Das Kind der Tänzerin. Roman ans dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. ------- (Nachdruck verboten.) 1. Capitel. Ein ehelicher Sturm. Es war ein kleines, unfreundliches Zimmer, vier Treppen hoch, in einer der Nebenstraßen der Avenues,- eine der vielen Zellen in einem überfüllten Bienenstöcke, das heißt in einem sogenannten Miethhause New-Uorks. Nur ein einziges Fenster gestattete dem Tageslicht Zutritt in dieses Gemach, und die Aussicht, die man von diesem Raume aus genoß, beschränkte sich auf Hinterhöfe und kahle Backstein - Mauern, sowie auf die Dächer niedriger Schuppen, die, mit langen Reihen gefrorener Wäschestücke behangen, von sämmtlichen Katzen der Umgegend als Versammlungsplätze benutzt wurden. Die Thür führte auf einen engen Treppenabsatz, auf welchem die Füße der kommenden und gehenden Miether dumpf dröhnten. Wie jeder Mensch, so hat auch jedes Zimmer, sei es auch noch so bescheiden, sein eigenes Gepräge. In dem Gemach, von dem hier die Rede ist, waren Unordnung und Unbehaglichkeit die herrschenden Züge. Ein Kohlenfeuer, das in einem eisernen Ofen brannte, erwärmte die eisige Atmosphäre. Der wollene Teppich war voller Löcher und bildete gefährliche Fallen für unvorsichtige Füße. In einer Ecke stand eine Wiege, aus der von Zeit zu Zeit das Aechzen eines kranken Kindes hervordrang/ in einem andern befand sich einTisch, aus dem leere Sodawasserflaschen, Cigarrenstummel, Puder und Schminke, falsche Perlen und unechte Schmucksachen, Kinder-Syrup und Ueberreste von Butterbroden in buntestem Durcheinander umherlagen. Das Sopha und die ArrrSta- tat 18. Rar. 18975 HTTJIbTü H 11 •vn«; w ; * W wegs Mbit ie wahre Freundschaft kann nur dann Für lange Zeit gedeihen, Wenn sich der Freund daran gewöhnt, Beständig zu verzeihen. M Schwimmt stolz Dein Schiff auf Glückeswellen, Verschmäh' die Hand nicht, die ein Aerm'rer reicht, Bedenk', Dein stolzes Schiff kann leicht zerschellen, Dann rettet Dich ein kleines Boot vielleicht. A. Roderich. Stühle, mit fadenscheinigem Roßhaar überzogen, waren mit weiblichen Kleidungsstücken, Bändern, Pantoffeln, kurzen, phantastisch aufgeputzten Frauenröcken, wohlfeilen Armspangen und Ringen,, sowie künstlichen Blumen beladen. Ein halbfertiges Bühnen-Costüm, in dessen luftigen weißen Falten die Nadel noch steckte, hing von der Sophalehne auf den abgenutzten Teppich herab. Auf das Auge eines ordnungsliebenden Beobachters mußte dieses Zimmer einen entschieden unangenehmen Eindruck ausüben. Die Herrin desselben stand in diesem Augenblick vor einem alten Spiegel, der sich von der Wand vornüber neigte und ihre ganz kleine Gestalt zurückstrahlte — eine so hübsche Gestalt, daß man bei deren Anblick gern alle ihre Mängel vergaß, und davon besaß Iris Greylock ein gutes Theil. Sie war eine reizende kleine Brünette mit großen, schmachtenden schwarzen Augen, perlfarbigem Teint und weichen dunklen Haaren, die gleich denen eines Kindes in natürlichen Locken ihren anmuthigen Kopf umwallten. Sie hatte einen kleinen rochen Mund, der indessen bei der geringsten Veranlassung einen schmollenden Ausdruck annehmen konnte, ein schwaches Kinn mit Grübchen und eine merkwürdig schlanke Figur. Bei dem Publikum war dieses junge Geschöpf als „Sylphide", Ballet-Tänzerin in einem Theater zweiter Klasse, bekannt- im Privatleben war sie Gattin und Mutter, ein Weib, das, wie sie sagte, viel zu leiden und zu dulden hatte. „Trallala!" summte sie, indem sie ihren nicht eben sehr- sauberen Rock vorn ein wenig in die Höhe zog und em allerliebstes Füßchen zum Vorschein brachte. „Trallala!" Mit diesem Gesumme betrachtete die jugendliche Gestalt ihr reizendes Bild im Spiegel. „Ob ich wohl heute Abend wieder Bouquets erhalten werde? Ob er wohl wieder in der Loge zur Rechten sitzen, seinen Operngucker nur auf mich richten und die übrigen Tänzerinnen dadurch mit Neid und Eifersucht erfüllen wird? Nun, es ist wahr, ich bin hübsch und will auch bewundert sein! Was wäre mir das Leben ohne Bewunderung? Wenn man vier Treppen hoch wohnt und den unausstehlichsten Mann zum Gatten hat, so wäre diese Welt eine Hölle, wenn nicht das Ballet und die Lichter, die Musik und die Huldigungen der Bewunderer einigermaßen Ersatz für die vielen Entbehrungen böten." Ein klägliches Geschrei aus der Wiege ließ sich vernehmen, allein Iris achtete nicht darauf. Die Stimme ihres eigenen Kindes war das Letzte auf Erden, was sie zu rühren vermochte. Noch einen Augenblick blieb sie vor dem alten, zersprungenen Spiegel stehen, dann begann sie plötzlich, auf - 226 — andere Dinge. Ich tanze nicht blos zum Vergnügen. Du wirst Dich erinnern, Robert, daß Du in letzter Zeit sehr wenig zu unserem Unterhalt beigetragen hast." Der junge Mann wurde über und über roth. „Dies rst leider nur zu wahr,- zugestehen mußt Du aber, daß ich mir alle mögliche Mühe gegeben, eine Stellung zu erhalten; ich habe, wie es scheint, keine Anlagen zum Schriftsteller; ch werde mich aus einem neuen Gebiete versuchen- vielleicht jabe ich besseren Erfolg als Lastträger oder als Aufwärter rn einem billigen Restaurant. Was ich heute von Herzen bedauere, ist, daß ich ohne feste Stellung die Thorheit beging, mich zu verheirathen." Iris erwiderte hieraus keine Silbe und ein peinliches Schweigen trat ein. Der junge Mann näherte sich der Wiege und nahm die Decke von dem abgemagerten Gesicht des kranken Kindes hinweg. Die Kleine lag in einer Art Betäubung- ihr Aechzen hatte aufgehört. Die winzige Gestalt bestand nur noch aus Haut und Knochen- die Fingerchen der kleinen Hände ruhten matt auf der Decke - die kleinen Wimpern verhüllten die eingesunkenen Augen gänzlich. Die Stunden dieses kurzen Lebens waren offenbar gezählt. Robert Greylock blickte düster brütend auf sein Kind nieder. „Armes Ding!" rief er endlich aus, „es ist vielleicht gut so - für Robert Greylocks Tochter hätte das Glück doch nie geblüht. Es ist am besten für Dich, Du armes Würmchen, daß Du so früh aus dieser traurigen Welt scheidest." Der Unglückliche ließ seine Blicke in dem ärmlichen, unbehaglichen Zimmer umherwandern und dann auf der Gattin ruhen. „Gerechter Himmel! Was verlangst Du denn eigentlich von mir?" rief die Tänzerin unwirsch aus- „erwartest Du etwa, daß ich nicht nur das zu Deinem und meinem Unterhalte nnthwendige Geld verdiene, sondern obendrein noch alle meine Kraft diesem hoffnungslosen Wesen widmen soll? Ich hasse kleine Kinder — ihr Schreien ist mir unerträglich! — Du hast gewiß getrunken, Robert, sonst würdest Du Dich nicht in dieser Weise betragen!" Sie boten einen merkwürdigen Anblick, diese jugendlichen Gatten, wie sie einander in dem ärmlichen Zimmer, an der Wiege des sterbenden Kindes gegenüberstanden. Er, der Blonde, mit seinem geistvollen Gesichte, aber ein leibhastiges Bild des Unglücks — eines verfehlten Daseins — sie, die hübsche Brünette, mit dem herausfordernden Trotze in den Zügen, der ihren festen Entschluß, ihren eigenen Weg zu wandeln, deutlich bedeutete. „Nein," antwortete er langsam, „ich habe nicht getrunken — es ist nicht meine Art und Weise, meinen Kummer dadurch zu betäuben. Ich habe noch ein anderes Wort mit Dir zu sprechen. Iris, Du warst gestern Nacht, nachdem das Theater aus war, mit den übrigen Mädchen vom Ballet bei einem Austern-Souper, und jener Bursche Kenyon war auch dort." „Nun — was liegt daran?" fragte sie verstockt- „er ist ja bei allen unseren Soupers." „Ich kann mir's denken," erwiderte er und fuhr dann in drohendem Tone fort: „Hüte Dich- reize mich nicht zu sehr — ich bin nicht der Mann, der geduldig Alles über M ergehen läßt! Und nun höre mich an, Iris : 9$ y 6 mehr als genug von Arthur Kenyon und Deinen übrigen Genossen gesehen und gehört- wir müssen unserem IeW„ Leben den Rücken wenden und ein neues beginnen- es leider nur zu wahrscheinlich, daß unser Kind dem Tode ve- sallen ist, allein wir haben einander noch- — wir wolle gemeinsam einen neuen Psad betreten." „ Iris riß ihre schönen Augen weit auf. //3a/_ , widerte sie, „wir haben einander noch- leider aber tp; ein Besitz, den, wie es scheint, Keines von uns zu . fW„„ weiß. Und was verstehst Du unter einem neuen Leven „Es sind mir recht günstige Aussichten auf einer ung; ihr fftand nur er kleinen rpern ver- Stunden sein Kind s ist viel- das Glück Du armes igen Welt ärmlichen, aus der r eigentlich oartest Du wm Unter- i noch alle soll? Ich rerträglich! est Du Dich ugendlichen er, an der Er, der leibhaftiges — sie, die >tze in den m Weg zu : nicht ge- ^en Kummer ! Wort mit It, nachdem vom Ballet kenhon war cstockt/ „er fuhr dann ch nicht zu es über sich Ich habe ,en übrigen :em jetzige« nen; es ist t Tode ver- wir wollen er- ber ist das zu schätzen en Leben? einer Schaß die Marei?" betrifft, so ist sie meinem Vater gegenüber nur eine Null. Ich habe mich bereits an sie gewandt, jedoch vergebens. Ohne Zweifel verbietet mein Vater ihr jeden Verkehr mit dem verlorenen Sohne, und sie wagt es nicht, seinem Verbote zu trotzen. Sein Wille gilt der armen, sanften Frau als Gesetz. Ich setze fortan meine Hoffnung nur auf mich selbst/ ich will ringen und streben/ ich will auf eigenen Füßen stehen oder zu Grunde gehen." (Fortsetzung folgt.) mal tief und gründlich nach. 's ist ein argsauer Apfel, in den er beißen muß. — Sein Vater hat freilich gemeint, er hätt' sich die Marei gründlich angeschaut, — aber das ist gar net wahr. — Sie ist aus einem ordentlichen Haus und kein unebenes Mädel, und wenn 's denn durchaus eine sein soll, kann's die gerade so gut, wie eine Andere. Weiter hat er net gedacht. — Aber jetzt denkt er ernsthaft darüber nach, wie schön es doch sein möcht', wenn er sich so recht verlieben könnt, und seinen „Und die Marei?" „Na, die Marei! Aufgetischt hat sie, Schmke und Wurst, Geselchtes und Käs'. Aber unser Schinken ist zarter und unser Käs saftiger. Ja, ja." „Na, und sonst?" „Und sonst? — Heut' Abend gehst mal hm, — nach dem Abendläuten. — Die Sach' muß doch ihren Schick haben. — Paßt sich grad gut, heute auf den Samstag Abend." „Heut Abend." — Der Toni seufzt noch mehr, und spürt das Kribbeln noch viel deutlicher. Und dann schleicht er in den Garten, hinter den Bienenstand und denkt noch züchterei in Colorado gemacht worden,- ein neues Land ist der Platz für einen Mann, wie ich bin. Es ist nutzlos, länger hier zu bleiben und auf meines Vaters Verzeihung zu warten/ er wird es mir nie vergessen, daß ich ihm Trotz bot, er wird Dich niemals als seine Tochter aufnehmen. Wir wüffen daher alle Hoffnungen, ihn dereinst zu beerben, für immer entsagen und uns entschließen, unser Glück selbst zu begründen. Sicherlich sollte es uns möglich sein, die begangenen Jrrthümer wieder gut zu machen/ nicht wahr, Iris?" Bestürzung, Zorn, Abscheu kämpften in den Zügen der Tänzerin um die Oberhand/ sie trat einen Schritt zurück und rief: „Ich soll nach Colorado! Niemals! Warum nicht lieber nach den Fidschi-Inseln? Eher wollte ich sterben, als dorthin gehen!" „Iris! — Bedenke, was Du sagst!" flehte Robert innig/ „es ist meine einzige Hoffnung." Wie ein ungezogenes Kind stampfte sie auf den Boden und rief: „Ich gehe nicht nach Colorado — ich trenne mich nicht von der Bühne!" „Du willst mir nicht die Gemüthsruhe verschaffen, die nöthig ist, um mich emporzuarbeiten, Iris?" fragte er in bittendem Tone. „Ich will die Bühne nicht verlassen!" wiederholte sie mit Heftigkeit/ „Du sollst mir nicht Alles rauben, was ich habe. Um Deinetwillen habe ich schon gerade genug geopfert!" „Was hast Du denn um meinetwillen geopfert?" fragte Robert ernst. Iris war furchtbar aufgeregt/ ihre großen schwarzen Augen flammten vor Zorn. „Erstens mein Glück — zweitens meinen Frieden!" rief sie. „Ich war glücklich, ehe ich Dich kannte, ich wollte, ich hätte Dich nie gesehen! Versprachst Du mir nicht, mich zu Rang und Reichthum zu erheben? Sagtest Du mir nicht, Dein Vater würde Dir Deinen Ungehorsam verzeihen? Wie schändlich wurde ich hintergangen! Achtzehn lange Monate warteten wir in diesem elenden Hause auf seinen Segen — und sein Geld/ jetzt giebst Du selbst zu, daß uns weder das Eine, noch das Andere je zu Theil werden wird. Ich hätte eine brillante Partie machen, einen Mann heirathen können, der selbst Geld besaß und nicht wie ein Junge von den Launen eines hoch- müthigen Vaters abhängig war." „Vielleicht Arthur Kenhon?" höhnte Robert. „Jawohl," erwiderte Iris mit unbedachter Offenheit, „Arthur Kenhon!" Ein unheimlicher Blitz schoß aus Robert Grehlocks Auge/ allein er suchte sich zu beherrschen und antwortete mit möglichster Ruhe: „Ich gebe die Wahrheit Deiner letzten Bemerkung zu, gestatte mir indessen, vorzusühren, , was ich um Deinetwillen verloren habe: Freunde, Heimath, eine glänzende Zukunft, Vaterhaus, eine geachtete gesellschaftliche Stellung, und was der Kleinigkeiten mehr sind. Du solltest dies nicht außer Acht lassen, wenn Du mir die von Dir gebrachten Opfer herzählst." Iris warf sich auf das Sopha, ohne der Röcke, Bänder und künstlichen Blumen zu achten, die darauf lagen. „Warum hast Du mich geheirathet, Robert? stieß sie unter Schluchzen hervor. „Es war ein entsetzlicher Mißgriff! Du lerntest mich verachten, und ich — ich — verabscheue Dich! Unsere trostlose Armuth allein reicht hin, dieses Leben unerträglich zu machen. Warum schreibst Du nicht noch einmal an Deinen Vater, oder an Deine Tante Pamela, deren Liebling Du als Knabe warst? Sie könnte ihn vielleicht bewegen, uns ein anständiges Auskommen zu sichern/ Scenen dieser Art hatten sich während der achtzehn Monate des ehelichen Zusammenlebens der beiden jungen Leute sehr ost abgespielt. Beim Anblick der Thränen begannen die strengen Züge Roberts milder zu werden. „Meine Selbstachtung verbietet es mir, mich abermals an meinen Vater zu wenden," sagte er in sanfterem Tone/ „er hat mir meine letzten Briefe uneröffnet zurückgeschickt. Und was meine Tante Pamela anEine Freiergeschichte von L. Bürkner. (Schluß.) Der Alte der schmunzelt: „Siehst' mein Toni, man muß eine Sach' nur richtig überlegen. — So ein Hos ist keine taube Nuß, gelt? Und wenn nu soll geheirath' werden, da wirst Dir wohl auch Eine ausgesucht haben." Der Toni ist ordentlich roth geworden und kaut an seinem Schnauzer. — Wenn's denn sein soll, denn auch gleich eine Saubere. — Die Schulzenmarei stünd' mir scho' an." Der Rosenhofer.grient ordentlich: „Schau, schau der Toni. — Hab gemeint, Du könntest ein Mädel gar net ordentlich anschauen. — Das scheint aber doch net so zu sein. — Die Marei stünd' mir auch an. Und morgenden Tages mach ich die Geschicht' ab mit 'm Schulzenbauern." „Vater, wenn's nur erst überstanden wär'," — seufzt der Toni, — „die Marei das ist gar eine Zungenfertige." „Na," lacht der Rosenhofer, „da ist's mal bei Euch umgekehrt, da kann sie die Red' thun." Anderen Morgens macht sich der Rosenhofer auf zum Schulzenbauer. Dem Toni ist's angst und bange während ber Zeit. — Es würgt ihn was am Hals, trotzdem er keinen Kragen an hat. — Und so sonderbar beklommen ist ihm, so warm und kalt und kribbelt ihm die Brust herauf und gar in den Fingern und Füßen. Nach zwei Stunden kommt der Rosenhofer zurück. — Der Toni geht ihm schon ein Stück Wegs entgegen. „Uff," stöhnt der Rosenhofer und trocknet sich die Stirn ab, — „das wär abgemacht. — Aber lieber drei Tag dreschen, als eine Heirath zurecht bringen." „Warum?" fragt der Toni ärgerlich, „haben sie net gewollt?" „Net gewollt? — Was werden sie net wollen! Innerlich gehüppt ist der Schulz vor Freud, — und so wird's die Marei wohl auch gemacht haben. — Wär auch net anders möglich, wenn der Rosenhofer als Freier kommt. — Aber ein Geizkragen ist er, ein zäher. — Um jede Kuh hat er gehandelt, wie ein Pferdejud, und um jede Doppelkron', die er rausrücken muß. — Der Knickser, der." Z2S s Schatz auf den schönen stolzen Hof führen. — Aber das giebts nun einmal net für ihn, scheints." Am Abend hat sich der Toni auf's Schönste herausgeputzt. — aß heißt, er ist nicht im besten Staat, — Gott be- wahre, nur in seinem besseren Alltagszeug, so wie es für bk Gelegenheit sein muß. — Aber kein Fleckchen und kein Stäubchen ist an ihm zu sehen, im Knopfloch sitzt eine brenn- rothe Nelke, und der Schnauzer starrt in zwei strammen Spitzen in die Höhe. — So ist er aufs Beste geputzt zur Freierei. Der Vater nickte stolz und befriedigt. „Die Marei kann sich wahrhaftig gradelir'n. So ein Hof, und so ein sauberer Bursch. — Nu mach mir nur keine Geschichten mit Schenirlichkeit. Das wär' eine schöne Blamasch." „Vater," seufzt der Tont, — „'s ist mir ganz schlecht zu Muth. — Sagt mir blos mal, wie soll ich denn die Sach' anfangen? Ich weiß es wahrhaftig net. Was soll ich denn reden?" „Was sich blos unser Herrgott gedacht hat, wie er Dich mir geschickt hat," bricht der Rosenhofer los. — „So einen Dummrian giebts net mehr! Und der Bub will sonst so gescheid sein. — Was wirst viel reden. — Jetzt ist sieben Uhr rüber, — wenn Du runter kommst, — wirst die Marei wohl antreffen- wie sie die Sonntagsschuh wichst. — Das thun doch die hoffärtigen Mädeln all' um die Zeit, damit am Kirchgang die Buben nur ja die Fuß' bewundern können. — Na, da sagst halt: „Bist Du am Wichsen," dann kriegst Du ein’ Antwort und das Gespräch ist angefangen. — Das ist doch die simpelste Sach' von der Welt. — Jetzt schiebst ab, und daß Du mir kein' Dummheiten machst, sonst kriegst's mit mir zu thun." Der Toni macht sich langsam auf den Weg. Das Herz wird ihm immer schwerer, und der Schritt immer langsamer, je näher er seinem Ziele kommt. — Zwar, um den Gesprächsanfang braucht ihm nicht bange zu sein, denn auf den Haustreppen sitzen überall wirklich die Mädchen, eifrig die Sonntagsschuh bearbeitend, deren oft schon eine lange Reihe spiegelblank dasteht. — Und beinahe neben jeder ein schäkernder Bursche, der die günstige Gelegenheit benutzt, eine ungestörte Stunde zu plaudern. So ein .Samstagabend beim Schuhwichsen, das ist gerade so, tote eine Gesellschaft bei den Stadtleuten, nur, daß auf dem Dorf die Sache viel lustiger und ungestörter hergeht. Aber der Toni geht Schritt für Schritt. Ja, die haben's gut, die da zusammen plauschen- haben sich lieb, sagen sich lauter Lieb's und Gut's und die Mädeln kichern all's fort. — Man sieht's ordentlich, wie gern sie sich haben. Ob die Marei ihn auch mal gern haben wird, und er sie? — Und beinahe wär der Toni umgekehrt. — Aber der Vater, die Rosel und der schöne Hof fallen ihm ein, und so giebt er sich einen Ruck, und biegt um die Ecke und steht gerade vor des Schulzenbauern Hof. — Aber o Schrecken, die Treppe ist leer. — Die Marei wichst keine Schuhe heut' Abend, sie wartet sicherlich in der Stube feierlich auf seinen Besuch. — Da verschwindet auch schon ein auslugendes Gesicht vom Fenster, — er ist gesehen worden, zurück kann er nit mehr, — und während er spürt, wie es ihm im Halse würgt und tote ihm das Blut in den Kopf geht, poltert er die Hausthür hinein, stößt die Stubenthür auf, sieht undeutlich ein paar Menschen um den Tisch sitzen und stottert so ein halbersticktes: „Gu'n Abend." „Gu'n Abend auch." Dann ist's wieder ganz still. Und in Heller Verzweiflung stößt der Toni heraus: „Seid ihr am Schuh-Wichsen?" Ein Paar Löffel, die gerade an den Mund geführt werden sollen, klirren auf die Teller. Ein klein Bischen ist's noch still, aber dann brichts los: „Na, wir sind am Essen," ruft die Marei mit vor Lachen kreischender Stimme, und dann poltern sie Alle: „Ha, ha, ha, ob m'r am Schuhwichsen sind: — Na so was, — na so was lebt net mehr, hi, hi, hi!" Der Toni fühlt, wie ihm ganz schlecht wird. Das ist die Blamasch, von der sein Vater geredt hat. Er weiß schon, was jetzt kommt. Sein ganzes Leben wird's man ihm nachsagen — eine Dorfgeschicht' wird's werden, wie der Rosentoni auf öie Freierei gegangen ist, und in der Stub' herausgeplatzt ist mit der Frag', ob sie am Wichsen sind. — Und im Ohr klingt ihm das höhnische Gelächter von der Marei, und er weiß, daß er das Mädel, was ihn so auslachen und verspotten kann, net heirathen kann, — nein, net für Alles, und jählings dreht er sich um und tappt noch der Thürklinke. Die Marei lacht noch immer. — Der Freier ist ihr ja sicher genug, die beiden Väter haben ja Alles miteinander ausgemacht, da kann sie den dummen Toni mal recht auslachen vorher. Aber der Toni reißt die Stubenthür auf, und da hört die Marei auf zu lache«. — Das wäre ein schlechter Spaß, wenn er kopfscheu würde. — Und sie springt schon vor, den Toni zu begütigen. Aber der Toni bleibt schon von selber stehen. — Eine warme Hand hat seine heiße zitternde angesaßt, zwei liebe blaue Augen schauen ihn an, und eine sanfte Stimme sagt: „Laß sie doch lachen, die Gäns', darum muß sich bodi so ein Bub wie Du nix machen." Und die Hand dreht ihn herum, führt ihn zu einem Stuhl und drückt ihn nieder. Der Toni hat nachher seiner Frau oft erzählt, wie sic ihn am selbigen Abend auf den Stuhl gesetzt habe, sei ihm ganz schwarz vor den Augen gewesen- aber wie er sie dann genau angesehen habe, und sie ihm gut zugeredet, da sei ihm gewesen, als sei inwendig um sein Herz ein Band gesprungen, was darum gelegen habe. Alle seine Angst und Verschüchert- heit sei fortgeblasen gewesen, und er habe sich nicht einmal vor den bösen Augen der Marei gesürchtet, die voller Zorn und Aerger gesehen habe, was sie sich da angerichtet. — Das habe ihn Alles kein Bischen genirt, es sei ihm so wohl gewesen wie nie in seinem Leben. Um elf Uhr des Abends ist der Toni den Berg hinan nach dem Rosenhof gestiegen. — Er hat gesungen und gepfiffen, und sich manchmal umgedreht und nach dem Dach des Schulzenhauses geschaut, das er int Hellen Mondschein deutlich gesehen hat. — Oben hat sein Vater auf ihn gewartet, er hat ihn umfaßt und einen flotten Schottischen mit ihm getanzt, ohne daß der Alte sich hat wehren können. „Bub," hat er zuletzt außer Athem gerufen, „bist närrisch geworden. — Hast Alles in Ordnung gebracht, he?" „Ja, Vater, Alles in Ordnung. — Nur 'ne Kleinigkeit hab ich anders gemacht. — Daß Du's nur weißt, ich heirath' net die Marei, sondern die Kleine, die Ev." „Toni, Du hast Einen über Durst getrunken." „Na, Vater, keinen Tropfen. Die Eo ist's und heul' in sechs Wochen ist Hochzeit." „Na, mir kannst Recht sein. — Aber, tote ist das denn zugegangen? — Wie Haffs denn angefangen?" „Angefangen?" — Der Toni lacht ausgelassen. — Halt, tote Du mir gesagt hast. — Ich hab g’fragt, ob sie am Wichsen sind!" * * Auf dem Rosenhof gehts lustig zu. — Der alte Rosenhofer kann sich net beklagen. — Wenn der Nachbarstesan fünf Kinder hat, so sind auf dem Rosenhof acht, — Ems immer prächtiger als das Andere. Nur Eins verdrießt ihn manchmal! — Daß sie den Toni net den Rosenhofer nennen, sondern den „Wichser." Aber der Toni lacht dazu und sagt - „Vater, das seid Ihr ganz allein schuld." Und weil's so ist, muß der Alte schweigen. in Gießen. Redaetion: S. vcheyda. — Druck und Verlag der Lrühl'schrn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda)