10 TfiE «JjiJ W ^^Wchließ' das Äug' und harre still, Was der Herr Dir senden will, Viel gewinnt — wer wenig heischt, Viel gehofft — ist viel getäuscht, Viel gestrebt — ist viel gestritten, Viel geliebt - ist viel gelitten. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Bald lag sie im tiefen Schlafe, doch grausame Träume marterten sie während desselben. Sie vernahm zuerst Sir Gervase Greylocks Stimme, der ihr vom anderen Ufer eines breiten schwarzen Flusses zurief. Dann wandelte sie wiederum, das Kind des Glückes, durch die prächtigen Räume von Greylock Woods und wähnte sich, bräutlich geschmückt, zur Fahrt nach der Kirche bereit. Gleich darauf beugte sie sich über das blasse Gesicht Godfrey Greylocks, der tobt vor dem Altar lag, während das buntfarbige Licht des Chorfensters auf ihn fiel- sie wich entsetzt zurück und floh athemlos über die gefrorenen Salzwiesen nach der „Katzen - Herberge", wo Mercy Pooles vierfüßige Familie purrend und miauend auf sie zulief. Plötzlich verwandelte sich das Katzengeschrei in Miß Smiths Ohren zu einem dumpfen Getöse. Auf dieses Geräusch folgte ein lauter Krach. Die Schläferin erwachte, sprang erschrocken auf und stand, etwas Schreckliches ahnend, einen Augenblick in der kleinen, dunklen Dachstube still. Ach, das Zimmer war nicht dunkel, denn ein rother, höllischer Feuerschein hüllte das eine Fenster ein und zitterte über die vier kahlen, getünchten Wände hin. Das Geräusch, durch das Miß Smith aufgeschreckt worden, war ein Schlag, den eine starke Hand gegen die Thür geführt hatte. Während die Unglückliche, sich am Bettpfosten festhaltend, rathlos dastand und nicht wußte, ob sie träume oder nicht, erfolgte ein neuer Schlag- Schloß und Angeln gaben nach- die Thür fiel krachend in das Zimmer, und darüber hinweg sprang keuchend ein geschwärzter und versengter Mann. 'Mit ihm drang eine furchtbare Rauchwolke in das Zimmer. „Das Haus steht in Flammen!" rief er, indem er seine Arme um Miß Smith schlang. „Ich hörte, Sie wären hier oben. Alle Anderen sind gerettet. Einige Mädchen im unteren Zimmer stießen eine Lampe um, und im Nu stand das Haus in Brand, Gott helfe mir, Ethel!" schrie er verzweislungsvoll auf- „wie kann ich Sie retten?" Sie schauderte zusammen- dann aber riß sie sich von Arthur Kenyon, denn dieser war es, der zu ihrer Rettung herbeigeeilt, los und lief mit dem blinden Jnstinct der Selbsterhaltung nach der in Ranch gehüllten Thür. Er zog sie zurück. „Die Treppe brach hinter mir zusammen," sagte er, „auf diesem Wege zu entkommen, ist unmöglich. Das alte HauS ist trocken wie Zunder — die Wände können nur noch einen Augenblick stehen bleiben. Die Straße ist voll von Menschen- ob sie uns aber zu helfen vermögen oder nicht, ist eine andere Frage." Sein Heldenmuth verfehlte seinen Eindruck auf sie nicht. Das Haus war von innen und außen in Rauch und Flammen gehüllt, und hier, in dieser kleinen Dachstube, stand sie dem Tode gegenüber und blickte mit Verwunderung in Arthur Kenyons geschwärztes, aber furchtloses Gesicht. „Warum setzten Sie Ihr Leben auf diese Art auf's Spiel?" sagte sie. „Ich wäre im Schlaf umgekommen, wenn Sie mich nicht aufgeweckt hätten — das wäre ein schmerzloses, barmherziges Ende gewesen. Retten Sie sich nun, wenn es noch möglich ist! Was mich anbelangt" — der Schrecken war fast völlig von ihr gewichen, und sie sprach ruhig, fast heiter — „so ist es mit mir zu Ende. Ich kann mein Leben jetzt und hier ebensogut beschließen, wie zu irgend einer anderen Zeit oder an irgend einem anderen Orte." Die Flamme unzüngelte schon den Eingang. Schwarze, erstickende Rauchwolken drangen herein. Das Geschrei und die Rufe der Feuerwehr sowie der unten auf der Straße versammelten Zuschauer vermischten sich mit dem Prasseln des Feuers. Kenyon zog das Mädchen nach dem kleinen Fenster der Dachstube hin. „Es ist nur noch ein Augenblick zwischen uns und dem Tode," sagte er rasch. „Warum ich mein Leben daran wagte, Sie zu finden, Ethel? Weil ich Ihnen dies als Sühne schuldig war. Niemand wagte das Hans zu betreten, um nach Ihnen zu sehen — Niemand als ich! Ich freue mich darüber. Ich gelobte mir, Sie zu retten oder mit Ihnen zu sterben. Sie sollten sehen, daß ich Sie mehr als mich selbst liebte — Sie werden mir jetzt die volle Verzeihung gewähren, die Sie mir vor einigen Stunden versagten!" Er ergriff einen Stuhl und zerschmetterte das kleine, schmale Fenster. In demselben Augenblick wurde von außen 890 eine Leiter an die Mauer gelegt- bald darauf erschien der Kops eines Feuerwehrmannes. „Rasch!" rief derselbe. Kenhon hob Miß Smith auf seinen Arm empor und übergab sie den ausgestreckten Händen des Mannes auf der Leiter. Ein unerklärlicher Impuls trieb sie an, einen Blick zurückzuwerfen. Es war das Werk eines Moments. Sie sah Kenhon noch am Fenster, rings von rothen Flammen eingehüllt. Seine Hand hatte das Feustergesims berührt, und daun — dann als der Boden unter seinen Füßen wie eine Eierschale zusammenbrach, da reckte er noch einmal die Hand aus, fiel zurück und verschwand. Ein Flammenmeer wogte mit unwiderstehlicher Gewalt über den Fleck her, an dem er gestanden hatte, leckte mit hundert gierigen Zungen an dem Fenster empor — ein Sturm von Funken wirbelte zum mitternächtlichen Himmel empor, und dann war Alles vorüber. Er war dahin — von Iris Greylocks geschiedenem Garten ward nichts mehr gefunden als eine Handvoll verkohlter Knochen, die unter den Trümmern des Hauses auf- gelescn wurden. Plötzlich stürzte die Mauer und mit ihr die Leiter, sodaß der Feuerwehrmann und Miß Smith zusammen auf die Erde fielen. Letztere wurde besinnungslos aufgehoben und nach einem benachbarten Hause getragen, in welchem ein Theil der obdachlosen Arbeiterinnen ein Unterkommen gefunden hatte. Als das Mädchen wieder zum Bewußtsein kam, dachte sie mit tiefem Bedauern an Kenyons tragische Selbstaufopferung, und zu diesem Bedauern gesellte sich Reue über ihre Strenge gegen den Unglücklichen, dem es so aufrichtig darum zu thun gewesen war, den früher an ihr begangenen Frevel zu sühnen. Allein sie hatte nicht lange Zeit, über das schreckliche Ende des Musiklehrers nachzudenken, denn ihre eigene verzweifelte Lage erfüllte sie mit Grauen vor der Zukunft. Sie war jetzt eme Bettlerin. All ihre geringen Habseligkeiten nebst dem ersparten Gelde waren ein Raub der Flammen geworden. Selbst die Kleider, die sie am Leibe hatte, waren theilweise vom Feuer versengt. Womit sollte sie ihre augenblicklichen dringenden Bedürfnisse bestreiten? In Folge der Verletzungen, die sie erhalten hatte, mußte sie den ganzen folgenden Tage im Hause zubringen - als aber die Nacht hereinbrach, erhob sie sich, borgte sich die nöthigsten Kleidungsstücke und rüstete sich zum Ausgehen. An einer Kette um den Hals trug sie zwei werthvolle Ringe, die letzten Reliquien aus ihrer glücklichen Vergangenheit. Sie hatte dieselben als Geschenk von Godfrey Greylock erhalten. Sie mußte Geld haben, und zwar sofort- so nahm sie denn die Ringe und wanderte hinaus durch die Straßen von Millbridge, um einen Platz zu suchen, wo sie dieselben verkaufen konnte. Es dunkelte bereits, als sie an den geschwärzten Ruinen des Hauses vorbeieilte, in welchem Arthur Kenhon seinen Tod gesunden hatte. Einen Augenblick hielt sie inne, warf einen wehmüthigen Blick auf die Brandstätte, bog dann in eine Nebenstraße ein und trat in einen kleinen, dunklen Laden, in dessen Schaufenster etliche Uhren und eine Anzahl Schmucksachen zur Schau lagen. Ein junger Mann zündete eben die Laterne an, als Miß Smith hereintrat und die beiden Ringe auf den Ladentisch legte. „Ich wünsche diese Ringe zu verkaufen," stammelte sie. Der junge Mann blickte das schöne, blasse Mädchen verwundert an- dann betrachtete er die Ringe mit der prüfenden Miene eines Geschäftsmannes und sagte: „Wie hoch schätzen Sie diese Ringe, Miß?" „Ich weiß selbst nicht, was sie werth sind. Geben Sie mir dafür, was Sie wollen." „Der Besitzer des Ladens ist zum Abendbrod gegangen," versetzte der Clerk. „Kommen Sie lieber etwas später zurück, wenn er hier ist! Ich bin nicht ermächtigt, solche Käufe abznschließen." Sie vernahm diesen Bescheid mit Thränen in den Augen, nahm die Ringe wieder zu sich, um sich damit zu entfernen, als einer derselben ihren Fingern entschlüpfte und über den Boden hinrollte. Als sie sich umwandte, um ihn aufzuheben, wurde sie gewahr, daß Jemand den Laden betreten hatte und nun dicht hinter ihr stand. Es war der Mann, dessen Stimme sie in der Dunkelheit am Flusse vernommen hatte — der Mann, mit dem sie vor dem Altar in der Kirche von Blackport gestanden hatte, um mit ihm für das ganze Leben vereint zu werden — der Mann, den sie dreitausend Meilen über dem Meere gewähnt hatte — Sir Gervase Greylock! Da stand er in dem kleinen Juwelierladen in Millbridge und blickte sie mit den ernsten grauen Augen an, deren Zauber sie so oft empfunden hatte. „So habe ich Dich endlich — endlich gefunden!" Dies waren seine ersten Worte. Dann nahm er ihre Hände in die seinigen, beugte sich über sie und drückte einen Kuß auf ihre bleichen, zitternden Lippen. „Meine Braut!" fuhr er mit fester, ernster Stimme fort. „Du weißt, daß Du nie aufgehört hast, dies zu sein!" „Oh!" stöhnte sie, indem sie sich aus seinen Armen zu befreien suchte, „treibe keinen Spott mit mir! Denke an Hannah Johnsons Enthüllungen! Denke an Alles das, was jetzt zwischen uns steht." Seine Arme schlangen sich inniger um sie, während er lächelnd sagte: „Nichts steht zwischen uns! Zwei Jahre lang habe ich Dich in der ganzen, weiten Welt gesucht. Du entflohest mir an unserem unglückseligen Hochzeitstage- Du wirst mir aber nie wieder entfliehen. Narr! Ich habe Dich jetzt und werde Dich für immer behalten. Die Liebe der Greylocks ist stärker als ihr Stolz. Ich frage nicht danach, ob Du in einer Hütte oder in einem Palaste geboren bist- es genügt mir, zu wissen, daß Du die schönste, die lieblichste, die holdeste der Frauen bist! Weniger als das könntest Du unter keinen Umständen sein — mehr als das würdest Du nicht werden, wenn Du eine geborene Prinzessin wärest. Oh, meine Geliebte, meine Braut! Antworte mir nur auf die Frage: Liebst Du mich noch?" „Ich liebe Dich noch und werde Dich ewig lieben!" schluchzte Nau, indem ein himmlisches Licht aus ihren seelenvollen, thränenumflorten Augen strahlte. „Was brachte Dich aber nach Millbridge?" fragte sie endlich, nachdem sie von vielen, vielen anderen Dingen geredet hatten. „Der reine Zufall," antwortete er. „Colonel Denham, dessen Bekanntschaft ich in einem Club in New-Aork machte, lud mich zu einem Besuche hier ein. Seit drei Tagen war ich sein Gast, und jetzt befand ich mich eben auf dem Wege nach dem Bahnhof, um nach New-Aork zurückzukehren, als ich Dich in den Laden treten sah. Nun aber erkläre mir, wie Du nach diesem kleinen Städtchen, das kaum hundert Meilen von Blackport entfernt ist, kamst, und wie Du die unzähligen Zeitungsaufrufe, in denen Polly und ich Dich beschworen, nach Deiner Heimath und zu Deinen Freunden zurückzukehren, unbeachtet lassen konntest?" „Ich sah dieselben nie," seufzte sie. „Selten bekam ich in dem Kosthause eine Zeitung zu Gesicht und wagte nicht einmal in meinen Träumen daran zu denken, daß irgend Jemand in Greylock Woods meine Rückkehr wünschen könnte. Als ich von Blackport floh, hörte ich zwei Arbeiterinnen, die in dem nämlichen Zug mit mir reisten, über einen Mangel an Arbeitskräften in den Fabriken von Millbridge sprechen. Diese Unterhaltung hat mich hierher geführt." „Und während dieser ganzen Zeit besuchte ich jedes Theater nah und fern, in der Hoffnung, Dich zu finden!" sagte er. „Mein armes Kind, jetzt da Du nichts mehr in Millbridge zu thun hast, wollen wir unverzüglich nach Blackport und zu Polly zurückkehren." 891 wirst das nicht thun, Polly," sagte sie. „Oh, Du edles Mädchen, wie kannst Du erwarten, daß ich ein solches Anerbieten annehme? Nie, nie werde ich einen Dollar von Deinem Vermögen berühren!" „Recht so!" rief Sir Gervase mit Wärme, und dann wandte er sich lachend zu mir. „Du hegtest viele Zweifel in Bezug auf mich, Polly," — Jedermann, auch Tante Pamela, nannte mich noch zuweilen bei meinem alten Namen — „jetzt will ich denselben ein für alle Mal ein Ende machen. Nan kann ihre Heimath nicht in Greylock Woods aufschlagen, denn sie geht mit mir nach England. Unsere Verlobung ist nie rückgängig gemacht worden. In sehr kurzer Zeit wird sie mein Weib sein, und dann muß ich sie Euch entführen, allein nicht ein Cent von dem Greylock'schen Vermögen geht mit ihr. Ihre Schönheit und ihr Seelenadel sind mir hinreichende Mitgift. Ich verlange keine andere — ich nehme keine andere an." Alle meine Einwendungen erwiesen sich nutzlos- er beharrte unerschütterlich auf seinem Entschlüsse. Meine Freude über seine Treue gegen Nan war so groß, daß ich ihm nicht zürnen konnte. Ich legte meine Hand auf seinen Arm, blickte ihm in seine großen, freudestrahlenden Augen und rief unwillkürlich: „Cousin, ich bin stolz auf Dich!" Er drückte seine Lippen auf meine Hand und antwortete lachend: „Erlaube mir, Dir ein gleiches Compliment zu machen, liebe Cousine!" „Ganz gut," nahm Tante Pamela nun das Wort- „Sie können Polly überstimmen, Sir Gervase, aber nicht mich. Ich besitze ein eigenes, unabhängiges Vermögen - Polly wird dasselbe nicht vermissen- sie ist reich genug. Nan soll mein Geld erhalten, und zwar die eine Hälfte an ihrem Hochzeitstage, die andere nach meinem Ableben." Ach! Nan besaß bereits ein besseres Vermögen als Geld und Gut — die unwandelbare Liebe ihres Verlobten! Es war ganz wie in dem Feenmärchen — der Prinz war treu geblieben, und ihm und der lieblichen Bettlermaid konnte die Zukunft nichts als Glück bringen. Gerade einen Monat nach ihrer Rückkehr stand Nan zum zweiten Mal mit Sir Gervase vor dem Altar der alten Kirche von Blackport und wurde Lady Greylock. Nur die Wenigen, deren Liebe sie genoß, waren bei der Trauung zugegen- allein es fehlte nicht an herzlichen Glückwünschen, an aufrichtiger Freude und an reichen Brautgeschenken, denn allen Einwendungen des Baronets zum Trotze ließ ich Lady Greylock nicht ohne Mitgift über das Meer nach ihrer künftigen Heimath in England ziehen. Auf dem Verveck eines Cunard-Dampfcrs sagten Tante Pamela und ich ihr Lebewohl. Reichliche Thränen stossen bei dem Abschied. Wir hatten sie gefunden, nur um sie wieder zu verlieren. „Lebe wohl, Polly!" sagte sie schluchzend, indem sie mich innig umarmte. „Du wirst bald mit Tante Pamela kommen, um uns in Greylock-Hall zu besuchen, wie Du Sir Gervase versprochen hast." Noch lange standen wir auf der Werfte und schwenkten unsere Taschentücher, bis wir den Dampfer aus den Augen verloren. Mit traurigem Herzen kehrten wir dann nach Greylock Woods zurück. „Der nächste Schlag, der mich trifft, wird wohl Deine Hochzeit sein, Polly," seufzte Tante Pamela, als wir am Abend in ihrem Boudoir zusammen saßen. „Wle lange wird es dauern, bis Du mir entführt wirst, wie Nan mir heute entführt wurde?" Ich zuckte die Achseln und erwiderte: „Liebe Tante, ängstige Dich nicht! Ich werde nie heirathen. Wir bleiben beisammen in diesem Hause. Ich hatte nie einen Anbeter — ich werde nie einen haben." (Fortsetzung folgt.) 32. Capitel. Aus Pollys Tagebuch. Nach Ablauf zweier Jahre verließ ich die Schule und kehrte nach Greylock Woods zurück. Wenige Wochen nach meiner Rückkehr kam Nan in einer dunklen Herbstmitternacht mit dem letzten Expreßzug an. Sie war erwartet. Schon einige Stunden vorher hatte Sir Gervase die frohe Kunde von ihrer Entdeckung telegraphirt, und Tante Pamela und ich harrten ungeduldig, um sie mit offenen Armen zu empfangen. „Wie sollen wir sie nennen, Ethel!" fragte Tante Pamela. „Bei ihrem eigenen Namen — Nannctte Harkneß," antwortete ich. „Wie der Baronet sie wohl ausfindig machte? Natürlich konnte er uns das in seinem Telegramm nicht erklären. Tante Pamela, eine innere Stimme sagt mir, daß cr sie noch liebt, daß er nie aufgehört hat, sie zu lieben Hat er nicht zwei lange Jahre darauf verwendet, sie allenthalben zu suchen? Ist er nicht von Amerika nach England und von England nach Amerika zurückgereist, ohne Rast und Ruhe zu finden?" Tante Pamela schüttelte den Kopf. „Mein liebes Kind, Du vergissest den ungeheuren socialen Abstand zwischen den Beiden. Die englischen Baronets verheirathen sich nicht mit den Töchtern von Circustänzern." „Nan hat keine Verwandten mehr, deren sie sich zu schämen brauchte," wandte ich ein. „Sie steht allein in der Welt und besitzt die Erziehung, die Reize und das Benehmen einer Fürstin." Tante Pamela seufzte, sagte aber nichts. Ich hatte eine Equipage nach dem Bahnhof geschickt- dieselbe kam gegen Mitternacht mit Sir Gervase zurück. Keine lieber« raschungen harrten der Letzteren, denn der Baronet hatte sie von Allem, was sich seit ihrer Flucht zugetragen, in Kenntniß gesetzt. Mit großem Ernste führte er sie in den Salon. Wie blaß und abgehärmt sie aussah, und dennoch wie schön! Ich öffnete meine Arme weit, und im nächsten Augenblick lagen die beiden einstmaligen Straßenbettlerinnen aus der Harmony-Alley einander in den Armen. „Willkommen in Greylock Woods!" rief ich schluchzend. „Willkommen in Deiner Heimath, Nan- es ist und wird immer Deine Heimath sein! Alles, was ich hier besitze, ist auch Dein!" „Und vergieb mir, verzeihe mir, mein liebes Kind!" bat die arme Tante Pamela. „Verzeihe mir, daß ich Dich an jenem schrecklichen Morgen in der Kirche von mir stieß! Ich war außer mir von dem Unglück, das über uns Alle hereinbrach. Du weißt nicht, mein Kind, wie bitter ich seither meine herzlose Handlung bereute!" „Liebe Tante Pamela!" erwiderte Nan, durch ihre Thränen lachend- „ich habe Dir nichts zu verzeihen. Du haft nie in Deinem Leben eine herzlose Handlung begangen. Es war ganz natürlich, daß Du Dich an jenem Tage von mir wandtest. Ich wundere mich nur," fügte sie traurig hinzu, „daß Ihr Euch Alle so viele Mühe gabt, mich zu finden und zu Euch zurückzubringen." Ihre großen, prächtigen Augen waren roth umrändert - auch war sie sehr blaß und mager geworden- allein sie war noch immer meine schöne, unvergleichliche Nan. Trotz der späten Stunde harrte ein großes Diner auf meine Gäste, und als die Mahlzeit vorüber war und wir wieder im Salon beisammen saßen — denn in dieser Nacht dachte Niemand an Schlafen — vernahmen Tante Pamela und ich Nans traurige Geschichte. „Du wirst uns nie wieder verlassen," sagte ich endlich. „Sir Gervase kennt meine Pläne - die Hälfte des Vermögens mein Großvaters ist Dein und die andere Hälfte mein. — Wir werden Beide reich sein, Nan." Ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen. „Du 382 - Milchkuren. Von vr. Hans Fröhlich. ------- (Nachdruck verboten.) Die Milch stellt ein ebenso leicht verdauliches als für den Stoffersatz des Körpers ausreichendes Nahrungsmittel dar. Deshalb ist schon seit alter Zeit ein systematischer Genuß der Milch, die Milchkur, als wirksames Heilmittel gegen viele Krankheiten empfohlen worden. Natürlich muß die zu Kuren benutzte Milch gut und unverfälscht, darf nicht von Menschenhänden „getauft" oder verkünstelt sein. Auch ist zu jeder Art von Kur eine durch gute Fütterung mit trockenem Heu und Mehltrank von gesundem Vieh erzeugte Milch nvihwendig. Wenn die Fütterung mit Rüben und allerhaus. in Gährung übergegangenen Küchenabfällen stattfindet, ist die Milch zum kurgemäßen Gebrauch untauglich. Wirklich sichtbaren Erfolg kann man sich von einer Milchkur nur dann versprechen, wenn sie längere Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, ohne Unterbrechung durchgeführt wird. Bei dieser Anwendung bildet sie aber auch ein ausgezeichnetes nährendes Heilmittel für schwächliche Kinder, Genesende, Ausgetrocknete, Schwächlinge, Nervenkranke und durch übermäßige — geistige oder körperliche — Arbeit angestrengte Personen. Dr. Biot rühmt sie auch besonders bei Gelenkrheumatismus. Es muß aber mindestens täglich zweimal ein halbes Liter getrunken werden, ohne die übrige gewohnte Nahrungsmenge deshalb zu verringern. Allmälig kann man auch zu einer größeren Menge steigen. Ist es irgend möglich, so soll die Milch des Morgens und Abends im Kuhstalle getrunken werden, ganz frisch gemolken, denn in diesem Zustande, noch mit dem Schaum des Melkens gemischt, wird sie ungleich besser vertragen und verdaut, als wenn durch längeres Stehenbleiben die Ausscheidung des Rahmes bereits begonnen hat. Der Volksglaube hat also gewissermaßen Recht, wenn er sich von dem Trinken „kuhwarmer" Milch besseren Erfolg verspricht. Jedoch ist es nicht richtig, dieser Beschaffenheit der Milch eine besondere Heilkraft zuzuschreiben. Allerdings hat kuhwarme Milch außer leichterer Verdaulichkeit und besserer Bekömmlichkeit noch einige andere, rein äußerliche Vortheile: Um sie in diesem Zustande zu genießen, muß man sich früh und pünktlich vom Lager erheben und den Weg zum Stalle hin- und zurückgehen, sich also, was bei jeder Milchkur von großer Wichtigkeit ist, Bewegung machen; außerdem kann man sich dabei auch an Ort und Stelle mit eigenen Augen davon überzeugen, daß man den Trunk „ungetauft" in die Hand bekommt. Wer aber kuhwarme Milch nicht verträgt oder sich nicht verschaffen kann, möge nur ruhig abgestandene trinken, welche im Sommer Zimmertemperatur haben soll, im Winter jedoch in heißem Wasser leicht erwägt werden muß. Das Trinken geschehe stets langsam, in kleinen Schlucken, damit die Milch sich nicht im Magen zu großen, äußerst schwer verdaulichen Klumpen zusammenballt. Um dies noch leichter zu verhüten, ist es empfehlenswerth, gleichzeitig etwas Schwarzbrod oder Zwieback zu genießen. Wer sich mit dem „faden" Geschmacke der Milch durchaus nicht befreunden oder sie absolut nicht vertragen kann, muß Beimischungen zusetzen. Am bekömmlichsten wirken meist: doppeltkohlensaures Natron, Kalkwasser oder gebrannte Magnesia. Auch kann zu diesem Zwecke eine Verdünnung mit Zuckerwasser, geschlagenem Eiweiß oder dergleichen stattfinden In England ist der Zusatz von Spirituosen zur Milch üblich, um den Genuß derselben anregender und angenehmer zu gestalten. Dies ist namentlich auch zu empfehlen, wenn man die Milch nicht kurgemäß, sondern auf Fußreisen gelegentlich genießt- ein kleines Gläschen Kornbranntwein, Rum oder Arak auf ein halbes Liter Milch benimmt den faden, für Gaumen und Magen reizlosen Geschmack und giebt ein sehr anregendes, sowie zugleich äußerst nahrhaftes Getränk. Die eingefleischten Kaffeetrinker können den Milchkurtrunk auch mit Kaffee „anbittern", d. h. etwa einen Theelöffel kalten oder warmen selbstbereiteten Kaffee-Extract einem halben Liter Milch zusetzen. Die Frage, ob auch Ziegenmilch zur Kur verwendbar oder gar geeigneter sei, möge man ruhig dem Geschmack zur Beantwortung überlassen. Es giebt nicht wenig Erwachsene, welchen die eigenthümliche — um einen Weinausdruck zu gebrauchen — „Blume" der Ziegenmilch widersteht. Wirklich empfehlenswerth ist sie aber erfahrungsgemäß den zu Darm- catarrhen neigenden Patienten. Manche Personen vertragen nur saure Milch, sogenannte Dickmilch. Diese ist ein im Oriente schon lange bekanntes Mittel, um die namentlich bei Damen erwünschte Wohlbeleibtheit zu erhalten Durch Zusatz von geriebenem Schwarzbrod wird die saure Milch leichter verdaulich, indem dasselbe die Bildung größerer Ballen von Käsestoff im Magen verhindert. Kurgemäß wird zuweilen auch die Buttermilch gebraucht. Diese enthält außer dem Rahm alle anderen Bestandtheile der Milch. Der Gehalt an Milchsäure (0,3 pCt.) macht das Casein verdaulicher, indem das feste Zusammenballen desselben verhindert wird. Die Buttermilch ist ein leicht abführendes Getränk, das die nährenden Eigenschaften der Milch ohne das Fett derselben enthält und daher auch dort angewendet werden kann, wo man Fettansatz vermeiden will. Der systematische Gebrauch der Buttermilch ist bei hartnäckiger Stuhlverstopfung und bei chronischen Magengeschwüren zu empfehlen. Alle Arten von Milchkuren können aber nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn während der Kurzeit auch im übrigen eine gesundheitsgemäße Lebensweise innegehalten wird. Mögen sich die Patienten auf dem Lande aufhalten oder den Trunk einer im Weichbilde der Stadt gelegenen oder auf einem Promenadenplatze errichteten Molkerei entnehmen, stets gehört dazu die Befolgung der hygienischen Gebote: Früh aufstehen, viel promeniren, — welch' fremdländisches Wort immer noch mehr Andacht und Folgsamkeit findet als das schlichte „Spazierengehen", — und energisches, tiefes Athmen. Namentlich körperliche Bewegung ist bei jeder Milchkur in ausgiebigster Weise durchaus nothwendig, damit die dem Magen zugeführte größere Nahrungsmenge auch genügend verarbeitet und ordentlich ausgenutzt wird. Gemeinnützig-O. Eine wohl für alle Hausfrauen interessante Preisausschreibnng wird binnen wenig Tagen erfolgen. Es handelt sich um eine Preisconcurrenz für Kochrecepte mit 100 Prämien von 20 bis 250 Mk., im Gesammtbetrage von 4000 Mk. Hierdurch gedenkt die Liebigs Fleisch- Extract-Compagnie ihrem Danke Ausdruck zu verleihen dafür, daß ihr Fleisch-Extract stets steigende Verbreitung und Anerkennung im praktischen Haushalt gefunden hat, damit den berechtigten Wunsch verbindend, ihrem Fabrikate, das in jedem Haushalt nach einem ernstlich gemachten Versuch auch zum unentbehrlichen Freunde wird, in immer weiteren Kreisen Anhänger zu verschaffen. In erster Linie kommen Kochrecepte für die Hausmannskost, daneben aber auch solche für die feinste Tafel wie für den einfachen Mittagstisch des Arbeiterstandes in Betracht. * ♦ * Tomatensalat auf englische Art. Man schält die Tomaten mit einem scharfen Messer, schneidet sie in dünne Scheiben und nimmt die Kerne heraus. Zwei harte Eidotter werden zerdrückt, mit zwei Eßlöffeln Olivenöl, einem Eßlöffel Senf, reichlich Salz, einer Prise Pfeffer, dem nöthigen Essig und einigen Tropfen „Maggi" vermischt, diese Salatsauce über die Tomatenscheiben gegossen und gut damit vermengt. Redaction: 8L Schcyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.