rmmeksta- btt 25. Kßtttt. 1897. EH® am iMi||U us der Noth führt nur ein Weg: die That! Wer Zeit noch zum Verzweifeln hat, Dem ging, und mag auch laut er klagen, Die eiserne Noth noch nicht an den Kragen. Max v. Krone. Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Ein gewaltsam hervorbrechender Husten unterbrach ihn, der an der Wölbung über ihnen ein hohles Echo weckte und mit herberem Nachdruck, als Worte es vermocht hätten, tue Wahrheit seiner Rede bestätigte. Frau Ina faltete die Hände in hilfloser Angst, solange der Anfall dauerte, dann legte sie den einen Arm um die Schultern des Bruders, dessen Körper unter dem wilden Ansturm des Leidens erzitterte. Als der Husten schwieg, sagte der Kranke, laut und mühevoll athmend: „Ich muß mit Dir sprechen, aber wo uns Niemand hören kann. Ich habe mein Wort gegeben, nremals hierher zu kommen, und Keiner darf uns sehen. Wohin können wir gehen?" „Ist Dir meine Wohnung nicht recht?" „Nein, nein, dorthin nicht! Nur dorthin nicht!" Sie sah erstaunt zu ihm hin, aber sie fragte nicht weiter. Dann sagte sie: „Komm', ich weiß einen stillen Platz, es ist nicht weit von hier." Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, und sie trat unter der Wölbung hervor, um nun an der Häuserreihe des Seminars, die der nördlichen Langseite des Domes gegenübersteht, in mäßiger Eile dahinzugehen. Ihr Bruder folgte, dicht an die Mauer gedrückt, und sah nicht empor zu den Gebäuden, die ernsthaft und abgeschlossen, aber alterthümlich behaglich auf ihn niederblickten. An einem der großen, braunen Thore, von denen mehrere in der langhin sich dehnenden Häuserwand sich finden, machte sie Halt und öffnete eme kleine, eckige Thür in dem mächtigen, bogenförmig geschlossenen Thorweg. Beide traten hinein, und leise schloß Inas Begleiter hinter ihnen die Thür. Sie befanden sich in einer gewölbten Durchfahrt, ähnlich der anderen, in der sie zubor gestanden hatten- aber hier war die eine Seite geschlossen, Wind und Feuchtigkeit drangen nicht so ungestüm herein. Auch war an diesem Platze keine Störung zu befürchten- die Durchfahrt öffnete sich dort, wo keine Thür sich befand, auf einen gartenähnlichen, viereckigen Hof, der rings von Gebäuden in zierlicher, farbig bemalter Holzarchiteetur umgeben war. An einer Seite sprang der Chorschluß einer kleinen, gothischen Capelle aus diesen Fachwerkbauten hervor und gab d'em weltentrückten Orte noch mehr den Character friedevollfeierlicher Abgeschlossenheit. Auf dem Rasenplatz in der Mitte des Hofes aber tranken die frischen Spitzen des Grases begierig den noch immer fallenden Regen, und ein paar mit Krokus bepflanzte Beete brachten Helle, freudige Farben in das junge Grün. Inas Bruder betrachtete schweigend einen Augenblick den stillen Platz, während er den braunen, zerknitterten Hut vom Kopfe nahm und die Wassertropfen abspritzte, die sich darauf gesammelt hatten. „Hier waren wir einmal zusammen", sagte er dann. „Als wir Kinder waren, weißt Du es noch? Hier auf dem Rasenplatze haben wir gespielt, mit zwei kleinen, schwarzen Katzen, meine ich. Sieh', dort ist noch eine davon, — man könnte meinen, man wäre wirklich noch ein Kind, und Alles Andere wäre nur geträumt." Er hatte es in bitterem, schmerzlichem Tone gesagt, und seine Schwester fand nicht eine Antwort. Sie folgte mit den Blicken seiner erhobenen Hand und sah wirklich ein schwarzes Kätzchen, das, vor dem Regen geschützt, in ruhiger Betrachtung auf einer hölzernen Balustrade saß. „Aber es ist ja kein Traum," begann der Mann von Neuem. „Es ist Wirklichkeit, und von ihr muß ich sprechen. Ganz heimlich bin ich hergekommen, um Dich noch einmal zu sehen- ich darf Dir nicht einmal sagen, wo ich in der letzten Zeit gewesen bin. Jahrelang habe ich so hingelebt, ohne mich um Dich zu kümmern, ja, ich habe kaum au Dich gedacht — ich sage Dir's ganz offen. Aber jetzt! Es muß wohl sein, daß der Tod die Menschen besser macht, oder wenigstens ihnen den Weg zeigt, den sie immer hätten gehen sollen. Gestern schon bin ich gekommen, aber erst heute gegen Abend habe ich mich herausgewagt. Ein glücklicher Zufall hat mich Dich finden lassen - ich sah Dich von Weitem und bin Dir nachgegangen." Er sprach schnell und erregt, wie Jemand, der viele Worte macht, um nur das Eine nicht zu sagen, das er sagen muß. Dann aber hob er seine zusammengesunkene Gestalt mit einem Ruck empor und fuhr mit größerem Nachdruck, aber zugleich bedachtsam fort, als müsse er von jedem Worte Rechenschaft ablegen, das er jetzt sprach. „Es ist nicht seit 90 — heute, daß mir diese alten Dinge auf der Seele brennen. Seit ich durch meine Krankheit einsam geworden bin — was wollen die Gesunden von den Kranken wissen! — hat es angefangen, mich zu quälen und zu ängstigen. Ich glaube jetzt an eine Vergeltung schon auf Erden, und auch dies gräßliche Hinsterben habe ich mir verdient. Einmal war ich schon so weit, daß ich die Last auf meinem Herzen nicht mehr ertragen konnte, aber ich hatte noch nicht den Muth, mich Dir anzuvertrauen. Ich schrieb damals an Deinen Mann —" „An meinen Mann?" „Es muß nicht sehr lange vor seinem Tode gewesen sein. Hat er Dir niemals etwas davon gesagt?" „Niemals — niemals." Sie sagte es gedankenvoll, mit ihrer Seele in der Vergangenheit suchend. Nach einer kleinen Pause schüttelte sie den Kopf und wiederholte noch einmal dasselbe Wort. „Er mag gefürchtet haben, Dich zu sehr zu betrüben, aber es wäre mir lieber gewesen, wenn er gesprochen hätte. Dann brauchte ich selbst es jetzt nicht zn thun." Er hatte den Hut noch nicht wieder aufgesetzt, als sei ihm zu heiß trotz der kühlen Regenluft- jetzt strich er sich mit der Hand einmal über Stirn und Kopf, ganz hinüber bis zum Nackenwirbel, während er die Augen geschossen hielt. Dann begann er ohne Einleitung und Uebergang zu erzählen. „Es sind jetzt mehr als fünf Jahre, daß ich kein anständiger Mensch mehr bin, — nein, nein, sag' nichts, ich weiß es und kenne mich. Aber man spricht heute so viel von Suggestion, Hypnose und allen diesen Dingen. Wie die Sache heißt, ist mir gleich, doch das habe ich erfahren, daß es Menschen giebt, die eine große, unheimliche Macht über andere ausüben können. Ich habe einen Mann gekannt, — er hat mich so sehr zum Knechte seines Willens gemacht, daß ich zuletzt nicht viel Anderes mehr war, als sein Schatten, der sich bewegte und handelte, wie er es wollte und that. Es ist nicht zur Entschuldigung, daß ich das sage! ich weiß sehr gut, daß ich die Verantwortung und die Strafe für das zu tragen habe, was ich gethan, und ich trage sie ja auch!" Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn- er setzte den Hut wieder auf, drückte ihn tief in die Stirn und schlug den Kragen des Rockes in die Höhe. Die Schwester schlang den Arm fest um die Schultern des Bebenden und zog ihn nahe zu sich heran, als könne sie Wärme und Lebens kraft von sich in ihn hinüberströmen lassen. Eine Frage that sie nicht mit den Lippen, nur mit den Augen. „Damals schrieb ich Dir noch, zuweilen wenigstens - Du weißt also, daß es mir drüben nicht gut ergangen ist von Anfang an. Ich hatte den Hang zum guten Leben und nicht die Mittel dazu. Da gab es Schulden und Verlegenheiten aller Art. Aber zum Verbrecher wäre ich doch wohl nicht geworden —" „Verbrecher?" Sie war ein wenig von ihm hinweg getreten und hatte die Hände abwehrend erhoben. „Es ist das richtige Wort. Ich will und darf nichts mehr beschönigen. Zum Verbrecher also wäre ich wohl kaum geworden, wenn nicht der Mann, von dem ich gesprochen habe, mich dazu gemacht hätte. Er hatte einen abscheulichen Verrath und einen ebenso abscheulichen Betrug begangen, und ich habe ihm dabei geholfen." . verstummte nach diesem Geständniß für einen Augen- vuck, aber auch Ina sprach nicht, und man hörte unter dem dämmerigen Gewölbe nur das rasche, röchelnde Athmen des rmd von draußen her das schwächer werdende Plätschern des Regens. r ■ freunde hat er den Verrath begangen, und seine Schuld ist dadurch noch größer als meine. Sie hatten sich hier m Deutschland kennen gelernt und waren noch zu- sammen auf der Universität gewesen, obwohl sie nicht von gleichem Alter waren. Der Mann, der mich in seine Macht bekam, war der jüngere. Er war arm, und sein energischer, ich muß wohl sagen, tapferer Kampf um eine Existenz impo- nirte dem anderen, der vermögend, wenn auch nicht reidß war- Wie es dem Schurken gelungen ist, das Herz dieses Mannes so ganz zu gewinnen, — ob er in jenen jüngeren Jahren weniger verderbt und noch fähig war, einen Freund sich zu verdienen, ich weiß es nicht. Vielleicht war auch etwas von der Macht, von dem wunderbaren Einfluß im Spiele, den ich später an mir erfahren habe." „Darf ich die Namen der beiden Männer nicht wissen?" „Nein, Ina, von mir wirst Du sie nicht erfahren. Ein gegebenes Wort will ich nicht auch noch brechen, selbst wenn ich es nur einem Lumpen gegeben habe. Hör' mich also an: Der ältere der Beiden faßte den Entschluß, nach Amerika zu gehen. Er war ein merkwürdiger Mensch, ein Art von Diogenes, der Menschen suchte und sie drüben eher zu finden glaubte als hier. Soviel ich weiß, ist er mit der bestimmten Absicht hinübergegangen, nie wieder hierher zurückzukommen und ich glaube auch nicht, daß er es jemals gethan hat. Vor seiner Abreise aber hatte er Anstalt getroffen, um für den Fall seines Todes die Zukunft des ärmeren Freundes zu sichern Sein Vermögen verschrieb er ihm nicht, weil er nicht wußte wieviel davon er drüben in einem unruhigen Wanderleben aufbrauchen würde, wohl aber versicherte er sein Leben zu Gunsten des Freundes mit einer hohen Summe, — es waren fünfmalhunderttausend Mark. Ich kenne die Zahl, denn ich habe einen Theil davon erhalten." „Also ist er gestorben, der Andere, der gütige?" „Wir haben ihn sterben lassen." „Oskar!" ■ Es war wie ein Schrei, und sie wich bis in die äußerste Ecke der Durchfahrt zurück, wo sie sich in den Winkel zwischen Thor und Wand hineinpreßte. „Wir haben ihn nicht ermordet, aber wir haben ihn sterben lassen, — sterben bei lebendigem Leibe." „Das kann ich nicht verstehen." „Ich verstand es auch nicht gleich, als er mir den Plan zuerst auseinandersetzte, aber ich habe es verstehen lernen! In Amerika wurde der Andere krank, so krank, daß er hier in seiner Heimath schon tobt gesagt wurde. Er hatte an seinen Freund geschrieben, gleich zu Anfang der Krankheit, und hatte ausgesprochen, daß er sich dem Tode nahe fühlte. Als dann kein weiterer Brief kam, war der natürliche Gedanke, daß er wirklich gestorben wäre. Im Geist erhob der Zurückgebliebene schon die große Summe, die zu seinen Gunsten war versichert worden, und als nun endlich nach vielen Wochen doch wieder ein Zettel von der Hand des Kranken kam, da hatte er ihn in seinen wachen Träumen schon hundertmal sterben lassen. Damals ist der Plan entstanden, den er mit meiner Hilfe dann ausgeführt hat. Er kam nach drüben und suchte mich auf, da er gehört hatte, daß ich den Kranken behandelte. Wir kannten uns schon von Deutschland her, und er mochte sich des Einflusses bewußt sein, den er immer auf mich ausgeübt hatte." „Kenne ich ihn auch, und ist er hier in der Stadt?" Mit bebenden Lippen, leise und zögernd that sie die Frage. „Von mir wirst Du es niemals erfahren, frag' mich nicht mehr." Seine Stimme war hart und schroff, indem er die Worte sprach- gleich aber verfiel er wieder in den scheuen, gedämpften Ton, in dem er die Geschichte seiner Schuld bis hierher erzählt hatte. „Zuerst forschte er mich aus, es fl>ar nicht schwer, denn ich machte dem Landsmann gegenüber kein Geheimniß aus meiner Lage- so erfuhr er, daß ich mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen hatte, daß die Executoren mir das Haus einliefen. Auch über seinen Freund — er nannte ihn wirklich noch seinen Freund! ~ hörte er von mir Alles, was er wissen wollte. Daß er sehr krank gewesen war, und daß es sehr lange dauern würde, bis er als halbwegs gesund wieder gelten könnte. Schritt für Schritt hat er mich dann weiter in sein Netz gezogen. Ich will nur kurz Dir sagen, was geschehen ist- mir ist die Erinnerung furchtbar, und ich fühle, daß meine Kräfte nicht weit mehr reichen." 91 „Was habt ihr ihm gethan?" Sie trat wieder einen Schritt näher heran, ein edler Zorn flammte in ihren Augen auf, und ihre Stimme klang drohend und dumpf. „Wir haben ihn tobt gesagt, obwohl er noch lebte, die Versicherungssumme ist ausbezahlt worden, und der Mann, der an einer reinen und großen Freundschaft Verrath geübt hat, lebt in Freuden von dem erschlichenen Gelde." „Wie war das möglich?" Unwillkürlich entfuhr ihr die Frage- selbst ihre Entrüstung schwieg für einen Augenblick vor den Zweifeln an die Möglichkeit dieses Verbrechens. „Es war fein ausgedacht, und die Zustände drüben begünstigten die Ausführung. Wir verabredeten Alles bis auf das kleinste, dann fuhr er" — der Ton seiner Worte schon verrieth, von wem er sprach „nach Deutschland zurück, ohne daß der Andere etwas von seiner Anwesenheit in Amerika erfuhr. Nach einiger Zeit schrieb er von Deutschland aus an deu Newyorker Bankier, der das Vermögen des Kranken verwaltete und bis dahin auch die Zahlung der jährlichen Prämien an die Versicherungsgesellschaft besorgt hatte, er selbst wolle jetzt diese Zahlungen übernehmen. Die Versicherung sei zu seinen Gunsten geschehen, er sei durch ansehnlichen Verdienst in der Lage, die Zahlungen von nun ab zu leisten, während sein Freund, wie er gehört habe, leidend und vielleicht gar in pekuniärer Verlegenheit sei. Er bat, dem Kranken Mittheilung von der veränderten Sachlage zu machen, wenn er noch am Leben sein sollte. Auch er selbst würde ihm schreiben, doch wäre ihm die gegenwärtige Adresse nicht genau bekannt. Der Bankier hatte keinen Grund zum Verdacht, er strich die Zahlungen, und so war die Verbindung zwischen Deutschland und Amerika, die zur Entdeckung hätte führen können, abgeschnitten. Die Versicherungs-Gesellschaft war hier in Deutschland, sie hat von diesen Vorgängen niemals etwas erfahren- denn bald nach der letzten Zahlung einer Prämie durch den Newyorker Bankier ist dann geschehen, was wir verabredet hatten." ♦ (Fortsetzung folgt.) Häßlich. Novellette von A. de Sergy. ------- (Nachdruck verboten.) Sie war häßlich zur Welt gekommen und hatte die Mutter bei ihrer Geburt verloren. Ein doppeltes Unglück für das bedauernswerthe Kind. Der Vater, der im Besitze eines hübschen Vermögens war, hatte die Kleine sehr lieb, konnte sich indeß nur wenig um sie kümmern, da ihn seine Thätigkeit zu sehr in Anspruch nahm. So wurde das Kind von der Dienerschaft auferzogen. Es wuchs heran, ohne schön zu werden, ja die Häßlichkeit trat bei ihm immer mehr zu Tage und man sprach ganz offen darüber in des Kindes Gegenwart. Und doch hatte Claire — so hieß die Kleine — schönes Haar, und große, ausdrucksvolle Augen, dabei hatte sie aber dicke Wangen, einen riesigen Kopf, eine gewölbte Stirn und einen großen Mund, der, wenn sie ihn öffnete, fast mit den Ohren in Berührung zu kommen schien. Ihr Teint zeigte eine graue Farbe und nicht die geringste Frische. Als sie ihr sechstes Jahr vollendet hatte, wollte der Vater sie in eine Pension schicken, doch sie bat ihn,^daheim bleiben zu dürfen. „Nun gut", sagte der Vater, „Du sollst nicht in die Pension, aber Du darfst auch nicht mehr weinen - die Thräneu verderben Dir die Augen, die doch das einzig Schöne an Dir sind, mein armes Kind." Von diesem Tage weinte die kleine Claire niemals mehr. Herr Leverrier war ein ausgezeichneter Mensch, aber in Gefühlssachen etwas oberflächlich - stets stark beschäftigt, war er weit davon entfernt, zu vermuthen, daß seine Tochter unglücklich sein könnte. Ihr Wille war auch der seine, deshalb bestand er auch nicht darauf, sie in ein Pensionat zu schicken, sondern hielt ihr eine Erzieherin, die ihm von Freunden besonders empfohlen worden war. Fräulein Juliette Durif war eine auffallende Schönheit und hatte moralisch sowohl wie physisch nicht den geringsten Fehler. In dieser Zeit verlor Herr Leverrier eine Schwester. Sie war Wittwe und hinterließ einen Sohn, den er nach dem Tode seiner Mutter sofort an Kindesstatt annahm. Dadurch schien für die kleine Häßliche eine neue Sonne aufzugehen. Sie war dankbar für die Zärtlichkeit Fräulein Juliettes und glücklich durch die Freundschaft des kleinen Justin. Das währte bis zu jenem Tage, an dem Herr Leverrier Juliette bat, seinen Kindern eine neue Mutter zu werden. Das junge Mädchen zögerte, weil sie arm war, Herr Leverrier jedoch war beredt genug, sie davon zu überzeugen, daß von ihrer Antwort das Glück Claires abhing- so willigte sie denn schließlich ein. Das Kind war noch zu jung, um sich die Folgen dieser Ehe klar zu machen. Eines Tages jedoch hörte sie eine Unterhaltung zwischen den mit dieser Verbindung unzufriedenen Dienstboten mit an. „Eine Mutter will sie sein, das thut sie nur, weil sie ihren Vortheil dabei findet. Wenn sie erst Herrin im Hause ist, dann wird sie es machen, wie alle andern, sie wird den Kindern eine Stiefmutter werden, und das arme Wesen wird es recht schlecht haben." Das kleine Mädchen fragte Justin, was eine Stiefmutter wäre. „Das ist eine böse Mutter," erwiderte dieser, „aber", fügte er hinzu, „sei nur unbesorgt, ich werde dich schon ver- theidigen, wenn sie Dich schlecht behandelt." Dieser Gedanke beruhigte die Kleine. Uebrigens waren ihre Befürchtungen auch durchaus ungerechtfertigt, denn das erste Jahr verging im tiefsten Frieden, und selbst die Geburt eines Kindes veränderte nichts an der Liebe und Zuneigung der Madame Leverrier zu Claire. So faßte diese wieder Vertrauen- man liebte sie trotz ihrer Häßlichkeit. „Das Herz liebt man, nicht das Gesicht", sagte die junge Frau gar häufig zu ihr. „Du bist gar nicht so häßlich, wie Du Dir einredest," erklärte Justin - „es gießt viele Mädchen, die Deine hübschen Augen haben möchten." Er hatte sie wirklich lieb, die verachtete Cousine, denn sie war so gut gegen ihn- sie errieth seine Wünsche und kannte seine Neigungen. Dann kam der Augenblick der Trennung. Es war ein großer Schmerz für Beide. Justin mußte auf's Gymnasium und sie sahen sich fortan nur noch in den Ferien. Claires Schwermuth wurde wieder heftiger und verschlimmerte sich, je mehr ihre kleine Schwester heranwuchs, von der sie gehofft hatte, sie würde auch häßlich werden, die aber ebenso wie ihre Mutter auffallend schön wurde. So lange die Schwester noch ein Kind war, war das Leben für Claire erträglich gewesen, doch je älter die Kleine wurde, desto größer wurde auch die Eifersucht, die das unglückliche Geschöpf nicht mehr zu beherrschen vermochte. Ihre Stiefmutter war ihr stets eine wahre Mutter geblieben, die ihre Qualen errieth und ein mitfühlendes Herz hatte. Eines Tages schlug sie ihr eine Heirath vor, doch Claire lehnte ab und versetzte in trockenem Tone: „Ich werde mich nie verheirathen." „Aber weshalb nicht?" „Ich möchte um meiner selbst willen geliebt und nicht aus Mitleid oder meiner Mitgift wegen genommen werden." * * * Jahre waren inzwischen vergangen. Justin hatte in der von ihm erwählten Lausbahn seinen Weg gemacht. Er hatte sich von jeher für Landwirthschaft interessirt und leitete nun bereits seit drei Jahren in Algier ein bedeutendes Colonisations- Unternehmen. So lange er auf dem Gymnasium war, sah ihn Claire — SS — in den Ferien mit inniger Freude, die erst eine Trübung erfuhr, als er eines Tages zu ihr sagte: „Deine kleine Schwester wird sehr hübsch sein, wenn sie fünfzehn Jahre alt ist." Als Susanne, so hieß die Schwester, zwölf Jahre zählte, sah Claire ihren Vetter nur mit Mißtrauen und Betrübniß wieder, und die Abreise des jungen Mannes nach Algier war ihr, wenn solche sie auch tief bekümmerte, doch gleichzeitig eine Erleichterung. In allen seinen Briefen sprach Justin stets mit größter Zuneigung von ihr, während er die hübsche Susanne als Kind behandelte. * * * Susanne hatte ihr sechzehntes Lebensjahr erreicht, sie blühte in der vollen Frische ihrer Jugend, als Justin eines Tages seine Rückkehr ankündigte. Bei dieser Nachricht sprang das fröhliche Mädchen lustig umher und war hocherfreut, als man ihr mittheilte, man werde zur Feier der Rückkehr des Vetters einen Ball veranstalten. Claire besuchte niemals einen solchen, sie hörte Wohl gern von den Triumphen ihrer Schwester, doch es wäre ihr peinlich gewesen, dieselben mit ansehen zu müssen. Susannes Freude zerriß ihr fast das Herz. Seit Empfang der Nachricht von der Ankunft Justins ging oas arme Mädchen düster und traurig umher, obwohl sie sich alle Mühe gab, ihre Unruhe zu verheimlichen. Der junge Mann kam und zeigte sich, wie er stets gewesen war, liebevoll und zärtlich, dann begrüßte er Madame Leverrier und erklärte ihr, daß Susanne ein reizendes, schönes- junges Mädchen geworden wäre. „O, wenn sie nicht da wäre," sagte sich die arme Häßliche, „so hätte er sich an mich gewöhnt und hätte mich lieben können. Und dort unten in Algier, fern von der Welt, wäre ich glücklich geworden." Am Tage des BalleS weigerte sich Claire trotz aller Bitten, die Ihrigen zu begleiten und sagte: „Ich werde auf Euch warten." Sie lachte krampfhaft auf. „Das Fräulein hat Migräne," bemerkte das Kammermädchen, als man Claire bei der Rückkehr nicht vorfand. Mutter und Schwester gingen darauf leise in ihr Zimmer,- sie schlief, wenigstens glaubten sie es. Aber nein, sie schlief nicht, sie hatte nur die Augen geschlossen, um die Anderen nicht lächeln sehen zu müssen. In einem Fieberanfalle hatte sie sich auf ihr Bett geworfen/ sie glaubte, sie würde nie von einem Manne geliebt werden und bei diesem quälenden Gedanken brach ihr das Herz. Am nächsten Tage sah sie bleich und entstellt aus. Madame Leverrier wurde unruhig,- eine Migräne kann in wenigen Stunden nicht eine solche Veränderung auf einem Gesicht hervorbringen. Trotzdem erschien Claire zum Frühstück, bei welchem der Vater dem Vetter einige geschäftliche Fragen vorlegte. Dann unterhielt man sich über Dieses und Jenes, und der Onkel fragte seinen Neffen unter Anderem auch, ob er auf dem Balle am gestrigen Abend die zukünftige Königin seines algerischen Reiches gefunden hätte. „Warum nicht," versetzte der junge Mann. Bei dieser lachend gegebenen Antwort sah Madame Leverrier ihre Stieftochter erblassen und wurde stutzig. Es unterlag keinem Zweifel, Claire liebte Justin leidenschaftlich. Nach dem Diner unternahmen Frau Leverrier und Justin eine kleine Promenade im Garten, wo Susanne sich ihnen bald anschloß. Als auch Claire dem Boskett zuschritt, in das sie alle Drei hatte treten sehen, vernahm sie, daß die Unterhaltung sehr lebhaft wurde, sie schlich näher heran und versteckte sich, um unbemerkt Alles sehen und hören zu können. Susannes Gesicht drückte eine unendliche Freude aus, und wenige Augenblicke darauf hörte Claire, wie ihre Schwester ausrief: „Das soll aber eine schöne Hochzeit werden, nicht wahr, Mama?" Dann hing sie sich an Justins Arm und fuhr fort: „Nun gieb mir aber auch einen Kuß, lieber Vetter, jetzt ist es ja gestattet." Claire entfloh, sie hätte nicht weiter zuhören jkönnen, ohne sich zu verrarhen. * * * Als man begann, sich über ihre Abwesenheit zu wundern, hörte man, daß die Migräne zugenommen und das junge Mädchen sich zur Ruhe gelegt hatte. Die Unterhaltung am Abend drehte sich ausschließlich um Claire, die sich verzweifelt in ihrem Bette wälzte und in ohnmächtiger Wuth in die Kopfkissen biß. Gegen Mitternacht hörte sie, daß Justin sich verabschiedete, und ihre Eifersucht steigerte sich bei dem Gedanken an diesen glücklichen Familienabend. Nachdem im Hause Alles still geworden war, erhob sie sich und wandte sich der Küche zu. Jn's Zimmer zurückgekehrt, hielt sie in der einen Hand eine kleine Phiole. Nicht mehr häßlich war sie, sie war entsetzlich und eine megärenhaste Wuth verzerrte ihr Antlitz. Ein Ankleidecabinet, dessen Thiiren meistens geöffnet, trennte die Zimmer der beiden Schwestern/ Claire betrat jetzt dieses Cabinet, um zu Susanne hineinzugehen, die mit geöffneten Augen dalag und an ihre Schwester dachte, die, wie ihre Mutter ihr gesagt hatte, Justin von Herzen liebte. Plötzlich bemerkte sie, wie Claire immer näher kam und richtete sich auf. „Bist Du kränker?" fragte Susanne. „Ich werde sterben," versetzte Claire, „doch vorher sollst Du mich anhören." Sie sprach leise, ihre Worte klangen wie ein Stöhnen durch die Stille der Nacht. „Weil Du geboren wurdest, habe ich gelitten," iuhr sie i fort, „weil Du schön bist, bin ich verachtet und vergessen worden. Begreifst Du jetzt, welche Leiden, welche Qualen ich erduldet habe? Deshalb werde ich sterben. Erst dann werde ich Ruhe finden, werde erlöst sein/ doch wenn ich auch tobt bin, so will ich doch nicht, daß Du Justin heirathest." „Bist Du wahnsinnig, Claire!" rief Susanne, „Justin denkt ja gar nicht an mich, er liebt mich nur, wie eine Schwester." „Du lügst, ich habe Alles gehört/ er heirathet Dich, weil Du schön bist.. . . Nun Du sollst ebenso häßlich werden, wie ich, noch häßlicher, und er wird Dich nicht heirathell." Bei diesen Worten richtete Claire die Phiole auf ihre Schwester und spritzte gleichzeitig den Inhalt derselben aus, während Susanne entsetzt, in der Meinung, ihre Schwester habe den Verstand verloren, instinktiv das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus/ glücklicherweise war sie nur wenig getroffen, denn Claires Hand wurde durch eine andere zurückgeschlagen. Madame Leverrier hatte ihre Töchter sprechen hören und war, in der Annahme, das Unwohlsein hätte sich bei Claire verschlimmert, aufgestanden. Sie war gerade noch in dem Augenblick gekommen, da jene den Inhalt der Flasche ihrer Schwester ins Gesicht gießen wollte. „Unglückliche! rief sie entsetzt, „hast Du nicht bemerkt, daß Justin Dich liebte, er ist ja nur gekommen, um bei Deinem Vater um Deine Hand anzuhalten!" Ein Schleier zerriß vor Claires Augen/ also von tgr war die Rede gewesen, von ihrer Heirath mit Justin hatte Susanne gesprochen. „O warum habe ich das nicht gewußt!" rief sie verzweifelt und stürzte zu Boden. Madame Leverrier hatte ste nicht zu halten vermocht/ das unglückliche Mädchen starb eme Stunde später unter entsetzlichen Qualen. Redacüon: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m Tieß«- UääsKSi anch Wi Seine und jetzt l einen groß mir doch n kaum mehr mir Erleick ganze Last mich tierbc Worte erst konnte. 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