Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Er aber antwortete nun doch, und ein beinahe irres Lächeln umzuckte seinen Mund, während er sprach: „Ich war es, Ina, heute und damals. Im Elend dieses Lebens bin ich zum Geist geworden, der wandelt und spricht." Sie nahm die linke Hand von seiner Schulter und legte sie ihm auf die weiße und doch brennende Stirn. „Warum das Alles, Georg?" fragte sie, aber noch immer war kein Ton des Vorwurfs in ihrer Stimme, nur ein unendliches Mitleid, das nun auch Ausdruck und Worte ge wann. „Du Armer, Armer, was mußt Du gelitten haben, ehe Du dahin kämest!" Ein sanftes Lächeln ging znm ersten Mal wieder über sein Gesicht/ er küßte sie, ohne Leidenschaft, aber mit milder Zärtlichkeit, und sagte: „Nicht mehr als Du, gewiß nicht. Nun bin ich anders geartet, und was Du von Dir werfen kannst, das drückt mich zu Boden. Aber doch meine ich auch heute, nachdem ich dem Tode so nahe ins Auge gesehen habe, daß ich nicht schwächer bin als Du, daß aber die Zartheit des Gewissens eben seine Stärke ist. Ich will Dir keinen Vorwnrf machen, Ina. Wir sind verschieden geartet und verschieden erzogen worden und wir sind, was wir wurden." Er ging einmal im Zimmer auf und nieder, dann setzte er sich auf den Sessel vor dem Schreibtisch/ und indem sie ihn so vor sich erblickte, von den weiten Falten des schwarzen Sammetgewandes umwallt, das über die Lehnen gebreitet dalag, da verstand sie mehr und mehr die Täuschung, der auch ihre Sinne zum Opfer gefallen waren. Beänstigend ähnlich 1897 Ilf'B liMi >i o MW MW WJMMU liÄliB Dinge kehren nie: Der Pfeil, der abgeschossen, Das ausgesprochene Wort, Die Tage, die verflossen. Danmer. Ist der Verstand Dir Compaß allerwiirts, Kannst sicher Du vielleicht durchs Leben reisen, — Jedoch nur in der Brust das warme Herz Kann Dir die rechte Himmelsgegend weisen. Alb. Roderich. erschien er dem Todten, und sie nahm seine Hand, die auf der Tischplatte lag, zwischen die ihren, um das Blut in seinen Adern klopfen zu fühlen. Er sah vor sich nieder und begann mit stockender Stimme, um fester und klarer zu reden, je weiter er kam. „So muß es einem Menschen zu Muthe sein, der in einen reißenden Strom fällt. So wird er fortgetrieben und kann nicht anders. Er muß gehorchen, er ist nicht mehr Herr. Dies Gefühl habe ich gehabt, als ich in den Kampf der Empfindungen und des Gewissens hineingestürzt wurde in diesem Winter. Ich habe handeln müssen, wie ich gehandelt habe. Wir hätten von einander gehen sollen gleich damals, als wir klar darüber geworden waren, was zwischen uns stand, aber Du konntest nicht mit meinen Augen sehen, und ich nicht mit Deinen. Busenius zuerst hat meine halbkranke Seele auf den Gedanken gebracht, den Geist des Verstorbenen zu rufen und ihn zu befragen. Dieser Gedanke ist mächtiger und mächtiger geworden, bis er als eine fixe Idee mein ganzes Gefühl beherrschte. Ob sie auch ihm gegenüber von ihrer Liebe nicht lassen würde? Das war es, was ich immer wieder mich fragte, bis mein Geist sich zu verwirren anfing. Wider Willen beinahe, durch einen Zufall bin ich dazu gedrängt worden, Dich selbst auf die Probe zu stellen. Ich hatte die verborgene Thür in der Wand hier entdeckt und war in dies Zimmer gekommen, das mich merkwürdig anzog. Das erste Mal war ich bei Tage hier, und Niemand hat mich bemerkt/ zum zweitenmal aber ging ich mit Licht hinein und die Leute da draußen haben mich gesehen. Erst aus ihren Reden bemerkte ich, daß sie mich für den Geist des Verstorbenen gehalten hatten. Es traf mich wie ein Schlag, daß ich nun selbst im Stande war, Dich zu prüfen. So habe ich meine Rolle gespielt und habe Dich erschreckt, um die Größe Deiner Liebe kennen zu lernen. Du bist fest geblieben, aber mir —", Er stockte einen Augenblick, fuhr mit dem Mittelfinger der rechten Hand langsam über die Platte des Schreibtisches, daß ein dunkler Streifen in der grauen Staubdecke entstand, und fuhr bann fort: „Nein, mir hat es keine Beruhigung gebracht. Das Gefühl der Sorge, der Angst vor dem Unrecht ist noch größer geworden. Ich sah, daß Du nicht von mir lassen wolltest, aber ich fühlte, daß ich nicht bleiben durfte trotz alledem. So bin ich gegangen." Sie hatte neben ihm gestanden und strich mit weicher Berührung ein paar Mal über sein Haar, während er sprach. Ihr ernstes Gesicht aber wurde zugleich immer heller, und ihre Augen begannen zu leuchten. Denn während er den Kampf seines Gewissens schilderte, erwachte in ihr immer freudvoller die Erinnerung daran, daß sie jetzt das Mittel in Händen hielt, ihn von diesen Sorgen und Qualen für immer zu befreien, daß sie wie durch ein goldenes, toetb geöffnetes Thor ihn hineinsühren konnte in ein leuchtendes Zukunftsland. Und so war auch in den Worten ihrer Entgegnung schon ein froher, beinahe muthwilliger Klang. „Du bist gegangen und hast mich allein gelassen, um da draußen eine neue Liebe zu finden." „Eine neue Liebe?" „Ich habe mir sagen lassen, daß Du Dich in eine der Musen verliebt hast und ganz im Stillen zum Dichter geworden bist." „Ina!" Es war, als hätte sie ihn mit einer scharfen, tödtlichen Waffe getroffen, so jäh zuckte er zusammen, und so wehevoll war der Ton, in dem er ihren Namen ries. Aber während sie bestürzt und besorgt zu ihm niederblickte, faßte er sich rasch, hob den Kopf empor, legte die Hand auf den Revolver und sagte: „Freilich mußt Du auch das noch wissen, um zu verstehen, was mich so weit getrieben hat, warum ich Tage und Nächte gereist bin, um noch einmal vor Deiner Thür zu stehen und Abschied von Dir zu nehmen und dann eine Ende zu machen in diesem Zimmer. Ja, Dir kann ich es gestehen, ich hatte wieder angesangen, mir Hoffnungen vorzuspiegeln und Luftschlösser zu bauen, bei Weitem nicht so herrlich, wie die anderen, die zusammengestürzt sind, aber doch schön genug, um mich zu locken und mir Freude zu verheißen. Dann sind auch sie zerstört worden. Die Leute wollen nichts von dem wissen, was ich schreibe, und sie mögen wohl recht haben. Man hat mir den Roman zurückgeschickt, in dem ich mein Bestes gegeben hatte. Nun habe ich ihn noch einmal fortgesandt, aber ohne jede Hoffnung auf Annahme, und Du solltest das Manuscript erhalten, wenn ich—" Er vollendete nicht in Worten- seine Hand, die noch immer auf dem Revolver ruhte, sprach beredt genug. Die Frau an seiner Seite hatte ihn ruhig angehört, nur zuweilen mitleidig und nachdenklich leise den Kopfe geschüttelt. „Man sollte wirklich die Geduld mit Dir verlieren, Du ungeduldiges Kind des Augenblicks!" sagte sie jetzt zwischen Trauer und Lachen. „Aber es ist ja das Unglück, daß ich Dich lieb habe, so wie Du bist, mit allen Deinen Schwächen und Fehlern, — die wahrhaftig groß genug sind!" Mit an- muthiger Bewegung setzte sie sich neben ihn auf die Seitenlehne des Sessels, legte ihm die Hand auf den Scheitel und bog stinen Kopf zurück, daß er ihr in die Augen sehen mußte. „Nun mußt Du mich ansehen," sagte sie und küßte ihn auf die Stirn. „Und jetzt gieb acht und lies in meinem Gesicht, ob ich lüge oder die Wahrheit spreche. Du hast gesagt und Du glaubst auch in diesem Augenblick noch, daß wir unwiderruflich sür immer geschieden sind, und daß Dein Ringen nach einer neuen Thätigkeit vergeblich gewesen ist. Ich aber sage Dir, daß Beides nicht wahr ist- wir dürfen glücklich sein, und auch der junge Dichter hat seinen Erfolg." „Warum quälst Du mich, Ina?" fragte er leise. „Zur Strafe, weil Du mich gequält hast," sagte sie übermüthig, „und weil ich Dir beweisen kann, daß es Glück und Hoffnung für uns Beide giebt." „Beweisen?" Der Ton seiner Stimme war noch immer traurig, „und der Glaube an ihre Rede sprach nicht ans seinen Worten. „Ja, beweisen. Aber nicht hier, drüben in meinem Zimmer. Willst Du mit mir kommen?" Nun weiteten sich seine Augen doch, wenn auch nicht in Hoffnung, so doch in gespannter Erwartung. Rasch erhob er sich und folgte ihr nach, als sie, das eine der Lichter ergreifend, hinüberging in ihre Gemächer. Ebenso eilig, wie sie den Corridor durchschritten hatte, holte sie jetzt die Schreibmappe herbei, öffnete sie und breitete im hellen Scheine der Lampe einige Papiere vor ihm aus, die er aufhob und las. Daneben stehend, beobachtete sie ihn, wie seine Hände zu zittern begannen, wie ein Kampf ihm die Brust zusammenzuziehen schien, und wie er mühsam nach Athem rang. „Ist das echt, ist das wahr?" stammelte er kaum verständlich. „Echt und wahr," sagte sie mit stolzer Freude, „so wahr ich selbst hier vor Dir stehe. Dies ist die Handschrift meines Mannes, er hat den Zettel in der Nacht seines Todes geschrieben- ich sage Dir nachher, wie ich an ihn gekommen bin. Und was diese beiden Briefe bedeuten, das siehst Du ja selbst." Nun endlich begann er zu glauben. Er ließ die Papiere auf den Tisch sinken, ergriff Inas Hände, küßte und drückte sie, um dann die Geliebte an sich zu ziehen und jubelnd zu rufen: „Ach, Ina, Ina, ist es denn möglich, daß der Mensch so glücklich sein kann?" „Möglich und wahr," sagte sie leise, jetzt mit Thränen der Freude in ihrer Stimme, und legte den Kopf an seine Schulter. Einander umschlungen haltend, gingen sie im Zimmer auf und nieder, erzählend, fragend, erklärend und immer von Neuem das Glück dieser Stunde preisend. „Und was versprichst Du mir heute?" fragte Ina scherzend. Er aber wurde ernst, blieb stehen und faßte ihre beiden Hände. „Ich verstehe Dich," sagte er beinahe feierlich. „Und ich verspreche Dir, daß ich von heute ab an das Wort glauben will: „Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden." Es ist ja wie ein Wunder, daß es so kommen konnte, wie es nun wirklich gekommen ist. Du aber hast die Hoffnung nicht verloren, und darin bist Du stärker gewesen als ich. Bon jetzt an will ich Dir darin gleichzukommen suchen, und wenn die Muthlosigkeit mich wieder überfällt — es ist nun einmal meine Natur, mich in Extremen zu bewegen — dann erinnere mich an diese Stunde, und Du sollst sehen, wie es Wunder thut." Wieder gingen sie langsam auf und ab und sprachen von Vergangenheit und Zukunft, bis sie einmal in den Erker hineintraten und durch das offengebliebene Fenster auf die still gewordene Straße und die erhellten Häuser gegenüber blickten. Ina legte ihren Arm fest um Georgs Schultern und küßte ihn. „Heute dürfen sie's sehen," sagte sie mit leisem Lachen, der neugierigen Nachbarinnen gedenkend. Und nach einem kleinen Schweigen setzte sie hinzu: „Weißt Du, was wir jetzt thun werden?" „Nun?" „Das will ich Dir sagen, wenn ich wiederkomme. Einen Augenblick mußt Du mir jetzt für Hausfrauenpflichten erlauben. Ich habe gewiß in der Küche schon eine ganze Feuersbrunst angerichtet." Mit fröhlichem Lachen eilte sie hinaus, und es schien ihm, indem er ihr nachblickte, als seien ihre Bewegungen und ihre Gestalt wieder so elastisch und frisch geworden, wie die eines jungen Mädchens. Geschickt und eilig erledigte sie, was zu thun war. In der Küche war kein Unheil geschehen- nur eine Wolke von Wasserdamps schwebte in der Luft, die Spiritusflamme war aus Mangel an Nahrung erloschen. Nun entzündete Frau Ina die Corridorlampen, löschte die Lichter, die in den verschiedenen Räumen noch brannten, und nahm Georgs Hut und Mantel mit sich, als sie sein Zimmer verließ. Auch sie selbst hatte sich bereits zum Ausgehen angekleidet, als sie wieder zu ihm hereintrat. „Nun sollst Du hören, was wir jetzt thun. Siehst Du, damals als wir so elend und verzweifelt waren, da habe» wir unser Leid immer hinausgetragen in die Natur und ihr unsere Noth geklagt. Dafür muß sie auch zuerst von unserem Glück erfahren, nicht wahr? Wir gehen einmal zusammen um den Wall und erzählen dem Frühling da draußen, daß es einen Frühling giebt, der noch schöner ist als er." Langsam war Georg wieder ans Fenster getreten und blickte zum nächtlichen, mit zitternden Lichtern erhellten Himmel empor. „Ja, komm'," sagte er. „Wir wollen nach den Sternen sehen, und ich will ihnen Abbitte thun, daß ich ihr Leuchten nicht verstanden habe." Sie löschte die Lampe, verschloß die Zimmer und leg ihren Arm in den Georgs. Dicht nebeneinander schritten - 127 — sie so die Treppe hinunter, durch die alte Wölbung hinaus, I fort aus dem Hause der Schatten, hinein in den Frühlingsabend, der mit fernher schwebendem Blüthenduft und mildem I Sternenschein sie begrüßte. Dreizehntes Capitel. Wie still und einsam es im Hause der Schatten an I diesem Abend war! Wie das lautlose Schweigen lastend und schwer auf Treppen und Gängen ruhte, wie die Flammen in den Lampen mit einem ernsten, feierlichen Glanze zu leuchten schienen, wie leises Geknister gleich unterdrücktem Seufzen Holzwerk und Mauern des alten Gebäudes zuweilen durchlief, als stöhnte es auf in der Ahnung dessen, was kommen sollte! Kein Ton einer menschlichen Stimme, kein Schritt, keine Be- I wegung, die eine Unterbrechung in diese große Stille gebracht hätten. Keine Spur von Leben, als das hastige, behutsame Hervorkommen der Mäuse aus ihren Löchern, um über die Dielen dahinzugleiten und mit schwarzen, verwunderten Augen umherzuschauen, wo jene blieben, vor denen sie zu entfliehen gewohnt waren. Zwei Zimmer nur in dem ganzen Hause waren erleuchtet, I oben im Giebel das eine, im zweiten Geschoß des hinteren Flügels das andere! Busenius und Doetor Jaksch waren die einzigen an diesem Abend, die ihre gewohnte Behausung nicht verlassen hatten. Aber auch bei ihnen war es still/ kein Ton drang heraus, die Ruhe zu stören. Sie waren allein in dem großen Gebäude, durch wenige Mauern und Stiegen getrennt, und zugleich so fern von einander wie Gute und Böse, — I oder doch nicht allein? Welch' ein Drittes war es, das aus I den Diesen der Erde emporstieg, aus ungekannten Gängen I und Thüren hervorkam, die lautlose Finsterniß lautlos durch- I schwebte, um dann in den Schein des Lichtes hineinzutreten und, von ihm geleitet, den Weg zu suchen, der in den Hinteren I Flügel zu den Gemächern des Doctors hinanführte? Doetor Jaksch war krank. Noch freilich gab er sich nicht für besiegt, noch kämpfte er mit dieser Krankheit, die sich ihm nahte, während er ihr Dasein bestritt, ihre Fortschritte leugnete und ihr mit bebenden Gliedern Widerstand leistete. Aber das Zittern des Körpers, das er nicht zu unterdrücken vermochte, die bleiche Farbe seines Gesichtes, die plötzlich hervortretenden seinen Falten in seiner Haut und die tiefen Schatten unter den Augen straften ihn Lügen, wenn er vor den Spiegel trat und von ihm ein Zeugniß der Gesundheit abzulesen versuchte. Er wollte nicht krank sein, und doch überlegte er, j seit wann er die Spuren der Krankheit schon fühlte. Gestern auf der Straße war es gewesen, als er der Praxis nachging,- da hatte er plötzlich die Empfindung gehabt, als wenn ihm der Boden unter den Füßen fortgezogen würde, und seitdem war er nicht Herr mehr über seinen Körper und seinen Geist. Er war erschrocken, wenn ein Wagen neben ihm vorüber fuhr; denn jedesmal hatte er das Gefühl gehabt, als müßte er auf den Fahrdamm hinunterstürzen, mit dem Hals gerade vor die rollenden Räder, und hatte sich ausgemalt, wie sie ihn köpften, zermalmten, dahinschleiften, um ihn dann als blutige, formlose Masse von sich zu schleudern und zurückzulassen. Der Zustand hatte sich seitdem nur verschlimmert, und mit gewaltiger Anstrengung hatte er heute seine ärztlichen Pflichten erfüllt, indem er sich heimlich fortwährend beobachtet, ob er nicht Dinge spreche, die er nicht sagen wollte. Denn jetzt hatte die Angst sich seiner bemächtigt, er könne im Fieber ausschwatzen, was ihm verderblich war, und er hatte mit gefährlichen Worten gerungen, die sich ihm auf die Lippen drängten, wie er mit der Krankheit rang, die ihm solche Worte dictirte. Nur nicht auch diesem Versuch noch erliegen, nachdem er so viel schon verspielt und verloren hatte! Einige Mittel, die ihm für seinen Zustand angebracht schienen, hatte er angewandt, aber sie waren wirkungslos geblieben, und die Krankheit hatte sich immer mehr gesteigert: Die Unsicherheit, die Schwere in allen Gliedern und, nach und nach zunehmend, die reißenden, nagenden Schmerzen, die seinen Körper durchzuckten. Mit einem Seufzer der Erleichterung hatte er die Thür hinter sich geschlossen, als er nach Hause zurückgekehrt Warin der Einsamkeit seines Zimmers hatte er Linderung und Ruhe zu finden gehofft. Aber die Krankheit kümmerte sich nicht um die Einsamkeit- sie trat neben ihn und verhöhnte ihn und bohrte ihm ihre Waffen in die wunden Glieder. Die Augen schmerzten ihn so sehr, daß er sie kaum offen zu halten vermochte. Und doch, wenn er sie schloß, lasteten wieder die Augenlider in den schmerzenden Höhlen wie scharfe, schwere Gewichte. Zuerst ging er auf und nieder, doch die Erschütterung erhöhte die Schmerzen, und er setzte sich in einen Lehnstuhl, halb abgewandt vom Lichte. Wohin er aber die Blicke richten mochte, überall fanden sie Dinge, deren Anblick ihm wehe that- wie Strahlen fuhren die Schmerzen durch seinen Kopf, um in den Zähnen, den Knochen, der Haut für einen Augenblick zu haften- sie wühlten, tanzten und zuckten durch seinen Körper. Er begann sie zu beobachten, die einzelnen zu prüfen, als könne er sie seciren und halte ein scharfgeschliffenes Messer in der Hand. Aber das Messer entglitt ihm, sprang seinen eigenen Weg, zersplitterte in eine unendliche Zahl neuer, spitziger Klingen, und jede von ihnen war ein besonderer Schmerz. Nun fing er an, mit ihnen zu sprechen, sie zu überreden, von ihm fort zu gehen- sie aber hörten nicht auf ihn, schwanden nicht, bohrten, schnitten und zerrten weiter an ihm. (Fortsetzung folgt.) GsinernirÄtziges* Vergiftung durch Oleunderduft. Ueber die Störung des Nervensystems, die durch die nächtlichen Ausathmungen von Oleanderpflanzen bei Schlafenden herbeigeführt werden können, berichtete der französische Arzt Artault de Vevey an die Pariser Gesellschaft für Biologie in einem kurzen Aufsatz. Das interessanteste an seinen Feststellungen ist die Thatsache, daß nicht nur die Oleanderblüthen, sondern auch die blüthen- losen Pflanzen eine derartige schädliche Wirkung zu üben im Stande sind. Der Arzt erzählt: Vor einiger Zeit erkrankte einem meiner Freunde ein 18jähriger junger Mann, der seit seinem fünfzehnten Jahre dort im Dienste stand. Er hatte Schwindelanfälle und litt unter großer Muskelschwäche und Kopfschmerzen, die jeden Abend abnahmen, um am folgenden Morgen sofort nach dem Erwachen, das immer schwer war, von Neuem aufzutreten. Begleiterscheinungen waren eine andauernde Blässe des Gesichts, eine weiße Zunge und Verlangsamung des Pulses. Der Arzt glaubte daher trotz des Fehlens von Fieber an eine Gehirnhautentzündung. Der Kranke wurde in sein Elternhaus geschickt, wo er sich rasch und ohne jede ärztliche Behandlung völlig erholte. Sobald er jedoch zu seinem Herrn zurückgekehrt war und sein Schlafzimmer wieder bezogen hatte, stellte sich das alte Leiden wieder ein. Schließlich kam der Arzt auf den Gedanken, daß einige Oleander, die in dem Schlafzimmer des Dieners standen, die Schuld an dem Nebel tragen könnten, und erinnerte sich dabei eines selbsterlebten Falles während seiner Studienzeit. Er hatte damals vor seinem Fenster einige Oleander stehen, die er im Herbst während kalter Nächte in das Zimmer zu nehmen pflegte und einige Mal aus Lässigkeit in seinem Schlafzimmer stehen ließ. Er erwachte dann am nächsten Morgen mit einem schweren Kopf und einem Gefühl der Müdigkeit, sodaß es ihm eine große Mühe kostete, das Bett i zu verlassen - in dem Augenblick, wo er den Fuß auf den l Boden setzen wollte, wurde er von Schwindel befallen, sodaß er taumelte. Als er nun auf die Gefährlichkeit der Oleanders aufmerksam geworden war, machte er drei Nächte hintereinander denselben Versuch, mit solchen Pflanzen in demselben Zimmer zu schlafen, jedes Mal mit demselben Erfolge. Es — 128 - ist also der Beweis geliefert, daß der Oleander, und zwar nicht nur seine Blüthen, sondern auch die Blätter durch ihre Ausdünstung eine Vergiftung des menschlichen Organismus herbeiführen können. In südlichen Gegenden, wo der Oleander häufig ist, kennt auch das Volk diese gefährliche Eigenschaft recht wohl. Von besonderem Interesse ist übrigens noch die Thatsache, daß die Ausdünstung der Blätter genau dieselbe Wirkung auf das Nervensystem ausübt, wie die der Blüthen. Daß die Theile der Pflanze selbst sämmtlich stark giftige Eigenschaften besitzen, ist dem Botaniker seit Langem bekannt. » * * Zur Herstellung guter Gartenwege hebe man dieselben auf eine Tiefe von mindestens 60 Zentimeter aus, fülle die Sohle der Wege mit einer 30 Zentimeter hohen Schicht Steinkohlenasche auf, bringe darüber etwa 20 Zentimeter groben Kies und hierauf schließlich 10 bis 15 Zentimeter feinen Gartenkies, der mit i/i Sand durchsetzt ist. * * * Petroleumlampen nnv -Kocher schnell und leicht zu reinigen. Als einfaches Mittel zur schnellen und gründlichen Reinigung der Lampen empfiehlt die „Jllustr. Zeitung f. Blechind." trockene Holzasche, mit welcher man Brenner und Glasbecken von innen und außen (ganz ohne Wasser) mit weichem Papier abreibt. Das Becken wird spiegelklar und darf nur noch mit einem trockenen Tuche nachgewischt werden. Besonders Küchenlampen und Petroleumkocher lassen sich auf diese Weise schnell vollständig säubern, da die Asche alles Petroleum aufzehrt. Zieht man zu der Arbeit ein Paar alte Handschuhe an, so bleiben die Hände ganz rein, weil das Putzen ohne Anwendung irgend einer Feuchtigkeit geschieht. Dieses Putzen mit Asche ist dem vielfach gebräuchlichen Auskochen mit Seife und Soda bei Weitem vorzuziehen, da dieses Verfahren nicht nur viel umständlicher ist, sondern mit der Z it auch die Trennung des Brenners vom Becken zur Folge hat. Die scharfe Natronlauge löst nämlich die Alaunverkittung, welche innen beide Theile verbindet, auf. * * 4- Schwarzfärben von Messirrgtheilen. Jene vollkommen glanzlosen sammetschwarzen Ueberzüge, wie man solche bei aus Messing gefertigten optischen Gegenständen häufig findet, kann man leicht auf folgende Weise Herstellen: Man wärmt die Gegenstände zunächst unter Luftabschluß bis auf circa 100° Z. an, was man am zweckmäßigsten durch Eintauchen in siedendes Wasser erreicht, wobei zugleich die Luft ferngehalten und ein Anlaufen der Metalle vermieden wird. Sobald die Gegenstände die Temperatur des Wassers angenommen haben, taucht man sie einige Sceunden in eine Lösung von Kupfer in überschüssiger Salpetersäure und hält sie sodann über Kohlenfeuer, bis die schwarze Farbe zu erscheinen beginnt. Man wiederholt das Anwärmen, Eintauchen und über Feuerhalten einige Male und reibt die Gegenstände mit in Oel getauchten Lappen sorgfältig ab, wodurch man sehr schöne gleichmäßige Ueberzüge erhält. Diese Ueberzüge, welche sehr festhaften, bestehen aus sehr fein verteiltem Kupferoxhd. Will man dem Ueberzug eine dunkelbraune Färbung ertheilen, so muß man anstatt Kupfer Wismut in starker Salpetersäure auflösen. * * * Entfernen des Rostes von Stahlgegenständen. Ist der Rost noch frisch und nicht eingefressen, so nehme man einen mit Oel befeuchteten Kork und reibe damit die verrosteten Stellen ab, wodurch sie Reinheit und Glanz zurückerhalten, ohne durch Kratzen beschädigt zu werden. Hat der Rost dagegen schon weitere Fortschritte gemacht, so empfiehlt es sich, die angerosteten Stellen mit einem Gemisch aus feinem Trippel und Schwefelblüthe, welche mit Hilfe von Olivenöl zu einem Teige geknetet werden, zu bestreichen und nach einiger Zeit mit einem weichen Leder abzureiben. Dadurch werden die betreffenden Stellen, soweit cs überhaupt möglich ist, zu ihre« ursprünglichen Aussehen zurückgebracht. * H * Der Schleier und die Sehschärfe. Die Aerzte haben offenbar dem Schleier den Krieg erklärt. Etwas spät (jm dieser Kampf begonnen, denn man weiß, daß der Schlei« durchaus keine Neuheit aus den letzten Tagen ist. Vor Kurzem machte ein Arzt darauf aufmerksam, daß der Schleier im Winter die Nasenspitzen der Damen arg gefährde. Nunmehr geht man noch weiter und macht den Schleier für eine ganze Reihe von schädlichen Erscheinungen verantwortlich, die sich bei den Damen einstellen, so für die Herabsetzung der Sehschärfe, für Kopfschmerzen, Schwindel und Uebelkeiten. Diese Zustände sollen durch die Anstrengungen hervorgerufen weiden, welche das Auge machen muß, um durch ein Hinderniß hindurchsehen zu können. Besonders sollen die jetzt so beliebten Muster mit großen Tupfen dieses Hinderniß noch verstärken. Im Allgemeinen steht die Beeinträchtigung in birectem Ver- hältniß zur Zahl und Größe der Maschen. Doppelte Fäden desMaschengewebes sind zu verwerfen. Ein einfacher Schleier ohne Zeichen und Tupfen mit großen Maschen und einfachen Fäden ist relativ am unschädlichsten. Schwache Augen sind naturgemäß eher geneigt, die üblen Folgen des Schleiertragens zu verspüren, und sollten vor Allem das Lesen durch den Schleier vermeiden. — Ob unsere Damen diese Warnung beherzigen werden? * * * Chantilly-Suppe. Ein halbes Liter Linsen stellt man in kaltem Wasser aufs Feuer und kocht sie mit einer Zwiebel, Petersilie und dem nöthigen Salze gar. Alsdann schüttet man sie durch das Sieb, worauf man das Linsenpurse in eine Kasserole bringt, nach Bedarf Fleischbrühe oder Auflösung von Liebigs Fleischextract beigießt, ein Stück Butter hinzufügt und das Ganze rasch aufwallen läßt. Man richtet diese ebenso vortreffliche wie einfache Suppe über gerösteten Brod- schnitten an. * * * Um Gier zu Schnee zn schlagen, wird jetzt in Frankreich ein ebenso einfaches als auch practisches Geräth benutzt, das diese sonst so mühselige Arbeit nicht nur in der schnellsten, sondern auch in der besten Weise ausführt. Das kleine Geräth besteht in einem oben offenen und unten geschlossenen Zylinder, der in seiner Wandung dicht über deut Boden mit kleinen Löchern versehen ist und in dem zwei übereinander an einem Draht ungeordnete, ebenfalls mit Löchern versehene runde Scheiben, ähnlich wie ein Kolben mit Kolbenstange, auf und ab bewegt werden und das Schlagen des Eiweiß zu Schnee bewirken. Das chliuderförmige Gefäß wird in eine Schüssel gesetzt, in welche das Eiweiß gebracht ist, und dann werden die durchlöcherten Scheiben mit der Drahtstange so lange auf und ab bewegt, bis man Schnee erlangt hat, was schon nach kürzester Zeit der Fall fein wird. Literarisches Verbesserung der Frauenkleidung ist das augenbnküche Schlagwort. In richtiger Erkenntniß hat die bekannte »ModtNvtU die gute Sache zu der ihren gemacht und der „Verein für Verbesserung der Frauenkleidung" hat die ausschließliche Veröffenlichung seiner Wodeu diesem Blatte übergeben. Die große Verbreitung desselben macht möglich, den Leserinnen immer neue Ueberraschungen zu bereiten, neue - dings vergrößertes Format, doppelseitig bedruckte farbige Moden-pan - ramen und statt wie bisher eines Schnittmuster-BogenS im Monat ve zwei im extragroßem Format, und mit einer Fülle von erprobten PM - Mitteln, die auch der ungeübten Hand das Schneidern zum Vergimg machen. Berliner, Wiener und'Pariser Toiletten bieten der verlocken Vorbilder genug. „Die Modenwelt", gegründet 1865, ist Nicht zu . wechseln mit den Titel-Nachahmungen „Kleine Modenwelt und » Modenwelt". Redaction: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühlfchen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m