Der schwarze Panther. Novelle von Wilhelm Fischer. (Fortsetzung.) III. Am nächsten Morgen setzte ich cs beim Untersuchungsrichter durch, daß Don Alonso die denkbar möglichsten Freiheiten zugestanden wurden. Es war dies um so leichter, als der Untersuchungsrichter nicht an die Schuld des Selbst- denuncianten glaubte. Wie er mir sagte, war er entschlossen, den Unglücklichen auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, was ich mit Mühe im Interesse meines Clienten verhinderte. Dann eilte ich, ihn aufzusuchen. Don Alonso begrüßte mich herzlich. Ich theilte ihm die Vergünstigungen mit, welche ich beim Untersuchungsrichter für ihn erwirkt hatte und offerirte ihm eine Cigarette, die er sofort in Brand setzte. Er dankte mir für meine Fürsorge in überschwenglicher Weise, dann meinte er schmerzlich läckelnd: „Ich glaube, Herr Doctor, es ist besser, ehe ich meinen armen, geplagten Kopf mit juristischen Thesen und Anthithesen überlade, ich erzähle Ihnen, ich beichte Alles, was mit Con- suele und mir im Zusammenhang steht. Dann mögen Sie rathen, helfen urtheilen und verdammen. Wer die Ursache kennt, wird die Wirkung, und mag sie zermalmend sein, begreifen, und Alles begreifen, heißt Alles verzeihen." Ich erklärte ihm, daß ich vollkommen seine Ansicht theile und bat ihn, in seiner Erzählung fortzufahren. „In Nancy angekommen," Hub er nach einer Weile des Besinnens an, „fand ich in meiner Wohnung einen Brief meines Vaters vor, in dem mir der alte Herr mittheilte, daß sich seine Verhältnisse bedeutend gebessert hätten. Um mich an seiner Freude theilnehmen zu lassen, habe er mir fünfhundert Francs an der Banque de France angewiesen. Die Summe kam mir gelegen; ich machte vor lauter Freude einen Lustsprung nach dem anderen — dann eilte ich, die Summe zu erheben. Für Consuela und ihren Vater miethete MS iel Tausende sind für alle Gaben Der Schönheit, der Kunst und des Lebens blind: Sie können für nichts Interesse haben, Wenn sie nicht auch — interessirt daran sind. M. E. ich alsdann in der Nähe des bereits fertiggestellten Circusgebäudes eine prachtvoll ausgestattete Wohnung. Nach wenigen Tagen traf der Circus mittelst Extrazuges aus Metz ein. Unser Wiedersehen war ein äußerst herzlichstes. Consuela hing sich sofort in meinen Arm und überließ ihrem Vater die Sorge für die Effecten und die Thiere. Sie erzählte mir in Heller Freude, die mich beglückte, von ihren Erlebnissen der letzten Zeit, wobei ihr das kokette Geständniß entwischte, daß sie sich doch ein klein wenig nach mir gesehnt hätte. Sie war mit einem Wort entzückend. Am Abend feierte ich denn auch an der Seite Consuelas und ihres Vaters im Kreise der Artisten den Einzug der Gesellschaft in Nancy. Ein herrlicher Abend, in vollen Zügen sog ich das Abenteuerliche ein, das mich umgab. Ich war so aufgeräumt in biefem Milieu de Boheme wie vordem in keiner Gesellschaft, zu der mich mein Madrider Tanzmeister zurechtgedrillt hatte. Die Menschen um mich herum kamen mir vor wie kleine Kinder, so harmlos war ihr Gespräch, so natürlich ihr Betragen. Kein Falsch an ihnen, kein Jn- triguantenthum. Und das bestach mich. Meine gute Laune ging auch auf Consuela über. Sie war ausgelassen und heiter. Wir waren bald ein Herz und eine Seele. In einer anderen Umgebung wäre dies natürlich ausgefallen; man hätte über unsere Beziehungen, so keusch und rein sie auch waren, die ungeheuerlichsten Muthmaßungen angestellt. Hier fiel es keinem der Anwesenden ein, Betrachtungen über die Art der Berechtigung meiner Anwesenheit anzustellen. Später begleitete ich Consuela und ihren Vater nach ihrem neuen Heim, das sie entzückend fand. Wir trennten uns mit der Verabredung, uns am nächsten Morgen um zehn Uhr zur Probe im Circus zu treffen. Als ich um die verabredete Zeit erschien, fand ich Consuela in der Manege vor dem Zwinger stehen, die Bestien liebkosend. „Pascha, Brutus, hierher," rief sie, nachdem sie mir zur Begrüßung die Hand gereicht hatte, „macht Eure Reverenz vor Don Alonso, meinem Freunde." Da kam ein Stalljunge mit einer in einer Mausefalle gefangenen Maus vorüber. „Lassen Sie die Maus in den Käfig," rief sie, und sich zu mir wendend: //Paffen Sie auf, Don Alonso, ein königliches Schauspiel." Der Stalljunge öffnete die Falle. Die Maus huschte in den Käfig. Die Löwen, Tiger, Leoparden sprangen entsetzt auf, als sie das kleine Ungethüm in ihrem Zwinger gewahrten. Neugierig, halb erstaunt, halb erschreckt lugten sie nach der Maus, die sich zitternd duckte. Der Löwe Pascha tappte vorsichtig auf das Thierchen zu und gab ihm einen leichten Stoß mit der mächtigen Pratze. Entsetzt flüchtete die Maus — 430 auf eines der anderen Thiere zu, das mit allen Zeichen des Schreckens flüchtete. Consuela klatschte vor Freude in die Hände. Sie lachte laut und belustigt auf, wobei sie ihr Haupt an meine Brust lehnte. Ich benützte diese Gelegenheit und flüsterte ihr leise und innig zu, daß ich sie liebte, sie zu meinem Weibe begehre, daß ich ohne sie nicht mehr zu lehen vermöge. Sie hörte beseligt zu, dann sagte sie auf die Maus deutend: „Wollen Sie wirklich meine Maus sein, Don Alonso?" „Warum nicht, Geliebte. Machen Sie aus mir, was Sie wollen." „Gut denn, ich bin die Ihre, Don Alonso." Damit reichte sie mir die Hand, die ich inbrünstig an meine Lippen führte. In diesem Augenblick hörte ich ein ängstliches Pipsen. Der schwarze Panther hatte die Maus mit seiner Tatze erwischt, und ehe wir ihm wehren konnten, hatte er das Thierchen verschlungen, worauf die anderen Bestien sich philosophisch zur Ruhe niederlegten. „Die arme Mausl" sagte Consuela mitleidig. Dies Mitgefühl that mir wohl, und wenn ich auch sonst abergläubisch bin, Consuelas Mitleid für die arme Maus zerstreute meine Bedenken. Aber seit dieser Stunde war mir der schwarze Panther die gefährlichste Bestie. Glauben Sie mir, Doctor, ich habe in meinem Leben wohl an fünfzig Löwen und Tiger dressirt und niemals Furcht gefühlt. Vor dem schwarzen Panther war ich immer auf der Hut. Die Bestie kann einem nicht ins Auge blicken, sie bleibt, noch so gesättigt, immer blutdürstig. Und sie ist denn uns Allen auch ver- hängnißvoll geworden, mir, meinem Weibe und meinem Schwiegervater. Doch das ermüdet Sie. Als Consuelas Vater in der Manege erschien, eilte sie ihm jubelnd entgegen: „Väterchen, heute ist keine Probe. Heute ist mein Festtag. Wir haben uns verlobt, ich und Alonso." „Sapristi" knurrte der Alte, indem er die Fäuste in die Hüften stemmte. „Diese Art von Festtagen stehen nicht in meinem Kalender. Don Alonso, Sie sind eine Flibustier, bei der Madonna von Sevilla, Sie gehen scharf ins Zeug." Ich machte einige komische Gliederverrenkungen, die andeuten sollten, daß ich nichts für mein Schicksal könne, während Consuela ihrem Vater alle möglichen Kosenamen gab. „Per Dio,“ grunzte er jetzt ganz behaglich, „wenn Ihr Euch liebt, mir soll's Recht sein. Meinen Segen habt Ihr, vorausgesetzt, daß Alonsos Vater, der hochgeborene Herzog de Melio, nichts gegen Eure Heirath hat." Mir jagten diese Worte einen Todesschrecken ein, indessen beeilte ich mich zu lügen: „Der Herzog liebt mich, er ist nicht stolz auf seinen Adel, er wird uns seinen Segen nicht versagen, verlasse Dich darauf, Consuela!" Der alte Thierbändiger grunzte einige unverständliche Worte, dann beeilte er sich, den Befehl zu geben, daß der Dressurkäfig aus der Manege gerollt werde. Als dies geschehen war, lud er den inzwischen erschienenen Director und dessen Gemahlin zu einer kleinen Festlichkeit ein, die er zu Ehren der Verlobung seiner Tochter mit dem Marquis Alonso de Melio im vornehmsten Restaurant der Stadt veranstalten werde. Ich fuhr nach Hause und machte Toilette, dann holte ich in einer Equipage meine Verlobte und deren Vater ab. Nach bem ersten Toast, den der Director ausbrachte, nahm mich der alte Thier bündiger bei Seite, um mir mitzutheilen, daß er seiner Tochter die Hälfte seines Vermögens, eine Viertel Million Francs als Mitgift gebe. „Vielleicht", setzte er stolz hinzu, „trägt dies dazu bei, die möglichen Bedenken des alten Herzogs zu beseitigen." Mir fiel ein Stein vom Herzen/ ich wußte, wie sehr mein Vater eine reiche Heirath seines Sohnes ersehnte. Sein Vorurtheil gegen den Stand meiner Erwählten und ihres Vaters glaubte ich mit Erfolg bekämpfen zu können, ich kannte ja damals den beinah lächerlichen Standesdünkel meines Vaters nicht, zudem war ich majorenn und Herr des kleinen Vermögens meiner ver storbenen Mutter. Der Director hatte die Liebenswürdigkeit, das Auftreten meines zukünftigen Schwigervaters an diesem Abend zu inhibiren, uns aber für die Vorstellung selbst eine Loge zur Verfügung zn stellen. Ein glücklicheres Menschenpaar wie wir gab es nicht an diesem Tage. Am Abend sagte dann Consuelas Vater, der mit stillem Behagen unser Glück bemerkte: „Eine Verlobte, Consuela, ist immer zerstreut, also taugt sie nicht zu einer so gefährlichen Arbeit, wie wir sie zu leisten pflegen. Ich decretire also, daß meine Tochter auch aus Rücksicht auf meinen zukünftigen Schwiegersohn in Nancy nicht auftritt." Consuela widersprach, aber schließlich gab sie meinen Bitten und Vorstellungen - nach. „Meine armen Löwen, die mich so sehr lieben, wie werden sie sich nach mir sehnen," sagte sie betrübt und eine Thräne schimmerte in ihren herrlichen Augen. Ich küßte sie hinweg, und da lächelte sie wieder so wonnig wie die Sonne an einem heiteren Maienmorgen. Damals liebte sie mich aufrichtig, aber Alles vergeht, auch die Liebe und Alles Erhabene wird erbärmliche, aufreibende Gewohnheit, denn Alles, was entsteht, ist Werth, daß es zu Grunde geht." Wir lebten so glücklich wie Kinder, die von der Schulbank befreit, sich im Freien tummeln, mehrere Wochen und bauten Luftschlösser. Als ich jedoch eines Tages Consuela andeutcte, daß ich aus Rücksicht auf meine Familie wohl fordern müßte, daß Consuela in Zukunft ihrem Berufe entsage, da sträubte sie sich und es kam zu einer leidenschaftlichen Scene zwischen uns. Ich mußte nachgeben, denn meine Verlobte erklärte mit einer wilden Energie, die mich entsetzte, daß sie unter keinen Umständen sich in dieser Beziehung die Hände binden werde. Sie sprach von Ruhm, von der Freude, die sie empfinde, wenn die Bestien ihr gehorchten auf Wort und Blick, vom Haschischrausch des Beifalls, der ihre Seele nähre. Ich beschwichtigte sie in der stillen Hoffnung, daß ich als Gatte durchsetzen werde, was mir als Verlobter nicht möglich war. „Wer weiß," hatte sie mir leidenschaftlich zugerufen, „ob Dein ahnenstolzer Vater die Mesalliance überhaupt billigt. Und dann . . ." Ich fuhr bei diesen Worten zusammen, denn ich hatte Tags vorher nach langem Zaudern meinem Vater brieflich, in flehentlichen Worten Kenntniß von dem fait accompli meiner Verlobung gegeben, um seine Verzeihung und um seinen Segen gebeten. Als ich nach der Scene mit meiner Braut nach Hause kam, fand ich ein Telegramm meines Vaters vor, das ebenso vernichtend für mich als bezeichnend für meinen Vater war." „Mein Sohn hat die Frau zu heirathen, die ich ihm gebe oder aufzuhören mein Sohn zu sein . . ." Ich knirschte vor Wuth mit den Zähnen. Ich sah mich vor einem Bruch mit meiner Familie, denn ich kannte den starren Sinn meines Vaters. Was nun thun? Kurz und gut, ich war männlich genug, Consuela das Telegramm zu zeigen und ihr die Entscheidung zu überlassen. Sie stampfte wüthend mit dem Fuß auf, als sie das Telegramm gelesen, dann blickte sie mich mit jenem seltsamen, unergründlichen Blick forschend an — mir wurde ganz heiß dabei, — schließlich sagte sie: „Ich halte auch jetzt noch das Wort, das ich Dir gegeben, das Deine zu halten, stelle ich Dir anheim, denn Du hast zwischen mir und diesem da zu wählen." Mit diesen Worten warf sie das Telegramm auf den Tisch. „Ich habe gewählt," rief ich feurig aus, indem ich sie umarmte. Sie duldete und erwiderte meine Küsse mit all der leidenschaftlichen Gluth ihres Temperaments und entfachte einen Brand in meiner Seele, den selbst diese kalten, kahlen Gefängnißmauern nicht zu ersticken vermögen. Von dieser Stunde an war sie wie umgewandelt,- während sie früher kokett und spröde that, sodaß oft Zweifel an der Tiefe ihrer Zuneigung in mir entstanden, war sie jetzt stnnbethörend verführerisch und in den Aeußerungen ihrer Liebesleidenschaft so verschwenderisch, wie nur eine Spanierin sein kann. Die Bedenken des Vaters gegen die Heirath ohne Einwilligung des Herzogs zerstreuten wir. „Hm," meinte der Alte, „es ist ja richtig, die Zeit heilt Alles, so sei es denn. Wir beschleunigen die Hochzeit und sind dann Alle aus dieser verdammten Mausefalle heraus." Ich theilte meinem Vater in ehrerbietigen Worten mit, daß ich das meiner Braut gegebene Wort ritterlich, wie es sich einem Melio geziemt, halten werde und nochmals um seinen 431 Segen bitte. Der Herzog sandte mir den Brief mit der Randbemerkung zurück, ich müsse mich irren, er kenne keinen Melio, der eine Circusdame heirathe. Es war aus zwischen uns, das war mir klar. Die Zinsen meines mütterlichen Vermögens, das festgelegt war, betrugen kaum 200 Francs monatlich. Sie waren mir bisher ein angenehmer Zuschuß zu dem Wechsel meines Vaters. Ich sah mich auch finanziell aus allen meinen Himmeln gestürzt. Was nun? Als Ehemann studiren, das behagte mir nicht, und Consuela, deren Beruf sie wie eine Zigeuerin von Stadt zu Stadt hetzte, des Studirens wegen allein lassen, hätte ich nicht ertragen. Da half wieder mein biederer Schwiegervater. „Ich habe mit Löwen gekämpft," rief er aus, „weshalb soll ich den Kampf mit Herzögen nicht wagen. Das Nadelgeld Deiner Frau wird Euch eine Position in der Gesellschaft sichern, um die Euch ein sechsfacher Grande beneidet." „So bin ich denn der Mann meiner Frau!" sagte ich resignirt. Der Alte gab mir darauf das gute deutsche Wort: „Quatsch!" zur Antwort. Ich mußte laut auflachen, das „Quatsch" kam so drollig heraus. „Sie werden bemerkt haben, Herr Rechtsanmalt, unterbrach sich jetzt mein Client, „daß ich deutsch spreche, so gut wie ein geborener Deutscher. Meine verstorbene Mutter war nämlich eine Deutsche, die mein Vater kennen lernte, als er in spanischen diplomatischen Diensten in einer mitteldeutschen Residenzstadt thätig war." Ich machte Don Alonso eine dankende Verbeugung. „Sie können sich denken," fuhr er fort, „daß die humoristische Auffassung meines Schwiegervaters über die veränderte Sachlage mir wesentlich das Prekäre meiner peinlichen Situation erleichterte. Ich konnte nicht zurück, also vorwärts, vorwärts. Ich brach alle Brücken hinter mir ab. Eine neue Sonne leuchtete mir am Firmament, strahlend schön und verheißungsvoll. Consuela ward mein Weib. Da sie Spanien, Frankreich und Italien zur Genüge kannte, hatten wir beschlossen, dem Heimathslande meiner verstorbenen Mutter, Deutschland, unsere Hochzeitsreise zu widmen. Am Tage unserer Hochzeitsreise hatte mir mein Schwiegervater die inhaltsschwere Mittheilung gemacht, Consuelas Mutter sei ihm eine pflichtvergessene Gattin gewesen. Sie habe ihn und das unschuldige Kind betrogen, betrogen mit einem armseligen Gaukler. Er habe sich von ihr scheiden lassen, und dann sei sie verdorben, gestorben. „Ich halte es für meine Pflicht, Dir dies nicht vorzuenthalten," schloß der Brave, „aber verschone sie mit dieser Nachricht/ sie weiß es nicht und liebt ihre tobte Mutter, die sie im Himmel wähnt. Es würde sie tödten." Ich versprach es ihm. Damals war ich nicht der Jbsenianer, der ich heute bin, Herr Rechtsanwalt. Heute hat mich der Fluch der Vererbungswahrheit vernichtet, zum Mörder gemacht. Ich beruhigte also meinen Schwiegervater, und wir reisten ab nach Norderney, nach Helgoland, nach Hamburg, wo wir längere Rast machten. Consuela interessirte der „Zoologische Garten" und die Dressurmethode in Hagenbecks Circus. Ich mußte gestehen, auch ich interessirte mich dafür. Der zukünftige Beruf begann sich bereits in mir zu regen. Sie wissen ja, Weibes Stimme ist Gottes Stimme. Fragen Sie jeden ehrbaren Kaufmann, der eine Schauspielerin ge- heirathet hat, und er wird Ihnen erzählen, wie man sich schminkt und wie man beim Schminken intriguirt. Es ist einmal so Weltenlauf. Zudem wußte ich nicht, wie meine Zukunft, meine Kraft ausnützen. Ich dachte zuerst ans Schriftstellern. Mein Gott, warum das große Heer der Führerlosen vermehren, weshalb sich selbst die Märthrerkrone des Schönen auf's Haupt setzen und mit dem Bettelstab nach dem Lorbeer schlagen? Ich hatte an meinen Freunden, talentvollen Burschen, ebensoviele abschreckende Beispiele. Ich warf den Gedanken von mir. Ich war oftmals unzufrieden mit mir selbst, aber Consuela verscheuchte die Wolken von meiner Stirne. Einmal küßte sie mich lange und innig, wie nur sie küssen konnte, dann meinte sie ganz ernst: „Wenn das Pascha sehen würde, er würde dich vor Eifersucht zerreißen, Alonso." „Wer ist Pascha?" meinte ich zerstreut. „Du kennst Pascha nicht?" rief sie entrüstet, „Pascha, meinen Lieblingslöwen?" Ich mußte thatsächlich auf den Knien um Verzeihung bitten und ich thats. Ich gestehe, manchmal machte mich diese Affenliebe Consuelas zu ihren Thieren gründlich eifersüchtig. Dann lachte sie mich aus. Einmal, wir verweilten im idyllisch gelegenen Fährhaus zu Blankenese — rund um uns herum in der Veranda saßen ein Dutzend junger Hamburger Dandys, die mit der Ungenirtheit deutscher Weltstädter meine Frau fixirten — bekam ich einen ähnlichen Eifersuchtsanfall, der ihr zum ersten Male in unserer Ehe Thränen erpreßte. „Du bist wirklich eifersüchtig auf meine Thiere," grollte sie, „gut, ich will dich lehren, was Eifersucht ist." Und sie fing an mit den Lasten um uns herum zu kokettsten. Ich biß mir die Lippen blutig, ich hätte sie damals erdrosseln können. Erdrosseln, Herr Rechtsanwalt, ich erwähne das, weil Sie mir hier Beichtvater unö Freund sind, der über mich zu Gericht sitzen soll. Und ich spreche die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Ich muß kreideweiß ausgesehen haben, als ich brüsk mich erhob und den Saal verließ. Consuela eilte mir nach und beruhigte mich unter Weinen und Lachen. „Du guter, eifersüchtiger Bär," rief sie ein über das andere Mal. „Wie kannst Du nur glauben, daß Dich ich im Ernste erzürnen wollte." Ich konnte nicht widerstehen, wir versöhnten uns und ich Dummkopf gab ihr überdies noch das feierliche Versprechen, niemals wieder auf ihre Löwen eifersüchtig zu sein. Die Versöhnung besiegelten wir mit einer Flasche ausgezeichneten Weines. Wir fuhren dann Abends mit einem Dampfer zurück. Im Hotel überreichte mir der Portier eine Depesche. Ich erbrach dieselbe. Sie war vom Direetor des Circus S. und enthielt die inhaltsschweren Worte: „Sofort kommen, großes Unglück, S." „Das betrifft den Vater," sagte Consuela mit erstickender Stimme. Wir reisten mit dem nächsten Blitzzug ab. Als wir, der Circus war inzwischen nach Brüssel übergesiedeit, dort ankamen, wurde uns das Unglück in seiner ganzen Größe bekannt. Der schwarze Panther hatte Consuelas Vater während der Vorstellung angerissen und zum Tode verwundet. Wir eilten an das Schmerzenslager eines Sterbenden. „Er ist verloren," raunte mir der Chefarzt zu, „es geht mit ihm zu Ende. Gut, daß Sie kommen." Ein freudiges Lächeln huschte über die leidenden Züge des Sterbenden, als er uns erkannte. Consuela sank weinend am Schmerzenslager des Vaters nieder. „Gut, daß Ihr gekommen seid," flüsterte der Unglückliche, „ich fühle, es geht mit mir zu Ende. Sorge für die Thiere, verschleudere sie nicht, Consuela, sie sind werthvoll. Der Panther ist tobt, bie Bestie hat es mir angethan. Das Anbere weiß mein Notar, ber Doctor kennt ihn . . . Ich habe für Euch gesorgt, sorge für mein Kinb, Alonso, unb hüte sie tote Dich selbst. Verkaufe bie Thiere nicht, Consuela, laß sie üben, sonst werben sie faul . . . faul . . . unb träge . . . unb taugen nichts mehr .. ." Ein Röcheln, unb der Aermste hatte ausgelitten." Don Alonso reichte mir die Hand mit den Worten: „Für heute genug, lieber Doctor. Der Cerberus winkt," er deutete wehmüthig auf den eintretenben Gefängnißwärter, ber mir respectvoll ein Zeichen gab, baß meine Zeit um sei. „Also auf morgen, lieber Freund," meinte ich, bent Gefangenen warm bie Hanb brückenb unb wehmuthsvoll verließ ich bie öbe Zelle. (Schluß folgt.) Kaiser Wilhelm und die schöne Rostockerin. (Schluß.) Pünktlich wie immer war bie Abfahrt bes Königs erfolgt, jetzt näherte sich ber Wagen, in welchem er an der Seite bes Großherzogs saß, langsam. Die Herren lüfteten ehrfurchtsvoll bie Hüte, die Damen schwenkten Taschentücher,- 432 die Monarchen grüßten dankend nach allen Seiten. Als der König aber Katharina bemerkte, glitt ein freudiges Lächeln über sein ehrwürdiges Antlitze er nickte ihr mit größter Herzlichkeit zu und rief ihr ein „Leben Sie wohl!" hinüber. Wenige Minuten später machte sich Katharina auf den Weg, um sich das Andenken des Königs abzuholen. Alle Thüren öffneten sich ihr und als sie jetzt, das zweite der vom König bewohnt gewesenen Gemächer betretend, sich dem Arbeitstisch näherte, sah sie auf diesem eine soeben erblühte, prachtvolle rothe Rose liegen. Mit seufzender Seele ergriff sie die Rose, drückte einen Kuß auf sie und steckte sie sich an die Brust. — Eine Reihe von Jahren war vergangen. Katharinas Schwester hatte längst geheirathet, Katharina selbst jedoch eine ganze Schaar von Freiern liebenswürdig abgewiesen. Sie war übrigens noch immer schön wie früher, ja vielleicht noch schöner- und wenn sie gewollt hätte, so hätte sie auch sitzt noch die glänzendsten Partien machen können. Aber sie wollte nicht und lebte ihr stilles, jungfräuliches Leben im Hause der Eltern weiter. Der große Krieg war inzwischen vorübergebraust und König Wilhelm deutscher Kaiser geworden. Oft genug hatte Katharina den Wunsch geäußert, nach Berlin zu reisen und den Kaiser zu sehen- aber der Vater erlaubte es nicht. Da las man eines Tages in der Zeitung, daß der Kaiser bei Gelegenheit der großen Manöver in Rostock das Hoflager halten würde — und nun wurde es wieder im Hause des Medicinalrathes X. lebendig. Katharina konnte kaum den Tag der Ankunft des Kaisers erwarten - und als der Tag herangekommen war, trieb es sie hinaus, weil sie den Einzug des verehrten Kaisers miterleben wollte. Der Jubel des Volkes war groß und auch Katharina schwenkte ihr Tüchlein wacker. Doch der Kaiser, abgelenkt von Anderem, bemerkte sie nicht, und es that ihr wehe, daß er sie nicht bemerkt hatte. Nicht gerade verstimmt, aber doch in gedrückter Stimmung kehrte sie nach Hause zurück. „Nun, hast Du den Kaiser gesehen?" rief ihr die Mutter strahlend entgegen. „Ja." „Und hat er Dich gesehen?" „Nein." „Aber er hat Dich nicht vergessen. Sieh' hier!" Und sie nahm von einem Tischchen ein Couvert, welches den Stempel des Hofmarschallamts trug und drei Karten enthielt — Einladungen für die am Abend im Theater stattfindende Galavorstellung. Die gedrückte Stimmung Katharinas wich nun der gehobenen, und am Abend sah Katharina inmitten der glänzenden Gesellschaft so schön aus wie vielleicht nie zuvor. In der großen Pause wurden Tochter und Mutter zum Kaiser befohlen, der sich huldvoll mit ihnen unterhielt und den Wunsch äußerte, Katharina am nächsten Abend beim Festball in Heiligendamm wiederzusehen. Der Wunsch durfte natürlich nicht unberücksichtigt bleiben, und sobald die Damen wieder nach Hause zurückgekehrt waren, wu e Alles in Bewegung geatzt, um Katharinen ein neues, prächtiges Ballkleid zu schaffen. - 'm nächsten Vormittag traf ein herrliches Perlenhals- ban. ,ür Katharina ein, das die Seligkeit Katharinens fast in's Maßlose steigerte. Zur rechten Stunde hatte die Schneiderin das Ballkleid fertig und hochschlagenden Herzens fuhren Mutter und Tochter nach Heiligendamm. Dort begaben sie sich sofort in den Bällsaal, wo bereits eine ausgewählte Gesellschaft von Damen und Herren versammelt war. Nicht lange darauf erschien der Kaiser mit seiner glänzenden Umgebung, theilte nach links und rechts Grüße aus und suchte mit den Augen so lange nach Katharina, bis er sie gefunden hatte. Er trat auf sie zu, begrüßte sie, reichte ihr seine Hand zum Kusse hin und ließ sich ihren Dank für das kaiserliche Geschenk gefallen. Dann sorgte er dafür, daß der jungen, schönen Freundin einige Offiziere vorgestellt wurden, mit denen sie sich während des Balles auf's Beste unterhielt. Immer wieder jedoch schweifte ihr Blick zum Kaiser hin, der mit stiller Freude allen ihren Bewegungen folgte. Als der Kaiser das Zeichen zum Aufbruch gab, näherte er sich Katharinen noch einmal und sagte: „Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Freude gemacht haben. Ich bin ein alter Mann und werde Sie wohl zum letzten Male gesehen haben. Werden Sie glücklich — glücklicher als eine Andere — die ebenso schön war wie Sie." Eine tiefere Bewegung schien sich seiner Seele zu bemächtigen — dann winkte er ihr zu und verließ den Saal, in welchem die kleine intime Scene viel besprochen wurde. Und wieder waren Jahre vergangen, ohne daß Katharina ihren geliebten Kaiser wiedergesehen hatte. Da fiel ihr eines Tages ein Bildniß der Prinzessin Elise von Radziwill in die Hände, jener Prinzessin, welche Prinz Wilhelm einst so leidenschaftlich und so unglücklich geliebt hatte. Sie stutzte und trat zum Spiegel und verglich Zug um Zug ihr Gesicht mit dem der Prinzessin. Jetzt wurde cs ihr klar, warum sie die Aufmerksamkeit des Kaisers erregt, seine Sympathie erworben hatte. Katharinens Augen füllten sich mit Thränen, aber sie wußte selbst nicht genau, ob es Thränen des Mitgefühls für das Unglück ihrer edlen Doppelgängerin und deren Geliebten, oder Thränen des Schmerzes waren darüber, daß der Kaiser in ihr nur das Echo seiner Jugendliebe gesehen hatte. Gemeinnütziges. Was ist „Hausmannskost"f — Die Frage, welcher Begriff diesem Worte beizulegen sei, wird, wie wir hören, gegenwärtig in zahlreichen Frauenkreisen erörtert. Sie ist „brennend" geworden infolge des Umstandes, daß die von der Liebigs Fleisch - Extract-Compagnie ausgeschriebene Preis- concurrenz für Kochrecepte die ausgesetzten Prämien von 20 bis 250 Mk., zum Gesammtbetrage von 4000 Mk. in baar, wesentlich auf „Hausmannskost" Gewicht legt. Die Damen, die sich die näheren Bedingungen der Preisconcurrenz haben verabfolgen lassen, dürften bereits orientirt sein: Hausmannskost, „die einfache Küche des bürgerlichen Mittelstandes", kommt in erster Linie in Betracht, sie ist im ausdrücklichen Gegensatz zu der feineren Küche gebracht und die Recepte sind auf je fünf Personen (kleine Familie) zu berechnen. Schon dieser Umstand weist darauf hin, daß es sich um nahrhafte und wohlschmeckende Gerichte handelt, die um mäßigen Preis zu beschaffen sind. Diese drei Anforderungen sind füglich an Hausmannskost zu stellen. Mögen ihnen recht viele Einsendungen entsprechen, das darf schon im Interesse unzähliger Hausfrauen erhofft werden. Hninsvistisches. Angewandtes Sprichwort. Sie: „Heute hab' ich mich aus Langeweile selbst an's Kochen gemacht!" — Er (brummend): „Ja, ja, Müßiggang ist aller Laster Anfang!" * * Gläubiger-Abschreckungs-Th ürschild. „Bitte vor dem Eintreten die Cigarre ausgehen zu lassen, da ich mit Dynamit experimentire. Sind, ehern. Schlaumeier." * * * Eisenbahnunglück. Richter: „Wie kamen Sie dazu, die junge Dame im Tunnel zu küssen?" — Angeklagter: „Der Kuß ist mir in der Dunkelheit eben so — so entgleist !" Redaction; K. Ech-Yda. — Druck und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.