Donnerstag den 14. Oktober. ZSU iKirswJ jd^^ebitnbert führt der Schmerz Uns Alle durch das Leben: Sanft, wenn wir willig geh'n, Rauh, wenn wir widerstreben. Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Der Graf strich langsam mit dem eleganten Taschentuch über die Stirne. „Ich hoffe, mein Kind, sie haben mehr eingebracht wie gekostet! Ich gebe zu, daß diese Zeit in Angerwies eine starke Zumuthung für Dich sowohl wie für mich gewesen ist, aber Du weißt, um was es sich gehandelt hat, und weißt auch, was wir hoffentlich erreicht haben. Im Uebrigen mache ich Dir mein Compliment, wie meisterlich Du Deine Rolle gespielt hast!" „Der ersten Schanspielerin könntest Du concurriren! Es wird jetzt manch spaßhafte Erinnerung für uns geben, wenn wir an den Eliteball des Kriegervereins denken! Hast Du eigentlich mit Frau Simmel Schwesterschaft getrunken?^ Frau Melanie lachte leise auf. „Spotte nur, ich sehe Dich schon in Zukunft Arm und Arm mit dem Herrn Apotheker und Auditeur durch die Straßen von Angerwies wandern! Und das erste Diner, welches wir auf Niedeck geben, wird eine außerordentliche buntscheckige Gesellschaft aufweisen, falls Du wirklich die horrende Idee haben solltest, dieses Krähwinkelvolk auch künftighin als geeigneten Umgang für uns zu erachten!" Graf Rüdiger entzündete eine Cigarrctte, sein schmales, farbloses Gesicht hatte die Maske fasciuirender Liebenswürdigkeit abgelegt und trug den Ausdruck hochmüthiger Ironie. „Nun — ich denke, ma obere — wenn wir tatsächlich Besitz von Niedeck ergreifen, können wir noch das letzte Opfer bringen und die Finger, — welche die Kastanien für uns aus dem Feuer holen werden — zum Danke etwas schmieren! Eine Massenabfütterung muß stattfinden. All unsere lieben,- guten Angerwieser Freunde werden dann für einen Tag den süßen Traum träumen, als intimer Verkehr in Schloß Niedeck aus und ein zu gehen! Ochsen und Mastvieh liefert selbstredend Herr Simmel — und was sonst nothwendig ist, wird auch aus Angerwies besorgt. Des guten Ueberganges wegen! Dann bekommst Du einen hartnäckigen Katarrh und ich sorge dafür, daß unser neuer Hausarzt Dir eine Reise nach dem Süden verordnet. Bis dahin habe ich die Pachtverhältnisse der Besitzungen geordnet, und nach unserer kurzen aber glänzenden Gastrolle reisen wir ab — nach Italien. Dann wercen Gründe feil wie Brombeeren sein, um für die Zukunft einen längeren Aufenthalt in Niedeck unmöglich zu machen." „Gewiß, falls Du nicht noch das Assessorexamen machen willst." „Glaubst Du, ma obere, daß ich noch als Majoratsherr Examen machen werde?" Sie sah überrascht auf. „Du willst es nicht?" Er lachte hart und rauh: „Nein, dann habe ich es satt, mich als Lastthier noch ferner in das Joch zu spannen, dann haben wir es ja glücklicherweise auch nicht mehr nöthig!" „Nein, dann wollen wir frei sein!" athmete Frau Melanie hoch auf. „Dann haben wir ja keine Zukunft mehr zu fürchten! Aber warum noch so viele Umstände mit dem greulichen Kaffernvolk in Angerwies machen? Wenn der Mohr seine Schuldigkeit gethan hat, mag er doch gehen!" Er zuckte die Achseln. „Je nun, darüber können wir ja immer noch bestimmen, aber Du weißt — noblesse oblige — und nun, was sollte aus Deinem Anbeter Bärning werden, wenn seine Königin ihn so schnöde verlassen wollte?" Die Gräfin lächelte: „O theurer Toggenburg !" mockirte sie sich, nach seinem Bouquet greifend, „dieses Kuhfutter drückt seine lyrischen Gefühle aus! Gelbveiglein, Rosmarin und Nägelchen! Lo ganz der Abglanz der hochmodernen Residenzstadt Angerwies! Man kann doch unmöglich verlangen, daß ich mich mit dieser heillosen Kuchenpapiermanschette zu Hause lächerlich mache!" und die kleine Hand schleuderte die Blüthen, welche mit so viel warmherziger Begeisterung geopfert waren, erbarmungslos zum Fenster hinaus. „Apropos — willst Du wirklich Garnison nach Angerwies verurtheilen? Das wäreperfide gegen die Unglückslieutenants!" Rüdiger lachte laut auf. „Aber, Kind, das ist ja überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit! Es gehörte die ganze Naivetät dieser Naturmenschen dazu, um an ein solches Märchen zu glauben!" „Arme Bürgermeisterin! Sie näht schon die Brautkleider!" „Näh nicht, liebes Mütterlein, am rothen Sarafan! Na, die holden Mägdelein können ja die hochzeitlichen Gewänder zu unserem Einzuge auf Niedeck anlegen! Nun aber 478 zieh andere Handschuhe an, Theuerste, der Zug Pseist! Wir müssen in Lindheim umsteigen!"- * * * Dämmerung lag über dem mächtigen Schloßbau von Niedeck. Uraltes Gemäuer baute sich, trefflich erhaben, zu Thürmen und Zinnen empor, epheubewachsen und grünbemoost, wie es keines Malers Phantasie idealer und poetischer hätte ersinnen können. An den eigentlichen „Urbau" — dem ältesten Theil, welcher auch noch den Namen „Burg" trug und wie ein trutziges Felsennest auf der höchsten Spitze des bewaldeten Berges thronte, hatte fast jedes spätere Jahrhundert einen neuen Schloßtheil ■ hinzugefügt, und so war schließlich ein ganz eigenartiger Complex von Schloßhöfen, Seiten- und Querflügeln, Thürmen und Erkern entstanden. Das gab nicht nur ein sehr imposantes, sondern auch ein recht originelles Ansehen, und darum war Schloß Niedeck auch im ganzen Lande als einer der großartigsten und feudalsten Herrensitze bekannt. Die letzten Sonnenstrahlen hatten in den unzähligen Fenstern aufgeglüht, hatten den mächtigen Bau, welcher in tiefer, traumhafter Ruhe, gleich dem verzauberten Palast des Dornröschens da lag, noch einmal märchenhaft vergoldet, und waren dann hinter den hochragenden Tannen zur Ruhe gegangen. Graf Willibald saß einsam und schweigend in dem niederen Kutscherstübchen, welches er sich zum Wohnzimmer auserwählt. Hart über dem Felsenabhang schwebend, bot das bleigefaßte Fensterchen einen herrlichen Fernblick über die Thalebene mit dem malerisch, zwischen grünen Wäldern gelegenen Städtchen Angerwies, über die sich fernhin dehnenden Hügelketten und das blitzende Flußband, welches sich in krausen Linien zwischen ihnen hervorschlängelte. Seitwärts aber sprang der Schloßberg mit schroffer Ecke vor und gewährte den Anblick auf den alten Burgtheil, welcher in dieser vollen zauberhaften Schönheit einzig von dem kleinen Fenster des Kutschers zu sehen war. Und Graf Willibald liebte diesen Anblick über Alles. Kein Fenster des ganzen riesigen Schlosses zeigte so viel landschaftliche Schönheit, wie diese bleigefaßten Scheiben, und darum fragte der einsame Majoratsherr nicht lange, ob es närrisch sei oder nicht, wenn er all die weiten, düsteren, trostlosen, leeren Säle verließ und hierher in das poetischste aller Schloßwinkelchen übersiedelte. Und auch jetzt saß der Graf in dem bequemen, altmodischen Ledersessel an seinem Lieblingsplätzchen und blickte gedankenversunken hinaus in die Landschaft, über welche der Abendfrieden seinen dämmernden Schleier breitete. Um die Schloßthürme kreisten die Elstern und suchten ihre Nester, von der Stadt herauf klang das Abendläuten und fern her, von dem Eisenbahndamm blitzten die ersten Lichtchen empor. Graf Willibald stützte den unförmigen Kopf in die Hand und seufzte auf. Er liebte die Dämmerstunde so sehr — aber sie liebte ihn nicht, sie quälte ihn mehr denn jede andere Zeit mit einem sehnsuchtsvollen Weh, gegen welches er schon so lange, lange Jahre verzweiflungsvoll ankämpfte, ohne doch seiner Herr werden zu können! Wie verlassen und verloren stand er inmitten seiner tobten Reichthümer, in einer fremden, kaltherzigen, unverstandenen Welt! Glücklich sein! welch ein traumhafter Begriff für ihn! Und doch hatte es einst eine Zeit gegeben, wo auch er glücklich gewesen! Aber diese Zeit lag weit zurück, so weit wie seine goldene, sorglose Kindheit! Ja, da war er glücklich, als die Mutter ihn noch auf den Knieen wiegte, als sie sein armes, häßliches Haupt voll zärtlicher Liebe zwischen die schlanken, edelsteinfunkelnden Hände nahm und küßte! y, wie weit und glückselig war da sein Herz! Da liebte er die Dämmerstunde auf Mamas Schoß ebenso sehnsüchtig stief wie jetzt — damals aber stillte sie noch dieses Sehnen durch die treueste Liebe, welche es gab, während er heute einsam, mit blutendem Herzen zum Himmel blickt, oft sich verzehrend in brennendem Weh — oft verbittert, grillenhaft, zornig mit dem Schicksal, mit Welt und Menschen hadernd! Warum blieb es nicht immer so, wie damals. Warum nahm ihm der Tod das einzig Liebe, was er noch besaß, seine Mmter, nachdem auch der Vater von ihm gegangen? Da fing sein Elend an, sein namenloses Elend. Man nahm ihn fort von Niedeck, man brachte ihn in das Haus des Onkels, seines Vormundes. Dort sollte er mit Vetter Rüdiger zusammen erzogen werden, obwohl er um Jahre älter, wie dieser,- daß er diesen Namen nie gehört — diesen Knaben nie gesehen hätte! Der Fluch seiner Jugend hieß Rüdiger! Graf Willibald ächzt auf bei dem Gedanken an die Qualen, welche er durch ihn erduldet. Er preßte die mageren Hände krampfhaft zusammen und starrte hinaus in die Schatten, welche sich tiefer und tiefer über das Thal breiten. Die Thür hinter ihm öffnet sich, leise, schlurrende Schritte nähern sich, ein gebeugter alter Mann in Livroe bleibt hinter dem Stuhl des Grafen stehen. Willibald wendet aufzuckend den Kopf. „Was giebt es, Kuhnert?" Keine Antwort. Nur ein leises Geräusch, als ob ein Mensch gewaltsam gegen die Thränen ankämpfte. Der Graf erhebt sich und tritt neben den Castellan. „Kuhnert!" ruft er entsetzt und faßt beide Hände des Alten, „Kuhnert! " Ueber die eingefallenen Wangen des Greises rinnt es feucht. Er preßt die Hände des Grafen und sinkt allen Respect vergessend, auf den Stuhl nieder. „Mein armer, armer Herr!" klingt es wie ein Aufschrei von seinen Lippen. „Sprich, Kuhnert — ein Unglück?" Der Alte beißt die Zähne zusammen und schüttelt wild den Kopf. „Mehr als das, Herr Graf! ein Verbrechen!" „Allmächtiger Gott! sprich's aus!" „Graf Rüdiger--" „Er?! — was . . . was . . ." „Ach, Herr Graf — es ist zu viel der Schurkerei ..." Willibald richtet sich hoch auf, sein Auge blitzt. „Sprich!" — ringt es sich rauh von seinen Lippen. Der Alte umklammert mit bebenden Händen den Arm seines Herrn. „Sie müssen fort von hier, Herr Graf!" „Ich? nicht um die Welt!" „Sie müssen! — bei Gott, mein armer, armer Herr, Sie müssen, sonst . . ." „Sonst bringt man mich fort? in die Capelle drüben?" stößt Willibald bitter hervor: „Mit Gift oder Dolch?" „Nicht in die Capelle . . ." „Nicht? . . . wohin denn sonst?" „In das Irrenhaus, Herr Graf!" „Tiefe Stille — leichenblaß, regungslos steht der Majoratsherr von Niedeck. Gespenstisch starren seine Augen aus dem Dunkel. Dann bricht ein gellendes Lachen von seinen Lippen. „In das Irrenhaus! bravo, Rüdiger! der Plan ist eines Teufels werth!" Er wendet sich und schreitet langsam im Zimmer auf und nieder, dann bleibt er vor dem Alten stehen, legt die Hände auf seine Schulter und sagt weich und herzlich: „Du treue, brave Seele! — erzähle mir, was Du von der Sache gehört hast!" Capitel 5. Ich habe Verrath tief hassen gelernt und weiß kein Gift, das mehr mich erfüllt mit Abscheu! Aeschylus. Graf Willibald zog einen Stuhl heran und umschloß seine Lehne krampfhaft mit den Händen, als suche er einen Halt, um nicht bei dem Ungeheuerlichen, was er hören sollte, - 479 - umzusinken. Kuhnert aber erhob sich mit zitternden Knieen und strich daS Haar aus der feuchtperlenden Stirn. „Ach, Herr Graf!" jammerte er: „eS ist ja nicht zu glauben, daß ein Christenmensch so schlecht, so sündhaft handeln kann — und nun gar das eigene Fleisch und Blut! der leibliche Vetter des Herrn Grafen!" Der Majoratsherr lachte abermals heiser auf, der alte Mann aber fuhr schwerathmend fort: „Da ist er hierher gekommen, hat sich zehn Tage lang mit der Frau Gemahlin in der Stadt Hamburg einquartiert und nun mit allem Vorbedacht und aller List eine wahre Meuterei unter den Leuten angestiftet! — O, Du mein Heiland, wie sieht es bei den schlichten, braven Angerwiesern aus! Als ob der Teufel los wäre — und als ob unser guter Herr Graf die ganze Gegend ins Unglück brächte! — Verrückt wäre der Herr Graf, sagen sie, er gehöre in das Narrenhaus, und der Herr Kammerjunker Rüdiger, der sei der wahre Majoratsherr, der gehöre hierher nach Niedeck! Natürlich hat er selber ihnen das eingeblasen — ach, wenn man hört, wie es die Herrschaften getrieben haben! — An den Wirths- tisch haben sie sich gesetzt und sich schier.auf „Du" und „Du" mit allem Krämervolk gestellt, — und die Frau Gräfin hat sogar Visiten bei den Spießbürgern gemacht." „Frau Melanie in Angerwies Visiten gemacht?" unterbrach Willibald und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „diese arrogante — hochmüthtge Person, welche ihresgleichen wie Schmutz an den Füßen erachtet, seit es ihr glückte, einen Graf zu freien?" „Die sind die schlimmsten, Herr Graf!" — nickte Kuhnert mit einer verächtlichen Handbewegung: „die schämen sich vor sich selbst, daß sie in einer bürgerlichen Wiege gelegen, namentlich wenn die Wiege in dem Hause eines solchen Glücksritters und „Gründers" gestanden, wie der alte Bourlier einer ist! — Na — das ist ja seine eigene Sache! — Aber die Visiten der Frau Gräfin sind nicht das Schlimmste, was sagen der Herr Graf wohl dazu, daß die beiden Herrschaften auf dem Kriegerball erschienen sind, — einerseits wie die Fürsten auftretend und dann doch wieder die demokratische Verbrüderung mit jedem Gevatter Schuster und Schneider. — Sogar getanzt hat die Gräfin —." Willibald hatte den Kopf vorgestreckt, als höre er nicht recht, jetzt sank er mit schallendem Gelächter auf den Stuhl und Preßte die Hände gegen die Schläfen: „Diese Posse ist ja Entree werth," rief er mit schneidender Stimme- „bei Gott, die adelsstolzen Leute haben sich das Majoratsrecht theuer erkauft nnd im Schweiße ihres Angesichts darum geworben! — Die Gräfin Melanie tanzt mit den Angerwieser Ackerbürgern!! Nun sollen dafür die armen Schlucker wohl auch gehörig nach ihrer Pfeife tanzen!" „Thuen sie schon, Herr Graf! thuen sie schon, wie die dressirten Pudel! Der Herr Kammerjunker hat sie in zehn Tagen gut abgerichtet, — so zu sagen „auf den Mann dresstrt!" nun fallen sie wie die Bluthunde den eigenen Herrn an! dafür hat der Herr Graf aber auch das Geld mit vollen Händen ausgestreut . . ." //So — woher hat er denn plötzlich so viel Geld? vor vier Wochen wollte er doch noch eine Anleihe machen und schrieb, das Messer säße ihm an der Kehle! Der reiche Schwiegerpapa bankrott — die unerschöpfliche Goldquelle plötzlich versiegt — hm . . . sie sprudelt doch wohl wieder!" Der Castellan schüttelte den Kopf, das Silberhaar leuchtete durch die Dunkelheit des Stübchens. „Dann würde er wohl nicht ein solch gewagtes Spiel spielen und Niedeck auf dem Wege des Verbrechens an sich reißen wollen!" „Er spielt kein gewagtes Spiel! Dazu ist mein lieber Vetter viel zu schlau! O, ich durchschaue seinen Plan! Die Bürger von Angerwies säen und er erntet. — Wenn es wirklich möglich sein sollte, was Du sagst, Kuhnert — ich kann es ja nicht glauben, es wäre ja zu perfide — so un- agbar teufelisch —" //Es ist so, Herr Graf, bei Gott, es ist so! Und darum müssen der gnädige Herr morgen in aller Früh fort von hier, damit Sie der Meute aus den Zähnen kommen! Ich hab's ja auch nicht glauben wollen, aber der Apotheker hat es unserem Johann klar in's Gesicht gesagt: Der Antrag auf Entmündigung des Herrn Grafen sei schon bei dem Amtsgericht gestellt worden! Ganz Angerwies zeugt gegen den Herrn Grafen und uns hier, die Dienerschaft von Niedeck, wollen sie auch bestechen, daß wir uns auf ihre Seite stellen! Gott im Himmel möge cs strafen! Doppelten Lohn würden wir vom Graf Rüdiger bekommen — und darum sollten wir es doch mit der neuen Herrschaft halten, denn der jetzige Majoratsherr sei schon jetzt so gut wie ein todter Mann!" Der Sprecher schlug die Hände vor das greise Gesicht und schluchzte leise auf. „Es steht schlimm, sehr schlimm, lieber gnädiger Herr — der Doctor unten aus der Stadt ist zum Sachverständigen vorgeschlagen — und wir wissen eS ja, daß der Quacksalber Ihnen nicht grün gesonnen ist!" Willibald schritt wieder mit heftigen Schritten in dem kleinen Raum auf und nieder. Sein Athem ging keuchend, seine Hände bebten. „Und Du glaubst, daß dies Gerücht wirklich Wahrheit ist, Kuhnert?" „Ich beschwöre es, Herr Graf." „Was sollte mir aber eine Abreise nützen? Das, was sie an mir verrückt nennen, ist bekannt und wird von meinen Widersachern bestätigt werden." „Gewiß, Herr Graf — das, was man „verrückt" nennt! Aber da es nicht verrückt ist, muß es vor allen Dingen gerechtfertigt werden! Hier aber in der Gegend ist kein Verlaß auf die Menschen — ich bin mißtrauisch geworden und traue dem Herrn Kammerjunker gar weitgehende Vorbereitungen zu! Also fort von hier, Herr Graf! in die Residenz, wo Sie den Schutz des Herzogs anrufen und den besten Rechtsanwalt nehmen können! Wenn dann die Herren Sachverständigen hier antreten, ist das Nest ausgeflogen ! Ich packe den Koffer und morgen früh fahren wir. — Darf ich mir den Schlüssel zur Schränkekammer holen? Er hängt noch in dem alten Salon." „Was willst Du dort?" „Reisecivil holen." „Ich habe ja meinen Pelz hier!" „Kuhnert schüttelte energisch den Kopf: „Der Teufelspelz muß jetzt ausgespielt haben, Herr Gras! Der hat auch zu dem Geschwätz beigetragen." „Aber Encke verlangt doch, daß ich ihn tragen —" //Mit Respect zu sagen, Herr Graf — der Schäfer meint es ganz gut und will Ew. Gnaden vor Gicht bewahren, aber er vergißt, daß ein vornehmer Herr nicht wie Seinesgleichen herumlaufen kann! Auch die Armbewegungen beim Gehen müffen der Herr Graf jetzt einstellen, — das sieht auch ganz vertrackt aus, und wer nicht weiß, daß es Vorschrift ist, denkt sich alles Mögliche dabei. — In der Residenz müffen der Herr Graf all diese Dinge bei Seite lassen und wie jeder andere Mensch auftreten, sonst erhält man dort auch eine falsche Meinung! — Darf ich unter« thänigst fragen, ob Alles zur Reise vorbeitet werden? Der Herr Graf können sich auf mich verlassen." Willibald suchte in der Dunkelheit die Hand des alten Mannes und drückte sie voll zitternder Bewegung. „Thue es, Kuhnert, ordne Alles an, ich füge mich Dir in allen Stücken. Du und Johann sollt mich begleiten!" „Befehl, Herr Graf!" nickte der Castellan. „Der liebe Gott wird uns helfen! Den wollen wir vor allen Dingen mitnehmen, dann kann alles Teufelswerk nicht auskommen. Befehlen der gnädige Herr Licht?" „Nein, Kuhnert. Der Mond geht aus, ich sitze gern noch ein Weilchen in seinem Glanz am Fenster." „Befehl, Herr Graf!" „Stört mich nicht, laßt mich ein Weilchen allein." „Sehr wohl, Euer Gnaden." (Forts, folgt.) =*- 480 Genrernnützige». Bei dem jetzigen ungesunden Wetter, wo Erkältung, Influenza, Schnupfe«, Husten an der Tagesordnung sind, wirb es Manchem willkommen sein, ein sehr wirksames Mittel gegen solche Fälle kennen zu lernen. Dieses Mittel besteht, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, in einem warmen Wasserbade mit nachfolgender Einpackung. Die Behandlung ist folgendermaßen: Eine Badewanne oder ein der Größe des Patienten entsprechendes Faß wird so weit mit 32 bis 33 Grad R. warmem Wasser gefüllt, daß es dem Patienten, wenn derselbe darin liegt oder sitzt, den ganzen Körper bis unter's Kinn bedeckt; ist kein Thermometer zur Hand, so macht man das Wasser so warm, als es nur möglich ertragen wird. In diesem Bade bleibt der Patient so lange, bis der Körper gut durchwärmt ist und zu schwitzen beginnt, was ungefähr in 20 bis L0 Minuten der Fall ist,' dann zieht er, ohne den Körper abzutrocknen, ein erwärmtes r-ines Hemd an und wird so gleich in eine bereit gehaltene warme Wollendecke fest eingewickelt, daß nur der Kopf frei bleibt, dann mit dem Deckbett fest zugedeckt. So muß der Patient möglichst ruhig liegen und schwitzen, ca. zwei bis drei Stunden,- dann wird der ganze Körper mit einem in kaltes Wasser getauchten und ausgerungenen Handtuch gut abgerieben, zieht dann ein trockenes Hemd an und bleibt noch einige Zeit im Bette. Dies ist ein sicheres und unschädliches Mittel, welches immer mit bestem Erfolge sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen angewendet wird. » * * Reinigung von Kellern. Hat man dumpfige Keller, an deren Wänden und Fußböden sich Schimmel bildet, so verfährt man zur Reinigung folgendermaßen: Man bringt in ein tiefes Gefäß etwa 2 bis 4 Pfund Kochsalz, übergießt dasselbe, nachdem mau es in die Mitte des Kellers gestellt, alle Löcher und Thüren zugemacht und an allen Fässern die Spunden fest verschlossen hat, mit Schwefelsäure (auf 2 Pfund Salz 1 Pfund Säure). Nachdem man die Schwefelsäure hinzugegossen hat, entfernt man sich schleunigst. Man läßt nun den Keller zwei bis drei Stunden zu, ohne hineinzugehen, sonst könnte man Gefahr laufen, zu ersticken. Ist die Zeit vorbei, öffnet man alle Kellerlöcher und läßt sie offen, bis das Gas verschwunden ist. Sodann kehrt man an den Wänden und auf dem Fußboden den Schimmel weg. Durch dieses Verfahren wird zugleich der Modergeruch entfernt, der namentlich im Frühjahr sehr störend auf die in den Kellern zur 'Aufbewahrung kommende Milch wirkt und auch leicht zur Schimmelbildung des Weines Veranlassung geben kann. * * * Reinigen der Rockkragen vom Haarfett. Man bestreiche den Kragen nicht zu dick mit heißem, gewöhnlichem Tischlerleim und lasse diesen einen halben Tag trocknen. Alsdann trage man ziemlich heiß grüne Seife auf. Nach etwa sechs Stunden bürstet man mit Kornbranntwein und scharfer Bürste beides ab und wird den Kragen vollständig hergestellt und mit der Wolle erhalten finden. Den Strich g'ebt man zuletzt durch Bürsten nach dem Faden mittelst heißen Wassers. * * * Peterstttenblätter, in Wasser gelegt, in der Sonne destillirt, bewirken, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, einen schönen Teint und mildern, in Com- pressen angewandt, den Kopfschmerz. * * * Um ein verregnetes schwarzes Seidenkleid wieder herznstellen, empfiehlt es sich, dasselbe, nachdem ; man es mit einem Tuche rein abgewischt und auf einem Tische - ausgebreitet hat, mit heißem schwarzen Kaffee, welcher vor ■ dem Gebrauch durchgeseiht sein muß, gut anzufeuchten, indem man den Stoff mit einem reinen Schwamm oder einer weichen Bürste überstreicht; bei dieser Behandlung verschwinden alle Flecke und erhält die Seide, wenn man sie danach mit nicht zu heißem Bügeleisen von links plättet, einen schönen, neuen Glanze im Nothialle kann man auch von rechts bügeln,' stets jedoch muß man den Stoff vor der Berührung des Eisens schützen, wozu man sich am besten glanzlosen Zeitungs- oder Löschpapiers bedient. Hrnnsvistisches. Die beste Richtung. (In der Damen-Malschule.) „Nun, Caroline, hast Du Dich endlich für eine bestimmte Richtung entschlossen?" — „Jawohl . . . gestern habe ich mich verlobt!" * * * Selb st verrat h. Diener: „J h hatte keinen Brennspiritus mehr da, gnädiger Herr, und da hab' ich etwas von Ihrem Cognac genommen!" — Herr: „Doch nicht viel hoffentlich?" — Diener: „I bewahre . . . einen Schluck!" * * * Gerechte Strafe. Münchener: „Hab'n Sie aber an' Kropf! Wie hab'n S' denn den 'kriegt?" — Steiermärker : „Der kommt vom Waffertrinken!" — Münchener: „Dös g'schieht Ihne aber g'rad recht!" * * * Abgeblitzt. „Ich verkomme in dieser Stadtlust, Arthur — mir fehlt das frische Grün der Wiesen, der Wald mit seinen gefiederten Sängern ..." — „Aber, Kind, das hast Du ja doch Alles auf Deinem Hut!" * * * Aus der Töchterschule. „Wie heißt also die leidende Form von „ich liebe?" (Keine Antwort.) „Nun, Johanna, ich werde ..." — „Ich werde . . . nicht geliebt!" Literarisches „Aus den Geheimnissen der Modebazare" betitelt sich ein in einem der neuesten Hefte der „Jllustr. Chrsnik der Zeit" (Union Deutschs Verlagsgesellschaft, Stuttgart) erschienener Aufsatz. Klar und allgemein verständlich werden darin die vielfachen Manipulationen und Geschäftskniffe aufgedeckt, w'e solche hin und wieder angewendet worden, um besonders die unbequemen Rückstände, „Ladenhüter" oder „Bowel" genannt, anzubringen. Die Inhaber der Modebazare sind Menschenkenner und haben insbesondere den Frauencharacter bis in die geringsten Einzelheiten studirt. Sie wissen, daß die sparsamste Frau, daß selbst eine Hausfrau, die sonst ein Muster von Klugheit, Sparsamkeit und wirthschaftlicher Geschicklichkeit ist, sich mitunter verleiten läßt, einen für sie vollständig überflüssigen oder wenigstens nicht unbedingt nöthigen Gegenstand zu kaufen, wenn er nur unter besonders verlockenden Bedingungen ausgeboten wird. Auf den Verkauf von „Bowel" sind in großen Modebazaren sogar Prämien ausgesetzt, welche bis zu zwanzig Procent vom Erlös Betragen. * * * Illnstrirte Postkarten. Bei der ungeahnten Verbreitung, mit der die illnstrirte Postkarte infolge des. Sammeleifers unserer Tage in verhältnißmägig kurzer Zeit fast die ganze Welt erobert hat, dürften einige Notizen hierüber von Interesse fein, die wir einer Plauderei des bekannten Familienblattes ,,Das Buch für Alle" entnehmen. Die eigentliche illnstrirte Postkarte tauchte zuerst am Rhein auf. Ein dort wohnender Apotheker und Weingutsbesitzer ließ als erster humoristische Zeichnungen im Jahre 1871 auf Postkarten drucken, die er für seine Privatcorrespond: nz und zum Verschicken an die Kundschaft benutzte. Selbst in abgelegenen Gegenden, zum Beispiel der sandigen Mark Brandenburg, wo man ein einsames Gasthaus an einer Chaussee mit einem Garten, der aus drei Oleanderbäumen besteht, trifft, darf man sich nicht mehr wundern, dort eine illnstrirte Postkarte zu bekommen, welche das Local in schönster Perspective und phantastischem Ausschmuck darstellt. Der Restaurateur im Harzer Brockenhause verkauft natürlich ebenfalls illnstrirte Postkarten. Im vorigen Jahre bot ihm eine Gesellschaft 20,000 Mk. jährliche Pacht für das Recht, diesen Artikel auf dem Brocken feilzuhalten. Der Wirth lehnte aber diesen Antrag ab. Rcdaction: HL Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.