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Doch jener Anderen gehörte ja an ihre Seite, in dessen Kopf die Welt sich freilich anders malte, als in dem ihren, zu dem sie aber unbegrenztes Vertrauen hegen durfte. Er würde sie nie absichtlich verletzen, würde nie etwas thun, dessen sie sich zu schämen hätte, zu ihm konnte sie immer haben die Menschen dies erste Versprechen künftiger goldner Tage- die Lerche jubilirt schon, und aus jedem Hälmchen sieht man das künftige Brodkorn wachsen. Vorosterfrühling lag auch auf der Mädchenschaar, die eifrig, die Köpfe gesenkt, in dem großen Zimmer saß, durch das die Sonne leuchtete, als wolle sie noch heute all die, jungen Knospen zum Blühen bringen. Nähstunde war's; die letzte Nähstunde, die das Schloßfräulein den Confirmandinnen ihres Dorfes gab. Heut mußten sie mit ihrem Taschentüchlein fertig werden, und Liese Nienhold war natürlich die erste, die aufstand und nach dem Fenster ging, wo das geliebte Schloßfräulein am Nähtisch saß, freundlich über die blonden und braunen Köpfe hinschauend. Liese Nienhold wurde ob ihrer Arbeit gelobt und gleich hinter ihr drein kam ihre Haus- und Platznachbarin Selma Born zur Stelle. Selma war ehrgeizig: die Zweite mußte sie mindestens sein. Sie durften zusammen nach Hagse gehen — das Schloßfräulein sah hinter ihnen drein mit guten Wünschen uud freundlichen Gedanken, wie sie so durch den Park nach dem Dorfe schritten; beide blond, Selma beweglich und schnell mit dem Wort, Liese langsam die Augen nach innen gerichtet. Auf einmal seufzte Selma tief auf. — Hast Du unseres Fräuleins Nähzeug gesehen? Das neue? Golden der Fingerhut, Golden das Scheerchen — zu schön! — so was kriegt unser einer nun niemals!" Liese hatte es nicht gesehen, sie war mit ihren Gedanken ganz wo anders gewesen. Dort, wo sie das Taschentüchlein zum erstenmal tragen würde, und zu Hause, wo sie der alten Großmutter nun zur Hand gehen durfte ohne Schulabhaltung. — Selma wollte in die Stadt. „In feinen Dienst! weißt! o die Welt ist groß und es passiren merkwürdige Sachen. — Vielleicht schenkt mir doch mal Jemand 'nen goldnen Fingerhut." — Und nun war des Palmsonntags heiliger Abend, und sein Mittagsgeläut rief die junge Schaar wieder zusammen. Sie kamen mit ihren Körbchen nach dem Schloß zum Blumen- pflückeu und danach durften sie auf den Kirchenstufen den Altarschmuck binden. Die Sonne küßte ihnen schnell noch die schönsten Hyazinthen wach, und im Gewächshaus stand der Gärtner und schnitt vom feinsten Grün — „Herrschaftsgrün" nanntens die Mädel. Büsche von Schneeglöckchen und Narzissen füllten die Körbchen, und von der Terrasse sah das Schloßfräulein mit Pfarrer Lorenzen der frohen Schaar zu. „Zukunftshoffnung", sagte sie leise. Da kamen sie heraufgelaufen und umdrängten abschiednehmend und handküssend die beiden. Wie Schwalbengezwitscher füllte es den Altan, und das Fräulein lauschte lächelnd dem verklingenden Geplauder nach. Dann wandte sie sich zu ihrer Arbeit zurück. Plötzlich ging ein tiefes Roth über ihr Gesicht. „Ich weiß nicht — doch nein! — Ich weiß es ganz genau — eben noch hatte ich Scheere und Fingerhut hier auf dem Tische liegen — und nun sind sie fort." Pfarrer Lorenzen und das Schloßfräulein suchten eifrig — nirgends eine Spur. Keine Spalte im Boden, die etwas verschlucken konnte, — keine Kleiderfalte, die nicht ausgeschüttelt worden wäre — nichts. — Jetzt sahen sie sich beide an — beide wehrten sich gegen denselben Gedanken. Das Fräulein war blaß geworden. — „Nein, nein!" rief sie — „es ist unmöglich." „Unmöglich," antwortete Pfarrer Lorenzen lang- mit Stolz aufschauen — aber sie war ja allein, fröstelndes Schauern durchrieselte sie. Da legte sich plötzlich ein Arm um ihre Schulter, eine liebe, vertraute Stimme flüsterte ihr in das Ohr: Mein eonsirmirt. Von Louise Glaß —— (Nachdruck verboten.) Frühling war's - nicht voller, fliederumblühter, nachtigallgepriesener Frühling, der uns nun täglich die erste Rose be- scheeren kann — Vorosterfrühling mit bescheidenen „Palmkätzchen", Nußträubchen, ersten sprossenden Blättchen und dem „Grüß Dich Gott, Regine!" Mit einem Jubellaute fuhr sie herum. „Felix! wo kommst Du her?" ,^Von zu Hause," erwiderte der Gefragte mit einem fröhlichen Lächeln. Regine schlang ihre Arme um seinen Hals. „Ich glaubte Dich in Heidelberg," flüsterte sie. „Ich bin doch lieber zu Euch gekommen," sagte Felix wie in leichter Verlegenheit, „sieh' Regine, die Sehnsucht war eben gar zu groß. Da dachte ich, es wäre am besten, selbst auszuziehen und mir meine Schätze heimzuholen. Ein paar Tage bleiben wir nun noch hier, und ich freue mich mit Dir an Deinem geliebten Meere." Die Dämmerung senkte sich leise über die Insel, als die Beiden ihrem Häuschen zuschritten. Regine half ihren Manne, den Koffer auspacken. Ein Band Goethe fiel ihr dabei in die Hand. „Felix, Du reisest mit Goethe?" rief sie erstaunt. „Ich hatte mit so viel Vergnügen zugehört, wie Du mit Fräulein Anna „Hermann und Dorothea" lasest, und wollte das Buch nun allein beenden. Aber aus Deinem Munde klingen die Verse doch schöner, Reginchen!" „Wie viel lieber werde ich mit Dir lesen als mit Fräulein Anna, mein Felix, sagte sie zärtlich und leise fügte sie hinzu: „In Zukunft will ich Dir auch eine bessere Hausfrau werden als bisher- ich habe erst jetzt erkannt, wie viel ich versäumte, mit wie viel Recht Du mich an meine Pflichten mahntest, Felix!" Arm in Arm traten sie in den kleinen Vorgarten hinaus. Nun schaute Regine einer anderen Liebe ins Angesicht. Die schwebte nicht in die Höhe wie ein Weihrauchswölkchen, sondern wurzelte fest in der Erde, wie eine gesunde Pflanze, und streckte sich mächtig in der freien, frischen Luft zu immer üppigerem Wachsthum. Eine verzeihende, geduldige Liebe, ln der eins das andere mit seinen Fehlern trug und stützte, eine Liebe voll Schmerz, aber auch voll höchster Glückseligkeit. Schon tauchte die blasse Sichel des Mondes deutlich auf. Eigenthümlich stark und würzig dufteten die Reseden. Ein Mädchen sang in gedämpften Tönen ein schwermüthiges Volkslied — aber das Alles erweckte in Regina nicht mehr, ww sonst in ähnlichen Augenblicken, das ungestüme Verlangen nach einem überschwenglichen Glücke. In ihr war eine ruhige, beseligende Zufriedenheit mit dem, was das Leben ihr zuge- theut. Sie fühlte sich geborgen unter ihres Gatten Schutz, ^tet bon einem Allmächtigeren, dessen Gedanken so viel hoher sind, als unsere Gedanken, wie der Himmel höher ist, enn die Erde. Der besser, als wir selbst in unserer blinden ^Lhorheit weiß, was wir bedürfen, der uns bewahrt vor unserem größten Feinde, dem trotzigen und verzagten Herzen, n t. glücklich bin ich doch," sagte sie ans vollster ederzeugung. Erschüttert beugte sich Felix zu ihr nieder und küßte ihre klare Stirn. — 176 viel Bon Zeit zu Zeit sagte sie vor sich hin: „et ist ja gar- nicht wahr," aber endlich schlief sie doch ein und träumte von den Blumen auf der Kirchhoftreppe. Als die Palmsonntagsglocken läuteten, wachte sie auf. Sie sprang aus dem Bett und lächelte — hoher Festtag war heute — Alles lag schon fein säuberlich bereit. Das neue, schwarze Kleid und das grüne Kränzchen, das feine Taschentuch und das zierliche Unterzeug, das sie sich selber genäht hatte. — Genäht hatte! — Da war die Erinnerung wieder an den gestrigen Tag — Liese drückte die Hände gegen die Augen und weinte bitterlich. Sie durfte ja nichl mit in die Kirche, für sie läuteten die Glocken nicht. Ihr Alltagskleid zog sie an, huschte hinaus, hütete Ziege und Schwein, trug Wasser und, da sie die Großmutter jetzt im Hause hantiren hörte, versteckte sie sich in Nachbars Scheuer. Von dort aus sah sie Selma mit Kranz, Strauß und Gesangbuch davon gehen, zur Rechten den Vater, zur Linken die Mutter, angethan mit dem besten Sonntagsstaat,- sie hörte das zweite Läuten, das dritte Läuten und dann setzte die Orgel ein — verstreute Töne bis in Borns scheuer schickend. Die Orgel zog und lockte, Liese ertrug die Verbannung nicht länger, sie mußte hinaus. Jetzt sah sie ja keiner, jetzt waren ja alle drin in der Kirche. Sie schlich nach dem Friedhof, überall Glanz und Sonne, überall Zwitschern und Locken, überall Duft und lichtgrüne Schleier über dem Braun der Aeste, von gestern auf heute durch Zauberhand gewoben. Liese horchte — nein, von der Predigt hörte sie nichts; aber am Gesang konnte sie der heiligen Handlung folgen. „Wir glauben all an einen Gott" — unwillkürlich falteten sich ihre harten, kleinen Hände und das Köpfchen senkte sich andächtig. — „Der Herr segne Euch und behüte Euch und gebe Euch Frieden." Jetzt war eine Pause drinnen — sie wußte weßhalb) jetzt rückten die Confirmanden zusammen auf die beiden Bänke vorm Altar, jetzt durften sie das erste Abendmahl empfangen — Liese barg den Kopf in die Hände — nichts mehr hören, gar nichts mehr hören — warum war sie hierher gekommen? Nun setzte die Orgel wieder ein; lange, getragene Töne strömten über die Häupter der Gemeinde: „Nehmet hin und esset", da ging plötzlich das Seitenpförtchen der Kirche auf, neben dem Liese im Fliederbusch kauerte, und scheuen Blickes trat eine Confirmandin heraus. Das schwarze Kleid war noch eben so schmuck, das Kränzchen noch eben so grün, wie vor ein paar Stunden, da Liese sie nach der Kirche gehen sah, aber die Augen unter dem Kränzchen blickten nicht mehr lustig und herausfordernd in die Welt — Selma Born konnte die Orgel nicht mehr hören, die gütige, mahnende Stimme des treuen Pfarrers, den Gesang der Gefährtinnen nicht mehr ertragen — ihr graute vor dem geweihten Kelche. Nun stand sie im Freien, nun wollte sie Athem schöpfen — aber da saß ja Liese Nienhold, die Diebin, und weinte. Selma schrie auf, so erschrak sie. „Nehmet hin und trinket, das ist mein Blut, das für Euch vergossen ward," sang drinnen die Orgel. „Liese" rief Selma — „Liese, ich bin es ja gewesen — ich hab den Fingerhut, ich steckte Dir die Scheere ins Körbchen." — Dann stürzte sie die Stufen hinab und verbarg ihren Kopf in Liesens Schooß. Liese rührte sich nichts so kauerten sie noch zusammen, als die Kirchgänger herauskamen und sich über den Kirchhof zerstreuten — — — — — — ~~ T- Am andern Morgen wurde Liese Nienhold allein ein- gesegnet — alle Leute aus dem Dorfe und vom Schloß waren dabei, der Pfarrer hatte sie darum gebeten und m Nienholds Garten that die erste Fliederdol.de ihre blauen Augen auf. — „Das bedeutet Glück, Liese, kleine Liese ;— Gott segne Dich." nichts weiter. „Also weggeworfen!" Und Pfarrer Lorenzens Stimme wurde hart; er sprach eifriger noch, eindringlicher und heftiger. Liese schwieg. Da ging er hinaus, schickte die Mädchen zum Blumenbinden und rief dann nach Liese, die auch auf die sanften Fragen des Fräuleins keine Antwort gefunden hatte. „Komm mit." Sie kam mit; sie ging hinter ihm drein, als sei sie eine Maschine, die irgend Jemand nach seinem Willen aufgezogen hat) sie schritten durch den Schloßgarten, über dem der Duft der Narzissen lag, durchs Dorf, wo das Plaudern der Guirlanden- binderinnen zu ihnen drang, über den Steg, unter dem der srühlingsfrohe Bach schwatzte, bis an das letzte Häuschen, in dem Lieses Großmutter wohnt. Dort mußte sich Pfarrer Lorenzen bücken, um durch die Thüre zu kommen, zu der alten Frau, die am Spinnrad saß. Er setzte sich neben sie und sprach lange auf sie ein, — Liese stand in der Thür, ohne sich zu regen und hörte zu. Jetzt endlich begriff sie: — sie hatte das geliebte Schloß- fränlein bestohlen, sollte eingestehen, abbitten und bereuen, sonst konnte sie nicht mit eingesegnet werden. Liese Nienhold hatte gestohlen — jetzt erzählen sich's all die Mädchen auf der Kirchentreppe — es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Plötzlich rief sie heftig: „Das ist ja Alles gar nicht wahr!" lief hinaus in den Stall, kauerte sich ins Stroh und starrte ins Dunkel. Frau Nienhold wollte hinter ihr drein, aber der Pfarrer hielt sie zurück. Er sprach lange auf sie ein, bis sie ihm versprach, der Liese nichts zu thun, und sie zu nichts zu zwingen: „von selbst muß sie kommen, sonst ist die Reue nicht echt und ihre arme Seele hat nichts davon." Ihre arme Seele! — und die Schande dazu! — Du mein Herr Gott, die Schande! — nicht mit eingesegnet! — Die alte Frau Nienhold klagte und weinte, weinte und klagte und weinte sich endlich um Mitternacht in Schlaf. Da kauerte Liese noch immer wach im Stall. Erst als die Ziege keine Ruhe mehr ließ, kroch sie aus ihrer Ecke hervor, fütterte und schlich sich in ihr Bodenkämmerchen. Mühe. — „Ich habe keinen Fingerhut," sagte sie leise, Redaction: A. Schiyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen UmverfitätS-Buch- und Gtemdruckerei (Pietsch &. Scheyda) m sam, „aber damit wir den Verdacht los werden für alle Zeit, müssen wir uns Gewißheit schaffen." Er griff nach der Klingel und gab dem Diener Befehl, die Mädchen zurückzurufen. Als alle in dem Vorzimmer versammelt waren, wurde die Thüre hinter ihnen geschlossen und einzeln rief man sie hinein zu dem Fräulein, ohne daß eine der Verschwundenen zurückgekommen wäre. Alle schwatzten, nur Liese Nienhold schwieg, wie es ihre A t war- und jetzt ging sie als die Zunächststehende hinein in des Fräuleins Zimmer. Ein, zwei Minuten lang war Alles wie vorher: Die Mädchen schwatzten und die Sonne spann Goldfäden aus den blonden und braunen Köpfen. Dann ertönte drin im Zimmer ein Wehruf des Schloßfräuleins, und mit zwei schnellen Schritten war Pfarrer Lorenzen bei ihr. Da stand Liese Nienhold, stumm, entgeisterten Blicks auf ihr umgestürztes Blumenkörbchen schauend) Hyazinthen und Schneeglöckchen lagen bunt durcheinander und zwischen ihnen blinkte das Scheerchen hervor mit dem goldenen Griff. — Das Schloßfräulein aber weinte. „Du Liese, gerade Du! — ich hätte es nie geglaubt." Und dann sprach Pfarrer Lorenzen lange und ernsthaft — allerlei, was Liese nicht verstand. Endlich schloß er: „Nun gib wenigstens auch den Fingerhut her und bitte ab und beweise Deine Reue." Liese sah noch immer starr auf das Scheerchen zwischen den Blumen und rührte sich nicht. „Liese!" Jetzt blickte sie auf. Hgtte er wirklich mit ihr gesprochen? Sie schüttelte den Kopf, langsam als mache ihr die Bewegung