Donnerstag den 16. December BÄHT L WMM UMW te Lern Dich bescheiden; Dann, was auch schiede, Bleibt Dir der Friede. in Jeglicher kann fehlen; wie er aber Des Fehlers Folgen trägt, das unterscheidet Den edlen Geist von dem gemeinen Geiste. Raupach. Der Majoratsherr. Semen von Nataly » Eschstruth. (Fortsetzm,-.) Pia litt unbeschreibliche Qualen bei dieser Ansicht, welche mehr und mehr zu ihrer Ueberzeugung ward. Wenn sie in langen einsamen Nächten Thränen der Verzweiflung weinte und unter bittersten Selbstanklagen und Vorwürfen die Hände rang, dann gab es nur eins, was sie momentan trösten konnte, der alte Trotz und die alte Erbitterung! Dann hob wieder und wieder das Mißtrauen sein schillernd Natternhaupt und flüsterte ihr zu: „Er liebt Dich ja doch nicht! Er spielte Dir ja doch nur ein listige Comödie vor! Er wußte genau, wer Lilian Luxor war und warb nicht um sie, sondern auf jesuitischem Wege um die sechzehn Ahnen!" An diesen Wahn klammerte sie sich fest mit der blinden Beharrlichkeit eines Ertrinkenden, der auch zum zweiten Mal unter den Händen fortgeglitten! Man hatte Coblenz erreicht und in einem der ersten Hotels Wohnung genommen. Pia wußte noch nicht genau mit den Zimmern Bescheid und öffnete eine Thür, in der Meinung, den kleinen Salon der Gräfin zu betreten. Sie wich erschrocken zurück, als sie ein Schlafzimmer vor sich sah, — aber in demselben Augenblick erkannte sie Kränzchen, welche auf dem Fensterbrett saß und mit wahrhaft verklärtem Gesicht einen Brief las. Bet Pias Anblick ward sie blutroth und fuhr hastig mit Hand und Brief hinter den Rücken. Fräulein von Nördlingen schloß die Thür wieder, aber schon trabte Comteßchen durch die Stube, schlug in ihrer lauten Weise hart auf die Klinke und lief der Cousine nach. „Wolltest Du mich abholen, Pia?" lachte sie verlegen. „Warum wartest Du nicht auf mich?" „Ich sah, daß Du beschäftigt warst?" Fränzchen folgte ihr in den Salon, die Eltern waren nicht anwesend. „Bah — das war doch nichts Wichtiges! Du weißt doch, daß Deine Gesellschaft das beste, liebste und interessanteste ist!" Sie warf sich in einen Sessel und sah noch sehr roth aus. Fräulein von Nördlingen trat schweigend zum Fenster, das Herz that ihr weh, — sie lehnte sich stumm gegen die glatte Scheibe und starrte mit brennenden Augen grad au-. „Pia?!" „Fränzchen?" „Warum frägst Du mich nicht, von wem der Brief war?" klang es beinah rauh von dem Sessel herüber. „Weil es mich nichts angeht." „So, ist Dir Alles so gleichgültig, was mich betrifft?" „Gewiß nicht,- aber darum darf man doch nicht indiskret sein." „Zwischen uns giebt es keine Indiskretion! Der Brief ist von Wulff-Dietrich!" Keine Antwort. „Jnteressirt er Dich gar nicht!" Pia athmete schwer auf. „Es genügt doch, wenn sich eine von uns dafür begeistert, und das thust Du ja!" „Wußtest Du denn schon, daß wir correspondiren? Du bist so gar nicht überrascht!" „Nein, ich wußte es nicht!" „Aber Du bist sehr böse deßwegen?" Fränzchen sprang auf und blickte mit seltsam unruhigem, angsterfülltem Blick in das ernste, farblose Antlitz. „O, Pia —!" rief sie leidenschaftlich, „ich könnte eS nicht ertragen, wenn Du falsch von mir dächtest! Nur das nicht! Dahier — da lieben Brief--eigentlich solltest Du jetzt noch nichts wissen, aber wenn Du mich mit solch kaltem, fremdem Blick ansiehst — ach, liebe, liebe Pia — — ich kann ja doch nicht für mein selbstsüchtiges, dummes Herz!" Wie ein Eiseshauch wehte es über die heißen, thränenlosen Augen. — Noch sollte sie nichts wissen? Jetzt schon tröstete sich der Majoratsherr und greift voll ungestümer Hast nach dem letzten Rettungsanker, welcher sechzehn Ahnen bietet! Sie möchte auflachen, laut und gellend, aber sie kann es nicht. Eine starre, marmorkühle Ruhe kommt über sie. Sie schiebt die Hand, welche den Brief beinahe trotzig darbietet, zurück und will wortlos an der Kleinen vorüberschreiten. 586 Da blickt sie in die Augen, die redlichen, klaren Kinderaugen, in welchem sich das Herz spiegelt. Trägt Fränzchen die Schuld an seiner Untreue? „Nein! tausendmal nein!" Wie ein Aufschluchzen ringt es sich von Pias Lippen, sie schlingt die Arme um die eckige Figur des Backfischchens und birgt das Antlitz an ihrer Schulter. „Laß gut sein, Fränzchen, erspare mir die Qual! Es muß ja so kommen zwischen Euch, ob früher oder später, und das soll mein Trost sein, daß Du glücklich wirst, — Du liebst ihn ja!" Keine Antwort/ auf das Höchste betroffen, wie gelähmt vor Ueberraschung starrt Fränzchen auf die Sprecherin, ja, sie ist so perplex, daß sie sogar vergißt, diese Weichheit der Cousine auszunutzen, um sie mit bekanntem Ungestüm abzuküssen. „Ich . . . liebe . . . ihn? . . ." wiederholte sie mit weit aufgerissenen Augen, „Du meinst, daß ich ihn . . . daß ich ihn heirathen werde? ..." Und dann ereignet sich etwas sehr Ueberraschendes. Fränzchen preßt die Lippen zusammen, und pustet die Backen auf, daß sie kirschroth werden, sie will nicht lachen, absolut nicht, aber sie kann es nicht, es geht über ihre Kräfte! Mit einem unarticulirten Laut, halb erstickt im Pruschten und Gurgeln, reißt sie sich los, wirft sich auf einen Sessel, daß die Füße hoch in die Luft fliegen, preßt die Arme über dem Magen zusammen, daß sie sich krümmt, und bricht in ein Gelächter aus, so unbändig, so schreiend und herzaufquellend, als wollte sie ersticken an ihrer eigenen Fröhlichkeit. Beinahe entsetzt weicht Pia zurück und preßt die Hände gegen die Ohren. Ist die Kleine verrückt geworden?! Nein, sie ist bei völlig gesunden Sinnen, sie wälzt sich nur vor Lachen! Und das in dieser Minute! Auf das Tiefste verletzt wendet sich Pia ab. Welch ein kindisches, albernes Benehmen! und solch eiu thörichtes, kleines Wesen soll die Gemahlin eines Wulff - Dietrich werden! Ja, sie möchte auch lachen, voll wilden Zornes aber, mit blitzenden Thränen in den Augen! Da verstummt Fränzchen plötzlich, springt auf und schlingt die Arme ungestüm um den Nacken der Cousine. „Verzeih mir Liebstell keuchte sie, „aber . . . aber ich . . . ich mußte wahrhaftig lachen ... ich meine es nicht böse, wirklich nicht ... es kam nur so unerwartet . . . und es war so komisch ... ach . . liebe, süße Pia, bitte, zürne mir nicht!" und dann trotz alles Widerstrebens ein schallender Kuß auf die Wangen, und wie ein Wirbelwind saust das Backfischchen davon, glühend und dunkelroth. Fräulein von Nördlingen aber sinkt müde auf einen Stuhl am Fenster nieder und stützt die schmerzende Stirn in die Hand. Ein Zug tiefer Wehmuth liegt um ihre Lippen und verscheucht den ärgerlichen Ausdruck, welcher zuvor ihr Antlitz beherrscht. Nein, sie will nicht ungerecht sein. Sie weiß, daß die Verlegenheit sich oft in sonderbarster Weise bei jungen Menschenkindern äußert, und Fränzchen war fassungslos und todtverlegen in diesem Augenblick. Ihr süßes Geheimniß, welches sie so wohl behauptet geglaubt, plötzlich von Pias Lippen zu hören, hatte sie erschreckt und verwirrt, und weil sie nicht wußte, was zu antworten, nahm sie ihre Zuflucht zu einer übertriebenen Heiterkeit, welche nichts leugnete und nichts zugab! Kleine Närrin, gerade dieses sinnlose Gelächter verrieth sie am meisten, und Pia zürnt ihr gewiß nicht darum/ sie weiß, daß sie mit dem Unverstand und den unaufgeklärten Empfindungen eines Kindes rechnen muß. Wohin sie sich wohl geflüchtet hat? Horch . . . gedämpft ... aus dem Zimmer der Gräfin herüber schallt abermals ihr Gelächter, jetzt verstummt es, als habe sich jählings eine Hand auf ihren Mund gelegt. Sicherlich beißt sie in irgend ein Sophakissen, um ihr Organ zu zügeln. PiaS Blick schweift thränenglänzend durch das Zimmer und haftet jählings aus etwas Weißem, Zerknittertem, welches vor Fränzchens Sessel liegt. Sie erbebt. — Sein Brief! Was gäbe sie darum, könnte sie einen einzigen Blick in diese Zeilen thun! Fränzchen hat es ihr ja erlaubt und angeboten! Sie begeht keine Jndiscretion, wenn sie das Schreiben aufhebt und liest! Aber nein, — nein! — wozu das? Sie hat es ja aus seinem eigenen Munde gehört, daß zwischen ihnen für ewige Zeit ein Abgrund aufgeriffen ist, der Majoratsherr von Niedeck kann und wird nie um ihre Liebe werben, nie wieder! Zwischen ihnen braust ein breiter, tiefer, tiefer, Strom, und die Brücke, welche sich mit strahlenden Bogen von hüben nach drüben gespannt, hat Pia selbst voll sündhaften Trotzes, voll unseliger Heftigkeit hinter sich abgebrochen. Soll sie nun mit der Verzweiflung im Herzen einsam am steilen Ufer stehen und sehen, wie drüben die Hochzeit gerüstet wird? Nein, nein, es würde zu viel des Leides sein, und doch nur einen Blick auf die Zeilen, welche seine Hand geschrieben, auf welche sein liebes Auge geblickt, — nur einmal zärtlich mit der Hand darüber greifen, seine geliebte Nähe wie im Traum zu empfinden! Soll sie es? Sie erhebt sich mechanisch, — sie wankt dem hellen Schein nach--und dann zuckt sie zusammen, legt aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und schreckt zurück, als ob glühende Flammen aus dem weißen Papier emporschlügen, welche sie verderben wollen. Soll sie es? — darf sie es? Und wenn ein Fremder dieses Zimmer betritt? Wenn die Dienstboten diesen Brief finden und ihn durch ihre Neugier profaniren? Mit jähem Ruck neigt sich Pia und reißt ihn von der Erde empor. — Sie muß es! Und dann blickt sie auf das Blatt nieder, welches ihre bebenden Finger kaum zu fassen vermögen. Es ist nur der Briefumschlag! Gott sei Lob und Dank, an diesem begeht sie keinen Raub! Ihre Blicke suchen voll leidenschaftlichen Entzückens seine Schriftzüge. Groß, klar und edel sind sie, ein Grapholog würde sie wohl zu den harmonischesten zählen. Pia hat in Holland graphologische Werke auf des Onkels Schreibtisch gesehen und darin geblättert, sie entsinnt sich sehr wohl der einzelnen Merkmale. Ist in Wulff-Dietrichs Schrift ein einziger Zug, welcher auf Falschheit, Verstellung, Heuchelei weist? Keiner! — Kein einziger! Und doch, ist die Graphologie wirklich eine verbürgte Wissenschaft? Redet sie Wahrheit? Nein, sie thut es nicht! Pia will nicht an sie glauben, ihre Zweifel in des Geliebten Aufrichtigkeit sind ja die einzigen Rettungsgedanken, an welche sie sich anklammert, wenn die Hochfluth von Qual, Reue und Herzeleid sie verschlingen will! Ein Schritt nähert sich der Thür, hastig schiebt Pia das Couvert in ihr Kleid und eilt hochklopfenden Herzens zu dem Fenster zurück. Onkel Willibald trat ein. Er trägt eine Hand voll Postsachen und wirft die Briefe und Zeitungen auf den Tisch. „O, liebe Pia! welch glücklicher Zufall, daß ich Dich treffe! Bist Du beschäftigt?" „Nein, lieber Onkel, wenn Du eine Arbeit für mich wüßtest, wäre ich Dir von Herzen dankbar!" „Und ob ich welche für Dich weiß! Johanna und Fränzchen sind nirgends zu finden, ich vermuthe sie im Garten und bin, ehrlich gestanden, zu müde, um ihnen zu folgen. Da wäre es sehr lieb und freundschaftlich von Dir, wenn Du sie ersetzen und einmal mein Vortragender Rath sein wolltest! Du weißt, daß mir bei der Packerei mein Augenglas abhanden gekommen ist und noch immer nicht durch den Optikus ersetzt wurde/ da bin ich blind und hilflos 587 diesen Postsachen gegenüber und bitte Dich inständigst, mir den Inhalt der Briefe vorzulesen." Fräulein von Nördlingen zwang sich zu einem müden Lächeln. „Aber, Onkelchen, — wenn nun Geheimnisse darin stehen?!" Der Graf ließ sich behaglich in einer Sofaecke nieder und entzündete eine Cigarette. „Unbesorgt, Darling," scherzte er, „meine Liebesbriefe lasse ich mir von Johanna direct in die Ohren flüstern! Also los! Bitte, lies die Briefe erst einmal für Dich durch, damit Du mir alsdann ihren Inhalt klar und fließend vortragen kannst- — so macht es meine Frau auch." „Wie Du befiehlst!" Mechanisch griff das junge Mädchen nach den Schreiben und ließ sie flüchtig durch die Hand gleiten. „Hier ist ein Brief, welcher ganz mit Postbemerkungen beschrieben ist- er scheint viele Umwege gemacht zu haben, soll ich ihn zuerst öffnen?" „Wenn ich bitten darf." Gleichgültig, ohne näher hinzusehen, öffnete Pia das steife Couvert und schaut mit ihren thränenheißen Augen darauf nieder, sie stutzte. „Meine lieben, theuren Eltern? —" was bedeutet das? Ihr Blick überflog hastig die erste Seite — und hastete auf ihrem eigenen Namen, — „Miß Lilian Luxor . . ." Was bedeutet das? Sie tritt näher an das Fenster, neigt sich und liest — und das Papier knistert wunderlich zwischen ihren eiskalten Fingern, und ihr Athem geht schwer und keuchend, wie bei einer Sterbenden. Sie liest den Brief Wulff-Dietrichs, welchen er an jenem unglückseligen Morgen an seine Eltern richtete, den Brief, in welchem er zu Gunsten seines Bruders Hartwig auf die Erbfolge von Niedeck verzichten will, weil er im Begriff steht, sich mit einer Amerikanerin, Lilian Luxor, zu verloben! Und wie berichtet er den Eltern von seiner Braut und seiner Liebe! Alle Innigkeit, alle Gluth seines treuen Herzens schüttet er in diesen Zeilen aus, himmelhoch jauchzend als glückseligster Mann, obwohl er sich durch diese Liebe zum Bettler macht! Pia blickt auf die Zeilen nieder, bleich wie der Tod wird ihr Antlitz, ihr Auge starr und gläsern, ein Frösteln und Zittern geht durch ihre schlanke Gestalt, blutrothe Nebel wallen um sie her, mit leisem Wehgeschrei greift sie tastend um sich — — „Pia — allmächtigter Gott, was ficht Dich an?" Der Graf springt entsetzt auf und eilt zu ihr hin, aber noch ehe er sie erreicht, bricht Pia lautlos, w'ie von einem Blitzstrahl gefällt, vor ihm nieder, auf den Teppich. Capitel 23. Mit tausend Wünschen bin ich ausgegangen, Heim kehr ich mit bescheidenem Verlangen, Noch hegt mein Herz nur einer Hoffnung Keim, Ich möchte heim! — Carl Gerock. Sommerlich heiß leuchteten die Sonnenstrahlen in Pias Zimmer. Auf dem Tisch duftete ein Blumenstrauß, die Fenster standen weit geöffnet, und das junge Mädchen kehrte soeben, auf Fränzchens Arm gestützt, aus dem Garten zurück, um immer noch etwas bleich und erschöpft auf dem bequemen Sessel niedersinken. Boll rührender Sorgfalt waltete das Backfischchen ihres Pflegeramtes. Sie nahm mit spitzen Fingern, schier drollig in ihrer Unbeholfenheit anzusehen, den leichten Strohhut von den goldenen Löckcheü der Cousine, griff hastig nach dem seidenen Shawl, ihn um die Schultern der Genesenen zu legen und drückte beinahe mit dem Daumen ein Loch in die Wand, als sie den Knopf der electrischen Klingel in Bewegung setzte, um eine Erfrischung zu bestellen. Mit gerührtem Lächeln beobachtete Pia den Eifer der Kleinen, welche nur noch für die Cousine zu leben und zu existiren schien. Eine sanfte, friedliche Ruhe lag auf dem Antlitz des jungen Mädchens, ein Ausdruck stiller Ergebung, welche überwunden hat. Und gerade diese engelhafte Milde war er, welche ehemals zu ihrer vollen Schönheit gefehlt hatte. Der Zug herben Stolzes trat zu kühl und abweisend hervor, und die sprühende Heftigkeit blitzte oft zu wetterleuchtend aus den schönen Augen, um die Eigenart ihres Madonnengesichts nicht zu beeinträchtigen. Zwar hatte das strahlende Lächeln des Glückes ihr Antlitz mit süßem Zauber verklärt, seit Wulff < Dietrich ihren Weg gekreuzt, aber die kleinen Teufelchen des Stolzes und Trotzes hatten sich nur versteckt gehalten, um bei dem ersten Anlaß, in jener unglückseligen Scheidestunde, doppelt heftig hervorzubrechen. Nun aber hatte das Schicksal ihnen den Krieg erklärt, hatte Thränen und Seufzer, Kummer und Herzeleid zu Hülfe geholt und durch manch einsame, qualvolle Nacht in heißem Kampf mit ihnen gerungen, bis der Sieg erstritten war! W,. fff-Dietrichs Brief hatte jener im Meer des Leids Ertrinkenden die letzte Rettungsplanke aus der Hand gerissen. Nun trieb sie durch Tag und Nächte hindurch auf den brausenden Wogen erhitzter Fieberphantasien- aber die Nachtigall sang unter dem Fenster ein süßes, prophetisches Lied der Auferstehung und der Liebe. Bange, sorgenschwere Tage waren es gewesen, in welchen Fränzchens derbes, frisches Gesicht zum ersten Mal im Leben erschreckend elend ausgesehen hatte, wo sie in hülfloser Angst um Pias Leben seit langen Jahren wieder Thränen in den Augen gefühlt. Aber die junge, kräftige Natur Pias hatte überraschend schnell die Krankheit überwunden, und als sie zum ersten Mal wieder über die Schwelle ihres Zimmers schritt, glich sie einem Bäumchen im Lenz, welches der Sturm geschüttelt und in Thränenfluthen gebadet, damit die kleinen, giftigen Jnsecten, welche versteckt in der Blüthenpracht schliefen, herausgeschüttelt und vernichtet wurden. Nun glänzte die Sonne auf einem Engelangesicht, und Fränzchen flüsterte mit leuchtenden Augen in der Mutter Ohr: „So schön wie jetzt war sie noch nie!" Auch mit Fränzchen hatte sich in jener Zeit eine Veränderung vollzogen. Ihr Uebermuth war tiefem Ernst gewichen und auf dem keckem, lebenslustigen Gesicht lag der Ausdruck einer Energie und Festigkeit, welche nichrs Mädchenhaftes mehr an sich hatte. Es war zu erregten, öfteren Aussprachen zwischen ihr und dem Grafen gekommen. Was verhandelt wurde, erfuhr und ahnte kein Mensch, aber man schien sich schließlich geeinigt haben, denn Fränzchens Augen blitzten in Genugthuung, als sie mit hochgeröthetem Gesicht die Thüre hinter sich schloß. Sie athmete tief auf und strich mit dem Taschentuch über die feuchtperlende Stirn, trat zum Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Ein Zug tiefsten Schmerzes bebte um ihre Lippen, nur die Sterne am Himmel sahen, wie ihre junge Seele litt. Großer, herber Schmerz der Jugend ist Poesie! Auch durch Fränzchens Herz zitterte in dieser Stunde edelmüthiger Entsagung das erste Verstehen dessen, was ein Dichterherz bewegt, wenn sich aus seinem tiefsten Weh die heiligen Lieder ringen! Aber Fränzchen war eine starke, heldenhafte Natur. Sie überwandt auch die letzte Anfechtung dieser Stunde. Die Zähne zusammenbeißend, hob sie frisch den Kopf und strich energisch über die Augen. Dann trat sie schallenden Schrittes, wie immer, in den Salon der Mutter. „Mama," sagte sie mit fester Stimme: „ich habe es durchgesetzt! zu seinem Geburtstag wird die Bombe platzen!" Die Gräfin ließ den Kopf momentan auf die Brust sinken und verschlang die Hände wie in rathloser Ergebenheit. (Fortsetzung folgt.) - 888 - Gemeinnütziges VepnMehtes Essen beobachten kann. Die Art und Weise, wie ein Mann seine täglichen Mahlzeiten einnimmt, ist der untrüglichste Gradmesser für die augenblickliche Beschaffenheit seiner Gefühle. Allerdings ist dies eben nur bei einem Manne zutreffend — das weibliche Geschlecht besitzt nach Meinung des galanten Franzosen eine größere Verstellungskunst und empfindet nie ganz so intensiv. Also, um nun zu interessanten Beobachtungen des gallischen Menschenkenners zu kommen, so sollen folgende Anzeigen stets maßgebend sein: Entwickelt ein Mann einen ganz enormen, ungewöhnlichen Appetit, dann befindet er sich im ersten Stadium einer neuen großen Leidenschaft. Er hat „sie" kennen gelernt, ist Feuer und Flamme und schwebt in beständiger Erwartung,- Erwartung aber macht hungrig. Um zu erfahren, welche Fortschritte er in seiner Liebe macht, hat man nur nöthig, ihn weiter in seinen Mahlzeiten zu beobachten. Erscheint er bald darauf unnatürlich appetitlos, still und zerstreut, so ist ihm etwas Unangenehmes zugestoßen. Ein Anderer ist ihm bei „ihr" zuvorgekommen- er hat nur noch wenig oder gar keine Hoffnung. Bessert sich sein Appetit bald, so hatte das Unangenehme nicht viel auf sich- die Flamme seiner Gefühle lodert wieder mächtig empor. Je näher er dem Augenblick kommt, da er sich erklären will, desto auffälliger nimmt seine Eßlust ab. Sein Gesicht aber ist stets von einem Schimmer der Verklärung übergossen, seine Augen leuchten und er erröthet bei jeder Kleinigkeit. An dem Tage, da sich sein Schicksal entscheiden soll, ißt er überhaupt nichts. | Zerstreut spielt er mit Messer und Gabel, zerschneidet sein Fleisch sehr kunstgerecht, und merkt er, daß man ihn ansieht, dann schiebt er schnell die Gabel in den Mund — gewöhnlich aber war sie leer. Am nächsten Tage kann nun ein Blinder merken, ob der Freier angenommen wurde oder einen Korb erhalten hat. Im ersteren Falle ißt er entweder sehr viel oder gar nichts, aber bald nimmt sein Appetit wieder normale Dimensionen an, wenn er mit „ihr" Zank gehabt hat. Doch äußert sich ein derartiges Vorkommniß nach der Erklärung etwas anders als vorher. Ist der glühende Liebhaber tüchtig von seiner Angebeteten abgekanzelt worden und vielleicht gar mit Recht, dann läßt sich der Gekränkte etwas ganz besonders „Gutes" serviren und ißt mit wahrer Lust darauf los. Haben sich die Liebenden wieder ausgesöhnt und ist gar sie es gewesen, die ihr Unrecht eingestand und Abbitte leistete, so merkt man dies sofort an der rührenden Gutmüthigkeit, mit welcher der selige Verliebte alles, was man ihm vorgesetzt, ohne Ansehen der Qualität verspeist. Selbst angebranntes Fleisch, kalte Gemüse und harte Kartoffeln erregen sein Mißfallen nicht im Geringsten. Es gibt eine Kategorie Verliebter, die sich fast immer in einem derartigen Stadium befinden und diese Speeies bildet in ihrer absoluten Gleichgiltigkeit in Bezug auf culinarische Genüsse das Entzücken aller Pensions- wirthinnen! Ueberrasch ung. Junge Frau (kurz nach der Hochzeit): „Nicht wahr, Männchen, jetzt brauche ich mich doch nicht mehr so sanft zu stellen, wie vor der Hochzeit?" Aal s la maitre d’hötel. Den abgezogenen Aal schneidet man in Stücke und kocht ihn 20 Minuten in Salzwasser, worauf man die Stücke abtropfen läßt und sie auf eine warme Schüssel legt. Inzwischen vermischt man in einer Casserole etwas Mehl mit Butter, ohne es jedoch sich bräunen zu lassen, gießt ein halbes Glas Weißwein und ebenso viel Auflösung von Liebigs Flerschextract hinzu, salzt und Pfeffert, gibt die üblichen Küchenkräuter, Champignons sowie einen Kaffelöffel Weinessig bei und läßt Alles eine halbe Stunde still kochen. Dann bindet man di: Sauce mit zwei bis drei Eigelb und schüttet sie über die Aalstücke, zwischen die man in Butter geröstete Brodschnitte legen kann. Liebe Affen. Ein französischer Psychologe, der als äußerst scharfsinniger Beobachter von seinen Bekanten fast gefürchet wird, erklärt, auf den ersten Blick erkennen zu können, ob ein Mann verliebt sei! Weiter behauptet der durchaus nicht zerstreute Gelehrte, im Stande zu sein, sofort mit größter Exaktheit festzustellen, in welchem Stadium seiner Leidenschaft sich der Liebende befindet, wenn er ihn beim — WeihnNcht-bffAeeeien. Honigplätzchen. 500 Gramm Honig, 700 Gramm Mehl, 250 Gramm ungeschälte fein- geschnittene Mandeln, 75 Gramm Citronat, 75 Gramm Pommeranzenschale, 200 Gramm Zucker, 15 Gramm Zimmt, 5 Gramm Nelken, eine viertel Muskatnuß fein gestoßen, eine halbe Citrone abgerieben, 5 Gramm gereinigte Pottasche. Diese Sachen kommen bis auf den Honig in eine Schüssel und werden gut vermischt. Alsdann wird der Honig kochend gemacht und mit vermischt, in kleine Stücke geschnitten und langsam gebacken. — Muskatplätzchen. Zwei große Eier werden mit 140 Gramm feinem Zucker eine halbe Stunde gerührt. Die Schale einer halben feingewiegten Citrone, eine Messerspitze Cardamonen und Muscatblüthe, beides feingestoßen, sowie 140 Gramm Mehl wird noch dazu gerührt, das Backblech leicht mit Butter bestrichen, mit dem Löffel kleine Plätzchen aufgesetzt, dieselben zwei Stunden stehen gelassen, dann bei mäßiger Hitze gebacken. Diese Plätzchen halten sich lange Zeit.— Schwarze Schneeballen. Zwei Eiweiß werden zu Schnee geschlagen, 210 Gramm gesiebter Zucker und 70 Gramm fein geriebene Chocolade darunter gerührt, kleine Häufchen auf Oblaten gesetzt und bei gelinder Hitze langsam gebacken. * * » Eine praktische Methode ium Conserviren des Fleisches ist, nach dem „Practischen Wegweiser" Würzburg, folgende: DaS noch warme Fleisch der frischgeschlachteten Thiere wird in einem zuvor bereiteten innigen Gemenge von einem Theile pulverisirtem Salpeter in 32 Theilen Kochsalz , eingerieben, sodann ringsum mit soviel Kornkleie bestreut, als daran hängen bleibt. Hierauf wird das Fleisch entweder unmittelbar, oder nachdem es zuvor in eine einfache Lage Zeitungspapier eingewickelt worden, in den Rauch gehängt. Das fo. geräucherte Fleisch bekommt ein dem geräucherten Wachse ähnliches Aussehen, schmeckt sehr angenehm und hält sich Jahre lang ohne zu verderben. Um die geräucherten Fleischwaaren beim Anbruch der warmen Jahreszeit vor I Fliegen und Würmern zu schützen, verpackt man dieselben mit durchgesiebter, trockener Holzasche in eine Kiste, die an einem möglichst trockenen Platze aufgestellt wird. Das Geräucherte hält sich ganz vortrefflich. Neid. Frau Müller: „Sehen Sie nur den feinen Leichenwagen!" — Frau Schulze: „So einen kriegt Unsereins im ganzen Leben nicht!" * * * Der schlaue Gläubiger. Gläubiger: „Ist Ihr Herr Papa anwesend?" — Fräulein (verlegen): „Bedaure — nein!" — Gläubiger: „Schade! Men wollte ich bei ihm um Ihre Hand anhalten." — Fräulein (schnell freudig): „Jawohl, mein Papa ist da!" * * * Ein Anhaltspunkt. „Sepp, wann seid Ihr eigentlich geboren?" — „So an die 50 Jahre wären's halt sei, damals hat mei sel'ge Mutta no’ g'lebt!" Sebacttot: 8L Scheyda. — Druck uud «erlag der Brühl'schen llniverfitätS-Buch« und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.