Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Rüdiger tobte und Gräfin Melanie bekam Nervenkrämpfe, aber Beides konnte dem Ruin des Speculanten keinen Einhalt thuu. Noch einmal wandte sich der Kammerjunker an den Vetter. Er erhielt den Brief zerrissen zurück. Und da mochte Wohl Haß und Verzweiflung einen Plan in ihm gereift haben, dessen ungeheuerliche Ausführung soeben von Kuhnert berichtet worden war. Noch war der Bankerott des Commerzienrathes kein offizieller, noch galt Rüdiger in der Residenz für den Besitzer von Millionen, — Willibald allein wußte durch den brieflichen Bericht des Vetters, wie die Dinge lagen. Der Kammerjunker aber schien die kostbaren Tage, da die Welt ihn noch für reich hielt, benutzen zu wollen, um sich auf Kosten des Majoratsherrn vor dem Untergange zu retten. Ihn, den Besitzer eines fabelhaften Vermögens, hielt kein Mensch für fähig, aus persönlicher Geldgier nach dem Majorat des Vetters zu trachten. Er handelte einzig auf Drängen und Bitten der Bürger von Angerwies, welche das Treiben des Geisteskranken nicht länger mit anfehen konnten. Nun war Rüdiger als Vater des Erben geradezu verpflichtet, für das bedrohte Besitzthum einzutreten. Dieser Plan war so sein und raffinirt ersonnen, daß er seinem Meister Ehre machte. Graf Willibald hob das vergrämte Antlitz und sein Blick schweifte hinauf zu dem 1897. - Rr. 122. Dienstag den 18. Oktoter ß LMnitienbl Frida Schanz. Denn auch vergessen ist verschwenden. ie klug ist Der, der aus der Lebenssahrt Des Glückes schöne, raschverwehte Spenden Erinnernd sich zusammenspart! Was Du als wahr erkannt, Verkünd' es sonder Zagen, Nur trachte, Wahrheit stets Mit mildem Wort zu sagen. mondhellen Nachthimmel. Er preßte die Hände krampfhaft zusammen. Ja, der Plan ist schlau und klug erdacht, droben aber wacht einer über die Schicksale der Menschen, der kann auch den meisterlichsten Anschlag zu nichte machen und die Hände über ein gehetztes Wild breiten! Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken —! Capitel 6. Theuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen, Zeigt mir der Freund was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll. Schiller. Das Tagesgespräch im ganzen Herzogthum bildete den Fall Niedeck. Man hatte diese Wendung der Dinge eigentlich längst erwartet, denn das Gerücht bezeichnete Graf Willibald seit Jahren bereits als geisteskranken Mann. Nun war die Geduld seiner Patronatszugehörigen gerissen. Man erzählte sich, daß der Bürgermeister von Angerwies sich mit dringenden Vorstellungen an Graf Rüdiger gewandt habe. Dieser sei infolge dessen in Begleitung seiner Gemahlin nach dem Städtchen abgereist, um sich unter der Hand von der Lage der Dinge zu überzeugen. Die Ergebniffe der Revision seien geradezu entsetzliche gewesen. Der Majoratsherr leiste die unerhörtesten Narrheiten. Allem Anschein nach sei eine Gehirnerweichung bereits in vollem Gange, was bei dem außerordentlichen dicken Waffer- kopf des Degenerirten kaum erstaunlich sein konnte. Daß unter solch einem unzurechnungsfähigen Herrn die ganzen Besitzungen ruinirt würden, sei klar, und darum könne man es dem Vetter nicht im Mindesten verdenken, wenn er rechtzeitig Schritte thue, das bedrohte Erbe für den Sohn zu retten. Sehr überrascht war man daher, als die Kunde auftauchte, Graf Willibald sei in der Residenz angekommen, um sich eines der ersten Rechtsanwälte zu vergewissern und — wie man erzählte — sich gegen die bösartigen Verleumdungen, welche über ihn erfunden seien — unter den persönlichen Schutz der Herzogs zu stellen. Man war auch erstaunt, den Grafen in offener Equipage zeitweilig durch die Straßen fahren zu sehen; er war elegant und modern gekleidet und machte durchaus nicht den verkommenen und geistesschwachen Eindruck, wie man sich erzählt hatte. Sicherlich war auch dabei stark übertrieben, wenngleich gerade diese Art von Menschen besonders mißtrauisch und 486 raffinirt jedes äußere Merkmal ihrer Krankheit zu verstecken suchen. Man sah der Lösung der Dinge im großen Ganzen ziemlich gleichgültig entgegen, denn Graf Rüdiger war ein reicher Mann, dessen Verhältnisse durch den gewonnenen Prozeß kaum eine sichtbare Aenderung erfahren durften, und der Erbherr von Niedeck war zu unbekannt, um die große Menge zu interessiren. Die Angelegenheit nahm den gewöhnlichen Verlauf, die Zeugen wurden verhört und die Sachverständigen walteten ihres Amtes. Sie hatten ihre Gutachten bereits abgegeben, nachdem sie auch in Niedeck die Rechnungsbücher und den Stand und die Lage der allgemeinen Gutsverhältnisse geprüft hatten. Nun erwartete man die endgültige Entscheidung des Amtsgerichts. * * * In dem elegantesten Villenviertel der Residenz lag in mitten eines wundervollen Parkes der Prachtbau der Villa Casabella, das Eigenthum des Kammerjunkers des Herzogs, Grafen Rüdiger von Niedeck, welcher mehr zum Vergnügen und um wenigstens eine Beschäftigung zu haben, diese Stellung am Hofe bekleidete. Villa Casabella strotzte von Prunk und Schönheitsfülle, wie ein Schmuckkästchen, in welches unersättliche Hände stets Kostbarkeiten häuften. Man hatte in der Hofgesellschaft Anfangs etwas glossirt über die beinahe unfeine und protzenhafte Weise, mit welcher das gräfliche Ehepaar ihre Reichthümer zur Schau stellte und spottete leise und laut über „la dame parvenue“, welche mit ihrem Speculanten - Geschmack jedwedem Dinge des gräflichen Haushalts den Stempel aufdrückte. Aber Graf Rüdiger war stets tonangebend gewesen und allen Lästerzungen durch sein gefürchtetes Mundwerk so überlegen, daß Niemand wagte, auch nur im Mindesten an seiner gesellschaftlichen Position zu rühren! Er verstand es, sich voll genialer Arroganz überall zu behaupten, und da seine „Schandschnauze" fabelhaft amüsant und sein opulentes gastliches Haus sehr bequem und angenehm war, so beugte auch diesmal die Macht des Geldes die Rücken der Leute, und Derjenige, welcher zeitlebens am meisten und schärfsten über Mesalliancen gespottet, bewies den Leuten, daß man seine Ansicht ändern und doch des Beifalls der Menge sicher sein kann. Leute, welche einen großen Onkel oder viel Geld besitzen, genießen nun einmal in der Welt das Prestige, immer Recht zu haben! und wer den Mund am unverschämsten voll nimmt, der wird zur Monstranz, vor welcher sich Alles demüthig neigt und auf die Kniee fällt, wann und wo sie sich nur blicken läßt! — Villa Casabella blähte sich immer hoch- müthiger und dominirte als Königin unter ihren viel bescheideneren Nachbarinnen. Der Park lag im ersten Frühlingsgrün. Die auserlesensten Blumen dufteten und prunkten auf den Teppichbeeten, kostbare Marmorstatuen waren der winterlichen Umhüllungen entkleidet und leuchteten voll märchenhaften Zaubers durch den smaragdenen Schleier jungen Laubes. Fernerhin, wo sich die herrlichsten Baumexemplare dichter zusammendrängen und einen Wald bilden, wo eine künstliche Ruine für Staffage sorgt und kühle Grotten und Lauben für den pikanten Zauber italienischer Nächte bereit stehen, huscht eine schlanke Knabengestalt über die buntglitzernden Sandwege. Hie und da bleibt Wulff - Dietrich stehen und späht vorsichtig den Weg zurück, welchen er gekommen. Ringsumher schweift sein Blick in ruhigem Forschen, dann athmet er tief auf. Ec ist dem Haushofmeister unbemerkt entwischt, er ist allein und ungesehen. Er huscht in die nächste noch kahle Laube, in welcher jedoch schon elegante Bambusmöbel aufgestellt sind, — wirft sich in einen Rohrsessel nieder und zieht ein Buch aus der Sammetblouse. Mit leuchtenden Augen schlägt er es auf und vertieft sich in die Lectüre der „Aeghptischen Königstochter", welche ihm, als noch nicht Paffend für seine Jahre, von dem Erziehungstyrannen untersagt ist. Wulff-Dietrich liebt aber nichts mehr auf der Welt, als gute, interessante Bücher. Er versteht sie auch besser als man ahnt, denn seine Seele gleicht einem stillen, tiefen Wäsferlein, auf dessen Grunde es von heimlichen Schätzen gleißt. Wer aber hat in Villa Casabella Zeit und Lust, das zu erforschen? — Wulff-Dietrich genießt nicht die Sympathien wie sein kecker, übermüthiger und amüsanter jüngerer Bruder Hartwig. Er ist ein ernster, schweigsamer Knabe, stolz und spröde bis zur Empfindlichkeit, — seinen Jahren weit voraus, er sieht und beobachtet scharf, und ist ein strenger, ober gerechter Kritiker. Das ist der Leichtlebigkeit unbequem, und oft hat Gräfin Melanie schon ärgerlich den Kopf geschüttelt und geklagt: „Wo der Junge nur das schwere Blut her hat! — Gewissenhaftigkeit ist ja recht schön, aber wenn sie übertrieben wird, wirkt sie als Pedanterie! Wulff - Dietrich hat alle Anlage zum langweiligen Moralprediger und wenn er sich nicht noch sehr ändert, wird Niedeck unter seinem Commando ein Kloster oder eine Universität!" Ja, Wulff - Dietrich war ein eigenwilliger Knabe, ein Character im Flügelkleide, aber es war keinerlei Unnatur in seinem Wesen und der kleine Moralist sündigte sogar mit größter Kaltblütigkeit, wenn es galt, an verbotenen literarischen Früchten zu naschen. Seine großen, dunklen Augen blitzten stolz auf, als ihn sein Vater darüber zur Rede stellte. „Ich lese keine gemeinen und keine gottlosen Bücher," antwortete er fest, „und mir eine gute Lectüre zu verbieten, ist Unsinn. Ob ich sie verstehe oder nicht, — das ist meine Sache." Dennoch beharrten Eltern uud Lehrer bei ihrem Verbot und dennoch sündigte Wulff - Dietrich mit bestem Gewissen dagegen, so oft sich ihm eine Gelegenheit bot. Den Kops tief herabgeneigt, las er mit heißen Wangen. Fern her hallte der Straßenlärm, über ihm zwitscherte es im Gezweig. Der künftige Erbe von Niedeck war ein schlanker, und doch sehr kräftiger Knabe, dessen Antlitz schon jetzt den Ausdruck trug, welcher es einst als Männergesicht veredeln und interessant machen wird. Schmale, feingeschnittene, etwas blasse Züge, welche stolz und ruhig, beinah allzu leblos erscheinen würden, wenn nicht die dunklen Augen tief und seelenvoll aus ihnen hervorleuchteten. Das Haar ist in altdeutscher Art tief in die Stirn geschnitten und fällt bis auf die Schultern, über welche ein kostbarer Spitzenkragen breit zurückfällt. Der ganze Anzug des jungen Grafen ist so elegant wie kaum bei einem Prinzen. Die seidenen Kniestrümpfe, die Lackschuhe, der dunkelblaue Sammetanzug sind tadellos, und nach Ansicht der Gräfin sofort unbrauchbar, wenn er auch nur das kleinste Fleckchen aufweist. Die Spitzen des Battisthemdes fallen über die Hand, und wenn die Knaben einmal geturnt, oder mit Kameraden wild gespielt haben, wandern die echten Valenyiennes in die Lumpen! Wer hätte die Kinder jemals gelehrt, Rücksicht auf ihre Kleidung zu nehmen? „Schonen" war ein ebenso plebejisches Wort wie „sparen", darum war Beides im Hause Niedeck verpönt. Wulff-Dietrich hatte die Füße übereinander geschlagen und lebte so sehr in allen Gedanken an den Ufern des Nils, daß ihn erst ein leises Bellen ganz in der Nähe aufschrecken ließ. Das Schooßhündchen der Mama kollerte wie ein weißer Seidenknäuel über den sammetweichen Rasen, und in kurzer Entfernung folgten ihm Graf und Gräfin hastigen Schrittes. Ihr Sohn sprang jählings empor und starrte erschreckt durch das knospende Laub. Die Eltern waren seit einigen Tagen in der schlechtesten Laune, zankten und 487 schalten über jede Kleinigkeit, — es würde eine sehr heftige Scene geben, wenn sie den ungehorsamen Sohn abermals bei verbotener Lectüre ertappten. Schnell entschlossen sprang Wulff - Dietrich die kleine Anhöhe empor, in der Ruine Schutz zu suchen, — kaum aber, daß er sie betreten, bemerkte er, daß die Nahenden ihre Schritte ebenfalls nach dem alten Gemäuer richteten. Was thun? Zur Seite lehnte eine kleine Thüre lose in den Angeln, sie schloß einen gewölbeartigen Raum ab, in welchem die Gärtner ihre Geräthschaften unterstellten. Ohne sich zu besinnen, huschte der künftige Erbherr von Niedeck in den Keller hinein, athemlos wartend, daß die Eltern vorüberschreiten würden. Er täuschte sich. Tiefathmend trat die Gräfin in die Ruine, warf einen spähenden Blick ringsum und sank erschöpft auf die nächste Steinbank nieder. „Hier sind wir ganz allein und ungestört, hier mach auf und lies!" stieß sie durch die Zähne hervor. Graf Rüdiger schritt voll nervöser Aufregung noch einmal an den Mauern entlang, sich zu überzeugen, daß keine Beobachter in der Nähe waren, dann zog er einen Brief aus der Brusttasche und fuhr zuvor mit dem seidenen Taschentuche über die Stirn, ehe er ihn öffnete. „Im Hause ist man ja keinen Augenblick unbelauscht — und ich ertrage es nicht mehr, all die Aufregungen schweigend in mich hineinzuwürgen! Je nun — so dann! — Laß uns unser Schicksal hören!" Auf das höchste betroffen, starrte Wulff-Dietrich durch die Thürspalte. Er zuckte zusammen, als er in die Züge des Vaters blickte, farblos, — zerrissen von Aufregung und wilder Leidenschaft, mit fest zusammengepreßten Lippen starrte er auf das Papier nieder, welches leise zwischen seinen bebenden Fingern knisterte. In angstvoller Spannung hingen die weit aufgeriffenen Augen der Gräfin an seinem Munde. Da rang sich ein heiserer Aufschrei von den Lippen des Lesenden. — Laut aufstöhnend hob er beide Fäuste und schlug sie wie ein Rasender gegen die Stirn: „Das Gericht lehnt den Antrag auf Entmündigung ab!" — schrie er auf. Wir haben verspielt, Melanie, wir sind vernichtet!" Die Mutter war aufgesprungen und stand an der Seite ihres Gatten. Wulff-Dietrich wich jählings zurück, als er in ihr entstelltes Gesicht sah. „Rüdiger!" rief sie außer sich, „Willibald behauptet sich? All unsere Mühe — all unsere namenlose Opfer umsonst gewesen? die ganze schauerliche Zeit in dem entsetzlichen Krähwinkel umsonst?" Sie lachte schrill auf. „O Du vortrefflicher Diplomat! Ich sagte Dir doch gleich, daß alle Kniffe und Pfiffe nichts nützen würden, daß wir den verrückten Kerl nun und nimmermehr unschädlich machen könnten!" Der Kammerjunker lachte bitter auf: „O ja, wenn man vom Rathhaus kommt, ist man stets klüger, als wenn man hingeht! Warst Du es nicht selbst, die mich zuerst auf die Idee brachte, Willibald in ein Irrenhaus zu stecken?" „Gewiß, es war ja das Einzige, was Du leisten konntest, um Deine Familie vor dem Verhungern zu schützen!" zuckte Melanie mit gehässigem Blick die Achseln. „So? Und wer trägt die Schuld, daß wir verhungern müssen? Der saubere Herr Schwiegerpapa! Der Schwindler!" „Rüdiger 1" „Der Schmindler, der Bankrottmacher, der meineidige Halsabschneider, welcher den gräflichen Freier mit Millionen anlockte und ihm zum Schluß den Bettelstab vor die Füße wirft!" tobte der Graf in unbezähmbarer Math. „Ich habe mich auf Dein Vermögen verlassen, als ich heirathete, wenn sich dieses Vermögen aber als Dunst erweist, so trifft nicht mich, sondern Dich die Schuld!" Melanie verschränkte mit schillerndem Blick die Arme unter die Brust. „Was der Tausend! Ein netter Freier, welcher sich von der lieben Gattin zeitlebens durchfüttern lassen will! Hättest Du jemals Ehr- und Pflichtgefühl gekannt, so würdest Du Dich vor allen Dingen bemüht Huben, selber etwas zu leisten, um Deine Familie ernähren zu können! Als Du aber die Millionen der grau in der Tasche zu haben glaubtest, da hatte der Herr Referendar weder Zeit noch Lust mehr, das Assessorexamen zu machen! Haha! Nun mußt Du Dich vielleicht jetzt noch auf die Hosen setzen und es nachholen, denn das siehst Du doch wohl selber ein, daß es nichts Verächtlicheres giebt, als solch ein Weltenbummler, der nichts weiß, nichts kann und nichts ist!" Frau Melanie hatte in sinnloser Heftigkeit gesprochen, einzig von dem Gefühle geleitet, ihrem kochenden Grimm auf irgend eine Weise Luft zu machen, aber Wulff-Dietrich, welcher halb ohnmächtig vor Entsetzen hinter der Thüre kauerte, konnte ihre Gemüthsstimmung nicht beurtheilen, er hörte nur die klaren, nackten Worte und sah die Wirkung, welche sie auf den Vater ausübten. Zum ersten Mal im Leben fehlte Gras Rüdiger die Entgegnung. Todtenbleich, an allen Gliedern zitternd, lehnte er den Kopf gegen das Gemäuer zurück und seine Rechte zerknäulte den Unglücksbrief, welcher diese Scene heraufbeschworen. Der Ausdruck seines Gesichres machte einen unauslöschlichen Eindruck auf die Seele des lauschenden Knaben. Er sah es dem Vater an, daß er sich auf die herbe Anschuldigung nicht rechtfertigen konnte, daß Scham und Demüthigung ihm die Kehle zuschnürten, daß ihn dieser Augenblick erniedrigte vor seiner Frau und sich selbst. Dann aber zuckte ein Blick durch seine Wimpern, daß das Herz des Kindes erbebte. Er hob langsam den Kopf und wände seiner Gemahlin langsam den Rücken, um unsicher, wankend wie ein Kranker, davon zu schreiten. Frau Melanie stürmte ihm nach und hielt seinen Arm. „Verzeih, Rüdiger! Ich habe Dich beleidigt, ich war so heftigrief sie plötzlich, wie ein Kind in convulsivisches Schluchzen ausbrechend. „Ach, ich bin so unglücklich, daß unser Plan fehlgeschlagen ist. Rüdiger, sag' mir um Gotteswillen, was soll nun werden?" „Wart's ab!" entgegnete er rauh. „Vielleicht thue ich Dir den Gefallen und setze mich wieder auf die Schulbank!" „Unsinn! Dein Assessorgehalt könnte uns auch nicht ernähren. Wir müssen etwas Anderes ausdenken, um zu Gelde zu kommen!" Er stieß ihren Arm rücksichtslos von sich. „Gut, denk' Dir nur etwas aus — ich bin ja ein zu schlechter Diplomat! Wenn ich noch einmal Einen in's Irrenhaus bringen wollte, der leider nicht verrückt ist, möchte cs mir am Ende abermals nicht glücken!" Die Stimmen verklangen, nur das schrille, weinerliche Organ der Gräfin hallte noch ein paar Mal zurück, dann war es still in der Ruine wie zuvor. Die eiserne Thür schlug zurück und Wulff-Dietrich taumelte die steinerne Stufe empor. Sein junges Gesicht war aschfahl, es sah gealtert aus wie das eines Mannes. Er stand und strich mit zitternden Händen die Haare aus der Stirn, angstvoll, wie ein Mensch, welcher aus schwerem Traum erwacht, starrte er um sich her. Wie ein Schüttelfrost flog es durch seine Glieder, mechanisch setzte er sich nieder und schlug die Hände vor das Antlitz. Die Eröffnungen dieser Stunde waren entsetzlich, so qualvoll überraschend, daß seine Seele sie kaum zu fassen vermochte. Wulff-Dietrich war erst zehn Jahre alt, aber in dieser Stunde fühlte er wie ein Jüngling. Er empfand die Schmach, welche es ist, wenn ein Mann nicht auf eigenen Füßen steht, sondern von fremdem Geld und fremdem Willen abhängt. (Fortsetzung folgt.) 36 48! — Berliner Modebrief. Von Minna Wettstein-Adelt. ------- (Nachdruck verboten.) KO. Früher als in den letzten Jahren müssen wir heute zur Herbstgarderobe greifen. „Berlin" ist schon zurückgekehrt in die stillen Villen des Westens, ein Ereigniß, das in den großen Ateliers der Schneiderinnen und Modistinnen nicht so frühe erwartet wurde. Spectell die Modistinnen haben alle Hände voll zu thun, um die Zwischensaison-Hüte, vielfach auch schon die Winterhüte anzufertigen- denn apart elegante Ftlzhüte pflegen sich schon Ende September zu zeigen- als vereinzelte Exemplare fallen sie besser auf. Wir sahen einige hübsche Modellhüte. Eine Drahtform, länglich rund, mit hohem, schmalem Kopf, war mit schwarzer Seide bespannt, die auf der Krempe fünf Mal gezogen war. An dor linken Seite war die Krempe hochgenommen und wurde durch eine fliederfarbene Seidenschleife festgehalten. Um den Kopf legte sich ein zartgrüner und ein fliederfarbener Seidenstreifen, dem sich an der linken Seite eine sehr reiche und hohe Schlupfengarnitur, ein Busch fliederfarben gefärbter Hahnenfedern und ein Zweig EPheu zugesellte. Die Elegants der Saison sollen uns in den grünen Hüten erstehen, sie werden mit grau garnirt, mit weißen Mövenflügeln oder Straußboas. Daneben gelten fliederfarbene und hellgrüne Hüte als chapeaux de luxe. Schwarzen Hüten, die im kommenden Winter in der überwiegenden Mehrzahl in den Handel kommen, giebt man Rosetten von roth, zartgrün oder fliederfarben bei. Als Garniturartikel dominiren Strauß- und vor allem Hahnenfedern, Mövenflügel, große Disteln in allen Farben, Sammt am Stück und viele schöne Bandneuheiten, unter denen wir ein breites Moireeband sahen, durchwirkt mit Chenille. Ueberhaupt wird Chenille zu Gallons, Besatz und in Tüchern sehr viel getragen werden. Als einfacheren Aufputz haben wir Flügel und Gänsefedern in blau, rothgrün, rosaroth und lila, auch gesprenkelte Exemplare. Der diesjährige Winter setzt die Rose in allen Ehren ein, allerdings Rosen aus Sammt, schwarz und farbig- Velvetrosen werden besonders zu Oachepeignes genommen. Eine Garniturrose, die auch als Rockausputz Verwendung finden wird, besteht zur Hälfte aus schwarzem Atlas, zur Hälfte aus bunter Seide. Sie ist so gearbeitet, daß sie in zwei von einander streng geschiedene gleiche Theile zerfällt. Die Wirkung ist eine aparte und sehr günstige. Selbstverständlich lassen sich auch Rosetten in diesem bunten Gemisch Herstellen, so daß kleine Band« und Seidenreste eine günstige Verwendung finden. Die Paillettenstickerei kommt zum Winter ebenfalls wieder ganz auf. Es läßt sich mit geringen Kosten manch hübscher Besatz an langen Winterabenden arbeiten. Die Röcke werden reichlich mit diesem schillernden Schmuck versehen. Auch die so beliebten, an einer modernen Herbsttoilette unerläßlichen Perlpassementerien kann man sich mit ganz geringen Kosten selbst Herstellen. Zu diesem Zweck bespannt man breite Holz-Knopf-Formen mit etwas Watte und Seide- die Seide wird dicht mit Perlen bestickt. Mehrere solcher bestickten Knöpfe werden miteinander verbunden und ihnen Perlengrelots beigegeben. Mit Geschick und Phantasie lassen sich reizende Sachen Herstellen. Allerliebst zu den glatten Herbsttoiletten und ihnen etwas Farbe verleihend, ist ein Fichüjäckchen, sehr leicht selbst herzustellen. Drei Zentimeter breites Sammtband in der Länge von 1,20 Meter wird in der Mitte schnebbig zusammengenäht - dieser Theil kommt auf den Rücken zu liegen. Die unteren Bandenden werden abgeschrägt und das Ganze zu beiden Seiten mit Perlen- oder Goldborte, je nach der Farbe des Bandes, umrandet. Auf den Achseln wird eine breite Spitze eiugereiht, was den jäckchenartigen Eindruck des Fichus erhöht. Allerliebst sieht auch ein Stehkragen mit Ecken aus. Der eigentliche Kragen wird mit Taffetband bezogen und erhält vorn als Cravatte eine große, aufgesetzte Schleife. Zwei große weiße Zacken hängen über, sie können aus Moiree, Leinen oder Spitze angefertigt werden. Am elegantesten wirkt dieser Schmuck aus weißem Band mit farbigen Zacken. Die Berlinerin giebt viel auf moderne Frisuren, obgleich eine alle Augenblicke veränderte Frisur der Person jede Characteristik raubt. Rollen sind an der Tagesordnung und leider mit ihnen das Unterlegen von Wolle. Das gesammte Haar wird mit dem Welleisen gebrannt und drei übereinander liegende Rollen am Hinterkopf ziemlich hoch plazirt. Bei rundem Gesicht giebt man den Rollen zwei hochstehende Haarösen zu, die das Gesicht länger erscheinen lassen. Die Stirn bleibt frei, während auf die Schläfen und die Ohren dichte Locken fallen. Recht apart ist der elegante neue Schleier „Veloutine", bestehend aus einem Grundgewebe aus Tüll MalineS, über dem ein leichter Gittertüll ausgespannt ist, durch Chenilletupfen scheinbar an dem unteren Gewebe festgehalten. Der Grundtüll ist in allen erdenklichen Farbentönen vorräthig, während der obere Schleier stets weiß oder schwarz ist, allzu grelle Farben dadurch mildernd. Gemeinnütziges. Zur Hebung der Häuslichkeit. Für die bevorstehenden längeren Feierabende unsere Leser auf einen ebenso harmlosen, wie herzerfreuenden Zeitvertreib aufmerksam zu machen, ist uns eine angenehme Pflicht. Der Zeitvertreib ist wohl so alt wie die Gründung bleibender Wohnstätten — er heißt: Hausmusik. Aber das Instrument, das wir dazu empfehlen möchten, ist noch jung: die Accordzither. Zu billigem Preise erhältlich, leicht zu handhaben, spielend zu erlernen, hat sich die Accordzither schon so eingebürgert, daß eine ganze Reihe von Fabriken darin wetteifern, den steigenden Bedarf zu decken und das Instrument immer mehr zu vervollkommen. Für den Kenner besteht indeß kein Zweifel, daß die sogenannte Müller'sche Accordzither ihre Rivalinnen an Solidität des Baues und Süßigkeit des Tones weit übertrifft. Sie ist bei Hrn. Ern ft Challier (Rudolphs Nachf.) in Gießen, Neuenweg 9, erhältlich und ein reizendes „Accordzither-Büchlein" versendet die Fabrik I. T. Müller in Dresden-Striesen auf Verlangen an Jedermann gratis und franco. Blumenkohl vis in's Frühjahr hinein frisch zu erhalten. Man schneide ihn ab, ehe er von der Kälte gelitten hat, beraube jedoch ihn nicht seiner oberen Blätter, womit er sich schließt und die Blumen bedeckt, sondern binde sie zusammen, damit die Luft den von ihnen eingeschlossenen Blumen nicht so leicht schaden kann. Die Stauden werden sodann mit dem unteren Theil in Sand gesteckt und zwar sehr nahe aneinander in eine hölzerne Kufe im Keller, ohne aber den Kohl zu bedecken. Man kann auch die Pflanzen, mit den Wurzeln nach oben gerichtet, im Keller aufhängen. Der obere Theil der Blätter wird entweder geknickt und über die Blume gebogen, um diese zu bedecken, oder er wird auch weggeschnitten, so weit nämlich, daß die Blätterstummel einen Kranz um die Blume bilden. Kohlravi-Pasteten. Gute, nicht holzige Kohlrabi werden geschält und ausgehöhlt. Man kocht sie zunächst in Salzwasser weich und nimmt sie sodann vorsichtig heraus, damit sie nicht zerfallen. Darauf werden sie auf einer mit Petersilie garnirten Schüssel angerichtet und mit Ragout fin gefüllt. Hat man nicht Hühnerfleisch zum Ragout vorräthig, so nimmt man für dasselbe klein geschnittenes Suppenfleisch- Redactionr Ä. Scheyda. — Druck uud Verlag der Brühl'schen UuiversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ®'t6en-