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Die Knospen der Tannen und Fichten strömten einen harzigen Wohlgernch aus/ die Eichen auf den Anhöhen und in den Niederungen entfalteten langsam ihre Millionen Blätter. Die Kastanienbäume, welche die Pfade einsäumten und gruppenweise am Rande der Rasenplätze standen, reckten volle grüne Laubkronen zum wolkenlosen Himmel empor. Die braune französische Villa erschien wie von lebendigen Smaragden eingerahmt. Der warme Sonnenschein fiel auf den viereckigen Thurm und auf die vorspringenden Erker des imposanten Baues) sanft säuselte der Juni-Wind über die prächtigen Gärten dahin. Das Gabelfrühstück war eingenommen. Godfrey Greylock erhob sich von seinem Armstuhl,- er schritt von mehreren Hunden gefolgt, zum nächsten Fenster und blickte hinaus. Sechs Jahre waren seit dem geheimnißvollen Tode Robert Greylocks verflossen; er hatte seit jener Zeit sehr- gealtert. Die Linien in seinem Gesichte waren tiefer geworden) die Haare um seine Schläfe waren gebleicht) seine Augen blickten mit verdoppelter Bitterkeit in die Welt hinaus. ,/Pamela!" sagte er zu seiner Schwester, „warum fragst Du mich nicht über meinen Besuch bei unseren englischen Verwandten in Sussex?" 1897. MmStag bett 15. Juni. •l'n! ON UM W 7JJ m Leben geht's nicht ohne Kampf, ®enf nicht, ihn zu vermeiden; Ring' mit der Welt um Deinen Platz, Doch lerne Dich bescheiden. Und wenn im Kampf der Leidenschaft Das Herz Dir droht zu springen, Dann laß nicht ab, bis Dir's gelingt, Dich selber zu bezwingen. Miß Greylock waren eben damit beschäftigt, einige seltene Rosen zu ordnen, die aus einer japanesischen Vase aus den Tisch gefallen waren) sie war vom Kopf bis zu den Füßen schwarz gekleidet, denn seit dem tragischen Tode ihres Neffen hatte sie die Trauer nicht abgelegt. „Ich hatte noch keine Zeit dazu, Godfrey," antwortete sie) „Du bist ja erst gestern Nacht nach Hause gekommen." Er ließ seine Blicke über den großen Rasenplatz, die mit Eichen und Nadelholz gekrönten Anhöhen und Schluchten schweifen. Die Springbrunnen leuchteten wie Regenbogen in der Sonne) riesige Töpfe mit Palmen, Aloepflanzen und Hibiskusstauden säumten den langen Fahrweg ein. Ein Pfau stolzirte die Terrasse empor und eine Wolke purpurfarbener Tauben schwebte in der Luft. „Ich sah in ganz England nichts Lieblicheres als dies!" rief er unwillkürlich aus. Miß Pamela trat ebenfalls zum Fenster. „Es freut mich, das von Dir zu hören, Godfrey," antwortete sie, „ich fürchtete, Dein Heim möchte Dir verhaßt geworden sein wegen — wegen der traurigen Erinnerungen an Roberts Tod." Seine Stirn zog sich in Falten, er that indessen, als habe er ihre Worte nicht gehört. „Drüben," fuhr er hastig fort, „haben sie etwas, das wir Amerikaner mit all unserem Gelbe nicht erkaufen können — ich meine nämlich alterthüm- liches Gepräge und Traditionen. Der Familiensitz Greylock Park in Sussex ist ein prächtiges altenglisches Anwesen, und Sir Gervase, das gegenwärtige Haupt der Familie, ist ein stattlicher junger Mensch, der seines Namens würdig ist. Ich habe nie einen interessanteren Jüngling gesehen) er besucht jetzt die hohe Schule von Eton und liegt feinen Studien mit Eifer ob. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß er eine glänzende Zukunft vor sich hat. Schon vor Jahren habe ich mein Testament gemacht, Pamela) dieser Besuch bestärkt mich in der Ansicht, daß ich nichts Besseres thun kann, als Sir Gervase Greylock zn meinem Erben einzusetzen." Miß Pamela stand wie versteinert da und starrte ihren Bruder an. „Der letzte Baronet war ein Verschwender, der einen großen Theil seines Vermögens mit liederlichen Cumpanen vergeudete," fuhr Godfrey Greylock fort, „das Besitztum des amerikanischen Vetters wird daher Sir Gervase nicht ungelegen kommen. Natürlich habe ich Dir eine Jahresrente und unseren Dienern Legate ausgesetzt) diese Vermächtnisse abgerechnet aber fällt mein Vermögen ihm zu." „Godfrey! Das kann Dein Ernst nicht sein!" rief Miß Pamela in höchster Erregung ans) „es ist zu grausam! — Du kannst und wirst ein solches Unrecht nicht begehen!" 270 Der alte Herr sah die Schwester scharf an und entgegnete zornig: „Wie soll ich Deine Worte deuten, Pamela?!" Das Blut der alten Dame war in Wallung gerathen- für den Augenblick vergaß sie jede Scheu. „Du hast eine Erbin, die Dir näher steht, als Sir Gervase; hast Du Deine Enkelin, die Tochter Deines Sohnes, das Kind des armen, unglücklichen Robert ganz vergessen? Wie ungerecht Du bist! Sie steht Dir am nächsten und sollte Dir am thenersten sein! Bedenke die Sache reiflich, ehe Du sie zu Gunsten eines Fremden, der nie auf amerikanischer Erde stand, ihres rechtmäßigen Erbes beraubst." „Die Creatur, welche Du meine Enkelin nennst, Pamela," höhnte er, „ist für mich ein bloßer Schatten,- ich habe sie nie gesehen und wünsche sie auch nie kennen zu lernen- sie mag existiren oder tobt sein - in beiden Fällen kümmere ich mich nicht im Geringsten um das Kind der Mademoi'elle Sylphide." „Das ist sehr bequem," antwortete Miß Pamela, „Du hast Dir ja k-ine Mühe gegeben, Dir über das Schicksal der Kleinen Gewißheit zu verschaffen- Du hättest nicht sechs Jahre damit warten, sondern längst Nachforschungen anstellen und sie um Roberts willen hierher dingen sollen." Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß Pamela cs wagte, ihrem Bruder gegenüber einen solchen Ton anzustimmen. Er blickte sie erstaunt und zornig an und sagte endlich: „Bist Du von Sinnen, Pamela! Verlangst Du von mir, daß ich noch nach dem ersten Versuche jetzt jenem elenden Weibe nachspüre- hätte ich überhaupt die Macht gehabt, ihr das Kind wegzunehmen, selbst wenn sein Vater mein Sohn war?" Miß Pamela fing au zu zittern. „Godfrey!" sagte sie, „wünschest Du den Aufenthalt des Kindes zu erfahren, würde es Dich rühren, wenn Du hörtest, daß es in Noth und Mangel lebt?" Godfrey Greylock wurde ungeduldig. „Rede vernünftig, Pamela - wenn das Kind lebt, so ist es höchst wahrscheinlich, daß es von seiner Mutter bereits für die Bühne erzogen wird- ohne Zweifel hat die Kleine schon ihr Debüt im Ballet gemacht." „Das Kind lebt, es ist gesund und munter" antwortete Pamela - „allein es befindet sich nicht auf der Bühne - auch ist die Wittwe Deines Sohnes keine Ballettänzerin mehr." Der alte Mann blickte sie scharf an und sagte: „Woher weißt Du das Alles?" Miß Pamela zog ein Couvert aus der Tasche und erwiderte ruhig: „Vor einigen Wochen wurde ich durch den Empfang dieser Briese von Roberts Wittwe überrascht. Hier, nimm und lies sie, auch meine Antworten, von denen ich mir Abschriften behielt, damit Du sehen kannst, was zwischen uns vorfiel. Du wirst in diesen Papieren Alles finden, was ich in Bezug auf Roberts Kind erfuhr." Godfrey erwiderte kein Wort- er nahm indessen die Briefe, die Pamela ihm reichte, durchflog sie mit Blitzesschnelle und warf sie, nachdem dies geschehen, mit verächtlicher Geberde von sich. „Mit Mademoiselle Sylphides Beruf ist es also aus!" sagte er- „sehr schlimm für sie! Sie theilt Dir indessen nicht mit, ob sie ihren Verehrer noch hat!" „Godfrey! Ich verachte dieses Weib ebenso sehr wie Du," entgegnete Miß Pamela lebhaft- „allein, seit ich ihre Briefe las, schwebte mir Roberts Kind Tag und Nacht vor den Augen. Denke an ihre Leiden und Entbehrungen — es ist zu viel!" Ein dunkler Schatten zog über sein Gesicht hin. Nach kurzem Schweigen sagte er: „Pamela! Ich bedauere, Dir sagen zu müssen, daß Du wie eine Irrsinnige gehandelt hast. Die Tänzerin findet in Dir ein leicht zu bethörendes Opfer - sie ist ein freches Geschöpf und versteht ihr Geschäft. Es war thöricht von Dir gehandelt, daß Du von ihren Briefen überhaupt Notiz nahmst. Was das Kind anbelangt, so ist es seiner Mutter Tochter, und dieser Ilmstand allein verdammt es in meinen Augen für immer. Sir Gervase mag sich immerhin als mein Erbe betrachten, denn das Kind der Tänzerin kann nie einen Dollar von meinem Vermögen erben!" „Es mag vielleicht gerecht sein," entgegnete die alte Dame, „aber es ist sehr grausam!" „Genug davon!" fuhr Godfrey auf. „Du hast mir durch dieses Gespräch meine gute Laune verdorben, und ich will versuchen, mir diese durch einen Gang im Freien wieder zu verschaffen." Er nahm Hut und Stock, öffnete eine Glasthür und schritt, von seinen Hunden begleitet, in den Park hinaus. Mit Behagen athmete er die Wohlgerüche ein mit denen die blühenden Rosenhecken die Luft erfüllten, und bog in die Allee ein, die durch den Park bis zur Eingangspforte führte. Mit raschen Schritten eilte er noch leidenschaftlich erregt dahin. Rings um ihn her dehnten sich viele Aecker, Rasen und Waldland aus. Wahrlich, der englische Jüngling, der jetzt in seiner Heimath studirte, durfte sich glücklich schätzen, diese Besitzung einst die seine nennen zu dürfen! „Gervase soll Erbe sein! — Sir Gervase!" wiederholte er ein um das andere Mal vor sich hin, denn er war außerordentlich stolz auf seinen englischen Verwandten. Plötzlich blieb der Besitzer von Greylock Woods stehen und lauschte- seine Hunde waren ihm voraus die Alle hinabgelaufen- jetzt fingen sie wüthend an zu bellen. Er rief sie zurück, allein der Lärm dauerte fort. Dem Hundegekläff nacheilend entdeckte er die Ursache: zwei fremde Eindringlinge, die mitten in der Allee, nicht weit von der Eingangspforte standen. Es war eine Dame in Trauerkleidern, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt- sie schien die Hunde nicht zu fürchten- die Kleine aber hatte ihr Hütchen abgenommen, mit dem sie den Hunden auf die Schnauze schlug. „Fort, ihr bösen Hunde!" rief sie, indem sie mit ihren Füßchen auf den Kiesboden stampfte. „Bravo, Ethel!" sagte die Dame mit leiser, heiterer Stimme. „Das ist ein guter Anfang- Du wirst Deine Rechte stets unerschrocken zu vertheidigen wissen." Godfrey Greylock kam mit unwirscher Miene herbei. Der Anblick fremder Personen auf seinem Besitzthum erfüllte ihn mit Unmuth. „Ruhig!" rief er, indem er den bellenden Hunden mit dem Stock drohte- dann verbeugte er sich steif vor der Dame und sagte: „Ich hoffe, die Thiere haben Sie nicht sehr erschreckt, Madame- darf ich fragen, was Sie hierher führt?" Sie hinkte einen Schritt vorwärts, sie war lahm, ihre kleine Gestalt hatte ein sehr zartes, fast mädchenhaftes Aussehen, ihr Gesicht, von dem sie den Trauerflor zurückgeschoben hatte, war bleich und ungemein hübsch, wenn auch schon etwas verblüht. „Mein Töchterchen und ich," erwiderte sie mit sanfter, trauriger Stimme, „wünschen den Besitzer dieses Anwesens, Herrn Godfrey Greylock, zu sehen." Er blickte sie finster an und sagte kurz: „Ich bin es selbst." Sie beugte sich über das Kind, dessen von goldenen Locken umwalltes Gesicht ungemein lieblich aussah, setzte ihm das Hütchen, mit dem es die Hunde abgewehrt hatte, aus, und band es fest. „Ethel," flüsterte sie mit dem zärtlichsten mütterlichen Tone, „sage dem Herrn, wer Du bist." Die kleine, feenhafte Gestalt trat vor Godfrey Greylock hin und machte eine reizende Verbeugung. „Ich bin Deine Enkelin Ethel," sprach sie in kindlichem Tone, „meines armen Papas Töchterchen, und diese Dame ist meine Mamack Die Kleine hatte ihre Lection gut einstudirt. Godfrey stand einen Augenblick wie versteinert da- dann wandte er sich wüthend zu der Dame und fragte: „Was soll das bedeuten? Wer hat Ihrem Kinde gelehrt, mich auf diese Weise anzureden?" Sie blickte ihm fest und ruhig in die Augen und antwortete mit sanfter, aber entschlossener Stimme: „3$ ~ seine Mutter — die Wittwe Ihres Sohnes Robert Greylock. Das war also die Ballettänzerin — jenes Weib, das seinen Sohn in den Tod getrieben hatte! Er fuhr einen - 271 Schritt blickte mit starrem Entsetzen auf sie und das liebliche Kind, das erschrocken an der Seite seiner Mutter Schutz suchte. Fand er in den großen Veilchenaugen und in den kindlichen Zügen etwas, das ihn an seinen unglücklichen Sohn erinnerte? „Und Sie haben die Dreistigkeit, sich hier sehen zu lassen — mir ins Gesicht zu blicken — mir, Robert Grehlocks Barer?!" fuhr er sie an. Dann setzte er mit zorniger Gebcrde hinzu: „Entfernen Sie sich auf der Stelle mit Ihrem Kinde, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie hinausweisen!" Iris wich nicht von der Stelle, sondern breitete ihre Arme schützend über die zitternde Kleine aus, wie eine Henne ihre Fittige über ihre junge Brut ausbreitet, und wandte sich aus's Neue zu dem zornigen Manne, der sogar drohend seinen Stock schwang. „Ich sehe," sagte sie mit mildem, kummervollem Tone, „Sie haben alle möglichen schlimmen Dinge über mich vernommen; meine Feinde haben Ihr Herz gegen mich aufgestachelt,- Sie schreiben mir die ganze Ursache an dem unglücklichen Ende des armen Robert zu." „Jawohl!" fuhr der Gebieter von Grehlock Woods auf, „Sie haben meinen Sohn in's Unglück gestürzt — Sie haben seinen Namen entehrt, haben ihn zum Selbstmord getrieben." Iris seufzte tief und sagte dann: „Wie grausam Sie sind! Es ist wohl natürlich, daß Sie allen den Verleumdungen Glauben schenken, die über mich ausgestreut wurden- doch hören Sie mich nun an, ich bin entschlossen, mich vor Ihnen zu rechtfertigen." Sie trat einen Schritt näher- aus ihrem bleichen Gesicht sprachen Muth und Entschlossenheit, als sie begann- „Ihr Sohn heirathete mich aus Liebe, ich war eine arme Ballettänzerin, die Tochter eines unbemittelten Tanzlehrers, und stand daher, ihren Begriffen nach, aus der socialen Stufenleiter weit unter ihm. Es war nicht meine Schuld, daß er sich in mich verliebte- es war auch nicht meine Schuld, daß er mich hübsch und reizend fand. Die Noth zwang mich, auch nach unserer Verheirathung auf der Bühne zu bleiben- ich tanzte — um meinen Mann zu ernähren! Sie fühlen sich sichtlich unangenehm berührt davon, es ist indessen wahr. Sie hatten ihm jegliche Unterstützung entzogen, und es wollte ihm nicht gelingen, dauernde Beschäftigung zu finden. Er verstand sich auf keine Arbeit, denn Sie hatten ihn zu einem Gentleman erzogen. Er war eifersüchtig und herrisch- wir hatten manchen heftigen Wortwechsel — ich gestehe es mit blutendem Herzen ein — nichtsdestoweniger liebten wir einander. Glauben Sie mir, mein Gatte war mir theurer als mein eigenes Leben!" „Jawohl, jawohl," antwortete er mit einem Blick des tiefsten Abscheus- „besonders nach der kleinen Affaire mit Mr. Kenyon." Iris erröthete unwillkürlich- sie faßte sich aber rasch und warf ihren hübschen Kopf mit der Miene beleidigter Unschuld zurück. „Ich erlaube mir nur eine Frage," sagte sie kühn- „hat Robert, hat mein theurer Gatte mich je Ihnen gegenüber der Untreue beschuldigt?" „Nein." „Warum also leihen Sie den Einflüsterungen Anderer Gehör und verdammen mich ohne Beweise? Bei Gott. Sie thun der Wittwe Ihres Sohnes, der Mutter seines Kindes Unrecht! Arthur Kenhsn bewunderte mich, ich brauche es nicht zu leugnen, allein nur auf brüderliche Weise. Es war mein Jugendfreund — ein Schüler meines verstorbenen Vaters. Er hat uns, als ich noch ein Kind war, in unserer Armuth manches Gute erwiesen, denn er war reich. Ich brannte nicht mit ihm durch- dies war eine infame Lüge, die von meinen Feinden verbreitet wurde, deren ich leider viele hatte. Ich hatte mich mit Robert entzweit- ich nahm mein Kind und floh aus der Stadt mit der Absicht, ihn nie wiederzusehen. Daß Kenyon zu der gleichen Zeit die Stadt verließ, war ein zufälliges Zusammentreffen der Umstände, das ich erst lange Zeit später erfuhr. Ich schwöre es Ihnen hier auf meinen Knieen! Sie ließ sich tragisch vor Godfrey Grehlock nieder und uhr unter Schluchzen fort: „Ich bin schändlich verleumdet und gekränkt worden — nie habe ich dem Namen Grehlock Unehre gemacht- ich war zwar unglücklich, aber nie schlecht. Oh, Sir, wollen Sie mir nicht glauben?" „Madame, dies sieht ganz wie eine einstudirte Scene in einem Schauspiel aus," sagte Grehlock mit verächtlichem Tone- „Sie haben Ihre Sache recht gut gemacht. Doch fahren wir fort. Kenyon war also nicht Ihr Liebhaber? Sie flohen in der Nacht, in der mein Sohn Selbstmord beging, allein aus der Stadt?" „Allein," wiederholte sie ruhig und mit bestimmtem Tone. „Und in allen diesen Jahren sind Sie nie mit jenem Menschen zusammengekommen?" „Nur einmal, und das war in einem Hospital in New - Orleans, wo er am gelben Fieber starb. Ich hatte ein Engagement an einem dortigen Theater- er ließ mich zu sich rufen- ich ging zu ihm, und er sagte mir für ewig Lebewohl. Bald darauf verschied er." Godfrey Grehlock grub seinen Stock tief in bett Kiessand ein, womit die Allee bestreut war- sein Gesicht glich dem einer Statue. Das Weib zu seinen Füßen war schlau genug, um zu bemerken, daß ihre Erzählung doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben war, und daß trotz seiner eisigen Miene ein Kampf in seinem Innern vor sich ging. „Helfen Sie mir aufstehen," sagte sie, „ich bin ein Krüppel." Godfrey sah wohl ein, daß Iris sich nicht ohne Hülse von der Erde erheben konnte: er reichte ihr daher, obgleich kalt und mit Widerstreben, die Hand, worauf er einen Schritt zurücktrat und sagte: „Ich schenke Ihren Versicherungen zwar keinen Glauben, aber sagen Sie mir, was Sie nach Grehlock Woods sühne." (Fortsetzung folgt.) Vom Haushalt der Königin Victoria. Plauderei von M. C. Carpenter-Meyer. (Nachdruck verboten). Ein Jubelfest, wie es im Laufe von Jahrhunderten nur vereinzelt einem Herrscher zu feiern beschicden ist, wird demnächst Englands greise Königin begehen. Sechzig Jahre werden am 20. Juni verflossen sein, daß Prinzeß Victoria im jugendlichen Alter von 18 Jahren den englischen Königsthron bestieg. In nachfolgenden Zeilen wollen wir nicht die vergangenen 60 Jahre Revue passiren lassen, wir wollen heut einmal einen Blick in den Haushalt der Monarchin werfen, der viel des Interessanten uns bietet. Der Engländer ist stolz aus seine Königin, die ihm stets eine wohlwollende, volksthümliche Regentin ist. Er sieht in ihr nicht nur die weise, gütige Herrscherin, sondern auch eine vorzügliche Hausfrau, die ihrem großen, weitverzweigten Haushalt mit regstem und thätigstem Interesse vorsteht. Der ganze, große Haushaltungsapparat umfaßt ein enormes Personal- jedem einzelnen Angestellten sind seine Pflichten im engsten Kreise streng vorgeschrieben, aus welchem Grunde auch die Zahl eine so große und die Fertigkeit des Personals eine so vollkommene ist. Niemals wird ein Diener heut Wein, morgen Braten serviren, niemals ein Koch Pudding und Fleisch zu gleicher Zeit überwachen, eines Jeden Amt ist klein, aber doch in seinen Ansprüchen groß. Königin Victoria besoldet ihre Untergebenen wahrhaft königlich, wie ja bekanntlich die Gehälter der ersten Kammerdiener und Kammerfrauen einem preußischen Ministergehalt gleichkommen. Das gesammte Haushaltungssystem ist dem ersten Ver- 272 gestellte dasselbe. Zungen treffen. Dem Küchenchef schließen sich vier Obcrköche im schottischen Hochlande —, so begleiten sämmtlichc An an, deren Gehalt je 8000 Mk. beträgt, das aber durch Koch- > ' 9 ' 10,6 4"' lehrlinge noch verdoppelt wird; jeder dieser Oberköche hat seinen besonderen Bezirk und wird unterstützt durch einige Dutzend Köche, zu deren Bedienung wieder zahllose Mägde und Diener gehalten sind. Ein eigener Koch bereitet die auf der königlichen Tafel niemals fehlende geröstete Rindslende. Der Oberkellermeister steht im Gehalt den übrigen Chefs gleich, ihm liegt das Pflegen, Auswählen und Versorgen des königlichen Weinkellers ob, außerdem hat er die Pflicht, bei jeder Mahlzeit das Einschenken und Serviren des Weines Ist die Königin auf Reisen oder wird das Hoflagcr nach einer der anderen Residenzen verlegt — der Lieblings- aufenthalt der Königin ist das stille, weltentrückte „Balmoral" Characteristisch für das volksthümliche, loyale Denken der hohen Frau ist neben vielen anderen ein kleines Ereignis, der jüngsten Jahre. Es war in Windsor, die Königin promenirte Abends allein im Schloßpark, als sie, betroffen stehen bleibend ein heftiges Schluchzen vernimmt und am Fuß der Hinteren Terrasse eine bildhübsche, weinende, fast fassungslose, junqc Dame findet. Der Herrscherin Mitleid war erweckt, und unerkannt in der Dunkelheit entlockt sie der Unglücklichen ihres Kummers Grund. Sie war die Gouvernante einer mit ihren Töchtern als Gast in Windsor weilenden Gräfin S. und die heimliche Braut des Bruders ihrer Gebieterin, eines hübschen Dragonerlieutenants, der jüngste Sproß eines ebenso vornehmen wie armen Geschlechts. waltungschef unterstellt- in seiner Hand ruhen alle Fäden der Reorganisation, doch bedarf selbst die kleinste Aenderung oder Neuerung stets der Zustimmung der Königin. Sein anstrengendes und überaus verantwortungsreiches Amt trägt dem Verwaltungschef jährlich etwa 20,000 Mk. ein. Ein gleich hohes Salair bezieht der Küchenchef, der der Monarchin jeden Tag den Speisezettel vorzulegen hat, denn erst nach Gutheißung seitens der Königin darf derselbe seine Einrich- Siedaction. «. Schrtzd», — Druck und Verlag per Brühl'schen UmverfitätS-Buch- und Stemdruckerei (Pietsch & Schcyda) in Vicßen. Der feurige Liebhaber hatte in einem Brief der Schwester [ seilw Liebe offenbart und diese um ihre Hilfe gebeten — die Antwort war, daß die leidenschaftliche Lady, welche dem Bruder eine ältere, wohlhabende Verwandte zur Gattin bestimmt, sie vor ihren Dienstboten schmähte und ins Gesicht schlug! Die Königin tröstete, ohne sich zu erkennen zu gebe», das unglückliche Mädchen und versprach zu helfen. Es flog ein allmächtiges Brieflein nach der fernen Garnisonstadt des Liebhabers, ein anderes erforschte des Mädchens Vergangenheit — und schon wenige Tage später wurde die nichtsahnende Gräfin zur Königin befohlen. Eine großartige Ueberraschung harrte ihrer — die edle Frau präsentirte der verblüfften Lady einen neupatentirten Major, ihren eigenen Bruder und seine Braut, die mißachtete Gouvernante, deren Ausstattung und Nadelgeld die Monarchin spendete. Im Angesicht der Königin und übrigen Zeugen mußte die stolze Lady sich bequemen, die arme verachtete Gouvernante um Verzeihung zu bitten! Und wie jene beiden Glücklichen sind es Hunderte und Tausende, die theils durch der hohen Frau directe Hilfe, theils durch segensreiche Spendungen und Wohlfahrten am bevorstehenden Ehrentage der betagten Monarchin aus vollstem Herzen und in tiefster Dankbarkeit einstimmen in das allgemeine' (rod save the Queen! und Wehe dieses ganzen Heeres von Angestellten ist Königin Victoria genau unterrichtet, 'X:r' " > kennt ti- näher und manch zaghaften/ ^eMMLufisch L von den streng beherrschen Gesichert,, manch Leid heilte ihre milde Hand. 1 zu überwachen. Veuve Cliquot, Burgunder, Sherry, Portwein sind der Königin Lieblingsgetränke. Der Monarchin servirt den Wein ein im vollen Hochlandscostüm comman- dirter Pfeifer von den Royal Highlander. Für das Serviren — die Königin wird durch zwei eingeborene Inder bedient —, zur Versorgung der Grills, der Oefen und zu all den übrigen Hilfsleistungen bedarf es eines ganzen Heeres von Dienern und Mägden. Diejenigen, welche den Vorzug genießen, ihres Amtes in unmittelbarer Nähe der Königin walten zu können, sind stets alte, erprobte Leute, die als Groom begannen. Zu diesen rechnen auch der Silbermaster und Wäscheverwalter. Die Lieferung für die königliche Küche besorgen die großen Stores in London, die ihre Sendungen täglich schicken. Eier und Butter liefern ausschließlich die königlichen Molkereien, und es folgen die dicht verschlossenen Büchsen mit der ungesalzenen Butter dem königlichen Hoflager überall hin. Ein besonders großer Consumartikel ist der Thee, der aus einem kleinen Laden in „Pall Mall" bezogen wird,- es ist einfacher schwarzer Chinathee, gemischt mit etwas Pecco, das Kilo zu 9 Mk. Der jährliche Verbrauch stellt sich auf etwa einen Centner. Die ersten Mahlzeiten der Königin, break fast und lunch, sind äußerst einfach. Thee, Kaffee, Eier, ein wenig kaltes Fleisch für das späte erste Frühstück, und zum Luncheon nur einige kalte und warme Gänge. Für das späte Diner werden jedoch große Vorbereitungen getroffen. Der Speisesaal er- ! strahlt im Schein zahlloser Wachskerzen und Lampen, unschätzbares Gold und Silber flimmert auf den Tafeln, denen ein Flor der herrlichsten Blumen ein entzückendes Gepräge gibt. Das Porzellan ist altes Meißener und Worcester. Die Speisen werden auf dem zur Seite stehenden Anrichtetisch durch den Küchenchef angcrichtet, dieser hat auch gleichzeitig, nach uralter Sitte, den Namen derselben laut auszurufen. Die Folge ist eine schnelle. Während der Tafel wird nur wenig gesprochen, da auch Niemand die Königin ansprechen darf. Niemals darf ein Diner, selbst ein Galadincr mehr als 1000 Mark kosten. Wild aller Art, vorzugsweise Geflügel, ferner Rind- und Hammelfleisch liefern die Braten- Lachs, Bachforellen aus den schottischen Hochlanden und Zander sind die beliebtesten Fffche, zur Saison auch Hummer, Krebse, Krabben und Seefische. Der Nachtisch, Butter, Brot und Käse, letzterer in Würfelform geschnitten, wird ausschließlich auf Crystall servirt. Das Dessert, aus dem auserlesensten Obst bestehend, bietet oft die seltensten Kostbarkeiten. . hunderte von fleißigen Händen sind täglich beschäftigt, um die kontglrche Tafel zu versorgen, und von dem Wohl | Hrrmsviftisches. Neuester Liebesschwur. Amelia: „Schwör' nicht beim Mond, dem unbeständigen Mond, Geliebter!" — Carl: „Bei was soll ich denn schwören?" — Amelia: „Schwöre bei dem, was Dir das Höchste ist . . . ohne das Du nicht leben kannst!" — Carl (stürmisch): „O, süße Amelia, so schwöre ich Dir denn bei meinem Bicycle ... ich liebe Dich!" * * * Zeitgemäß. Herr (zu einer alten Dame): „Gnädige Frau lernen Radfahren?" — Dame: „Ich muß wohl, um meine Tochter überallhin begleiten zu können!" • * * Ja so! „Also Sie wollen nach Leipzig?" — „Ja — ich hab' was im Ooge!" — „Ach gar! Da wollen Sie zu einem Professor?" — „I nee!" — „Oder zu einem berühmten Augenarzt?" — „Ei, warum denn gar?" — „Ja, was haben Sie denn im Ooge?" — „($’ Geschäft hab' ich im Ooge?"