei ihr im Zimmer des Hotels, feierlich angethan, ein unentfaltetes, lang zusammengelegtes Taschentuch wie einen Marschallstab in der Hand. Zuerst weinte sie ein wenig, dann begann sie zu reden. „Wenn es mich auch noch in alle Glieder zittert, so kann ich mich doch nich untersagen, Frau Regierungsrath mal wieder zu besuchen. Un was dem Gespenst anlangen thut, so is ja nu allens in Ordnung un is einem Mann von Fleisch und Bein geworden, wozu ich Frau Regierungsrath nur von ganzer Seele gratuliren kann. Un weil es nu doch mal so gekommen is, wollte ich man bloß sagen, daß ich für meine Person auch in Sinne habe, mir zu verändern. Gebildet genug is er mir eigentlich noch nich, was Ferdinand Elster, der Kutscher, is, mit dem ich schon lange versprochen bin, aber wo wir doch nu gesehen haben, wie rasch das kommen kann mit das Auseinander- reißen von die menschlichen Organismen, so will ich mir mit ihm begnügen, wie er nu mal is. Un wenn, ich mich überlege, ob der Himmel un der angeborene Anstandsgefühl von mich verlangen kann, daß ich dem ganzen heiligen Ehestand wegen die richtige deutsche Sprache am Nagel hänge, denn is mich das doch zweifelhaft. Un so will ich ihm nehmen, was Ferdinand Elster, der Kutscher, is, wenn es mit das mir und das mich bei ihn auch noch mangelhaft bestellt is, aber dem Engel auf Erden sucht man ja doch umsonsten, un zuweilen irre ich mir ja auch selber noch mal." Frau Henninger stimmte ihr lachend und freundlich zu; es war ihr ein angenehmes Gefühl, die gute Seele, die ihr so lange treu gedient hatte, versorgt zu wissen. Sie ließ sich erzählen, daß Ferdinand Elster eine gute Stelle als Ausseher in einer Fabrik gefunden habe, die ihm gestatte, eine Frau zu ernähren, — „un dem Ersparten braucht noch nich mal angegriffen zu werden," fügte Caroline hinzu. Auch das bekam sie zu hören, daß ein anderer Liebesbund durch die Katastrophe gesprengt fei; Doctor Jakschs Diener habe sich einer neuen Stelle wegen nach Berlin zurückbegeben, und Johanne sei klug genug, einzusehen, daß ein in Hildesheim geleisteter Treueschwur dem Anstürmen der Berliner Stubenmädchen nicht standhalten werde. „Na, Berlin überhaupt!" sagte Caroline mit einem Schauder. Einen neuen Platz habe auch Johanne schon gefunden, aber sie sei schrecklich nervös, „was man auf deutsch auch unausstehlich schreiben könnte." Bäsmanns hätten ihre Erbschaft erhoben und würden mit der Schwester in deren Heimath ziehen, vorher aber noch Abschied von Frau Regierungsrath nehmen. „Un was dem Schönsten is, die Hochzeit von Fritz Köhler und Martha Wernicke soll mit meine eigene auf einem un demselben Tage sein," schloß Caroline ihren wortreichen Bericht. Eine Einladung zu dem Doppelfest konnte Frau Henninger nicht annehmen, da sie beschlossen hatte, Hildesheim bald zu verlassen, aber sie versprach der beiden Paare am Tage ihres Glückes freundlich zu gedenken, und schied von ihrer treuen Dienerin mit herzlichen Worten. Ihr selbst aber gab der Anblick dieses resoluten Ringens um eine neue Existenz erhöhte Kraft und erhöhte Freudigkeit. Sie hatte mit Georg verabredet, daß sie noch einige Zeit bei einer Verwandten zubringen sollte, um dann in aller Stille den Bund mit ihm zu schließen und ihm zu folgen in eine neue Heimath. Er wünschte, München zum Wohnsitz zu wählen, das er von seiner Studienzeit her kannte und liebte und das er eine menschenfreundliche Stadt zu nennen pflegte. Ina widerstrebte ihm nicht, obgleich ihr München noch fremd war. „Was Dir gefällt, wird auch mir gefallen," sagte sie einfach, „auch freue ich mich auf die bequeme Nähe einer großen Natur." So kam der Tag heran, der ihnen den Abschied von Hildesheim brachte; denn auch Georg wollte gleich reisen und am neuen Wohnsitz Alles für ihre Zukunft bereiten. Der Morgen war mit Besorgungen und Besuchen hingegangen, den Nachmittag hatte sie sich zu friedlichem Scheiden von vertrauten Stätten Vorbehalten. Lange verweilten sie vor der Stelle, wo das Haus der Schatten gestanden hatte, und wo noch häßliche Reste von dem Zerstörungswerk des Feuers erzählten. Langsam gingen sie dann durch die Stadt, Arm in Arm, hie und da von bekannten Gesichtern begrüßt. In der Durchfahrt von der Straße Am Stein znm großen Domhof blieb Ina einen Augenblick stehen; sie gedachte der regenerfüllten Dämmerstunde, in der ihr Bruder hier zu ihr getreten war. Auch von dem Briefe sprachen sie wieder, den Georg damals in dem Zimmer des Todten gefunden hatte, und der nun erklärt war. (Schluß folgt.) Em psychisches Heilmittel für Kranke und Genesende. Von Dr. Otto Gotthilf. (Nachdruck verboten.) Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. (Schiller.) Es ist allgemein bekannt, daß heftige Gemüthsbewegungen oder psychische Erregungen die Ursache von mannigfachen Erkrankungen, ja sogar vom plötzlichen Tode werden können. Louis von Bourbon wurde, als er die Gebeine seines Vaters ausgraben ließ, von einer so mächtigen Furcht ergriffen, daß er starb. Ambroise Pars erzählt, daß Vesal bei der Section einer Frau, deren Herz noch schlug, vor Schreck und Kummer gestorben sei. Furcht und Angst, Sorge und Kummer bringen aber nicht nur augenblicklich Krankheit oder Tod hervor, sondern bewirken auch schleichende, lang andauernde Krankheitszustände. Dr. Kohts hat drei Jahre nach der Belagerung von Straßburg eine große Menge Krankheisfälle aller Art zusammen- aestellt, welche auf die Schrecken der Beschießung, bei der jeden Tag durchschnittlich 6249 Schüsse fielen, zurückzuführen waren. Für die Cholera ist es eine anerkannte Thatsache, daß die Ansteckung um so leichter erfolgt, je größer die Furcht vor der Seuche ist. Auch von der Tuberculose, Lungenentzündung und anderen Jnfeetionskrankheiten ist es erwiesen, daß die Empfänglichkeit dafür durch deprimirende Momente bedeutend erhöht wird. Ebenso ist eine heftige gegenteilige Gemüthser- regung, plötzliche Freude, im Stande, augenblicklich Erkrankung oder Tod zu verursachen. Sophokles starb vor Freude, als er in den Olympischen Spielen sür seine Tragödie mit dem Preise gekrönt wurde; der Lacedämonier Cheilon, als sein Sohn ihm die Nachricht brachte, er hätte einen Preis errungen; Leo X. bei der Nachricht von der Wiedereroberuug von Parma und Piaeenza. Die Nichte von Leibnitz starb vor Freude, als sie unter dem Bett des Philosophen 60000 Dukaten fand. Somit steht ganz fest und ist bei den innigen Beziehungen des Nerven- und Gefäßsystems wohl begreiflich, daß Nerven, Herz und Kreislaufbahn an unserem Leide und an unserer Freude sich lebhaft betheiligen. Daher ist es auch keine leere Phrase, — 140 — wenn man vom Fliegen der Pulse, vom Höherschlagen des Herzens bei freudigen und erhebenden Anlässen, und vom Stocken des Herzschlages bei Schreck und Angst spricht. Ja es liegt ein gut Kern Wahrheit darin, wenn der Dichter seine Personen im Uebermaße des Schmerzes zusammenstürzen läßt — am gebrochenen Herzen! Bei der häuslichen Krankenpflege muß man diese That- sachen wohl beachten. Kranken, so wie überhaupt Kränklichen und in der Genesung Begriffenen dürfen aufregende Nachrichten, seien sie freudiger oder trauriger Natur, nie plötzlich oder auf einmal mitgetheilt werden. Kann man die Mittheilung durchaus nicht bis nach der völligen Genesung aufschieben, so müssen die Patienten in geschickter Weise erst allmählich darauf vorbereitet werden. Aber in geringem Maße angewandt vermögen öftere freudige Gemüthsbewegungen sogar einen heilsamen Einfluß auszuüben. Man kann sich diese Wirkung ähnlich vorstellen wie bei der Electricität: in voller Stärke bringt sie Krankheit und Tod, in schwächerem Maße, wohlberechnet und wiederholt angewendet, wirkt sie höchst heilsam. Wie häusiger Gram und Kummer die Widerstandskraft des Körpers allmählich schwächt, so vermag öftere Freude die Nerven wohlthuend anzuregen und den gesammten Organismus zu kräftigen. Die Freude ist also ein nicht zu unterschätzender Heilfactor, welcher bei der häuslichen Krankenpflege noch viel mehr zur Anwendung gelangen sollte. Denn Krankenpflege besteht eben nicht nur in Darreichung von Arzneien und Verabfolgung von Umschlägen oder Clystieren. „Es gibt auch Annehmlichkeiten für den Kranken", sagt schon der alte Hippokrates, und diese Annehmlichkeiten bestehen hauptsächlich darin, dem Patienten durch heitere Gespräche, leichte fröhliche Lectüre und zarte Aufmerksamkeit recht oft Freude zu bereiten. Freude ist nach Schillers Worten ein schöner Götterfunken, der auch in der trüben Seelenstimmung des Kranken wieder einen lichteren, helleren Schein hervorzurufen vermag. Die Angehörigen und Besuchenden mögen beim Erzählen der Tagesereignisse nicht ärgerliche Klatschereien und böswillige oder ruchlose Thaten berichten, sondern mögen fröhliche Ereignisse und freudige Vorkommnisse in leichtem Tone zum Besten geben. Eine sonnige Stimmung verbreitet Sonnenschein rings um sich her. Wer einen Patienten besucht, sollte eine Art lachender Philosoph sein. Ist doch allgemein bekannt, daß jede wahre Aeußerung der Gemüthsstimmung, z. B. herzliches Lachen, ansteckend wirkt. In der jetzigen Jahreszeit, wo die Frühlingsblümlein schon mit ihren bunten Köpfchen ein wenig aus der Erde Schooß hervorzulugen beginnen, wo draußen und drinnen schon ein wohliges Frühlingsahnen sich einstellt, wird ein Sträußchen duftender Veilchen oder lieblicher Schneeglöckchen gewiß stets erfreuen. Wer das Glück hat, auf dem Lande oder in der Nähe desselben zu wohnen, möge auch gewöhnlichere Blumen zu einem Natursträußchen pflücken. Tritt er dann frisch vom Spaziergang mir gesunden, luft-gerötheten Wangen zum Kranken, so ist es gleichsam, als ob etwas Frühlingsduft und Sonnenschein mit ihm ins Krankenzimmer einzöge. Alle diese zarten Aufmerksamkeiten und freundlichen Rücksichtnahmen wirken auf den Patienten wie ein Zauber, wie eine Art von Suggestion - sie bilden einen schätzenswerthen Hebel zur Besserung und Heilung und verleihen dem Patienten wieder wahre Gesundheitsfreudigkeit ! -------------- Humoristisches* Aufmunterung. Oberst (zu einem ledigen Rittmeister): „Herr Kamerad sollten auch heirathen! . . Soldat muß auch im Frieden Courage haben!" * * Abonnenten-Freuden. „Warum streitet Ihr denn so? . . . Was ist denn los?" —Familienvater: „Ach, heute trifft uns wieder das Theater, und Keines will hineingehen!" Bedenklich. Mutter (zur Tochter an der Wirths- Tafel): „Du, der Herr Dir gegenüber ist ein Professor der Chemie, den solltest Du heirathen, da kannst Du kochen was Du willst, er kriegt doch heraus, was es sein soll!" * * * Magyarische Galanterie. Gräfin Humadh (zum Baron Oerczeniy, dessen Gut sie besichtigt): „Sie haben ja einen ganz brillanten Schlag von Schweinen gezüchtet!" — Baron Oerczenyi: „O, bitte gnädigste Comtesse, Schwaindel sind allerdings sehr schön — aber gnädigste Comtesse sind doch noch tausendmal schöner!"* * Widerspruch. A.: „Ich höre, Du hast Deinen Gehilfen fortgejazt?" — B.: »Jawohl! Siehst Du, erstens war der Kerl zu gar nichts zu brauchen, und zweitens war er zu Allem fähig!" * Vergaloppirt. Lieutenant: „Gnädige Frau und Fräulein Schwester können ja famos kutschiren!" — Baronin: „Haben Sie uns gestern im Thiergarten gesehen?" — Lieutenant: „Ja! Füchse flogen nur so dahin wie von Furien gepeitscht!" * * Der Bildungs-Protz. „Herr Würstler, ich kann Ihnen leider über die Fortschritte Ihrer Töchter nichts Erfreuliches mittheilen. Beide haben mir erklärt, sie wollten nicht lernen!" — „So! . . . Deßwegen brauchen Sie die Mädeln aber net zu seckiren!" — „Ja, wofür bezahlen Sie mich denn eigentlich?" „Damit wir auch an' Hauslehrer hab'»!" 1 * ♦ ♦ Die beste Quelle. Frau Hauptmann (zu ihrem Gatten): „Männchen, unsere Auguste hat gekündigt- erkundig doch, bitte, einmal in der Compagnie nach einer guten Köchin!" Die kleinen Pessimisten. In einer Familie wird von Jahr zu Jahr ein Mädchen erwartet. Statt dessen trifft stets ein Junge ein. Eines Tages wird den männlichen Sprossen endlich eine Schwester angekündigt. Jubelnd ziehen die Jungen ab, kommen aber nach einer Weile heulend wieder und schluchzen: „Ja, Vater, das wird wohl so sein, wie immer! Zuerst läuft sie ja lm Röckchen rum, aber später wirds doch wieder ein Junge!" * * Immer zerstreut. Dienstmädchen (ruft): „Herr Professor! Herr Professor! Der Storch ist gekommen!" — Professor: „Was will er?" * * Nobel. Er: „Zwei Flaschen von dem Himbeersait scheinen verdorben zu sein!" — Sie: „Ach das trifft sich sehr gut- dann habe ich doch etwas für die Gouvernante zu trinken!" * * * Ein Zeit- Fratz. „Fritzchen, hast Du Deine Schulaufgaben gemacht?" — „Ja!" - „Alle?" - „Aber natürlich !" — „Auch recht sorgfältig?" — „Ach, Mama, Du machst mich ja ganz nervös mit dem vielen Fragen!" Glück. Hausfrau (erschreckt): „Anna, was ist Dir — ist ein Unglück geschehen?" — Anna (unter Schluchzen). „Ach, gnädige Frau, ich habe den Deckel vom Kartoffeltop! zerschlagen!" — Hausfrau (gutmüthig): „Das war sehr ungeschickt von Dir - — aber was fangen wir jetzt mit dem Topf ohne Deckel an?" . . .Anna (am folgenden Tage, glückstrahlend): „Gnädige Frau, nun ist der Topf auch caput. * * Drakonisch. Junger Dichter: „. . Und wozu rächen Sie mir? Was soll ich mit meinen neuen Musenknioern anfangen?" 'Kritiker: „Verstoßen Sie sie!" Redaction: 8. Echcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) 'N B-eß-N. T Als „Nun m Abschied „Ko schritt sie begannen, hinein. । der ihm eine Thü anlehnte, „Ick sagte Geo Solch' ei um jede an der u eines Or Wäk und wäre gelangt, Seiten d, den Plai störenden feierliche weltabges sprachen. „Es einem de