Mommsta« bß» 19» AWch R U.1***? e-r-'-aü rg..H,.N.->u._G ~"e?? ib- i m] GMW ZMW ÄSE ^r|u|iigEa2 WMM!>>! i n> M! ■uzgpEaCTnanwjEgHBTOEEEgW einer guten Eh' Ist wohl das Haupt der Mann, Jedoch das Weib das Herz, Das er nicht missen kann. Was ist auf Erden wirklich Dein? Nur Liebe kannst Du wirklich schenken Und allen Denen, die Dich kränken, Ein volles, herzliches Verzeih'». Frida Schanz. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Sir Gervase geleitete mich in den Hausflur. Als wir die Thür der Bibliothek erreicht hatten, blieb ich unwillkürlich stehen. Er blickte mich an, verbeugte sich leicht und ging weiter, während ich die Hand auf die Thürklinke legt«. Der bloße Anblick des Mannes, der tobt da drinnen lag, hatte mich stets mit Schrecken erfüllt. Was würde er, wenn er am Leben wäre, zu den seltsamen Dingen sagen, die sich an diesem Tage zugetragen hatten? Nicht für Alles in der Welt hätte ich die Thür geöffnet und den Todten betrachtet- allein ich flüsterte durch das Schlüsselloch: „Großvater! Wie ungern nenne ich Dich bei Deinem Namen! Allein ich muß — ich muß, weil es mein Recht ist. Ich bin nicht wie Nan und Du liebtest Nan — die Nachricht, daß sie nicht Deine Enkelin war, tödtete Dich. Vielleicht würden Deine kalten, strengen Augen mich vernichten, wenn sie es vermöchten, weil ich es wage, hierher zu kommen und den Platz einzunehmen, den sie durch ihre Flucht räumte. Vergieb mir, Großvater, denn ich bin Robert Greylocks Tochter!" Dann drückte ich mein Gesicht an die Ebenholz- thür und weinte bitterlich. Da berührte eine Hand meinen Arm. Sir Gervase war zurückgekommen, um mich zu holen. „Treten Sie in den Salon," sagte er- „Ihre Mutter ist dort. Ich habe ihr die ganze Geschichie mitgetheilt. Sie stellt sich zwar, als zweifle sie an Ihrer Identität- Sie werden aber bald finden, daß sie tief erregt ist. Es ist am besten, daß Sie allein mit ihr reden." Meine Mutter! Ich erbebte und schauderte bei den Worten. Er geleitete mich bis zur Schwelle des Salons und verließ mich dann. Es war unter diesen veränderten Umständen keine leichte Aufgabe für mich, Mr. Iris Greylock entgegenzutreten. Jahre lang war der bloße Gedanke an sie mir verhaßt gewesen. Mit unbezähmbarem Widerwillen öffnete ich die Thür und trat ein. Sie stand unter einem Gaskronleuchter und betrachtete die vergilbten kleinen Babykleider, die Sir Gervase von der Harmony-Alleh mitgebracht hatte. Ihr Gesicht war blaß und sie schien an allen Gliedern zu zittern. Als sie mich gewahr wurde, steigerte sich ihre Aufregung. Sie hinkte einige Schritte auf mich zu und sagte: „Ich kam hierher, um zu sehen, was ich von Sir Gervase zu erwarten hätte, der jetzt der Erbe ist, und siehe da, er theilt mir eine ganz unglaubliche Geschichte mit. Ich kenne ja diese Kleidungsstücke — denn ich stickte sie selbst- mit Meinen eigenen Händen zeichnete ich den Namen meines Kindes darein - auch dieser Ring gehörte in der That meinem armen Robert. — Aber Du," fuhr sie mit einem verächtlichen Blick auf mich fort, „Du, die Dienstmagd in der Katzen-Herberge, Du sollst meine Tochter sein? — Nie werde ich solchen lächerlichen Unsinn glauben! — Du bist ebenso wenig meine Tochter, wie die arme Ethel es war. Die ganze Geschichte ist eine schamlose Erfindung, die Du und Sir Gervase miteinander ausgeheckt, obgleich ich nicht einzusehen vermag, wie er zu solch' einem Betrug die Hand leihen kann." Ich machte keinen Versuch, die Beschuldigung zurückzuweisen, sondern blickte ihr ruhig in's Gesicht und versetzte: „Sie schämen sich, mich als Ihre Tochter anzuerkennen? Nun, ich kann Ihnen versichern, daß ich ebenso wenig stolz darauf bin, Sie Mutter zu nennen!" Sie eiröthete vor Zorn und erwiderte: „Du bist unverschämt! Ich wußte wohl, daß Robert das Kind wegbrachte. Du hast das verlorene Glied in der Kette der Umstandsbeweise sehr schlau ersetzt — in der Thal nur zu schlau, denn der Effect ist äußerst dramatisch. Ich sage Dir aber, daß ich keine Tochter habe — sie ist schon lange tobt!" Sie hinkte näher unb blickte mch forschenb an. „Warum haben sie mir Ethel nicht gelassen?" rief sie wilb aus. „Ethel war gerabe mein Ideal von einer Tochter- sie paßte mir vollkommen. Was lag daran, wie ich zu ihr kam, da sie doch eine so große Aehnlichkeit mit der Familie Greylock hatte, daß selbst die Klügsten von ihnen nicht entdeckten, daß ihr Blut nicht blau war? Sir Gervase hätte nie eine Ahnung von dem Betrug bekommen, wenn die elende Hannah Johnson mich nicht verrathen hätte." 882 Sie empfand nicht die geringsten GewisscnSlnsse über ihre niederträchtigen Handlungen. Sie dachte weder an den alten Mann, der tobt in der Bibliothek lag, noch an das Elend, das sie über die arme Nan gebracht hatte. Wie gegen ihren Willen herangezogcn, trat sie noch näher auf mich zu, zupfte mich an dem Shawl und sagte mürrisch: „Nimm diese Dinge ab,- ich will Dich sehen, wie Du bist." Mechanisch legte ich Hut, Shawl und Handschuhe ab. Iris Grehlock schaute mich scharf an; sie athmete schwer, ihre mit Juwelen bedeckten Finger zuckten krampfhaft. Sie schien gegen eine unwillkommene, aber überwältigende Wahrheit anzukämpfen. „Du erinnerst mich an mein eigenes Selbst oder vielmehr an das, was ich vor zehn Jahren war," sagte sie. „Zwar bist Du nicht halb so hübsch, wie ich damals war — Deine Augen sind die einzige anständige Partie Deines Ge sichts. Allein es ist etwas in Deiner Erscheinung, was mich an meine verlorene Jugend mahnt. Jedoch," fuhr sie unwirsch fort, „Du bist nicht mein Kind. Warum redest Du nicht? Bist Du stumm? Glaubst Du etwa, daß Du meine Tochter seiest?" „Ja," antwortete ich, „und Sie glauben es ebenfalls." „Noch nicht, noch nicht!" rief sie mit fieberhafter Hast. „Mein Baby hatte ein Zeichen an sich, an dem ich es aus allen Kindern der Welt heraus erkannt haben würde — ein Muttermal, das ihm, wie ich jetzt deutlich sehe, von der Vorsehung aufgedrückt wurde, um mir in einem Augenblick wie diesem zur Hilfe zu kommen. Sei so gut und ziehe Dein Kleid aus, so will ich Dir sagen, was ich meine." „Ich weiß es schon," antwortete ich, indem ich mein Kleid aufknüpste und dasselbe von meiner Schulter streifte. Sie stieß einen lauten Schrei aus und taumelte von mir weg. Sie hatte das rothe häßliche Mal gesehen, das mit dem Abdruck einer Hand Aehnlichkeit hatte- ich hatte dasselbe stets als einen meiner vielen Schönheitsfehler betrachtet. „Wohl erinnere ich mich dieses Males!" keuchte sie. „Ich maß stets dem armen Robert die Schuld bei. Oftmals während unserer häufigen Wortwechsel Pflegte er mich bei der Schulter zu fassen und mich zu zwingen, ihn anzuhören, wenn ich keine Lust dazu hatte. — Es ist mir jetzt unmöglich, länger zu zweifeln. Ich bin gerettet! Ich bin gerettet!" rief sie. „Eine solche glückliche Wendung hätte ich nicht erwartet. Du bist zwar nicht so, wie ich Dich gern hätte, allein Du bist Godfrey Greylocks Enkelin und somit seine Erbin, und das ist Alles, was nöthig ist. Ich bin doch ein wahres Glückskind. Jeden Streich, den das Schicksal mir spielt, macht es auf der Stelle wieder gut. Durch Dich ändert sich natürlich die ganze Sachlage; Sir Gervase kommt gar nicht mehr in Betracht. Ethel — so muß ich Dich nun wohl nennen — Du magst mir jetzt die Hand küssen! Ich habe wirklich Ursache, mich über diese Entdeckung zu freuen. Mit der Zeit werden wir ganz gut miteinander auskommen, namentlich wenn ich Dich so gelehrig und folgsam finde, wie die arme Nan es war." Ich küßte ihr die Hand nicht und gab auch keine Versprechungen für die Zukunft. Sie hatte mich zwar als Tochter anerkannt, allein ich fühlte, daß ich ihr weder Vertrauen noch Achtung schenken konnte. Sie lieben? — Nein, das war unmöglich. In mir sollte sie nie die Folgsamkeit finden, welche sie an Nan gerühmt hatte. Sir Gervase hatte inzwischen Miß Pamela von den gemachten Entdeckungen in Kenntniß gesetzt. Auf der Stelle ließ mich dieselbe rufen und drückte mich mit Inbrunst an ihr Herz. „Mein armes, geprüftes Kind!" rief sie mit mütterlicher Zärtlichkeit. „Welch' schreckliche Erfahrungen mußtest Du machen? Das Alles hast Du Deiner Mutter zu verdanken. Denke nur an all' das Unglück, das heute durch sie über dies Haus kam! Mein Gott, mein Gott! Wo mag die arme Nan sein? Wie bereue ich es, daß ich sie in der Kirche von mir stieß! Ich war jedoch so entsetzt und erschüttert, daß ich nicht wußte, was ich that. Ich werde mir ewig über mein Benehmen Vorwürfe machen. Das arme Kind! Ihr ist kaum minder übel mitgespielt worden als Dir!" „Nan muß aufgefunden und hierher zurückgebracht werden," antwortete ich. „Edles, großmüthiges Mädchen!" schluchzte Tante Pamela, indem sie mich auf's Neue an ihr Herz drückte. Zeitungsaufrufe, in denen Nan gebeten wurde, unverzüglich zu ihren trostlosen Freunden zurückzukehren, wurden in sämmtlichen hervorragenden Blättern des Landes veröffentlicht,- Privatdetectivbeamte machten sich nach allen Richtungen hin auf die Suche nach der Verschwundenen- doch ach, weder die gedruckten Aufforderungen noch die unablässigen Bemühungen der erfahrenen Beamten hatten den geringsten Erfolg! Nan kehrte nicht zurück- alle unsere Maßregeln verschafften uns nicht die geringste Spur, die zu ihrer Entdeckung führen konnte. Godfrey Greylock wurde an einem stürmischen December- tage zu Grabe getragen. Miß Pamela, der Baronet und ich als die einzigen Leidtragenden gaben ihm das letzte Geleite. Als die Beerdigung vorüber war, kehrten wir nach dem Hause zurück, um der gerichtlichen Oeffnuug des Testamentes beizuwohnen. Es war ein kurzes Dokument. Außer einer reichen jährlichen Leibrente für Miß Pamela und angemessenen Legaten für die treuen Dienstboten des Hauses war das ge- sammte Vermögen des Dahingeschiedeuen — Häuser, Ländereien und Geld — bedingungslos seiner Enkelin Ethel, der Tochter seines tobte« Sohnes Robert Grehlock, unb ihren Erben vermacht. Der Anwalt der Familie gratulirte mir mit freundlichen Worten. Tante Pamela drückte mich an ihre Brust und flüsterte mir zu: „Das ist, wie es sich gebührt." Sir Gervase nahm meine Hand in die seine und sagte ruhig: „Sie sind jetzt im unbestrittenen Besitz des Greylvck'schen Vermögens und ich hoffe, Sie werden darin eine Entschädigung für die erduldeten Leiden und Entbehrungen finden. Und nun, liebe Cousine, was gedenken Sie in Ihrer neuen Position zuerst zu thun?" „Nan aufzufinden und mein Vermögen mit ihr theilen," erwiderte ich ihm. Er lächelte traurig. „Immer treu und aufopfernd!" murmelte er. „Und dann?" Meine Achtung vor dem Baronet stieg von Stunde zu Stunde. Er war durch und durch redlich und edel gesinnt- ich konnte mit ihm offen reden als mit irgend einem Menschen in der Welt. „Zunächst muß ich in die Schule," antwortete ich. „Ich schäme mich jetzt meiner gänzlichen Unwissenheit." Er blickte mich mit freundlichen, mitleidigen Augen an und sagte: „Sie sind noch jung genug, Cousine, um sich ein paar Jährchen der Aneigung nöthiger Kenntnisse widmen zu können." Nachdem alle Anderen den Salon verlassen hatten, hatte ich eine Unrerredung mit Iris Greylock. Miß Pamela war bei ihrem Eintritt mit allen Zeichen des Abscheus geflohen, worauf meine Mutter mich lachend bei meinem Trauerkleide ergriff und mich neben sich auf das Sopha zog. „Ich glaube, es wäre dieser unausstehlichen alten Jungfer lieber gewesen, wenn ich mich heute gar nicht eingestellt hätte," fing sie lebhaft an- „sie denkt nur an meine kleinen Fehler, nicht aber an die unglücklichen Umstände, denen die Schuld beizumeffen ist. Nun, mein Kind, es ist Zeit, daß wir einander verstehen lernen. Du bist jetzt im Besitze eines fürstlichen Vermögens, weißt aber nicht, wie Du dasselbe richtig zu verwalten hast. Denke an das, was Du gewesen bist — eine Dienstmagd, eine Straßenbettlerin! — Puh, es ist zu ekelhaft, davon zu reden! — Denke an Deinen gänzlichen Mangel an Bildung und Kenntnisse! Du bedarfst einer fähigen Person, um für Dich zu denken und zu handeln. In mir, Ethel, findest Du, was Dir fehlt. Ich bin Deine 383 natürliche Beraterin und Vormünderin. Ich will die Sorge für Deine Zukunft und Dein Vermögen übernehmen, Du sollst in keiner Weise mit dummen Geldangelegenheiten belästigt werden, was Dir wohl recht lieb sein dürfte, da Du noch viel zu jung bist, um in Geschäftssachen ein Urtheil zu haben. Ich bin ein geborenes Finanzgenie, und Du mußt mir die Verwaltung Deines Vermögens sofort übertragen. Als Mutter und Tochter sind unsere Interessen natürlich dieselben, und darum sollten auch alle unsere Besitzthümer gemeinschaftlich sein. Du hast vorläufig genug damit zu thun, Dir die nothwendigsten Schulkenntnisse zu erwerben." Ehe ich ein Wort zu antworten vermochte, fuhr sie fort: „So ganz häßlich bist Du denn doch nicht. Feine Manieren lassen sich aneignen und die Toilette vermag bei einem Weibe Wunder zu thun. Deine Augen sind nicht übel und Dein Gesicht hat einen spanischen Typus, der einer reichen Erbin gut ansteht. Nun höre! Ich habe bei mir beschlossen, daß Du Sir Gervase Greylock heirathen sollst. Bleibe ganz ruhig, mein Kind, widersprich mir nicht! Oh, ich bin eine famose Heirathsstifterin, Ethel! Kam der Baronet nicht nach Amerika, um die Erbin von Greylock Woods zu heirathen? Warum sollte er diesen Vorsatz jetzt aufgeben? Du mußt ihn über den Verlust seiner ersten Braut trösten. Muth, mein Kind, Du kannst es thun, wenn Du auch nicht Nans Schönheit besitzest." Ich war so bestürzt und empört, daß ich unwillkürlich aufsprang und rief: „Aber, Mutter!" Sie lachte und sagte: „Wie einfältig Du aussiehst! Sei nicht thöricht, sondern überlasse es mir, die Sache einzufädeln. Sir Gervase —" „Halt! Kein Wort mehr! Das ist ja empörend!" rief ich, indem ich mir die Ohren zuyielt und den Salon schleunigst verließ. Nach etlichen Tagen kam die unvermeidliche Krisis. Meine Mutter verließ die Rosen-Villa ganz und gar und quartierte sich im Herrenhause ein. Hier erregte ihr Einzug allgemeine Verwirrung. Die alte Hopkins und die übrigen Dienstboten weigerten sich positiv, Befehle von ihr anzunehmen. Miß Pamela floh nach ihren Gemächern und erklärte, dieselben nicht verlassen zu wollen, so lange die Wittwe ihres Neffen im Hause bliebe. Sir Gervase blickte ernst darein. Ich selbst sagte nichts und that auch nichts. Sie war meine Mutter — was konnte ich thun? Eines Morgens saß ich mit Sir Gervase in dem warmen, Hellen Frühstückszimmer und sprach mit ihm über die gänzliche Erfolglosigkeit unserer Bemühungen, auf Nans Spur zu kommen. Er hatte mir werthvollen Beistand in der Angelegenheit geleistet, ob es aber um Nans willen oder aus Gefälligkeit gegen mich geschehen war, vermochte ich nicht zu entscheiden. Seine Zurückhaltung war undurchdringlich, ich wußte so wenig wie je, ob er Nan noch liebte oder nicht. Nach zweitägiger Abwesenheit, deren Grund er nicht erklärte, war er eben nach Greylock Woods zurückgekehrt- ich konnte deutlich sehen, daß er sich Gewalt anthun mußte, um heiter und gutgelaunt zu erscheinen. „Es ist doch sonderbar," begann ich, „daß ich noch immer keine Spur von Nan habe! Ich habe Jedermann in meine Dienste gepreßt, ich habe erfahrene Detectivbeamte nach allen Richtungen ausgesandt, doch Alles ohne den geringsten Erfolg. Wenn ich nur den allerschwächsten Anhaltspunkt hätte, so würde ich ohne Zögern selbst in die Welt hinausgehen und nicht eher zurückkehren, als bis ich Nan gefunden hätte." „Ich glaube," sagte Sir Gervase ernst und mit Nachdruck, „daß sie auf die Bühne gegangen ist." Ich blickte ihn mit großen Augen an. „Nichts ist wahrscheinlicher," fuhr er fort. „Sie wissen vielleicht nicht, daß sie eine wundervolle Tänzerin ist; ein Talent, welches sie ohne Zweifel von ihrem Vater geerbt hat. Sie wird den Marktwerth desselben schon erkannt haben. Hochgebildete Mädchen von tadellosem Ruf werden zuweilen durch die Noth gezwungen, sich dem Ballet zu widmen." „Dem Ballet!" wiederholte ich mit Entsetzen, „Nan in Tricot, kurzen Röcken und Flitterkram? Nein, das glauben Sie selbst nicht, Sir Gervase, so weuig wie ich, so tief würde sie sich nie erniedrigen. Sie sind auf der falschen Fährte." „Ich denke nicht," antwortete er kopfschüttelnd. „Wenn Sie eine Spur haben, warum sagen Sie es mir nicht?" „Ich habe keine," erwiderte er; „als ich aber gestern und vorgestern in der Stadt war, zog ich unter Bühnenmitgliedern Erkundiguugen ein, besuchte auch selbst mehrere Theater in New-Uork. Keine Person, die mit Nan Aehnlich- keit hat, war dort gesehen worden, und dennoch brauche ich nur an ihr wundervolles Tanzen zu denken, um mich in meiner Ueberzeugung zu bestärken." Die Kinder der Armuth können ihren Beruf nicht selbst wählen. Wie konnte ich wissen, ob Nan in ihrer Noth und Verlassenheit nicht wirklich zu dem Entschlüsse gekommen war, dieses erweckte Talent zu verwerthen, um sich vor Hunger und Mangel zu schützen? „So senden Sie Boten nach anderen Städten, nach anderen Theatern," rief ich. „Wir müssen die ganze Welt nach ihr durchsuchen! Glauben Sie, daß ich sie einem solchen Leben überlassen werde?" „Nein, ich weiß, daß Sie dies nicht thun werden," erwiderte er. „Ich bin Ihren Wünschen in diesem Punkte bereits zuvorkommen, Cousine, und habe eine zuverlässige Person abgesandt, um unter dem Balletcorps anderer Städte Nachforschungen anzustellen." „Tausend Dank!" rief ich, doch ehe ich ein weiteres Wort sprechen konnte, ging die Thüre auf, und meine Mutter trat herein.' Sie war reizend gekleidet, und an ihrem Busen prangte ein prächtiges Rosenbouquet. Als sie Sir Gervase bei mir allein sah, begannen ihre Augen zu funkeln. Sie gewahrte meinen Unwillen über die Unterbrechung unseres Gespräches, legte demselben aber eine falsche Deutung bei. „Nun, was ist mit Euch Beiden los?" fragte sie, indem sie auf uns zuhinkte. „Ein Zank? Pfui, pfui! Ah, Sir Gervase, Sie beabsichtigten doch nicht, nach England zurückzukehren ?" „Noch nicht," antwortete der Baronet; „ich habe hier noch eine Aufgabe zu lösen, ehe ich mich nach meiner Heimath einschiffe." „Wie freut mich das! Ethel scheint sich jetzt ganz und gar auf Ihren Rath und Ihre Hülfe zu verlaffen. Ich bin überzeugt, daß sie sich ohne Ihren Beistand in ihrer neuen Stellung nicht zurechtfindeu würde. Oh, ich verstehe," fuhr sie fort, indem sie uns einen scharfen Blick zuwarf, „Ihr spracht da eben von Nan. Hat man noch nichts von ihr erfahren?" „Nein," antwortete ich trocken. Sie zog plötzlich einen Brief aus der Tasche. Die Luft schien mit Electrieität geschwängert zu sein. Ich athmete tief auf in der Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. „Bereitet Euch auf einen herben Schlag vor," sagte meine Mutter mit ihrem süßesten Lächeln. „Soeben habe ich diese Zeilen von der armen Nan erhalten. Sie kennen ihre Handschrift jedenfalls, Sir Gervase. Lesen Sie! Das unbegreiflich verblendete Geschöpf hat sich wirklich verheiralhet. Und mit wem, meinen Sie? Nun, mit dem tollen Anbeter, der sie bei den alten Salzgruben zu tödten suchte. Romantische Mädchen find nur geneigt, solche Dinge zu verzeihen, da sie nur einen Beweis der Liebe darin erblicken." „Ich blickte Sir Gervase forschend an. Sein braunes Gesicht wurde plötzlich blaß wie der Tod. Er ergriff den Brief, den meine Mutter ihm dareichte; ich konnte deutlich sehen, wie seine Hand zitterte. 384 R Gemeinnütziges ohm cige Dei sie i aus. schl. zu Z habt Jetz noch übe, bin Dei ersü UNt! von tone 0a«; Dei den nie, Dir Redaktion: O. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda) m G'kßcn- Tomaten auf Junggefellenart. Schöne, vollsaftige, jedoch nicht Überreife Tomaten — etwa sechs Stück — durch- jchneide man quer in egale Hälften, richte sie in eine mit Butter ausgestrichene, niedere Kasserolle ein, salze sie gut, pfeffere sie etwas und lege auf jede Hälfte ein Stückchen Zucker. —- So brate man sie aus schwachem Feuer 15 bis 20 Minuten, schiebe sie mit einem Schäufelchen mehrmals hin und h r, daß sie sich nicht anlegen, gebe eventuell noch etwas srische Butter dazu, hebe sie aus, solange sie noch ganz sind, nnd übergieße sie auf erwärmter Platte mit dem gezogenen Safte, den man mit einem Theelöffel „Maggi" noch aromatischer und kräftiger gemacht hat. — Beliebte Beilage zu Beefsteaks rc. Literarisches. Hunderttausende von Frauen treiben heutzutage Sport, sei es Reit-, Jagd-, Radfahr-, Segel-, Schwimm- oder sonst irgend einen Sport. Wie wohlthuend und kräftigend derartige Leibesübungen auf Körper und Geist einwirken, haben die Amerikanerinnen und Engländerinnen schon längst erkannt und denselben schon zu einer Zeit gehuldigt, wo man bei uns dafür nur Worte wie „überspannt", „eman- cipirt" rc. hatte. Heute hat sich das geändert. Umso stärker auch wird die Nachfrage nach geeigneten, den practischen Bedürfnissen entsprechenden Sportcostümen. Wir möchten „Die Mobenwelt" — nicht zu verwechseln mit den Titel-Nachahmungen „Große" und „Kleine Modenwelt" — empfehlen, die bei einer reichlichen Auswahl in Sportcostümen allen Anforderungen Rechnung trägt und auch Schnitte liefert, die für tadellosen, eleganten Sitz garantiren. wenn es ihm schlecht geht? „Was werden die Leute sagen?" fragt die in Dürftigkeit lebende Vornehme, welche ihren Kindern nur eine einfache Erziehung geben kann, und bringt mit Rücksicht darauf Opfer, welche tief in das Familienleben eingreifen, den Mann, die Kinder und sie selbst unglücklich machen. — „Was werden die Leute sagen?" fragt das alternde Mädchen, „wenn ich nicht heirathe? Werden sie mir glauben, daß ich oftmals gewählt wurde- werden sie nicht denken, ich sei „sitzen" geblieben?" Die Frage beängstigt sie, am Rande ihrer Jugend reicht sie ihre Hand — der Leute wegen — Einem, dem sie nicht gehört. — „Was werden die Leute sagen?" fragt die Braut, die mit Schrecken wahrnimmt, daß der Mann ihrer Wahl nicht würdig ist. Wissentlich geht sie ihrem Unglück entgegen, indem sie ihm zum Altäre folgt, denn — „was würden die Leute sagen", wenn sie das Ver- haltniß löste? . . . Tausenden, die sich daran gevöhnt haben, auf das Urtheil Anderer mehr als auf ihren Seelenfrieden zu geben, wird diese Frage zum Fluche. Was sind „die Leute", die heute leben und morgen tobt sein können? Soll mein Geschick in den Händen Derer liegen, die wie Spreu sind? — Soll ich, um es ihnen recht zu machen, mein Lebensglück opfern! Werden uns die Leute, auf die wir Rücksicht nehmen, beistehen, wenn wir uns unglücklich fühlen! Unser Unglück kommt ihnen so gelegen wie unser Glück. Beides dient ihnen gewöhnlich nur zur Unterhaltung. Scherze aus der „Lustigen Welt" (Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg.). Klara: „Dieser Treulose! Hat uns also Beiden einen Heirathsantrag gemacht?" Laura: „Ja, es scheint so!" Klara: „O, dafür müßte er eigentlich fürchterlich bestraft werden?" Laura: „Ich habe eine Idee!" Klara: „Heraus damit!" Laura: „Du mußt ihn heirathen!" — Am Postschalter. Fremder: „Lagert hier eine Postanweisung für Josef Müller?" Beamter: „Können Sie sich legitimiren?" Fremder: „Na gewiß, hier ist meine Kost- wirthin, die mir schon acht Tage auf diese Geldsendung gepumpt hat." — Gutes Mittel. A.: „Sie sehen ja so schlecht aus?" B.: „Ja, daran ist uusere neue Köchin schuld, die kocht ganz miserabel!" A.: „Dann entlassen Sie sie doch!" B.: „Ja, meine Frau will sich leider nicht von ihr trennen, weil sie so gut zu den Kindern ist." A.: „Dann werde ich Ihnen was sagen- geben Sie ihr doch mal einen Kuß, wenn Ihre Frau ln der Nähe ist!" B.: „Das ist wahrhaftig eine Idee! Daran habe ich noch gar nicht gedacht !" — Gatte: „Ach, Emilie, ist's hier schön, ich kann mich gar nicht satt sehen!" Emilie: „Aber Männe, bet ist doch auch nicht nöthig — wir haben ja heute Abenb schönes Schweinsrippel mit Sauerkohl!" * * * Der Reconvalescent. Frember (zum Hieselbatter, ber vor einiger Zeit burch einen fallenben Baum schwer am Kopf verletzt würbe): „Nun, wie geht's Euch?" — Hiesel- bauer: „Dank' ber Nachfrag' — es geht schon wieder! Aber vor be geiftreich'n Gebank'n muß ich mich halt noch in Acht nehma — hat ber Herr Doctor g'sagt!" Vermißtes. Was werden die Leute sageu? Diese Frage bient vielen Menschen allein zur Richtschnur ihrer Handlungen. Wie unklug! Wer kümmert sich um das Schicksal des Einzelnen, „Ja," versetzte er mit seltsamen Tone, „das ist ihre Handschrift." , „Lesen Sie! Lesen Sie laut!" sagte meine Mutter, indem sie mir einen triumphirenden Blick zuwarf. Sir Gervase gehorchte und las: „Liebe Mama! Erlaube mir, Dich zum letzten Male so zu nennen. Ich bin jetzt das Weib Arthur Regnault Kenyons, des Mannes, den ich in der Schule so leidenschaftlich liebte, und dem ich trotz seiner vielen Fehler noch immer von Herzen gut bin. Es sind theils die jüngsten Ereignisse, theils seine leidenschaftliche Liebe für mich, welche mich zu diesem Schritt veranlaßt haben. Denke nicht weiter an mich und mache keinen Versuch, mich zu sinden! Ich befinde mich wohl und glücklich — laß Dir das genügen. Ethel." Ich unterdrückte meine Entrüstung bis zum letzten Worte dieses Schreibens- als aber Sir Gervase den Brief mit einer Geberde, die Zorn und Verachtung ausdrückte, auf den Boden warf, hob ich denselben auf und untersnchte ihn genau. Dann gab ich ihn meiner Mutter zurück, deren Lächeln mir in diesem Augenblick wie das Grinsen eines Dämons vorkam, und bemerkte trocken: „Eine plumpe Fälschuug ohne Datum und Postmarke! Nan hat diesen Brief nicht geschrieben — keine Zeile- kein Wort davon ist echt. Du hast ihre Handschrift ziemlich genau nachgemacht- damit aber endigte Deine Geschicklichkeit." Sie wurde zuerst roth, dann blaß. „Wie kannst Du es wagen, Ethel, mich, Deine Mutter, einer Fälschung zu bezichtigen?!" rief sie. "2 „Pfui!" fuhr ich wüthend fort - „pfui der Niedertracht, solche Angriffe auf ein Mädchen zu machen, das sich nicht vertheidigen kann! Hat sie noch nicht genug gelitten? Hat sie nicht genug Unrecht erduldet? Kannst Du sie jetzt nicht verschonen — sie, die Du so viele Jahre lang für Deine Tochter ausgabst und durch deren Einfluß Dir so viele und reiche Wohlthaten zu Theil wurden? Pfui! Pfui!" Dann wandte ich mich vorwurfsvoll zu Sir Gervase: „W»e aber konnten Sie auch nur einen Augenblick an diese Lüge glauben? Wahrhaftig, Nan hat keinen einzigen Freund mehr unter den Hunderten, die sie einst zu besitzen wähnte!" „Ich verdiene Ihren Vorwurf, Cousine," erwiderte er leise. (Fortsetzung folgt.)