MM l!iSzö$ Das Beste. Der Majoratsherr Roman von Rataly v. Eschstruth. on Allem das Best' Ist ein Herz, heiter und fest, Ein gesunder Leib, Ein liebes Weib Und ein kleines Eigen- Wer das hat, mag sich freu’n und schweigen I Johannes Troyan- (Fortfetzmig.) Sie brennt darauf, ihn erzählen zu hören, denn auch in dieser Beziehung hat die Kleine keinen Mädchengeschmack, sondern macht jedem Gymnasiasten Concurrenz! Jndianergeschichten, Seeabenteuer, Krieg- und Kamps- erlebniffe! ja, darüber saß sie mit glühenden Augen, während Pia sie in den ersten Tagen ihres Beisammenseins über dem Buche „Mädchenleben", welches sie dem Cousinchen mitgebracht, eingeschlafen fand. Damals hatte Fränzchen alles „Lyrische" noch geradezu gräßlich gefunden und behauptet, es werde ihr speiübel bei solch einem Gesäusel und Gebräusel, aber es war bald anders geworden und direct in Schwärmerei, zeitweise beinah in Sentimentalität umgeschlagen. Das verschuldete wohl der Verkehr mit Pia- Fränzchen hatte zuvor wenig oder gar keine Gelegenheit gehabt, mit jungen Damen zusammen zu sein, und darum erging es ihr der schönen Cousine gegenüber wie fast allen ihren Altersgenossinnen, — sie schwärmte die ältere an! Sollte auch ihre Begeisterung für Wulff-Dtetrrch nur eine solche Eintagsfliege leicht erregter Backfischs- Phantasie gewesen sein? rr . .. Der junge Marineoffizier ist wie geschaffen dazu, die kleine Comteffe prima vista zu erobern! er wird in allen Dingen mit ihr harmoniren. Pia preßt wie in weher Leidenschaft die Hande gegen die Brust! — Kränzchens Verlobung mit Gert würde die einzige Möglichkeit sein, die verwirrten Fäden des Schicksals zu lösen! . Gert muß eine reiche Frau heirathen, er ist durchaus nicht scrupulös in seiner Wahl, Fränzchens Häßlichkeit würde ihn nicht gentren, ihr originelles Wesen ihn sogar amüsiren und anreizen! — Herr Gott des Himmels wenn es möglich sein könnte, — wenn jene Stunde käme, in welcher sie Wulff-Dietrich sprechen könnte: „Ich bin die Einzige, welche Dein altes Geschlecht von dem Schicksal erretten kann, — um Deines Namens willen vergieb mir!" Es ist eine lange, bange, dunkle Nacht um sie gewesen, nun leuchtet ein rosiger Hoffnungsschimmer am schwarzen Himmel auf, ein Lichtstrahl, welcher eine Sonne verheißt! Wird sie voll blendender Schöne emporsteigen!? Wird sie mit heißem Strahl die Thränen von den Wangen küssen? O komm, Sonne, komm! Du findest eine Rose, von welcher die schwere Hand des Schicksals die Dornen abgestreift. Capitel 24. Hoch ragt aus schattigen Gehegen ein schimmerndes Schloß hervor — Ich kenne die Thürme, die Zinnen, die steinerne Brücke, das Thor! — * Channsso. ,Eine wunderliche Sorte von Mädchen! braun und wild, flink wie eine Katz, unstät wie ein Irrlicht, — nur Allotria im Kopf! Ich warn' Euch, Herr! Sie hält Euch zum Narren!" John Guild. Von dem Wartthurm der Burg Niedeck wehte die Flagge mit dem sarbiggestickten, weithin leuchtenden Wappen der Grafen, ein ungewohnt festliches Zeichen, nach welchem die Bürger von Angerwies ungläubig emporblickten. Gäste im Hause des Grafen Willibald? Je nun, das muß entweder ein Jrrthum sein, oder Ruldolf Falb hat recht prophezeit, wenn er den Untergang der Welt für die nächste Zeit voraussagte! Freilich hat die Baroneß von Nördlingen von der letzten Reise der Herrschaft auch schon auf Niedeck zum Besuch geweilt, und wie man behauptet, war sie auch jetzt mit der gräflichen Familie zurückgekehrt. — Und die Welt ging doch nicht aus den Fugen darüber, warum sollte sich der alte Geizhalz seiner jungen Tochter zu Liebe, nicht doch einmal aufraffen, und sich auf die Pflichten besinnen, welche ihm sein Titel und sein Reichthum auferlegen? i Gäste auf Niedeck! In der „Stadt Hamburg" hatte man bereits am ! Stammtisch gewettet, ob und wer wohl kommen könnte? Der Name des Grafen Rüdigers war seit langen * Jahren nicht mehr in dem Städtchen genannt worden, und geschah es, so war es voll Groll und Erbitterung, denn daß man diesem Herrn allein das klägliche Mißverhältniß, welches zwischen den Bürgern und dem Majoratsherrn bestand, zu verdanken hatte, war ehemals selbst dem Thörichtsten klar geworden. Anstatt vorwärts war in der langen Zeit Alles mehr zurückgegangen in Angerwies. Die Frau Bürgermeisterin saß mit drei alten Jungfern im Hause noch immer und schaute nach Freiern aus, aber die verheißenen Lieutenants waren nicht erschienen, und weil der junge Rentmeister und Administrator von Niedeck auf Befehl des Grafen nicht mit den „Meuterern" von Angerwies verkehren durften, so holten sie sich ihre Frauen von auswärts. So war's auch in dieser Beziehung schlimmer geworden, anstatt besser. Manch alter Hitzkopf, welcher ehemals gehorsam die Hände in das Feuer gesteckt hatte, um für Graf Rüdiger die Kastanien herauszuholen, war in das Grab gesunken, eine neue Generation wuchs heran, welche den Sonderling Willibald kaum von Angesicht kannte, denn seit seiner Vermählung hatte der Graf fast immer auf Reisen gelebt, und war nur zu sehr kurzem, beinahe flüchtigem Aufenthalt in Niedeck eingetroffen. Während die Burg droben in ihrem tiefen Schlaf der Vergessenheit lag, ward sie von den Angerwiesern völlig ignorirt, wie man sich an das Dasein von Sonne, Mond und Sternen gewöhnt, welche als unbekannte Welten auf die Köpfe der ehrsamen Bürger herabschauen und durch unermeßliche Entfernung jeden Verkehr mit ihnen abgeschnitten haben. Man gab sich weder dort noch hier die Mühe, Unmögliches möglich zu machen und Unerreichbares zu erreichen, — weder bei dem Mond noch bet Burg Niedeck. Wenn aber der Majoratsherr ganz plötzlich auftauchte und mit seiner Familie so schnell, wie die Pferde laufen wollten durch Angerwies hindurchsauste, — zwei Mal nur, wenn er von der Bahn kam, oder wenn er zur Bahn fuhr —, dann erwachte bei den Alten die Erinnerung dennoch wie ein schwerer, fataler Traum, und sie steckten ^die Köpfe zusammen und gedachten grollend der besseren Zeiten, welche sie gesehen, ehe Graf Rüdiger kam, die Unzufriedenheit und Rebellion unter ihnen zu schüren. So auch jetzt/ das Banner, welches so friedlich und freundlich vom Schloßthurm wehte, ward zu einem Alarmsignal, welches das träumende Angerwies für etliche Zeit aus seiner Lethargie emporriß und den Weg zum Bahnhof zu einer der belebtesten Promenaden machte. Selbst bei Regenwetter! — aber glücklicherweise ließ es der Himmel bei einem tüchtigen Gewitter bewenden und zeigte Tag für Tag die sonnigste Bläue, welche so ganz besonders dazu angethan war, der stolzen Pracht des alten Thurmbaues ein Relief zu geben! — Nie war Niedeck so schön, als in sommerlicher Rosenzeit, wo seine bemoosten Gemäuer von duftigem Blüthenregen überschüttet schienen, wo die Kletterrosen durch den Epheu lachten und das graue Felsgestein einen golddurchwirkten Königsmantel gelber Mauerblumen überwarf. Feld und Wald strotzten voll Segen, hier die wogende Saat in allen Farbentönen, vom lichten Gelb bis zum gesättigten buntgetupften Wtesengrün, und dort das rauschende Wipfelmeer des Waldes hochragend im wundervollen, alten Bestand, wechselnd zwischen Laub- und Nadelholz, reizend geschmückt von weißblühenden Akazien, durch welche die Blutbuche ihre tiefrothen Zweige flicht. Voll unbeschreiblichen Entzückens stand Pia wieder und immer wieder auf dem Söller, um die zauberhafte Schönheit dieses Landschaftsbildes zu genießen. Ja, die alten Ritter wußten gar wohl, was Poesie und Schöne war, darum bauten sie sich ihr Heim droben auf die Berge, wo die Freiheit wohnt, und wo die Welt es dem trunkenen Blick erst zeigt, wie herrlich und wunderbar sie der gütige Gott geschaffen! Und heute stand Pia mit doppelt frohem und erregtem Herzen an der Mauerbrüstung und spähte hinab zu Thal, wo der weiße Rauchstreif der Locomotive kräuselte, wo der Schnellzug wie eine dunkle, pfeilschnell daherschießende Schlange sich durch das bergige Terrain wand. Nun wird es noch eine halbe Stunde währen, und sie hält die Eltern und den Bruder in den Armen, die Eltern, nach welchen sie sich in ihrer Herzensnoth doppelt gesehnt hat, den Bruder, welcher ihr durch lange, lange Jahre hindurch fern gewesen, welchen sie stets besonders geliebt, und dessen Briefe ihr das theuerste Band mit der Heimath gewesen, ihr lieber, lustiger Gert, an welchem ihr Herz im Geheimen die heißesten und sehnlichsten Wünsche knüpft! Auf der grauen Steintreppe taucht eine Gestalt auf und springt immer, zwei Stufen auf einmal nehmend, zu dem Söller empor, — Fränzchen. „Richtig! Dachte ich es doch, daß Du hier wieder auf dem „Lug ins Land" steckst, brauchtest gar nicht so hoch zu klettern, ich habe den Zug schon seit zehn Minuten von dem Erkerfenster drunten beobachtet!" Pia schaute auf. Ihr Blick überflog voll beinahe ängstlich prüfenden Interesses die eckige, ungraziöse Mädchengestalt, welche, vom Hellen Sonnenlicht bestrahlt, mit großen Schritten auf sie zukam. Es war ja schrecklich! Grade heute sah Fränzchen unvortheilhafter wie je aus! Sie trug selbst als großes Mädchen meist noch Hängekleider von vollendetster Kinderfaeon, welche durch eine Schärpe um die Taille herum zusammengefaßt wurden. Dennoch konnte die merkwürdig gedrungene, plumpe Figur kaum verdeckt werden. Die Taille war eigentlich nur dem Namen nach vorhanden, von irgend welcher weiblichen Ueppigkeit keine Rede, ja, Bülow hätte bei dem Anblick der Comteffe sicher sein berühmtes Wort noch einmal wiederholt: Ich liebe es nicht, wenn die Damen den Rücken vorne haben! Obwohl Fränzchen nicht übermäßig groß war, sah sie doch lang aufgeschossen aus, namentlich in diesem Augenblick, wo sie so lebhaft mit den spitzknochigen Armen gesticulirte und das elegante, weißgestickte Kleid unbeschreiblich schlampig um die großen Füße schlug. Pia hatte diese Betrachtungen ja schon oft gemacht und sich manchmal kopfschüttelnd eingestanden: „sie ist die wahre Carricatur von einem Mädchen," heute, wo sie die Erscheinung der Cousine voll ganz besonderer Sorge musterte, fiel ihr das Unschöne und Lächerliche besonders daran auf! Ach, was wird Gert, dieser verwöhnte, was Geschmack anbelangt, so fein beanlagte Mann dazu sagen! — Wie jähe Verzagtheit will es das junge Mädchen überkommen, da blickt sie in die strahlenden Augen des Väschens, diese wunderschönen großen Augen, in das freudegeröthete lebhafte Besicht, und sie athmet tief auf und denkt: „Seltsam, trotz aller Häßlichkeit kann sie doch so herzgewinnend hübsch aussehen!" Fränzchen bleibt hochathmend vor ihr stehen. „In einer halben Stunde sind sie da!" lacht sie, daß die ganzen Zähne sichtbar werden, „ich habe soeben mit Friedrich und ein paar anderen Dienstbolzen die Feldschlangen vor dem Thor geladen,- — wenn der Wagen an der Weg» biegung in Sicht kommt, donnern wir los! — Famose Idee, was?" „Aber ich bitte Dich, liebes Herz, wenn die alten Dinger platzen! Bedenke, wie lange nicht daraus geschossen ist, es kann ein Unglück geben!" „I wo! Der Doctor und ich haben sie heute morgen selber mit Putzen helfen!" „Der Doctor! Was versteht ein Erzieher von Geschützen!" „O bitte, er hat sein Jahr bet der Artillerie abgedient und ist in militärischen Dingen ein ganz fixer Kerl! Als ob sie mir einen anderen hätten geben dürfen! — Sein Dienstjahr imponirt mir mehr wie alles Latein, alle Mathematik und alles Vocabelpauken!" - 595 — „E>u bist nicht recht gescheit, Kränzchen! Was wird Gert zu solchen Ansichten sagen!" „Na, als braver Lieutenant kann er sich höchstens darüber.freuen!" „Und . . . Herr des Himmels! wie sehen denn Deine Hände aus?" Comteßchen sah mit flüchtigem Blick auf die genannten nieder und strich sie ungenirt am Kleid ab. „Donnerwetter ja! ich muß mich noch waschen!" „Wo haft Du Dich denn so furchtbar zugerichtet?" Kränzchen lachte harmlos wie ein Engel. „Es find ja nur Bickbeeren! Die neue Mamsell hatte mir gestern kein Eis, wie sie versprochen, sondern elenden Aprikosenauflauf als Nachtisch vorgeworfen, da mußte ich mich doch rächen, um die Disciplin aufrecht zu erhalten!" „Rächen? mit Blaubeeren?" „Hm! ich habe ihr ein paar Hände voll Saft in den Waschkessel gedrückt, worin sie unsere feine weiße Wäsche hat." „Fränzcherk!" „DieWuth von ihr! es wird prachtvoll! neulich hat sie schon Mord und Tod geschimpft, sie hätte den ganzen Nachmittag stehen müssen, um die Grasflecken aus meinen Kleidern zu machen." „Die ganze Wäsche wird verloren sein!" rang Pia entsetzt die Hände, „und solchen Unfug stellt eine sechzehnjährige Dame an!" „I wo! verloren! — Der alte Drachen muß sie nur wieder säubern, voila tout! und jetzt will ich mir flink noch die Finger abspülen." „Das bekommst Du ja im Leben nicht wieder herunter! die blauen Flecke haften tagelang!" „Schnack! ich nehme Sand!" „Zeig her, ob Dein Kleid etwas abbekommen hat." „Keine Spur! ich hatte wohlweislich Mamsells Schürze vorgebunden, die hat allerdings die schwarzen Pocken bekommen !" „Und Dein Haar, es starrt wieder in alle Winde! komm schnell mit mir in mein Zimmer!" „Nein, das hat Mama verboten!" „Ich werde sie um Verzeihung bitten! ich muß Dir mal die Haare ein wenig brennen." „Brennen?! Mir?!" — Fränzchen sah sehr, verdutzt ans. „Gewiß! es wird Dir allerliebst stehen! überhaupt muß ich Dich noch ein wenig herausputzen! Gert legt so viel Werth auf guten Anzug, und wirst Du ihm doppelt gefallen, wenn Du ein Bißchen hübsch aussiehst!" Fränzchen machte ein undefinirbares Gesicht. Theils pfiffig, theils schmunzelnd, aber sie sagte kein Wort weiter, sondern raste der Coufine voraus, nach dem Fremdenzimmer. Die Sonne leuchtete durch die mächtigen Bogenfenster und weckte blitzende Lichter in dem eleganten Crhstall, welches den spitzenverhängten Toilettentisch zierte. Vor vielen, langen Jahren mochte hier eine sehr schöne Ahnfrau ihrem Antlitz in dem Rococospiegel, dessen goldenen Blätterrahmen schwebende Engelein trugen, zugelächelt, mochte mit weißen Händchen zwischen all den Flacons, Döschen und Krüglein gewählt und blitzende Edelsteine in die Schmuckschale geworfen haben! — Noch war das Zimmer in seiner vergilbten Pracht genau wie ehemals erhalten, und nur der ausgestopfte weiße Seidenspitz, welcher mit starren Glasaugen auf der Bronceconsole des Kamins faß, war entfernt worden, weil die Motten ihm gar zu schonungslos zugesetzt hatten. Wo ehemals die kokette Gräfin Niedeck das rosenbekranzte Schäferhütchen auf das Lockentoupet gedrückt und auf spitzen Stöckelschuhen zierlich wie ein Bachstelzchen über das Parkett wippte, trabten jetzt die derben Schuhe ihrer späten Enkelin, und Fränzchen pflanzte sich breitbeinig, die Hände mit gespreizten Fingern auf die Knie gestützt, vor dem Toilettentisch auf, um mit dem komischsten Gesichtsausdruck, welchen man jemals an ihr wahrgenommen, der Brennschere zu harren. Pia hing ihr den eigenen gestickten Frisirmantel um die Schultern und entzündete voll fliegender Eile bte Spiritusflamme. _,, „Es ist mir unbegreiflich, daß Tante Johanna Dich nicht täglich von Dorette frlftren läßt!" schüttelte sie den Kopf. „Willst Du denn die Haare immer abgeschnitten haben?" , Fränzchen grunzte etwas Unverständliches und hielt den Kopf kerzengrade. „Nun, dann müssen die rebellischen Strüppe zum Mindesten zu zierlichen Tituslöckchen gewellt werden. Bist Du denn nur gar nicht im Mindesten eitel, petite? Jedes Mädchen hegt doch ein gewisses Interesse für seinen äußeren Menschen!" „Hm, schon möglich . . . aber ich? ... nee, ich bm nicht eitel!" und zur Bethätigung schnitt sie ihrem Spiegelbild eine furchtbare Grimasse. „Aber, Fränzchen, wie kann man fein Gesicht' so verzerren!" (Fortsetzung folgt.) Heinz Wamows Brautfahrt. Weihnachts-Humoreske von S. Halm. (Nachdruck verboten.) KO. Draußen wüthete der Schneefturm. Es war am Vorabend des heiligen Abends. In seiner nüchternen, überheizten Gartzonwohnung saß Heinz Warnow und hing gewissen Reminiscenzen-nach. Er seufzte: „Ja, so ein Junggeselle hats nicht leicht. Da reden die Leute von goldener Freiheit und vom Joch der Ehe! — ja — ein jedes Ding hat seine zwei Seiten. — Wenn man nur erst die Brausejahre hinter sich und das öde Alter vor sich, auf dem Kopf aber einen angehenden Mondschein hat und sich obendrein noch das Bäuchlein angenehm rundet — — ja — dann beginnt einem die vielgepriesene Ungebundenheit zu drücken!" und abermals versank Heinz Warnow in wehmüthige Reminiscenzen. — Da war zum Beispiel ein Weihnachtsabend gewesen, es war wohl fünf Jahre her, da hatte ein süßes, kleines MLdel die noch etwas mageren Aermchen um seinen Hals gelegt und hatte ihm auf seine Frage: „Nun Trudel, was wünschst Du Dir denn diesen heiligen Abend von mir? — Ich komme nämlich mit leeren Händen, beim ich wußte nicht, was ich dem angehenden Fräulein schenken sollte," die kecke Antwort ins Ohr geflüstert: „Dich wünsche ich mir Onkelchen!" bann war bas „naseweise" Ding bavongesprungen, ihn mit seiner Verblüfftheit und mit seinem guten, dummen Gesicht sich selbst überlassend! — Welch ein Narr er doch gewesen war! Wahrhaftig, er hatte den Empfindlichen gespielt, halte etwas vom Kiek-in- die-Welt und naseweisen Backfisch gebrummt, hatte sich davon getrollt und war mit einem wirklichen Hampelmännchen wiedergekommen. „Da Trudel, da haft Du Deinen Hampelmann! Ich denke, wir verstehen uns!" und er hatte das kleine Mädel stehen lassen, hatte keine Augen gehabt für den beredten Blick aus ihren feuchtschimmernden Augen. Narr, der er gewesen. Warum hatte er nicht damals das Glück beim Schopf genommen und auf die frischen Lippen geküßt? Ein so süßer kleiner Fratz! Und heut?" Heinz seufzte tief auf und warf einen Seitenblick in den Spiegel, der ihm sein rundliches Conterfei zeigte. Wie viel hatte ihm dieses Embonpomt doch gekostet, wie viele Schoppen Bier, wieviele langweilige Kneiphausabende! Süße, kleine Trudel! Die saß nun in der Provinz und vertrauerte mit ihrer unglücklichen Liebe zu ihm im Herzen die schönste Jugend. Wie Centnerlast fiel- es ihm auf die Seele. Und er — trug die Schuld daran. — Einundzwanzig mußte sie jetzt zählen, die kleine Trudel. „Von meinen Sechsunddreißig ab macht fünfzehn" calculirte 596 er halblaut und dann richtete er sich plötzlich straffer auf, trat vor den Spiegel und musterte sich eingehend. „Die Nase etwas dick, die Figur dito--aber immerhin in guter Proportion, der Schnurrbart schön, das Auge zwar klein, aber lebhaft, Gesichtsausdruck gutmüthig — kurz" — schloß die Selbst ritik seines äußeren Menschens — „noch immer ein ganz acceptabler Freier!" Er schmunzelte Plötzlich gut gelaunt, ihm schien ein guter Einfall gekommen zu sein. Die Hände in den Hosentaschen, den Mund leicht zum Pfeifen gespitzt, durchschritt er das Gemach. Endlich nickte er nachdrücklich mit dem Kopfe. „So wird's gehen!" Drauf nahm er seinen Hut und ging in die nächste Buchhandlung, ein Reichscursbuch zu erstehen. — „Hamburg-Hannover," er blätterte eifrig, rückte die Lampe näher und las: Ab Hamburg O-Zug 12 Uhr 40 Minuten. Ankunst in Hannover 3 Uhr 40 Minuten. Hannover- Wunstorf. Abfahrt hier ab Hannover 4 Uhr 25, in Wunstorf 5 Uhr. Richtig, ich hab's! Das wird gleich notirt. So! Und nun mein süßes, kleines Trudelchen, auf baldiges Wiedersehen! Dein Onkel Brummbrär kommt als zahmster, zärtlichster aller Freier, sich sein Prinzeßchen direct vom Christkind zu erbitten." — * Heinz Warnow saß im Zug. Ihn fror trotz der hohen Temperatur, die im Coups herrschte. — „Wahrhaftig, ich glaube, ich habe so etwas wie Angst," gestand er sich und fluchte dann leise: „Sckock schwere Noth, ich bin doch keine Memme und auch kein grüner Fant mehr, dem bei dem Gedanken an eine Auseinandersetzung mit der Schwiegermutter in spe das Herz in die Hosen fällt!" doch das „kein grüner Fant mehr" gab ihm plötzlich zu denken. Heinz Warnow verwarf den aufkommenden Verdacht aber schnell. Er war Sanguiniker von Natur und obendrein auch ein wenig eitel wie alle wohlconservirten Männer seines Alters. Immerhin blieb doch Etwas wie eine Katerstimmung in ihm haften. In der nüchternen Beleuchtung des Tages sah ihn sein Plan mit ganz anderen Augen an, als er es gestern im Feuer des ersten Eifers gethan. Die Aussicht mit Cousine Adelheid, Trubels Mutter, eine ihm von früher noch sehr wohl als herrschsüchtig im Gedächtniß haftenden Dame, zusammenzutreffen, trug nicht dazu bei seine Laune zu bessern, doch drohte diele ganz in's Wanken zu kommen, als sich in Uelzen eine „ältere junge" Dame mit liebenswürdig seinsollendem Gruß und Lächeln zu ihm gesellte. Bis dahin war er der alleinige Insasse des Coupss gewesen, die Gegenwart eines Mitreisenden, geschweige noch dieser Mitreisenden war ihm in seiner Stimmung höchst unwillkommen. Er warf daher einen keineswegs freundlichen Blick auf die sich aus ihren winterlichen Hüllen schälende etwas hagere Dame und nistete sich fester in seine Ecke. Die Dame nahm ihm gegenüber Platz,' sie musterte ihn mit dreist-neugierigen Blicken. Was will die alte Schraube denn nur von mir, dachte Warnow und setzte sich wie kampfbereit in Positur. Sein Gegenüber schien dies jedoch falsch zu deuten. Ein südliches Lächeln veränderte das faltige Gesicht nicht eben Vortheilhaft. „Können Sie mir vielleicht sagen, mein Herr," begann die Dame endlich ihre Attacke, „wann ab Hannover ein Zug nach Wunstorf geht?" Warnow hatte sich bei den ersten Worten seines Gegenüber zugeschworen, die lästige Person durch nicht rmßzuver- stehende Grobheit abzuschrecken, bei dem Worte Wunstorf aber vergaß er alle Vorsätze. Alsa die wollte auch nach Wunstorf? i Bis dorthin wollte ihn dies Gesicht, das ihm ein verkörpertes i Fragezeichen schien, begleiten? Im gleichen Augenblick kam der Schaffner, um die Billete abzufordern. „Wunstorf? Hannover umsteigen, 35 Minuten Aufenthalt!" sagte er, die Billete coupirend, dann fiel die Coupsthür in's Schloß. Warnows Gegenüber aber rief freudestrahlend: „Das trifft sich ja herrlich! Sie haben dasselbe Ziel wie ich?" Warnow knurrte bejahend. „Vielleicht auch ein Weihnachtsausflug?" fragte die unverwüstliche Fragestellerin, abermals antwortete ihr ein Knurren aus der Ecke. „Wie reizend, denken Sie sich, auch ich will auf Besuch dorthin!" „So---!" „Ja, es gilt ein Doppelfest, wir wollen nicht nur Weihnachten, sondern auch Verlobung feiern." Warnow sah sie verdutzt an. Die wollte auch in Wunstorf Verlobung feiern? Und dann ging es ihm durch den Kopf: „Muß der einen Geschmack haben, der sich in die Vogelscheuche verliebt." Doch das Fräulein, die ringlose Rechte ihren Stand längst verrathen, klärte ihn schnell genug über seinen Jrr- thum auf. Mit dem stereotypen Lächeln sagte sie: „Mein Bruder feiert nämlich heute Verlobung mit einer Wunstorferin. — Er erwartet mich in Hannover." Warnow brummte etwas Unverständliches. Diese Weiber! Diese Geschwätzigkeit! dachte er ärgerlich, tröstete sich aber schnell: Meine lustige, kleine Trudel ist gottlob aus anderem Stoff. Dann fiel ihm ein: Ob das Fragezeichen da drüben meine Trudel kannte? Er verspürte große Lust, eine directe diesbezügliche Frage zu wagen, aber er fürchtete die Frage- wuth der Fremden zu entfesseln. Jene kam ihm anch bereits selbst zur Hülfe. Eine Fluth von Fragen stürmte auf ihn ein. Ob er Wunstorf kenne? Nein — —? O ein reizendes, trauliches Nest und die Wunstorfer so liebe, entzückend liebenswürdige Leute! Ob er dort bekannt sei! Nein? O — dann kenne er gewiß'auch nicht die verwittwete Frau Oberlehrer Twenz, es sei ja die Mutter ihrer zukünftigen Schwägerin, gehöre also zur Familie, aber das müsse sie sagen, eine solche Frau — eine solche Frau gäbe es nirgends. So gescheit, so energisch, so sparsam, so — —--" Die Zungengewandte kam nicht weiter, der Gesichtsausdruck ihres Gefährten ließ sie mitten in ihrer Lobhymne innehalten! — Warnow hatte sich bei Nennung des Namens Twenz emporgerichtet, weit vorgebeugt starrte er seinem Gegenüber in's anmuthlose Gesicht. — „Twenz--! Frau Oberlehrer Twenz!" wiederholte er ungläubig. „Jawohl, Twenz! T—w—e—n—z!" buchstabirte ihm die verblüffte Dame nach, „ganz richtig, so heißt die Dame. Kennen Sie sie etwa?" Warnow wußte selbst nicht, was ihn dazu bewog — aber er verneinte. Sein Gegenüber aberfuhr fort: „Eine prächtige Dame — wirklich. — Wir sind weitläufig verwandt miteinander — wissen Sie so — wie — —" „Wie ein Scheffel Bohnen und Erbsen," vollendete Warnow. Sie lachte. „Nicht so ganz. Wie, das heißt mein Bruder und ich sind nämlich auch Twenz. — „Hm — so" machte Warnow. „Ja und da freut es uns natürlich doppelt, daß wir jetzt durch Georg, das ist nämlich mein Bruder, daß wir also durch Georgs Heirath jetzt noch enger mit den Twenz verknüpft werden, Familienbande sind ja immer die schönsten, und Fräulein Twenz seufzte vielsagend. (Schluß folgt.) Redaetion: 8L Scheyda. — Druck und 8erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbruderei (Pietsch & Scheyda) in Eießen.