Seekrank. Novelle von Hans Nagel von Brawe. ------- (Nachdruck verboten.) I. „Bi den Seegang und der Ebbe können Sie weit binnen loopen, und denn is bat ook all to düster," hatte der viel- besragte Bootsmann erklärt und — was halfs den wenigen noch nicht vom Ungeheuer „Seetollheit" niedergestreckten Passagieren, wenn sie energisch betonten: „Haben wir bezahlt in baaren Münzen, wollen wir auch ankommen auf Norderney zur festgesetzten Zeit." Das war eine schlimme Reise! Sturm schon bei der Ausfahrt aus der Elbe, Sturm bis Helogland und Sturm weiter — bis Norderney! Und nun — Angesichts der rettenden Insel — hinaus in die See — in nie geahnte Fernen! Der Meergott hatte dann auch für den Erregtesten sein unfehlbar wirkendes Beruhigungsmittel gefunden. Entsetzlicher Zustand an Bord des Dampfers — auf Deck — in den Cajüten — überall Jammern -— Leichen — Elend! Endlich — nach langer, banger Nacht, — lag der „Flamingo" an der Landungsbrücke von Norderney — Morgens 6 Uhr. Nun war's überstanden! Selbst die Alltertodtesten rafften sich auf. Man drängte sich, rief durcheinander, rang nach den unzulänglichen Gepäckträgern und dazu Regen — Regen! Unter den Letzten an Bord, an die Reeling gelehnt, stand ein Herr, dem wohl die Seekrankheit keine Sorgen gemacht hatte. In einen großen grauen Jagdmantel gehüllt, den Jägerhut auf dem Kopfe, seine Cigarre rauchend, ließ er, scheinbar gleichgültig, all die übernächtigten Gestalten an sich vorüberziehen. Nur, wenn etwa eine Toilette gar zu auffällig aus dem Leime gegangen war, spielte ein sarkastisches und doch auch mitleidiges Lächeln um seine Lippen. Er wußte es ja, wie es zugegangen war an Bord! Die ganze Nacht hindurch Regen in Strömen — vom Sturm gepeitscht, — $m«8tag den 22. April 1897. — W r. -16 jcheEKinilienbl ♦♦ /e) 'M AMerhalüruMM zum |(Sie|ener^n}eiger (OeneM-Anzeiger) IBM bfamböcH' - C ; är. aUjAAS-gj? ■■. t s tragen Tugend und Frömmigkeit Von je das allerschlichteste Kleid-, Wo man von beiden groß' Wesens macht, Sich rühmt, wie weit man's darin gebracht, Da griffen mitsammt ihrer stillen Habe Die beiden längst zum Wanderstabe. Max Krone. mit Spritzern Salzwassers untermischt! — Unter Deck aber jeder Raum in rücksichtslosester Weise von Seekranken in Anspruch genommen. — Da hatte denn auch ein Theil der Damen das feuchte Biwak auf dem Promenadendeck vorgezogen. Die Aufmerksamkeit des Grauen mußte aber doch wohl weniger der Allgemeinheit gelten, wie er sich den Anschein zu geben suchte. Die klaren blauen Augen richteten sich immer wieder auf eine junge Dame, deren sympathische Erscheinung gewiß noch mehr zu diesem Interesse berechtigt hätte, wenn nicht auch ihre Züge die Spuren überstandener Leiden getragen hätten. Die Blondine, — sie hatte auffallend starkes und saft in das Weißliche hinüberspielendes Blondhaar, stützte sich aus den Arm eines alten Herrn in weißem Barte, der wohl um einen halben Kopf kleiner sein mochte, wie sie. Er wandte sich eben in eifrigem Gespräche zu einer anderen, ihm folgenden, ebenfalls jungen Dame zurück. „Gar keine Aussicht, Helene, noch heute nach Borkum zu kommen, — sagt mir eben ein Herr, — es ist bereits 7V2 Uhr und um 6^/, Uhr ist der Dampfer nach Norddeich abgegangen. Directe Verbindung soll sehr selten sein. Da bleibt uns also Nichts übrig, als zu warten, bis morgen." „Wenn die Herrschaften nach Borkum weiter wünschen, treffen Sie es gerade gut," mischte sich der eben engagierte Gepäckträger in seiner friesischen Mundart ein. „Da liegt die „Varina" von Emden, Capitain de Vries, die ist gestern gegen den Sturm unter Land gegangen und fährt heute noch zurück nach Borkum!" „Das geht aber wieder über See und es stürmt noch immer! Was meinst Du dazu, Bertha?" fragte der alte Herr die Dame an seinem Arme. „Die „Varina" hält die See, — da können Sie ruhig drum fahren," warf der Friese wieder ein und mit freundlichem Lächeln meinte die Blondine: „Wird schon gehen!" „Dann müssen wir aber auch die Regierungsräthin Bernau avertiren! Spriug einmal rasch 'rauf, Helene, da vorn ist sie noch!" Und während Helene, eine frische Brünette, die man für einen Backfisch hätte halten können, wäre nicht das liebe, hübsche Köpfchen von einer so vortrefflichen schlanken Jungfrauengestalt getragen — der Regierungsräthin Bernau nacheilte, machte der Gepäckträger auf einen Herrn aufmerksam, der in blauem Cheviotanzuge mit blanken Knöpfen, vom Bollwerk aus dem Bonbordgehen zusah. „Capitain de Vries", sagte er erläuternd. Offenbar suchte der Capitain Rückpassagiere, nachdem die Mehrzahl seiner Vergnügungsfahrer aus Borkum einen i 82 so gründlichen Begriff von der Seekrankheit bekommen hatte, I daß sie die Rückreise über Norddeich Emden vorzogen. Die Verhandlungen mit dem Seemann schienen glücklich und rasch verlaufen zn sein, denn als der Mann im grauen Mantel das Bollwerk erreichte, nahm der alte Herr eben freundlichen Abschied von jenem. „Also um zwölf, Capitain!" „Aber präcise, mit der Fluth!" „Gewiß! Also aus Wiedersehen!" Rasch folgte er den vorausgeeilten Damen. I „Für mich wird dec Capitain de Vries auch noch wohl I ein Plätzchen haben," sagte, an diesen herantretend, jetzt der Graue. Er sprach im unverfälschten ostfriesischen Dialect. I II. Genau um Mittag erschien der alte Herr mit seinen I Damen an Bord der „Varma". Sie wurden bereits von einer behäbig und heiter dreinschauenden Frau empfangen. „Gut, daß Sie da sind, Herr Geheimrath — es kann uctt werden, wir haben das Reich fast ganz für uns, es I werden nur sechszehn Passagiere an Bord sein — aber freilich, es ist noch immer recht windig, — für Ihre Nichte Bertha habe ich Furcht." „Unbesorgt, Frau Regierungsräthin, — ich werde mich in den Damensalon legen und erst in Borkum wieder aufstehen!" „Wie schade!" Mit halblauter Stimme wurden die Worte ausgesprochen, und doch hatten Alle sie gehört, alle sahen sich um, nach dem Manne, der so unberufen seine Ansichten kund gab. Der Mann aber stand, in seinen Mantel gehüllt, unfern an der Reeling und schien ausschließlich mit der Cigarre beschäftigt, die er eben anzündete. „Wer mag das sein?" fragte jetzt der Geheimrath leise, „er sieht sonst anständig aus!" — „Komischer Kerl!" „Er war mit auf dem „Flamingo", fiel die Tochter | eifrig ein, „er hat mir einen Deckstuhl geholt und dann hat I er mit dem Capitän gesprochen, — so allerhand See- | männisches, was ich nicht verstand." „Das hat er hier fortgesetzt," unterbrach die Frau j Regierungsräthin — „Sehen Sie, da spricht er schon wieder mit dem Capitain!" Es trat eine kurze Gesprächspause ein — Alle sahen unwillkürlich Hinüber nach dem Gegenstände des Interesses und — richtig — das war wieder „Friesisch", was er mit de Vries sprach. „Wahrscheinlich ist er selbst ein friesischer Schiffer," meinte der Geheimrath. „Was Sie auch denken, Herr Oldekopp! Na, so sieht ein Seebär nicht aus! Ich halte ihn für einen Offizier!" „Mit der Sprache? Denkt Euch doch einen von unseren Gardelieutenants, der so kauderwelscht!" Sie lachte hell auf. Ein strafender Blick des Vaters traf die ausgelassene junge Dame. „Helene, wenn er das hört, was soll er denken?" flüsterte er. „Immerhin ist er ein elegant aussehender Mann mit guten Manieren," bemerkte jetzt auch die Blondine, die bislang schweigend den Grauen beobachtet hatte. „Da hat Bertha wieder recht," fiel die Regierungs räthin eifrig ein — „ich habe gesehen, daß auf seinem silbernen Feuerzeuge ein Namenszug mit einer Krone angebracht war, vielleicht war's gar eine Fürstenkrone!" „Als ob Fürsten ohne Diener reisten und so abscheulich sprechen könnten!" kam's über Helenes lachende Lippen, die sie aber sofort mit der Hand bedeckte, als des Vaters Warnungsblick sie traf. „Laßt mich nur machen, Kinder — ich werde Eure Neugier bald befriedigen können — ich verstehe mich darauf," erklärte jetzt Frau Bernau mit Sicherheit. „Aber das hatte ich im Eifer des Gesprächs ja garnicht gemerkt — wir sind ja schon in voller Fahrt, der Landungssteg liegt weit hinter uns und keine Spur von dem Schaukeln von gestern!" Eben belehrte der Geheimrath, daß das Schaukeln schon kommen werde, sobald die freie See erreicht sei, als die Aufmerksamkeit durch ein Schiff abgelenkt wurde, das dicht am Fahrwasser vor Anker lag und sich durch Takel und Anstrich von den übrigen Fahrzeugen unterschied. „Es muß ein Kriegsschiff sein," meinte der Geheimrath, — „o richtig — es sind ja auch die Marine-Matrosen d'rauf!" „Aber wo sind denn die Kanonen?" fragte Helene. Noch herrschte völlige Meinungsverschiedenheit über den Character des Schiffes, als der Mann im Mantel an die Gruppe herantrat. Er lüftete den Jagdhut, — eine Fülle krausen Haares wurde dabei sichtbar — und mit wohlklingender Stimme, ohne Anklang von Dialect, erklärte er, daß das Fahrzeug allerdings ein Kriegsschiff sei, trotzdem die Kanonen fehlten — ein feines Lächeln flog zu Helene hinüber, — und daß es „Albatros" heiße und Vermeffungszwecken in der Nordsee diene. „Vor zehn Jahren war's noch ein Kanonenboot, dann wurde es ein „Kreuzer" und war auf der australischen Station thätig. Jetzt ist's kein „Schiff" mehr, sondern zu Sr. Majestät „Fahrzeug" degradirt. Es geht mit den Schiffen, wie mit den Pferden — wenn sie alt werden, verlieren sie an Werth." „Es sieht doch so neu aus," meinte die Blonde halb fragend. „Mein gnädiges Fräulein, ich kann Ihnen darauf am besten durch ein Beispiel antworten. Sie sind ja Berlinerin! Versetzen Sie sich einmal nach Berlin — in eine glänzende Soiröe, — meinetwegen bei Hofe ober bei irgend einem Geldaristokraten der Thiergartenstraße. Werden Sie dort Alles für neu halten, was einen frischen Anstrich hat?" „Das ist stark," flüsterte die Regierungsräthin — obgleich sie sich gänzlich ungetroffen fühlen durfte — Martha aber, die Blonde, schien die boshafte Bemerkung garnicht zu verstehen. „Sie sind gewiß ein Seemann?" unterbrach die Jie« gierungsräthin, — sie hielt die Frage nicht mehr zurück. „Pardon," erwiderte der Graue, „nicht eigentlich, wenn ich auch vielfach auf See war." Ein neckisch freundliches Lächeln begleitete seine Antwort. In diesem Augenblicke köpfte eine See über die Steuer- bord-Reiling am Bug des Dampfers und ein Strom Wassers floß längs dem Deck nach achter zu. Erschreckt floh die Gesellschaft in die fast noch leere Deckeajüte, den Rauchsalon. Jetzt begannen auch die Bewegungen des Schiffes lebhafter zu werden Unwillkürlich kam das Gespräch auf die Seekrankheit. „Ob's denn gar kein Mittel gegen das Unding giebt?" meinte die Regierungsräthin mit einem Seitenblick auf den Geheimrath, der eben, bleichen Angesichts, I hinauswankte, „mir wird auch schon wieder ganz grau vor den Augen." Der Graue, — er hatte inzwischen seinen Mantel abgehängt und zeigte sich in einem Hellen Reiseanzugc, — bet Fremde öffnete ein neben ihm liegendes elegantes Reisenecessaire und wählte unter einer ganzen Reihe von silber- beschlagenen Fläschchen ein Flacon aus, öffnete den Decket I und reichte es der Dame. Die Hellen Thränen ltefen iy über die Wangen als sie daran roch. „Hilst das sicher?" fragte sie, das Fläschchen weite - reichend. , , „Nicht Jedem," antwortete er, „aber hier ist noch em anderes Medicament, das ziemlich sichere Garantie bwte^ Er präsentirte eine Schachtel, länglich viereckiger For / Pastillen von dunkelgrauer Farbe enthaltend. Es wuroe nicht beachtet, daß er mit dem Finger die auf dem Kastcy befindliche Bezeichnung „Asche'sche Pastillen" sorgsälttg ver- I deckte. r < ii „Etwas bitter," meinte die Räthin, und „abscheut w, Msterte Helene ihrer Cousine zu, heimlich das „Medicament" ausspuckend. „Ja — süß sind nicht immer die wohlthuenden Gaben der Wissenschaft," meinte der Fremde. „Freilich — ein Mittel giebt's, das wirkt unfehlbar und schmeckt gar nicht." Ein tiefer Ernst legte sich jetzt über desselben Mannes Züge, der eben noch den medicinischen Fall scherzend zu behandeln schien. Die dunkele» Augenbogen traten näher aneinander, die Lider beschatteten zur Hälfte die Augen, die gegenstandslos hinausgerichtet schienen in die Weite. „Nun ?" fragte die Frau Regierungsräthin erwartungsvoll. Der Fremde schien sich erst allmälig zu einer Antwort sammeln zu können. „Es giebt eine Macht," begann er dann mit völlig veränderter Stimme und dem Ausdrucke der Begeisterung, eine Macht, die jedes Leiden überwindet, jeden Schmerz beseitigt — aber auch jeden Willen unfehlbar bricht —." Der Fremde machte eine Pause und richtete jetzt den Blick fest und unverwandt auf die Augen der Frau Regierungsräthin. „Um Gotteswillen," rief diese mit einer abwehrenden Bewegung der Hand, „sehen Sie mich nicht so an!" Aber unwillkürlich, mit erzwungenem Lächeln, wandte sie ihr rundes volles Antlitz dennoch dem Fremden wieder zu. „Die Macht der Suggestion," fuhr der Fremde fort, „besiegt alle seelischen, alle körperlichen Schmerzen. Sie trägt den Suggerirten in Umgebungen, in Verhältnisse, die er nie kannte — sie giebt ihn aber auch völlig dem Willen dessen preis, von dem die Suggestion ausgeht. In den Zustand der Hypnose versetzt, schwindet für das Medium jedes selbstständige Handeln, jedes logische Denken." Wieder machte der Sprecher eine Pause, ohne den Blick auch nur eine Secunde von der Räthin abzuwenden. Mit gespanter Aufmerksamkeit hatten die beiden jungen Damen den wunderlichen, fast unheimlichen Erklärungen gelauscht. Aber während Bertha in Ernst versunken, mit dem Ausdrucke höchster Spannung auf den Fremden blickte, flüsterte Helene dem Vater ein leises Wort in's Ohr. Dieser lächelte. „Magst Recht haben," antwortete er, „aber sein Aeußeres läßt dagegen schließen, — Schauspieler haben doch keine Schnurrbärte!" „Sie, gnädige Frau," fuhr inzwischen der Fremde fort, „sind ein bewundernswürdiges Medium! — Wollen Sie mir nur kurze Zeit fest in die Augen sehen, und den Willen haben, sich meinem Willen zu fügen, dann werde ich Sie, ■für die Zeit der Fahrt, in liebliche Gefilde versetzen — Amoretten sollen Sie umgaukeln, — was je ihr Herz gewünscht, es wird erfüllt werden — seliges Glück! — In unbegrenzte Zeiten unendlicher Wonne werden sich die kurzen Stunden wandeln — bis zur Landung — bis ich Sie erwecke aus süßem Schlafe — einem Schlafe, vor dem die finstere Macht der Seekrankheit zurückwich! Schlaf! — Milder, — süßer, — wonnereicher Schlaf. —" Er hatte immer langsamer, immer leiser gesprochen, immer mehr den Oberkörper vorgebeugt und immer intensiver hatten seine Augen geleuchtet — übermäßig weit geöffnet und fast starr. Und jetzt breitete er langsam die Hände vor, machte mit ausgespreizten Fingern die Bewegung, als schöbe er der Frau ihm gegenüber durch die Luft etwas zu. Dann die Geste des Streichens — dicht über ihrem Kopfe und dazu immer leise die Worte. „Schlaf — wonnevoller Schlaf — in seligendem Traume — fern vom wogenden Meere." Blaffer und blasser wurde die Dame. Ihre Augen zeigten den Ausdruck der Furcht und doch blieben sie fest ’8Uf den Mann gerichtet, der sie zu fasciuiren schien. „Um Gottes Willen, was machen Sie mit mir?" rief sie plötzlich aufspringend. „Es fehlte nicht viel, so wäre ich wirklich eingeschlafen! Mein Gott, und mein Mann 'ft nicht einmal hier! Na, wenn der ahnte —" „Nein, wie dumm!" flüsterte Bertha der Cousine zu, „ich möchte mich gleich einschläfern lassen — das muß schön sein!" „Das fehlte auch noch — bei Deinen Nerven!" „Sie sind wohl ein Doctor oder so etwas!" fragte jetzt die Regierungsräthin, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt halte, — „so eine Art Faust?" Der Fremde lächelte. „Sie wollten sich nicht hineinführen lassen in die Geheimnisse der Sehnenden, gnädige Fran, — lassen Sie nun auch auf mir den Schleier des Geheimnisses. Sie würden sich vielleicht mit Entsetzen von mir wenden, wenn ich ihn jetzt lüftete! — Sehen Sie dort den großen verschlossenen Kasten? Er enthält die Schreckenswerkzeuge meines Berufes!" Er sagte das wieder mit dem Ausdrucke höchsten Ernstes und zeigte auf ein längliches Kistchen von polirtem Holze und broncebeschlagen, das er selbst getragen und sorgfältig in der Cajüte untergebracht hatte. (Fortsetzung folgt.) Komödie. Novellette von Eduard Gachot. ------- (Nachdruck verboten.) Charles Dartois war Procurist bei einem Börsenmakler. Sein Chef behandelte ihn als Freund, und seine College» schätzten ihn hoch. Charles hatte außerdem auch noch ein Pmtzchen im Herzen des Fräulein Therese Löon, der Tochter des Hauses, die eine ansehnliche Mitgift und später ein großes Vermögen bekam. Charles, der stets zu den Gesellschaften im Hause Leon eingeladen wurde, wagte nicht, mit Fräulein Therese zu tanzen, was diese sehnlichst wünschte. Die wenigen Compli- mente, die er ihr machte, erschienen ihr viel zu kurz- und als einmal ihre Augen die des jungen Mannes trafen, wurde er so verwirrt, daß er den Salon verließ, um nicht verlegen zu werden. Therese, die jung, schön und von Anbetern umschwärmt war, bildete sich ein, sie wäre Dartois gleichgültig ,- sie sah nicht, daß er es aus Schüchternheit nicht wagte, sich ihr zu nähern. Schließlich nahm sie eine Parthie an, die man ihr vorschlug, und theilte dem jungen Mann mit leiser, zitternder Stimme selbst die Nachricht mit. „Sie sehen, ich verheirathe mich doch!" Wieviel getäuschte Liebe lag in diesem „Doch!" Als sie die Hochzeitsreise in das Land des ewig blauen Himmels angetreten, fühlte sich der arme, junge Mann sehr unglücklich, und er machte sich die bittersten Vorwürfe, indeß es war zu spät! Er hoffte zu vergessen, aber das war schwerer, als er geglaubt, denn der Wille, seine Gefühle zum Schweigen zu bringen, wurde von der Liebe zurückgedrängt. Wo er ging und stand, trat ihm die Erinnerung an „sie" entgegen, und er fühlte das Verlangen, allein zu sein, um sich seinem Schmerz ganz hingeben zu dürfen. Fest entschlossen, diesem Zustande ein Ende zu machen, bat er seinen Chef um einen vierwöchentlichen Urlaub, den ihm dieser sofort bewilligte, und reiste nach Avignon. * * * Eine warme Julisonne vergoldete die Landschaft, die stellenweise mit dichtem Grün bedeckt war- die reizenden Häuschen umgaben Bäume, deren Aeste mit reifen Früchten überladen waren- die Vögel zwitscherten in den Zweigen und die Grillen zirpsten. Charles Dartois durchwanderte die Thäler und Wälder, fand jedoch die erhoffte Ruhe nicht. Die erst so sehnlichst gewünschte Einsamkeit war ihm mit der Zeit drückend und lästig geworden. So verließ er eines Tages die Ufer der Durance und fuhr nach Nizza, wo ihn die unaufhörliche Folge der Feste wiederum ermüdete. Eines Tages stand er eben im Begriff, das Hotel zu verlassen, als ihm der Kellner eine Depesche überreichte. Was mochte geschehen sein? War den Seinen etwa ein Unglück zugestoßen? 184 nehme an.' * Am Abend wurde er dem jungen Mädchen vorgestellt, die in Begleitung ihrer Mutter, einer Freundin der Frau Morilland, erschien. Das reizende Gesicht Thereseus, ihre schönen, schwarzen Augen, ihre vornehme Erscheinung entzückten Charles im I Augenblick- vor Allem aber gefiel sie ihm deßhalb so gut, weil sie Aehnlichkeit mit seiner verlorenen Therese hatte. Das Stück war die alte Comödie, in der der Vater sich I zuerst gegen die Heirath seiner Tochter mit dem Manne ihrer I Wahl sträubt, und die endlich nach mancherlei Verwickelungen zu Aller Zufriedenheit endet. Die Proben waren zwar schon ziemlich vorgeschritten, doch sie waren schlecht geleitet worden, und Charles hatte I nicht wenig zu thun. Der „humoristische Vater" mußte mehr ! im Character sprechen, die Gesten exacter ausgeführt werden- ein Jeder mußte seinem Alter entsprechend gehen, selbst die Toiletten der Damen wurden dem „Herrn Regisseur" zur i Prüfung vorgelegt. „ I Therese unterstützte den jungen Mann nach Kräften, und j im Verlause der Proben bildete sich zwischen den Beiden eine,i freundschaftliche Vertraulichkeit heraus - kein Wunder daher, daß sie die große Liebesscene mit einer Wärme spielten, die auch nach den Proben noch anhielt. Er las schnell das Telegramm in dem folgende Worte I standen: . „Kommen Sie schnell; Ihre Gegenwart ist hier dringend erforderlich. * Morilland. I Herr Morilland war ein alter Freund seiner Familie, der dieser stets das lebhafteste Interesse entgegengebracht hatte. , ,. _ . ,, I Er folgte der Aufforderung und kehrte in die Heimath I zurück, doch die Gegenden, die der Zug durchfuhr, erschienen ihm traurig. , . .. Er lehnte in einer Ecke seines Coupes und schloß die ! Augen- denn noch immer konnte er Therese nicht vergessen. Um den Qualen seines Geistes zu entgehen, las er die Depesche seines alten Freundes Morilland noch einmal und zermarterte sich den Kopf darüber, was das Wort „dringend I erforderlich" wohl zu bedeuten hatte. Endlich gelangte er nach Paris, wo ihn Herr Morilland erwartete. , Nach herzlicher Begrüßung bestiegen beide em Break und fuhren nach der Wohnung des Herrn Morilland, wo ihm | dessen Gattin das Räthsel löste. „Es soll nämlich", sprach sie, „eine Soriee zum Besten der Armen gegeben werden, bei der auch Comödie gespielt wird. Drei kleine Acte. Der Autor ist ein Bekannter, und Darsteller und Darstellerin sind Freunde. Nun ist uns gestern ein kleines Malheur zugestoßen- der erste Liebhaber ist erkrankt und ein Ersatz nicht aufzutreiben. Da kommt meinem Manne eine Idee - er weiß, sie sind auf Urlaub- er telegraphirt Ihrem Chef und bittet Sie, zu kommen. Man rechnet darauf, daß Sie Sonntag Abend, d. h. in vier Tagen, spielen werden. Denken Sie doch, es ist für die Armen!" „Aber ich bin so ungeübt, Madame . . ." „Sie sind Pariser, das genügt! Sie sind außerdem em sehr scharfer Beobachter und werden deshalb auch die Freundlichkeit haben, Regie zu führen." „Sie erweisen mir zu viel Ehre!" „O nein! Sie finden Ihre Rolle in diesem Packet. Das Diner ist servirt, und nun kommen Sie!" „Sagen Sie mir wenigstens, wer die weibliche Hauptrolle spielt!" . „Ein reizendes, junges Mädchen, Fräulein Therese Boutry." „Sie heißt Therese?" rief Charles- „gut denn, ich * Am nächsten Abend fand die Vorstellung statt. Die große Liebesscene des zweiten Actes mußte da capo gespielt werden. Nach dem letzten Acte rief man die Künstler fünfmal vor den Vorhang. Glückstrahlend kehrte Therese nach Hause zurück, nur etwas störte ihr Wonnegefühl- Charles Dartois hatte ihr nach der Vorstellung nur eine förmliche Verbeugung gemacht, ohne auch nur ein Wort an sie zu richten. Umsonst zerbrach sie sich die ganze Nacht über den Kopf, was den jungen Mann wohl veranlaßt haben könnte, sich io steif von ihr zu verabschieden, indeß vermochte sie des Räthsels Lösung nicht zu finden. * * Am Morgen nach der Vorstellung erschien Herr Morilland bei Frau Boutry. „Das Theater sührt mich her, verehrte Frau. Da die Comödie gestern namentlich von den beiden Hauptdarstellern — wunderbar gespielt wurde, so wäre es schade, wenn man auf so gutem Wege Halt machte. Wollen Sie mir Ihre Künstlerin zu einer zweiten Vorstellung überlassen?" Die Mutter war sich über die Absichten des Herrn Morilland nicht im Unklaren- sie läckelte daher und erwideite: „Ich weiß, was Sie sagen wollen, bevor ich Ihnen jedoch antworte, muß ich meine Tochter um ihre Einwilligung befragen." . _ I „Das ist nur gerechtfertigt, doch Sie gestatten wohl, daß ich warte?" Frau Boutry klingelte und gab Auftrag, rhre Tochm zu rufen, bann sagte sie zu dieser, die wenige Augenblicke später in den Salon trat: „Mein liebes Kind, unser vortreffllicher Freund hier wiu aus Dir durchaus eine Künstlerin machen. .. Du hast für die Armen ausgezeichnet gespielt, und Herr Dartois erbittet Dem Mitwirkung zu einer Comödie in drei Bildern, die auf oem Standesamt, in der Kirche und auf der Hochzeitsreise spielen sollen......Willst Du Bedenkzeit?" Therese fiel ihrer Mutter um den Hals, umarmte st stürmisch und flüsterte ihr ins Ohr: „Ja, ich nehme an!" .... „Herr Dartois", fuhr Herr Morilland fort, „bchtz 20000 Francs und eine großartige Stellung- daß er Tochter anbetet, brauche ich wohl nicht erst zu erwähne ■ „Herr Morilland, wir sind Ihnen sehr zu Tank vor pflichtet", sagte Frau Boutry- „thellen Sie schnell J Schützling mit, daß die Verlobungsfeier heute Aveno | stattfindet!" Redactivnr«. Sch«yda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pcetsch & Scheyda) m ® 6 Herr Morilland war hocherfreut. Er hatte sich vorgenommen, seinen Freund Dartois zu verheirathen, doch wohl zwanzigmal hatte dieser sich geweigert. Diesmal aber hoffte er stark auf Erfolg, war doch die Comödie nur zu dem Zweck in Scene gesetzt worden, um die beiden Leutchen einander näher zu bringen. Therese wußte hiervon ebensowenig wie Charles, doch auch sie hatte bereits an ihrem Partner Gefallen gefunden. Nach der Generalprobe plauderte Herr Morrlland mit seinem jungen Freunde im Salon. Finden Sie nicht, daß Fräulein Therese in ihrer Rolle entzückend ist?" fragte Charles. „Allerdings!" „Wir werden ihr den ganzen Erfolg zu verdanken haben." Das ist sehr schmeichelhaft für sie." „O nein, das ist nur die Wahrheit!" „Es freut mich, daß sie Ihnen gefällt- denn auch sie scheint für Sie große Sympathie zu empfiudeu." „Ihre Worte machen mich überaus glücklich!" „Nun, mein Freund, spielen Sie morgen Ihre Comödie, und ich verpflichte mich, daß wir in sechs Wochen die Schlußscene wiederholen müssen.^ *