[H 3» » k I B HÜ inrwr LmiÜiIi an das Slug’, das, überwacht, Noch eine Freude Dir Bereitet, Denk’ an die Hand, die manche Stacht Dein Schmerzenslager Dir gebreitet; Des Herzens denk’, das einzig wund Und einzig selig Deinetwegen, Und dann knie nieder auf dein Grund Und fleh' um Deiner Mutter Segen!. Annette Droste-Hülshoff. Der schwarze Panther. Novelle von Wilhelm Fischer. (Schluß.) IV. Als ich am nächsten Morgen meinen Clienten aufsuchte, hatte ich Vorkehrungen getroffen, die es mir ermöglichten, dem Verhafteten länger als bisher zur Verfügung sein zu können. Mich interesstrte sein Schicksal in ungewöhnlichem Maße, und ich muß gestehen, ich war in der kurzen Zeit unseres Verkehrs dem Unglücklichen Freund geworden. Don Alonso setzte seine Erzählung nach meiner Begrüßung auf meine Aufforderung hin fort .... „Der Tod des geliebten Vaters hatte auf meine Frau einen tiefen Eindruck gemacht. Kurz nach der Beerdigung theilte mir Consuela ihren festen Entschluß, wieder aufzutreten, mit. Lie Thiere müßten in steter Uebung bleiben; es sei das Vermächtniß des Vaters, die Thiere nicht zu entwerthen) der Werth derselben beruhe in der Dressur) und dann kenne mich kein Mensch in Brüssel. Kurz und gut, sie setzte ihren Willen durch und trat auf. Wissen Sie, was es heißt, das Weib, welches man liebt, auftreten, be jubelt, lorgnettirt, in Tricots zu sehen! Ich war von jeher ein eifersüchtiger Othello, ein Narr in der Liebe. Aber mein Weib in Tricots, machte mich rasend. Ich hörte die Bemerkungen um mich herum, ich kam mir vor, als deute Jedermann auf mich und sage: Seht, dort sitzt er, eine größere Bestie als es ihre Thiere sind, mit denen sie zur Schau, um des Brodes willen prunkt und uns zerstreut. Damals schwur ich mir, eher selbst Thierbändiger zu werden, als noch länger zu dulden, daß sie es bleibe. Ich sah ja selbst ein, wie die Thiere entwerthet würden, falls man sie in ihrer Kunstfertigkeit vernachlässige, und ein Recht, sie zu jedem Preise zu veräußern, hatte ich nicht. Ich war ja arm. Als ich meiner Frau mittheilte, daß ich mich entschlossen habe, ihren Beruf zu ergreifen, freute sie sich wie ein Kind. Sie unterwies mich sofort in den Geheimnissen ihrer Kunst. Und ich war ein gelehriger Schüler, zudem reizte mich die Gefahr. Ich besaß die Energie, am nächsten Tage während der Probe mit Consuela in den Thierkäfig zu treten. Der Erfolg dieser Dressurprobe erhöhte mein Selbstbewußtsein. Ich beobachtete stundenlang die Bestien, studirte ihre Neigungen und Launen und gewann ihnen das intimste Interesse ab. Im Erfassen des Thier- characters liegt das Geheimniß unserer Kunst) bei weiser Ausnützung der Neigungen und Leidenschaften jedes einzelnen Thiercs sind Dressurresultate von hoher Bedeutung und Intelligenz zu erzielen. Bei meiner Vorbildung und meinem Glauben an das Wesen und die Wahrheit der Suggestion ist es elklärlich, wie sehr ich bestrebt war, auch an den Thieren die Macht der Suggestion zu versuchen. Das Resultat dieser Versuche war ein überraschendes, ich gewann mir schnell die Zuneigung und das Vertrauen meiner Thiere, und nach wenigen Wochen schon konnte ich zum ersten Mal auftreten) ich hatte großen Erfolg. Und an meinem eigenen Leib sollte ich denn erfahren, wie berauschend der Beifall der Menge wirkt. Ich glaube, man könnte um des Beifalls willen Henker werden und Andere zur Schau und Lust der Menge köpfen, wie es im päpstlichen Rom einst Sitte war. Der Elan trägt immer den Ehrgeizigen) das herostratische Gefühl beherrscht eben die Massenhysterie, an der die Menschheit leidet. Nero wurde Commödiant, und das diente dem Sohne des Herzogs von Melio zum Tröste. Fürwahr, ein seltsamer Trost, aber Trost immerhin, wenn der Herzog zu sehr in mir zuckte. Nach kurzer Zeit war ich vollkommener Herr meiner Thiere, und man wurde auf meine Dreffur- methodc aufmerksam. Ich war eben eigenartig und ging eigene Wege, und wieder war es eine geringe Genugthuung, mein Weib den Blicken der Menge zu entziehen. Ueberdies hatte ich einen Beruf gefunden, der seinen Mann ernährte. Man bot mir Gagen in fabelhafter Höhe. Da setzt man sich über Alles hinweg. J h war König im Reiche der Zigeuner,- im Geldwerthe stand ich so hoch wie der erste Minister der Königin, und da sich einmal die Welt um die Sonne dreht, die Geld verdient und im gewissen Sinne auch heute noch dem Golde der antike Fluch des non ölet anklebt, fo war ich mit mir und meinem Milieu, in dem ich mich bewegte, zufrieden. Ich ersann mit meinen Thieren, denen — 434 — ich auch einen schwarzen Panther zugesellt hatte, immer neue Trics. Jllustrirte Zeitungen brachten mein Bild. Ich wurde mit einem Schlage als Thierbändiger ein berühmter Mann. Und das zu meinem Unglück, Herr Doctor, erweckte die Eifersucht meiner Frau. Das größte Unglück für einen Künstler ist eine auf die Berühmtheit ihres Mannes eifersüchtige Frau. Consuela verdarb mir gründlich durch ihre eifersüchtelnden Bemerkungen die gute Laune. Sie spornte mich zu den größten Tollkühnheiten an, und sie verfolgte mich harknäckig mit der Bitte, ihr doch wieder das Auftreten zu gestatten, eine Bitte, die ich kurzer Hand ablehnte. Sie schmollte, machte mir Scenen und das Leben zu Hause unerträglich. Zuguterletzt setzte sie ihrem seltsamen Betragen damit die Krone aus, daß sie, während ich in der Manege arbeitete, mit Anderen kokettirte. Ich that, als bemerkte ich nichts, aber damals erduldete ich Höllenqualen. Ich glaube, schon damals haßte sie mich,- ich bemerkte es an ihrem Betragen, an ihrer Kälte, an ihren Blicken. Und ich liebte sie heiß und innig. Ich bin einmal Gefühlsmensch und habe im Sturm und im Drange der Ereignisse nicht gelernt, Gefühl und Temperament über Bord zu werfen und nichts als denkender, überlegender Mensch zu sein. Anfänglich machte ich Consuela Vorstellungen, sie schwieg, zuckte die Schultern mokant oder lachte mich spöttisch aus. Und dabei immer der kalte, herzlose, liebeleere Blick, der mir wie tausend Messer die Seele zerschnitt. Ich hoffte von einer Aufenthaltsveränderung Alles und nahm deshalb ein Engagement nach Paris an trotz der Gefahr, dort von einem meiner Verwandten erkannt und in der ganzen Familie geächtet zu werden. Ich sah mich getäuscht- dasselbe seelcn- zermalmende Spiel wie in Brüssel auch in Paris, nur mit dem Unterschied, daß dort die Gefahr für meine Ehre eine noch größere war, ich befürchtete es wenigstens, denn man kannte dort meine Frau von ihrem früheren Auftreten her. Mein Mißtrauen ging vielleicht zu weit, ich gebe es heute zu, aber es war einmal geweckt, und es geschah nichts, mir meine Ruhe und mein Vertrauen wiederzugeben. So wurden wir denn uns immer fremder und fremder,- ich wußte nicht mehr, ob ich ein Weib hatte oder nicht. Als ich einmal, krank vor Sehnsucht nach Versöhnung, nach einer versöhnenden Aussprache ihr Zimmer aufsuchte — wir bewohnten ein großes Appartement — fand ich es verschlossen. Nun erwachte in mir der Trotz, ich ließ ihr die volle Freiheit des Handelns, um desto eifersüchtiger über sie zu wachen. Ich fing an, ihre Briefe zu unterschlagen, und bei diesem wenig ehrenvollen, nur durch die blinde, grenzenlose Eifer sucht, die in mir gährte, entschuldbaren Handwerk fiel mir einmal ein Billet doux eines vornehmen Parisers in die Hände, von dem sie mir in unserer glücklichen Zeit gesagt hatte, daß er sie mit Anträgen verfolgt habe. Dies machte mich rasend,- ich stellte sie zur Rede, und als sie mir eine schnippische Antwort gab, war es aus mit meiner Vernunft und meiner Würde. Ich würgte sie mit diesen beiden Händen zu Boden, und ich hätte sie erdrosselt, wenn unsere Bonne mich nicht zurückgehalten hätte. Wie sie sich befreit fühlte, flüchtete sie in eine Ecke, in der sie erschauernd niederkauerte und mich mit haßerfüllten Blicken maß. Wochenlang sprach sie kein Wort zu mir. Sie speiste in ihrem Zimmer, ich in dem meinen. Es war ein Leben zum Morden schön. Ich sah sie oft tagelang nicht, nur erfuhr ich, daß sie sich mit den Thieren eifrig beschäftige. In meinem Schuldbewußtsein war ich dessen froh, denn ich glaubte noch an eine Versöhnung und war entschlossen, sie herbeizuführen. Deshalb störte ich sie nicht in dem, was ihrer Neigung entsprach, in ihrer Liebe zu den Thieren. So ging es Wochen, ja Monate lang. Einmal überraschte ich sie, von ihr unbemerkt, am Käfige der Thiere. Ich hörte, wie sie dem Panther pfiff- es war derselbe Pfiff, merken Sie wohl auf, Herr Rechtsanwalt, den Sie an dem Unglücksabend von mir hörten; genau derselbe kurze, scharfe Pfiff. Ich sah wohl, wie darauf hin der Panther mit allen Zeichen der Wuth angriffslustig meinem Weibe zu gegen das Gitter sprang. Das fiel mir auf - jedoch dachte ich an nichts Böses, sondern glaubte an einen neuen Tric, in dem sich meine Frau als leidenschaftliche Thierbändigerin hier versuche. Was dachte damals meine Seele an Mord! Und Mord war es, wie ich Ihnen beweisen werde, brutaler, hinterlistiger, überlegter Mord. Ich merkte mir den Pfiff und zog mich, von ihr ungesehen, zurück. Als sie die Thiere verlassen hatte, schritt ich an den Käfig heran und gebrauchte denselben Pfiff. Kaum hörte dies der Panther, als er wuthbrüllend und fauchend gegen mich sprang. Sie mußte etwas vergessen oder gehört haben, daß ich im Circus sei, denn sie kam zurück, und als sie mich den Pfiff probiren hörte, lachte sie laut auf und meinte: „Monsieur probirt meine Trics." Ich antwortete ceremoniell: „Ich wäre Madame sehr dankbar, wenn Sie mir die Ehre geben würde, mich bei einer Flasche Weines in die Geheimnisse dieses Trics einzuweihen." Si- sagte unter der Bedingung zu, daß ich zu diesem Tete-ä-t6te den Director und dessen Frau hinzuziehen würde. Ich ermöglichte dieses, und so speiste ich denn nach genau acht Wochen zum ersten Mal wieder mit meiner Frau. Wir kamen uns wie Fremde vor, und Jeder von uns hatte das Gefühl, daß er Comödie spiele. Auf dem Heimwege versuchte ich eine Aussprache. Consuela hörte mich schweigend an, doch als ich sie meiner Rohheit wegen um Verzeihung bat, da leuchtete der alte Zorn aus ihren Augen, und mit bebender Stimme sagte sie: „Ich kann nicht lieben und verzeihen, wo ich noch glühend hasse. Sie wissen nicht, was ich erduldet, was Sie mir thaten. Früher sah ich einmal, wie ein verrohter Clown sein Weib bestialisch prügelte. Als ich dies sah, sühlte ich mich in meiner Frauenehre mitbeleidigt, und damals schwur ich, excentrisch wie ich einmal bin, den Mann zu morden, der mir gleiche Schmach zufügen würde. Lassen Sie mich, noch schmerzt die Wunde, die Sie meinem Stolze und meiner Ehre schlugen, und wenn Sie mich nicht wahnsinnig machen wollen, Don Alonso, so sprechen Sie nicht mehr davon, erinnern Sie mich nicht mehr daran. Noch bin ich nicht erbärmlich genug, um zu vergessen." Ich antwortete erregt, daß ich den Tod einer solchen Ehe vorziehen würde. Sie hatte keine Erwiderung darauf. Und dies trotzige, verletzende Schweigen erbitterte mich so sehr, daß ich ihr die Trennung unserer Ehe vorschlug. Ich sah an ihrem Erbleichen, an ihrem Erschauern, daß ich ihrem Stolz die zweite tödtliche Wunde geschlagen habe. Mich reute das schnelle, verletzende Wort, aber es war zu spät. Consuela winkte einem vorüberfahrenden Fiaker und stieg, sich stolz mit kaum merklichem Kopfneigen von mir verabschiedend, in das Coups. Ich schritt wie ein Trunkener, Alles um mich her vergessend, davon, in ein Weinrestaurant hinein, in dem ich eine mir bekannte lnstige Gesellschaft wußte, und betrank mich. Und das ging so einige Wochen Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ich kam stets in der Frühe nach Hause. Ich verachtete mich selbst und ich ahnte, daß auch sie es that. Eines Morgens ging ich noch halb angetrunken in den Käfig, in meiner Verbitterung brutalisirte ich die Bestien. In diesem Augenblick war mir, als erschiene mir meine Frau im Dunkel des Manögeganges mit haßerfülltem, entstelltem Antlitz, und statt der schwarzen Locken trug sie den Haarschmuck der Gorgone, zischelnde Schlangen. War es Wirklichkeit, war es visionär — entsetzt starrte ich die Erscheinung an und verlor dabei die Macht über die mich fletschend umgebenden Bestien. Da ertönte, ich weiß es noch wie heute, ich könnte darauf schwören, jener entsetzliche, scharfe, fast zischelnde Pfiff. Und in mächtigem Satz sprang mich der Panther von der Seite an, sein furchtbares Gebiß mir in Arm und Schulter schlagend. Brüllend umkreisten mich die anderen Thiere. Mit übermenschlicher Kraft, und ich bin ein Riese an Muskelkraft, preßte ich der wahnsinnigen Schmerzen ungeachtet die zierliche, glatte Bestie an das Gitterwerk des Käfigs und drückte ihr mit der rechten Faust, sie hing an meiner linken Seite, die Gurgel zu. Mein Wärter- — 438 — personal eilte mir zu Hilfe, trennte mich durch ein Spielgitter von den übrigen Bestien, die Miene machten, über mich herzufallen. Von allen Seiten mit Picken und Eisenstangen angestoßen, ließ die Bestie los und flüchtete verwundet in eine Ecke. Ich hatte noch die Kraft, mich aus dem Käfig zu retten. Ich stützte mich auf meinen Burschen. Wie war ich zugerichtet. Halb ohnmächtig hing ich in den Armen meiner Retter. In diesem Augenblick erschien mein Weib, strahlend schön in ihrem sommerlichen Kleid, in der Manege. Erschreckt eilte sie auf mich zu, doch ich wehrte ihr und schleuderte ihr die Worte zu: „Dein Rachewerk ist Dir gelungen, gleißende Schlange. Geh' mir aus den Augen . . . fort, fort!" Sie faßte mich scharf, todtenbleich in's Auge- da schwanden mir die Sinne . . ." Aufseufzend unterbrach Don Alonso seine Erzählung und ein quälendes Nervenzucken entstellte minutenlang sein bleiches, interessantes Gesicht. Ich gewährte ihm Ruhe, aber ich hatte mich entschlossen, die Erzählung des Unglücklichen noch heute zu Ende zu hören, um ihn als Freund freizusprechen von Schuld und Sühne- war mir doch schon jetzt klar, daß mein Client unschuldig an dem Tode seiner Frau und daß der Mord ein eingebildeter war, der von keinem irdischen Richter jemals erwiesen werden könnte. V. „Ich weiß nicht, wie lange ich bewußtlos lag," fuhr mein Client nach einer Pause in seiner Erzählung fort. „Ich fand mich im Krankenhaufe wieder. Man hatte an mir herumgedoctert mit Messer und Nadel. Ich war verkleistert wie ein Papierdrache und sah aus wie ein Wickelkind. Die Schmerzen achtete ich gering - ich dachte blos Uber mein Geschick nach und war bestrebt, gerecht zu sein. In qualvollen schlaflosen Nächten überlegte ich Alles, ich ließ jede Kleinigkeit Revue passiren, und immer war das furchtbare Faeit, der Schluß meiner Reflexionen und Prüfungen: Dein Weib hat den Panther auf dich abgerichtet. Sie erschien im Hospital, um mich zu sehen, wahrscheinlich, um sich an meinen Qualen zu weiden. Ich ließ ihr sagen, daß ich nicht bei Laune wäre, sie zu sehen. Sie kam trotzdem wieder, und wieder wies ich sie ab. Oh, mein Herr, wenn Sie wüßten, wie verbitternd ein solches Schmerzenslager ist, wie oft ich über mein Unglück und ihr Verbrechen jammerte, Sie hätten be griffen, daß ich, ohne zu hören, richtete. Ich hätte sie nicht sehen, nicht sprechen können- ich haßte sie mit aller Gluth meiner leidenschastlichen Seele und hatte keine Lust, mir eine heuchlerische Rührseene vorspielen zu lassen und meine Ueberzeugung dem Comödiantentalent einer Weiberthräne anszn- setzeu. Sie mußte mich ja aufsuchen, das war nur eonventionell. Was hätte die Welt gesagt, hätte sie es nicht gethan. Die Wittwe besucht das Grab des verstorbenen Gatten so lange, bis sie sich zu Hochzeitsschüsseln rüstet. Der Pfiff gellte mir in den Ohren und in meiner Seele gährte es fortwährend: „Sie hat dreifach schlimmeren Sinnes gegen Dich gehandelt, indem sie Dich aus eine Art zu tobten suchte, die unerreichbar ist für den irdischen Hüter der Gesetze und der Moral." Diese Stimme hatte recht, denn giebt es einen Gott, der duldet, daß sein Gewissen, das er zum Hüter und Berather in uns setzt, lügt? Nein, nein, nein! Mein Gewissen war meine Ueberzeugung und meine Ueberzeugung sprach die Wahrheit. Auf meinem Schmerzenslager hatte ich ja Zeit und Muße, über Alles nachzudenken. Der Panther war auf den Pfiff zum Angriff dressirt, das ist zweifellos. Und Con- snela hatte ihn gegen mich dressirt. Sie haßte mich und wollte sich an mir rächen für die Schmach und Unbill, die ich ihr angethan. Nach langem qualvollen Ueberlegen beschloß ich, mich durch eine Probe zu überzeugen. Nach acht Tagen theilte mir ein Bekannter, der mich besuchte, mit, daß meine Frau mit den Thieren nach Deutschland abgereift wäre. Diese Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag, aber ich hatte in der Schule des Lebens gelernt, mich zu verstellen. Und so sagte ich denn dem Freunde: „Ich weiß, ich weiß. Sie giebt dort einige Vorstellungen und trachtet, die Thiere zu verkaufen." „Das ist auch das Beste," meinte mein Freund. „Sie sind ja reich genug und haben nicht nöthlg, um des Beifalls der Menge willen die Gefahr auf« zusuchen. Der Himmel hat Sie gewarnt, genießen Sie die Lehre." Wenige Tage darauf empfing ich einen kalten, form« liefen Brief meiner Frau, in dem sie mir anheimstellte, die gerichtlichen Schritte zur Trennung unserer Ehe einzuleiten. Kein Wort der Entschuldigung, nicht ein Buchstabe, der mir irgend eine Emotion der Schreiberin verrathen hätte, jedes Wort wie gemeißelt. Dieser Bries verzögerte meine Heilung um mehrere Wochen. In dieser furchtbaren Stunde schwur ich, sie zu bestrafen, sie mit derselben Waffe zu schlagen, die sie gegen mich gebraucht hat. Ich bin Spanier und mehr wie bei jedem anderen Volke der Erde gilt bei uns der Grundsatz: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Als ich ans dem Hospital als geheilt entlassen wurde, reifte ich sofort nach Deutschland- ich eilte, sie zu suchen, zu bestrafen, zu vernichten. In Berlin erfuhr ich ihre Adresse. Und so reiste ich denn hierher. Dreimal wohnte ich der Vorstellung bei, ohne die Probe mit dem Pfiff zu wagen, ich wußte ja, daß er ihr Tod sein würde. Am vierten Tage endlich fand ich den Muth. Ich pfiff- kaum hatte der Panther, beffen Wun« ben inzwischen geheilt waren, ben Pfiff vernommen, so stürzte er sich wüthenb auf seine Herrin. Was bann geschah, ist Ihnen ja bekannt." Ich nickte mit bem Kopse unb meinte bann: „Sw finb also ber festen Meinung, Don Alonso, baß einzig unb allein ber Pfiff bie Ursache war, baß sich ber Panther auf Ihre Frau stürzte!" „Ich bin es," entgegnete er bestimmt. „Der Pfiff war für bie Bestie bas Signal, sich auf mich unb später auf sie zu stürzen." „Ihre Meinung wirb für ben Richter nicht maßgebenb jein, vielmehr wirb jeher vernünftige Richter eher geneigt fein, an eine fixe Jbee zu glauben. Der Panther ist tobt unb Ihre Frau ist bestattet Die Zeugen unb ber Beweis einer solch' mörberischen Dressur fehlen. Man kann Ihnen nichts beweisen und bars Ihren Worten nicht glauben." Fast entsetzt starrte er mich an- mit betben Hänben wehrte er sich gegen meine Beweisführung. Er wollte ber« urtljeilt werben, zum Tobe, rief er ein über bas anbere Mal, beim bas Leben habe keinen Reiz mehr für ihn. Ich hatte Mühe, ihn zu beruhigen. Schnurstracks eilte ich aus ber Zelle zum Untersuchungsrichter, bem ich bie Erzählung bes Gefangenen preisgab. „Der Mann leidet an einer fixen Idee- ich werde ihn durch einen Irrenarzt beobachten lassen." Nach acht Tagen schon fällte der Arzt das Unheil. Der Gefangene leide an ungefährlicher Monomanie. Seine fixe Idee sei eben der Mord. Unter diesen Umstünden konnte natürlich von der Erhebung einer Anklage keine Rede seines war mir also ein Leichtes, seine Freilassung zu erwirken. Er war wie aus den Wolken gefallen, als ich ihm seine Freiheit ankündigte. Willenlos folgte er mir nach Erledigung der Entlaffungsformalitüten in ein Restaurant, wo ich ihn zu Gast lud. Ich bat ihn, seine Gedanken der Tragödie abzvwenden und dem einsamen Leben wie ein Mann die beste Seite abzugewinnen. Melancholisch lächelnd gab er mir das verlangte Versprechen. Nur halb beruhigt, trennte ich mich von ihm. Meine Besürchtungen sollten nur zu bald sich bewahrheiten. Auf dem Grabe seiner Frau fand man am nächsten Morgen die Leiche des Unglücklichen. Er hatte sich erschossen. Der Revolver lag neben ihm und in seiner Tasche fand sich ein Brief an mich vor, ber nur bie Worte enthielt: „Lieber Freund! Da die Menschen mich nicht richten können, strafe ich mich selbst. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Alonso be Melio." Ties erschüttert weinte ich bem Aermsten eine Thran? nach. . . . ________________ 436 — Kenreinnützrger. Gurken längere Zeit frisch aufzubewahren. Man wasche vollkommen gesunde, mit langem Stengel versehene Exemplare sorgfältig rein. Namentlich sehe man darauf, daß die Gurken keine Flecke haben, denn diese rühren meistens von Pilzen her, die ein schnelles Faulen herbeiführen. Nach dem Waschen trockne man die Gurken ab mib binde Faden an die Stengel. Dann bestreiche man sie sorgfältig mit flüssigem Eiweiß und hänge sie zum Trocknen auf. Das Eiweiß hält die Luft ab und macht dadurch die Gurken auf Monate haltbar. * * * Gemüse zu waschen. Man gieße in das zweite Spülwasser zwei bis drei Löffel voll Essig- dasselbe macht das Gemüse frisch und zieht die Insekten heraus. Blumenkohl lege man mit den Köpfen nach unten in die Schüssel und lasse ihn so eine gute Viertelstunde liegen. * * * Birnengelee. Birnen werden in gut ausgereisten F.üchtcn mit Zusatz von wenig Wasser so weich gekocht, daß sie mit einem Strohhalm durchstochen werden können- sodann nimmt man sie in ein Tuch und bringt sie in diesem unter eine Presse, um den Saft herauszupressen. Dieser letztere wird in flachen Kesseln an's Feuer gestellt und so lange gekocht, wobei durch fleißiges Umrühren das Anbrennen ver- hindeit werden muß, bis er nicht mehr tropft, sondern Fäden zieht. Um das Gelee zu klären, wirft man, so lange der Saft noch kocht, ungefähr einen Theelöffel boll geschlemmte Kreide auf ein Liter Saft in den Kessel. Die eingerührte Kreide erscheint nach einigen Minuten als dicker Schaum auf der Oberfläche, der sorgfältig abgeschäumt werden muß. Das fertig gekochte Gelee wird in flache Gefäße zum Abkühlen gebracht und schließlich von da aus in Gläser oder Steintöpfe gefüllt, welch' letztere luftdicht verschlossen werden. * * * Apfelgelee. Alle Sorten von Aepfeln kann man zum Gelee nehmen, süße, sauere, angefaulte, die man ausschneidet, auch sogenanntes Leseobst, das heißt das Obst, welches im Herbst täglich von den Bäumen fällt. Man wäscht die Aepfel recht sauber, schneidet sie dann auf Viertel und entfernt die Kerne, schält sie aber nicht, denn die Schale giebt eben das Aroma. Nun schüttet man die Aepfelstückchen in einen großen Topf, gießt kaltes Wasser darauf, so daß die Aepfel gerade bedeckt sind — nicht mehr — und stellt ihn des Abends über Kohlengluth oder in eine sehr warme Röhre. Wenn die Aepfel am nächsten Tage so weich sind, daß man sie leicht zerdrücken kann, thut man sie in ein grobes Leinentuch und preßt den Saft durch- nun rechnet man auf ein Liter Saft anderthalb Pfund Zucker, thut Beides in einen Tops zurück und kocht die Masse so lange, bis sie dickleimig wird und beim Erkalten ein Gelee giebt, welches auf einem kalten Teller rasch verdickt. Beim Einkochen verliere man nicht die Geduld - es dauert wohl 2 bis 21/a Stunden. * * * Die Berwerthung -er Pfirsiche. Da die Pfirsichfrüchte ihres zarten Characters halber keine Ueberwinterung vertrage», bringen wir über die sonstige Berwerthung der Pfirsiche folgendes Reecpt: Pfirsich-Marmelade. Man kocht die Früchte mit geläutertem Zuckersyrup, verreibt sie mtt einer Holzkeule und kocht sie dann zu einem dicken Mus ein, das wie andere Marmeladen aufzuheben ist. Sollte die Masse nach einigen Tagen etwas flüssiger werden, so muß mau noch nachträglich etwas einkochen. * ♦ Eingelegte Zwetschen in Honig. Schöne große Zwetschen hält man in einem Siebe einen Augenblick in's kochende Wasser, schält dieselben und legt sie in kaltes Wasser. Redaetinn: 8. Scheyda. — Druck und «erlag der Brühl'schen Ul Man bereitet ein Honigsiuchtwasser, indem man auf ein halbes Kilo Früchte 125 Gramm Honig und ein Liter Wasser sieden läßt und die erhaltene Flüssigkeit durch ein leinenes Tuch filtrirt. Weiter bedarf man geläuterten Honig. Man mische für diesen Zweck einen Theil Wasser und zwei Theile Honig, bringe Beides in einem kupfernen oder irdenen Gefäße zum Kochen, filtrire es einige Male und so lange durch feuchte Leinentücher, bis die Masse klar abläuft. Hieraus legt man die Zwetschen 5 Minuten in kochendes Wasser, giebt dann auf 1 Kilo geschälte Zwetschen 125 Gramm geläuterten Hon'g und ein halbes Liter Zwetschen-Fruchtwasser in ein Kochgesäß, läßt einige Male aufkochen, füllt Zwetschen und Last so in die Einmachgläser, daß erstere bedeckt sind, verschließt die Gläser luftdicht und hebt sie an einem kühlen, trockenen Orte bis zum Gebrauche auf. * * * Trüffel. Zeit der Bereitung anderthalb Stunden. 5 Personen. Etwa ‘/2 Kilogr. der kostbaren Trüffeln werden sorgfältig gewaschen und gebürstet, dann gut abgespült und auf einem reinen Tuch abgetropft, bevor man sie dünn abschält. (Die Trüffelschalen werden gewiegt als feine Würze für Farcen benutzt.) Jede Trüffel hüllt man in ein mit Butter bestrichenes Papier, legt sie so in einen Dampfkochtopf, dessen unteren Behälter man mit einem halben Liter kräftiger Bouillon aus 10 Gr. Liebigs Fleisch-Extract füllt, und dünstet sie weich. Man nimmt die Trüffeln aus dem Papier und richtet sie bergartig auf einer Serviette an. Der Rest der Bouillon ist trefflich zur Bereitung feiner Saucen. Hrrnrsristifches. Auch eine Zwangslage. „. . . Herr Redacteur haben dem Dichter Reimschmied nun doch Ihre Tochter zur Frau gegeben?" — „Ja! ließe ich ihn unglücklich lieben, so würde er mir noch mehr Gedichte einschicken!" * * * Zeitgemäß. A. (die Photographie seines Freundes und dessen Braut betrachtend): „. . . Mir gefällt nur nicht, daß Du an einem Ende des Tisches sitzest und Deine Braut am anderen!" — B.: „Diese Stellung ist eben meine Erfindung! Geht die Verlobung zurück, so schneiden wir die Photographie einfach auseinander, und jedes behält seinenTheil!" * * * Zerstreut. A. (zum Herrn Professor, der sich mit feiner Tochter in einer Gesellschaft befindet): „Ist die Dame Ihre Frau?" — Professor: „O nein, das ist die Frau von meinem Schwiegersohn!" * * Vom Kasernenhof. Sergeant: „Junge, wie Sic heut' wieder schmierig aussehen! Auf Sie tränke sogar ein Menschenfresser 'n Cognac!" — Unteroffizier (zum Einjährigen, Mediciirer, dem das Griffe-Ueben sehr schwer fällt): „Ja, ja, Einjähriger, hier ist's nicht wie in der Anatomie, hier heißt's die Knochen zusammennehmen." * * * Fataler Doppelsinn. A.: „Du kennst doch den Kaufmann Schnippfer?" — B.: „Ob ich den kenne! Ohne Zweifel ist er ein gewiegter Geschäftsmann!" — A.: „'Sein Geschäftsumsatz soll ein bedeutender fein." — B.: „Gewiß, man sagt, er betrüge täglich Tausende!" * * * Bei der Audienz. „. . . . Ihr Geburtsort, Herr Bürgermeister, liegt also unmittelbar an unserer Grenze?" — „Zu dienen, Hoheit! Ich bin dem Himmel dafür unendlich dankbar — denn wie leicht hätt' ich auf der anderen Seite geboren werden können!" i-Buch- und Sieindruckcrci (Pietsch & Scheyda) in Gießen.