1897« Donnerstag bett 18. Febrnnr. «Bf a ki»yi| M^WM !M ÄHl ^Mtolz, Uebermuth und Pracht währt in die Länge nicht: Wenn's Glas am hellsten scheint, fällt's auf die Erd' und bricht, Und wenn des Menschen Glück am höchsten ist gestiegen, So stürzt es unter sich und niuß zu Boden liegen. Paul Gerhardt. Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Im Augenblick jedoch galt es, nicht zu überlegen, sondern zu handeln. Ein Unglücklicher hatte für sein Kmd ihr Herz um Hilfe angerufen, und es stand bei ihr fest, daß sie diese Hilfe nicht verweigern werde. Sie nahm Tafel und Griffel und schrieb in Hast ein paar tröstende Worte. „Ihrem Kinde soll Hilfe werden. Ich selbst gehe jetzt gleich mit Ihnen und sehe nach der kleinen Kranken." Als Bäsmann das freundliche Versprechen gelesen hatte, schlug er die Hände zusammen und offenbarte seinen Dank in seiner wortlosen, jetzt mit hervorströmenden Thränen untermischten Sprache. Frau Henninger, die Hut und Mantel noch nicht abgelegt hatte, war zu dem neuen Gange schnell bereit, nachdem sie noch ein paar Mittel aus ihrer Hausapotheke und eine Flasche Wein eilig herbeigeholt hatte. Es hatte zu regnen begonnen aus einem finsteren, beinahe schwarzen Himmel, als sie die Straße betraten, und in dieser traurigen Beleuchtung erschien der rasch erreichte Eingang zu Bäsmanns düsterer Gasse noch abschreckender als sonst. Ohne Zaudern aber folgte Frau Ina dem stummen Führer in die drohende Höhlung hinein und erstieg an seiner Hand die enge, unter ihren Tritten schwankende, von keinem Licht erhellte Treppe zu der Behausung des unglücklichen Mannes. In ihrem Herzen brannte eine warme Flamme, und inmitten der tiefen Dunkelheit um sie her sandte sie ein leises, rasches Dankgebet zum Himmel, der sie gerade heute, am Tage der Trennung von dem Geliebten hierher geführt hatte. Es war ihr wie ein tröstliches, glückverheißendes Zeichen, daß sie die Zeit ihrer Einsamkeit mit einem guten Werke beginnen konnte. Eine tropfende, flackernde, tief herabgebrannte Kerze, die in den Hals einer Bierflasche gesteckt war, schuf in dem Zimmer, das sie nun betraten, ein schwaches, unsicheres Licht. Neben dem Ofen, in dem ein ersterbendes Feuer nur schwach noch glühte, war ein ärmliches Lager hergerichtet, und hier, mit einem Haufen alter Kleider bedeckt, lag Hannchens zarte, blaffe Gestalt. Frau Ina trat sogleich zu ihr heran, ergriff ihre heiße Hand und sprach freundliche Worte. Das Kind schien sie zu erkennen, aber sie versicherte sich dessen noch durch eine Frage. Hannchen nickte mit schwacher Kopfbewegung und flüsterte: „Sie sind Frau Regierungsrath, Sie sind gut, Caroline hat es mir gesagt." Mit Freude erkannte Frau Ina, daß die Kleine bei voller Besinnung war, und nun suchte sie durch vorsichtiges Forschen auch die Ursache der Krankheit zu erfahren. Gleich aber gerieth das Kind in fieberhafte Erregung. „Fragen Sie mich nicht, bitte, bitte, fragen Sie mich nicht! Seit vorgestern bin ich so krank, seit ich ihn gesehen habe, und nun steht er immer da neben mir oder an der Thür, oder erfaßt mich an. Bitte, bitte, fragen Sie mich nicht weiter." Erschüttert erhob Frau Henninger den Kopf, den sie dicht über die Kranke gebeugt hatte. Sie verstand, was diese stammelnden, zuckenden Lippen meinten, sie wußte, daß die Erscheinung, die ihren festen Sinn hatte erschüttern sollen, hier den schwachen Geist eines Kindes in seinen Tiefen hatte erbeben machen. Mit noch verdoppeltem Mitgefühl sah sie auf das elende Gelaß, in dem die beiden Menschen vegetirten, auf diese vom Alter geschwärzten Wände, auf die niedrige, lastende, von schweren Balken durchzogene Decke, auf die kleinen Fenster, zu eng und zu klein, um Licht und Luft hereinzulaffen, auch wenn da draußen anstatt diefer düsteren, armbreiten- Gasse eine freie Straße oder ein offenes Feld gewesen wäre. Der Anblick des Elends aber erzeugte in ihrem guten, durch Liebe und Schmerz noch weicher gemachten Herzen einen raschen, hilfreichen Entschluß. Mit einem Wink erbat sie sich von dem Taubstummen, der mit unruhigem Bangen jede ihrer Bewegungen verfolgt hatte, die Schreibtafel, trat zu dem ärmlichen Tische heran und schrieb in dem auf und niedersinkenden Lichte der schlechten Kerze Worte des Trostes für den Harrenden. , Ich glaube nicht, daß Hannchen sehr krank ist. Aber es fehlt ihr hier an Luft und Licht und guter Pflege. Ich will es ihr geben und sie, bis etwas Anderes sich gefunden hat, selbst zu mir in mein Haus nehmen. Sind sie damit einverstanden?" Der Taubstumme las das Geschriebene, und seine Hände zitterten vor Freude, als er seine Antwort darunter setzte. „Dank, Dank, tausend, tausend Dank! Nun Hannchen gewiß gesund. Muß hier fort. Wollte schon an Schwester schreiben, aber weit von hier. Hätte Hannchen nicht mehr gesehen, 78 wenn dorthin gegeben. Vielleicht nie mehr gesehen. Müßte dann selbst sterben. Gott segne Sie!" Frau Henninger las die Worte und empfand es wohl- thuend, daß sie mit einem Segenswunsche für sie schlossen, während die erste Aufzeichnung des Taubstummen an diesem Abend mit einer Verwünschung des Doctor Jaksch geendet hatte. Seltsam, daß ihre Gedanken immer wieder zu diesem Manne zurückkehrten! Hatte er heimlich, hinter den Coulissen an ihrem bisherigen Schicksal mitgewirkt, spann er jetzt im Verborgenen mit an den Fäden für das Gewebe, das ihre Zukunft hieß? Der einmal erweckte Verdacht kam wieder und wieder, und ohne daß ihr selbst es gleich klar vor der Seele stand, reiste in dieser Stunde, in der öden Behausung des Taubstummen in ihr der Entschluß, den Schleier zu lüften, den sie bisher nicht berührt hatte, weil sie in dem Doctor den Verwandten des Geliebten gesehen hatte. Jetzt aber wollte sie diesen Schleier Hinwegreißen, um einem verdächtigen Menschen von Angesicht zu Ansicht gegenüberzustehen. Ueber ihrem Sinnen und Grübeln vergaß sie das Nächste nicht. Sie hob das Kind vorsichtig von seinem Lager empor, half ihm, sich ankleiden, und hüllte es in den eigenen Mantel, den sie von ihren Schultern nahm. Dann hieß sie den Taubstummen einen Wagen besorgen, und während er forteilte, sprach sie immer von Neuem tröstende, ermuthigende Worte zu der zarten, bebenden Gestalt in ihren Armen. „Wirst Du Dich auch nicht fürchten, wenn Du bei mir bist?" fragte sie. „Es ist dasselbe Haus, wo Du neulich den Schrecken gehabt hast." Einen Augenblick überlegte das Kind und sah angstvoll in die Ecken des Zimmers. Dann aber schmiegte sich's fester in die Arme seiner Beschützerin und sagte mit dem Ausdruck eines festen Vertrauens: „Nein, bei Ihnen fürchte ich mich nicht. Sie sind so gut! Und seit Sie hier sind, ist er nicht mehr da." Das Rollen des Wagens, das gedämpft heraufklang, hieß sie Abschied nehmen von der düsteren Stätte des Elends, in der das Kind bis heute seine Jugend verlebt hatte, und sorgsam die kleine Kranke führend, stieg Frau Henninger jetzt die Treppe hinab, in der freien Hand die Flasche mit der Kerze tragend. Ein Zugwind verlöschte die Flamme, doch die freundliche Helferin war unten angelangt und hatte in dem ersterbenden Lichte Bäsmann erkannt, der die Hausthür geöffnet hatte. Rasch ging sie, von ihm gefolgt, zum Wagen, gab ihm die Hand zum Lebewohl und sah im Schein der Laterne, wie sein häßliches Gesicht in diesem Augenblick durch den verklärenden Schimmer der Dankbarkeit und Freude sich merkwürdig verschönte. In ihrem Hause geleitete Frau Henninger das schwache Mädchen die Treppe hinan und bettete sie mit Carolinens Hilfe, die ihre Theilnahme wortreich äußerte, in einem Gemach neben dem eigenen Schlafzimmer. Und als die Kleine nun, durch eine Tasse Thee gestärkt, bald in einen ruhigen, friedlichen Schlummer versank, da saß ihre Schätzerin mit der beglückenden Empfindung an ihrem Lager, ein armes, vom Schicksal vernachlässigtes Wesen aus dem Dunkel hervorgeholt zu haben in die Helle. Die Krankheit erregte schon am nächsten Tage keine Besorgniß mehr, und auch der alte Hausarzt bestätigte, daß Ruhe und Pflege in gesunder Umgebung hier die besten Medicinen seien. Je mehr aber Frau Inas Gedanken von der Sorge um das Kind befreit wurden, um so nachdrücklicher wandte sie sich auf die Spur, die zu Doctor Jaksch hinüberleitete. Gleich an diesem Tage beschloß sie, ihn wegen seines Verhaltens gegen Bäsmann und seine Tochter vorsichtig zur Rede zu stellen, und um die Stunde, in der er von seinen Krankenbesuchen heimzukehren pflegte, stand sie geduldig am Fenster, ihn zu erwarten. Wie zufällig trat sie auf den Corridor hinaus, als er die Treppe emporstieg. Er begrüßte sie mit großer Höflichkeit, doch meinte sie zugleich aus seinem Wesen etwas wie mühsam unterdrückte Freude herauszusühlen. Sie hatten einander seit Georgs Abreise nicht gesehen, und seine ersten Worte galten ihm. „Der arme Junge ist ja nun abgereist. Er hat mir herzlich leid gethan, aber ich konnte ihm nicht abrathen- die letzte Zeit hat ihm böse mitgespielt, und seine Gesundheit ist ernstlich erschüttert. Ich denke, die Riviera wird ihm gut thun. Mir ist es freilich recht schwer geworden, ihn herzugeben, und vielleicht auf immer." „Auf immer?" Unwillkürlich that sie die Frage, von jähem Schrecken ergriffen. „Er sprach Mancherlei durcheinander, als er mir Adieu sagte, und nicht Alles ganz klar. Ich will nicht bestimmt behaupten, daß er diese Worte „auf immer" gebraucht hat, aber als er fortging, hatte ich das sichere Gefühl: Ich werde den lieben Kerl nicht Wiedersehen." Frau Henninger hatte, während seine Worte mit ihren Gedanken beschäftigt, vor sich niedergeblickt, jetzt aber schaute sie auf, und indem ihre Augen den seinen begegneten, meinte sie darin einen lauernden und zugleich frohlockenden Ausdruck zu finden. Blitzgleich verschwand er wieder, doch ihr Empfinden sagte ihr, daß sie sich nicht getäuscht habe, und sie fühlte sich merkwürdig getröstet durch die Wahrnehmung, daß die Worte dieses Mannes aus keiner wahrhaftigen Seele kamen. Mochte er jetzt von dem Geliebten sagen, was er wollte, ihr sollte er das Gefühl nicht mehr verwirren. Mit der Sicherheit einer klugen Frau jedoch, die ihre Züge und den Ton ihrer Worte in der Gewalt hat, verbarg sie die Regung ihrer Seele. In herzlichem Tone gab sie die Antwort: „Das wäre sehr traurig! Aber ich hoffe mit Ihnen, die Reise wird ihn gesund machen." Und rasch das Thema wechselnd, fügte sie hinzu: „Da ich Sie gerade spreche, Herr Doctor, sind Sie vielleicht so freundlich, mir einige Auskunft über einen Mann Namens Bäsmann — den Taubstummen, wissen Sie — und sein Töchterchen zu geben. Er hat mir mitgetheilt, daß er Sie kennt." Der Doctor hob den Elfenbeingriff seines Stockes und blickte sinnend einen Moment darauf nieder, während seine Stirn sich in finstere Falten legte. Als kämpfe er mit einer zornigen Regung, sagte er dann: „Dieser Bäsmann ist der undankbarste Mensch, den ich kenne. Der undankbarste, sage ich Ihnen! Ich bin wahrhaftig nicht der Mann, mich dessen zu rühmen, was ich im Stillen für Andere thue- das gehört zum Beruf des Arztes wie zu dem des Geistlichen, das Wohlthun ist ihnen Pflicht. Ich verlange auch keine laute Dankbarkeit, sie ist mir sogar in tiefster Seele zuwider- aber sich verleumden zu lassen für gern geübte Wohlthaten, sich verlästern zu lassen, weil man das Beste eines Menschen gewollt hat, das geht denn doch zu weit! Und dieser Bäsmann verleumdet und verlästert mich,"ich weiß es, — vielleicht hat er es gar bei Ihnen gethan, bei der es mir besonders schmerzlich gewesen wäre." Frau Ina vermied eine directe Antwort. „Ueber den Mann vermag ich nicht zu urtheilen, aber ich meine, so sehr gefährlich kann ein Stummer doch nicht sein, selbst wenn er lästern und verleumden wollte. Mich dauert sein Kind, sein Hannchen. Er hat mich um Mitleid für die Kleine angerufen, und ich habe sie vorläufig zu mir ins Haus genommen, um sie gründlich herauszupflegen." „Ich habe es schon gehört, — ja, ja, das Gerücht von solchen Thaten geht schnell in unserer Zeit, wohl weil sie selten sind. Ich verehre Sie nur noch mehr, gnädige Frau, seit ich darum weiß. Und ich wünsche, daß Ihnen das Kind keine weitere Sorge, als um seine Gesundheit, bereitet. Ich kenne es von klein auf, habe es mehrfach behandelt — natürlich unentgeltlich bei den Verhältnissen der Leute — und habe es genau beobachtet. Es stecken gute Anlagen in der Kleinen, freilich ist sie auch mit einigen moralischen Defecten erblich belastet. Sie ist unwahr, hat einen Hang zu liederlichem Herumtreiben — nein, nein, ich sage nichts gegen das Kind," fügte er auf eine unwillkürliche Bewegung Frau Henningers eifrig hinzu. „Es steckt ein guter Kern in ihr, 79 aber ich nehmen, lich ins kleinen Kranken." Er war zurückgetreten und schloß mit einem tiefen Athemzuge die Augen für einen kurzen Moment Als er sie wieder aufthat, sah er aus, als sei er aus einem tiefen, unruhigen Schlafe erwacht; sein Gesicht war bleich, und die Schatten unter den Augen hatten sich vertieft. Aber die gewohnte Selbstbeherrschung hatte er jetzt wiedergefunden und er sprach in seiner üblichen, glatten, höflichen Weise: „Sie „Ach, wie kannst-Du denken, Onkel, daß mir das . . . Nein, diese Lotte, diese Lotte! So gleich einzuwilligen . . . unbegreiflich!" Es klang alles so beleidigend erstaunt, was der Neffe zu Onkels Heiratsabsichten äußerte, daß ein ungeheueres sie wacht, der sie auf ihren Spaziergängen begleitet, wenn die leidende Mutter daheim bleiben muß, der selbst durchaus zuverlässig und ungefährlich ist" • • • • Hier machte Onkel Diefenbach tief athmend eine Kerne Pause und ergriff den Neffen am Knopf seiner lichtblauen Dieses schöne Phlegma besaß Onkel Diefenbach. „Du scheinst Dich ja fabelhaft zu freuen, eine Tante zu bekommen, lieber Willy," sagte er nur. Der „liebe Willy" nickte gezwungen und trank schnell Weste .... „Du ahnst es jedenfalls schon .... meine Wahl siel auf Dich, lieber Junge." . „Ich?" .... stammelte der Assessor aufs äußerste überrascht. „Danke Dir, daß Du so überzeugt von meiner Ungefährlichkeit bist!" „Gewiß bin ich das." „Schön von Dir," meinte der Neffe mit kurzem Lachen verletzter Eitelkeit. Der Major sah ihn ernst an und sagte noch einmal: „Gewiß, mein Junge. Ich kann Dir das Mädchen ruhig anvertrauen, das Du selbst so hartnäckig verschmähtest. heißt er, — „Ganz recht, jetzt sällt es mir ein. Ich habe davon gehört. Ist der arme Mensch bös verletzt?" „Aeußerlich nicht, bis auf eine Schramme, die bald heilen wird. Aber er hat eine Gehirnerschütterung davon- aetragen, und ein hitziger Geist hindert bet ihm die Heilung. Noch kämpft er mit dem Fieber und der Bewußtlosigkeit, fürchte, die Sache wird keinen normalen Verlauf Wenn es schlimmer mit ihm wird, muß er natür- Krankenhaus." (Fortsetzung folgt.) erinnern mich an meine Pflicht, gnädige Frau. Auch ich muß noch zu einem Kranken, hier oben." „Hier im Hause?" „Im Giebel oben. Ein Schlossergeselle, Neuert ich wiederhole es, und in den richtigen Händen kann sie sich vortrefflich entwickeln." . Ich hoffe, dazu ein wenig helfen zu können. Die nächste sorge freilich ist, das Kind gesund zu machen. Wie soll int ungesunden Körver der Geist sich gesund erhalten?" Ihnen wird es nicht schwer fallen, Geist und Körper des Kindes gesund zu machen. Sie haben eine Atmosphäre von Gesundheit um sich her, die nothwendig auch aus Ihre Umgebung wirken muß. Und ich wette, solche Thätigkeit für Andere macht Ihnen selber Freude." Ob sie mir Freude macht? Giebt es denn etwas Schöneres? Zu sehen, wie solch' eine verkrüppelte Pflanze sich dehnt und wächst und gesund und kräftig wird — kann man sich etwas Erfreulicheres denken?" Ihr Gefühl hatte sie fortgerissen, sie vergaß für einen Augenblick, mit wem sie vrach, und offenbarte rückhaltslos die reinen, guten Gefühle ihres Herzens, indem das Mitleid aus ihren Augen und ihren Zügen sprach, gleich dem Strahl eines Lichtes aus einer anderen Welt. Hochgehängte Frucht Novelle von H. Erlin. (Schluß.) ,Sie sind eine barmherzige Samariterin ganz nach der Schrift," sagte der Doctor, und ein beklommener Tyn in seinen Worten, als vermöge er nur mit Mühe zu sprechen, ließ sie die Blicke auf sein Gesicht wenden. Zum ersten Mal sah sie in seinen Augen das Aufleuchten einer Gluth, die sie , nie zuvor darin bemerkt hatte, von der sie aber im selben sp^e0ma dazu gehörte, es ruhig hinzunehmen. Augenblick wußte, fdaß ihr eigener Reiz — der Reiz ihres — '-r-c 'Tx"c Körpers, nicht ihrer Seele — sie entzündet hatte. Und obwohl bei dieser Erkenntniß ihre Blicke starr und durchdringend auf ihm ruhte, erstarb die düstere, verzehrende Gluth nicht „ gleich- ihre Hand ergreifend, flüsterte der Doctor mit heiserer ^in Glas leer. Stimme: „Wie schön Sie sind, wenn Sie so sprechen!" „®ag mal, wann habt Ihr Euch .... wann gab sie Sie zuckte zusammen unter der Berührung seiner Hand, Dir ihr Wort?" „ r. r ,, aber sie schrie nicht auf und stieß ihn nicht zurück. Eine I „Wann" Der Onkel räusperte sich verlegen: Kette von Gedanken und Schlüffen bildete sich innerhalb „Hier kommt's, warum tch Detnen Besuch erbat, weniger Secunden in ihrem Geiste. Der Mann hier liebte „Ja, was soll ich" .... . sie, begehrte sie. Das empfand sie mit dem sicheren Instinkte „Ja Du." Der Major ruckte ganz dicht an seinen der Frau. Aber wenn es der Fall war, dann lag zugleich I Neffen heran und begann kameradschaftlich vertraulich. „ W das Motiv offen vor ihr da, weshalb er ihrer Verbindung I hör mal, mein Sohn! Nach Brauch und Form sind wir noch mit seinem Neffen entgegen war- daß er es war, hatte sie „jcht verlobt, aber ich weiß bestimmt, daß sie mag . . . ich, aus halben, unwillkürlichen Aeußerungen Georgs erfahren ich weiß es. Meine Jahre stören sw nicht, sie erwartet vom können. Dann ward auch der Zweck der Geistererscheinung Leben nicht nur eitel Vergnügen, ^n der Zeit, wo sie hier offenbar, die sie erschrecken und ihrer Liebe entfremden sollte, im Hause weilte .... damals, als Du . . . . na, verstehst Das Alles flog ihr mit der Raschheit des Blitzes, der die schon .... damals lernte ich ihr gut fern. Trotzdem sprach Wolken zerreißt und blendende Helle hervorlodern läßt, durch ich mich noch nicht zu ihr aus, ehe ich mich^an Dich wandte, die Seele. Zugleich aber stand es bei ihr fest: hatte er sich Willy quittirte durch eine mißtrauische Miene. so weit vergessen, so mußte sie noch mehr von ihm erfahren. „Ich begreife nicht .... Sie durfte ihn nicht erschrecken, ihn nicht von sich weisen, „Na, denn kurz mein ^zunge . . . - Ich hab eme Bitte wenn er sein Inneres ganz vor ihr enthüllen sollte. an Dich. Lotte wird mit ihrer Mama für einige Wochen Si- li-ß Hm H« H°»d °»d M H »ach R-r°- -°hm° Ich »urb. bl< nieder. Eine Lüge vermochte sie nicht auszusprechen, aber kann aber mch g ) • totnbtaer Galan ihr Schweigen schon ermuthigte ih. Er preßte die Hand mir der Gedanke macht, irgend em wmdiger^alan sester in der seinen und trat ein wenig näher zu ihr heran, könnte sich an te Reicküüer mitzuaeben der über „Wie weich diese Hand ist!" flüsterte er mit halberstickter | wünschte ich tigern /men^B^chutz^ must-geben,^üer Stimme. „Wie weich und schön! Und dieser Arm, dieser herrliche Arm!" Er begann mit den Fingern der anderen Hand leise an ihrem Arm emporzutasten, sein Athem ging rasch und laut. Nun wurde der Ekel über seine Nähe, seine Berührung doch zu stark in ihr- sie machte sich los, aber sie war klug genug, es ruhig, ohne Hast zu thun, und auch ihre Stimme klang nicht unfreundlich, als sie nun sagte: „Herr Doctor, was machen Sie? Wir stehen hier auf offenem Corridor! Auch muß ich wieder hinein zu meiner 80 Redaclion: 8L Scheyda. — Druck und «erlag der Brübl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda) in ließen. VevnMehtes. Keine lange« Tamenkleider mehr! Aus Gothenburg wird berichtet: Der schwedische Kleiderreformverein hatte zu einer außerordentlichen Versammlung eingeladen, welche im Local des Stockholmer ärztlichen Vereins abgehalten wurde und die Frage discutiren sollte, was zu thun wäre, um die Damen zu veranlassen, ihre gar zu langen Röcke und Unterröcke bedeutend zu kürzen. Der große Saal war eine ganze Stunde vor Eröffnung der Verhandlungen bis zum letzten Platz besetzt und viele Hunderte Herren und Damen mußten draußen stehen bleiben. Nach einigen einleitenden Worten des Dirigenten, Herrn Dr. Laurent, bestieg Frl. Cederblom den Rednerstuhl, um darauf hinzuweisen, daß die schleppenden Röcke im höchsten Grade gesundheitsgefährlich und dazu recht unästhetisch sind- die „Spitzen" der Gesellschaft müssen den Anfang machen, dann werde die Reform sich schnell und ohne besondere Schwierigkeiten durchführen lassen. Eine zweite Rednerin sprach die Hoffnung aus, die Herren würden den Reformbestrebungen ihre werthvolle Unterstützung angedeihen lassen, denn soweit der Rednerin bekannt, hätten die Herren gewöhnlich nichts Besonderes dagegen, einen hübschen Damenfuß zu sehen. Eine ältere Dame meinte, daß es den Damen, welche mit sehr breiten oder sehr langen Füßen ausgestattet sind, erlaubt sein sollte, lange Röcke zu tragen, sonst könnte man aber die Röcke ganz wohl um zehn Centimeter kürzen. Ein anwesender alter Offizier erklärte, daß er aus ganzem Herzen dem Vorschlag der Vorrednerin beistimme. „Ein Frauenrock braucht wirklich nicht mehr als zehn Centimeter lang zu sein." Erst durch das schallende Gelächter der Versammlung wurde der alte Herr auf das kleine Mißverständniß aufmerksam gemacht. Die Versammlung nahm schließlich einstimmig eine Resolution an, welche von Herrn Oberst v. Koch vorgeschlagen wurde und dahin lautete, daß die Röcke der Frauen und Mädchen zehn bis zwölf Centimeter vom Fußboden abstehen müßten. Alle anwesenden Damen versprachen dieser Resolution Gehorsam zu leisten. Schließlich zeigten sich der animirten Versammlung einige hübsche junge Damen im „Resolutionskleid". Literarisches. Di« Deutsche« «tutguugskriege. Jllustrirte Kriegschronik der Jahre 1864, 1866 und 1870/71. Von Victor v. Strantz. Zweite, vermehrte Auflage. Eine Festgabe zur Feier des hundersten Geburtstages Kaiser Wilhelms I. Mit authentischen Illustrationen, Porträts, Karten, Plänen und einem Anhang: Thaten und Phrasen im deutsch- französischen Kriege 187071. In Halbleinenband 7 Mk. 50 Pfg.; in Prachtband mit Goldschnitt 9 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. — Am kommenden 22. März kehrt zum hundertsten Male der Tag wieder, an dem der nachmalige ruhmgekrönte erste Kaiser des wiedererstandenen Deutschen Reiches im Schlosse zu Berlin geboren ward. Wie könnte wohl das Andenken an diesen Fürsten, der von frühester Jugend auf Soldat mit Leib und Seele war, besser gefeiert werden als in der Rückerinnerung an die drei glorreichen Wasfengänge des von ihm reorganisirten Heeres gegen Dänemark, Oesterreich und Frankreich. Die Feuerprobe bestand Die Neuschöpfung des weit in die Zukunft vorausblickenden Herrschers im dänischen Kriege, der über Düppel und Alfen zur Befreiung der Herzogthümer Schleswig-Holstein von der dänischen Herrschaft führte und damit der erste bedeutsame Schritt zur Wiederaufrichtung des sechs Jahrzehnte vorher in Trümmer gegangenen Deutschen Reiches wurde. Schon zwei Jahre später folgte die blutige Auseinandersetzung mit dem Kaiserstaate an der Donau; nach einem Feldzuge von acht Tagen hatte unter dem persönlichen Oberbefehl König Wilhelms I. das gewaltige Ringen bei Königgrätz das Schicksal der Armee Benedeks besiegelt. Der Ausschluß Oesterreichs von der nun erfolgenden Neugestaltung des staatlichen Lebens in Deutschland ließ den Norddeutschen Bund unter der Leitung des Hauses Hohenzollern erstehen, während mehrfache Schutz- und Trutzbündnisse die Stämme Süddeusich- lands für die Stunde der Gefahr an die Seite der norddeutschen Brüder riefen. Und nur zu bald kam diese Stunde; in den heißen Augusttagen bei Weißenburg, Wörth und Spicheren, sowie den blutigen Kämpfen um Metz wurden die Heere des kaiserlichen Frankreich zum Rückzug gezwungen. Nach der Schlacht bei Sedan überreichte Swler Napoleon III im Schlößchen Bellevue bei Frenois dem siegreichen König Wilhelm seinen Degen und kam nebst der ganzen Armee Mac Mahons in deutsche Kriegsgefangenschaft. Unter dem Donner der Geschütze vor Paris, das die deutschen Armeen seit Monaten eingeschloffen hielten, erfolgte die Proclamation König Wilhelms zum deutschen Kaiser, der endlich erkämpfte Friede brachte Elsaß und Lothringen an das z> neuem Glanze erstandene Deutsche Reich zurück. Diese drei deutfche Einigungskriege mit der ganzen überwältigenden Wucht ihrer roei- historischen Ereignisse schildert in ebenso knapper, als klarer und in? - voller Darstellung das vorliegende Gedenkbuch, belebt von zahwerchen Darstellungen, die des Künstlers geübte Hand in jenen schicksalsschwer Jahren unter dem unmittelbaren Eindruck der erschütternden ^rschey>>w schuf. Wort und Bild bringen den Mitkämpfern, Mitlebenden und M )- geborenen jener unvergeßlichen Zeit die längstvergangenen ^®9e/ noch die ehrwürdige Heldengestalt Kaiser Wilhelms I. die i,eutl(9 Heere von Sieg zu Sieg führte, mit wahrhaft plastischer Wirkung das Auge. Leine Moral wird nicht zulaffen, daß Du es jetzt begehrst, wo es einem anderen gehören soll, dem Du Achtung und Dankbarkeit schuldest .... von dem überdies Deine Existenz abhängt.... Denn mein Sohn, wenn Du mich hintergingest" . „Bitte, beleidige mich nicht, Onkel!" Der Assessor erhob sich von seinem Platze. „Schon gut, Hitzkopf," begütigte der Major indessen. „Also abgemacht! An Geld soll Dir's in Meran nicht fehlen. Du reisest morgen. Lotte und ihre Mutter treffen in wenigen Tagen dort ein. Und dann wirst Du den Damen stets viel Eures von mir erzählen, verstanden? Die Kleine soll keine Angst haben, mir mein einsames Alter zu verschönen." Ein wohliges Schmunzeln verklärte Onkel Diefenbachs gutmüthiges Gesicht. Da übermannte Willy das Komische der Situation dermaßen, daß er in schallendes Lachen ausbrach. Das war einfach gottvoll! Er hatte alle möglichen Rollen den Frauen gegenüber gespielt, aber die als quasi väterlicher Beschützer noch nicht. Das mußte ja bildend für seine ganze Zukunft wirken. Dabei alles um diese kleine Lotte! Wer hätte das gedacht! Das konnte niedlich werden! Jedenfalls ganz amüsant Und nunmehr völlig versöhnt mit der nächsten Zukunft, versprach er seinem Onkel alles mögliche Gute. Am anderen Tage bereits dampfte er ab nach Meran, um seine Mission zu erfüllen.----—---- Eine Woche später erhielt Major Diefenbach die erste Nachricht von seinem Neffen. Per Postkarte meldete er die Ankunft der Damen an, die sich gefreut hätten, ihn in Meran zu treffen. Dann kamen so nach und nach alle drei Tage beinahe Postkarten an, die von gemeinsamen Spaziergänge« und Spielen berichteten. Sie erzählten immer sehr viel von Lotte, die munterer und netter denn je wäre. Doch plötzlich hörten diese Mittheilungen völlig auf. Der Major entschloß sich zu einer Nachfrage bei seinem Neffen. Ganze vier Wochen mußte er auf das Antwortschreiben warten, dessen Inhalt ebenso seltsam wie überraschend war: „Lieber Onkel," begann der Brief, „enterbe mich meinetwegen .... hasse mich verachte mich.....ich konnte nicht anders. Ich habe mich mit Lotte verlobt. Sie ist das entzückendste Wesen der Welt. Vielleicht vermagst Du sie leichter zu vergessen .... Ich könnte ohne sie nicht leben. Jetzt erst erkenne ich Liebe! Ich habe gekämpft wie ein Held, um der Gefahr zu entrinnen, um nicht nach dem Verbotenen zu greifen .... Aber es half nichts. Sie liebt mich wieder! Ich bin glücklich! Dein unwürdiger Neffe. Onkel Diefenbachs Erwiderung erfolgte umgehend. Ec überbrachte sie seinem „unwürdigen Neffen" sogar persönlich und sie fing ungefähr folgendermaßen an: „Du Schlingel Du Schwerenöther daß Du so leicht in die Falle gehen würdest, hätt' ich doch nicht gedacht! Schwer genug hast Du mir's gemacht, Dich unter den Pantoffel zu bringen Ja ja, nur hoch hängen muß man die Trauben .... und zwar sehr hoch! Na, meinen Segen, Kinder!"