Dienstag den 16. März. MBH IT» M IlsÄtJW ■BTK MG «MM W“! KW MW- ■ ■rMMiUft Dich jugendlich erhalten, Leb' mit Jungen, lies die Alten! G. W. Wer endlos wählt und sich besinnt, Gewöhnlich das schlechteste Theil gewinnt. Wer vorschnell zugreist, dess' Verstand Sitzt statt im Kopfe in der Hand-, Nur ruhig Besinnen und rasch Erwählen Läßt viel gewinnen und wenig verfehlen. Bank. Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Sie trat vom Erkerfenster ins Zimmer zurück, betrachtete die Blumen und Arabesken im Teppich mit, einer neuen, ungekannten Aufmerksamkeit, ließ einen der schlanken Palmenwedel durch ihre Finger gleiten, rückte ein Bild an der Wand zurecht und ging dann so schnell, als habe sie etwas versäumt, von Neuem zum Fenster. Menschen, vereinzelt und eilig, durchschritten die Straßen, die Uniform des Telegraphenboten aber wollte nirgends erscheinen. Mit einem Seufzer setzte Frau Henninger, nachdem sie eine Stunde fast in diesem hastigen Hin- und Wider verbracht hatte, sich an ihren Schreibtisch. Der Brief an den Bruder! Sie hatte ihre nächste Pflicht noch nicht erfüllt und verlangte schon, daß zu ihr selbst die Freude auf raschen, beschwingten Sohlen herbeieilen solle. Sie nahm Papier und Feder, und als sie einmal zu schreiben begonnen hatte, verschwand ihre Unruhe allmälig unter dem Gefühl der Liebe und des Mitleids für den verlorenen, ihr so nahestehenden Menschen, der ein junges, reiches Leben freventlich vergeudet hatte. Sie schrieb und schrieb und sagte ihm Alles, was ihm tröstlich sein konnte, mit kluger, liebevoller Vorsicht vermeidend, ihm erneute Sorge zu wecken. Eas wr dämmerig geworden, als sie den Brief beschloß und eine ansehnliche Geldsumme hineinlegte, ehe sie ihn versiegelte. Das Licht aber, das ihr dabei gedient hatte, löschte sie wieder;es war nicht völlig dunkel, und sie hatte das Gefühl, als könne sie den Tag und mit ihm die Hoffnung auf die ersehnte Botschaft länger festhalten, wenn sie noch in der Dämmerung blieb. In dem sich mehr und mehr verdunkelnden Zimmer begann sie nun von Neuem ihr unruhiges Auf- und Niedergehen. Die Trachten der immer spärlicher auf der Straße erscheinenden Menschen konnte sie nicht mehr erkennen, aber sie redete sich ein, daß es noch nicht spät sein könne, — auch das Zifferblatt der Uhr war nur noch ein weißer Fleck im abendlichen Grau, — bis sie mit Schrecken den ersten Stern am Himmel erkannte, und bis die Lichter der Laternen ihr zu Füßen eines nach dem anderen langsam auflenchteten. Zum erstenmal an diesem Abend stieg ein Gefühl schmerzlicher Enttäuschung in ihr empor, sie warf sich traurig und ermüdet auf ihren gewohnten Sitz unter den Palmen. Und hier war es, wo sie durch das todtenhafte Schweigen des leeren, großen Gebäudes einen leisen, unklaren Ton zu vernehmen meinte; ei war so gedämpft, daß sie seine Ursache und Richtung nicht zu erkennen vermochte, doch schien es ihr, als wenn irgendwo auf einem der fernen Gänge eine Thür geöffnet und geschloffen würde. Eine neu erwachende Hoffnung auf die Nachricht von Georg trieb sie zur Thür des Nebenzimmers, an der sie stehen blieb, die Stirn gegen die glatte Farbe des kühlen Holzes gelehnt, mit Anspannung aller Seelenkräfte hinaushorchend ins Haus. Zuerst war Alles ganz still; der kräftige Schritt des Telegraphenboten hätte jetzt zu ihr dringen müssen, wenn er wirklich ins Haus gekommen wäre. Dann aber, während sie trotz der Enttäuschung immer noch stehen blieb, und in das Schweigen der Gänge und Treppen hineinhorchte, meinte sie plötzlich doch wieder ein Geräusch zu hören, das allmälig sich näherte und ein wenig deutlicher wurde. Es klang wie ein vorsichtig schleichender Schritt, der ab und an Halt machte, dann aber wieder vorwärts sich bewegte, und dessen Ziel das schien ihr der Ton zu verrathen — die Thür ihres Zimmers war, diese selbe Thür, hinter der sie stand. , Doctor Jaksch!" fuhr es ihr durch den Sinn, und mit unwillkürlicher Bewegung legte sie die Finger ihrer rechten Hand um den Schlüssel, der sich an der Innenseite der Thür befand. Und zugleich lehnte sie ihren Körper fest gegen das Holz, um das Oeffnen zu hindern, bis sie das Schloß verriegelt hatte, wenn es nöthig wurde. „Ist Jemand da?" fragte sie laut und mit Nachdruck, aber keine Antwort kam, und eine ganze Weile blieb wieder Alles still. Dann erst begann da draußen von Neuem eine leise Bewegung; es klang, als wenn eine Hand über die Thür dahingleite, ein paarmal, als streichele der da draußen Befindliche das Holz, während auch der Ton seines lauten und raschen Athems die dünne Scheidewand durchdrang. Von Schrecken ergriffen, drehte jetzt Fran Henninger den Schlüssel im Schloß; aber 122 als wäre das ein Zeichen, das ihn verscheuchte, so entfernten sich nun wieder die kaum vernehmlichen, ungewissen Schritte des unsichtbaren Besuchers, bis abermals in der Ferne sich eine Thür zu öffnen und zu schließen schien, und auch der letzte, leiseste Ton verhallte. Mit einem Seufzer der Erleichterung trat Frau Ina zurück. Nur der Gedanke an Doctor Jaksch und ein schreckhaftes Erbeben der Nerven, das mit diesen Gedanken verbunden war, hatten sie vom Oeffnen der Thür zurückgehalten. Jetzt, als die seltsamen Töne verklungen waren, fand sie rasch ihre Fassung wieder und zündete das vorhin gelöschte Licht von Neuem an. Im Schein seiner ruhigen Flamme — denn auch die zum Fenster hereinströmende Abendluft war unbewegt — beirachtete sie den vertrauten, durch Erinnerung geheiligten Raum, und was an Schrecken und Nervenbeben in ihr war, verschwand vor diesem Anblick. Sie konnte schon wieder versuchen, über ihre Furcht zu spotten, und um das volle, gewohnte Behagen herzustellen, entzündete sich auch die Flamme der Lampe. Dann ergriff sie das Licht, um in die Küche hinauszugehen und sich ein einfaches Abendbrod zu bereiten- ein Blick auf das jetzt wieder sichtbare Zifferblatt hatte ihr gezeigt, daß die Zeiger bereits auf halb neun Uhr wiesen. Ein unwilliges Lächeln über sich selbst überflog ihr Gesicht, als sie die Thür nun öffnete, und hinausblickend erkannte, daß sie vergessen hatte, die Corridore zu erhellen. Das Lächeln wurde noch heiterer, indem sie an Carolinens Zürnen ob dieser Pflichtversäumniß dachte, und mit raschen Schritten, das Licht in der Hand, ging sie zur Küche hinüber, um die Flamme unter einer Spiritusmaschine zu entzünden, deren bescheidener Dienst ihr für diesen Abend genügte. Während sie den langen Corridor hinuntergeschritten war, an dec Reihe der geöffneten Fenster entlang, die auf Hof und Garten hinunterschauten, hatte sie nichts Ungewöhnliches bemerkt. Ein Blick in den Briefkasten hatte ihr gezeigt, daß er leer war, und daß sie nicht etwa, wie eine leise Hoffnung ihr zuflüstern wollte, trotz ihrer Aufmerksamkeit das Kommen des Boten überhört hätte. Niemand war dagewesen, als jener seltsame, unsichtbare Besucher, der keine Spur seines Kommens zurückgelassen hatte. Jetzt war das Schweigen Herrscher in den Räumen des Hauses, auch draußen waren die Töne des Lebens verstummt, kein Laut drang herüber in die tiefe Stille. Frau Henninger setzte den Kessel mit Wasser, das ihr zur Theebereitung dienen sollte, auf die bläulichgelb emporlodernde Flamme und traf mit raschen Händen die übrigen Vorbereitungen für ihre Abendmahlzeit. Dann stand sie einen Augenblick und schaute auf das unsichere Flammenspiel unter dem Wasserkessel, bis ihr einfiel, daß jetzt der geeignete Augenblick sei, die Corridorlampen hereinzuholen und anzuzünden. Es waren zwei Lampen, und wenn sie beide zugleich tragen wollte, so konnte sie das Licht nicht mit sich nehmen. Aber sie kannte genau die Stellen, wo sie hingen, und ihre Furcht von vorhin war so völlig geschwunden, daß sie ohne Zaudern „ hinaustrat in die Dunkelheit. Am Fenster, der Äüchenthür gegenüber, blieb sie ein paar Secunden stehen, um ihr Auge an die Finsterniß zu gewöhnen und sich an der frisch hereinströmenden Abendluft zu erfreuen. Es war sehr dunkel geworden, und die schwarzen Baummassen des Gartens zeichneten sich nur undeutlich am Himmel ab, aber die Sterne darüber blinkten freundlich herunter. Nun wandte sie sich zur Seite und ging einige Schritte den Corridor entlang, um dann plötzlich zurückzufahren und stehen zu bleiben, festgebannt auf ihre Stelle, wie von plötzlicher Lähmung geschlagen. Hatte das vergebliche Warten der letzten Stunden sie fiebern gemacht, daß sie zu sehen meinte, was nicht wirklich war? Versagten die sonst so klaren Augen ihr den Dienst und ließen Phantasiegebilde zu sichtbaren Dingen werden, oder war dort in Wahrheit ein Licht hinter den grün verhangenen Scheiben des kleinen Fensters in der Thür ihres verstorbenen Mannes Zimmer? Ein Licht, wie sie es schon einmal erblickt hatte an jenem stürmischen Abend, als sie durch diese selbe Scheibe jene rasch vorübergleitende Erscheinung hatte sehen müssen, die seitdem niemals wiedergekehrt war? Sie hatte ihrer Furcht von damals gespottet, sie hatte versucht, die Erscheinung durch Betrug zu erklären, sie hatte die Ereignisse jenes Abends halb schon vergessen, — und doch, als sie nun das grünliche Leuchten wieder erblickte, das aus dem Gemache des Verstorbenen hervordrang, da fühlte sie in dem mächngen Schweigen und in der tiefen Einsamkeit um sich her wieder etwas von dem haltlosen Grausen, das ihr damals das Blut hatte erstarren lassen. Aber war es denn wirklich eine Wiederholung jener Erscheinung, und täuschte sie nicht vielleicht ein Reflex auf den Scheiben des Fensters, dessen Ursache sie nicht kannte? Sie fragte sich's, indem sie ihre Gedanken und ihre Thatkraft zu sammeln suchte, und ihr Bewußtsein sagte ihr, daß sie Muth fassen und zu dem Fenster herantreten müsse, um zu erkennen, was Wirklichkeit und Täuschung sei. Tief athmend ging sie nun vorwärts bis zu der Thür und legte das Gesicht an die kalten Scheiben, um, wie an jenem Abend, durch die Risse im Vorhang hineinzuspähen in das Gemach. Aber wenn sie gemeint hatte, der Anblick der Wirklichkeit werde ihre Phantasie beruhigen und leere Schattenbilder verscheuchen, so hatte sie sich getäuscht. Wenn sie gehofft hatte, nichts zu finden, als ein von fernher blinkendes Licht, das einen leeren Raum unsicher erhellte, so mußte sie jetzt erkennen, daß diese Hoffnung sie betrogen hatte. Nein, es war keine Täuschung! Was sie gesehen hatte unter den heulenden Klängen des Sturmes an jenem Abend im März, das wiederholte sich ihr jetzt an diesem sommerlichen Frühlingsabcnd, unter dem Dufte der ersten, an der Hauswanü emporrankenden Rosen, den. sie in diesem Augenblick mit jener Schärfe der Sinne bemerkte, die jede große Erregung der Seele begleitet. Wieder erblickte sie vor sich die Gestalt, die sie damals gesehen hatte, halb abgewandt von ihr am Schreibtisch sitzend, unsicher beleuchtet von der Flamme eines Lichtes, die Gestalt des Gestorbenen! Aber auch diesmal dauerte die Erstarrung, die sie überfallen hatte, nur kurze Zeit. Sie wollte muthig und stark sein, wollte sich nicht unterjochen lassen von den Einflüssen der schweigenden Dunkelheir um sich her, von einer Schwäche der Nerven, die ihr sonst fremd war. Sie griff in ihre Tasche nach dem Schlüssel des Zimmers, den sie lange Zeit bei sich getragen hatte, um in jedem Augenblick zur Enthüllung des vermeintlichen Betruges bereit zu sein, aber sie fand ihn heute nicht und erinnerte sich nun auch, ihn kürzlich wieder in ihren Schreibtisch geschlossen zu haben. Gut, so mußte sie gehen und ihn holen! Lang und dunkel dehnte sich vor ihr der Corridor, aber sie wollte keine Zeit verlieren, indem sie das Licht aus der Küche herbeiholte, und ohne weiteres Ueberlegen machte sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Das Ziel aber, zu dem sie strebte, erreichte sie nicht. Wieder hatte sie erst einige Schritte gethan, als ein neues Erschrecken, furchtbarer und lähmender, als Alles zuvor, ihr Halt gebot und ihren Fuß wie mit eisernen Ketten fesselte. Ein Anblick, eine Erfcheinung, unbedeutend und alltäglich an sich, aber an diesem Platz und zu dieser Stunde mit unsäglichem Grausen sie erfüllend, ließ sie erbeben und nach Athem ringen. Was sie erblickte, war nichts, als der schmale Spalt einer Thür, die geöffnet und angelehnt war, dahinter der Schein eines Lichtes, und vor diesem senkrechten Lichtstreifen vorübergleitend ein Schatten, der ihn für einen Moment verdunkelte, um dann zu verschwinden und nicht wiederzukehren. Das war Alles, — aber die Thür, vor der sie stand, war die Thür zu Georgs Zimmer, das fest verschlossen gehalten wurde während seiner Abwesenheit, und der Schatten, den sie langsam hatte vorüberschweben sehen, bewegte sich geheimniß- voll durch denselben Raum, den der geliebte Mann mit seiner Gegenwart erfüllt und belebt hatte! Das war es, was sie so unbeschreiblich erschütterte, das Auftauchen dieses schatten- 123 Der Der das des seine Antwort zu begehren. (Fortsetzung folgt.) Macbeth sagen läßt: Schlaf, der der Sorge wirren Knaul entwirrt. Der Tod im Leben jedes Tags, das Bad, Das schwerer Arbeitsmüh' Erquickung bringt, Der Balsam, der die wunden Seelen heilt, Der zweite Gang der mächtigen Natur, „ Der Haupternährer bei des Lebens Mahl - - - - (2. Aufzug, 2. Scene.) Wie heilt man Schlaflosigkeit 2 Von Dr. Otto Gotthilf. (Nachdruck verboten.) haften Nichts in seinem Zimmer, gerade an diesem Abend, I \ der ihr die Nachricht von froher, baldiger Heimkehr hatte i dringen sollen. Was tief verborgen auch in ihrer freien Seele von Aberglauben und unheilvollen Ahnungen schlummerte, das wachte auf in dieser Stunde, wnchs vor ihr empor zu gewaltiger Macht und legte ihr eine todeskalte Hand lähmend ans Herz- Und doch waren es auch jetzt nur wenige Minuten, daß sie regungslos dastand- kräftiger noch, als Furcht und Entsetzen, erwies sich der Drang ihrer Natur nach Wahrheit und Klarheit. Mit gewaltsamer Anstrengung warf sie die Lähmung von sich, ging mit festen Schritten zu der angelehnten Thür, stieß sie zurück und trat hinein. Sie hatte nicht Zeit, I in dem Zimmer sich umzuschauen, und sie erinnerte sich später nur ungewiß, ein Licht auf dem Tisch vor dem Sopha gesehen zu haben, einen Hut und Mantel daneben, nachlässig hin- qeworfen. Denn etwas Anderes nahm sie im ersten Moment gleich so völlig in Anspruch, daß sie Alles Andere darüber vergaß. Der Schatten, den sie vor dem Lichtstreiien hatte vorübergleiten sehen, war auch jetzt noch im Zimmer, er hatte j die Gestalt eines Menschen angenommen und war greifbar । geworden- aber in demselben Augenblick, in dem sie den Raum betrat, glitt er im Hintergründe, nahe dem Fenster, nach links hinüber und verschwand in der Mauer. Verschwand, um nun doch wieder sichtbar zu werden, als sie vorstürzend in die Oeffnung gelangte, die sie bisher noch niemals gesehen hatte und die den Wandschrank zwischen den Zimmern blldete, wenn seine Thüre nach beiden Seiten hin geöffnet waren. Durch die tiefe Mauernische hindurch blickte sie in das erleuchtete Gemach des Gestorbenen, sah dieselbe Gestalt, die vorhin dort am Schreibtisch gesessen hatte, aufrecht mitten im Zimmer stehen, etwas Längliches, Blinkendes in der Hand. Und indem Frau Ina das Alles sah, ungehindert durch den grünlichen Schleier des Vorhangs vor dem Fenster, der ihr die Erscheinung verzerrt und unklar gemacht hatte, da wußte sie auch, daß es kein Geist war, der vor ihr stand, und daß eine gütige Vorsehung sie gerade in diesem Augenblick hierher geführt hatte, um etwas Furchtbares zu verhüten. „Georg!" schrie sie auf, und all' ihre Liebe, all ihre Angst, all' ihre Hingebung war in dem einen Wort. Als aber auf den Zuruf die Gestalt mit rascher Bewegung das Blinkende in ihrer Hand gegen die Stirn erhob, da schrie sie noch einmal denselben Namen, stürzte in das Zimmer hinein, ergriff mit starken Händen den erhobenen Arm, drückte ihn nieder, daß er schlaff herabsank, um dann selbst mit lautem Schluchzen auf die Kniee zu fallen und ihre weinenden Augen gegen die Hand zu pressen, die jetzt neben ihr niederhing. In ihre Thränen hinein aber " stammelte sie rasche, halberstickte Worte. „Du bist es, Georg, Du bist da? Aber dies, warum dies? Weißt Du auch, daß ich gestorben wäre, wenn Du es gethan hättest? O, warum kommst Du so zu mir zurück, warum wolltest Du das thun?" Er stand eine Weile schweigend, ohne auf ihre verworrenen Fragen zu antworten. Dann machte er sich leise von ihr los, ging zum Schreibtisch, legte den Revolver darauf, den er hielt, und bedeckte die Augen mit der Hand. „Wie grausam das Leben ist!" sagte er kaum vernehmlich. Sie aber erhob sich auf sein schmerzliches Wort aus ihrer kummervollen Versunkenheit, stand vom Boden auf und strich sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn. „Es ist ja Thorheit, zu meinen/' sagte sie, und ihre Stimme hatte schon wieder etwas von der sonstigen, ruhigen Festigkeit. „Du lebst und Du bist bei mir, das ist die Hauptsache." Nun trat sie vor ihn hin und betrachtete schweigend sein bleiches Gesicht, das der Schmerz gezeichnet hatte. Und indem sie ihn anschaute, kam ihr die Erinnerung au die beiden Erscheinungen, die sie in diesem Zimmer erblickt hatte, und das Bewußtsein von der wunderbaren Aehnlichkeit, die zwischen ihm und dem Todteu entstanden war. Mit leiser Bewegnng legte sie ihm ihre Hände auf die beiden Schultern, sah ihm tief in die Augen und schüttelte den Kopf. „Du also warst es," sagte sie dann, ohne den Ton der Frage, ohne Nehmt dem Mewchcn Schlaf und Hoffnung, und er ist unglücklichste Geschöpf auf Erden," sagte ein Philosoph vorigen Jahrhunderts. Der Schlaf ist in der Thal eine ber weifesten und segensreichsten Einrichtungen der Natur und für Erhaltung von Gesundheit uno Leben durchaus noihwendig. Er bildet nicht nur das beste Erquickungs- und Erholungsmittel von den Anstrengungen des Körpers und Geistes, sondern auch den besten Tröster und Arzt für quälende, das Leben vergiftende Sorge und Seelenpein. Wie bencidenswerth sind die Kinder, welche mitten im seelischen Schmerze, „sich in Schlaf weinend", dadurch Erquickung und Erlösung finden. Wie bemitleidenswerth dagegen jene Erwachsenen, die, von Sorge oder Gram ergriffen, nicht einmal in der Nacht lindernde Ruhe finden, sondern die ganze tauge Nacht schlaflos auf ihrem Lager zubringen! Die unschätzbare Wohlthat des Schlafes schildert auch Shakespeare trefflich, indem er 1 einen Wenn sich Jemand gelegentlich geistig und körperlich überanstrengt oder noch spät Abends aufregende Getränke (Kaffee, Thee) genießt, schläft er meist in der betreffenden Nacht sehr schlecht, er leidet eben an einer Art vorübergehender Schlaflosigkeit. Wirken nun aber solche schädigenden Ursachen längere Seit fort, oder werden sie zur Gewohnheit, dann tritt sehr oft dauernde Schlaflosigkeit ein. Daher haben unsere Patienten als besonders schädliche Ursachen Folgendes ganz zu vermeiden: Nachtschwärmerei, Zubettegehen mit vollem Magen, abendliches Thee- oder Kaffeetrinken, nächtliches Studiren, geistiges Arbeiten bis kurz vor Schlafengehen, Lesen ttn Bette. Nur wenn diese schädlichen Gewohnheiten ausgegeben werden und dadurch die Ursache des Leidens beseitigt wird, kann mau auf eine erfolgreiche Behandlung der Krankheit selbst hoffen. Das natürlichste und beste Mittel zur Beseitigung von Schlaflosigkeit ist entschieden körperliche E-müdung durch Bewegung oder Arbeit. W.e fest und gut schläft man nach einem größeren Spaziergange oder nach Vornahme von Gartenarbeiten. Schon Salomo sagt: „Der Schlaf des Arbeiters ist süß, mag er viel oder wenig essen." Auch Shakespeare laßt seinen König Heinrich IV. (2. Theil, 3. Aufzug, 1. Scene) den Arbeiter und Schiffsjungen um seinen köstlichen Schlaf beneiden. Wer an nervöser Aufregung leidet, möge das natürliche Schlafbe- dürfniß Abends durch ein Glas starken Zuckerwasiers oder ein Gläschen Champagner unterstützen. Das Letztere ist namentlich älteren Personen sehr zu empfehlen. Bei den meisten wirkt günstig im Sommer ein Glas Bier oder leichter Wem, im Winter Glühwein, Grog, Punsch, Cognac oder dergleichen. Es muß eben jeder selbst seine Natur studiren und zu erforschen suchen, was ihm am besten bekommt. Leidet Jemand an Blutandrang nach dem Kopfe, so thut sehr gute Dienste längeres Ueberspüleu des ganzen Kopfes mit kaltem Wasser. Dadurch wird das Blut von dem Gehirn nach den äußeren Körperthcilen geleitet und die zur Schlafneigung nöthige Blutleere des Gehirns I befördert. In hartnäckigen Fällen ist die Anwendung eines lauwarmen Bades mit nachfolgender kalter Abreibung am Abend meist von durchschlagendem Erfolge. Namentlich achte mau | auch darauf, daß die Füße vor dem Schlafengehen warm sind. 124 Ist dies nicht der Fall, so hilft einzig und allein ein heißes Fußbad, darauf tüchtiges Abreiben der Füße und Einwickeln derselben in eine wollene Decke, die auch im Bette darum bleibt. Arzneiliche Schlafmittel irgend welcher Art sind nur in den hartnäckigsten Fällen anzuwenden, und dann nur auf ärztliche Verordnung. Alle Leute, welche schon längere Zeit an Schlaflosigkeit leiden, haben eine wahre Höllenängst vor der Fluth von Gedanken, welche in der Nacht ihr Gehirn martern und jede Schlafneigung immer wieder verscheuchen. Ihnen gilt der Ausspruch Hufelauds: „Alle Sorgen und Tageslasten müssen mit den Kleidern abgelegt werden, keine darf mit zu Bette gehen!" Aber wie dies ausführen? Da muß man allerdings etwas Energie anwenden. Wenn irgendwo, so helfen hier die Lehren, welche der große Königsberger Philosoph, Immanuel Kant, dargelegt hat in seinem Büchlein: „Die Macht des Gemüths durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein." Um alle unnützen Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen, empfiehlt er folgendes: „Es ist kein anderer diätetischer Rath, als beim innern Wahrnehmen oder Bewußtwerden irgend eines sich regenden Gedankens die Aufmerksamkeit davon sofort abzuwenden, wo dann durch das Abbrechen jedes Gedankens, den man inne wird, allmählich eine Verwirrung der Vorstellung und dadurch Abspannung und Ermüdung entsteht." In der That haben dadurch, wie ich bestimmt versichern kann, verschiedene Personen an sich schon wunderbare Erfolge erzielt. Kommen Nachts die Gedanken geflogen, dann wird schnell irgend ein beliebtes, unschuldiges Schulgedicht leise hergesagt, und zwar nur solche Verse davon, auf die man sich gar nicht erst zu besinnnen braucht, die also keine Gedankenarbeit erfordern. Dann wird keine Pause gemacht, sondern gleich immer wieder dasselbe memorirt, oder was einem sonst gerade an Versen in Gedichten und Liedern, an Gebeten und dergleichen in den Sinn kommt. Dadurch entsteht sehr bald eine Gedankenverwirrung, eine Abspannung und Ermüdung der Gehirnthätigkeit, welche den erlösenden Schlaf herbeiführt. Mit Ausdauer und Energie vermag man auch die hartnäckigste chronische Schlaflosigkeit zu heilen. Nur dürfen die Patienten sich nicht von melancholischen Gedanken und Lebensüberdruß niederdrücken lassen, sondern müssen froher Zuversicht und frischen Muthes bleiben. Daß dies auch bei diesem Leiden möglich ist, hat Friedrich der Große bewiesen. Als er im Juli 1786 so sehr an Schlaflosigkeit litt, äußerte er zum Herzog von Kurland: Da er gut zu wachen verstehe, so empfehle er sich ihm für einen etwa offenen Nachtwächterposten. Weshalb ist aber der Schlaf für Erhaltung von Gesundheit und Leben so unumgänglich nothwendig? Durch die fortwährende Thätigkeit von Körper und Geist im wachenden Zustande werden die Spannkräfte in Muskeln und Nerven, namentlich im Centralnervensystem verbraucht, es tritt eine gewisse Abnützung ein, welche sehr bald zur gänzlichen Unbrauchbarkeit des Organismus führen würde, wenn nicht im Schlafe eine Ergänzung der verbrauchten Kräfte stattfände. Während nämlich die im Schlafe ausruhenden Muskeln und Nerven in dieser Zeit fast gar keine Stoffe verbrauchen, geht doch auch im Schlafe, ebenso wie die Verdauung, die Neubildung dieser Stoffe und Kräfte gleichmäßig vor sich, so daß also allmählich eine Wiederherstellung und sogar Aufspeicherung von Spannkräften für die nächste Arbeitsperiode stattfindet. Wie am Tage fließt auch in der Nacht das Blut, „der Lebenssaft" fortwährend durch alle Gewebe des Körpers, bringt ihnen stets neues Nahrungsmaterial, obgleich sie während der Ruhe fast nichts davon verbrauchen, und — was noch von großer Wichtigkeit ist — spült auch alle abgenützten Bestand- theile und schädlichen Zersetzungsproducte die sogenannten Ermüdungsstoffe hinweg. Daher ist ein gesunder, ruhiger tiefer Schlaf für Jedermann'durchaus nothwendig, wenn die Gesundheit nicht nothleiden und die Arbeitskraft nicht vorzeitig verbraucht werden soll. Und zwar ist der Schlaf um so notwendiger, je intensiver die Thätigkeit des Gehirns im Wachen durch Geistesarbeit oder Gemüthserregungen in Anspruch genommen wird, wie dies namentlich bei Gelehrten, Schriftstellern u. s. w. der Fall ist, während Muskel- und Handarbeiter mit weniger Schlaf auskommen. Es gibt also Nichts, was so erhaltend und stärkend aus die Kräfte des Geistes und Körpers und dadurch lebensverlängernd wirkt als der Schlaf, aber auch umgekehrt Nichts, was mehr erschöpfend und angreifend wirkt als andauernde Schlaflosigkeit. Dieser zu entgehen oder, wenn sie eingetreten ist, sie zu vertreiben, ist daher eines des wichtigsten Kapitel der Gesundheitspflege. Wer an Schlaflosigkeit leidet, muß zunächst mit sich ernstlich zu Rathe gehen und sich fragen, ob nicht er selbst durch seine Lebensweise die Schuld daran trägt. Wer, wie namentlich viele corpulente Personen, Morgens spät aufsteht und dann noch eine längere Mittagsruhe hält, der kann sich allerdings nicht wundern, wenn er Abends nicht gleich einschläft und auch in der Nacht öfters aufwacht. Seine Ermüdung und Abspannung ist eben nur sehr gering und sein natürliches Schlafbedürfniß daher bald befriedigt. In diesem Falle besteht das einzige und unfehlbare Heilmittel in gänzlicher Unterlassung des Mittagschlafes, frühem Aufstehen und reichlicher körperlicher Bewegung. Auch die Schlafzimmerluft spielt bei der Schlaflosigkeit eine große Rolle. Was für eine verpestete Luft in den meisten dieser sür unsere Gesundheit so überaus wichtigen Zimmern herrscht, merkt man am besten, wenn man Morgens vor dem Lüften von draußen in einen solchen Raum tritt. Man bedenke doch: jeder einzelne Schläfer athmet während der Nacht durchschnittlich 300 Liter Kohlensäure nebst Wasserdampf und mehr oder weniger riechende Zersctzungsstoffe aus Haut und Lungen aus, und hält sich 7 bis 8 Stunden ununterbrochen in diesem seinem eigenen Lungenschmutz wie dem seiner Schlafgenoffen auf. Ein wirklich gesunder und erquickender Schlaf kann daher nur eintreten, wenn das Schlafzimmer möglichst groß und hoch ist, wenn sich nicht zu viele Personen darin befinden, und wenn der entstehenden Luflverderbniß durch beständige Lufterneuerung vorgebeugt wird. Möchten doch alle an Schlaflosigkeit Leidenden stets auch auf diese Verhältnisse ihr Augenmerk richten! Literarisches 1788 Mark in Baar an seine Abonnenten hat das allbeliebte, bekannte Familien-Journal »Das Re«« (Verlag non 31. H. Payne in Leipzig) bis jetzt für die richtigen Lösungen seiner in jeder Nummer enthaltenen Preisfragen gezahlt. Neben diesen allerlei Anregung bietenden, durchaus nicht schwer zu beantwortenden Preisfragen, einer Specialität des „Neuen Blattes", verdankt diese Wochenschrift ihre große Verbreitung der Volksthümlichkeit und Reichhaltigkeit ihres alle Lebensverhältmsse berücksichtigenden Inhalts. Da findet sich neben größeren Erzählungen beliebter Autoren — Nataly von Eschstrut beginnt in der neuen Quartalnummer eine Reihe hochinteressanter Geschichten unter dem Tuet „In der Dämmerstunde" — neben actuellen Artikeln in den letzten Nummern über Melanchthon, über Caroline Neuber, der Reformatorin des deutschen Theaters, zu ihrem 200jährigen Geburtstage, ein praktische- Führer für Hilfsbedürftige, der zum ersten Mal alle Humanitären Anstalten, Stiftungen, Stipendien, Asyle rc. der größeren Städte Deutschlands angibt und zwecks Unterstützung die näheren Bedingungen «no Adressen nennt, an die man sich zu wenden hat. Der Gedanke, em oerartiges Wohlthätigkeits-Adreßbuch zu bringen, ist entschieden origineu, ja geradezu ein Bedürfniß, können doch diese Anstalten erstdann voll und ganz ihren Zweck erfüllen, wenn sie genügend bekannt werden, was. Neue Blatt" anstrebt. Die ständigen Rubriken „Frauenerwe» u „Hausfrau" machen das Halten jeder Hausfrauenzeitung, die Son - beigabe „Neueste Pariser Moden" das Abonnement auf einModejou unnöthig. Das alles wird vierteljährlich für M. 1,6° ö^men. -w im Zweifel ist, welches Blatt er halten soll, wähle „Das Neue B ' das billigste illustrirte Familien-Journal. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ®*c® WMS & E Lächell war e: bin ick