s l'-MM! M^rsi mt rj&ml iS rroerbt Euch Wissen! Wenn Ihr es braucht, so ist's ein Kapital, Und wenn Jhr's nicht bedürft, so ist's ein Schmuck. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Es war ihre Absicht gewesen, den Abscheu des jungen Mannes zu erregen, und seine Miene verrieih, daß ihr dies in einer Beziehung gelungen war. ,,Sie — eine Ballettänzerin!" Das Entsetzen, das sich in seinem Tone kundgab, erfüllte ihr Herz mit lebhafter Freude. „Wenn Sie dadurch, daß -ich das Erbe verlor, vor diesem Schicksal bewahrt wurden, sa danke ich Gott. Ich hatte übrigens nicht den geringsten Anspruch darauf und auch kein Verlangen danach." „Sie bringen mich in Versuchung," sagte sie heiter, //Ihnen zu zeigen, daß ich meinen Beruf verfehlte — daß td) zu Ruhm und Reichthum hätte gelangen können, wenn Großpapa bei seiner Hartherzigkeit verblieben wäre. Geben Sie ein wenig Acht!" Im nächsten Augenblick war sie aufgesprungen, und nun schwirrte, wirbelte, schwebte und flatterte sie auf dem mondhellen Rasen hin und her, daß dem Baronet bei ihrem Anblick fast die Sinne vergingen. Der Shawl war auf der einen Seite von ihrer Schulter geglitten- ihr Helles Gewand und ihre blendende Hautfarbe M^ds ^h k*C Erscheinung eines lebendig gewordenen Sir Gervase hatte in verschiedenen Ländern reizende Ezerinnen gesehen- niemals aber solche Grazie, wie dieses Mädchen sie besaß. Die Fontaine plätscherte weiter, und auch der Mond fch'en fort, Ethel tanzte, ohne auf ihre Umgebung zu achten, >hr reiches Gewand, das sie mit der einen Hand ein wenig emporhielt, schimmerte wie Reif in einer Herbstnacht- ihr ^aar glich einem goldenen Nebelflor- die Perlen auf ihrem ^wellenden Busen und an ihren runden Armen glänzten ,le Thautropfen - sie sah mehr einem Traumgebilde als «nem Geschöpf aus Fleisch und Blut ähnlich. „Sagen Sie >un selbst," keuchte sie, indem sie stehen blieb, um Athem zu holen, „ob es nicht sehr thöricht von mir war, daß ich der Bühne entsagte?" Er antwortete nicht- vielleicht war er zu erschüttert, um Worte zu finden. Im nächsten Augenblick wirbelte sie wiederum im Kreise umher und sührte die schwierigsten Bewegungen mit einer Leichtigkeit und Grazie aus, um die erfahrene Balletkünstlerinnen sie hätten beneiden können. Wiederum hielt sie vor seinem Stuhle an- ihre Lippen waren halb geöffnet- ihr goldenes Haar wallte aufgelöst auf die Schulter herab. Ihre leuchtenden Augen blickten voll in die des Baronets. „Ich könnte die ganze Nacht so forttanzen," sagte sie endlich- „wie entsetzlich Sie aussehen, lieber Cousin, faffen Sie Muth! Sie wissen ja, daß dieses Uebel nicht aus dem Blute der Greylocks stammt." Er sprach kein Wort, gab kein Zeichen von sich. Wie verzaubert saß er da und blickte sie an. Sie trat einen Schritt näher und fuhr mit einer spöttischen Geberde fort: „Ich errathe Ihre Gedanken- Sie brüten über die unerforschlichen Wege eines merkwürdigen halbcivilistrten Geschöpfes, des amerikanischen Mädchens, nach." Endlich fand er seine Sprache wieder. „Nein," antwortete er mit einem Tone, der ihre Nerven erbeben machte - „ich lege mir eben die Frage vor, ob der Himmel je ein zweites Wunder wie Sie schuf, Ethel!" Sie erröthete tief und war im Begriff zu antworten, allein ein seltsamer Ausdruck seiner Augen verschloß ihr den Mund. Wie in einem Traume breitete der Baronet seine Arme aus, als wollte er die Himmlische an seine Brust ziehen. Ethel erblaßte. Ein plötzlicher Schrecken bemächtigte sich ihrer - sie wandte sich rasch um und floh, während Sir Gervase verblüfft auf dem Gartenstuhl bei der Fontaine sitzen blieb. 20. Capitel. Aus Pollys Aufzeichnungen. Die Stunde, in der ich der Familie Steele Lebewohl sagte und mit Doclor Vandine nach Blackport abreiste, war die glücklichste meines Lebens. Keine trüben Ahnungen begleiteten mich- ich ließ meine Sclaverci hinter mir und reiste mit meinem einzigen Freunde hinaus in die Welt, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Er war während der Reise sehr gütig gegen mich- zwar zerstreut und oft einsilbig, doch stets freundlich. Ich fühlte, daß er meiner Verlassenheit halber Mitleid mit mir hatte, und ach! es ist ein trauriges, bitteres Ding, bemitleidet zu werden! Seine Zerstreutheit zeigte, daß seine — 380 Gedanken fern von mir weilten/ ohne Zweifel träumte er | von der schönen blonden Erbin. Mit einem Gemisch von Freude und Bangigkeit erfüllte mich der Gedanke, daß ich jetzt auf dem Weg nach Blackporr war, wo ich sicher Gelegenheit haben würde, das schöne, glückliche Geschöpf zu sehen, das sein großes, edles Herz erobert hatte. Ich war in dem Gasthof nicht erwartet worden, allein die Wirthin nahm mich mit großer Güte auf. Mit ihrer Hünengestalt und ihrem dunklen, düsteren und unerforschlichen Gesicht machte sie auf mich einen imponirenden Eindruck. Als Doctor Vandine mich mit den Worten vorstellte: „Ich habe Ihnen hier eine Freundin mitgebracht, Miß Poole — ich empfehle sie Ihrer Güte an," da schienen ihre schwarzen, durchdringenden Augen mich bis in's innerste Mark zu durchbohren. „Hm!" antwortete sie.- „Nichts als Haut und Knochen/ es ist klar, daß das arme Ding in seinem ganzen Leben noch keine ordentliche Mahlzeit hatte." Mit diesen Worten führte sie mich in die Küche und setzte mir ein vorzügliches Abendbrod vor. Während ich aß, saß sie, den Kopf in die Hand gestützt, mir gegenüber und beobachtete mich schweigend. Das Zimmer war voll fetter Katzen, die sich schnurrend an mir rieben und mir auf jegliche Weise ihre freundschaftliche Gesinnung zu erkennen gaben. Nach einer Weile sagte Miß Poole: „In der ganzen Welt giebt es blos zwei oder drei Personen, die ich leiden mag. Doctor Vandine ist eine davon. Da er sich nicht schämt, sich Ihren Freund zu nennen, so sollen Sie hier guten Lohn und gute Behandlung finden/ Sie können Ihren Dienst morgen früh antreten." Sie hatte also das Glück, bei Mercy Poole und ihren Katzen Gnade zu finden. Der Uebergang von dem Steele'schen Hause zu diesem ruhigen, alten Gasthof erschien mir wie eine Versetzung vom Fegfeuer in das Paradies. Zum ersten Male in meinem Leben verdiente ich Geld. Und dann sah ich Doctor Vandine täglich, und ob er mich anblickte oder nicht, ob er sprach oder schwieg, welches letztere meistens der Fall war — dieser tägliche Anblick des geliebten Mannes war mein höchstes irdisches Glück. Bald hatte ich den alten Gasthof, das nahe Meer mit seinem Wellengemurmel, die fetten Katzen und selbst Mercy Poole liebgewonnen, obwohl letztere eine Person war, die Fremde eher abstieß, als anzog. Nach Verlauf einer Woche war ich mit meiner neuen Heimath bereits völlig vertraut, allein obwohl ich Augen und Ohren weit offen hielt, hatte ich von der schönen Erbin, die Vandine liebte, noch nichts gesehen und gehört. Ich pflegte früh aufzustehen, gewöhnlich lange vor den übrigen Mitgliedern des Haushaltes, und mich mit meinem Nähzeug in einer ruhigen Ecke niederzulassen, bis Mercy Poole mich zum Frühstück oder zu einer anderen Beschäftigung rief. Eines Morgens, acht Tage nach meiner Ankunst im Gasthof, als der Tag kaum angebrochen war und Blackport noch in tiefem Schlummer lag, begab ich mich nach dem Wohnzimmer hinab, öffnete ein Fenster, das auf die Hauptstraße des Städtchens ging, nahm eine Näharbeit zur Hand und nähte emsig darauf los. Die Katzen leisteten mir Gesellschaft. „Ravaillac," schnurrte auf dem Fenstergesims dicht bei meinem Ellbogen/ „Charlotte Corday" leckte den Thau einer mitternächtlichen Wanderung von ihren Pfoten, während „Pontius Pilatus" und die Familie „Borgia" auf einem Canapee in einer Ecke der Stube ihr Morgenschläfchen machten. Emsig und ohne Unterlaß flog meine Nadel durch den Stoff/ nur einmal machte ich eine Pause, um einen Blick aus die leere Straße zu werfen. Meinem Fenster direct gegenüber befand sich die Post des Städtchens / als ich aufblickte, gewahrten meine Augen ein riesiges Plakat an der Mauer des Postgebäudes dicht neben der Thür. Der Zettel enthielt die Ankündigung eines Concerts, das am folgenden Abend von der „Orpheus-Compagnie" in der Stadthalle von Blackport gegeben werden sollte. Da die Straße ziemlich eng war, so vermochte ich die Namen der ganzen strahlenden Künstlerschaar zu lesen, welcher die verehelichen Bewohner von Blackport ihre Aufmerksamkeit widmen sollten. Da war Mademoiselle Eurydice, die „weltberühmte" Sopransängerin, Monsieur Regnault, der „unvergleichliche" Tenor/ eine andere Mademoiselle, welche die Altstimme eines Seraphs besaß, und ein zweiter Monsieur, der sich des herrlichsten Basses im Universum erfreute. Außer diesen Sternen erster Größe prangten noch andere „berühmte" Namen in Riesenlettern auf dem Plakat. Ich buchstabirte die seltsamen Namen nicht ohne Mühe heraus und ließ alsdann meine Nadel mit verdoppelter Hast weiter arbeiten. Was lag mir an der „Orpheus-Compagnie?" Ich war in meinem Leben noch nie in einem Coucert ober Theater gewesen. Jetzt Erschien der jugendliche Gehülfe des Postmeisters an der Thür drüben und steckte den Schlüssel ins Schloß. Auch er las das Plakat und wandte sich eben mit befriedigter Neugierde von demselben weg, als sich das Geklirre von Pferdehufen auf dem Straßenpflafter vernehmen ließ und eine junge Dame in einem grünen Reitkleide und eine Feder auf dem Hute zur Thür heraugaloppirt kam. Mit einer Stimme, die klar und hell an meine Ohren drang, rief sie dem Postgehülfen zu: „Keine Briefe für mich diesen Morgen?" Der junge Bursche kannte die Dame augenscheinlich; rasch war er in dem Gebäude, und als er wieder erschien, schüttelte er seinen ungekämmten Kopf und sagte: „Nein, Miß — nichts hier für Sie." Die junge Dame lenkte ihr Pferd wieder um, und während sie dies that, fielen ihre Blicke auf das Plakat und auf die Namen, die dasselbe in gigantischen Buchstaben enthielt. Es war mir, als ob sie plötzlich die Farbe wechselte. Der Knabe beobachtete sie neugierig. „Werden Sie auch hingehen, Miß?" fragte er, indem er mit dem Finger auf die Anzeige deutete. „Wahrscheinlich," erwiderte sie. „Wie ich sehe, hat Blackport ebenfalls seine Zerstreuungen." Dann ritt sie über die Straße und hielt dicht vor meinem Fenster au. Ich blickte von meiner Arbeit aus und gewahrte die herrlichste weibliche Gestalt, die ich je in meinem Leben gesehen hatte — die junge Erbin, in die Doctor Vandine verliebt war. Ich war völlig überzeugt, daß dieses bezaubernde Wesen der Gegenstand seiner Liebe war, auf dessen Anblick ich schon acht Tage gewartet hatte. Es war, als ob ein elektrischer Schlag mich getroffen hätte — die Nadel entfiel meiner Hand. „Guten Morgen, „Ravaillac," sagte sie, indem sie ihre Reitpeitsche über die Katze hielt, die mit ihrer grauen Pfote danach griff und allerlei drollige Sprünge ausführte. „Ist Mercy Poole schon auf?" fragte sie dann, indem sie sich zu mir wendete. Die Zunge klebte mir am Gaumen / ich vermochte nicht zu antworten und saß wie versteinert da. „Die Wirthin des Gasthofs," setzte sie hinzu, offenbar erstaunt über meine Dummheit. Noch immer starrte ich sprachlos auf das schwarze Pferd und auf die aristokratische Blondine in dem Sattel. W>e ein Blitz aus heiterem Himmel traf es in diesem Augenblick meine Seele — eine Ahnung — eine Ueberzeugung — ell,e Gewißheit! Das Gesicht hatte sich im Laufe der Jahre allerdings verändert, und doch war es dasselbe. Ja, wohl kannte ich sie, diese Veilchenaugen, diese goldgelben Haare, diesen Lilien-Teint der Haut. Hatte ich nicht hundert Mal erklärt, daß ich meinen verlorenen Liebling zu jeder Zeit und an jedem Orte wiedererkennen würde? Hier endlich bewahrheiteten sich meine Worte. Von einem unwiderstehlichen Impulse angetrieben, sprang - 331 ich von meinem Stuhl auf. „Es ist Nau! Es ist Nau!" war der Ruf, der sich mir aus der Seele auf die Lippen drängte und sich jedenfalls laut geäußert hätte, wenn Mercy Poole nicht in diesem Augenblick in das Zimmer getreten wäre. Das dunkle Gesicht der Wirthin nahm beim Anblick des Mädchens am Fenster einen freudigen Ausdruck an. „Kommen Sie herein, Ethel Greylock," sagte sie mit mehr warmem Gefühl in ihrer Stimme, als rch während meines Hierseins je an ihr wahrgenommen hatte- „frühstücken Sie mit einer freudenlosen Jungfer, der Ihr Gesicht stets wie ein Sonnenlicht erscheint!" Greylock also? Ja, das war der Name der Schönen, die Vandine liebte. Die strahlende Erscheinung vor dem Fenster schüttelte den Kopf. „Nein, ich danke Ihnen- Großpapa wird immer ärgerlich, wenn ich nicht bei Tisch erscheine." „Und was macht der englische Lord?" fuhr Mercy Poole trocken fort. Der wird wohl auch ärgerlich, wenn er Sie nicht bei Tisch erblickt? Sie haben den Männerherzen iibel mitgespielt, seit Sie nach Blackport zurückkehrten. Docior Vandine wird untröstlich sein, wenn Sie mit Gervase abreisen." Die junge Dame warf einen raschen und, wie mir schien, erschrockenen Blick über ihre Schulter nach dem Plakat. „Ich werde nie mit Sir Gervase abreisen," antwortete sie mit leiser Stimme - Sie müssen dem Stadtklatsch keinen Glauben schenken, Miß Poole." Oh der Seelenqual, mit der die Entdeckung, die ich gemacht hatte, mich erfüllte! Die alte Narbe an meiner Stirne — ein bleibendes Zeichen der Hufe, die über mich hintrampelten, als ich meiner verlorenen Schwester nachzueilen suchte — begann auf's Neue wie Feuer zu brennen. Mein Herz pochte gewaltig. Es war Nan, die Vandine liebte — es war Nan, die schön und vornehm wie eine Fürstin da draußen auf dem prächtigen Pferde saß — es war Nan, die mit dem kalten, gleichgültigen Blick einer Fremden, eines Wesens höherer Art, auf das arme Nähmädchen des Gasthofs niederschaute. Mercy Poole war die erste, die etwas Ungewohntes in meinem Gesichte wahrnahm. „Sie sehen so blaß aus," sagte sie theilnehmend, indem sie ihre sehnige Hand auf meine Schulter legte. „Sie sind zu früh aufgestanden, armes Kind. Gehen Sie in die Küche und frühstücken Sie tüchtig, ehe Sie weiter arbeiten." Kein Wunder, daß ich blaß geworden war. Das offene Fenster, die Gestalten des Pferdes und der Reiterin schwammen mir vor den Augen. Ohne ein Wort zu sprechen, legte ich meine Arbeit nieder und entfernte mich. „Ist dieses Mädchen ein neues Mitglied Ihres Haushalts, Miß Poole?" hörte ich Ethel Greylock sagen, als ich durch das Zimmer schritt. „Ja," antwortete Mercy Poole - „Doctor Vandine brachte sie von New - S)ort hierher. Sie ist sehr schüchtern, Ihr Anblick schien ihr den Athem zu benehmen." „Ich hielt sie für stumm oder einfältig," entgegnete die schöne Reiterin. Bald darauf galoppirte sie davon. Ich lief nach der Hausthür und blickte ihr nach. Es war Nan, allein sie hatte ihre Vergangenheit offenbar völlig vergessen und erinnerte sich weder an Harmony - Alley, noch an Großmutter Scrag, noch an die Schwester, aus deren Armen sie vor Jahren gerissen wurde. Ich verrichtete an jenem Tage meine Arbeit schweigend und in schmerzliche Gedanken vertieft. Nur einmal wagte ich es, Mercy Poole anzureden, indem ich bat: „Wollen Sie vielleicht so gut sein, mir etwas von der jungen Dame zu erzählen, welche diesen Morgen zu Pferde vor dem Fenster anhielt?" Miß Poole lächelte düster. „Was soll ich Ihnen von chr erzählen? Sie ist die reichste Erbin weit und breit, ein Glückskind, das nicht zu arbeiten braucht. Sie lebt bei ihrem Großvater in Greylock Woods, einem Herrensitz in der Nähe von Blackport, und wird von Jedermann bewundert. Ihr Freund, Doctor Vandine, ist einer ihrer vielen Anbeter. Der Mann, den sie heirathen soll, ist jedoch ein englischer Baronet, ein Verwandter von ihr. Die Greylocks sind eine sehr alte und sehr aristokratische Familie." „Ich danke Ihnen," sagte ich. Ich wagte keine weitere Frage, denn ich wollte Mercy Pooles scharfblickendem Geist keinen Stoff zu irgend welchem Argwohn geben. Ich war entschlossen, mein Geheimniß treulich zu bewahren. Den ganzen Tag lief ich im Gasthof hin und her oder saß bei meiner Näharbeit und quälte mich dabei mit Gedanken ab, bis mir der Kopf zu springen drohte. Mit Einbruch der Nacht war mein Entschluß gefaßt. Nachdem ich mich aller meiner Pflichten entledigt und von Mercy Poole Erlaubniß erhalten hatte, einen Gang in's Freie zu machen, nahm ich Hut und Shawl und schlug die Straße nach Greh- lock Woods -ein. Ich sand den Weg ohne Schwierigkeit. Weder zur Rechten noch zur Linken abschweifend, trat ich durch die offene Pforte und schritt eine von hohen Tannen und Kastanienbäumen beschattete breite Allee entlang. Es war ein imposanter Platz, der Sitz großen Reich- thums und Geschmackes, welcher sich vor meinen Augen ausbreitete - allein er beherbergte, wie ich wohl wußte, einen ungeheuren Betrug, ein verbrecherisches Geheimniß. Ich hielt nicht an, bis ich in die Nähe des Hauses kam. Auf einer Terrasse in der Nähe desselben wandelte ein Mann von auristokratischem Aussehen mit gemessenen Schritten auf und nieder. Ich blieb stehen, beobachtete ihn einige Augenblicke und fing dann an zu zittern. Was suchte ich an diesem Orte? Wer würde mir Glauben schenken, wenn ich ihm meine Geschichte erzählte? Ein Hund fing an zu bellen, und von plötzlichem Schrecken ergriffen, schlug ich mich seitwärts in das Gebüsch, jedoch nur, um einer neuen Gefahr entgegenzueilen. Von dem Hause erstreckte sich ein großer Rasenplatz bis zu dem Gebüsch hinab. Ich befand mich dicht am Rande desselben, aber hinter einem Gürtel von niedrigem Immergrün verborgen. Durch das Gesträuch hindurch blickend, gewahrte ich, in geringer Entfernung Ethel Greylock selbst, an einer Florastatue gelehnt, den leichten Sommerhut mit der weißen Straußenfeder in der Hand und die Schleppe des veilchenblauen Seidenkleides auf dem grünen Rasen ausgebreitet. Der letzte Strahl der scheidenden Sonne spielte um die herrliche Gestalt und beleuchtete das liebliche Gesicht der jungen Erbin. Sie summte eine Lied vor sich hin, unterbrach sich aber- plötzlich mit lautem Lachen und rief: „Da geht „Chasseur" mit Ihrem Hut in's Gebüsch, Cousin! Rufen Sie ihn zurück, sonst ist es um Ihre Kopfbedeckung geschehen. Das Thier ist voll toller Streiche." Der Angeredete, ein hübscher junger Mann von wettergebräuntem Ansehen, lag wenige Schritte von der weißen Florastatue auf dem Rasen, während ein halbes Dutzend Hunde um ihn her spielte. „Komm, Chasseur! Bring mir meinen Hut zurück!" rief er einem Windspiel zu, dann richtete er seine Augen auf Ethel und sagte: „Es ist ein hübsches Lied, das Sie da eben gesungen haben, schöne Cousine! Es birgt sich eine tiefe Wahrheit in den Worten: „Dio Liebe kennt kein Gesetz, Als ihren Willen nur." „Die Liebe ist sich selbst Gesetz," antwortete Ethel kurz. „Kein sehr weises, wie sich aus dem Kummer ergiebt, den sie so häufig durch ihren Eigenwillen über den Liebenden bringt," bemerkte der junge Mann ernst. (Fortsetzung folgt.) «** 332 ■*=• Im V-Zug. Von Willy Weber. ------- (Nachdruck verboten.) Drei Jahre lang amtirte er schon als Assessor beim Amtsgericht in der kleinen Stadt Masurens, aber noch immer hatte er keine Italien Reffe unternommen. Und die gehörte doch zu den Attributen seiner Würde! In diesem Sommer war die Reise unmöglich mehr aufzuschieben und dann galt's in der Hauptsache doch nur die Fahrt nach Berlin. Die war ebenso zeitraubend wie langweilig, aber dann — Blitzzug Berlin—Rom und damit war die Sache gemacht. Felix von Winterfeldt ließ also seinen Koffer packen. In Berlin verbrachte er einen sehr vergnügten Tag und eine sehr vergnügte Nacht, 's ist doch ein tolles Leben und Treiben in diesem Spree Babel, — als er Morgens aufwachte, suchte er mühselig seine Gedanken zusammen, aber es gelang ihm nicht, zu ergründen, welchen Localen er wohl s inen werthen Besuch abgcstattet hatte. Viele waren's un bedingt gewesen, in einem war wohl auch getanzt worden, dann hatte er irgendwo noch einen „Schwarzen" getrunken. Er fuhr in einer gewiffen Katerstimmung nach dem Bahnhof. Gerade um 12 Uhr Mittags kam er an, er halte noch 20 Minuten Zeit, da besorgte er sich einen Eckplatz, kaufte einige Reiselectüre und machte sich's im Wagenabtheil so bequem wie möglich. Ec war ja der einzige Fahrgast in demselben, und im letzten Augenblick würde sicher Niemand mehr kommen. Mit dem kleinen Katerchen wollte er sehr bald fertig werden) ein solides Frühstück im Speisewagen, das genügte! Und außerdem rasselte er ja gleich durch, ec konnte also ausschlafen/ bis Rom hatte er gerade 47 Stunden Bett Der Zugführer mit dem rothen Bandelier stand gerade vor seinem Wagenfenster. Der sah nach dem rothbemützten Stationsvorsteher und dieser nach der Bahnhofsuhr. Langsam hob der Zugführer die Hand und setzte die Signalpfeife an die Lippen. „Na nu mal los," brummte der Assessor, „ich möchte gefälligst bald in Rom sein." Plötzlich ließ der Zugführer die Signalpfeife wieder fallen. „Hier herein, schnell, in der nächsten Secunde fahren wir ab," rief der Schaffner und leitete eilfertigst zwei Damen in das Abtheil, in welchem der Assessor saß. Die Lignalpfeise schrillte zweimal auf, ein durchdringender Pfiff der Locomotive und der Zug rollte aus der Halle. Der Herr Assessor raffte eilfertig Bücher und Zeitungen, die er aus dem Sitze neben sich ausgebreitet hatte, zusammen und dann traten die Damen auch schon herein. Die eine schlank, beinahe hager, mit hochblonder Frisur, weißem, zartem Teint, — oho, — sollte etwa etwas Puder nach- geholfen haben? . . . Die andere klein, untersetzt, schwarzes Haar, rothe Backen ä la Landpomeranze. Das Gepäck mußten die Damen schon vorher aufgegeben haben, — wahrscheinlich durch ein Reisebureau, — denn die Blonde führte nur eine Handtasche mit sich und die Schwarze hatte lediglich ein Reisetäschchen über die Schulter hängen. Ein achtungsvoller Gruß seinerseits, — eine kühle Verbeugung der Blonden, ein Knix der Schwarzen, der sie sofort in die Polster schleuderte . . . ein solcher Blitzzug zerstört das Gleichgewicht aller Menschen. Durch die sandreiche märkische Ebene mit ihrem dürftigen Tannenbestand raste der Train. Der Assessor blickte rechts, . . . niederer Baumwuchs, Wiesen, Kornfelder, — er blickte links, ... die Blonde hatte aus ihrer Tasche schon ein belegtes Bcödchen genommen und aß lustig drauf los. Die Schwarze nahm — ach, das war seltsam — aus einer Tasche ihres Kleides ein Fläschchen heraus mit einer sehr hellen, fast weißen Flüssigkeit. Diese Damen schienen bedeutend Hunger und Durst zu haben. Na, natürlich, — wenn man von drüben rüber ... Der Herr Assessor versank in tiefes Nachdenken — eine Beschäftigung, bei der er sich noch nie ertappt hatte. So also begann seine Rom-Reise! Sein Gegenüber war sicher eine „englische Miß" oder nein, das war eine „Missis", — vielleicht etwas Amerikanisches sogar, denn so tornisterblond sahen selbst Engländerinnen nicht qu§' Und die Schwarze? Nun, das war ihre Zofe, es mag jä Amerikanerinnen geben, die ganz allein reisen, aber sein Gegenüber war eben noch nicht so emanzipirt, sondern nahm sich als Schutzdame die schwarze Donna mit. So eine amerikanische Erbin, — etwa die Tochter Vanderbilts oder Goülds, die Millionen nur so aus der Erde stampfen können,--■ hm, der Herr Assessor Felix von Winterfeldt beschloß, den angenehmen Schwerenöther zu spielen. Das Wörtlein „von" hat auf die Amerikanerinnen von jeher einen tieferen Eindruck gemacht und es gab Exempel von Beispielen . . . Da wurde die Thür des Wagenabtheiles geöffnet und der Beamte erschien, um die Platzgebühr zu erheben. Die Blonde machte eine Gebärde des Schreckens und die Schwarze warf ihm einen flehenden Blick zu, den er sofort verstand. „Gnädiges Fräulein haben wahrscheinlich kein kleines Geld bei sich?" fragte er höflich. „Würden Sie gestatten, daß ich für die Damen auslege?" »Yes,“ antwortete die Blonde mit reizender Naivität. Der Assessor zahlte, — er hatte sich nicht getäuscht, es waren zwei Engländerinnen. Nun stellte er sich vor. „Mary—annason," kam die Antwort so schnell zurück, daß er nicht verstehen konnte, ob das Janson oder Hanson oder wie immer heißen sollte. Das that aber nichts, er würde den Namen schon erfahren, vielleicht war an einem der Reisekörbe die Visitenkarte befestigt, und wenn er den Damen an der Grenzstation bei der Zollrevision behilflich sein würde, konnte er ja einen discreten Blick darauf werfen. Vorläufig aber hieß es, das Gespräch in Fluß zu erhalten. „Wenn wir erst aus Preußen heraus sein werden, wird die Landschaft reizvoller," tröstete er die Damen, die sich auf ihren Sitzen nicht gerade behaglich zu fühlen schienen. „Benutzen gnädiges Fräulein den Train auch bis Rom?" „No,“ erklärte die Blonde und schlug die Augen zu Boden. Die Schwarze verließ eilig das Coupö und dem Assessor kam es so vor, als ob sie sich draußen in dem Gange mit dem Fläschchen wiederum beschäftigte. Das Kammerkätzchen schien großen Durst zu haben, ihre Herrin wahrscheinlich Hunger, — wenn er sich nun ein Herz nähme und . . . (Schluß folgt.) Literarisches. Als siebenter Band des sechsten Jahrgangs der Verösfentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde, Berlin" erschien soeben: »EtylVN* von Professor Dr. Emil Schmidt (Leipzig). — 21 Bogen- 39 ganz- eitige Bilder und eine Karte. Preis: geheftet Mk. 5.—, geb. Mk. 6.—. — So viele Reiseschilderungen auch die herrliche Tropen-Schönheit Ceylons preisen, so beschränken sie sich doch alle auf den Südwesten des Perlen- und Zimmt-Eilandes; wie die von dem Weltverkehr weiter entfernten Theile der Insel beschaffen sind, darüber erfahren wir aus den bisherigen Reiseberichten so gut wie gar nichts. Der Verfasser des vorliegenden Buches gießt in der Beschreibung einer quer durch die ganze Insel von West nach Ost ausgeführten Reise ein vollständigeres Bild von der Natur jenes Tropenlandes, er zeigt uns nicht nur das durch die Gunst des Klimas in reichster Pflanzenpracht prangende südwestliche Unterland und die ernste, große Natur des Hochlandes, sondern er führt uns durch die heißen, trockenen Gebiete jenseits der Berge, in denen Pflanze, Thier und Mensch einen harten Kampf um's Dasein kämpfen. Der zweite Abschnitt des Buches behandelt die Geschichte Ceylons, die uns durch die Chroniken buddhistischer Klöster in lückenloser Folge mehr als zwei Jahrtausende weit erschlossen ist, dann zeigt es uns die Bewohner der Insel, die sich aus Singhalesen, Tamilen und Weddas zusammensetzen, es bespricht die körperlichen Eigenschaften der drei Völkerstämme, ihre Lebensweise, technischen Leistungen und socialen Verhältnisse. Das letzte Kapitel giebt dann noch eine Darstellung der verschiedenen religiösen Bekenntnisse, des drawidischen Dämonenglaubens, des Hinduisthen polytheistischen Systems und des Buddhismus, zu dem ich die Singhalesen in überwiegender Mehrzahl bekennen. — Weitere Auskunft über den „Verein der Bücherfreunde" ertheilt jede Buchhandlung, sowie die Geschäftsleitung Schall u. Grund, Bayerische Hofbuchhändler, Berlin W. 62, Kurfürstenstraße 128. Redaction: 8L Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.