W SÄ MW Ri11 UMZ« W ch, daß doch dann erst, wenn sie uns entrissen, : Wir unsere Lieben recht zu lieben wissen. Du darfst Dich nimmer selbst verzehren Im Schmerz, den Gott Dir zugetheilt; Die eig'ne Wunde soll Dich lehren, Wie man des Nächsten Wunde heilt. Im wunderschönen Monat Mai. Erzählung von Sühring-Bardey. (Fortsetzung.) „Oho! hier geblieben, Cousinchen! Siehst Du nun, wozu der Zopf gut ist?" Und indem er versuchte, ihr in die gesenkten Augen zu blicken, fügte er bittend hinzu: „Erst einen freundlichen Blick, sonst kommst Du nicht frei." Zaghaft hob Ursula den Kopf und sah lächelnd zu ihm auf. Dann aber, als sich langsam seine Hand von dem weichen Gelock löste, eilte sie schnell dem Hause zu. Sinnend blickte ihr der Lieutenant nach. Was war nun an dem ganzen, zierlichen Wesen für ein Zauber, daß man ihr so gut sein mußte! Erschrocken hielt er bei dem Gedanken inne. War er ihr denn gut? Wirklich gut? „Nun, warum auch nicht? Sie war ja seine Cousine! Mit Liebe hatte das Gefühl nicht im Entferntesten Aehnlich- keit, es waren nur die dunklen Augen, die ihm an ihr gefielen. Wirklich nur die Augen! — Noch eine ganze Weile stand der Lieutenant auf demselben Fleck, sah in den sonnigen, blauen Frühlingshimmel und dachte an das süße, verlegene Lächeln, das vorhin über das Gesicht der kleinen Ursula gehuscht war. Als am Abend dieses Tages Herr und Frau Linde noch einen Augenblick allein im Wohnzimmer saßen, meinte Ersterer: „Es ist nur gut, daß Ursels Freundin bald kommt. Der Fritz und die Ursel sind zu viel sich selbst überlassen. Zwei junge, leidlich hübsche Menschenkinder so mitten im Frühling und immer allein, — die müssen sich ja schließlich lieben." „Aber, Mann!" rief lachend Frau Linde, „so poetisch hast Du Dich ja in den achtundzwanzig Jahren unserer Ehe noch nicht ein einziges Mal ausgedrückt, — das ist ja für Deine Verhältnisse das reine Gedicht. Aber weißt Du," fuhr sie dann Plötzlich ernster fort, „ich halte es auch nicht für solch ein Unglück, wenn die Beiden sich wirklich lieben sollten. Ich bin dem Fritz gut." „Ja, ja, ich auch, Alte, aber Du hast mich vorhin nicht richtig verstanden, ich meine, sie bilden sich schließlich ein, daß sie sich lieben/ denn ich bezweifle, ob das die richtige Liebe sür's ganze Leben wird, die sich so zu sagen, aus Langweile „im wunderschönen Monat Mai" angesponnen. Und darum eben ist es gut, daß die Freundin dazwischen kommt. Am Ende gefällt die dem Fritz noch besser, Geld hat sie ja auch." Frau Linde schwieg. Sie konnte ihrem Mann nicht so recht beistimmen. Wenn Ursula dem Fritz nun schon gut war? — Ja, ja, ihr Mutterherz ahnte, was die Augen ihres Kindes so ganz besonders strahlend in die Welt blicken ließ. Das machte nicht allein die Frühlingspracht. „Morgen kommt Cläre!" rief an einem der folgenden Tage Ursula dem Vater entgegen, als dieser zu ihr auf die Veranda trat, wo sie Blumen in einer Glasschale ordnete. Und als er nichts erwiderte, sondern nur seinen Schnurrbart drehend interessirt den flinken kleinen Händen bei ihrer Arbeit zusah, fügte sie, leicht mit dem Kopf nickend, hinzu: „Paß' nur auf, sie ist wirklich hübsch und sehr interessant." Jetzt hob der Lieutenant mit einer ärgerlichen Bewegung den Kopf: „Ach was, hübsch und interessant! mag weit her sein. Diese Cläre sollte lieber bleiben, wo sie ist." Nun wurde Ursula aber ernstlich böse: „Du, Du, sie ist meine Freundin! Ich freue mich sehr auf sie, sehr! Und hübsch ist sie auch, Du host neulich ja selbst gesagt, als ich Dir erzählte, wie sie aussähe, daß sie — ganz nach Deinem Geschmack wäre." Das letztere kam etwas langsamer von ihren Lippen, sie wunderte sich eigentlich, daß sie das noch nicht vergessen hatte. Auch der Lieutenant mußte wohl etwas Aehnliches denken, denn ein glückliches, sonniges Lächeln flog über sein Gesicht, und seine Augen schauten so warm auf Ursula, daß diese verlegen die ihren senkte. Da Plötzlich — Fritz wußte selbst nicht recht, wie er dazu gekommen — stand er neben ihr und, leicht einen Arm um ihre Schulter legend, sagte er: „Weißt Du, Ursel, als meine Cousine könntest Du mir eigentlich einen Kuß geben. Ja, gewissermaßen bist Du ihn mir schuldig, darf ich?" Und indem er ihr Gesicht zu sich emporbog, sah er ihr schelmisch bittend in die Augen. Aber merkwürdig, trotz der dunklen Röthe, die bei seinen Worten in ihr Antlitz gestiegen war, wagte er nicht die rothen Lippen, die ihm doch so nahe waren, ohne Erlaubniß 442 mit den seinen zu berühren. Die großen, braunen Augen blickten ihn auch gar zu erstaunt an, als die Besitzerin derselben jetzt klar und ruhig entgegnete: „Lieber nicht, Vetter!" „Lieber nicht, Vetter!" wiederholte hell auslachend Fritz Malten, wenn ich es nun aber lieber doch thäte, Cousinchen?" „Ich weiß, Vetter, daß Du es nicht thuft, wenn ich cs nicht will." Und furchtlos blickte sie in die verlangenden blauen Augen über sich. Da, ohne noch eine Wort zu sagen, gab er sie frei. Und während sie jetzt die fertige Blumenschale in das Zimmer trug, blickte er lange sinnend in das grüne Laubwerk des Gartens. Was war es nur gewesen, das ihn zurückgehalten, die Cousine trotz ihres „nein" zu küssen? Denn bei jeder Anderen hätte er es gethan. Ja, was war es gewesen? Immer wieder fragte er es sich, aber eine Antwort fand er nicht. „Ursel, meine liebe, kleine Ursel! Wie nett von Dir, mich von der Bahn abzuholen! O, wie freue ich mich, daß ich Dich wieder habe!" Und abermals schlang Cläre Brandt ihre Arme um die Freundin und drückte einen innigen Kuß auf deren Mund. Fritz Malten, der mitgefahren war zur Bahn, stand währenddessen daneben und beobachtete mit sehr gemischten Gefühlen das Wiedersehen der beiden jungen Damen. Hübsch war sie ja, diese Cläre! Vielleicht ein wenig zu viel der Fülle für ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, doch die graziösen, elastischen Bewegungen ließen dies fast vergessen. Und das Gesicht! Mächtig interessant. Aber zum Donnerwetter noch mal! Was nutzte ihm das Alles, wenn sie nicht bald aufhörte, die Ursel zu drücken und zu küssen. Angst und bange konnte einem ja werden, daß das große Frauenzimmer seiner kleinen Cousine ein Leid anthat, mit solcher Kraft und Ausdauer hielt sie dieselbe in den Armen. — Na, Gott sei Dank, endlich wurde Ursel sreigegeben! Und jetzt wandte sich Letztere und machte ihn mit der Freundin bekannt. „I, du meine Güte! Sogar hier in der Einöde geht cs nicht ohne Lieutenants ab!" Kläre Brand rief es in fast erschrockenem Ton. „Und ich hatte es mir so schön gedacht, mich mal so ganz allein mit meiner kleinen Ursel zu amüsiren." Wahrhaft verblüfft starrte Fritz Malten für einen Augenblick in das hübsche Mädchenantlitz vor sich. So etwas war ihm doch wirklich noch nicht vorgekommen. Das von einer jungen, hübschen Dame, — ihm, dem flotten Lieutenant Malten, der in Berlin stets bei allen Damen willkommen war! Na, warte, da gehört eine Antwort drauf, und sich förmlich verneigend, entgegnete er: „Sehr verbunden, meine Gnädige! Ich wäre freilich auch mit meiner kleinen Ursel" — er betonte die letzten Worten ganz besonders — „lieber allein geblieben, aber man muß sich ja in so Manches zurechtfinden, warum sollten wir" — Weiter kam er nicht, Helles Gelächter der Neuangekommenen unterbrach ihn, und indem sie ihm die Rechte reichte, rief sie: „Das war brillant gegeben/ ich glaube doch, wir werden uns verstehen. Also auf gute Freundschaft, nicht wahr?" Vollkommen versöhnt schlug Fritz ein: „Gewiß, gnädiges Fräulein, damit bin ich gerne einverstanden." „Und das „gnädige" heben Sie sich nur getrost für Berlin auf! Es paßt so gar nicht für's Land, habe ich immer gefunden. Hier heiße ich nur Fräulein Cläre." „Wie Sie befehlen, Fräulein Cläre," entgegnete lachend der Lieutenant. Das war ja ein famoses Mädel, eine richtige Berlinerin! Jetzt hatten sie den Wagen erreicht. Nachdem die beiden Freundinnen Platz genommen, schwang Fritz Malten sich auf den Bock zu dem Kutscher und, diesem die Zügel abnehmend, rief er nach rückwärts: „Ich möchte den beiden Damen Gelegenheit geben, sich gleich einmal gründlich auszusprechen." Im Anfang widmete er sich ganz den Pferden, aber dann konnte er es doch nicht lassen, ab und zu auf das leise geführte Gespräch der Beiden da hinten zu horchen. Doch er verstand nur einzelne Worte. Erst als das Gefährt in den weichen, sandigen Landweg einbog, war es ihm möglich, dem Gespräch etwas mehr zu folgen. „Du bist ja so ganz anders wie früher, fehlt Dir etwas?" schlug jetzt ganz deutlich Cläres Stimme an sein Ohr: „O nein, gar nichts, das kommt Dir nur so vor." — Eine Weile Schweigen/ darauf von Neuem die Freundin — zwar um Vieles leiser, aber doch noch verständlich —: „Ursel! Ursel! Was ist mir das mit Dir? Da drinnen hat doch wohl kein Militär Quartier genommen? Siehst Du, siehst Du! Du wirst ganz roth! Ach was, Unsinn! Das kann man ja da vorne unmöglich verstehen." Und nun vernahm der Lauschende nur noch Flüstern und Kichern. — Also roth war sie geworden/ ob sie ihm wirklich ein wenig gut war, die kleine Cousine? — Ein glückliches Lächeln flog bei diesem Gedanken über das frische Gesicht des jungen Mannes. — Es war doch ein merkwürdiges Gefühl zu denken, daß diese kleine Libelle ihm ein wenig gut war. — Daß sein Herz ihr schon lange gehörte, darauf kam der Herr Lieutenant nicht. Und wie sollte er auch, sie war ja nun einmal so gar nicht nach seinem Geschmack! Nun war Cläre Brandt schon drei Tage in Worklin. Im Umsehen hatte sie die Herzen von Papa und Mama Linde genommen. „Ein Wettermädel, Deine Cläre," meinte Ersterer zu Uriel, „und ein hübsches Mädel, die wird nicht mehr lange so herumlaufen." — Ursel hatte nur schweigend mit dem Kopf dazu genickt. Das Herz war ihr so schwer, — sie schwärmte ja selbst für die Freundin und hatte es stets für selbstverständlich gehalten, daß ihr alle Herzen in Liebe zuflogen. Und doch, ein Herz, nur ein einziges, hätte sie gar zu gern für sich behalten! Seit die Freundin in Worklin, war Alles so ganz anders geworden. Sie machten zwar nach wie vor Fußtouren, lustige Fahrten mit dem Ponnyfuhrwerk und Wafferpartieen auf dem kleinen See, — aber es war doch schöner vorher, als sie mit dem Vetter allein gewesen. Jetzt unterhielt er sich ja eigentlich nur mit Cläre. „Ein Witz jagte den anderen," wie diese sich in ihrer etwas burschikosen Weise ausdrückte, uud immer wieder erscholl das herzliche Gelächter der Beiden/ natürlich stimmte sie dann schließlich auch mit ein, doch so recht von Herzen kam ihr das Lachen nicht. Aber war es wirklich nur allein der Freundin Gegenwart, die Alles so verändert hatte? Nein, nein, sie wollte ehrlich gegen sich selbst sein, es war auch noch etwas Anderes! O, warum mußte der Vetter sie auch küssen, und — warum hatte sie es sich ge> fallen lassen! — Sie hatten alle drei Kahn fahren wollen, sie — Ursel — war noch schnell nach oben geeilt, um von ihrem Zimmer ein Tuch zu holen/ mit Sturmesschritten lief sie durch den Corridor, da plötzlich hatte sie der Vetter, wo der Corridor die Biegung machte, im Arm gehalten! „Kleine Ursel!" flüsterte er zärtlich, und dann ruhten für einen kurzen Augenblick seine Lippen heiß und innig auf den ihren. — O Gott! noch jetzt zitterte sie, wenn sie daran dachte. Recht zur Besinnung war sie eigentlich erst wieder gekommen, als sie mit Cläre durch den Garten dem kleinen See zugeschritten war. Und seit diesem Kuß war es ihr nicht wieder möglich, offen in die Augen von Vetter Fritz zu schauen. Er selbst war ja auch seit der Zeit ein Anderer geworden. Natürlich war es ihm peinlich, daß er es gethan hatte, jetzt, wo sich sein Herz — daran zweifelte Ursula keinen Augenblick — immer mehr ihrer Freundin zuwandte. Heute, es war Sonntag, schaukelte unser Kleeblatt schon am Morgen auf dem Wasser herum. — Ein köstlicher, stiller Frühlingstag! Kein Lüstchen regte sich, hell und klar spiegelte sich der blaue Himmel im See, und vom Ufer her sandte eine Nachtigall ihre sehnsüchtigen Töne zu den drei jungen, fröhlichen Menschenkindern int Nachen. — Fröhlich? 448 Im Grunde genommen war nur Cläre die Fröhliche. Wenn i der Lieutenant sich auch Mühe gab, in den heiteren Ton des jungen Mädchens einzustimmen, so recht wollte es ihm doch nicht gelingen. Immer wieder flogen seine Blicke zu dem kleinen Steuermann, zur Cousine Ursel hinüber. — Sie machte heute doch auch ein gar zu ernstes Gesicht! Ob sie ihm den Kuß noch immer nicht vergessen hatte? O dieser unselige — und doch so selige Kuß. Es war ja eine Dummheit von ihm gewesen, eine grenzenlose Dummheit. All diese Tage hatte er sich schon Gewissensbisse darüber gemacht, aber doch — er wußte ganz genau — hätte er den glücklichen Zufall nicht benutzt, sein Gewissen würde ihn noch mehr quälen, das stand fest. — Ja, ja, dieser Kuß! Merkwürdig, er — Fritz — hatte schon manchen Mädchen mund geküßt, und heiß und leidenschaftlich war oft sein Kuß erwidert worden, — aber keiner, keiner von allen hatte ein so reines, wonniges Gefühl in ihm zurückgelassen, wie dieser Kuß, den er der kleinen Ursel geraubt. Noch jetzt war ihm, wenn er daran dachte, als spüre er die weichen, kühlen Mädchenlippen auf seinem Munde. „Aber, zum Donnerwetter!" riß ihn plötzlich Cläre Brandts ärgerliche Stimme aus all seiner süßen Träumerei, „ein Lieutenant sollte doch wirklich etwas mehr Tact besitzen. Und wenn wenigstens noch eine lebhafte Unterhaltung die Ursache Ihres abscheulichen Ruderns wäre! Aber so!" „Der reine Unteroffizier!" rief lachend Fritz Malten. „Sagen Sie blos, Fräulein Cläre, von wem haben Sie das Fluchen gelernt?" Einen Augenblick sah die Angeredete ganz verdutzt zu dem Lieutenant auf, dann meinte sie in ihrem alten, heiteren Ton: „Ich glaube von Papa. Manchmal sagt er freilich selbst zu mir: „Mädchen, gewöhne Dir das Fluchen ab, die Welt verzeiht das einem Frauenzimmer nicht." Aber als ich mich neulich ernstlich bemühte, recht sanft zu sein, da ries er wieder fast entsetzt: „Um des Himmelswillen, gieb Dir keine Mühe, das steht Dir erst recht nicht, das paßt nicht zu Deiner Gardefigur; bleib' lieber wie Du bist." Sehen Sie, so sagte er. Und wissen Sie, was er noch hinzufügte? Schwer würde es freilich halten, daß ich einen Mann fände, der unter meiner rauhen Hülle den guten Kern entdeckte. — Recht schmeichelhaft für mich, nicht wahr?" Das Alles war mit solcher freimüthigen, kindlichen Offenheit hervorgesprudelt, daß man der Sprechenden trotz ihrer kräftigen Ausdrucksweise gut sein mußte. Und dasselbe mußte auch wohl Fritz Malten denken, denn er erwiderte jetzt schelmisch lächelnd: „Und ich finde, die Hülle ist gar nicht mal so rauh, Fräulein Cläre. Ich verstehe Ihren Herrn Vater---Halt! halt! Ich habe ja schon meinen Sonntagsanzug!" Klatschend war nämlich Cläres Ruder bei des Lieutenants Neckerei in das Wasser gefallen, und hellauf wie Diamantregen sprühte es jetzt dem Letzteren entgegen. Aber die junge Dame fand wohl selbst, daß die Strafe etwas zu kräftig ausgefallen sei, denn ganz erschrocken rief sie nun: „O nein, so schlimm sollte es nicht werden! Sehen Sie wohl, das war wieder etwas von der rauhen Hülle, die Sie vorhin bestreiten wollten. Immer grob und derbe! Ja, ja, Papa hat recht. Wie sehen Sie nur aus, von oben bis unten naß! Nein, zum Donnerwetter, das hatte ich wirklich nicht--" Plötzlich hielt sie inne, ganz erstaunt den Lieutenant und dann wieder Ursel ansehend- Beide waren in ein schallendes Gelächter ausgebrochen. „Du hast ja schon wieder gedonnert!" rief Ursula. Betroffen schwieg Cläre einen Augenblick, dann meinte sie ganz kleinlaut: „Ja wahrhaftig, ich glaube es auch. Seht Ihr wohl, so schlimm steht es schon mit mir, ich merke es gar nicht mehr." Zu derselben Zett, als sich diese kleine Scene im Boot abspielte, stand dort am Ufer — halb versteckt von einer alten Weide, die ihre langen, knorrigen Neste weit über das Wasser hinausstreckte — Carl Forken und verfolgte mit seinen Blicken das Boot auf dem See. Von Tag zu Tag hatte er auf weitere Nachricht von Fritz Malten gewartet. Aber vergebens! Weder ein Brief noch er selbst! Da hatte er sich denn kurz entschlossen selbst aufgemacht, um nach dem Freunde zu sehen. Herr Linde hatte ihm gesagt, die jungen Leute schwämmen auf dem Wasser. Also das mußten sie dort sein. Und jetzt hörte er auch ganz deutlich — das Boot schien näher zu kommen — das helle fröhliche Lachen des Freundes. Aber Fritz hatte ihm doch nur von einer Cousine gesprochen und geschrieben, und da saßen ja zwei Damen. Nun, vielleicht eine Stütze, Gesellschafterin oder so etwas Aehnliches. Die am Steuer mußte „Cousine Ursel" sein. Unwillkürlich kam ihm das gesponnene Glas in den Sinn, so klar und deutlich zeichneten sich die feinen, zarten Umrisse ihrer Gestalt gegen die Luft ab. — Jetzt erhob sich die zweite Dame. Das war ja eine herrliche, wunderschöne Figur! Ja, da war es kein Wunder, wenn der Freund bei seiner Geschmacksrichtung in dieser Beziehung das kleine Cousinchen außer acht ließ! Plötzlich erscholl in energischem, kurzem Ton eine weibliche Stimme aus dem Boot zu Forken herüber — es war entschieden die der großen Dame — : „Hören Sie auf zu rudern!" und dann immer heftiger und lauter: „Aufhören, aufhören!! Bombenelement! So hören Sie doch auf!" (Fortsetzung folgt.) Wohl bekomm's! Gastronomische Plauderei von Hermann Greiling. ------- (Nachdruck verboten.) Den meisten Sterblichen geht nichts über ein gutes Diner! Es fragt sich nur, was man unter einem guten Diner versteht. Schon bei uns Europäern sind die Ansichten über diesen Punkt durchaus verschieden. Der Eine ißt gern Röstrippchen, der Andere gern Caviar. Dieser kann nicht genug Schweinebraten bekommen, Jener mag ihn nicht sehen. Ein Anderer ist wieder Vegetarier und Jenem geht nichts über Beefsteak ä la tartare. Noch anders stellt sich die Frage, wenn wir uns die culinarischen Genüsse anderer Völker in der Nähe ansehen — wir sagen ansehen, denn zum Mittessen dürften unsere Leser üt den meisten Fällen wenig Lust verspüren. Alles ist eben Sache des Geschmacks und der Gewohnheit, und de gustibus non est disputandum! Die alten Römer liebten gewiß eine gute Tafel und doch rufen wir bei manchen ihrer theuer bezahlten Leckerbissen: „Guten Appetit!" Froschkeulen, Schnecken und Aehnliches wollen wir noch hingehen lassen, denn sie finden bei uns ja ebenfalls Liebhaber, dagegen rümpfen wir bet dem von dem Redner Hortensius zuerst auf die Tafel gebrachten Pfauenbraten, der mit einer stark gewürzten Sauce gegessen werden mußte, bedenklich die Nase. Der gebratene Storch imponirt uns nicht einmal als Versuchsgericht — indeß, wer weiß, vielleicht haben die römischen Köche die Zubereitung gut weg- gehabt. Mit recht knusprig gebratenen Beinen hat Bruder Langbein vielleicht gar keine so üble Speise abgegeben. Bei den mit Sclavenfleisch groß gefütterten Muränen aber läuft uns ein Schauer über die Haut. Im großen Ganzen nimmt sich ja folgendes Menu eines Mahls der Pontifices, an dem Cäsar theilnahm, nicht übel aus: See-Igel, rothe Austern, Riesen- und Stachelmuscheln, Drosseln mit Spargel, gemästetes Huhn, Ragout von Riesenmuscheln und Austern, schwarze und weiße Seemuscheln, Gienmuscheln, Seenesseln, Feigendrosseln, Lendenstücke von Rehen und Ebern, Geflügelpasteie, Feigendrosseln mit Purpurschnecken, Sau-Euter, Schweinskopf, Fischragout, Enten, Krikenten, Hasen, gebratenes Geflügel, Picenter brod, Nachtisch. Sowohl Qualität als Quantität genügen für den leistungsfähigsten Magen. Die Römer der untergehenden Republik und der Kaiserzeit vermochten aber auch 444 - etwas zu consumiren, ja, wenn der Magen voll war, so griffen sie zu dem Mittel künstlicher Entleerung — sie erbrachen sich nämlich — um wieder mit neuer Kraft Weitereffen zu können! Selbst der „große" Cäsar huldigte diesem kamtschadkaischen Gebrauche. Als große Feinschmecker galten von jeher die Chinesen. In der That, ihren indischen Vogelnestern gewinnen auch manche unserer Gourmets Geschmack ab. Diese indischen Vogelnester rühren von den Salanganen, einer Vogelart in der Größe unserer Schwalben, her, die in großen Felsenhöhlen Siams, Bengalens, Ceylons u. s. w. ihre Nester an- legen. Sie bestehen aus dem zähen Schleim, den diese Vögel aus ihren Speicheldrüsen absondern und Klümpchen an Klümpchen an die Wände heften, daraus Nester von der Art der unserer Schwalben formend. So sind also die Nester aus rein animalischem Stoff — einem Mittelding zwischen Eiweiß und Gallerte — gebildet,- wie Fleisch kocht man sie in kräftigen Suppen und bereitet sie auf mannigfache Weise zu. Die rein weißen gelten als die besten, die Ernte findet drei- bis viermal im Jahre statt. Außerdem gelten bei den Chinesen Hunde, Katzen und Ratten für Leckerbissen. Hunde werden noch ganz jung gemästet und in Körben feilgeboten, Katzen öffnet man das Maul und untersucht ihre Zähne, um zu ermitteln, ob sie noch jung und von guter Gesundheit sind. Ratten werden, wenn sie fett sind, getödtet, mit den Schwänzen zwei und zwei aneinander gebunden, reihenweise über lange Stöcke gehängt und so — wie bei uns Lerchen oder Krammetsvögel — auf den Markt gebracht. Kennan giebt uns den Speisezettel eines vornehmen chinesischen Gastmahls, an dem er theilnahm, wie folgt an: Schwarze Schwämme, Krebsschwänze, Baummoos, Seegras, Fleischpuddings aus feingehacktem Kalbfleisch in Brodteig gebacken, feingehacktes Fleisch in kleine Klöße geknetet und gebacken, gekochtes Geflügel in einer dicken weißlichen Gallerte mit großen Schnecken angerichtet, kleine Fletschpasteten, eine Art Fett in weichen, weißlichen, durchscheinenden Stücken, gebratenes Spanferkel, kleine Stückchen Hammelfleisch, Hühnchen in langen, dünnen Fasern, Reis, eigenthümliche harte, holzige Schwämme oder Flechten, gekocht und mit dunkler Fleischsauce servirt, dünne Maccaroni, Hahnentöpfe und sieben verschiedene, gleichzeitig aufgetragene Suppen. Im Ganzen kamen etwa vierzig Gänge auf die Tafel, wozu jeder Gast zwei bis drei Näpfchen chinesischen Essig vertilgte, fünfzehn bis zwanzig Saki- becher heißen Reisbranntwein und einige Humpen Champagner trank. Die Kaffern und Buschmänner betrachten die Heuschrecken, die in ungeheuren Schwärmen das Land überziehen, als Delicateffe. Sie rösten die Thiere schwach am Feuer und verspeisen sie, nur Hinterbeine und Flügel oder auch gar nichts übrig lassend, in unglaublichen Mengen. Brehm bezeichnet den Geschmack der Speise als widerlich — die Eingeborenen scheinen darüber anderer Ansicht zu sein. Als die Hauptnahrung der Muschilange — eines Negervolkes aus dem Innern des dunklen Welttheils — bezeichnet Wißmann einen Brei von Moniakmehl, „Bidia" genannt, sowie „Mussapu", ein zu einer Suppe verdünntes Hirsepuree, dazu werden als „Niama" (Zuspeisen und Fletsch) außer allen Arten von Fleisch gedörrte Raupen, Heuschrecken, Erdnüsse, Flugtermiten, Fische, Bohnen, Salz und rother Pfeffer gegessen. Unsere Leser finden vielleicht vorstehendes Menu nicht besonders einladend, wenn sie aber die Wahl hätten, mit den Kamtschadalen oder den Muschilange zu essen, so würden sie ganz gewiß mit Vergnügen bei letzteren zu Tische sitzen. Die Haupt- und Lieblingskost der Bewohner Kamtschatkas besteht nämlich in stinkenden Fischen, welche man in Gruben aufbewahrt, worin sie nach unseren Begriffen stinkend, nach denen der Kamtschadalen aber sauer werden. Mit großem Appetite verzehren die Eingeborenen diese Fische, die in einem hölzernen Tröge mit glühenden Steinen gekocht werden. Sie sind gut sauer, sagt der Kamtschadale, denn in Kamtschatka stinkt nichts, da wird Alles nur sauer. Menschen und Hunde genießen von dem entsetzlichen Fräße. Bei einzelnen Stämmen Südamerikas sind Rind- und Schweinefleisch sowie einige Fischarten verpönt. Außer Wild- pret und Fischen bildet ihre Hauptnahrung das Cassababrod, das sie aus der in ihrem natürlichen Zustande giftigen Moniak- wurzel bereiten. Aus diesem Brode, das mit unserem Hafe'> mehlkuchen Aehnlichkeit hat, bereiten die Frauen das Lieblingsgetränk ihrer Männer, das Paiwari, und zwar aus folgende appetitliche Manier. Sie brechen etwas schärfer und brauner als sonst gebackenes Cassababrod in kleine Stücke und gießen kochendes Wasser darüber. Dann rühren sie es mit den Händen um, zermalmen die ganz gebliebenen Stücke mit den Zähnen, speien sie wieder in das Gefäß und überlassen das Ganze dann der Gährung, die durch diesen unsauberen Proceß bedeutend gefördert wird. Ebenso wird das Cassini, ein berauschendes Getränk aus süßen Bataten, bereitet. Die Neuseeländer leben von Kartoffeln, Fischen, süßen Bataten, Schweinen, Mais und Farrnwurzeln Auch ihnen gilt Hundefleisch als Leckerbissen, ebenso den Bewohnern der Sandwichsinseln. Nach dem Berichte eines europäischen Reisenden, der mit Sr. Majestät dem König Kamehamea III. zusammen zu speisen die Ehre hatte — wobei der König mit den Fingern aß und mit seinen Stücken wie alle anderen Theilnehmer in die gemeinschaftliche Brühe tauchte — soll dieser Hundebraten ungefähr wie Schweinefleisch schmecken. Die zum Abschlachten bestimmten Hunde werden besonders gemästet und zwar mit ausschließlich vegetabilischen Stoffen. Trotzdem möchten unsere Leser sogar die Kost der Indianer Argentiniens noch vorziehen. Die Stämme der Pampas leben hauptsächlich von Pferdefleisch. Ein besonders geschätzter Leckerbissen sind Kuchen aus geronnenem, stark gepfeffertem Pferdeblut. Manche Wildsteaks bereiten sie dadurch zu, daß sie solche, wie es die Hunnen thaten, unter ihren Decken weich reiten. Die Eskimos befinden sich wohl bei Seehundsfleisch und Thran. Cranz theilt einen grönländischen Küchenzettel mit, welcher folgende Gerichte aufweist: Gedörrte Heringe, getrocknetes, gekochtes, halbrohes, halbverfaoltes Seehundsfleisch - gekochte Alken, eine Art Seemöven; ein Stück von einem halbverfaulten Walfischschwanze — der Hauptleckerbissen, worauf die Gäste der Festgelage geladen werden; gedörrter Lachs, gedörrtes Rennthierfleisch; Confitüren mit Kräkebeeren, mit dem Magen von Rennlhieren vermischt- dasselbe Gericht mit Thran angemacht. Unseren Gourmets wird bei der Lectüre schon ein halbes Dutzend Mal weh und übel geworden sein. Dessen ungeachtet haben wir die größte Delicateffe mancher Völkerschaften noch nicht einmal erwähnt. Der Braten, welchen diese unseren vorzüglichsten Schnitzel, unserem Rehbraten und Lendenbeefsteak weit vorziehen, ist nämlich — Menschenfleisch. Wem überläuft da nicht gleich ein gelinder Schauer? „So zart wie Menschenfleisch," sagt man auf den Fidschi-Inseln, wenn man etwas besonders Wohlschmeckendes bezeichnen will Manche Stämme auf den malayischen Inseln verzehren die Herzen gefangener Feinde mit einer pikanten Citronensauce. Kinderfletsch gilt als außerordentliche Delicateffe. Die Eingeborenen der Salomonsinseln unternehmen weite Kriegszüge, um sich dies ihnen über Alles gehende Genußmittel zu verschaffen. Einem Missionär, welcher den Bewohnern der neuen Hebriden ihre Unsitte verwies, antworteten diese naiv, daß Schweinefleisch gut für ihn sei, für sie aber passe Menschenfleisch. Wir könnten noch zahlreiche Beispiele der Vorliebe für besagtes Gericht anführen, wollen es indessen genug sein lassen, um unseren Lesern den Appetit nicht zu verderben- giebt es doch Menschen, in deren Gegenwart man während des Essens nicht einmal einer harmlosen Maus erwähnen darf. Redaetiamr «. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in