1897. i>: B b|_ ll DU st! Es sporne Dich auch in schlimmer Zeit Ein jeglicher Tag zur Thätigkeit. Um Den ist's gethan, er hat nur Leid, Der die Arbeit verschiebt auf bessere Zeit. ie Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben. Marie v. Sbner-Eschenbach. Der Majoratsherr. Roman von Nataly ». Eschstruth. (Fortsetzung.) Johanna sah man offiziell als die dereinstige Gemahlin des Majoratsherrn von Niedeck an, denn es war bekannt, daß sie wohl die einzigste passende Partie für ihn sei, in einer Zeit, wo ein ganz wunderbarer Mangel an jungen Damen von tadelloser Ahnenreihe war. Nie hatte ein Niedeck eine derart knappe Auswahl an passenden Partieen gehabt, und darum rechnete die Familie Nördlingen mit Bestimmtheit auf den reichen Freier. Aber das Schicksal zog durch all die glänzenden Pläne einen jähen, grausamen Strich. Bei einer Wagenfahrt über Land verunglückte die junge Dame so schwer, daß sie die Hüfte brach und jahrelang als Patientin das Zimmer hüten Der Freiersmann blieb selbstverständlich aus. Die Zeit flog mit grauen, trägen Schwingen dahin, und der Einsiedler aus Niedeck verlor sich in seine Einsamkeit, — so fern und tief, daß kaum noch eine Kunde von ihm in die Residenz drang, es sei höchstens das Gerücht seiner Wunderlichkeit und Unzurechnungsfähigkeit, welche jede Herrath ausschloß und den ältesten Sohn des Grafen Rüdiger, den kleinen Wulff-Dietrich, zum künftigen Erben machte. Der Ehe Hans-Georgs war währenddessen em Töchterchen entsprossen, welche Pia getauft und scherzender Weise schon in der Wiege mit Wulff-Dietrich verlobt ward. Graf Rüdiger war ein vorsichtiger Mann und sicherte sich die „Braut mit den sechzehn Ahnen" rechtzeitig für den Sohn, denn unbegreiflicher Weise schien auch für die Zukunft wenig Aussicht, daß die alten Stammbäume liebliche Blüthen für die Niedecks ersprießen ließen. Bei Pias Taufe hatte man das kleine Pärchen miteinander „versprochen" ein Freier wie Graf Niedeck hatte nicht leicht in der armen Offiz'ersfamilie einen Korb zu befürchten! — und der leutselige und sehr animirte Vater hing dem zukünftigen Schwteger- töchterchen eigenhändig ein blitzendes Brillantmedaillon um, auf dcffen Rückseite der scherzhafte Vers eingravtrt war: „Du Kind mit goldenen Härchen, Wart' noch achtzehn Jährchen, Dann kommt mein Sohn Wulsf-Dletrrch Und macht zu seiner Gräfin Dich!" Das Kind Pia wuchs in holder, eigenartiger Schönheit heran, gepflegt und gehegt, geliebt und verhätschelt von Allen, am meisten aber von Tante Johanna, der armen Kranken, welche kein größeres Vergnügen kannte, als den Besuch ihres kleinen Lieblings in ihrem einsamen Stübchen. Gar ost preßte sie die Augen auf das lichte Goldhaar des Nlcht- chens und netzte es mit Thränen, sah sie doch in der Kleinen die Verwirklichung all ihrer eigenen Träume, die Erfüllung Alles dessen, was sie mit blutendem Herzen als Traum zu Grabe gelegt hatte. ... Es war ein sonniger, leuchtender Junitag! Johanna hatte die Fenster ihres Zimmerchens weit geöffnet und saß, einen blühenden Fliederstrauß, wohl den letzten dieses Jahres, auf dem Schooß, in dem altmodischen Lehnstuhl, um sehnsuchtsvoll zu dem blauen Himmel emporzublicken. Sie kam soeben von einer kleinen, ganz kleinen Promenade heim, — das Gehen strengte sie immer noch an und machte es ihr unmöglich, die ferner gelegenen Parkanlagen zu erreichen. Ein Spaziergang in den schattenlosen, engen Gassen war jedoch kaum eine Erquickung, und so sank die Baroneß mit schmerzlichem Aufseufzen in den Sessel nieder und schloß erschöpft die Augen. Thränen rannen über dre bletchen, zarten Wangen, welche sich noch fo voll und lieblich rundeten, als sei ihre Besitzerin nicht ein Mädchen von fünsunddreißig Jahren, sondern ein Backfischchen, welches soeben in das Leben eintritt. , , , . Die tiefe Ruhe und Abgeschlosienhert des jahrelangen Liegens und Sitzens hatten Antlitz und Figur rund und voll gestaltet, und wenn auch die Frische und rosige Farbe fehlte, sah Johanna dennoch überraschend jung aus. Der feine Leidenszug zwischen den dunklen Augenbrauen gab dem milden, unbeschreiblich herzensguten und freundlichen Gesicht der Kranken einen ganz besonderen Reiz, und wer ihre braunen, sammetartigen Augen — „Aurikelaugen nannte sie ehemals ihr Vater — anschaute, dem ward es 494 gar wohl zu Sinn und er fühlte warme Sympathieen für das arme, verunstaltete Mädchen. Nach Aussagen der Aerzte war die Hüfte sehr langsam und schwierig, aber endlich ganz normal und zur Zufriedenheit geheilt. Eine gewisse Steiffheit war aber trotzdem zurückgeblieben, die Figur war ein wenig schräg geworden und der Gang behielt ein leichtes Hinken bei. Johanna empfand diese Gebrechen tief und schmerzlich und zog sich um ihretwillen vollständig von allem Verkehr zurück. Was sollte sie, die mittellose, verunstaltete alte Jungfer zwischen frohen, lebenslustigen Menschen? Das Geld, welches Toilette und Gesellschaft gekostet haben würden, sparte Johanna und gönnte sich dafür im Sommer allwöchentlich einen Spaziergang in die freie, herrliche Gottesnatur, welche sie so über Alles liebte, und von welcher sie die grauen Stadtmauern so unbarmherzig trennten! Auch heute empfand sie ein heißes, sehnsüchtiges Verlangen nach Wald und Feld, welche sie gestern mit wahrer Begeisterung geschaut hatte, — aber es war unmöglich, daß sie heute schon wieder einen theuren Wagen bezahlen konnte, darum faltete sie die Hände resignirt um ihre geliebten Fliederzweige und blickte zu dem Himmel empor, als hege sie nur noch einen einzigen Wunsch, bald die schmeczgelösten Glieder droben in dem unermeßlichen Reich des Lichtes und des Friedens zu baden! Das Leben war so namenlos traurig und arm für sie! Seit ihr Liebling und einziger Trost, die kleine Pia, das Haus verlassen hatte, war aller Sonnenschein mit ihr erloschen. Bittere, blutige Thränen hatte das einsame, verlassene Mädchen geweint, als sie Abschied von ihrem Herzblatt nehmen mußte. — Hans-Georg aber machte ihr klar, daß es ein großes Glück für das Kind sei, in dem Haus der reichen, vornehmen Verwandten in Paris erzogen zu werden! Wie konnte sich bessere Gelegenheit für Pia bieten, der französischen Sprache vollkommen mächtig zu werden? Und Sprachkenntnisse sind für ein unbemitteltes Mädchen von hohem Werth. Das Schicksal Johannas hatte es bewiesen, daß über Nacht alle Pläne und Hoffnungen auf ein Heirath vernichtet werden können. Das sah Johanna nur allzu gut ein, auch wußte sie, daß Pia im Hause des Legationsrathes auf dos Beste und Gewissenhafteste aufgehoben sei und sie bekämpfte heldenmüthig ihren Schmerz, und gab auch das letzte Glück, welches ihr geblieben, selbstlos dahin. Ihr Leben aber ward öd und trostlos- ihre beiden wilden, kleinen Neffen fanden keinen Geschmack an der Krankenstube und den liebevollen Feen- und Engelgeschichten der Tante. Sie hielten sich fern, — ebenso fern wie ihre Mutter, welche, jung und lebenslustig, den ganzen Tag über viel zu sehr beschäftigt war, um eine uninteressante, alte Jungfer unterhalten zu können. Der Bruder war zumeist im Dienst — er sprach nur selten einmal bei ihr vor, wenn er Bücher, Blumen oder sonst eine kleine Aufmerksamkeit für sie hatte. Johanna nahm es nicht übel, sie wußte, daß man in dieser schnelllebigen Zeit nicht viel Muße hatte, in ein Erkerstübchen emporzusteigen und vergilbte Jungfernweisheit zu hören- aber sie empfand ihre Einsamkeit dennoch sehr schmerzlich, und hauptsächlich darum, weil ihr jeder Naturgenuß in derselben versagt war. Ja, hätte sie jeden Tag nur eine Stunde lang hinaus in die schöne Gotteswelt gekonnt, — sie würde Alles Andere darum vergessen haben! Ob im Sonnenschein, Sturm, Regen oder Schnee, — die Natur hatte stets einen magischen Reiz für sie, und ihre tief empfindende Seele lauschte gerade dem Wechsel und Wandel in Wald und Feld die zauberhafte Schönheit ab. Wie oft saß sie nicht Abends und malte sich Bilder aus, wie sie es wohl haben möchte! Reisen! — ja still im Wagen sitzen und alle Herrlichkeiten schauen, — am schönsten Fleckchen und Plätzchen aussteigen und langsam, so langsam wie es ihr Gebrechen bedingte, dahinwandeln in trunkenem Entzücken! Reisen, wie konnte sie an Reisen denken! Ach, es hätte ja auch schon längst genügt, wenn sie draußen im Wald hätte wohnen können, sein Leben und Weben vom Fenster aus hätte schauen können, rauschende Wipfel, Vogelgezwitscher, friedlich grasende Rehe, — ach, welch ein anderer Anblick, als diese hohen, verräucherten Mauern, über welche fern herein ein paar staubige Laubkronen blicken! Und wenn Johannas Herz sich wund und weh nach solch stillem Glück sehnte — dann preßte sie wohl die Hände gegen die Brust und seufzte tief auf: „Ach, daß eine Menschenseele sich meiner erbarmte und mir die Kerkerthüren öffnen wollte! Auf den Knieen würde ich es danken, mein Leben lang !" Der Herr hört das Gebet der Verlassenen. Wie geheimnißvoll heute der Flieder duftet! wie die kleine Schwalbe mit Hellem Jubelschrei an dem Fenster vorüberschießt, als wollte sie sagen: So schnell wie ich fliegt auch das Glück! Es trägt goldene Schwingen und fällt unvermuthet vom Himmel herab! Auch das fernste, versteckteste Stübchen findet es auf und huscht durch die engste Ritze herein! — Seine Zeit muß nur kommen! Es wartet ebenso auf den Frühling wie ich! — Wenn des Winters Noth und Qual siegreich überwunden, kommt jedesmal der Lenz mit den Schwalben und dem Glück! An der Thüre klopfte es, die ehemalige Köchin der verstorbenen Eltern, welche bei „unserem armen, kranken Kinde" — treulich — wenn auch etwas tyrannisch Haus hält, tritt ein. Sie hält eine Visitenkarte in der Hand, und scheint sprachlos vor Ueberraschung. „Gnä' Frölen Hanning," sagt sie und streicht hoch- athmend mit dem Handrücken über die Stirn: „nu endlich kümmt hei!" — Verständnißlos blickt die Baronesse sie an und streckt die weiße, zierliche Hand nach der Karte aus. Einen schnellen Blick darauf und dann schießen dunkle Blutwellen in ihr Antlitz, wie schwindelnder Schreck überkommt es sie, und doch zuckt ihr Herz auf wie in jäher Ahnung großen, unendlichen Glückes. Einen Augenblick kämpft sie an gegen die Ueberraschung, welche sie vollständig verwirrt, dann schilt sie sich in Gedanken selber eine Thörin, und blickt mit dem alten, ruhigen, etwas wehmüthigen Lächeln auf. „Ich lasse den Herrn Grafen bitten, einzutreten! Er wird sich gewiß nach seiner künftigen kleinen Nichte erkundigen wollen!" — Die Alte sieht bei diesen Worten etwas enttäuscht aus, wendet sich kopfschüttelnd ab und verschwindet hinter der Thüre, — Johanna aber preßt die Hand gegen das Herz und erhebt sich, — mit zitternden Knieen steht sie neben dem Sessel. Die schmale grüne Wollportwre regt sich abermals, Graf Willibald überschreitet die Schwelle. Die Erregung hat auch sein Antlitz geröthet, er bleibt ein wenig unbeholfen an der Thüre stehen und verneigt sich. Da sieht er, wie die kleine, rundliche Mädchengestalt ihm entgegentritt und die Hand zum Gruße reicht! Sie sitzt nicht mehr im Fahrstahl? Sie geht sogar ganz allein ohne Stock und Stütze? Diese freudige Ueberraschung malt sich in unverhohlenen Entzücken auf seinem Antlitz und verschönt es durch den Ausdruck reiner, ehrlicher Freude. „Baroneß, Sie gehen? Sie können wieder ganz allein gehen? Sie sind wieder gesund?" poltert er anstatt jeder Begrüßung heraus, aber es klingt ein solcher Jubel durch seine Stimme, eine so aufrichtige, wahre Freude, daß Johannas Herz in dankbarstem Empfinden hoch aufwallt. So viel Theilnahme an ihrer Genesung hat ihr noch Niemand erzeigt. „Ja, Herr Graf — Gott sei Dank geht es mir be- - 495 deutend besser, wenngleich ich noch immer hinke und wohl auch zeitlebens an diesem Gebrechen tragen werde!" Er drückt stürmisch, aufgeregt ihre weiche, kleine Hand: „oh, das ist ja ganz unbedeutend — das ist ja ganz nebensächlich ! Welch ein Glück, daß Sie so frisch und wohl sind! Habe es mir gar nicht träumen lassen, Baroneß — . . . sonst ... ja — sonst wäre ich wohl schon eher gekommen !" Sie erglüht abermals und bittet mit freundlicher Handbewegung Platz zu nehmen. „Es ist eine Ueberraschung, Sie einmal wieder in der Residenz zu sehen, Herr Graf!" lächelte sie so unbefangen wie möglich: „Wie lange Jahre haben Sie sich nicht mehr blicken lassen!" Er sieht sie ehrlich an: „Was sollte ich hier, Fräulein Johanna? Sie wissen es wohl selber, wie man mir hier begegnet ist. Die traurigen Erfahrungen haben mich menschenscheu und wunderlich gemacht, die Welt gab mir kein Glück, darum bin ich in die Einsamkeit geflüchtet, wohin solch ein ungeschlachter, häßlicher Geselle wie ich einzig hingehört!" — Wie in flehender Angst hing sein Blick an ihren Lippen, Johanna aber schüttelte voll milden Ernstes das Haupt und antwortete: „Wie können Sie so etwas sagen, Herr Graf! Schönheit und Häßlichkeit sind Geschmacksache!" „Wie urtheilt Ihr Geschmack, Baroneß?" fragt er leise, wie ein bittendes Kind. Sie schaute ihm — abermals erröthend — in die Augen. „Ich finde selbst das schönste Antlitz häßlich, wenn es den Ausdruck gemeiner, unlauterer und sündhafter Empfindungen und Begierden trägt, und ich nenne das häßlichste Gesicht schön — wenn sich in seinen Augen eine Seele spiegelt, wenn Güte, Treue, Wahrheit ihm ihren Stempel ausgeprägt haben!" Der Klang ihrer Stimme sagte mehr noch wie ihre Worte, wie in einem Taumel des Entzückens faßte Willibald ihre Hand und zog sie mit einer Kühnheit, welche er selber nicht begriff, an die Lippen. „Wenn die Wahrheit schön macht, Johanna — so lassen Sie mich auch durch sie schön werden!" rief er ungestüm: „denn wahr sein möchte ich in dieser Stunde mehr denn je! Lassen Sie uns jetzt nicht von gleichgültigen Dingen reden, denn das würde eine Lüge sein Angesichts unserer tiefinnersten Empfindungen. Sie wissen, warum ich hierher komme, Johanna, Sie wissen es so gut wie ich! Da ist nur ein Wunsch und Gedanke, welcher mich beschäftigt, und Alles, was eine Entscheidung aufhält, quält und beunruhigt mich! Ich kann nicht über Wetter, Menschen und Theater mit Ihnen sprechen, wenn mein Herz ganz andere Dinge denkt! — Warum wenden Sie sich ab? — Erschreckt Sie diese schnelle, ehrliche Wahrheit nun doch? — Habe ich es falsch angefangen? Oh, dann vergeben Sie mir! Haben Sie Nachsicht mit einem Mann, welcher der Welt so fremd geworden ist. — Ich meine es ja gut, Johanna — so von Herzen gut!" Er hatte ihre Hand ergriffen und drückte sie wie beschwörend zwischen den seinen. Abermals begegneten sich ihre Blicke, und in beider Augen lag derselbe Ausdruck, eine selig bange Scheu, eine Bescheidenheit und Verzagtheit, an das Glück zu glauben! Johannas Wangen färbten sich immer höher, wie eine glühende, blühende Rose lächelte ihn ihr Antlitz an, und die engelhafte Güte und Demuth, welche sich darin aussprachen, ließen sein Herz wie in trunkenem Entzücken aufjauchzen. Er preßte ihre Hand an seine Lippen. „Sie kennen mich noch nicht, Johanna — und Alles, was Sie wohl von mir hörten, war nicht dazu angethan, mir Ihr Herz zu gewinne»! Ich weiß, welch eine Vermessenheit es von mir ist, hier vor Ihnen zu stehen und unter solchen Umständen um Ihre Hand zu werben! Aber bei Gott, Johanna, Sie sollen es nie bereuen, mein Weib geworden zu sein! — Mich selber und meinen äußeren Menschen kann ich ja leider nicht ändern, den müssen Sie nachsichtig mit in den Kauf nehmen, aber mein Leben — mein Handeln — Denken — Fühlen — das steht in meiner Gewalt, und das will ich Ihnen in innigster, treuester Liebe zu eigen geben — das soll Sie glücklich machen!" Er hatte schnell, leidenschaftlich erregt gesprochen, er staunte nicht über seine Kühnheit und wunderte sich nicht, woher er all die Worte nahm — sie flössen ihm ungesucht aus dem tiefsten Herzen heraus — und darum gingen sie auch zu Herzen. Große, leuchtende Thränen glänzten in Johannas Augen. „Wie sind Sie so gut zu mir, der Einsamen, Kranken, die auf der Welt kein Glück mehr erhoffte! Aber ich fürchte, Graf Niedeck, Sie überschätzen mich, Sie halten mich für gesünder als ich bin —" „Ich wähnte Sie noch im Rollstuhl sitzend und kam dennoch als Freier zu Ihnen!" rief er stürmisch, legte den Arm um sie und zog sie an sich — „ich bin wie geblendet von dem, was ich sehe!" „Aber Sie kennen mich noch so wenig —" Da lachte er, und das Lachen machte sein Gesicht, das glückstrahlende, schön. „Mir ist es zu Sinnen, als ob wir uns schon lange, lange Jahre kennten, — so wie ein Kind sich seine Weihnachtspuppe in Gedanken ausmalt und wenn es sie dann am heiligen Abend in den Händen hält, ausruft: „ja — die meinte ich! die gerade, die wollte ich haben!" Nun lachte sie auch, aber sie lehnte das Haupt an seine Schulter und flüsterte: „Es ist ja erst Sommerzeit! ich kann es noch gar nicht fassen und begreifen, daß" es schon Weihnacht für mich geworden!" Einen Augenblick blieb cs still, nur zwei übervolle Menschenherzen köpften in dem Rausch unglaublichen Glückes zum Zerspringen. Ein nie gekanntes Getühl durchschauerte den einsamen Mann, als er die weiche, kleine Mädchenhand mit festem Druck in der seinen fühlte, als er die Wange auf ihr seidenweiches Haar preßte. Er, welcher aus Haß und Rachsucht den Plan gefaßt, zu heirathen, welcher hierher gekommen war, einzig um eine Gemahlin zu gewinnen, welche die Wünsche und Hoffnungen des Grafen Rüdiger durchkreuzen sollte, er saß plötzlich als zärtlicher Bräutigam zu Füßen der Erwählten, voll himmel- anstürmcnder Seligkeit den Inbegriff alles Glückes in ihr vergötternd! Und Johanna, welche im ersten Augenblick in dem Freier nur einen Erlöser aus tiefster Verlassenheit gesehen, von welchem sie nur das Bescheidenste erhofft, den Genuß, ohne Sorgen in Niedeck, dem freien, waldumrauschten wohnen zu können, sie fühlte es plötzlich so frühlingswarm in ihrem Herzen emporquellen, als sei ihr in dem Freier, welchen alle Welt so häßlich nannte, das Ideal aller edlen, treuen, preisenswerthen Männlichkeit erschienen. Wenn es bei den Frauen vom Mitleid bis zu der Liebe nur eines kleinen Schrittchens bedarf, so gehr bei ihnen die Dankbarkeit mit der Liebe wohl immmer Hand in Hand. Es war ein wunderliches Finden, welches die beiden Herzen dieser einsamen, freudearmen Menschen verband. Eines fühlte sich tief und unauslöschlich in der Schuld des Anderen, eines erblickte in dem Anderen seinen größten Wohlthäter, Jedes empfand das Glück, welches ihm geworden, als unverdientes Gnadengeschenk, welches ihm die Barmherzigkeit geschenkt. Im Uebermaß des Empfindens waren sie Beide verstummt. Hand in Hand saßen sie nebeneinander, — vor einer Stunde noch fremd und weltenfern — jetzt im innigsten Glück vereint für alle Zeit. Willibald küßte die Braut auf den Mund: „Laß uns zu Deinem Bruder gehen!" bat er. Und sie gingen, wie von Engelsschwingen getragen. Ein wunderliches Brautpaar. Der häßliche, unförmige Mann, das hinkende, verkrüppelte Mädchen; und doch stand der Himmel über ihnen offen, und sie hörten den Liebespsalter der Cherubim. (Kortsetzung folgt.) — 496 s Entstehung des Petroleums aus Leichen. Verschiedene Erklärungsarten über das Vorhandensein deS Erdöls, mancherlei Hypothesen über seine Entstehung sind von der Wissenschaft und von Fachleuten aufgestellt worden, ohne daß man bis heute zu einem unzweifelhaften Resultat gelangt wäre. Eine dieser Ansichten, nämlich die, daß das Erdöl (Petroleum) thierischen Ursprungs sei, wird jetzt immer mehr durch die an den Gewinnungsorten zu Tage tretenden fossilen Reste vorweltlicher Thiere, von welchen man in den Schiefergesteinen vorzügliche Abdrücke findet, bestätigt. Das Petroleum soll sich durch Zersetzung des Fettes von Seethieren aus früheren geologischen Perio- den unter Einwirkung von Wärme und hohem Druck gebildet haben. Ein Dr. Engler hat chemische Versuche angestellt, welche wohl im Stande sind, den Zusammenhang zwischen dem Erdöl und den animalischen Resten zu erklären. Er fand, daß in den fossilen MammuthsknoLen und in den Knochen mehrerer anderer Thiere noch Fettreste vorhanden sind, welche nur aus Kohlenwafferstoffen bestehen und ihrer organischen Eigenschaften wegen nicht verwesen können. Es ist dieses dieselbe Substanz, welche beim Verwesen des menschlichen Körpers als Rückstand außer den Knochen übrig bleibt und auf kleinen, stark benützten Begräbnißplätzen den Boden derartig sättigen kann, daß ein Verwesen weiterer Körper nicht mehr möglich ist, wodurch solche Friedhöfe oft die Brutstätten von Krankheiten bilden können. Es ist dieses auch ein vornehmlicher Grund, der Feuerbestattung das Wort zu reden. Diesen Stoff nun benutzte Dr. Engler zur künstlichen Darstellung von Petroleum, indem er den einen Schenkel einer in einem Winkel gebogenen Glasröhre mit der Masse ansüllte, darauf das Ende der beiden Glasschenkel zuschmolz und das gefüllte Glasrohr der Einwirkung einer Hche von 800 bis 400° C. aussetzte. Dabei destillirte eine Flüssigkeit in den andern, kalt gehaltenen Glasschenkel über, welche sich in keiner Weise von Petroleum unterschied. Man konnte die Flüssigkeit, ganz wie bei dem natürlichen Erdöl, in die verschiedenen Bestandtheile (Paraffin, Benzin u. s. w.) zerlegen. Auch Schweinefette, Hammeltalg und die Fettstoffe anderer Thiere wurden in derselben Weise behandelt und ergaben dasselbe Product. Bekanntlich wird das Erdöl sowohl in Amerika, als auch im Kaukasus, in der Umgebung von Baku, in ganz colossalen Mengen theils aus Schöpsbrunnen, theils aus Springquellen gewonnen. Die Ansammlung von so gewaltigen Massen von Thierleichen, welche zur Erzeugung der ungeheuren Erdölmengen nothwendig sind, wird durch folgende Hypothese zu erklären versucht: Eine Bucht ist beispielsweise durch eine Barre vom Meere getrennt worden und das Wasser hat sich durch Verdunstung concentrirt. Wird später durch irgend eine Katastrophe die Barre durchbrochen, so ergießen sich die so entstandenen Mutterlaugen in das Meer und tobten alles Leben, wobei mit der Zeit die gewaltigen Massen von Thierleichen durch Niederschläge aus dem Waffer bedeckt werden uns das Material für ein Erdöllager abgeben. Weitere Beobachtungen und Untersuchungen müssen lehren, ob die ausgesprochenen Ansichten sich als richtig erweisen. Ba. Gein-rnnÄtzig-S. Die ObfivLnme können schon, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, im October beschnitten werden. Man schneidet an den Fruchtzweigen das überflüssige Holz weg. Die Leitzweige kommen erst im Frühjahr daran. Die Pfirsich- und Aprikosenbäume vertragen den Herbstschnitt ebenfalls sehr gut. Durch den Herbstschnitt wird eine Anhäufung der Nährstoffe in den stehenbleibenden Aesten erzielt und dadurch die Entwickelung der Fruchtaugen begünstigt. ♦ * * Am tauglichste« für den Gemüsegarten ist Rmd- viehdu g, er ist kräftig, mild, nicht zu hitzig und darum passend für fast alles Gemüse. Pferdedung verwende man nur vermengt mit alter Gerberlohe und Kalk und gut verfaultem Schaf- und Ziegendung, ihn können die Pflanzen nur in geringer Menge vertragen- Schweiuedung ist zu träge und kalt, Geflügeldung zu hitzig und nur bei wenigen Gemüsen mit Vortheil verwendbar. Die menschlichen Excremente düngen sehr stark, sind weniger hitzig als Pferd- und Schaf- dung, dürfen aber ihrer ätzenden Eigenschaften wegen nie in frischem Zustande, sondern nur als Compostdünger in Anwendung kommen. Unter den festen, nicht thierischen Dung- stoffen sind Schlamm und Straßenschmutz, Malzkeime, Knochenmehl, Hornspähne und vor allem Ruß und Holzkohle sehr gute Dungmittel für den Gemüsegarten. ♦ * * Mit Recht findet der Sellerie auch in Deutschland immer mehr Anhänger, Sellerie ist als Gemüse und Salat den ganzen Winter hindurch gut zu verwerthen und tst gesund und bekömmlich. Seine Aufbewahrung macht keine großen Schwierigkeiten, nur müssen die Knollen gut vorbereitet werden, besonders müssen die Blätter einzeln abgerissen, nicht auf einmal abgeschnitten werden. In der neuesten Nummer des „Practischen Rathgebers" ist eine richtig vorbereitete Sellerieknolle abgebildet, auch sind bei, dieser Gelegenheit genaue Beschreibungen gegeben, wie Sellerie in einfachen Erd- gruben am besten aufbewahrt wird. Die Nummer des „Practischen Rathgebers" wird gern kostenlos auf Wunsch vom Geschäftsamt in Frankfurt a. Oder zugeschickt. * * $ Ei« einfaches Mittel gege« das Ungeziefer der Hunde besteht darin, daß man wöchentlich zweimal die Hunde mit der Bürste und dem Putzzeug putzt, mit welchem man kurz vorher ein Pferd gereinigt hat. — Ein anderes Mittel bereitet man sich auf folgende Weise: Man gießt 20 Gramm Benzin in 160 Gramm Wasser, fügt noch 10 Gramm Schmierseife hinzu und reibt alsdann den Hund mit einem Tuche ab, welches man zuvor mit dieser Flüssigkeit getränkt hat. Humoristisches. Aus demGerichtssaal. Vorsitzender (zum Zeugen): „Als Vater des Angeklagten steht Euch das Recht zu, Euch der Zeugenschast zu entschlagen. Wollt Ihr Euch vernehmen lassen, so müßt Ihr die Wahrheit sagen!" — Zeuge: „Sell wohl — i’ sag' blos, was V woaß!" — Vorsitzender: „Nun, was wißt Ihr also von der Sache?" — Zeuge: ,,J' woaß gar nix'n!" * Vorschlag zur Güte. Handwerksbursche (zu einer kartenspielenden Gesellschaft): „Ich bitte um eine Unterstützung !" — Spieler: „Wir geben nix! Schauen's, daß Sie sich ein Geld verdienen!" — Handwerksbursche: „Erlauben die Herren vielleicht, daß ich mitspiele?" * * * Aus der Schule. Lehrer: „Ein Reptil ist ein Thier- chen, das an der Erde entlang kriecht. Wer kann mir wohl eins nennen ?" — Der kleine Adolf: „Mein Schwesterchen! * * * Doppelte Arbeit. „Die Vorbereitungen zum Staatsexamen sind wohl nicht leicht, Herr Studiosus?" — „Das will ich meinen, wo man sich und seinen Alten vor- bereiten muß!" Redaktion: 8L Scheyda. — Druck und «erlog der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) m Bietzen.