1897; W MMÄl iSSI.ti/ StSfeS&i! üßer die Mocken nie klingen, Als zu der Weihnachtszeit; 's ist, als ob Engelein singen Wieder von Frieden und Freud, Wie sie gesungen in seliger Nacht. Glocken mit heiligem Klang, Klingt noch die Erde entlang I Gteb so, als ob Engel wartend Ständen vor Deiner Thür; Gieb so, als ob morgen Du nimmer Wärest zum Geben hier; Gieb so, als ob prüfend Dich träfe Des Meisters flammender Blick; Gieb so, als bliebe im Herzen Sein Friede als Gruß Dir zurück. Der Majoratsherr. Roman von Ratalp e. Sschstruth. (Fortsetzung.) ,/Oh, ich kann noch viel tollere Fratzen schneiden! Als wir letzte» Jahr in Montreux an der table d’höte speisten, saßen wir drei holländischen Kindern gegenüber, famose Bälge, welche aber dämlicherweise stets das Futter verweigerten. Ihre Mama rang die Hände, aber alles Bitten und Drohen half nichts. Da hatte ich eine gute Idee. Ich schnitt den Kindern ein paar Schauervisagen prima Qualität! Siehste so, Pia, mit rollenden Augen, gefletschten Zähnen, dann ein Bißchen geschielt." „Pfui, hör auf! es ist ja haarsträubend!" „Na, ja, das fanden die Bälge wohl auch, denn sie bekamen einen solch blödsinnigen Schreck, daß sie dasaßen wie gelähmt und mich anstarrten." „Wenn Ihr nicht sofort essen werdet, dann fresse ich Euch!" heulte ich sie an wie ein Deuwel, und factisch es nutzte! Wie besesstn fuhren sie auf ihre Teller los und löffelten! Na, später wurden wir gute Freunde und dann änderte sich die Methode. Weil sie sich nämlich großartig über meine Fratzen zu amüstren begannen, schnitt ich ihnen nach Tisch zur Belohnung für gutes Essen jede-mal eine nette, kleine Collection vor! — Willst Du mal Deuwels Großmutter sehen?!" „Nein, — danke verbindlichst!" — Pias Hände bebten schon vor Nervosität: „und wenn ich Dich um eine Gefälligkeit bitten dürfte, Fränzchen, beglücke Gert nicht etwa mit solchen Grimassen! Er haßt Alles, was nicht ladylike ist! ®o; ein paar hübsche Wellen habe ich Dir nun auf die Stirn gelegt, nun noch die Strüppe an den beiden Kopswirbeln ein wenig beilegen ... wie verändert Du ausstehst! Ganz allerliebst! findest Du nicht auch?" Fränzchen grinste sich wohlgefällig an: „Na, na, wenn der Vetter man blos nicht das Verlieben kriegt!" Pia wandte den Kopf seitwärts. „Wäre das denn so schlimm?" fragte sie mit unsicherer Stimme. „Gert ist ein prächtiger Mensch, kein Mädchen könnte sich einen schöneren Schatz wünschen!" Fränzchen schnellte herum und starrte die Sprecherin mit offenem Munde ganz verblüfft an, Plötzlich aber zuckte und arbeitete es in ihrem Gesicht, flammende Röthe stieq in ihre Wangen und die dunklen Augen blitzten auf. Ein scharf prüfender Blick traf das verlegene Gesicht der schönen Base. „Hm . . ." sagte sie gedehnt, „würdest Du mich denn zur Schwägerin wollen?" „Mein liebes, liebes Fränzchen!" Pia schlang jählings die Arme um Comteßchen und küßte sie auf die Stirn. Fränzchen machte sich ungestüm los. „Donnerwetter! — Puh, ist mir heiß .. . also Du meinst ... hm. .. famoser Gedanke ... so was fehlte mir gerade hier in der Einsamkeit! - Na, ja, wenn ich Dir vielleicht einen Gefallen damit thue, dann nehme ich ihn!" „Fränzchen, bestes, einziges Herz . . bemühe Dich recht, ihm zu gefallen! sei recht, recht nett zu ihm . . ." Das Backstschchen stand breitspurig vor dem Waschtisch und schäumte sich die Hände ein. Wie Wetterleuchten flammte es über ihr Gesicht, wie ein tolles, jubelndes^Gelächter, welches kaum noch unterdrückt werden kann und sie zu ersticken droht. Aber diesmal bezwingt sie sich. „Ich werde ihn zu berücken suchen!" flötete sie schwärmerisch, und fügt ärgerlich hinzu: „Verdammte Bickbeerenbrühe! unter den Nägeln kriege ich sie nicht weg!" Pia seufzt. „Wie fatal! aber es ist keine Zett mehr, länger zu bürsten, man ruft schon nach uns!" „Alle Donner — meine Böllerschüsse!" und das Back- ftschchen spritzt den Seifenschaum um sich, — fährt mit den Händen flüchtig über da» Handtuch und nickt der Loufine 598 noch einmal tröstlich zu. „Ja, ja, verlaß Dich drauf, den Gert, den heirathe ich!" — und dann fliegen rechts und links die zierlichen Sesselchen mit dem verblaßten blumigen Atlasbezug zur Seite und Gräfin Fränzchen stürmt wie die wilde Jagd in den Hof zurück. Pia nimmt schnell die Rosen, welche sie dem Wildfang noch in den Gürtel stecken wollte, von dem Tisch und folgt hochklopfenden Herzens. Sie ist so confus und zerstreut, — war es recht, daß sie an Fränzchen ihre geheimsten Wünsche verrieth? Die Kleine ist seit ihrer Rückkehr ausgelassener und kindischer wie je, — oft scheint ihre tolle Laune krampfhaft, zeigte sie sich Gert als gesitteteres und vernünftigeres Wesen, so thut sie es einzig der Cousine zu Liebe, welche die Lunte halten. Sie reißt sich aber gehorsam von der interessanten Spielerei los, als Fräulein von Nördlingen sie ruft und läßt sich geduldig, mit lustigem Augenzwinkern, die Rosen in den Gürtel stecken. „Nun fahre nicht so heftig mit den Armen dagegen, sonst brechen die Blüthen ab!" ermahnt Pia noch einmal sorgenvoll, und dann führt sie die Kleine an der Hand den Eltern entgegen, welche soeben auch in das Schloßportal treten. „Sieh doch, Tante Johanna! wie gefällt Dir Dein Töchterlein heute?" Die Gräfin sieht ganz perplex aus. „Oh, jwelch eine Ueberraschung! Fränzchen als Dame srisirt! Oh-- sieh doch, Willibald!" — — und dann bekommt sie einen Husten, sehr heftig und andauernd, so daß sie das Taschentuch vor den Mund pressen muß Aber es ist keine Zeit mehr zu näherer Besichtigung, ein Hornsignal schmettert von dem Lug ins Land. Mit unheimlichem Krach entläd sich die erste der Feldschlangen und enttäuscht Fränzchen durch ihr schwachathmiges Organ. Der Doctor und die Diener sind sicherheitshalber hinter eine Mauerböschung gesprungen- da aber das Geschütz höflicherweise nicht geplatzt ist, eilen sie kühn und muthig zu dem zweiten, auch hier die festliche Detonation in Scene zu setzen. Auch hier ein dumpfer Schlag. „Jämmerlich, wie ein Knallbonbon!" ärgert sich Fränzchen- im nächsten Moment aber schwenkt sie mit rauhkehligem Hurrah das Taschentuch — es zeigt so viel Heidelbe erstellen, daß man es für eine Trauerflagge halten könnte! — in der Hand und winkt stürmischen Willkommen. Vor dem Burgthor klingt Hufschlag und Räderrollen, und im nächsten Augenblick hält die elegante Equipage, von vier Rappen gezogen, in dem Schloßhofe. Herr und Frau von Nördlingen breiten grüßend die Arme aus, und ein schlanker, bildhübscher Marinelieutenant greift salutirend an die Mütze. * * * Tage sind vergangen. Pias bleiche Wangen blühen wieder wie ehedem in rosiger Frische und ihre Augen leuchten so glücklich und zuversichtlich wie diejenigen eines Kindes, welches durch die Thürspalte den verheißungsvollen Glanz des Christbaumes strahlen sieht! Wie wunderbar gut haben sich Gert und Fränzchen angefreundet! Die Kleine erfaßt ja einen neuen Gedanken meist sehr Passionirt, ihre Neigung für Gert scheint jedoch mit Sturmesschnelligkeit zu wachsen und sein Sieg prima vista entschieden. Sie macht auch nicht den mindesten Hehl daraus, daß der neue Vetter ihr über die Maßen gut gefällt, und die Naivität, mir welcher sie ihr Entzücken zur Schau trägt, wirkt viel zu originell und kindlich, um abstoßend zu sein! Gert selber ist während der ersten Tage oft blutroth geworden vor Verlegenheit, wenn das junge Näschen voll andächtiger Bewunderung fein „famoses SchnurrwichSchen" anstaunt, wenn sie ungenirt bekennt: „Höre, Gert, Du hast grade so bildschöne Augen wie Pia!" oder wenn sie nachdenklich seine Hand zwischen die ihre nimmt und fragt : //Wie machst Du das nur, daß Du als Mann so schöne weiße Hände hast? Du bist doch gar nicht sehr viel älter wie ich und mußt doch gewiß auf dem Schiff tüchtig zugreifen, — sicherlich noch mehr wie ich hier in Haus und Hof herumhantire, — und doch sehen Deine Finger aus, wie von Marmor gemeißelt!" Der elegante Gert, welcher auf seine tadellosen Hände besonders eitel ist, lächelt voll Wohlgefallen und findet die Kleine „immer charmanter!" und Frau von Nördlingen, welche ja keine Mutter sein müßte, wenn sie nicht jedwede Tochter des Landes auf ihre Eigenschaft als brauchbare Schwiegertochter prüfte, schaut immer überraschter und aufmerksamer drein, je deutlicher Fräulein Fränzchen ihre Sympathien für den Herrlichsten von allen bekundet. Der Hauslehrer ist noch an demselben Tage, wo die Gäste auf Niedeck eingetroffen, zu seiner eigenen großen Ueberraschung abgeretst. Graf Willibald liebt ja die Ueber- raschungen. Nach Tisch hat er ein Weilchen heimlich mit dem Doctor getuschelt, hat es unverantwortlich gefunden, daß der junge Gelehrte die Schweiz noch nicht kenne, und ihm mit verständnißinnigem Lächeln ein paar Goldrollen in die Hand gedrückt: „Machen Sie bei der Hitze noch Ferien und reisen Sie mit Gott, mein wackerer, junger Freund!" Der Doctor war sprachlos vor Freude. Zwar sandte er noch einen wehmüthigen Blick nach Pias goldlockigem Köpfchen hinüber, raffte sich dann aber engerisch zusammen und stürmte auf sein Zimmer, das Köfferchen zu packen. Mit dem Abendschnellzug dampfte er bereits nach Straßburg ab, und anläßlich seines Abschieds ward Fränzchen zum ersten Mal sehr zärtlich gegen Vetter Gert, — sie warf sich an seine Brust und drehte ihn wie einen Brummkreisel umher: „Gott sei Dank — nun hat's mit dem Geochse für 'ein Weilchen wieder ein Ende!" — Und dann genoß sie die köstlichste Freiheit so recht in vollen Zügen. Ihre kleine, sehr kostbare Büchse über der Schulter, zog sie mit dem Vetter und dem Rentmeister in aller Morgenfrüh auf die Jagd hinaus, denn zu beiderseitigem innigen Entzücken war constatirt, daß Gert ein passionirter Jäger sei. „Wie gefällt es Dir eigentlich, daß Fränzchen der Diana so sehr in das Handwerk pfuscht?" forschte Pia ein wenig sorgenvoll bei dem Bruder, dieser aber strich das Bärtchen flott in die Höhe und sagte: „Brillant! sie ist ein Mordsfrauenzimmer! schießt besser wie wir Anderen zusammen! Es ist uramüsant, mit dem lustigen Mädel zu jagen, sie gönnt mir die besten Schüsse, ist absolut nicht zimperlich und stiefelt mit uns durch Dick und Dünn! Mit der kann man znr Noth ein Pferd stehlen!" „Findest Du sie hübsch?" Gert lachte. „Na, das ist nicht gut möglich, das arme Ding sieht aus wie ein Nußknacker! Aber was liegt daran!? bei einem guten Kameraden ist das doch gleichgültig !" „Nur ein guter Kamerad?!" Der Marinelieutenant hob erstaunt den Kopf: „Na, denkst Du etwa, ich wollte sie heirathen?" Pia hob tiefathmend die Theerofen, welche sie in der Hand hielt, und neigte das erglühende Antlitz darauf nieder. „Ich glaube, Fränzchen ist auf dem besten Weg, sich sterblich in Dich zu verlieben, — das arme Kind!" „Ah . . . factisch ? — glaubst Du ?!" — So überrascht auch die Stimne klang, so geschmeichelt sah dennoch das hübsche Gesicht des jungen Offiziers aus. „Das sollte mir riesig leid thun, — sie ist wirklich ein sehr nettes Mädchen!" „Sie hat wunderbar schöne Augen — und ein so herzliches, frisches Wesen! warum solltest Du nicht auch sie lieb gewinnen können!?" 599 Gert machte eine jähe Bewegung. „Ich bitte Dich, Pia, — daran ist doch kaum zu denken —! Hast Du nicht selber an Mama geschrieben, daß sie für Wulff-Dietrich bestimmt sei?" Das junge Mädchen blickte angestrengt zur Seite. „Daran ist wohl kein Gedanke mehr, — sie liebt ihn nicht — und ... und . . ." „Ja, wen soll denn der arme MajoratSherr aber sonst heimführen, da es zwischen Euch Beiden absolut nichts zu werden scheint?" Pia senkte das Köpfchen tief zur Brust. „Das laß Deine geringste Sorge sein, — in der Noth lernen die Menschen fürlieb nehmen!" sprachs und eilte hastig in das Nebenzimmer, um ihres Amtes an dem Frühstückstisch zu walten. Gert blickte ihr starren Auges nach. Ein blitzähnlicher Gedanke durchzuckte ihn. War seine schöne Schwester nicht umsonst im Hause des Diplomaten erzogen? So übel ist der Plan nicht, welchen sie zu verfolgen scheint. Wer Schloß Niedeck kennen gelernt hat, muß wohl oder übel für den Gedanken schwärmen, es einstmals besitzen zu können. Wulff-Dietrich hat sich, wie er von seinen Eltern hörte, nie bemüht, Pia kennen zu lernen,- die reiche Cousine Franziska scheint ihm mehr begehrenswerther zu sein, wenn aber Fränzchen einem Anderen die Hand reicht, so bleibt Wulff-Dietrich keine Wahl, er muß Pia heimführen, will er seinen Söhnen das Majorat erhalten. Die Heirath mit einer Anderen enterbt seine Kinder und liefert den wundervollen Besitz an die Krone. Gedankenverloren sinkt sein Kopf zur Brust und die Cigarre zwischen den Fingern verlöscht. Fraglos, Pia hofft durch ihn dennoch Gräfin Niedeck zu werden. Gert hat seine reizende Schwester seit jeher abgöttisch geliebt, sie gut und glänzend verheirathet zu sehen, würde ihn unbeschreiblich beglücken. (Fortsetzung folgt.) Heinz Warnows Brautfahrt. Weihnachts-Humoreske von S. Halm. (Schluß.) Warnow war, als tanze eine ganze Schaar neckischer Kobolde vor seinen Augen, als machte ihm jeder Einzelne eine höhnische Grimasse. Hatte er recht gehört? Recht verstanden ? Nur sich nicht verrathen! fuhr es ihm in den Sinn. Die alte Jungfer durfte nicht ahnen, mit welchen Hoffnungen er sich trug oder vielmehr getragen. So fragte er denn anscheinend gleichgültig, wenig geistreich : „So hat die Frau Oberlehrerin eine Tochter, die —" „Mein Bruder heirathen will! So ist es!" kam ihm das mittheilsame Fräulein zur Hülfe und wie, um ihm jeden Zweifel zu benehmen, fuhr sie fort: „Gertrud ist ein liebes Mädchen, noch ein Bischen jung zwar, doch mein Bruder fft geraderer Mann, ein so junges Geschöpf zu leiten. „Ist älter wie Sie?" fragte Warnow argwöhnisch. Sie lächelte geziert: „Allerdings — er zählt 42. Gott, er ist ja noch ein Mann in den bestem Jahren." Warnow sah plötzlich klar. Seine kleine Trudel sollte das Opfer einer Bernunftsehe werden. Seine Trudel, o mein Fräulein Twenz und meine verehrte Frau Oberlehrerin knirschte er heimlich. Da sollt Ihr doch die Rechnung ohne mich gemacht haben! Laut sagte er: „Ihre zukünftige Schwägerin erwartet Sie wohl schon mit Sehnsucht, besonders ihren Herrn Verlobten?" v Fräulein Twenz machte ein etwas sauersüßes Gesicht. „Gott, sie ist noch so sehr Kind"--und plötzlich vertraulich werdend fuhr sie fort: „Ich muß Ihnen nämlich gestehen, da Sie sich ja anscheinend so sehr für diese Angelegenheit interessiren — — Warnow machte eine leichte Verbeugung „Das Mädchen ist noch etwas unerzogen. Denken Sie sich, bis jetzt hat sie sich noch gegen diese brillante Parthie geweigert." „Aha!" entfuhr es Warnow unwillkürlich, doch er verbesserte sich sofort. „Aha, ein kleines Gänschen also dieses Fräulein." Sein Vis-ä-vis lächelte nachsichtig: „Wie gesagt, noch das reine Kind, das sich gern auf den Trotzkopf hinausspielt) doch wir hoffen, daß der Einfluß ihrer Mutter sich endlich geltend gemacht hat! Na wartet! dachte Warnow. Dann lehnte er sich in seine Ecke und versank in Schweigen, worauf seine gesprächige Gefährtin wohl oder übel seinem Beispiel folgen mußte. Der Zug brauste in die Bahnhofshalle zu Hannover. Warnow suchte seine Sachen zusammen, kümmerte sich jedoch um seine Mitreisende, die sich wieder in ihre Hüllen einzuschälen begann, herzlich wenig, was diese mit stillem Grimm constatirte. — Mit flüchtigem Gruß enteilte er endlich ihrer Nähe. Doch postirte er sich in einiger Entfernung, um Gertruds Zukünftigen wenigstens zu sehen. Er gewahrte ihn auch bald, die Schwester führend. Es war ein baumlanger Mensch mit hängenden Schultern und einer wenig Zutrauen einflößenden Visage. Dem also sollte die lustige, kleine Trudel mit^Leib und Seele verschrieben werden? Nun da sollte doch--! Doch kommt Zeit, kommt Rath. Warnow nahm sich vor, den getreuen Eckart der Kleinen zu spielen- an seiner Brust, in seinen Armen sollte sie Schutz finden vor dem unwillkommenen Freier. Gehobenen Gefühls ging er in den Wartesaal hinab. Herr und Fräulein Twenz kamen auch; doch da Warnow sie geflissentlich übersah, ließen sie sich in einiger Entfernung von ihm nieder, doch ihr eifriges Geflüster, ihre Blicke sagten ihm, daß er der Gegenstand ihres Interesses und Gespräches abgäbe. Als Erster verließ Warnow den Wartesaal. Er suchte sich ein Nichtrauchercoups und harrte des Weiteren. Nach kurzer Zeit gesellte sich ein flotter, junger Mann, offenbar Student, zu ihm, doch achtete dieser seiner kaum, da er beständig auf den Perron hinausspähte. Endlich gewahrte Warnow das seltsame Geschwisterpaar. Um nicht gesehen zu werden, legte er sich weit in die Polster zurück, bemerkte jedoch zu seinem Erstaunen, daß sein Reisegefährte sich beim Anblick der Twenz eiligst rückwärts concentrirte. Sofort gewann der junge Mann an Interesse für Warnow. Seine Scheu vor einem Rencontre mit den Twenz, sein erleichtertes Auf- athmen, als jene ohne ihn zu bemerken vorbeischritten, gaben dem Beobachter zu denken, seine Neugierde steigerte sich jedoch noch, als er vernahm, daß der Fremde gleich ihm Wunstorf zum Reiseziel habe. Wer war der junge Mann? Und in welchem Verhältniß stand er zu den Twenz? Warnow zergrübelte umsonst sein Hirn. Er begann bald ein Gespräch, auf das der Andere zwar höflich, aber zerstreut einging. Plötzlich kam ihm der Gedanke, einmal auf den Busch zu klopfen, so fragte er denn: „Sie wollen nach Wunstorf, nicht wahr?" „Allerdings" bejahte der junge Mann etwas zögernd. „Kennen Sie dort vielleicht eine Familie Twenz?" „ „Ich?" stotterte der Gefragte plötzlich auffallend roth. Ich--ich glaube kaum." „So--ich dachte es!" warf Warnow wie absichtslos hin. Sein Reisegefährte aber schien unruhig zu werden. „Darf rch mir die Frage erlauben?" fragte er endlich, „wie Sie auf diese Vermuthung kommen?" Warnow überlegte. Die Frage des Fremden hatte ihn @00 — R'dactüm: Ä. Vch«,d-. — »nut tmb »erlag der Brühl'scheu Uuiverfitätr-Buch. und Slemdrucker-i (Pietsch & Scheyd«) m Greßen. doch etwa- verwirrt, immerhin ersah er aus beS Anderen eigener Befangenheit, daß etwas nicht in Ordnung fn, er witterte wenigstens etwas AehnlicheS. Um der Sache aus | die Tvur zu kommen, wählte er den geradesten Weg: „Ich bemerkte vorhin vor unserer Abfahrt auS Hannover," begann er daher, „wie Ihnen anscheinend viel daran lag, von Herrn und Fräulein Twenz nicht gesehen zu werden." „Sie wissen? . . > stammelte jener. Warnow wußte nun eigentlich nichts, aber in dresem I Falle hielt er es für weise, dies nicht direkt einzugestehen, I darum nickte er nur leicht, wie bejahend. Sein unbekannter Reisegenoffe schien plötzlich seine Fassung ganz einzubüßen: „Mein Herr" begann er stammelnd, „verzeihen Sie die Frage, mit wem habe ich die Ehre?" Warnow schmunzelte, er hatte seinen Humor wieder- mein junger Freund," meinte er gemüthlich, „glauben Sie, ich werde mein Inkognito aüfgeben, wenn Ihnen an- scheinend soviel daran liegt, das Ihre zu wahren? und dann scherzend: „vielleicht bin ich ein Detektiv, ein---- „Mein Herr!" brachte der junge Mann fast gepreßt hervor und plötzlich fühlte sich Warnow bei der Hand gefaßt. „Nanu?" machte er verdutzt. „Mein Herr," begann Jener wieder, „mein Herr, rch glaube, Sie haben ein gutes Herz, Sie sehen mir ganz darnach aus." Warnow schmunzelte. „Na, also?" fragte er neugierig. ®ie — — Sie werden uns gewiß nicht verrathen." „I der Tausend!" machte dieser nun höchst verblüfft und sah den Bittsteller etwas schärfer an. Der hatte einen heißen rothen Kopf und eine feuchte Hand. „Wir sind nämlich — die Trudel und ich —" Warnow stand mit einem Mal auf beiden Füßen. „Was sagen Sie da?" Der junge Mann starrte ihn an. „Nun ja, ich denke doch, Sie wissen —" „Jawohl, ich weiß — ich weiß — die Trudel und Sw lieben sich. Aber weiter!" Und er sank auf den Sitz zurück und trocknete sich den Schweiß. „Uff!" Der Jüngling aber berichtete: „Da Sie's doch wissen, so kann ich Sie nur bitten, stehen Sie uns bei — ich kann nicht anders ver- muthen, alS daß Sie der gute Onkel Warnow sind, von dem mir Trudel so oft erzählt." „Ja wohl!" ächzte Warnow gottergeben. Sein Gegenüber aber wurde plötzlich zutraulich. „Daß mir'S die Trudel auch nicht geschrieben hat, daß sie sich an Sie gewandt, doch nun wird ja Alles gut." Und der Stürmische drückte Warnow die Hand, daß dieser stöhnte. „Sehen Sie," fuhr Jener fort, „es ginge ja Alles gut, wenn die verehrte Schwiegermama in spe es sich nicht gerade in den Kopf gesetzt hätte, nicht meine Schwiegermutter zu «erden, anstatt dessen hat sie sich Herrn Georg Twenz zum Schwiegersohn ersehen. Gott, diese Mütter! Trudel liebt mich und ich bete das Mädchen an, aber die Mutter greift nach dem Köder Geld. Ach — und heute Abend soll die Verlobung gefeiert werden." „Welches Fest Sie durch ihre Gegenwart zu verschönen gedenken?" warf Warnow boshaft ein. Der junge Mann fuhr sich nach der HalSgegend. „Rein, weil ich der Sache ein Ende machen will — so — »der so," sagte er nicht ohne Pathos. „Ach, da bin ich aber begierig!" Der Jüngling lächelte überlegen. „Liebe macht erfinderisch, macht Muth. Heute muß ich mir mein Lieb gewinnen! Heut oder nie." Warnow seufzte. „Ja, ja die Jugend! Und inwiefern wollen Sie diesen Muth beweisen?" fragte er. Der Jüngere rückte dicht an ihn heran. „Gestatten Sie vor Allem, daß ich ein Versäumniß nachhole und mich Ihne« vorstelle. Erich Ballin, Eandidat der Philosophie. Also ich rechne auf Ihre Hülfe, da das Schicksal Sie mit nun einmal in den Weg geführt hat; Sie liebe« mei«e Trudel ja auch." . ; „Erlauben Sie," fuhr Warnow auf. Ballin zog ch« am Aermel nieder. „Aber ich bitte ganz onkelhaft natürlich. Sehen Sie, da meine ich, Sie werden uns beiftehen, wenn — nun, wenn Frau Schwiegermamachen, allzu »sehr die Krallen zeigt." „Ja, mein junger Freund," fragte die Aeltere, „wollen Sie mir denn nicht wenigstens sagen, was Sie vorhaben? Ballin zwiebelte sein niedlichees Bärtchen. „Wir, das heißt, sehen Sie, lieber Herr Warnow, das hängt ganz vom Zufall ab, doch wenn der Augenblick der Entscheidung gekommen ist, dann bitten wir nur um Ihre gütige Vermittelung." , ' „Hm, ein wenig orakelhaft! Doch es sei mit dem Vorbehalt jedoch, daß die Handlung auch meine Zustimmung findet." Sie schüttelten sich darauf kräftig die Hände und Ballin lenkte das Gespräch in ander Bahnen. Wunstorf kam in Sicht. Die Lokomotive pfiff! Man stieg aus. Der Perron war belebt. Ballin faßte Warnows Hand. „Jetzt, bitte, folgen Sie mir, dort links am Msen- pfeiler stehen Trudel und ihre Mutter, doch dort kommen I auch die Geschwister Twenz heran!" Warnow schüttelte leicht den Kopf. Was wird das werden? Dann sah er auf das schlanke, etwas blaffe Mädchen neben der Frau Oberlehrer, Also daS war Trudel, seine Trudel — nein, des lustigen Erich Ballins Trudel. Er kam sich kläglich genug vor in diesem Augenblick. Das war ja eine schöne Brautfahrt! Ballins Stimme klang an sein Ohr. „Jetzt Passen Sie auf," und er paßte auf. Er sah das lange Geschwisterpaar herankommen, sah die Cousine ihnen einige Schritte entgegengehen, sah Trudel zurück bleiben und dann die Erstere beim Anblick des I Studenten wie erstarrt stehen bleiben. Er hörte sie förmlich nach Luft schnappen, dann geschah etwas Gräßliches. Seine Trudel thot ein Paar schnelle Schritte, Ballin ein Gleiches und dann---in den Armen lagen sich Beide und weinten vor Schmerzen und Freude. Doch schnell genug wurden sie auseinandergerissen, der Cousine schrille Stimme zeterte: „Ungerathenes Kind! Undankbare», falsches Geschöpf, weißt Du nicht was die Pflicht des Gehorsams ?" Weiter kam die gute Dame nicht. Zwischen sie und die Anstifterin ihres Zornes schob sich eine massige Gestalt. . „Sie erlauben, theuerste Cousine, daß ich mich Ihnen in Erinnerung bringe." ' ~ t , „Vetter Heinz!" „Onkel!" schallt es und Trubels Arme schlangen sich um Warnows Hals. Der löste sich I* sanft aus zärtlicher Umarmung „Laß mich doch auSredeu, kleine Hexe!" und dann zur Mutter, den jungen Ballin an der Hand zu sich heranziehend. „Der alte „Erbonkel" bittet für seinen Protegä um Nichte Gertruds Hand." Ein paar Neugierige drängten sich herzu. Frau Twenz schien in peinlichster Verwirrung. „Aber lieber Vetter!" stammelte sie und dann nach einem Blick auf das Hand in Hand vor ihr stehende Brautpaar resignirt: „Nun ja denn, was soll ich alte, schwache Frau denn auch machen, wenn Sie mir auf solche Weise die Pistole auf die Brust setzen —" , So kam es, daß dieser heilige Abend Heinz Warnow zwar nicht zum glücklichen Bräutigam, wohl aber zum Erbonkel machte. Humoristisches. Höflich. Thierstimmen Imitator: „Ich werde jetzt die Gans nachahmen, meine Herrschaften ... die verehrten Damen bitte ich im voraus um Entschuldigung."