Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Sie zog den zerlumpten Shawl dichter um ihre Schultern und antwortete, vor Alter, Kälte oder Aufregung zitternd: ,,So, also wegen jener Bälge kommt Ihr?" Dann fügte sie mit einem verschmitzten Blinzeln ihrer eingesunkenen Augen hinzu: „Was wollt Ihr über sie wissen?" Ich hatte dem Baronet ihre schwache Seite angedeutet. Er zog eine Rolle Banknoten aus der Tasche und erwiderte: „Vielerlei, Alles, was Ihr uns über sie mittheilen könnt. Seht Ihr dieses Geld? Es soll Euer sein, wenn Ihr meine Fragen in Bezug auf jene Kinder beantworten wollt." Sie warf einen gierigen Blick auf die Noten und sagte: „Das will ick, Sir! Ich kriege jetzt nur wenig Geld zu sehen. Die Zeiten sind schlecht, und das Betteln ist nicht mehr so einträglich wie früher. Es ist, als ob die Menschen von Jahr zu Jahr hartherziger würden. Ich bin alt und arm, Sir, und stehe allein in der Welt- das habe ich einzig jenen beiden Bälgen zu verdanken. Ich hätte für Nan mehr erhalten sollen. Hundert Dollars war kein Preis für ein so bildschönes Kind. Jener Handel hat mich ruinirt." Ich vermochte nicht länger zu schweigen- trotz meiner Abneigung rief ich aus: „Sagt die Wahrheit, Großmutter! Ihr müßt die Wahrheit sagen! Waren jene Kinder Euer eigen' Fleisch und Blut? Hattet Ihr ein Anrecht auf sie? Es ist Nan, an der uns am meisten gelegen ist- das Kind, das Ihr hier in dieser Dachstube an ein fremdes Weib verkauft habt. Sie war so verschieden von Euch, wie der Tag »tatfteg 6« 17 A«g«ß. i Mm se ufrieden sein ist große Kunst, 4 Zufrieden scheinen bloßer Dunst, Zufrieden werden großes Glück, Zufrieden bleiben Meisterstück! Ob groß, ob klein erscheint, was wir gethan, Wenn wir beschlossen uns're Erdenbahn, Wie schnell ist ausgefüllt die leere Stelle! Wie viel macht's Unterschied im Ocean, Ein Tropfen roen’ger oder eine Welle? Alb. Roderich. von der Nacht. Sie konnte nicht Euer Fleisch und Blut ‘ gewesen sein — es ist zu unglaublich! Sagt die Wahrheit, die Wahrheit! Was war ihr rechter Name? Wie seid Ihr in ihren Besitz gekommen?" Sie wandte sich betroffen um und warf mir einen durchdringenden Blick zu. Meine Stimme mußte ihr bekannt vorgekommen sein. Ich bin fest überzeugt, daß sie mich in diesem Augenblick wiedererkannte. „Wie ich zu Nan gekommen bin?" wiederholte sie- „nun, meinetwegen möget Ihr die Geschichte wissen." Sir Gervase und ich horchten mit athemloser Spannung. Großmutter Serag sann einen Augenblick nach und erzählte dann: „Ich hatte einst eine Schwiegertochter, die Wittwe meines einzigen Sohnes, der ein Matrose war und auf seiner ersten Seereise nach seiner Verheirathung umkam. Judith wohnte bei mir — sie war ein gutes und braves Geschöpf. Nun, da sie noch jung war, so heirathete sie nach einiger Zeit wieder- ihre zweite Wahl fiel auf einen leichtsinnigen Burschen — einen Tänzer in einem Variötö-Theater. Er verlor bei einem Streit mit etlichen betrunkenen Kameraden sein Leben, bald darauf starb auch Judith, nachdem sie ein Kind geboren hatte, das sie meiner Pflege überließ. Dieser Balg war Nan. Sie war das Ebenbild ihres Vaters, Jack Harkneß — er wurde von seinen Genossen der hübsche Jack oder der leichtfüßige Jack genannt — er hatte ein hübsches Gesicht und ein Paar merkwürdig gewandte Füße. Jetzt sagt selbst, habe ich ein Anrecht auf Nan oder nicht? Und," fuhr sie mit einem lauernden Blick fort, „was geht das Alles Euch an? Woher wißt Ihr überhaupt, daß damals eine Nan und eine Pollh hier lebten?" „Gott sei Dank!" rief ich aus. „Sie war also nicht Euer Blut! Sie war in keiner Beziehung mit Euch verwandt!" „Ich denke, Jack Harkneß' Blut war nicht besser als meines," erwiderte die Alte höhnisch. „Nan war das Kind meiner Schwiegertochter aus ihrer zweiten Ehe. Sie hatte keine Verwandten in der Welt, als ihre Mutter starb- ich war ihre nächste Anverwandte, und somit gehörte sie mir." Also war Nan ein Kind der Armuth und des Mangels, sie, die Schöne, die Königliche! Ich konnte nur an eine Lilie denken, die aus einem Sumpfe emporwächst. Der Baronet sprach kein Wort- sein Gesicht war wie versteinert. „Gar oft habe ich es bereut, Nan weggegeben zu haben," fuhr die Alte fort. „Der Preis, den ich für sie erhielt, war zu gering- und ich bedarf ihrer jetzt, für mich zu arbeiten, mich zu verpflegen, wie Judith, ihre Mutter, es ----- 878 thun würde, wenn sie noch am Leben wäre. Ihr Öetbe da müßt Freunde von ihr sein, sonst würdet Ihr mich nicht so ausfragen. Wo ist sie?" Bei diesen Worten stand die Alte Plötzlich auf. „Ich will sie zurück haben; sie muß jetzt ein schönes erwachsenes Mädchen sein." Der Baronet machte eine abwehrende Geberde und erwiderte: „Setzt Euch wieder, Mrs. — Um Vergebung, Ihr habt mir Euren Namen noch nicht genannt." „Mein Name ist Black, junger Herr. Allein man hat mich schon seit zwanzig Jahren nicht bei diesem Namen genannt." „Setzt Euch also, Mrs. Black," fuhr Sir Gervase fort. „Gegenwärtig wissen Nans Freunde selbst nicht, wo sie ist- sie hat dieselben unter eigenthümlichen Umständen verlassen. Ihr habt uns aber erst die Hälfte Eurer Geschichte erzählt. Es waren zwei Kinder, und nur das eine gehörte der Wittwe Eures Sohnes. Wer war das andere?" Die alte Hexe schielte den Baronet seitwärts an. „Ihr 'meint die schwarze Polly? Oh, das ist eine andere Geschichte!" „Erklärt Euch! Die Kinder konnnten nicht Schwestern gewesen sein." Sie wandte sich plötzlich zu mir und sagte: „Nein, sie waren keine Schwestern. Vielleicht möchtet Ihr gern etwas über Polly hören, Miß?" Bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht an mich selbst gedacht, jetzt aber erwachte meine schlummernde Neugierde. „Gewiß," antwortete ich begierig. „Ich bin ein armes, »erlassenes altes Weib!" jammerte Großmutter Serag- „ich muß mir mein Brod von Thür zu Thür erbetteln und habe keinen anständigen Fetzen auf dem Leib. Seht Ihr nicht, das ich vor Frost zittere? Werft doch Euren schönen Shawl um meine Schultern, Miß." Ich gehorchte- es war der Shawl der alten Hopkins, allein ich dachte nicht daran. „Es ist eine sonderbare Geschichte mit Polly," fing sie nunmehr an, „und der Art und Weise, wie ich zu ihr kam. Ich weiß eigentlich selbst nicht, wer sie ist, — ich wußte es nie. Ehe Judith den hübschen Jack heirathete, wohnten wir zusammen im westlichen Theil der Stadt und verdienten unseren Unterhalt mit Waschen und der Verpflegung armer Säuglinge. In einer Winternacht — es sind schon viele Jahre her — kam ein hübscher junger Mann, der das Aussehen eines Gentleman hatte, mit einem kranken Baby in den Armen zu uns. Es war ein elendes, krankes Ding, nichts als Haut und Knochen, und sah aus, als ob es bereits dem Tode verschrieben wäre. Judith und ich dachten, es könnte den Morgen nicht mehr erleben. Der junge Mann schien sehr bekümmert zu sein- er ließ sich indessen auf keine Erklärungen ein, sondern sagte, er müsse die Stadt noch in derselben Nacht verlassen und könne das Baby nicht mitnehmen- es wäre ihm lieb, wenn wir es bis zum folgenden Tage behalten wollten. Er sagte, es sei seine Tochter, und nannte uns offen und ehrlich seinen und ihren Namen. Judith versprach ihm, das Kind zu verpflegen - darauf gab er uns eine Banknote und einen Ring, in den einige Buchstaben eingravirt waren, worauf er sich entfernte. Bon jener Nacht an haben wir ihn niemals wiedergesehen. Judith verpflegte das kranke Baby, als ob es ihr eigenes gewesen wäre- allmälig fing es an, sich zu erholen, und endlich wurde es gesund. Als wir sahen, daß der Vater nicht zurück kam, gab ich Judith den Rath, das Kind aus die Straße zu werfen, allein sie wollte nicht und that es auch nicht. Sie behielt es, denn sie behauptete stets, der Vater sei ehrlich und werde gewiß eines Tages kommen, um uns für unsere Mühe zu bezahlen. Die Kleider des jungen Dinges waren alle mit seinem Namen gezeichnet- Judith hob dieselben so sorgfältig auf, als ob sie von Gold wären, denn sie sagte, dieselben möchten eines Tages von großem Werthe sein, um dem Kind zu seinem Rechte in der Welt zu verhelfen. Ich haßte die Kleine von Anfang an ebenso sehr, wie Judith sie liebte. Es war ein dünnes, braunes Ding mit kohlschwarzen Augen und einem häßlichen, handgroßen Fleck auf der einen Schulter — eine Art Muttermal. Allein Judith hing sehr an dem Kinde und sagte, sie wolle es behalten, ob sie jemals dafür bezahlt würde oder nicht. Als wir den Balg ungefähr ein Jahr gehabt hatten, heirathete Judith den Jack Harkneß und gab ihre übrigen Pfleglinge weg, nicht aber die schwarze Polly - von der wollte sie nicht lassen- und als sie ein weiteres Jahr bei uns i gewesen war, starb Judith und überließ die Kleine mir. Kurz vor ihrem Ende mußte ich ihr schwören, daß ich Polly nicht weggeben wolle, es sei denn, daß ihre Anverwandten sie beanspruchten, daß ich sie mit ihrer eigenen kleinen Nan verpflegen und die Babykleider und den Ring sorgfältig aufbewahren wolle. Um sie zu beruhigen, schwor ich, wie sie von mir verlangte. So lud ich mir denn Polly aus den Hals." Sie hatte diese Geschichte wahrscheinlich noch keinem Menschen erzählt. Plötzlich hielt sie inne, hüllte sich dichter in den Shawl der Haushälterin und stöhnte jämmerlich. Nach einer geraumen Pause fuhr sie fort: „Das Herz brach mir, als Judith starb - um meinen Kummer zu betäuben, griff ich zur Giuflasche. Es wurde mir immer schwerer, die beiden unnützen Bälge zu ernähren und so mußte ich mich endlich in dieser Alley niederlassen und die Kinder auf die Straße schicken, um zu betteln." Plötzlich rief der Baronet: „Wo sind die Dinge, von denen Ihr redet — die Kinderkleider und der Ring? — Habt Ihr sie behalten, wie Ihr Eurer Schwiegertochter auf ihrem Sterbebette gelobtet?" Die Alte nickte und sagte: „Ja, ich habe sie behalten. Ich war oft genug in Versuchung, sie zu verkaufen, manchmal für Brod und manchmal für Gin. Dann aber dachte ich stets wieder, daß der Vater des Kindes eines Tages unerwartet erscheinen und mir die Dinge sammt dem Balg abverlangen möchte. So behielt ich denn den ganzen Plunder." „Bringt sie mir her!" befahl Sir Gervase. Sie erhob sich mit Mühe und hinkte nach einer Ecke der Dachstube, zu dem Wandschrank, in dem sie ihre zusammengebettelten Speisereste und die Ginflasche aufzubewahren pflegte. Dort stöberte sie geraume Zeit umher, während der < Baronet und ich sie stumm beobachteten. Endlich hob sie ein zerbrochenes Brett in die Höhe und brachte ein in braunes Papier geschlagenes und mit gewöhnlichem Bindfaden umwickeltes Packet zum Vorschein. Sie öffnete dasselbe und nahm eine kleine Rolle vergilbter Kinderwäsche und einen Ring heraus, der einem großen rothen Stein, einem Rubin, zur Fassung diente. Der Baronet nahm den letzteren in die Hand, während ich mit zitternden Händen die winzigen Kleidungsstücke ergriff. Sie waren von feiner Leinwand- auf den altersgelben Bändern war ein Name noch immer deutlich zu lesen. Ich buch- stabirte denselben mit Mühe, denn es war bereits dunkel in der Dachkammer, und wandte mich dann mit bestürzten Blicken zu dem Baronet. Dieser reichte mir den Ring dar. Auf der inneren Seite sah ich ein Wappenschild und die beiden Buchstaben , „K. G-.“ in den goldenen Reif eingravirt. Ich deutete auf den Namen in der Kinderwäsche und sagte: „Lesen Sie und sagen Sie mir, ob ich wahnsinnig bin oder nicht!" Sir Gervase las mit lauter Stimme den Namen: „Ethel Grehlock." Trotz des bedeutsamen Ausdruckes in dem Blicke des Baronets vermochte ich die Wahrheit anfangs nicht zu fassen. „Das ist wunderbar!" rief er. u „Können Sie es begreifen? — Können Sie es glauben? murmelte ich, indem ich bald ihn, bald Großmutter Serag anblickte. 879 „Ja, ich begreife es und ich glaube es," antwortete Sir Gervase. „Heute, auf dem Rückweg von der Kirche, gestand mir Mr. Iris, daß ihr Gatte das kranke Kind hinweggenommen habe, nachdem sie es an jenem Abend verlassen — daß er es einer eingeschlafenen Wärterin gestohlen habe. Auch gab sie zu, daß sie niemals positive Beweise von dem Tode des Kindes gehabt habe, da kein Mensch wußte, wo Robert es gelassen." Ich hielt den Athem an. „Hier ist das Grehlock'sche Wappen in den Ring ein- gravirt," fuhr der Baronet fort. „Robert kam nie zurück, um seine Tochter abzuholen, weil der Tod ihn in jener Nacht ereilte, als er dieselbe Judith Black übergab. Polly, mir ist Alles vollkommen klar. Die Stellung, die Nan heute räumte, sollen Sie fortan füllen. Göttliches und menschliches Recht spricht Ihnen dieselbe zu, denn so wahr wir hier in dieser Dachstube beisammen stehen, Sie sind Robert Greylocks Tochter!" 30. Capitel. Das nächste Blatt aus Pollys Tagebuch. Ich schrie nicht auf, fiel nicht in Ohnmacht, sondern ließ blos die winzigen Kinderkleider fallen und sagte dann schluchzend: „Es ist nicht möglich! Es ist nicht möglich!" Großmutter Serag hinkte auf mich zu und blickte mir scharf in's Gesicht. „Ich kannte Dich, Polly, sobald ich Dich erblickte," erklärte sie. „Ja, Deines Vaters Name war Robert Greylock — ich kann es mit einem Eide bekräftigen, und wenn irgend ein Mensch daran zweifelt, so brauchst Du ihm blos Deine Schulter zu zeigen- die Mutter, die Dir das Leben gab, würde Dich auf der Stelle daran erkennen. Ich erinnere mich noch ganz gut der Worte des jungen Herrn. „Das Kind ist meine Tochter," sagte er- „ihr Name ist Ethel Greylock." Du bist wie eine Lady gekleidet," sprach die Alte weiter, indem sie mit der Hand über mein seidenes Kleid strich- „es geht Dir wohl gut? O," fuhr sie mit weinerlicher Stimme fort, „es war sehr undankbar von Dir, so wegzulaufen und mich allein zu lassen! Aber Dir war an gar nichts gelegen als an Nan. Robert Greylock sagte damals: „Morgen werde ich das Kind abholen und Euch reichlich entschädigen." Das war vor vielen Jahren, allein bis zu dieser Stunde habe ich noch keinen Cent für Dich erhalten." Sir Gervase kam mir in meiner Verlegenheit zu Hilfe - er steckte augenblicklich die Babhkleider und den Ring in seine Tasche und sagte zu Großmutter Serag: „Diese Dinge gehören jetzt Miß Greylock. Seid ohne Sorge- ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Ihr für Alles, was Eure Schwiegertochter für das hilfiose Kind that, genügend belohnt werden sollt." Ich faßte Großmutter Serag plötzlich bei den Schultern und blickte scharf in ihr häßliches, altes Gesicht. „Seid Ihr ganz sicher," rief ich, „daß Ihr Euch nicht geirrt habt? Seid Ihr sicher, daß es nicht Nan war, die Robert Greylock auf seinen Armen zu Euch brachte — nicht Nan, sondern ich?" Die alte Kreatur wußte so wenig von den Greylocks, ihrem Reichthum und ihrer socialen Stellung als von dem Laufe der Planeten- sie konnte daher keine Versuchung empfinden, von der Wahrheit abzuweichen. „Nan kam erst zwei Jahre nach jener Nacht auf die Welt," antwortete sie. „Weißt Du nicht mehr, daß ich sie Dir stets vorzog? Und warum sollte ich es nicht? War sie ja doch Judiths Kind. Es thut mir leid, daß ich sie verkaufte. Wer wird nun in meinen alten Tagen für mich sorgen? Soll ich auf den Straßen betteln, bis ich sterbe? Polly! Polly!" Sie rang ihre verwitterten Knochenhände und suhr dann fort: „Ich sehe Dir's an, daß es Dir gut geht. Es wäre nicht mehr als recht und billig, daß Du auch etwas für mich thätest — für mich, die Dich auferzog und sich für Dich abmühte, nachdem Deine eigenen Eltern Dich im Stich gelassen hatten." Sir Gervase ließ sich von der Alten die Unterredung zwischen Judith Black und meinem Vater noch einmal um- tändlich mittheilen- daun überreichte er ihr die versprochene Rolle Banknoten und versicherte sie seiner künftigen Unter- tützung, worauf wir das Haus und die Harmony-Alley verließen. Ich kam mir wie eine Träumende vor, als wir wieder in die breite Straße einbogen, wo die Kutsche auf uns wartete. Die ganze Welt hatte sich plötzlich für mich verändert- selbst des Baronets Wesen gegen mich war ein anderes geworden. Er zog mit ritterlicher Galanterie meine Hand durch seinen Arm. Ach, ich war jetzt nicht mehr die arme Dienstmagd, sondern seine Cousine! „Wie seltsam dies Alles mir erscheint! Ich kann es nicht fassen," seufzte ich, als wir uns wieder unterwegs nach Blackport befanden- „ich weiß nicht einmal, ob ich mich freuen oder betrübt sein soll. Sie haben selbst gesehen, wie vorzüglich Nan ihrer Stellung in Greylock Woods gerecht zu werden wußte. Könnte eine geborene Greylock dies besser gethan haben? War sie nicht so vornehm wie die Vornehmste, so schön wie die Schönste? Wie kann ich jemals ihre Stelle einnehmen? Ich komme mir wie ein Eindringling vor. Sehen Sie mich an und denken Sie dann an den Unterschied zwischen der untergeschobenen und der echten Ethel!" „Ich sehe Sie an," erwiderte er ruhig, „und ich erblicke in Ihnen eine Person, die sich bei mehr als einer Gelegenheit edel, heldenmüthig und des größten Vertrauens würdig erwiesen hat. Die Gerechtigkeit muß endlich siegen und die Unbilden, die Sie vom Schicksal erduldet haben, ohne Zögern wieder gut machen. Niemand würde dies aufrichtiger wünschen als Nan selbst. Meine Dienste stehen Ihnen in jeder Hinsicht zu Gebote, Cousine- ich werde es mir zur Pflicht und zum Vergnügen machen, Ihnen zur Erlangung Ihrer gesetzlichen Rechte zu verhelfen." „Ich habe einen Namen und Verwandte gefunden," seufzte ich, „aber nicht Nan. Wo mag sie diesen Abend sein? Freundlos, flüchtig, mit Verzweiflung im Herzen — wohin hat sie ihre Schritte gewandt? O, es macht mich wahnsinnig, an ihre Lage zu denken!" Ob meine Worte ihn rührten? Sein ernstes, braunes Gesicht war von mir abgewandt- er antwortete nicht. Ach, er bemitleidete Nan, er wünschte sie nach Greylock Woods zurückzubringen, allein — liebte er sie noch? Konnte die Tochter Judith Blacks und des Tänzers den Platz in seinem Herzen bewahren, den die stolze Erbin Godfrey Greylocks gewonnen hatte? Wer vermochte es zu sagen? Wir fanden eine Kutsche für uns auf dem Bahnhof, als wir Blackport erreichten. Seltsame Gefühle bemächtigten sich meiner, als wir die Allee zum Herrenhause hinauf fuhren. Ich war nicht mehr dieselbe Person, die den Platz vor einigen Stunden verlassen hatte. Nein! Polly, die namenlose Waise, Mercy Pooles Dienerin, das arme Mädchen, dem der gute und mitleidige Doctor Vandine eine bessere Erziehung geben lassen wollte, existirt nicht mehr. Ich mußte mich jetzt als Robert Greylocks Tochter, als die Erbin jenes stolzen, alten Mannes betrachten, der stumm und starr in der Bibliothek lag, um nie wieder die Augen zu öffnen. (Fortsetzung folgt.) Einiges über die unendlich große Elternliebe der Vögel zu ihren Jungen. (Vortrag in einer Ausschutzsitzung des Gießener Thierschutzvereins.) Alle Vögel lieben ihre Jungen in einem hohen Grade zärtlich, vertheidigen dieselben nach besten Kräften gegen jede Gefahr, wenden alle ihnen mögliche Kräfte an, um den Feind abzulenken von ihrer Brut, und setzen ihr eigenes Leben zu Gunsten ihrer Kinder rücksichtslos auf's Spiel. Da ich nun gewiß annehmen darf, daß viele Leser 380 — Redactioiu 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch-- und Steindruckerei (Pietsch & ScheYda) in Gießen. Literarisches. Ein eigenartiges Preisausschreiben für deutsche Hausmusik erläßt die bekannte illustrirte Familienzeitschrift „Zur Guten Stunde" in ihrem neuesten Hefte (Berlin W., 57. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.), um dem künstlerischen Schaffen auf diesem Gebiete eine neue Anregung zu geben. Zwei originelle Themata sind zur Bearbeitung gestellt und zwar: 1) „Eine Rheinfahrt", 2) „Eine Donaufahrt". Für die beste Lösung einer jeden dieser beiden Aufgaben ist je ein Preis von 300 Mk. in Baar ausgesetzt Die eingesandten Arbeiten sollen bisher unveröffentlichte Original-Comyositionen deutscher Tondichter sein .und einen Umfang von 31/2 Seiten „Zur Guten Stunde" nicht überschreiten. Für mittlere Clavierspieltechnik berechnet, müssen sie die Eigenthümlichkeiten der genannten Flüsse, wie sie im Volksbewußtsein leben, durch eine characteristische Musik illustriren und zw ar in Original-Melodien, während Potpourris gänzlich ausgeschlossen sind. Dagegen sind Anklänge an Volkslieder erlaubt, sofern diese nicht als herrschende Melodien, sondern nur als Episoden auftreten. Die mit einem Motto versehenen Arbeiten sind unter Beifügung eines mit demselben Motto bezeichneten verschlofle- nen Couverts, welches die Adresse des Verfassers enthält, bis zum 1. November d. Js. an die Redaction „Zur Guten Stunde", BerliniW. 57, Potsdamerstraße 88, einzureichen. Die Entscheidung erfolgt bis zum 1. Januar 1898. | die ihren Jungen in hohem Grade zugethan ist. Die Elstet brütet mit großem Fleiße sieben Junge aus, die von beiden I Eltern mit passender Nahrung reichlich versorgt werden. Vater und Mutter lieben ihre Kinderschaar ganz ungemein und verlassen dieselben nie. Ich habe darüber von einem I höchst glaubwürdigen Oberförster im Odenwald vernommen, I daß nach dem ersten Schuß, den er auf ein Elsternest abgab, worin das Weibchen auf seinen noch kleinen Jungen saß, dasselbe in die Höhe flog, aber nach wenigen Minuten nahm es wieder Platz auf seinen armen Kindern. Als nach dem dritten Schuß die Elster sich nicht wieder erhob, kletterte ein Holzmacher auf den Baum und holte die liebevolle Mutter mit ihren Kindern tobt aus dem Neste. Wie unendlich lieb die Elster ihre Brut haben muß, geht doch wohl aus diesem Benehmen klar und deutlich hervor. Die kleine, liebliche Klappergrasmücke, auch Müllerchcn genannt, darf in obiger Beziehung hier nicht übergangen werden. Das Müllerchen macht jährlich zwei Bruten und füttert dieselben vom frühen Morgen bis zum späten Abend so fleißig mit Kerbthieren, daß es gar keine Zeit mehr hat, sein klapperndes Liedchen in Zäunen und Büschen erschallen zu lassen. Wie listig, so erzählt Lenz in seiner berühmten Naturgeschichte, sich auch dieses Vögelchen verstellen kann, wenn es auf die Rettung seiner Brut ankommt, geht aus folgender Thatsache hervor: „Der Obermedicinalrath Buddeus bemerkte eines Tages auf einem dichtbelaubten Baume seines Gartens ein Müllerchen und betrachtete es aufmerksam. Da schien das Thierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken, fiel endlich wie tobt gerabe herab in bas Gras. Er sprang zu, es zu nehmen, ba raffte es sich mühsam auf unb flüchtete langsam flatternb vor ihm her in ein Gebüsch. Als er von ber Verfolgung zurückgekehrt war, untersuchte er beit Baum genauer unb fanb ba brei kaum ausgeflogene, junge Müllerchen ruhig auf einem Aestchen sitzenb. Die Mutter hatte sich nur verstellt unb gethan, als ob sie stürbe, um den Feind von ihren lieben Kindern abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Medicinalrath das Müllerchen wieder aus/ es stürzte wieder genau wie am vorigen zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es wiederholte sich regelmäßig." Da diese rührende Erzählung nicht allgemein bekannt sein dürfte, deshalb habe ich dieselbe hier nochmals ausführlich mitgetheilt. Ich könnte noch weitere Beispiele der obigen Art anführen, allein da dies die Spalten dieses Blattes überschreiten würde, so schließe ich mit dem sehnlichsten Wunsche, daß allen Kindern der Menschen eine gleiche Liebe und Sorgfalt von Seiten ihrer Eltern entgegengebracht werden möchte. Gießen, im August 1897. Curschmann, Lehrer i. P. Ihres geschätzten und weitverbreiteten Blattes sich sehr für die liebliche Vogelwelt interessiren, so bitte ich Sie freundlichst, nachfolgende Beispiele, die sicherlich von wahrhaft rührender Liebe der Vögel für ihre Jungen Zeugniß ablegen, zum Abdruck bringen zu wollen. Voran stelle ich, was Brehm in dieser Beziehung von der Auerhahn-Mutter erzählt: „Sind die Jungen aus dem Ei geschlüpft, so laufen sie nach Verlauf einiger Stunden, nachdem sie gehörig abgetrocknet, mit der Mutter weg und werden von jetzt an mit einer ungewöhnlichen Liebe und Sorgfalt behütet. Es ist rührend, zu sehen, wenn man so unverhofft unter eine Kette kommt, mit welchem Angstschrei und Lärm die Alte Einen empfängt. Im Nu sind alle Jungen verschwunden und sie wissen sich so gut zu verstecken, daß es wirklich schwer hält, eins von ihnen zu entdecken. Traurig sieht es mit einer Kette aus, wenn der böse Fuchs mit seiner unfehlbaren Nase dahinter kommt Jedoch recht oft glückt die List der Mutter, immer drei bis vier Schritte vor dem Fuchs dahin zu laufen oder dahin zu flattern, sich zu stellen, als wäre sie an den Flügeln gelähmt, und dadurch den Fuchs aus dem Bereiche der geliebten Jungen zu führen/ sie fliegt dann plötzlich auf, streicht nach dem Platze, wo sie zuletzt ihre Jungen ließ, und giebt durch wohlbekannte Töne „Gluck, gluck" kund, daß die Gefahr vorüber ist, worauf sie sich mit ihnen in entgegengesetzter Richtung eiligst auf und davon macht." Auch die Störche verdienen gewiß in obiger Beziehung erwähnt zu werden, und schon zu der Zeit, als ich Schul- vicar in Monsheim war, hatte ich Gelegenheit, ein Storchenpaar jahrelang, das sich auf dem Hause meines Schwagers I Brand in WormS angesiedelt hatte, genau zu beobachten. Wenn diese Klapperstörche von ihrer Südreise zurückgekehrt waren, so begannen sie gemeinschaftlich sogleich nach ihrer Ankunft mit der Ausbesserung des Nestes, wozu sie etwa zwei bis drei Tage nöthtg hatten, und wenn nach etwa 30 bis 31 Tagen die Jungen aus dem Ei geschlüpft, so entfalteten die beiden Eltern eine unendlich große Liebe und Sorgfalt für dieselben. Einer von den beiden Störchen bewachte stets das Nest, beschützte und beschirmte die Jungen, I vertheidigte diese, wenn ihnen Gefahr drohte, höchst tapfer und muthig und setzte dabei sogar das eigene Leben aus's Spiel. Daß ihre Liebe wirklich so weit geht, darüber wird uns in verschiedenen Lesebüchern eine wahrheitsgetreue Geschichte aus Holland erzählt. In einem Dorfe daselbst hatte eine Storchfamilie ihre Wohnung auf einem Bauernhause aufgeschlagen, und als sie emsig damit beschäftigt waren, die noch nicht flügge Brut aufzuziehen, brach in diesem Hause Großfeuer aus. Da die alten Störche die Jungen nicht wegtragen konnten, flogen sie rings um das brennende Haus, stießen verzweifelte Töne aus, setzten sich dann in das Nest zu ihren Jungen und fanden mit ihnen den bitteren Tod in den Flammen. Der Raben auch hier zu erwähnen, darf ich nicht vergessen, dann einer Mutter, die ihre Kinder schlecht behandelt, den Namen „Rabenmutter" beizulegen, ist ganz falsch, weil der Rabe für seine drei bis fünf Jungen Alles thut, um denselben das Leben sehr angenehm zu machen/ er baut für sie ein festes, weich ausgepolstertes Nest und er versorgt sie so reichlich mit Nahrung, die namentlich aus Ackerschnecken, Engerlingen und Würmern besteht, daß es eine Lust ist, zu sehen, wie sie wachsen und gedeihen. Zum Schutze seiner Jungen verfolgt er mit großem Geschrei alle Raubvögel, die sich in der Nähe des Nestes seiner Kinder blicken lassen, und | ebenso muthvoll verfolgt er am Tage den bösen Fuchs, der seinen Jungen auf der Erde nachstellt, wobei aber leider mancher Rabe für seine Liebe zu den Jungen mit seinem! Leben büßen muß. Die schöne Elster, die aber nebenbei bemerkt recht schäd- 1 sich ist, muß aber doch auch zu den Vögeln gerechnet werden, !