SarrrStaz de« 22. Rai. 18S7L TTjIaBÖ! WWu M£l ia n uMW ML as Glück gleicht dem ausgelassenen Jungen. Es klopft an Deine Thüre und läuft davon. A. E. Wer gern nach allerlei Richtungen Sich mag verwickeln lassen, Der wird vor lauter Verpflichtungen Zuletzt seine Pflichten verpassen. Ludwig Fulda. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) 3. Capitel. Ein armes, verlassenes Kind. Die Straßenlaternen begannen zu schimmern, die Dunkelheit war hereingebrochen. In seine schmerzlichen Gedanken vertieft war Robert Greylock hungrig und ohne (bestimmtes Ziel meilenweit durch die Stadt gewandert. Jetzt zum ersten Mal fiel ihm sein Kind wieder ein; lebte es noch, das kleine, vernachlässigte Geschöpfchen, das seine Geburt zur Erbin eines großen Vermögens berechtigte? Er gedachte die Stadt mit dem Abendzuge zu verlassen; erst aber wollte er sich über das Schicksal seines Kindes Gewißheit verschaffen. Er machte sich daher auf den Weg nach jenem Miethshause, das er heute mit dem Gedanken es nie wieder zu betreten, verlassen hatte, fest entschlossen, eine Begegnung mit Iris zu vermeiden; er wollte abwarten, bis sie in das Theater gegangen war, in dem sie heute beschäftigt sein mußte. Trotz der Bemühungen, das herzlose Geschöpf aus seinen Gedanken zu verbannen, sah Robert im Geiste wieder ihre hübsche Gestalt. Noch wenige Monate zuvor hatte er sie bis zum Wahnsinn geliebt. Das Menschenherz ist ein merkwürdiges Ding. Zorn und Eifersucht brannten heiß in Roberts Busens war er aber wirklich überzeugt, daß er Iris uichr mehr liebte? Als der unglückliche Gatte in die ihm wohlbekannte Straße einbog, rollte eine Kutsche an ihm vorbei- er erkannte die Insassen- es waren Iris und Arthur Kenyon- ße, in einem pelzbesetzten Mantel gehüllt, übermäßig mit Puder beladen, mit leuchtenden schwarzen Augen und lächelnden rothen Lippen - keine Spur von Reue oder Trauer war in ihrem hübschen Gesichte zu erkennen. „Fahre hin!" rief Robert der davonrollenden Kutsche nach - „ich würde, wenn Du jetzt vor mir lägst, keine Hand rühren, um Dich aufzuheben. Ich sollte Dir eigentlich nachfolgen und dem Elenden eine Kugel durch den Kopf jagen - allein dies wäre mir der Mühe nicht werth. Ich habe eine Ahnung, Iris, daß ich Dich in diesem Moment zum letzten Male gesehen habe!" Trotz der scheinbaren Ruhe befand Robert sich in einer gewaltigen Aufregung. Wie ein Mann, der über ein großes Problem nachsinnt, schritt er geraume Zeit auf dem Trottoir vor dem Hause auf und nieder. Die kalte Nachtluft dämpfte allmälig das Feuer seines Blutes- er wurde ruhiger und dachte wieder an sein Kind. Rasch öffnete er die Hausthür und stieg die Treppen zu der Wohnung hinauf, in der er während des größeren Theiles seiner unglücklichen Ehe gelebt hatte. Das Licht einer Lampe beleuchtete die Unordnung, welche die herzlose Mutter zurückgelassen hatte. Das kranke Kind lag in der Wiege und neben dieser saß die Hausmagd, welche für die junge Frau die gröbere Arbeit verrichtete. Es war Iris Gewohnheit, das Kind mit Opiaten zu betäuben und es dann der Obhut dieser Person zu überlassen, während sie im Ballet tanzte und bei den lebhaften kleinen Soupers glänzte, zu denen sie häufig nach Schluß der Vorstellung eingeladen wurde. Greylock ließ seine Augen flüchtig im Zimmer umherwandern, dann näherte er sich leise der Wiege. Das Kind lag mit eingesunkenen Augen und blauen Lippen unter seiner Decke. Athmete es noch? Er war nicht im Stande, diese Frage zu beantworten. Die Magd war eingeschlafen. Der Kopf hing über die Rücklehne des Stuhles - ihre Füße ruhten aus einem anderen Stuhl und dem weit offenen Munde entströmten tiefe, schnarchende Töne. Greylock hob geräuschlos das Kind aus der Wiege, setzte ein warmes Häubchen auf das Köpfchen der Kleinen, die noch immer kein Lebenszeichen von sich gab und wickelte ihre abgemagerte Gestalt in einen Shawl- dann stieß er den Flitterkram der abwesenden Mutter verächtlich mit den Füßen aus dem Wege, öffnete die Stubenthür und stieg, von Niemanden bemerkt, mit seinem unglücklichen, fast leblosen Kinde die Treppe hinab. Kein menschliches Wesen ließ sich in der Straße blicken. Mit seinem Bündel auf den Armen, schritt Robert rüstig 234 er. „Ja," antwortete Greylock. „Wo ist die Mutter?" „Das ist meine Sache." „Oh, natürlich — ich bitte um Entschuldigung - es giebt gewisse Institute —" „Ich suche keine Anstalt — nur ein Obdach für Tage, wie ich Ihnen bereits zu sagen mir erlaubte." „Das zweste Häuschen in dem Gäßchen gleich um die Ecke- Sie können nicht irre gehen." „Tausend Dank!" rief Robert und verließ eilig die Apotheke. Als er in die Straße hinaustrat, war die junge Frau bereits verschwunden- er fand indessen ohne Schwierigkeit das Gäßchen und das ihm bezeichnete Häuschen - er klingelte heftig. Bald darauf erschien dieselbe Frau, die Robert in der Apotheke gesehen hatte- sie erkannte ihren Besucher auf der Stelle wieder. „Treten Sie ein!" sagte sie. Greylock folgte ihr in ein dürftig möblirtes, aber warmes und sauberes Zimmer, in dem ein gutes Feuer brannte. An einem Plättbrett stand bereits eine ältliche Frau, welche mit dem Bügeln von Kinderwäsche beschäftigt war. Auf einem Gesimse an der Wand befanden sich eine Reihe Saugflaschen, und durch eiue halboffene Thür erblickte Greylock ein anderes Zimmer mit einer Anzahl Wiegen, in denen kleine Kinder schliefen. Er wandte sich zu der jungen Frau, die ihn eingelassen hatte, und reichte ihr seine Bürde hin. „Der Apotheker an der Ecke hat mich hierher gewiesen," sagte er. „Seien Sie menschlich — nehmen Sie dieses Kind und thun Sie etwas dafür- es ist sehr krank, und ich muß heute Nacht noch eine Reise antreten- ich kann das Würmchen nicht mitnehmen." Die junge Frau nahm das Kind auf ihren Arm- ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihm das Häubchen und den Shawl ab, setzte sich auf den nächsten Stuhl und begann ! das Kind mtt der Miene eines erfahrenen Arztes zu „Die arme Kleine hat keine Heimath!" rief Greylock in Verzweiflung. „Großer Gott! Was soll ich thun? Können Sie mir kein Obdach empfehlen, wohin ich das Kind, wenn auch nur für einige Tage, bringen kann? Ich bin genöthigt, seines Weges weiter. Er war indessen noch nicht wett ge- j langt, als er einzusehcn begann, daß er übereilt gehandelt- zahlreiche Schwierigkeiten traten ihm in den Weg. Konnte er mit einem sterbenden Kinde vor seinem Vater erscheinen? Unbedingt nicht. Was sollte er aber mit dem kleinen, hilflosen Wesen anfangen, das so still und regungslos in dem Shawl lag? Er befand sich in einer peinlichen Lage- er mußte ein Obdach für die Kleine finden. Plötzlich fühlte der unglückliche Mann eine leise Regung in seinen Armen. Das Kind lebte noch , ev rührte sich und stieß einen schwachen Schrei aus! Er hatte eine Straßenecke erreicht, an der sich eine kleine Apotheke befand- die Hellen, farbigen Lichter im Schaufenster blinkten ihm gar- traulich und einladend entgegen. Rasch entschlossen öffnete er die Thür und trat ein. Ein kleiner Maun in fadenscheinigem schwarzen Anzug, mit einer Glatze, die wie gelbes Elfenbein glänzte, stand hinter dem Ladentisch. Ohne sich lauge zu besinnen, näherte sich Greylock dem Pharmaceuten und schlug den Shawl zurück. „Können Sie etwas für dieses arme Geschöpf thun?/ fragte er. . Der kleine Alte setzte seine Brille auf- er beugte sich mit einer Miene des Staunens, wenn nicht des Argwohns, über den Ladentisch, blickte das Kind an und schüttelte seinen kahlen Kopf. „Wohl kaum," antwortete er- „dies ist ein Fall für einen regulären Arzt- Sie werden wohl thun, das Kind sofort nach Hause zu bringen und einen Doctor holen untersuchen. Greylock merkte mit Freude, daß ihr Gesicht einen ....... Q.J . ,.o wohlwollenden und liebevollen Ausdruck hatte und daß sie sofort" bte' Stadt verlassenwill gern jeden billigen I überaus zart und sanft mit dem Kinde umging. „Ja," Preis bezahlen, um der Kleinen ein Obdach zu verschaffen." I sagte sie endlich, indem sie aufblickte, krank ist das Kleine, Der Apotheker warf einen verstohlenen Blick auf den | außerdem ist es ganz mit Morphium angefüllt, dav ihm zum Hirschen und anscheinend gebildeten jungen Mann, der in | Einschläfern gegeben wurde. _ einer solchen kalten Nacht mit einem kranken Kinde durch die Straßen wanderte. „Ist dies Ihr Kind?" fragte Die ältere Frau verließ nun ihr Plättbrett und näherte sich dem Kinde, das sie ebenfalls prüfend ansah. „Die Kleine wird den Morgen nicht mehr erleben// sagte sie, „wenn sie diese aschgraue Farbe in dem Gesicht eines Kindes sehen, so können Sie versichert sein, daß es dem Tode ver- nun, I fallen ist." Sie warf Greylock einen argwöhnischen Seiten- I blick zu und fuhr fort: „In der Regel sind es arme Frauen, etliche I welche Kinder zum Aufbewahren hierher bringen, nicht seine I junge Herren wie Sie- mir kommt das sehr sonderbar vor. Der Alte nahm jetzt seine Brille ab und entgegnete, I Greylock erröthete, faßte sich aber schnell und sagte sich abwendend: „Nun, so bedauere ich, Ihnen nicht dienen mit fester Stimme: „Das Kind ist meine Tochter, rhr Aame zu können." ist Ethel Greylock, wie Sie aus den Zeichen an lhren In diesem Augenblick ging die Thür auf und eine Frau Kleidern ersehen können. Mein Besuch mag Ihnen zwar trat ein. Es war eine junge, frische und blühende Person- I sehr sonderbar erscheinen, allein ich halte es nicht für notylg, sie trug ein einfaches Kleid, einen schwarzen Shawl und Hut- I Ihnen Erklärungen zu geben, auch habe ich keine Zeit dazu, sie schritt zum Ladentisch, legte eine Münze darauf und sagte: Ich wünsche einfach zu wissen, ob Sie mein Kind behaue „Bitte, geben Sie mir ein wenig Anissamen." I und Alles für es thun wollen, was in Ihrer Macht stehl, Greylock trat einen Schritt zurück. I bis ich übermorgen zurückkehre?" Die Frau warf ihm und dem Kinde auf seinem Arme „Das wollen wir, Herr!" antwortete die _ einen prüfenden Blick zu, nahm dann ihr Packetchen vom rasch. „Wir sind zwar arme Leute, aber anständig Ladenlssch und -mstn.1- sich --Ich. *Hd>. J»d»h « -st m-m N-m- uni, He» « G-chI°- w« im Begriff, -b-„I--S di° Ap-Ih-k- zu ft « Ifc Jrn« Ä« verlassen, als der kleine Alte, wie van einem plötzlichen I kann, nehmen sie es Ihr nicht übet. W h ,, Gedanken ergriffen, ihm nachrief: „Da kommt mir eben auf und werden Alles für sie thun, was etwas in den Sinn - die junge Frau könnte Ihnen von Roberts Zweifel wurden durch ^udtths offenm Nutzen fein- sie wohnt in einem benachbarten Gäßchen." I ihr einnehmendes Wesen und den Ton ihrer S im „Was treibt sie?" fragte Robert mit Widerstreben. beschwichtigt- er zog ein Geldstück aus der Tasche uno „Ich weiß es wirklich nicht," antwortete der vorsichtige gab es ihr mit den Worten: „Dies zum Zeichen, oob Apotheker. „Das Haus wird von zwei Frauen gehalten, Robert Greylock ein ehrlicher Mann ist. Lause w » dieser jungen und ihrer Schwiegermutter- sie kaufen Arzneien I Tage werde ich wiederkehren- wir besprechen a-> hier und scheinen ganz respectabel zu sein. Ich kann mir I Nähere." . flint, - nur denken, daß sie kleine Kinder in Kost und Verpflegung Die ältere Frau ergriff nun das Wort uno wg @je nehmen; das Uebrige müssen Sie selbst ausfindig machen." I mit unangenehmer Stimme: „Ist das alles Gelv, was „Wo ist das Haus?" ' | uns lassen können?" h um die eilig die nge Frau wierigkeil : klingelte :rt in der r auf der es, aber es Feuer ic ältliche beschäftigt i sich eine ir erblickte Liegen, in der jungen ine Bürde gewiesen," vieses Kind id" ich mutz Würmchen !trm; ohne n und den nd begann Arztes zu sicht einen nd daß sie 'g- 7/3«/" )as Kleine, s ihm zum inb näherte sah. „Die sagte sie, nes Kindes Tode ver- ;en Seiten» me Frauen, nicht feine rrbar vor." und sagte ', ihr Name an ihren ihnen zwar : für nöthig, Zeit dazu, rd behalten Nacht stehh junge Frau kündig und ; ist meine erantworten n die Kleine men." jenen Blick, imme völlig e und über- n, daß auch infe weniger alsdann das rd sagte -7 d, was Sie — 235 — „Es ist Alles, was ich heute Nacht entbehren kann," erwiderte Grehlock mit unterdrücktem Unwillen. . „Sie haben da einen Werthgegenstand am Finger," fuhe die Alte fort. Der Ring, auf den die Alte anspielte, war ein Geschenk von seinem Baler- er schätzte ihn sehr hoch, dennoch zog er ihn ohne Zögern vom Finger und sprach: „Nehmen Sie ihn!" Die Alte griff gierig danach- Judith aber sprach ablehnend: „Mutter, wir brauchen dem Herrn durch Annahme dieses Ringes kein Mißtrauen zu zeigen." „Laß mich gewähren!" entgegnete die Alte, „kommt der Herr wieder, so erhält er seinen Ring zurück- er kann uns dies nicht übel nehmen - wir nehmen die Kinder nicht etwa blos zum Vergnügen auf." Grehlock' sagte nichts weiter - er mußte fort und hatte keine Zeit zn verlieren, wollte er den Zug noch erreichen. Sein Kind ruhte in Judiths Armen in einem warmen, behaglichen Zimmer - er beugte sich über die Kleine und drückte noch einen Kuß auf Wange und Stirn. „Bald sehen Sie mich wieder," flüsterte er Judith zu- „Sie sollen mit mir zufrieden sein." „Glückliche Reise und gute Verrichtung," antwortete die junge Frau. Noch einen letzten Blick aitf seinen Kind werfend, verließ er rasch das Haus und kehrte durch das dunkle Gäßchen nach der Straße zurück, an deren Ecke die Apotheke stand. Der junge Mann eilte durch die beinahe menschenleeren Straßen und warf sich in einen Pferdebahnwagen, der ihn an die Eisenbahn brachte. Hier fand er den Zug, der eben abzugehen im Begriffe war, löste rasch ein Billet und sprang in den letzten Wagen, als er schon in Bewegung war. Fort brauste das Dampfroß, zuerst noch im Weichbilde der Weltstadt, dann jedoch durch das offene Land. „Bald bin ich daheim," dachte Robert, der aus dem Waggon ins Leere hinausstarrte, unter tiefem Aufseufzen. „Daheim — habe ich denn noch ein Heim, habe ich noch ein Recht, in das Vaterhaus zu treten? Die Heimath im Osten ist für mich ein leerer Schall — und wie wird sich der ferne Westen für mich gestalten?!" Robert dachte an die Zukunft, die in weiter Ferne für ihn lag, ohne zn bedenken, daß oft zwischen heute und morgen das Schicksal verntchtend eingreifen kann. 4. Capilel. Eine alte Liebe. „Blackport!" rief der Condueteur, und der Zug hielt an. Robert Grehlock war der einzige Passagier, der ausstieg. Ein alter Statiousmeister, der einst Seemann gewesen war, stand mit einer Laterne in der Hand auf dem Bahnsteig- er warf dem Angekommenen einen forschenden Blick zu. „Wie geht's, Jared?" fragte der junge Mann nachlässig. Der Alte hielt seine Laterne hoch empor, so daß das rolhe Licht voll auf das Gesicht des Jünglings fiel. „Was Tausend!" rief er- „sind Sie es wirklich, Herr Robert? Hol' mich der Henker, wenn Ihre Gestalt mir nicht gleich bekannt vorkam, als Sie nur den Zug verließen- Sie sind wohl auf dem Wege nach Woods, um den Herrn Papa zu besuchen?" „Jawohl, Jared!" antwortete Robert kurz - er eilte Stufen, die vom Perron zur Landstraße führten, hinab, und schritt rüstig auf die Stadt zu. Der Quai war ganz in der Nähe und das dumpfe Gemurmel der Wellen,' die sich an den Felsen der Küste brachen, vermischte sich mit den Brausen des davoneilenden Zuges. Ein Strecke weiter draußen auf der See flackerte ein großes rothes Licht auf und erstarb, um nach wenigen Augenblicken aufs Neue emporzulodern. „Der Leuchtthuem auf Bird Island," murmelte Robert mü tiefem Seufzer vor sich hin- „vor achtzehn Monaten iftf) ich ihn zum letzten Mal! Bor achtzehn Monaten! Beim Himmel, es ist nur kurze Spanne Zeit, und dennoch kommt sie mir wie ein Jahrhundert vor!" Die Stadt Blackport liegt etwa eine halbe Meile von der Eisenbahnstation entfernt. Es ist ein ruhiger Platz, der einst bessere Tage gesehen hatte, int letzten halben Jahrhundert aber seine einstige Bedeutung gänzlich einbüßte. Es war für New - Aork noch nicht spät- hier aber waren teilte Menschen mehr in den engen Straßen zu erblicken. Robert schritt an den verwitterten Giebelhäusern und kleinen Läden vorbei und erreichte endlich eine windige Ecke, wo, einer alten, verfallenen Werste gegenüber, ein Gasthof stand — „Pooles Inn", wie er von den Bewohnern Blackports und der Umgegend genannt wurde. Es war ein niedriges, viereckiges Gebäude mit einem alten Schilde, das über der Thür hing und sich ächzend und stöhnend im Winde hin und her bewegte. Viele Jahre lang der Sonne und den Stürmen ausgesetzt, hatte es seine ursprüngliche rotlje Farbe fast gänzlich verloren. Rechts von der Thür blinkte das Fenster des Schenkzimmers. Keine neidische Gardine verwehrte den Blick in das Innere. Grehlock, der sehr wohl wußte, daß die Gäste und Stammkunden dieses altmodischen Gasthofes solche Freiheiten nicht übel zu nehmen pflegten, trat dreist an das Fenster heran und blickte hinein. Das Gemach war niedrig, reinlich und eomfortabel, aber zur Zeit mit Tabaksrauch angesüllt, aus dem ein großer eiserner Ofen, mit glühenden Kohlen vollgepfropft, hervorlenchtete. Um dieses heiße Centrum herum saß ein halbes Dutzend Männer, aus deren Thonpfeifen mächtige Wolken emporwirbelten, und die sich mit lauter Stimme unterhielten. Jke Poole, der Gastwirth, ein Mann mit kurzen Beinen, dickem Bauch und einem Gesicht, das in Folge langer intimer Bekanntschaft mit seinem eigenen Rum wie ein Leuchtfeuer erglühte, saß dem Ofen zunächst und schien zuweilen geneigt, ihn zu umarmen. Ein anderer Mann in einer erbsengrünen Jacke halte sich auf den Schenktisch gesetzt und ließ seine in riesigen Seemannsstiefeln steckenden Beine beständig hin und her schwingen, wobei sie wiederholt mit des Wirthes breitem Rücken in Berührung kamen. „Paß doch auf, Caleb Brown," sagte der Gastwirth laut, indem er sich nach seinem Peiniger nmwandte, „und sei so gut und halte Deine Beine etwas ruhig- ich habe keine Luft, mir von Dir auf dem Rücken Herumtrommeln zu lassen." Robert verstand jedes Wort. Der alte Seebär starrte Jke mit großen Augen an und sagte kurz: „Ich will ein Glas Rum." „Bezahlt erst, was Ihr schon getrunken habt!" ließ sich seine scharfe Stimme auf der anderen Seite des rothglühenden Ofens vernehmen. „Ich will," wiederholte Brown mit Nachdruck, „Rum, der nicht mit Vitriol, Terpentin ober anderem Teufelszeug gemischt ist- ich werde ihn aber wohl schwerlich bei Euch finden." „Wenn Mereh hereinkäme und Dich mit Deinen schmutzigen Jackenschößen auf dem Schenktische hier sitzen sähe, so würde es lebhaft hergehen," sagte Jke. Calebs Stiefel schlugen aufs Neue auf den Rücken des Wirthes wie der Hammer auf den Amboß. „Glaubst Du, ich fürchte mich vor der Hexe mit der langen Zunge?" rief er höhnisch- „mit einer solchen Creatur würde ich bald fertig. Wenn sie mir gehörte, so ließ ich sie Krebse fangen ober am' Strand von Blackport nach Capitän Kidds verscharrtem Schatze graben." Jke, der ein friedliebender Mann war, rückte seinen Stuhl weg, um Calebs Beinen freien Spielraum zu gewähren und antwortet: „Meinst Du? Als Junggeselle verstehst Du Dich nicht auf die Weiber," Brown lachte hell auf. — 236 (Fortsetzung folgt.) Vermischt«» Literarisches probenummern. daß Wir Dir um Alles in der Welt keinen Verdruß bereiten möchten. Nun mußt Du aber wissen: Die Minister haben eine Zulage für die Lieutenants gar nicht verlangt. Und wenn die's nicht wollen, dann gehts nicht. Aber tröste Dich, Dein Bruder wird gewiß bald Premierlieutenant, und dann bekommt er gleich mehr Gehalt. Und was die Morgenschuhe betrifft — die stickst Du für ihn: dann freut er sich, daß er eine so liebe Schwester hat, und jagt sich alle Sorgen aus dem Kopf. Leb' wohl! gehen." Zur Frauenfrage. Freunde wie Gegner der Frauenbewegung sind darin einig, daß die Krankenpflege eine Thätigkeit ist, die Frauen die vollste Befriedigung gewährt und in der sie die Männer weit übertreffen. Es fehlte nur bis vor Kurzem die rechte Gelegenhert zur leichten Erlernung und zur geeigneten Beschäftigung in der Krankenpflege. Aus der einen Seite standen die Mutterhäuser (Diaconissenhäuser und Rothe- Kreuz^ Vereins), die durch ihre Verfassung nicht für Jedermann patzten. Und recht wenig verlockend war auf der anderen Seite die Stellung einer Wärterin im Krankenhause. Einen, für Ausbildung und Anstellung neuen Weg hat der Evang. Diaconieverein eingeschlagen, der dadurch in noch nicht drei Jahren etwa 400 Damen der Krankenpflege zugeführt hat Derselbe gewährt einjährige Ausbildung in der. Krankenpflege unentgeltlich bei freier Station und ohne irgend welche Verpflichtungen für' die Zukunft. Denjenigen Damen, die die Krankenpflege zum Berns machen und dabei nicht allein stehen, aber auch in Mutterhäuser mcht eintreten wollen, bietet er außerdem Anstellung wie Beamten mit Gehalt und Pension und mit Krankenversicherung. Dre darüber erschienene Broschüre des Begründers des Vereins, Prof. D. Dr. Znnmer m Herborn, .Der Go. Di-conievereiN^ (Herborn, Preis 1 Mk.) ist in 17 Monaten in 7000 Exemplaren erschienen. Diaconleseminare befinden sich xur Zeit in den städtischen Krankenhäusern zu Stettin, Magdeburg, Zeitz Erfurt, Elberfeld. Außerdem wird Ausbildung in psychisch» Kranken- und in Frauenpflege, Geburtshilfe und Lehr- und Wirthschasts- diaconie gewährt. Auskunft ertheilt kostenfrei der Vorstand des Diacome- vereins in Herborn (Bez. Wiesbaden). * Gratis-Schnitte, genau passend, nach Körpermaß, liefert allen ihren Abonnentinnen das jetzt tonangebende Welt-Moden-Journal »Große Mo»e«weU" mit bunter Fächer-Vignette, Verlag John Henry Schwerin, Berlin, und zwar zu jedem dann dargestellien Costüme. Der beispiellose Erfolg - die Große Modenwelt erschein in über 200,000 Auflage trotz erst sechsjährigen Bestehens - WW für den practischen Stutzen und die Vorzüglichkeit dieses ModeniournatS allergrößten Stils. Die eben zur Ausgabe gelangte 18. Mal-Rum»» bringt eine ganze Reihe von Sportcostümen, sowie solche für Bad und Reise. Strand, Kurort und Sportplatz liefern den characterisüschen Hintergrund zu den künstlerisch ausgesührten, herrlichen Gruppenbildern. Unterhaltende illustrirte Belletristik und hübsche Handarbeiten ' ständigen den überaus reichen Inhalt. Zur Erlangung der oben - wähnten Gratis-Schnitte bedarf es nur der Einsendung der Maßangav-u sowie der Selbstkosten von SO Pfg. für Schnitte für Erwachsene und 35 Pfg. für Kinder-Modenschnitte. „Große Modenwelt 1 Mark vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postanstaltcn nehm Abonnements entgegen. Erstere und der Verlag liefern auch * * Du stehst unter dem Pantoffel, §Mann!" sagte er; „komm, willst Du mir den Rum geben oder nicht?" „Du hast schon mehr als genug," erwiderte der Wirth mit großer Ruhe; „Du thätest besser daran, so lange Deine schlotterigen Beine Dich zu tragen vermögen, nach Hause zu Eine« allerliebsten Brief hat dieser Tage der Reichstagsabgeordnete Pachnicke erhalten. Da er der Absenderm nicht direct antworten kann, hat er das „Rerchsblatt gebeten, für ihn zu erwidern. Vielleicht gelangt es so tn Elsens Hände. Aber zuerst der Brief, und zwar mit all den niedlichen Schreibfehlern, die er enthält. Hier ist er: Lieber Herr Pachnicke! Sein Sie nicht böse das ein Schulmädchen an Sie schreibt, aber ich kann mir nicht anders helfen. Montag vor 14 Tagen hat sich in Schleswig ein junger Lieutnant erschossen, wert er kein Geld mehr hatte, und seine Eltern hatten auch kerns. Und nun habe ich solche Angst dass mein Bruder sich auch erschiest, denn er hat auch nur sehr wenig Geld,, und meine Eltern können ihm auch nicht sehr viel geben, weil wir noch mehr Kinder sind. Wenn nun mein Papa meiner Mama die Zeitung vorliest habe ich immer zugehört und habe schon lange immer ausgepaßt, ob die Lieutenants Zulage bekommen werden, und da hat ein Herr gesagt, die Seeonde Lieutenants brauchen es nicht, aber die Premier Lieutenants müsten etwas haben, und ich glaube das haben Sie gesagt. Aber das ist nicht so, die Premier Lieutnants haben meistens schon reiche Frauen, und die essen auch nicht mehr wie ein junger Lieutenant, und darum braucht er es auch eben so sehr nöthig. Nun will ich Sie sehr bitten doch dafür zu sorgen das sie auch ein Bischen mehr Geld bekommen, sonst muss ja mein lieber Bruder auch Schuldenmachen und schiest sich gewiss auch tob, wie der arme Lieutenant Kolbe. Mein Bruder ist garnicht leichtsinnig, aber als er zum Besuch war, da hat er mir nachher heimlich erzählt dass er garnicht dafür kann, wenn er nicht auskommt, aber es wird im Kasino alle Augenblicke einer abgegessen, oder was gefeiert und dann muß er Wein trinken, auch wenn es ihm gar nicht schmeckt, und da kommt so viel zusammen und er kann sich zu Abendbrot» nie richtig satt essen. Und die Uniformen kosten auch so viel. Wenn Sie nun meine Bitte nicht erfüllen können und dem Reichstag sagen, das er den Lieutenants mehr gibt, so bitten Sie doch unfern lieben Kaiser, das er befehlen soll, dass die armen Lieutenants nicht Wein trinken und keine Liebesmalzeiten feiern brauchen. Ich habe mir jetzt vorgenommen immer fleißig zu sein und das Geld für die gute Zensur für meinen Bruder zu sparen, aber es dauert doch so lange, bis es viel ist. Sein Sie nicht böse, wenn ich noch Fehler gemacht habe, aber ich darf doch von keinem nachsehen lassen, und damit sie es keinem sagen können, sage ich ihnen auch nicht wie ich weiter heisse, denn mein Papa würde sehr böse und darum stecke ich den Bries auch in den Zugbriefkasten dann wissen sie auch nicht wo ich bin, das macht unser Fräulein immer so. Aber wenn Sie sorgen das mein Bruder mehr Gehalt bekommt sticke ich Ihnen auch schöne Morgenschuhe, das kann ich schon. Es grüßt Sie Ihre Else. Antwort: Liebe Else! Du siehst, an einer Stelle ist was ausgelassen. Wir wollen nämlich auch nicht, daß Papa dahinter kommt. Was Du Da sagst, ist Alles so gut und so lieb, Billen nnd kleine «amUienhLns«-. V°n ®.e.”rn8S; Mit 112 Abbildungen von Wohngebäuden nebst dazu gehörige" GM riff en und 23 in den Text gedruckten Figuren. Fünfte Auflage. Original-Leinenband 5 Mk. Verlag von I. I. Weber tn Das geräuschvolle Leben der modernen Industrie und Handelscen r mit deren engen Straßen und dumpfen, lichtarmen Hofen, noch ) aber die abnehmende Seßhaftigkeit in den heutigen Mwthskasernen fördert die Sehnsucht nach dem Sitz auf eigener Scholle m den gI deren Vororten oder gar in freier Natur. Die weitverzweigten S p bahnnetze unserer Großstädte, die zunehmende Bequemlichkeit und^ a leit des Verkehrs mit den Vorortzügen rücken dieses ^deal auch Beamten, dem Gewerbetreibenden, dem besser gestellten Aiv erreichbare Nähe. Unser Buch will nun allen Baulustigen em W und zuverlässiger Rathgeber sein, der keinen Augenblick di » W Arbeitslöhne und den Kostenpreis der Baumaterialien außer BerJF läßt. Die Wahl des Bauplatzes, der Entwurf des Grundrw°s, Durchführung des Baues von der Kelleranlage bis zur Emde l Daches, die Feuerungs- und Heizungsanlagen, Alles wird an, practischer Erfahrung erörtert. Zahlreiche Pläne von Fam«M berücksichtigen ein verfügbares Baucapital von 2200 bis so, und erleichtern dadurch den Voranschlag ganz außerordentlich. Redaction: SL Echeyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in eg