IU SW »Ji W WWW Sä! 9ch, der Kranz des Lebens ist Nur gewebt aus Stunden. Eile, denn die kurze Frist Ist so bald verschwunden. Nur, wer strebend Kräfte übt, Sag' mit Recht: Er lebe; Nur der Zweig, der Trauben giebt, Haftet an der Rebe. K. Georgi. Der Majoratsherr. Roman von Nataly ». Eschstruth. (Fortsetzung.) Die leisen, müden, schlurrenden Schritte verklangen hinter der Thüre, und Graf Willibald sank auf den Stuhl nieder, legte die Arme auf das Fensterbrett und drückte das Antlitz darauf nieder. Ein Schütteln und Beben ging durch seine Gestalt, wie wenn die Verzweiflung einen Menschen mit rauhen Händen packt und schüttelt. Ins Irrenhaus! Dieser Anschlag krönte alles Elend, welches ihn, den Einsamen, Unglücklichen je heimsuchte! Eine Pistolenkugel — ein Giftpulver würde all dem trostlosen Leben ein wohlthuendes Ende bereitet und den Majoratsherrn von Niedeck von seinem Dasein erlöst haben, welches jeder Freude und jedes Glückes baar wurde. Aber in's Irrenhaus! Mit gesundem Verstand zeitlebens eingekerkert sein, verurtheilt zu dem schwersten, unerträglichsten Loos, welches je eine Menschenseele gemordet, — gefangen, ausgeschlossen, des eigenen Willens, der goldenen Freiheit beraubt, fürchterlich gestraft wie der schwerste Verbrecher —" Dieser Gedanke trieb dem verlassenen Mann den Angstschweiß des Entsetzens auf die Stirn. „Warum nicht?! Stehen die Zeitungen nicht voll der grausigsten Dinge, wie das fin de sidcle die Irrenanstalten mißbrauchen läßt? Ein Prozeß um den anderen erzählt von den ungeheuerlichsten Dingen, welche sich hinter den Mauern der Nervenheilanstalt abspielen sollen, — berichten von mehr wie einer Familientragödie, welche sich im Narrenhaus abspielt, — warum sollte Vetter Rüdiger, welcher sich nie scheute, das Leben des unglücklichen, verwaisten Knaben und Jünglings zu vergiften — davor zurückschrecken, den unbequemen Erbherrn aus diese bequeme Weise aus dem Wege zu räumen?" Er selber wäscht ja seine Hände in Unschuld! Er folgt nur dem Drängen Anderer, befehligt nur die Meute, welche das Wild in den Abgrund jagt! Ein dumpfer Schrei der Qual — der leidenschaftlichsten Erbitterung bricht über Willibalds Lippen. Er hebt das blasse Antlitz und starrt wie in verzweifelter Anklage zum Himmel. Mild und friedlich fluthet silbernes Licht über sein Haupt. Durch die nächtlich dunklen Wolken blickt der Mond wie ein Angesicht, welches voll tröstender, unendlich treuer Liebe auf ihn herabblickt. Weich, wie zärtliche Mutterhände streicht der Windhauch durch das Fenster und kühlt seine Stirn. Nein, er ist noch nicht vergessen da oben! Es giebt einen gerechten, wahrhaftigen Gott, welcher die Seinen nicht verkommen läßt, welcher auch den Ver- lasfensten und Verlorensten ein Glück beschieden hat, — nur die Wege, darauf man es erreicht, sind verschieden und führen gar wundersam durch Nacht zum Licht. Thränen treten in die Augen Willibalds. Tiefaufseufzend lehnt er sich zurück in den Sessel und starrt voll wehmüthigen Sinnens hinaus in die stille Mondnacht. Morgen soll er scheiden von hier, — wer weiß, ob er wiederkehrt. Abermals führt ihn das Schicksal in die Residenz, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, die verhaßte Stadt nie mehr zu betreten. Er denkt zurück an die Jahre, welche er dort verlebt. Entsetzliche Jahre! Jahre voll bittersten Herzeleids, voll Heimweh und geheimer Qual. Er entsinnt sich noch jeder Stunde, welche Rüdiger ihm vergällt. Er wird nie den Augenblick vergessen, wo der schöne, schlanke Knabe zuerst vor ihm stand und in ein herzloses Gelächter ausbrach: „Was, dieser Nußknacker ist Willibald? Na, das sage ich Dir, Du kleiner Wispelmann, mit Dir zeige ich mich nicht auf der Straße, sonst bellen uns die Hunde an!" Da erfuhr das verwaiste Kind zum ersten Male voll roher Deutlichkeit, daß es häßlich sei. Häßlich! — O du furchtbarste aller Heimsuchungen! Häßlich sein an der Seite eines hübschen, allgemein verhätschelten und bewunderten Knaben! Häßlich sein! in einem Hause, wo man die Häßlichkeit wie ein Verbrechen erachtete. wo man das Häßliche gemein und plebejisch nannte, es verspottete und verachtete! Welch ein Kette unausgesetzter Kränkungen war sein Leben! wie blutete sein feinfühliges und empfindsames Herz unter solcher Grausamkeit! Er lernte schwer, während Rüdiger spielend auffaßte und behielt. Willibalds kränklicher Körper konnte nicht Schritt halten mit den geistigen Anforderungen, welche man stellte, und wenn man ihn in der Pflege während verschiedener Krankheiten auch nicht direct vernachlässigte, so gab man sich doch auch nicht sonderliche Mühe, den Majoratsherrn, dessen Existenz den eigenen Sohn zum Bettler machte, am Leben zu erhalten. Aber das schwache Leben rang sich dennoch durch all die schweren körperlichen und geistigen Krisen hindurch, gleichsam zum Hohn für den schönen, kraftstrotzenden Vetter, welcher neben dem kümmerlichen, häßlichen Erbherrn von Niedeck dennoch zusammenschrumpfte, wie der Schatten vor der Sonne! „Jo, das Majorat! das beneidete ihm Rüdiger schon als Kind! Er war klug und egoistisch genug, um schon als Knabe den Werth des Geldes und den guten Klang eines Titels zu ermessen und zu begehren. Er haßte den Glücklichen, welchem das Schicksal Reichthum und Stellung schon in die Wiege gelegt, und damals reifte wohl schon der Plan in ihm, auf irgend eine Weise den Unbequemen zu entfernen. Mit der rohen Kraft der Faust durfte er es nicht mehr wagen, seit er einmal bei einem Streit um ein Spiel den schwachen Willibald beinahe zu Tode gewürgt. Der Erzieher sprang noch rechzeitig zu Hilfe, und wich seit jener Zeit nicht mehr von der Seite des Knaben. Seine Sympathien hatten stets dem armen, gequälten Erben gegolten, während sich Rüdiger durch sein herrisches, heimtückisches Wesen im ganzen Hause unliebsam machte. Auch Rüdigers Vater trat zum ersten Male mit der vollen Strenge und Energie gegen den Sohn auf, als er von dem Vorkommnitz Meldung erhielt. Man trennte die feindlichen Vettern und schickte Willibald auf eine Ritterakademie. Dort hätte er wohl ein erträgliches Leben führen können, wenn ihn nicht die vielen Kränkungen, welche er im Hause des Oheim erduldet, schon scheu und verbittert gemacht hätten. Dazu kam, daß Rüdigers bester Freund aus der Residenz sein Zimmergenosse ward und die Quälereien fortsetzte, welche Jener begonnen, er verdarb ihm von vornherein die Stellung bei den anderen Schülern, und Willibald zog sich immer menschenfeindlicher von jedem freundschaftlichen Verkehr zurück. Nach seiner Confirmation weilte er kurze Zeit zum Besuch bei dem Onkel, — verlebte unerträgliche Wochen, in denen er abermals zur Spielscheibe allen Spottes wurde. Je mehr die Knaben heranwuchsen, desto greller trat der Unterschied zwischen ihnen zu Tage, und je älter Willibald ward, desto bitterer empfand er es, häßlich, linkisch und geistig unbedeutend zu sein. Sein scheues, gedrücktes, menschenfeindliches Wesen stach seltsam ab, gegen die sichere, elegante Gewandtheit des weltmännischen Rüdigers, welcher vielleicht viel weniger gelernt hatte wie der Vetter, aber voll schlagfertiger Unverfrorenheit mit den spärlichen Kenntnissen brillirte, daß dieselben, unterstützt von seinem einnehmenden Aeußeren, alle Welt bewunderte. Je mehr aber Rüdiger sich voller schadenfroher Spottsucht bemühte, den Erbherrn von Niedeck in den Schatten zu stellen und in den Augen der Leute lächerlick zu machen, desto freiwilliger zog sich Willibald von allem Verkehr zurück. Auf Befehl des Onkel besuchte er die Tanzstunde. Zum ersten Male in seinem Leben schlug sein Herz höher auf bei dem Anblick eines engelhaft schönen, reizenden Mädchens, dessen Goldhaar ihn wie mit süßem, magischem Zauberlicht blendete. Sie war auch freundlich und gütig zu ihm, sie legte sogar ihre Hand lächelnd in die seine, um mit ihm zu tanzen. Wie ein Rausch dec Wonne, de- leidenschaftlichen Entzückens überkam es Willibald. Er, der so bettelarm an jedem Glücksempfinden war, schien wie betäubt von so viel Unerwartetem, doppelt tief, doppelt gewaltig und glühend zog die erste, junge Liebe in sein Herz. Zur fünften Tanzstunde erschien Rüdiger, welcher bis dahin krank gelegen. Sein Eintritt in den Tanzsaal machte allem Glück ein Ende. Mit schnellem Umblick war er orientirt. Er empfand es als ein besonderes Gaudium, dem „Wispelmann" die Flamme abspenstig zu machen. Welch ein Mädchen wäre unempfindlich, wenn seine Eitelkeit gereizt wird! Welch ein Backfischchen macht sich durch einen Verehrer lächerlich, über welchen alle Anderen glossiren? Mit der schonungslosen Grausamkeit der Kindernatur schwebte das blonde Elfchen in Rüdigers Armen dahin, — direct in das feindliche Lager hinein. Auf dem Heimweg aber erzählte der Sieger voll harmloser Fröhlichkeit: „Die Thea ist ein zu famoser Balg! brillante Witze machte sie, — allen Leuten giebt fie Spitznamen! Weißt Du, wie sie Dich nennt, Willibald? — „Das goldene Kalb", brillant, — was? bei Deinem vielen Geld!" Der Erbe von Niedeck krampfte schweigend die Hand über dem Herzen, welches in wildem, namenlosem Weh verblutete. Was er in jener Nacht erlitten, beschreibt keines Menschen Mund, — als aber die Sonne sein bleiches, finsteres, schmerzzerrissenes Antlitz traf, da las sie einen starren Entschluß darin, — Willibald von Niedeck wird sich nie im Leben wieder zum Spott eines Mädchenmundes machen! Diese Nacht hatte den Weiberhasser geboren. Und nicht allein sie haßte er, — nein, auch für Rüdiger wuchs der Funken des Haffes zur Flamme an. — Alles, was er ihm zuvor angethan, war ein Nichts gegen den Mord an seiner jungen Liebe, der einzigen Rose, welche sein dornenreiches Leben getragen. Die Studienzeit trennte die Vettern abermals und Willibald fand Gründe, das Haus des Vormundes zu meiden. Erst seine Mündigsprechung zwang ihn zu einem Besuch in demselben. Wie umgewandelt erschien ihm Rüdiger plötzlich. Innig, freundschaftlich, gewaltsam intim. Der Pessimist von Niedeck war aber nicht leicht zu täuschen. Der Haß lebte zu frisch und gewaltsam in ihm, um durch ein paar gleißnerische Worte in Freundschaft verwandelt zu werden. Er durchschaute den Vetter nur zu bald. Eine neue Jntrigue sollte dem Majoratsherrn das Majorat entziehen. Gab es nicht eine Erbschastsclausel, welche sechzehn Ahnen von der künftigen Schloßfrau von Niedeck verlangt? Dieses sollte ausgenutzt werden. Thea besaß keine sechzehn Ahnen, — heirathete sie Willibald, ward Rüdiger Erbe. Und diesen Plan verfolgte er ebenso schlau wie hartnäckig. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. So oft er auch eine Begegnung zwischen Beiden herbeiführte, und so bezaubernd wie Thea dem auch ohne Majorat schwer reichen — Grafen zulächelte, es prallte wirkungslos an dem starren, geistlosen Blick ab, mit welchem der Erbherr die reizende Jugendliebe musterte. Als Rüdiger endlich deutlich ward und von der tiefen Neigung der armen Thea sprach, welche sehnsuchtsvoll auf die Erklärung harre, — da flammte es in den soviel bespöttelten „Glotzaugen" des „Wispelmännchens" wunderbar geistreich und ironisch auf, und er sprach: „Ei, die kleine Thea ist doch eine gute Christin, und will trotzdem Götzendienerin werden und um das „goldene Kalb" tanzen?!" Rüdiger biß sich auf die Lippen. Zum ersten Male im Leben hatte er sich selber die Grube gegraben. Er änderte seine Maxime. Wollte Willibald nicht nach seinen — 413 die junge bei einer und nun Willibald er oder Dame von selber das Feld räumte, sie stürzte Wagenfahrt so unglücklich, daß sie die Hüfte brach elend und verkrüppelt im Rollstuhl saß. Rüdiger triumphirte! Nun war eine vorschriftsmäßige Partie für ausgeschlossen und er sein unbestrittener Erbe, — sein ältester Sohn. Wünschen heirathen, nun so durfte er sich überhaupt nicht vermählen. Bei seiner schwachen Gesundheit ward er wohl nicht allzu alt und Rüdiger mußte ihn alsdann beerben, denn er war der einzige Niedeck, falls der Majoratsherr ohne Erben starb. Er überwachte die beiden einzigen jungen Damen der Residenz, welche sechzehn Ahnen aufweisen konnten, mit Argusaugen, bereit, eine Verlobung auf jeden Fall zu verhindern. Die jüngere und hübschere hätte er selber wohl gefreit, wäre Vermögen vorhanden gewesen, — so begnügte er sich, sie so schnell wie möglich mit einem anderen guten Freund, welcher ihm den Liebesdienst erweisen konnte, zu verloben. Diese Zuversicht machte ihn übermüthig. Er lebte auf die künftige Erbschaft in Saus und Braus und machte Schulden, soviel es ihm beliebte. Aber der größte Kredit kann schließlich lahm gelegt werden. Jahre vergingen, und der Majoratsherr lebte rüstig und immer gesünder werdend, auf seinem Schloß. Die Gläubiger drängten. Rüdiger borgte den kleinen Vetter an und erhielt thatsächlich Hülfe, da Willibald ein viel zu vornehm und ideal denkender Mann war, um den Namen Niedeck einem Scandal preiszugeben. Er kam nicht dem verhaßten Vetter, sondern lediglich dem bedrohten Klang seines guten Namens zu Hülfe. Allerdings erklärte er, daß in Zukunft keinerlei Aushülfe mehr von ihm zu erwarten sei. Rüdiger glaubte nicht daran, sondern hoffte grade durch diesen so ängstlich gehüteten Namen einen dauernden Zwang auf den Majoratsherrn ausüben zu können. Er irrte sich. Willibald zeigte sich bei abermaligen Ansprüchen unerbittlich und Rüdiger ballte voll ohnmächtiger Wuth die Hände gegen den blödsinnigen Kerl auf den Millionensäcken! Seine Gläubiger drängten mehr denn je, es galt Stellung und Existenz für ihn! Da half ihm sein unverwüstliches Glück abermals. Er heirathete als Referendar eine der reichsten Erbinnen des Landes, die Tochter eines Großindustriellen, welcher durch gewagte Speculationen ein außerordentliches Vermögen erworben hatte. Rüdigers Leichtsinn war aber noch größer wie die fabelhafte Zulage, welche ihm sein Schwiegerpapa gab. Das junge Paar lebte in fürstlichem Luxus, welcher geradezu in Verschwendung ausartete, als der erste Sohn — der Erbe des Majorats, geboren ward. Nun war jeder Zweifel gehoben, wer einst Besitzer von Niedeck sein würde! Ein zweiter Sohn folgte und sicherte die Erbfolge, — Graf Rüdiger und Frau Melanie aber hielten ihre Goldquellen nun für so unerschöpflich, daß sie jeden, selbst den kostspieligsten Passionen, die Zügel schießen ließen. Etliche Jahre lang strahlte dieses wolkenlose Glück, — dann kam der deutsch-französische Krieg und nach ihm die selig-unselige Gründerzeit! Auch Rüdigers Schwiegervater ließ sich auf das „Gründen" ein. Er speculirte gewagter wie je, und das Glücksrad sprang herum und rollte dem Abhang zu. Erst wurden die fürstlichen Zulagen eingeschränkt, dann schrumpften sie bis auf das Aeußerste zusammen. (Kortsetzung folgt.) Bei der Anderen conspirirte er in anderer Weise gegen den Vetter, bis ihm der Zufall zu Hilfe kam und '' Frevelhafte Mode. Eine Bitte an die Frauenwelt. Von M. Kossak. ------- (Nachdruck »erboten.) Heber die weibliche Eitelkeit ist schon so viel geredet und geschrieben worden, daß man heutzutage sich wahrlich erst besinnen sollte, ehe man sie zum Gegenstände irgendwelcher Erörterungen macht. Es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Thema von der Schwiegermutter, das die Leser nur noch zu einem mitleidigen Achselzucken reizt. Wie neuerungssüchtige Autoren, mit guten alten Traditionen brechend, daher letzthin lieber den Schwiegervater zuni Vorwurf für humoristisch sein sollende Ausführungen wählen, so ergießen sie auch — notabene, wenn sie dem weiblichen Geschlecht angehören — ihren ganzen Spott abwechslungshalber über die männliche statt über die weibliche Eitelkeit. „Warum stets von einem Evafehler sprechen," sagen sie, „die Männer sind genau ebenso eitel wie wir, wenn nicht noch eitler." Zugegeben, aber — ihre Eitelkeit ist harmloser, unschädlicher. Zweifellos wird mir diese Behauptung heftige Anfeindungen seitens meiner Mitschwestern zuziehen, die der Umstand, daß ich selbst eine Frau bin, noch verstärkt. Dennoch, so leid es mir thut, vermag ich nicht zurückzunehmen, was ich gesagt. Hat man wohl schon je von Männern gehört, die aus Eitelkeit — das heißt, ich spreche lediglich von körperlicher — sich selbst oder sonst einem athmenden Wesen ein Leid zufügten? Die Herren der Schöpfung lassen sich von ihren Schneidern als Gigerln, Dandies oder Swells costümiren, sie kaufen sich armdicke Spazierstöcke, schön rosenrothe oder himmelblaue Cravatten, frtsiren ihr Haar und ihren Bart in mannigfachster Weise, aber damit hat die Sache auch ihr Bewenden. Die Frauen dagegen ruiniren ihre Gesundheit durch eine unsinnige naturwidrige Kleidung, sie stürzen sich in Schulden, um Schmuck und Putz zu kaufen, sie — ach du lieber Himmel, was thun sie sonst noch Alles nur um der lieben Eitelkeit willen! Die Formen, welche letztere annimmt, sind so mannigfach und zahlreich, daß es unmöglich erscheint, sie auch nur annähernd festzustellen, außerdem wechseln sie beständig. Zu den traurigsten Verirrungen, die in dies Capitel fallen, gehört die Sucht, Vögel als Schmuck der Toilette zu benutzen. Wenn man sieht, wie Damen, welche sich gerade auf ihre zarte Weiblichkeit so viel zu gute thun, sich nicht scheuen, Hüte und sonstige Garderobengegenstände mit den Körpern dieser lieblichen Geschöpfe zu decoriren, so steht man vor einem fast unlösbaren Räthsel, das sich wohl nur durch die menschliche Gedankenlosigkeit erklären läßt. Ein höchst drastisches, wenn auch erfundenes Beispiel hierfür las ich einmal in einer Zeitung. Ein armes Mädchen war um ihrer anscheinenden Bescheidenheit, Herzensgüte und Sanftmuth willen von einem reichen, hochstehenden Mann zur Gattin erwählt worden. Da er es ihr oft gesagt, daß gerade die erwähnten Eigenschaften ihr seine Liebe zugewandt, so wollte sie diese auch bei der Wahl ihres Brautcostüms zum Ausdruck bringen, daß heißt mit anderen Worten, sie beabsichtigte sich zur Trauung ihrem Character gemäß zu kleiden. Wie aber konnte sie das besser — meinte sie — als wenn sie ihre langschleppende weiße Atlasrobe über und über mit kaum fingerlangen ausgestopften Täubchen in der Farbe der Unschuld übersäete! Tauben, und gar weiße, sind ja die Sinnbilder der Sanftmuth und Reinheit. Weit und breit wurden bei Händlern derartige Vögel bestellt und es gelang auch, deren mehr als hundert zusammen zu bringen. Wer aber beschreibt das Erstaunen der minniglichen Maid, als sie, so gar zart und lieblich mit den jungen Täubchen geschmückt, vor ihren Verlobten tritt und dieser sich mit allen Zeichen des Abscheus von ihr wendet! Ein Mädchen, welches einem raffinirien Toiletteneffect zu liebe kaltherzig und grausam das Leben solch' einer Menge von armen Vögeln opfert, könne nie seine Gattin werden, erklärte er. Und dabei blieb's — keine Thränen, keine Bitten halfen, der junge Mann ließ 484 Braut, Gäste und Hochzeitsmahl stehen und fuhr auf Nimmer- wiederkehr nach seinem Schloß zurück. Daß diese Geschichte nicht wahr ist, erhellt aus dem Umstande, daß es erst fingerlange und doch schon befiederte Täubchen nicht giebt — die ganz jungen sind ja doch noch völlig nackt. Mag ihr Erfinder in der Zoologie auch wenig bewandert sein, so kennt er die Art, in der unsere höheren Töchter häufig zu reflectiren pflegen, desto besser. Der Mangel an folgerichtigem Denken, den man zuweilen bei ihnen antrifft, ist geradezu erstaunlich. Aeußerte doch vor gar nicht langer Zeit eine junge Dame, als sie mir ihren neuen, mit Colibris garnirten Hm zeigte: „Ach, ich liebe die Vögel so sehr, daß ich mir am liebsten jedes Toilettenstück mit ihnen decoriren lassen möchte." Wahrlich, ein wunderliches Raisonnement! Eine mir bekannte junge Frau rief in einem L-eebade ihre kleinen Töchter herbei, um sie auf ein Schwalbennest aufmerksam zu machen, das hoch oben in einer Ecke der Hoielveranda klebte. „Nein, dieser reizende Anblick!" jubelte sic. „Diese jungen Vögelchen mit ihren grünblau schillernden Köpfchen! Wie sie der Mutter die gelben Schnäbelchen entgegensperren ! Entzückend! Daß nur ja Niemand d e lieben Thierchen stört — das würde mir zu leid thun." Und dann, im selben Akhem fuhr sie fort: „Wißt Ihr was, Kinder für den Winter sollt Ihr Mützen, Kragen und Muffs aus Schwalben haben und ich selbst werde beim nächsten Maskenball als Schwalbe mit einem richtigen Schwalbennest auf dem Kopf erscheinen." „Und wie wollen Sie sich besagtes Nest verschaffen?" fragte ein zufällig anwesender Herr mit ironischem Lächeln. „Nun, mein Gott, ich lasse mir eins von irgend einem Dache herunternehmen." „So, so! Ich glaubte, Sie hätten ein künstliches im Sinn, da Sie doch zuvor äußerten, daß es Ihnen leid thun würde, wenn mau diese Vögel hier störte — —" Die Dame maß den Sprecher, betroffen von dem eigen- thümlichen Ton seiner Worte, mit unsicherem Blick. Allmälig aber mußte sie doch wohl verstehen, denn sie wurde roth, fand aber trotzdem keine geistreichere Erwiderung als: „Nun ja, ich will ja doch auch nicht gerade dieses Nest haben." Läßt sich die naive Grausamkeit dieser Vogelfreundin wohl treffender characterisiren, als sie selbst es mit ihren eigenen Worten that? Ja, ja, die zarten Frauen mit ihren weichen, empfindsamen Herzen. Ich sehe Sie im Geist die Köpfe schütteln, verehrte Freundinnen, Sie denken, daß Sie eine solche Antwort wie jene junge Frau nicht gegeben haben würden. Aber doch weiß ich ganz genau, was Sie im gleichen Falle zu Ihrer Entschuldigung angeführt hätten. „Ach, es werden ja von den Händlern jährlich so viele Tausende von Schwalben ge- tödtet und ausgestopft — warum soll ich nicht einige von ihnen für mich verwenden?" So oder ähnlich würde Ihre Antwort gelautet haben. „Kaufe ich sie nicht, so kaufen sie Andere." ' Nicht wahr, ich habe recht! Bekanntlich besteht die Allgemeinheit aber nur aus Einzelnen, und wenn demnach eine Jede — — — — — — —----Wie? Da eifern Sie nun gegen die Viviiection, gründen Vereine zur Abschaffung derselben, sammeln Unterschriften zu Petitionen, um dieser „menschenunwürdigen Barbarei" mit allen Mitteln entgegenzutreten — ja, warum lassen Sie die ganze Summe Ihres thatkräftigen Mitleids nicht den armen Vögeln zu gute kommen. Die Vivisection dient den höchsten und edelsten Zwecken — indem sie der Wissenschaft die Ursachen qualvoller Krankheiten offenbart, an denen schmerzengeplagte Menschenkinder hinsiechen, gewährt sie ihr die Mittel, dieselben zu heilen — der Massenmord der Vögel aber dient nur der weiblichen Luxus- und Putzsucht. Und dann — wie wenige Opfer fordert im Grunde jene und wie ungezählte diese! Statistischen Berichten zufolge sollen in den letzten 25 bis 30 Jahren mehr denn 8000 Millionen ausländischer Vögel für Toilettenbedürfnisse getödtet sein. Die Colibris unter Anderem, behauptet man, wären dem Aussterben nahe, so daß man jetzt daran ginge, unsere einheimische Vogelwelt zu Hilfe zu nehmen. Die kleinen Sänger in Wald und Flur werden vorerst wohl noch geschont, dafür aber sind unter den nicht singenden Vögeln bereits die entsetzlichsten Verwüstungen angerichtet. Wie traurig klingt es nicht, wenn man liest, daß z. B. die Schwalben, wenn sie heimwärts oder in die Ferne ziehen, in ungeheuren Mengen durch Electricität gemordet werden! In Korsika und Nordafrika, wo es Stationen giebt, auf denen sie erfahrungsgemäß zu rasten pflegen, spannen die Händler electrische Drähte aus, auf welchen die kleinen, vom weiten Flug ermüdeten Geschöpfe sich nieder- lassen, um bei der Berührung mit denselben tobt zu Boden zu fallen. Wenn das nicht ein Frevel ist, so giebt's wahrlich nichts, das diesen Namen verdient. Uns Deutschen gerade ist die Freude an der Natur und die Liebe zu ihren Geschöpfen angeboren, wir jubeln dem Frühling mit seinem Lerchenschlag, dem anbrechenden Morgen mit den Tausenden sich erhebenden Vogelstimmen entgegen, wir gerathen beim Anblick eines Vogelnestes in Entzücken, unser Herz schwillt in Mitleid, wenn wir zur Winterszeit die kleinen Vögelein darben und frieren sehen und dennoch — dennoch zerstören wir, was wir lieben und bewundern. — Welch' ein Widerspruch! „Streuet den Vögeln Futter!" — „Gedenket der hungernden Vögel!" und Anderes liest man allerorten, wenn Schnee die Erde bedeckt. Auf öffentlichen Plätzen, auf Dächern und Fensterbrettern wird er fortgefegt und statt dessen zerbröckeltes Brod und Getreide hingeschüttet, damit die Thierchen nicht dem Hungertode verfallen — warum offenbart sich dies Mitleid nicht nur zum Schutz gegen die Grausamkeit der Natur, sondern auch gegen die in unserem eigenen Herzen? Wir Frauen wollen uns anmuthig und geschmackvoll kleiden — gewiß, Niemand wird uns das verübeln — aber warum müssen wir dies auf Kosten von Legionen unschuldiger Wesen thun, die ebenso wie wir das Daseinsrecht genießen? Ist eine künstliche Blume, ein Band, eine Spange nicht auch schön? Jedes Culturbedürfniß sollte in einer Weise befriedigt werden, die allgemeinen Nutzen und nicht Schaden stiftet — die Fabrikation von Bändern, Blumen u. s. w. setzt zahllose fleißige Hände in Thätigkeit und giebt Menschen Brod, lassen wir uns doch an diesen Dingen genügen, wenn wir uns putzen wollen. Kaufen wir diese, so können wir uns dem tröstlichen Bewußtsein überlassen, Gutes zu schaffen, während wir, wenn wir unsere Hüte mit Vogelleichen bestecken, uns sagen müssen, daß wir an einem Vernichtungswerk mithelfen. Darum, deutsche Frauen, fort mit den Vögeln von Euren Hüten, Fächern und sonstigem Putz! Legt man sie Euch vor, weist sie mit Entrüstung zurück. Kaust Niemand die traurige Waare, an der Blut und Modergeruch klebt, so wird auch Niemand sie mehr feilbietrn und die kleinen Sänger in den Lüften, die ungestört sich des goldenen Sonnenlichtes freuen dürfen, werden Euch ein Danklied singen. L^unrovistifches. Boshaft. Dichter: „Ganz unerklärlich! Ich finde mein der Redaction emgereichtes dramatisches Gedicht wieder nicht in der Zeitung!" — Freund: „Hast Du schon unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen" nachgesehen?" * * * Vorsichtig. „Herr Hauptmann, wie viele Visitenkarten darf ich Ihnen dieses Mal anfertigen?" — „®° wenig wie möglich! Ich trage nach den großen Manövern entweder einen anderen Titel oder — einen Cylinder!" Redaktion: 8L Scheyde. — Druck und Verlag der Brühl'schen llniversitats-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m «'eßen.