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(Fortsetzung.) „Sie sprechen wohl ans eigener Erfahrung?" fragte Ethel spöttisch. „Nein," entgegnete er, „vor einem Monat noch waren die Liebe und ich einander sogar völlig fremd, sodaß ich schon anfing, mich für einen Ausnahmemenschen zu halten. Doch heute —" „Fahren Sie fort," entgegnete Ethel scherzend, als er inne hielt. Wie lieblich sie aussah, als sie ihre großen, leuchtenden Augen auf ihn heftete! „Die Sache wird interessant ! Also heute?" „Heute erkläre ich mich von der Macht der Liebe überwunden." Sie erröthete und versetzte mit kaltem Tone: „Entschuldigen Sie, wir müssen zu Großpapa zurück. Wir haben ihn allein gelassen." Mit diesen Worten verließ sie die Statue und schritt rasch den grünen Abhang empor der Terrasse zu, auf welcher ich den alten Herrn vor wenigen Minuten wandeln sah. Ihr Gefährte erhob sich mit betrübter Miene, rief die Hunde zu sich und folgte ihr. Ich athmete tief auf. Das also war der englische Freier, der junge Lord, der über das Meer gekommen war, um die junge Erbin heimzuführen. „Er ist gut und edel," dachte ich, „und er liebt sie! Sie hat hier Alles, was ihr Herz nur begehren kamt — Reichthum, Rang, Glück und Liebe. Wie seltsam dies Alles erscheint!" Konnte dieses glückliche, aristokratische Wesen meine verlorene Schwester sein? Sollte nicht eine zufällige Aehulich- keit mich getäuscht haben? Durfte ich meinem Jnstinet, 1897$ rn MM X'J.,- in Freund, der mir den Spiegel zeigt, Den kleinsten Flecken nicht verschweigt, Mich freundlich warnt, mich herzlich schilt, Wenn ich nicht meine Pflicht erfüllt: „Der ist mein Freund, So wenig et’ä auch scheint." Gellert. meinem Gedächtnis; trauen? Wo war die lahme Frau? Wo war die pockennarbige Person, welche Nan gekauft und Großmutter Serag das Geld für sie bezahlt hatte? Bald jedoch kehrte meine Ueberzeugung mit verdoppelter Macht zurück. Nein, ich täuschte.mich nicht! Mochte sie sich jetzt nennen, wie sie wollte, mochte sie noch so sehr mit Pracht und Reichthum umgeben sein — die Erbin von Greylock Woods und Nan, meine verlorene Schwester, waren dennoch eine und dieselbe Person. Was sollte ich nun thun? Ich vermochte keinen bestimmten Entschluß zu fassen, unter allen Umständen erschien es mir nicht rathsam, länger in der Nähe des Hauses zu bleiben. Ich arbeitete mich daher rasch durch das Immergrün hindurch und schlug den ersten Pfad ein, den ich traf,- ich hoffte, derselbe würde mich sicher zu der Eingangspforte führen. Dies war indessen nicht der Fall, denn als ich dem Weg eine Strecke gefolgt war, erreichte ich eine hübsche Villa, die einsam in einer Lichtung des Parkes stand. Es war noch so hell, daß ich alle Gegenstände um mich her deutlich erkennen konnte. Ich näherte mich dem Hause vorsichtig. „Welch' ein reizender Platz!" dachte ich. „Wer wohl hier wohnen mag?" Ich gewahrte nun, daß eine Piazza an der Front des Hauses entlang tief; dort unter Blumen und wilden Ranken hing eine Hängematte, in welcher eine Frau lag, die sich hin und her schaukelte. Ich vermochte ihr Gesicht, das seitwärts gekehrt war, nicht zu sehen, ich konnte nur die hübsche Form ihres Kopfes, der mit dunklem Lockenhaar bedeckt war, erkennen. Ein wallendes Gewand von Gaze und Spitzen hüllte ihre Gestalt ein, und ein weißer Arm, der mit goldenen, juwelenbesetzten Spangen geschmückt war, hing nachlässig über den Rand der Hängematte herab. Eine fieberhafte Neugierde bemächtigte sich meiner. Leise schlich ich über die Lichtung hin, leise näherte ich mich der Piazza. Ich war entschlossen, kostete es, was es wolle, die Züge der Gestalt zu erblicken, die dort in träger Ruhe lag. Ich hatte den Rasen schon halb überschritten, als eine eorpulente, brünette Frauensperson mit den Worten herans- trut: „Der Thau fällt schon, Madame- wollen Sie herein- kommen, oder soll ich Ihnen einen Shawl bringen ?" Die Gestalt in der Hängematte erhob sich halb und erwiderte gähnend: „Reiche mir die Hand, Hannah! Ich kann wohl nicht länger hier liegen bleiben. Mein Gott, wie langweilig ist es doch hier in der' Rosen-Villa!" Die dicke Braune half der Dame aus der Hängematte 384 auf die Piazza steigen, und nun standen Herrin und Dienerin vor meinen Augen. Mit stürmisch pochendem Herzen sah und erkannte ich Beide. Die Dame schritt hinkend über den Boden, indem sie seufzend meinte: „Ich werde mir wohl eine Krücke bestellen müssen- es wird von Tag zu Tag schlimmer mit meinem Knie. — Sieh' doch Hannah! Um's Himmel willen, wer ist das?" Sie hatte mich entdeckt. Hannah trat an den Rand der Piazza und blickte mich scharf an. „Wer seid Ihr?!" rief sie, „was wollt Ihr hier?" Ich war wie gelähmt und vermochte kein Wort hervorzubringen. Sie hielt mich jedenfalls für eine Landstreicherin, denn im nächsten Augenblick fuhr sie zornig fort: „Fort mit Euch, Elende, oder ich hetze die Hunde auf Euch!" Tödtlicher Schrecken bemächtigte sich meiner- ich wandte mich um und lief aus Leibeskräften dem Gebüsch zu. Glücklicherweise erreichte ich den Pfad, der zu der Eingangspforte führte. Bald befand ich mich auf der Landstraße. Meine Vermuthung war jetzt zur Gewißheit geworden, ich wußte, daß ich Nau gefunden hatte. Leise schluchzend lenkte ich meine Schritte zur „Katzen- Herberge" zurück. Elegante Equipagen rollten an mir vorüber und bedeckten mich mit Staub, aber ohne darauf zu achten, schritt ich weinend und mit schwerem Herzen meines Weges weiter. Sollte ich mich jetzt der glücklichen Erbin von Greylock Woods zu erkennen geben? Sollte ich Harmony-Alley und Großmutter Serag in ihxem schlummerndem Gedächtniß wachrufen? Sollte ich ihre Geschichte dem englischen Baronet und der Welt erzählen? Nein! Nein! Nein! In meinem kurzen, elenden Leben hatte ich erkennen gelernt, daß treue Liebe stets mit Leiden, Opfern und Entsagungen verknüpft ist. „Ihr Glück soll durch mich nicht gestört werden," murmelte ich vor mich hin, indem ich weinend, aber entschlossen dem Städtchen zuschritt. „In jenen Tagen, als wir Hand in Hand in den Straßen umher wanderten und bettelten, pflegte ich zu sagen, daß ich gern mein ganzes Leben lang arm bleiben wollte, wenn ich nur sie zu einer reichen Lady machen könnte. Jetzt gilt es meinem Wort treu zu bleiben. Sie soll die Lady sein, sie soll ihren englischen Lord heirathen, ich aber will mein Leben lang Anderen dienen. Ja, es ist Nan, meine theure, verlorene Schwester, und aus Liebe zu ihr will ich mein Geheimniß bewahren, bis ich sterbe!" 21. Capitel. In der „Katzen-Herberge". Monsieur Regnault, der unvergleichliche Tenor der „Orpheus - Concert - Compagnie" betrachtete seine hübsche, dunkle Gestalt in dem zerbrochenen Spiegel des Ankleidezimmers, ehe er die kurze Treppe hinaufstieg, die zur Bühne führte. „Wie sind doch die Mächtigen gefallen!" murmelte er dabei vor sich hin, indem er eine Rose in dem Knopfloch seines eleganten Rockes befestigte. „Wie tief haben wir uns doch erniedrigt, meine Stimme und ich! War es deshalb, daß ich in den glücklichen Tagen meiner Jugend und meines Reichthums unter den besten Lehrern studirte? Gerechter Himmel! Jetzt wandere ich mit einem Trupp lumpiger Bänkelsänger durch das Land. Ich bedarf nur noch einer Drehorgel nnd eines Affen, um meine Schmach zu vervollständigen." Er roch an der Rose, bog die grünen Blätter derselben etwas mehr seitwärts und fuhr lächelnd fort: „Nun, ohne Geld wird man nicht fertig, ein leerer Beutel ist ein unwiderlegliches Zwangsmittel. Die wandernde Truppe machte es mir wenigstens möglich, mich nach Blackport zu begeben, wo ich mit meiner schönen, unvergleichlichen Geliebten eine und dieselbe Luft athmen kann. Ich werde sie sehen — und sie für immer zu der Meinigen machen." Es war der Concert-Abend- ein zahlreiches Auditorium hatte sich in der Stadtyalle von Blackport eingesunden. Soeben erklangen die letzten Töne eines Duetts, und im nächsten Augenblick kam das Sängerpaar die Treppe herab. Jetzt war es an Regnault, die Bühne zu betreten und sein erstes Lied zu singen. In tadelloser Toilette, behandschuht und parfümirt, machte der hübsche Tenor seine Verbeugung vor dem Auditorium und ließ seine Blicke rasch über die zahlreichen Gesichter hinschweisen. Ja, sie war da mit ihrem Großvater und Sir Gervase, der neben ihr saß. Die Aristokratie von Greylock Woods hatte sich wirklich eingefunden, um den Vorträgen der wandernden Sängertruppe zu lauschen. Dies war Ethels Werk- mit vieler Mühe und einschmeichelnden Bitten war es ihr gelungen, den stolzen Autokraten hierher zu locke». „Ich weiß es, Großpapa, es ist eine thörichte Laune," hatte sie gesagt - „allein ich will, ich muß gehen! Und wenn Du mich liebst, so kommst Du mit mir." „Wahrhaftig, Ethel, solchen Geschmack hätte ich Dir nie zugetraut," hatte ihr Großvater streng geantwortet - „Du willst Dich unter den Pöbel von Blackport mischen und einer Bande Vagabunden zuhören, von denen wahrscheinlich kein Einziger auch nur einen Ton correct singen kann? Ich kann Dich nicht begreifen!" Nichtsdestoweniger ging er mit ihr, und Sir Gervase, der in letzter Zeit gleichsam ihr Schatten gewesen war, begleitete sie ebenfalls. So kam es denn, daß die drei ersten Gesichter, aus die Regnaults Blick fiel, die der drei Zuhörer aus dem Herrenhause waren. Etwas weiter entfernt, in derselben Reihe, fesselten zwei andere Personen seine Aufmerksamkeit: Mrs. Iris Greylock und deren Dienerin. Der Dämon der Langweile hatte die Herrin der Rosen Villa an diesem Abend hierher geführt- mochte das Concert noch so schlecht sein, bei der Einsamkeit und der Monotonie ihres Lebens in der Villa schien es ihr eine willkommene Abwechselung. Geschminkt, gepudert und in ausfälliger Abendtoilette saß Iris da und beobachtete hinter ihrem Atlasfächer die Gesellschaft aus dem Herrenhause. Da ging das Duett zu Ende, und Regnault erschien auf der Bühne. Beim Anblick des hübschen, dunklen Tenors fuhr Iris heftig zusammen und faßte Hannah Johnsons Arm mit krampshafter Heftigkeit — Schrecken, Furcht und Entsetzen spiegelten sich in ihren Zügen. Regnaults Blicke begegneten dey ihngen. Sie konnte nicht fliehen, sie wagte nicht zu schreien. Er erkannte sie - das Feuer, das aus seinen Augen blitzte, verrieth es ihr. War er gleichfalls bewegt? Ja, es schien so, denn das Notenblatt zitterte in seiner behandschuhten Linken- doch nur einen Augenblick währte seine Erregung. Rasch ermannte er sich und stand nun in tadelloser Ruhe da, die Blicke ans Ethel Greylock geheftet, als ob ihr Gesicht das einzige in der übervollen Halle gewesen wäre. Im nächsten Moment erschallte seine Stimme rein und klangvoll wie eine silberne Trompete. Er sang nur für sie und ergoß seine ganze Seele in die zwar viel vorgetragenen, aber doch ewig schönen Verse Tennysons: „Komm' doch in den Garten, Maud, Die finstere Nacht ist dahin!" Er legte leidenschaftliche Freude und fast dämonisches Frohlocken in die Worte: „Laß, vornehmer Freier, Dein Seufzen und Girren, Sie wird ja doch nimmermehr Dein; Doch mein, doch.mein, ich schwör' es den Göttern, Für immer, für immer mein!" Sir Gervase hätte in der That sehr stumpfsinnig sein müssen, wenn er nichts Ungewöhnliches in diesem Sänger und in der Gluth seines Sanges entdeckt, wenn er nicht wahrgenommen hätte, daß seine amerikanische Cousine vor - 305 — Unterdrückter Aufregung zitterte und jeden Augenblick die Farbe wechselte. „Sie kommt, meine Taube, meine Liebe, Sie kommt, mein Leben, mein Glück!" Welcher Triumph aus diesen Versen sprach! Ethel schauderte zusammen und erschrak. Wankte ihr Muth, zögerte sie, Rang, Reichthum, Heimath und Freunde ihrer Liebe zum Opfer zu bringen? Nein, so feige konnte sie nicht sein- wo wahre Lrebe herrscht, ist kein Raum sür die Furcht. Das Lied 'war zu Ende- hundertstimmiger Beifallruf und lautes Händeklatschen belohnten den Sänger. Kaum war der Applaus verhallt, als Sir Gervase einen Schrei der Ueberraschung ausstieß und Iris zu Hülfe eilte, die ohnmächtig in ihrem Sitz zurückgesunken war. Sie wurde in's Freie hinausgetragen, und die Gesellschaft aus dem Herrenhaus folgte ihr. Fächer und Riechfläschchen brachten die Dame bald wieder zum Bewußtsein zurück. Sobald sie die Augen öffnete, sagte sie zum Baronet: „Haben Sie die Güte, Sir Gervase, meine Equipage hierher zu beordern- sie wartet irgendwo in der Nähe." Der Baronet beeilte sich, ihrem Wunsche nachzukommen. Ethel beugte sich besorgt über ihre Mutter. „Mama, Mama, was fehlt Dir? Du bist unwohl, laß mich mit Dir nach Hause gehen!" Iris schaute ihre Tochter mit durchbohrendem Blick an- ein dämonisches Lächeln spielte nm ihren Mund, während sie erwiderte: „Es ist kein Raum für Dich in der Equipage. Bleibe, ich brauche Dich nicht. Ich fühle mich wieder ganz wohl, es war nur die Wirkung der schrecklichen Hitze in der Halle, mein Kind. Noch ein Wort, Ethel!" Sie zog ihre Tochter näher zu sich heran und flüsterte ihr boshaft in's Ohr: „Du falsche Katze! So hintergehst Du Deinen Großvater? Ein falsches Spiel treibst Du mit Deinem adeligen Freier? Regnault, Dein Gesanglehrer im Pensionat, scheint sehr in Dich verliebt zu sein. Pfui! Pfui!" Bald darauf fuhr sie mit Hannah Johnson nach Hause. Godfrey Greylock, der mit Ethel und Sir Gervase zuriickblieb, blickte seine Enkelin unwillig an und sagte: „Wollen wir nach der Halle zurück, oder hast Du genug von diesem Vergnügen?" Für Ethel bedeutete diese Frage: „Soll ich Regnaults Gesicht nochmals erblicken? Soll ich seine Stimme nochmals hören? Soll ich auf eine Gelegenheit warten, mit ihm zu reden? Sie antwortete indessen rasch entschlossen: „Ich bin bereit, Mama zu folgen- es ist wirklich erstickend heiß in dem Saale." So stiegen die drei denn in ihre Equipage und fuhren vvch dem Herrenhause zurück. Als Regnault abermals auf der Bühne erschien, erblickte er zu seinem nicht geringen Verdrösse nur leere Sitze statt der Gruppe von Gesichtern, von denen eines vor seinen feurigen Blicken tief erröthet, während das andere vor Schrecken erblaßt war. Schon seit Monaten war es ihm bekannt, daß Ethel die Tochter Iris Greylocks war — die junge Erbin hatte ihm oft von ihren Verwandten erzählt — doch erst, als er an diesem Abend die Ohnmacht der Dame gewahrte, wurde ihm die ganze Bedeutung dieses Umstandes klar, und er erkannte, auf wie gefährlichem Grund er sich befand. Nur ein Zusammenwirken glücklicher Umstände konnte ihn m den Besitz des schönen Mädchens setzen. Eines war gewiß er hatte keine Zeit zu verlieren, rasches Handeln allein vermochte zum Erfolg zu führen.. Zögerte er, so mußte er sicherlich allen seinen Hoffnungen entsagen. Nachdem das Concert zu Ende war, begab er sich mit den übrigen Mitgliedern der Truppe nach der „Katzen- Herberge", um auf seinen Lorbeeren auszuruhen und an der Mahlzeit Theil zu nehmen, die Mercy Poole für die //Orpheus-Compagnie" vorbereitet hatte. Im Hausflur begegnete er Polly, die eben die Treppe hinauf eilen wollte, um einen Auftrag ihrer Herrin zu besorgen. In seiner übermüthigen Laune ergriff er sie beim Arm, starrte ihr frech in's Gesicht und rief: „Halloh! Ein Paar Rehaugen! Meiner Treu', man könnte Sie beinahe hübsch nennen, liebes Kind. Bringen Sie mir ein Glas Branntwein!" Polly antwortete, indem sie sich von ihm loszumachen suchte: „In diesem Gasthofe werden keine Spirituosen gehalten." „Nicht? Nun, so geben Sie mir statt des Branntweins einen Kuß." In diesem Augenblick trat Jemand von der Straße in den Gasthof herein. Eine starke Hand befreite Polly ans den Händen des Sängers und schleuderte diesen so heftig zurück, daß er gegen die Wand taumelte. „Nehmen Sie sich in Acht, Bursche!" rief Doctor Vandine — denn dieser war der unvermuthete Beschützer Pollys — heftig. „Dieses Mädchen ist meine Freundin?" Sie warf ihrem Befreier einen dankbaren Blick zu und eilte dann fort, um sich eines Auftrages zu entledigen. Regnault hatte sich rasch wieder ermannt und trat auf Doctor Vandine zu. „Diese kleine Stubenmagd ist Ihre Freundin?" fragte er höhnend. „Sie haben wirklich einen famosen Geschmack! Bitte, wer sind Sie denn eigentlich?" „Ein Mann, der Frauen zu vertheidigen und die Frechheit eines Schurken zu züchtigen versteht," erwiderte Dick, vor Zorn erglühend. „Beim Himmel, Sie sind freigebig mit ihren Compli- menten!" brauste der Andere jetzt auf- „wenn Sie mir jetzt nicht aus dem Wege gehen, so werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie ohne Weiteres auf die Straße hinauszuwerfen." Mercy Poole, welche die zornigen Stimmen vernommen hatte, erschien jetzt im Hausflur. „Keinen Streit, meine Herren," rief sie, indem sie zwischen die Beiden trat, worauf Vandine achselzuckend sich die Treppe hinaufbegab, während Regnault den übrigen Mitgliedern der Truppe ins Speisezimmer folgte. Zu später Stunde erst zogen sich die Mitglieder der „Orpheus-Truppe" zur Nachtruhe zurück. Regnault allein verweilte noch einige Minuten im Speisezimmer. Eine Melodie vor sich hinsummend, schritt er einige Mal auf und nieder - dann begab er sich in das anstoßende Gemach, in welchem Mercy Poole und Polly saßen. • (Fortsetzung folgt.) Im v-Zog. Von Willy Weber. (Schluß.) „Wenn gnädiges Fräulein mir gestatten wollten, für Ihr leibliches Wohl und Wehe Sorge tragen zu dürfen . . .". Ein aufmunternder Blick traf ihn und er fuhr ermuthigt fort: Menn ich die Damen zu einem kleinen Frühstück im Speisewagen einladen dürfte, würden Gnädigstes mir die Ehre erweisen?" „Yes,“ nickte die zurück. „Aber wann wird der Zug in Bitterfeld halten?" „Ach," meinte der Assessor, „das dauert gerade noch so lange, bis wir mit unserem Frühstück zu Ende sind." „Na, denn rinn in's Vergnügen," platzte die Blonde heraus, um sich sofort das Taschentuch vor den Mund zu halten und nach einer Verlegenheitspause hinzuzufügen: „Wenn Sie uns unter Ihren Schutz stellen wollen ... im Speisewagen . . . yes, yes —" Und es gab ein sehr animirtes Frühstück. Die Damen entwickelten einen kräftig gearteten Appetit und dem Wein sprachen sie mit einem Eifer zu . . . der Assessor kam aus dem „Nachkommen" gar nicht heraus. „Noch Spargel?" fragte er, schon recht vertraulich. 336 — „Yes.“ „Wollen wir bei dem leichten Mosel bleiben?" „No.“ Es wurde also schwereres Geschütz ausgefahren, die Pfropfen knallten gar lustig, die Stimmung wurde animirt, — als die kleine Gesellschaft wieder in dem Wageuabiheil angelangt war, war des Lachens und Kicherns kein Ende. „Station Delitzsch," meinte der Assessor, „die letzte Nummer in Preußen, — ein Viertelstündchen noch, dann kommen wir in's grün-weiße Sachsen, nach Leipzig, — ja, das Coursbuch habe ich schon wochenlang studirt. Beabsichtigen gnädiges Fräulein'in Leipzig auszusteigen?" „No.“ „Und wenn ich Ihnen mein Herz zu Füßen legte, würden Sie dann bis Rom . . .?" „Yes.“ Da klirrte auch schon der Zug durch die Einfahrtsweiche, — die heftige Erschütterung schien die Damen nervös zu machen, sie sprangen wie auf Commando auf und strebten nach der Thür, durch die sie verschwanden. D.r Assessor streckte sich behaglich auf seinem Sitze aus — der Wein hatte ihn doch etwas schläfrig gemacht. Noch einen Blick warf er hinaus, — na, um die Sicherheit der Reisenden war's hier gut bestellt, der ganze Bahnsteig war von Schutzleuten umsäumt. Und vor den Thüren, an denen die Schaffner die Fahrkarten „knipsen", standen je vier der bekannten Herren mit den sonnengebräunten Gesichtern, dem martialisch aufgedrehten Schnurrbart und der Unteroffiziers- Haltung. Es gab also auch hier das Institut der nicht uniformirten Polizei. Nun, was ging das ihn an! Er schloß die Augen und als der Zug hielt, träumte er schon von seiner Millionärin von jenseits des großen Wassers ... Er hatte eben Glück, einsach Glück . . . Da wurde es im anderen Wagen etwas laut, es schien ein Streit zu entstehen, — barsche Männerstimmen, der schrille Aufschrei einer Frauenstimme, etwas, was wie verhaltenes Schluchzen sich anhörte, — er raffte sich empor und sah da draußen ein unentwirrbares Durcheinander von vielen Menschen. „Pah," machte er und lehnte sich in die Ecke zurück, „was geht das mich an! Missis wird schon wiederkommen, die Handtasche liegt ja noch oben . . . schneidiges Weib, na, die Augen, die man da droben in Ostpreußen machen wird!" Er mußte wirklich einige Minuten „eingedusselt" sein, denn plötzlich tippte ihm Jemand mit centnerschwerem Finger auf die Schulter. Das Schmerzgefühl ermunterte ihn sofort. „Herrrr . . ." „Bitte sehr," sagte der und wies eine Messiugmarke vor behufs Legitimation, „Sie sind mit den Damen gereist; ich habe den Befehl, Sie nach der Bahnhofswache zu sistiren." „Herrrr," brauste der Assessor nochmals auf. „Ich fahre nach Rom." „Bedaure sehr," unterbrach ihn der Beamte bestimmten Tones, „Sie müssen die Reise hier unterbrechen. Von wegen den Damens . . ." fügte er lächelnd hinzu. Auf der Bahnhofswache wurde der Thatbestand bald sestgestellt. „Ich bedaure sehr, Herr Assessor," erklärte der Polizei- Lieutenant, „aber es ging doch mal nicht anders ... das sind so gerissene Hochstaplerinnen, wie's zweite nicht mehr giebt. Die Blonde spielt sich auf die Engländerin hinaus, — „no“ und „yes“ . . . mehr versteht sie von der englischen Sprache überhaupt nicht. Die Schwarze war früher Kellnerin, sie liebt hin und wieder noch so ein Schlückchen Branntwein. Sie sind vorläufig das letzte Opfer gewesen, — trösten Sie sich, Sie sind um einige Mark ärmer, aber um eine Erfahrung reicher. Wir hätten diese Früchtlein ja gar nicht gefaßt, wenn nicht ein Telegramm aus Berlin . . ." „Ich glaubte," stammelte der Assessor, „die — Damen wollten mit mir bis nach Rom fahren." „Das wollten sie ja auch," lachte der Beamte, „aber der Billigkeit wegen hatten sie auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin nur — zwei Bahnsteigkarten gelöst." Herr Assessor Felix von Winterfeldt hat auf seiner Rom- Reise keinerlei Damenbekanntschaft mehr gemacht. Das Stützen -er Obstbünme geschieht leider meist nicht in dem Umfange, wie es geschehen sollte. In der Regel werden nur solche Aeste gestützt, von welchen man annimmt, daß sie unter ihrer Last brechen könnten. Das genügt aber für den Baum noch lange nicht. Das zu sparsame Stützen hat nämlich auch andere Nachtheile, als das wirkliche Brechen oder Aufschlitzen der Aeste, denn es kommt nicht nur die Krone des Baumes durch das Herabziehen der Aeste aus der ursprünglichen Form und Richtung, sondern der Baum wird durch das zu starke Biegen auch an seiner Gesundheit geschädigt, indem die Saftkanäle an der unteren Längslinie des Astes durch das Biegen zusammengepreßt und die oberen, auf der Biegung befindlichen Zellen gedehnt oder gesprengt werden, wodurch die Saftcirculation wesentlich gehemmt und erschwert wird, was zur Folge hat, daß die Bäume nach reichen Obstjahren ost nicht nur nicht tragen, sondern auch häufig kränkeln und sogar eingehen. Beim Steinobst ist diese Erscheinung besonders hervortrctend: dort findet man häufig an den Biegungsstellen kleine oder größere sogenannte Harzperlen, welche durch die gesprengten oder gepreßten Saftkanäle ausgetreten sind. In der Regel gehen solche Aeste das Jahr darauf ein. Es ist daher Pflicht eines jeden Baumbesitzers, um unsere so theuer und mühsam erzogenen Obstbäume gesund zu erhalten, dieselben zu stützen oder deren Aeste in die Höhe zu binden, sobald sich dieselben unter ihrer Last zu neigen beginnen. * * * Die Zeit -er Stachelbeeren ist -a. Wie aus allen Gebieten des Obstbaues beginnt auch die Zucht der Stachelbeeren einen mächtigen Aufschwung zu nehmen. Man will sich mit den kleinen, unaromatischen Stachelbeeren, wie sie ja heute noch vielfach geerntet werden, nicht mehr begnügen; einer Bewegung folgend, die von England ausging, strebt man auch bei uns in Deuischland nach großen, wohlschmeckenden Beeren. Auf dem letzten deutschen Pomologen-Congreß wurde nach den Vorschlägen des um die deutsche Stachelbeerzucht hochverdienten Herrn Maurer in Jena zuerst ein für deutsche Verhältnisse passendes Stachelbeersortiment zusammengestellt, in dem die einzelnen Sorten auch deutsche Namen erhielten. Um seinerseits auch zum Anbau großfrüchtiger Sorten anzuspornen, veranstaltet der practische Rathgeber im Obst- und Gartenbau" seit mehreren Jahren einen Stachelbeer-Wettbewerb: wer an die Reduktion im Laufe des Sommers die schwerste Stachelbeere einschickt, erhält einen Humpen mit silbernem Deckel im Werthe von 50 Mark. Welche practische» Folgen das hat, zeigen am besten die erzielten Gewichte: während eine gewöhnliche Stachelbeere 12 bis 15 Gramm wiegt, wurde im Jahre 1894 der Preis auf eine Beere gegeben, die 39,8 Gramm wog und die Größe eines kleinen Apfels hatte. Wer sich näher für den originellen Wettbewerb interessirt, lasse sich die neueste Nummer des „practische» Rathgebers" kommen, die gern umsonst von der Verlagsbuchhandlung Trowitzsch L Sohn in Frankfurt a. Oder zugeschickt wird. Redaktion: S. Kchiyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitiits-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Gießen.