Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Erwartete er auch ihren Namen zu hören? Der Hals war ihr wie zugeschnürt, — Lilian Luxor — wollte nicht über ihre Lippen. Der Assessor trat an ihre Seite und Beide schritten langsam aus. „Ein Eselsritt gehört meiner Ansicht nach nie zu den Annehmlichkeiten —" begann er die Unterhaltung, „und ein Galopp auf solchem Renner muß geradezu fürchterlich sein! Ich bedauere lebhaft, daß ich Ihnen keinen Wagen zur Verfügung stellen kann! Sie sind gewiß auf's Höchste ermüdet!" „Das schließen Sie nach meinem desolaten Aeußeren?" lächelte sie, hastig nach ihren Haaren fassend, mit dem Versuch, sie wieder aufzunesteln; sie hatte gesehen, wie sein Blicks während er zu ihr sprach, wie gebannt an der gelösten, goldschimmernden Pracht hing; „ich kann mich in dieser Verfassung gar nicht in anständiger Gesellschaft sehen lassen, und doch weiß ich nicht, wie ich dem Schaden abhelfen soll, da ich zu meinem Schreien sehe, daß ich sämmtliche Nadeln verloren habe!" 1897. säTtTi ■ iwMruM 1 M Zum Todtenfest! ’wMgarutn es so viel Leiden, So kurzes Glück nur gießt? Warum denn immer scheiden, Wo wir so sehr geliebt? So manches Äug' gebrochen. Und mancher Mund nun stumm, Der erst noch hold gesprochen — Du armes Herz, warum? „Daß nicht vergessen werde, Was man so gern vergißt: Daß diese arme Erde Nicht uns're Heimath ist l" Wer im Gedächtnis; seiner Lieben lebt, Ist ja nicht tobt, er ist nur fern; Todt ist nur, wer vergessen wird. Ihr Begleiter nickte mechanisch vor sich hin. „Wie freundlich von dem Schicksal, daß es Ihnen diese kleinen Verbündeten raubte! Wie schön ist dieses lange, offene Frauenhaar, und wie selten wird uns die Freude seines Anblickes! Ich versichere Sie, daß Ihre Frisur für Jedermann nur erquicklich sein kann!" — Er sprach sehr ruhig, ohne im Mindesten zu markiren, daß er ihr eine Eloge sagen wollte. Dann fuhr er unvermittelt fort: „Sie stehen gleich mir im Begriff, eine Rheinreise zu machen?" „Wir haben dieselbe heute in Kastell begonnen!" „Und Sie sehen den herrlichsten und königlichsten aller Ströme auch zum ersten Mal?" Sie schüttelte verneinend, ohne ihn anzusehen, den Kopf. „Ich kenne den Rhein zu allen Jahreszeiten, allerdings nur von dem Schiff oder dem Eisenbahncoups aus,- ihn aber gründlich zu Fuß oder zu Esel zu studiren, beabsichtigen wir jetzt zum ersten Male." „Und wann gefiel er Ihnen bisher am besten?" Sie sah mit sinnendem Blick an ihm vorüber, in die maienhelle, jubelnde, farbenbunte Pracht der Landschaft hinaus. „Das ist schwer zu sagen, weil alle Schönheit nur Geschmacksache ist! Ich für meine Person werde dem Winter stets den Vorzug geben." „Ah — tatsächlich? Sie überraschen mich. Ich bildete mir ein, gerade das frische Blühen, Leben und Treiben gäbe dem Rhein und seiner Umgebung das characteristische Gepräge! Ehrlich gestanden, kann ich mir dieses reizende Bild kaum unter starrendem Eis und Schnee vorstellen!" „Und dennoch hat es mich entzückt. Die wunderbar feierliche Ruhe gestaltet Alles, was jetzt nur lieblich erscheint, im Winter geradezu majestätisch. Das, was am Rheinufer einzig häßlich ist, die unbelaubten Rebengelände mit ihren unpoetisch starrenden Spalieren und Stäben, welche den Bergen im Frühling und Spätherbst das Aussehen von Stachelschweinen geben" — er lachte leise auf — „die hüllen sich im Winter in schimmernde Schneedecken und thun dem Auge nicht mehr weh durch die practischen Gebilde von Menschenhand! Der Fluß selber wogt in gewaltiger Schöne still und einsam dahin, oder er gleicht einem schimmernden Spiegel von fleckenlosem Krystall — oder bietet gar das unbeschreiblich großartige Schauspiel eines Eisganges, dieser unvergleichlichen Illustration aller wild entfesselten Leidenschaft! und darüber thronen wie funkelnde Märchengebilde die Ruinen und Schlösser, — weiß in weiß — geheimniß- voll, unerreichbar und zauberhaft, die Träume, welche eines Dichters Phantasie in die Wolken malt!" Sie hatte schnell und lebhaft gesprochen, sie fühlte, daß sein Blick unverwandt an ihrem Antlitz hing und darum sprach sie immer weiter, um einer gewissen Verlegenheit Herr zu werden. Noch hatte sie außer dem ersten schnellen Blick keine Gelegenheit gefunden, sein Antlitz genau zu sehen, jetzt blieb er plötzlich stehen und wandte sich, um rheinab zu schauen. „Alles Ungewohnte übt einen besonderen Reiz auf den Beschauer," sagte er ernst. „Und wenn die stille, verschneite Wintereinsamkeit Sie entzückt, so beweist es mir, daß Sie dazu verurtheilt sind, Ihr Leben in großen Städten in rauschender, wechselvoller Geselligkeit zu verbringen. Bei mir ist es umgekehrt der Fall, ich komme aus dem Gebirge, wo monatelang die Krähen am Himmel meine einzige Gesellschaft waren. Ich habe gelitten unter der trostlosen Stille und Verlassenheit, unter den Gefängnißmauern von Eis und Schnee, welche mich umgaben! Nun muthet mich dieses frische, pulsirende, glückselige Getreide hier an, wie einen Menschen, welcher neugeboren in die Welt tritt und mit vollen Zügen ihren Lebens- und Liebesodem einathmet!" Und er athmete auch tief — tief auf, als er sprach, und zog den Hut vom Kopf und strich die Haare aus der heißen Stirn. Pia sah ihn cm; welch ein interessantes, einnehmendes Gesicht! Vornehm edle Züge, — ernst, ruhig, wettergebräunt wie das Profil einer antiken Broncestatue. Ein Zug herber Energie lag um die Lippen, welche von dunklem Schnurrbart beschattet wurden. DasJagdcivil hob die kraftvoll elastische Gestalt, welche trotz der anspruchslosen Kleidung einen so distinguirten und eleganten Eindruck machte, als sei ihr Träger gewohnt, tm Tressenkleid und Ordensband über das Parkett zu schreiten, nicht aber als Einsiedler in weltfernen Bergen zu hausen. Mit einem Interesse, welches ihr sonst den Herren gegenüber fremd war, blickte Pia zu ihm auf. „Leben Sie denn ganz allein im Wald?" fragte sie, weil ihr keine bessere Antwort einfallen wollte. Er drückte den weichen Filzhut wieder in die Stirn und schritt an ihrer Seite weiter. „Ganz allein, — wenn Sie mein Forstpersonal und eine alte Wirthschafterin abrechnen." „Liegt denn keine Stadt in der Nähe, welche Ihnen zeitweite Abwechselung bieten könnte?" „Das wohl, aber dieselbe ist oft monatelang unerreichbar für mich; wenn wir in den hohen Bergen eingeschneit sind, leben wir unter ähnlichen Verhältnissen, wie einst Robinson aus seiner Insel, ihn trennte das Weltmeer von der Heimath, uns der Schnee und sein Wasser. Solche Zustände können Sie sich gewiß gar nicht vorstellen, mein gnädiges Fräulein, Sie leben stets in großen Städten?" „Ja, das Landleben ist mir völlig fremd." Eine kleine Pause entstand und sein Blick hing wie in fragender Erwartung an ihren Lippen, wohl in der Hoffnung, daß auch sie ein wenig von daheim erzählen werde. Feines Roth stieg abermals in die Wangen des jungen Mädchens. Sie wandte den Kopf und blickte zurück. „Wie weit sie immer noch entfernt sind; sicherlich wollen ihre Esel durch Saumseligkeit wieder gut machen, was der meine an Voreiligkeit sündigte!" „Sie reisen mit Ihren Eltern?" fragte er, ebenfalls dem fernen Reiterpärchen entgegenfchauend. Pia zögerte mit der Antwort; die kleine Comödie, welche man ihr zumuthete, fiel ihr so schwer. Unnöthige Lügen wollte sie keinesfalls sagen: „Ich stehe unter dem Schutz pnJeI und Tante, die Reiterin, welche Sie dort sehen, Iebo$ Souftne, deren Mutter im Wagen nachfolgen totrb'r^le s® elne tie6t e§ sehr, mich Schwester zu nennen, um sich dadurch einen heißen Wunsch in der Einbildung wenigstens zu erfüllen. Sie hat leider nie Geschwister besessen und wird von den Eltern in weitgehendster Weise verwöhnt; auf ihren Wunsch mußten wir diese fatale Eselpartie unternehmen und unser behagliches Stillleben auf dem Dampfschiff unterbrechen." Er lächelte und sah die Sprecherin mit seltsamem Blicke an. „So bin ich dem kleinem Fräulein zu besonderem Dank verpflichtet, denn ohne den treuen Hans würde ich wohl nicht' die Freude gehabt haben, Sie kennen zu lernen!" „Die Freude würde wohl eine sehr getheilte sein. Sie kommen um meinetwillen nur sehr langsam vom Fleck!" „Ich habe nichts zu versäumen und sagte Ihnen bereits, gnädiges Fräulein, daß ich armer Einfiedler für jede Minute welche ich in so liebenswürdiger Gesellschaft verleben dar/ dankbar bin!" „Es wäre doch wohl besser, ich kehrte um und ginge den Memen entgegen! Hans kommt wohl in Begleitung seiner Grethe sicher in Rüdesheim an!" Der Assessor blieb abermals stehen und faltete mit düsterem Blick die Brauen an. „Ihr Wille ist Befehl!" antwortete er resignirt. „So waren diese Minuten der Freude gar kurz und gezählt!" „Aber, Fräuleinchen, warum wollen Sie sich denn so müd machen und zu Fuß laufen!" mischte sich der Eseltreiber in das Gespräch, — „in zehn Minuten sind die anderen Herrschaften bei uns und dann können Sie allesammt bequem im Sattel sitzen!" Pia nickte. „Sie haben recht, — also zählen wir die Minuten weiter, Herr." Sein Blick leuchtete auf, — unwillkürlich schritt er schneller aus, als wolle er die Entfernung zwischen dort und hier vergrößern, anstatt verringern. „Werden Sie in Rüdesheim bleiben, gnädiges Fräulein?" „Wohl nur heute Nacht, um morgen in Bequemlichkeit die Partie nach dem Niederwald machen zu können. Wir verschmähen die Bergbahn und hoffen mehr Genuß von einer Wagenpartie zu haben, welche in Aßmannshausen endigen soll." „Just so lautet auch mein Plan, — nur mit dem Unterschied, daß ich die Tour zu Fuß machen wollte! Sie ist ja nicht im Mindesten anstrengend und würde auch Ihnen sicherlich zusagen!" „Ohne Zweifel! ich wandere außerordentlich gern durch Gottes schöne Welt! Fränzchen und Onkel würden wohl auch meiner Ansicht sein, aber die arme Tante ist sehr schlecht zu Fuß und gezwungen, Wagen oder Reitthier zu benutzen. Werden Sie längeren Aufenthalt in Aßmannshausen nehmen? das dortige Kurhaus soll eine der herrlichsten Sommerfrischen sein, welche man aufsuchen kann!" Er schüttelte langsam den Kopf: „Dazu fehlt mir die Zeit! Ich habe mir vorgenommen, gar viel Schönes zu sehen, wollte, wenn irgend möglich, noch einen Abstecher nach der Mosel machen und vielleicht auch Ems ansehen, - der Urlaub aber ist nicht allzulang bemeffen, und da heißt es, rüstig ausschreiten, um Alles genießen und ausnutzen zu können!" Ein paar Landleute kamen singend des Weges daher. „Und die Welt so offen — und das Herz so weitl Ach wie wunderschön ist die Frühlingszeit!« — „Ja, wie wunderschön ist sie, die Jugend- und die Frühlingszeit!" athmete der Assessor tief auf, und sein Blick schweifte wie trunken über Strom und Gelände und haftete an dem wallenden Blondhaare seiner Nachbarin, welches der Wind leicht und duftig wie einen goldenen Schleier hob. „Singen Sie auch?" fragte er plötzlich. Sie schüttelte sehr energisch das Köpfchen: „Nur dann, wenn es mir danach zu Sinne ist! Ich bedarf einer besonderen Stimmung zum Singen." „Und ist die glückselig jubelnde Lenzesstimmung nicht da? liegt sie nicht zauberhaft in der Luft und lockt die Lieder über die Lippe?" Sie lächelte: „Diese Stimmung — so sehr sie mich 543 auch in jedem Lufthauch umgiebt, ist mir doch zu fremd, um mich derart beeinflussen zu können! Nur was mir selber aus tiefinnerstem Herzen quillt, wird zu Sang und Klang! Der Frühling entzückt mich wohl, aber er bewegt mich nicht so tief, daß er mir Lieder giebt!" „O, wie gerne möchte ich Sie einmal singen hören!" sagte er leise. „Ein Lied von Ihnen ist gleich einem Blick in Ihr Herz." Sie strich jählings die wehenden Goldlöckchen hinter das rosige Ohr und wandte sich so weit zur Seite, daß er nur ihr zartes Profil gegen den funkelnden Wasserspiegel sah „Sie sind gewiß selber sehr musikalisch, daß Sie sich sogar lebhaft für Leistungen interessiren, welche gar keine Garantie für irgend welche Schönheit und Vollkommenheit bieten! — Welches Instrument meistern Sie?" Sie versuchte zu scherzen und er stimmte heiter in ihren Ton ein: „Dasjenige, welches hier am Rhein ganz besondere Existenzberechtigung hat! Zwar bin ich kein Trompeter von Säkkingen, habe auch noch keiner Margarethe ein Ständchen gebracht und keinen Hidigeigei in seinen edelsten Empfindungen verletzt, — aber „Hirsch tobt" — und „Wasserfanfare" und was sonst das edele Gejaid noch für Sang und Klang mit sich bringt, das blase ich mit großer Virtuosität!" „Wie gern würde ich Sie blasen hören!" perfiflirte sie ihn voll feiner Ironie: „Solch ein Hornstgnal würde einen Blick in die schönste Treibjagd bedeuten!" „Auch Amor hält ein fröhliches Jagen mit Pfeil und Bogen, bei ihm herrscht umgekehrte Welt! Da bläst der Jäger nicht, wenn er den Hirsch im Feuer fallen sah, sondern wenn er selbst das tödtliche Geschoß im Herzen trägt!" „So viel ich weiß, haben aber die Herzen jetzt noch Schonzeit!" lachte sie mit schelmischem Seitenblick. Er machte ein desto ernsteres Gesicht: „Sie irren, mein gnädiges Fräulein! gerade der Lenz öffnet dem Morden Thür und Thor! Amors Uebermuth ist nie so groß, als wie jetzt, wo die Menschen ihre einsamen, sicheren Stübchen verlassen und sich im goldenen Sonnenschein ahnungslos zu seinen Zielscheiben machen! — Wenn der Fuchs im Bau sitzt, hält es schwer, ihn zur Strecke zu bringen, wenn er aber — von milder Frühlingsluft bethört, — ein sehnsüchtig Wandern anhebt, kann eS ihm leicht passiren, daß eine „Jägerin — schlau im Sinn" — weiß in Eil — Pfeil auf Pfeil — aus dem Äug' zu schicken!" „Solche Pfeile ritzen nur ein wenig die Haut und lassen sich sehr bequem wieder abschütteln! Die Frauen studiren heutzutage alles Mögliche und Unmögliche, daß sich aber schon eine zur Scharfschützin ausbildete, hörte ich noch nie!" „Weil das überflüssig sein würde. Auf diesem Gebiet wird jede Dame als Meisterin geboren!" „Ich bedanke mich bestens im Namen aller meiner Mitschwestern. Wenn Sie aber die Gefahren des Lenzes so gut kennen, warum fordern Sie Ihr Schicksal so leichtsinnig heraus?" „Ja, leichtsinnig, das ist das rechte Wort, es liegt wohl so in der Natur des Mannes, daß er gern der Gefahr in das Auge sieht. Ich habe mir, ehe ich diese Reise antrat, sehr oft klar gemacht, daß die „Warnung vor dem Rhein" sehr gerechtfertigt sei. Ich sagte mir, daß ich möglicherweise der Zauberin Loreley begegnen könne, welche schon so manch armen Bursch zu Grunde gerichtet — — und doch • - • trotz dieser Befürchtung zog ich dennoch an den Rhein!" „Dieser Muth imponirt mir nicht, denn jeder „arme Bursch" weiß es heutzutage, daß die Hexe Loreley nur ein schönes Märchen ist!" „Wahrlich ein Märchen?" Ein wunderliches Lächeln huschte um seine Lippen, er bog den Kopf zurück und schaute auf ihr Haar. „Ich habe nie so sehr an holde Märchen geglaubt, wie heute!" Pia empfand, daß ihr das Blut abermals in die Wangen stieg, sie war so leichtsinnig gewesen, den Sprecher anzusehen, und nun brannte sein Blick in ihrem Auge und sprach von so viel glückseligem Lenzesjubel, von soviel wonniger, sonniger JugendlustI „Zieh nicht an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rathe Dir gut!" klang es wie ein Echo vom Fluß herüber, wo ein weißes Segel langsam durch den Sonnenglanz zog. „Jetzt kommen die Herrschaften aber plötzlich im Trabe an!" rief der Eseltreiber hinter ihnen mit hellem Jauchzer. „Jetzt wittern die Langohren auch schon die Nähe vom Rüdesheimer Stall!" Pia athmete auf wie erlöst. Sie wandte sich hastig zurück und schwenkte das Taschentuch durch die Luft. Klipp-Klapp! Klipp-Klopp! klang der harte Hufschlag der herantrabenden Eselchen auf der Chaussee und Hans und Grethe machten fröhlich Halt und begrüßten die nahenden Collegen mit kräftiger Stimme. „Werden Sie die Güte haben, mich Ihren Verwandten vorzustellen?" bat der Assessor, „wir haben uns so oft bei den Minuten verzählt, daß wir noch einmal von vorn an- fangen müssen!" Pia nickte fröhlich. Die Nähe ihrer Angehörigen gab ihr die alte Sicherheit und Ruhe wieder und sie hatte keine Zeit, über das Seltsame nachzudenken. Ja, sie, die spröde, abweisende Pia, fand es so plötzlich ganz selbstverständlich, daß dieser fremde Assessor mit den Ihren bekannt werde und sich bis Rüdesheim zu ihnen geselle. „Aber, Lilian, was sind denn das für alberne Witze, die Du mit Deinem verrückten Hans machst!" rief Fränzchen schon aus der Ferne und hob drohend die derbe Faust. //Ich sage es ja, Esel bleibt Esel! Ein dümmlicheres Vieh giebt's auf Gottes weiter Welt nicht!" Ueberrascht blickte der Assessor auf die Sprecherin, und Pia, welche ihn mit schnellem Seitenblick beobachtete, konnte kaum das Lachen unterdrücken. „Ihre Fräulein Cousine?" flüsterte er mit einem Gesichtsausdruck, in welchem Amüsement und Betroffenheit um die Oberhand stritten. Das junge Mädchen nickte. „Machen Sie sich auf Alles gefaßt, Fräulein Fränzchen ist ein Original!" Das schien in der That so. Ihr Grauchen machte neben dem treuen Hans Halt, und die junge Gräfin machte sich mit der Grazie eines Kartoffelsackes mit beiden Füßen zugleich auf die Erde, versetzte dem armen Esel noch einen Gertenhieb auf seinen nicht gerade edelsten Körpertheil und wandte sich dann mit ausgebreiteten Armen zu Pia, um sie vor unbändiger Wiedersehensfreude zu umarmen. Dann traf ihr Blick in stummer, aber energischer Sprache den Fremden. „Wen hast Du Dir denn da angebändigt, Lilian?" „Darf ich bitten, gnädiges Fräulein, mich der jungen Dame bekannt zu machen?" „Liebe Franziska, gestatte, Herr Forstassessor Hellwaldt!" „Hellmuth — wenn ich bitten darf!" lächelte der Vorgestellte höflich. Fränzchen machte einen unbeschreiblich spaßhaften Diener, mehr vornüber wie nach unten, so daß es aussah, als persifilire sie das Compliment des jungen Mannes. „Muth oder Waldt, das ist ganz Wurscht, wenn'S man bloß helle ist!" lächelte sie herablassend und belachte dann selber ihren Witz recht herzlich. „Haben Sie das Biest da vielleicht aufgehalten, als es an Ihnen vorbeipreschen wollte?" Sie versetzte zur näheren Bezeichnung dem guten Hans einen Nasenstüber, daß er mit klappernden Hufen zurückprallte. „Der Herr Assessor hat noch mehr gethan," sagte Pia mit mühsam erkämpftem Ernst, „er hat mir das Leben gerettet und mich rechtzeitig aufgefangen, als mein Durchgänger mich zu Boden schleudern wollte!" In Fränzchens Gesicht spiegelte sich momentan ein hohes Entsetzen, sie faßte den Arm der Cousine so ungestüm, als wolle sie selber jetzt noch rettend zugreifen, dann hob 544 ein tiefer Athemzug ihre Brust, und mit treuherzigstem Gesicht, welches in Dankbarkeit erstrahlte, streckte sie dem Assessor die große, knochige Hand entgegen. „Sie sind ein Prachtkerl, ich danke Ihnen! Sie haben das Beste und Edelste gethan, was je ein Mensch thun konnte und was ich Ihnen immer neiden werde!" Der Assesior lachte: „Sie beschämen mich, mein gnädigstes Fräulein, und beloben etwas Selbstverständliches über Gebühr! Dennoch hoffe ich, daß Ihre wohlwollenden Gesinnungen unsere flüchtige Bekanntschaft zu einer dauernden gestalten werden!" Fränzchen nickte sehr gönnerhaft und schüttelte die Hand des jungen Forstmannes, daß die Knochen knackten. „Verlassen Sie sich darauf," sagte sie pathetisch, „Sie sollen sich nicht in mir getäuscht haben!" Abermals klang Hufschlog neben ihnen,- Graf Willibald gelangte zwar später wie seine Tochter, aber doch glücklich und wohlbehalten neben dem „durchgebrannten Pflegekinde" an. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnützige». Verhütet bei den Stubenvögel« die Erkältung! Wie oft kann man sehen, daß jetzt am Morgen beim Reinigen der Zimmer die Fenster geöffnet werden, ohne daß man sich die Mühe nimmt, den Vogelkäfig, der gewöhnlich dort seinen Platz hat, auf kurze Zeit wegzustellen. Oft geschieht dies aus Bequemlichkeit oder Unkenntniß, obwohl man bei einiger Beobachtung klar werden muß, daß diese Behandlung den Stubenvögeln nicht gerade angenehm sein kann, wenn sie plötzlich der kalten Luft ja meistens Zugluft ausgesetzt werden. Durch das Aufstellen der Federn und Ruhigsitzen bekunden sie ihr Unbehagen. Erkältungen, die sich durch Heiserkeit bei Singvögeln oder Rheumatismus der Füße kennzeichnen, sind, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg (vierteljährl. Abonnementspreis 30 Pf.) schreibt, die Folge und dann wundert man sich noch, daß der Vogel nicht mehr singt und krank werden kann. ♦ * * Heber das Fleisch-Pepton der Liebig-Compagnie spricht sich der Nervenarzt Dr. Dtto Dornblüth in Rostock in seinem „Kochbuch für Kranke" in außerordentlich anerkennender Weise aus. Wiederholt weist Herr Dr. Dornblüth, gestützt auf die wissenschaftliche Analyse des Fleisch-Peptons, auf den Gehalt desselben an wirklichen Nährstoffen hin und erkärt es für eines der besten und werthvollsten unter allen ähnlichen Erzeugnissen. Ganz besonders wird die Anwendung des Fleisch-Peptons da empfohlen, wo in Fällen der Schwäche und Appetitlosigkeit eine Vermehrung der Nährstoffe ohne weitere Anstrengung des Kranken oder möglichst unbemerkt geschehen folL • * * Topfpflanzen. Oft sieht man, daß Zimmerblumen im Winter vor den Fenstern plötzlich welk werden, namentlich solche, die in lebhaftem Wachsthume begriffen sind. Es hat das folgende Ursache: Nur zu oft stehen die Blumentöpfe so nahe den Fenstern, daß die namentlich durch die unteren Fensterritzen eindringende kalte Luft die Blumentöpfe so stark abkühlt, daß die Wurzeln nicht mehr im Stande sind, zu arbeiten, Wasser aufzunehmen. Die Blume selbst ist in einer Lust, deren Temperatur die Lebensvorgänge aufrecht erhält, sie verdunstet Wasser, kann dasselbe aus obigem Grunde nicht ersetzen. Man treffe hiernach seine Maßregeln, rücke die Töpfe möglichst von den Fenstern ab, stelle sie auf ein kleines Holzgestell, so daß sie oberhalb der Fugen, die nach Außen gehen, zu stehen kommen. Sehr zu empfehlen ist auch namentlich, kleinere Töpfe, deren Masse schnell erkaltet, in größere zu stellen und den Zwischenraum, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg (vierteljährl. Abonnementspreis 30 Pfg.), schreibt, mit Moos auszufüllen. Hnrnsvistisches. Humor des Auslands. Aelteres Fräulein (mit gelbem Teint): „Ihre Maiblumen sind aber sehr theuer!" — Verkäuferin: „Nehmen Sie Veilchen, die stehen Ihnen bester . . . Violett paßt gut zu gelb!" Richter: „Weißt Du, wohin Du kommst, mein Junge, wenn Du etwas beschwörst, was nicht wahr ist?" — Junge (dessen Vater freidenkerische Schriften liest): „Nein, Sie wissen's aber auch nicht." Mr. A.: „Können Sie sich etwas Besseres denken bei einem Eisenbahnunglück als Geistesgegenwart?" — Mr. B.: „O ja, Abwesenheit des Körpers!" Manche Leute treffen wohl den Nagel immer auf den Kopf,- aber der Nagel ist oft an einer falschen Stelle eingeschlagen. A.: „Die Haarlocke hier in dem Medaillon ist Wohl ein theures Andenken?" — B. (kahlköpfig): „Allerdings- sie ist von mir." A.: „Nun, wie geht es Ihnen, mein Lieber?" — B.: „Oh, ich danke- mir geht'S wie einem jungen Anwalt." — A.: „Was wollen Sie damit sagen?" — B.: „Ich habe nichts zu klagen!" („Münch. Jugend".) * * * Praktisch. Gast (in einem Dorfwirthshaus): „Na, Herr Wirth, Sie haben sich ja seit meinem letzten Hiersein ein ganz neues Mobiliar angeschafft! Gedrehte Füße an Tisch und Stühlen — das heiß' ich nobel!" — Wirth: „Ja, wissen Sie, weg'n der Nobless' is dös net g'scheh'n, sondern weg'n 'm Rauf'n. Da hab'n s' mir alleweil d' Stuhlfüß' abg'haut und deshalb hab' ich mir solche zum Abschraub'n kauft! Wenn's zum Rauf'n kommt, sind s' gleich 'runter und wenn ausg'rauft is, gleich wieder ang'schraubt!" * * * In der Verlegenheit. Vater (plötzlich auf Besuch gekommen): „Aber, Arthur, Dein Kleiderspind ist ja gänzlich leer?" — Studiosus: „Nun ja, Vater, Du hast mir immer so dringend an's Herz gelegt, sparsam zu wirthschasten und da habe ich die Sachen eben total aufgetragen!" * * Lakonische Auskunft. „Der Herr Rath zieht sich ja immer mehr von aller Geselligkeit zurück — ist die Ursache Menschenhaß, Kränklichkeit oder Alter?" — „Alte!" Auf dem Gleiberg im Winter. (Stimmungsbild.) Es dringt durch's Gemäuer so klagend der Sturm, Wie ist's doch so traurig am ragenden Thurm; Verödet liegt ringsum das liebliche Thal, So falb sind die Kräuter, die Bäume so kahl. Auf den stillen Friedhof fallen Raschelnd dürre Blätter nieder, Und wie Geisterstimmen schallen Aus dem Kirchlein Trauerlieder. Der Frost hat die Blumen des Feldes geknickt, Der Schmerz streift die Blüthe, die's, Leben uns schmückt; Es zittert vor Kälte der alternde Baum, Er schüttelt das Haupt im verödeten Raum. Haare bleichen, Jahre schwinden Bei des Lebens herben Schmerzen; Was wir suchen und nicht finden — Tod giebt's dem gebrochnen Herzen I K. L. Bart.hels. Rebaction: «. Scheyda. — Druck uud «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.