isn H irbnut Dir ein Freund feine Geheimnisse, so verschließe sie in äWL Dein Herz und gieb dem Freunde den Schlüssel dazu. Soll sich's Gefühl erkannter Pflicht In Deiner Seele nicht verwirren, So laß von Deinem Feind Dich nicht, Doch auch von Freunden nicht beirren. G. W. Das Kind der Tänzerin. Roman aus den, amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) 28. Capitel. Aus Pollys Aufzeichnungen. Wir blickten einander ratbloS an. Sie luar vor allen Anderen ans der Kirche geeilt, hatte zu Hause ihren Brant- anzug abgelegt und war dann geflohen. Wohin? Ich rang meine Hände. „Sie ist geflohen, ohne ein Wort zu hinterlassen!" rief ich. Was wird in dieser harten Welt aus ihr werden, aus ihr, die nie gelernt hat, mit ihrer Hände Arbeit ihr tägliches Brod zu verdienen!" „Hat Niemand sie das Haus verlassen sehen?" fragte Sir Gervase. „Nein," antwortete die Haushälterin, „wir gaben nicht Acht darauf, da wir nichts von den Vorgängen in der Kirche gehört hatten und daher nicht wissen konnten, daß sic Gründe hatte, sich auf diese Weise zu entfernen." „Sie ist vielleicht noch im Hause," meinte Sir Gervase, ,,es ist kaum denkbar, daß sie entflohen sein sollte, ohne irgend einem Menschen ein Wort davon zu sagen." Wir durchsuchten das Haus vom Doch bis zum Keller, sanden Ethel aber nicht. Allenthalben herrschte die größte Verwirrung. In der luxuriösen Bibliothek lag Godfrey Greylock kalt und tobt. Einige wenige Hochzeitsgäste hatten die Leiche nach dem Hause begleitet/ sie entfernten sich indessen in kurzer Zeit. Miß Pamela hatte sich in ihren Gemächern eingeschlossen und ließ dort ihrem Jammer freien Lauf. Die Dienerschaft erinnerte in ihrer rathlosen Be- stnrznng an eine H»er-e erschrockener Schafe. Sir Gervase allein war ruhig und gefaßt. „Bleiben Sie vorläufig bei der alten Hopkins," sagte er zu mir; „sie wird Ihres Beistandes bedürfen. Ich selbst begebe mich nach der Stadt, um mich nach Miß Greylock umzusehen. Vielleicht bringe ich sie mit mir zurück." Er nannte Nan bei ihrem alten Namen; ich hielt dies für ein gutes Zeichen. „Sie muß aufgesuuden werden/, fügte er hinzu, „und zwar auf der Stelle!" „Golt segne ihn für diese Worte!" flüsterte mir die Haushälterin in's Ohr. Er machte sich allein auf der Weg. Mit Hülfe der Dienstboten räumten wir das Hoäizeitsfrühstück, das von Niemandem berührt worden war, aus dem Weg und verschlossen und verdunkelten das ganze Haus. Als der Leichen- besorger sich mit seinen Gehülfen einstellte, zog ich mich nach dem Zimmer der Haushälterin zurück, um dort die Rückkehr des Baronets abzuwarten. Eine Stunde verging. Das Schweigen und die Finsterniß, welche im ganzen Hause herrschten, lasteten wie Blei auf meinem Herzen. Wohin mochte Ethel Greylock, wie man sie noch immer nannte, gegangen sein? Ob es dem Baronet gelingen würde, sie zu finden? Wenn nicht, so muß ich mich selbst der Nachforschung unterziehen. Es schien, als ob es stets meine Aufgabe fein sollte, die arme Nan zu suchen. Wie sehr auch Sir Gervase die Unglückliche bemitleiden mochte, die ein und derselbe Augenblick ihres Namens, ihrer Verwandschaft und ihres Vermögens beraubt hatte, so war doch nicht daran zu denken, daß das alte Verhältniß zwischen den Beiden je wieder hergestellt werden könnte. Von einerHeirath würde fickerlich keine Rede mehr sein. Er war ein Engländer und ein Greylock, mit sämmt- lichem seinen Rang und Stande eigenthümlichen Voruitheilen. Nein! Nan hatte ihren hochgeborenen Bräutigam sicherlich für immer verloren. „Und dennoch, sofern ihr künfiiges Lebensglück in Betracht kommt," seufzte ich vor mich hin, „war es besser, daß Hannah Johnson fünf Minuten vor der Ceremonie sprach, als wenn sie es fünf Minuten nachher gethan hätte." Eine Thür ging hinter mir auf; als ich mich umblickte, sah ich Hannah Johnson selbst, die wie ein Dämon in das Zimmer hereingrinste. Sie hatte erwartet, di- Haushälterin zu finden; als sie mich, eine Fremde, in dem Gemach derselben erblickte, trat sie einen Schritt zurück, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. „Wer sind Sie?" fragte sie, Ich stand auf. 374 „Das kann Ihnen gleichgültig sein," erwidc !•' >ch und fügte dann hinzu, als ich einen Reiseshawl auf ih.em Arme und eine Reisetasche in ihrer Hand gewahr wurde: „So hat Mrs. Iris Greylock Ihnen endlich den Laufpaß gegeben? Natürlich konnten Sie nichts Anderes erwarten, nachdem Sie Ihre Herrin verrathen hatten." Sie schien verwirrt. „Woher kennen Sie mich?" forschte sie, indem sie dreist in das Zimmer trat. „Aha! Sie sind das Mädchen, das in der Kirche neben mir saß." Ich blickte ihr fest in ihre boshaften Augen. „Denken Sie etwas weiter zurück," erwiderte ich. „Es waren einmal zwei Kinder, Hannah Johnson, die vor der Thür eines Ladens in New - Jork bettelten — zwei Kinder, die bei Großmutter Serag in der Harmony - Alley wohnten — zwei Schwestern, obwohl sie einander sehr unähnlich waren. Die Aeltere von den Beiden, der „schwarze Satan", hatte ein stärkeres Gedächtniß als die Jüngere. Ich bin die Aeltere." Hannah Johnson fuhr zurück. „Ah! Ich erinnere mich des kleinen Balges- Polly nannte sie sich, und es war in der That ein kleiner Satan. Zwei oder drei Tage später begab sich Mrs. Greylock mit Ethel nach der Stadt, und derselbe kleine Teufel lief wie besessen hinter ihrer Kutsche her und gerieth unter die Räder der Fuhrwerke. Wir freuten uns schon, denn wir dachten, daß der Balg seinen Verletzungen erlegen sei. Nun, haben Sie sich Ihrer Schwester zu erkennen gegeben? Wird Sir Gervase sie doch noch heirathen? Heute habe ich die alte Schuld getilgt. Ich bin jetzt mit Ethel und der ganzen Greylock'schen Brut quitt. Es war die reine Wuth, die den alten Großmogul tödtete. Wer jetzt wohl sein Vermögen erben wird?" In diesem Augenblick ging die Thür auf und Sir Gervase trat herein. „Was haben Sie hier zu schaffen?" redete er Hannah Johnson an. Sie wich einen Schritt zurück, denn sein Blick war unheilverkündend. „Ich wollte noch einige Worte mit der alten Hopkins reden," stammelte sie. „Ich verlasse die Rosen-Villa für immer und wünsche, meinen Freunden hier Lebewohl zu sagen. Sie sind mir zu Dank verpflichtet, Sir Gervase, daß ich Sie vor einer solchen Heirath bewahrte- allein die vornehmen Leute sind in der ganzen Welt eine undankbare Sippschaft." „Fort von hier!" befahl er kurz, indem er auf die Thür wies. „Adieu, Polly!" sagte Hannah, zu mir gewandt. „Sie können Ihre Schwester jetzt zu Ihrer sauberen Großmutter zurückbringen. Wir haben eine feine Dame aus dem Balg gemacht- sie lebte hier herrlich und in Freuden. Jetzt mag sie nach ihrem heimathlichen Stall zurückkehren, denn dorthin gehört sie mit all' ihren gezierten und hochmüthigen Manieren. Ihren Zweck bei den Grehlocks hat sie erfüllt - jetzt mag sie die trunkene Hexe wieder aufsuchen, die ihrer gewiß bedarf, um sie in ihren letzten Tagen zu unterstützen." Mit diesen Worten verließ Hannah Johnson das Zimmer. Ich wandte mich nun begierig zu Sir Gervase Greylock. „Was für Nachrichten bringen Sie?" fragte ich. „Ich habe auf dem Bahnhof von Blackport von ihr gehört," antwortete er ernst. „Eine dicht verschleierte Dame kaufte dort ein Billet nach New-Iork nnd reiste mit dem Mittagszug ab. Sie sprach mit Niemandem- sie war allein und ohne Gepäck- der Stationsmeister hielt sie für eine Fremde." Dann heftete er seine grauen Augen mit einem eigenthümlich prüfenden Ausdruck auf mich und fuhr fort: „Was wollte jenes Weib damit sagen, als es behauptete, Sie seien Miß Greylocks Schwester? Ist es wahr?" Ich sah ein, daß ich jetzt nichts Klügeres thun könne, als dem Baronet meine und Nans Geschichte mitzutheilen. Ich that es, ohne mich allzusehr in Einzelheiten zu verlieren- von mir selbst redete ich so wenig wie nur möglich. Sir Gervase hörte mich aufmerksam an. Wenn er noch einen geheimen Zweifel an der Wahrheit von Hannah Johnsons Eitthülluitgen gehegt hatte, so mußte ihm meine Mittheilung denselben für immer benommen haben. N-ch einer Pause sagte er mit leiser Stimme: „Sie sind also nicht sicher, daß die alte Serag wirklich Ihre Großmutter war?" „Nein! Sie nannte Nan und mich ihre Enkelinnen- einen anderen Beweis hatten wir nicht." „Sie zweifelten sogar zuweilen daran, daß Nan Ihre Schwester sei?" fragte er weiter. „Ja," seufzte ich. „Sie können sich darüber nicht wundern- Sie haben uns Beide ja gesehen und den großen Unterschied wahrgenommen, der in allen Dingen zwischen uns obwaltet." Er schritt zwei ober drei Mal im Zimmer auf und ab und fuhr bann fort: „Bor allen Dingen hanbelt es sich nun barum, Großmutter Serag zu finben, wenn bie alte Hexe noch am Leben ist. Es ist fonberbar, baß Sie nie daran buchten, sie aufzusuchen, um bie wirklichen Beziehungen bieses Weibes zu Ihnen unb Nan zu erfahren." „Mein Abscheu vor ber Alten unb ber Gasse war so groß, baß nichts mich bazu vermocht hätte, borthin zurückzukehren. Ueberbies würbe Serag mir bie Wahrheit nicht gesagt haben, unb wenn ich sie auf bett Knieen barum gebeten hätte. Sie haßte mich von jeher weitmehr als Nan." „Ein Geldgeschenk wäre vielleicht im Staube, ihr bin Munb zu öffnen." „Ohne Zweifel, sie war von jeher sehr gelbgierig." Sir Gervase warf einen Blick auf seine Uhr. Ich konnte beutlich sehen, baß er tief erregt war. „Es ist höchst wahrscheinlich, baß bie alte Hexe weder mit Ihnen noch mit Nan verwandt ist," fuhr er fort. „In einer halben Stunde geht ein Zug von Blackport ab. Machen Sie sich bereit - wir wollen unverzüglich bie Harmony - Alley auffuchen — jeder Augenblick ist kostbar. Ich fürchte nur, daß die Alte längst schon den Weg alles Fleisches gegangen ist. — Sie sagten mir, daß sie vor zehn Jahren schon sehr ult ausgesehen habe?" „Ja," antwortete ich- „wahrscheinlich war sie aber nicht mehr a s etliche sechzig Jahre alt, obwohl sie viel älter aussah." Die Kutsche stand vor der Thür. Sir Gervase rief die alte Hopkins herbei und theilte ihr den Zweck unserer Reise nach New-Uork mit. Gegen diesen Zweck trat alles Andere, selbst der Tobte in der Bibliothek, in bett Hintergrunb. Für mich gab es jetzt nichts Wichtigeres als die Wahrheit in Bezug auf Nan, ihre Geburt und ihre Eltern zu entdecken. An mich selbst dachte ich gar nicht. Es war für mich ja nicht von der geringsten Bedeutung, ob ich mit Großmutter Serag verwandt war oder nicht- allein, meine schöne, flüchtige Nan! — wie inbrünstig hoffte ich, daß uns in Bezug auf sie glückliche Auskunft zu Theil werden möchte! Zwanzig Minuten später standen Sir Gervase unb ich auf bem Perron bes Bahnhofs von Blackport unb blickten bem Zuge entgegen, ber eben über bie gefrorenen Salzwiesen heranbampfte. Es war ein Trost für mich, Nans Fußspuren so rasch zu folgen. Sie war nach ber großen Stabt geflohen- vielleicht wollte es ber Zufall, baß wir ihr bort begegneten — vielleicht war es auch ihre Absicht, Harmony- Alley und Großmutter Serag aufzusuchen. „Doch nein," dachte ich, „sie erinnert sich der Gasse nicht mehr — sie war noch so klein, als sie von dort weggebracht wurde. Und Hannah Johnson gestand ja selbst bte schändlichen Mittel ein, die angewandt wurden, um sie Alles vergessen zu machen." , An dem kalten, trüben Deeember - Nachmittag stiegen — 378 Die Dienstmädchenfrage in den Vereinigten Staaten von Nordamerika (Schluß.) Ein Dienstmädchen kann darauf rechnen, daß ihre Arbeits« zeit täglich etwa zwölf bis vierzehn Stunden dauern wird, oft noch länger, die Pausen während der Essenszeit und vielleicht eine Ruhestunde Nachmittags nicht davon abgerechnet. Bei den Handwerkern in den Großstädten ist dagegen das Achtstunden'System schon zur Regel geworden. Die Gesetze ihrer Unionen zwingen sie sogar zum frühen Aufhören. In den Familien des weniger wohlhabenden Mittelstandes wird meistens nur ein Mädchen gehalten, und für diese gibt es dann am Montag Wäsche, am Dienstag das Bügeln, Mittwochs Fenster putzen, Donnerstags Schlafzimmer fegen, Freitags kommen Besuch- und Wohnzimmer an die Reihe, Samstags Eßzimmer und Küche. Neben diesem oder vielmehr als Hauptsache sind die drei täglichen Mahlzeiten und das Gc- schirrwaschen zu besorgen. Am Donnerstag Nachmittag kann das Mädchen ausgehen, hat aber vor dem Abendessen wieder zu Hause und an der Arbeit zu sein) am Sonntag hat sie die Freiheit, nachdem sie das Mittagsgeschirr gewaschen, auszugehen und ziemlich lange am Abend fortzubleiben) der einfache Theetisch wird dann von den Damen des Hauses be- wir in dem Bahnhof zu New - gor? aus. Unser Aeußeres | verrietst nichts Merkwürdiges. Die alte Hopkins hatte mir einen dichten Schleier um beit Hut befestigt und ihren eigenen warmen Shawl um meine Schulter geworfen. Sir Gervase trug einen langen, grauen, bis zum Halse hinauf ! zugeknöpften Ueberzieher, in welchem er alltäglich genug ! aussah. Kein Mensch würde einen Edelmann in ihm vermut!) et haben. Als wir den Zug verließen, bestürmte er die Bahnbeamten mit Fragen, doch leider vergeblich. Hunderte von Damen waren seit Mittag angekommen und abgereist. Ebensogut hätte man eine verlorene Nadel in einem Haufen Heu suchen können. Auf dem Bahnhof war keine Auskunft über Nan zu erlangen. „Hier konnte ich allerdings nichts erwarten," erklärte Sir Gervase traurig. Dann miethete er eine Kutsche, und wir fuhren nach der Harmouy-Alleh. Mein Herz pochte gewaltig, als wir uns dem schmutzigen Viertel näherten, wo das Miethshaus stand. Auf allen Seiten traten mir bekannte Gegenstände vor die Augen. I Wenige Veränderungen hatten in dieser Gegend stattgefunden. Beim Eingang der Alley hielt die Kutsche an; Sir Gervase und ich stiegen aus. Ich blickte mich um. „Ja," sagte ich, „dies ist der Platz. Und hier ist auch das alte Haus. Wollen Sie warten oder wollen Sie mit mir kommen? Es war in jenen Tagen eine schreckliche Spelunke." „Ich begleite Sie," antwortete er; „gehen Sie voran!" I Ich schritt die wohlbekannte Alley hinab, die noch I ebenso schmutzig war und in der es noch ebenso von Straßen- I jungen wimmelte wie in den unvergeßlichen Tagen meiner Kindheit. Wir traten endlich in einen dunklen Hausflur ein, wo zwei keifende Weiber mit ungekämmten Haaren und von Schnaps gerötheten Gesichtern einander ein wüthendes Treffen mit Schimpfworten der gröbsten Art lieferten. „Madame," sagte Sir Gervase, indem er eine der beiden Drachen höflich anredete, „können Sie mir vielleicht sagen, ob eine alte Frau Namens Scrag in diesem Hause wohnt?" Die beiden Weiber hielten in ihrem Wortgefecht inne und starrten uns an. Eine Person von anständigem Aussehen war in Harmoity - Alley ein seltener Anblick. Ich waitete mit verhaltenem Athem auf die Antwort des Weibes. Endlich kam dieselbe mit zwei oder drei Flüchen vermischt. „Großmutter Serag? Das ist die Hexe in der Dachstube. Sie erwirbt sich ihren Unterhalt mit Betteln auf den Straßen. Ja, junger Mann, folgen Sie nur Ihrer Nase jene Treppe hinauf, bis Sie nicht weiter können; dort werden Sie das Quartier der Alten finden!" Ich ging voran; Sir Gervafe folgte. Ja, es war noch dieselbe alte, wackelige Treppe, aus der ich gar manchen heißen Kampf mit Pietro ausgesochten hatte; fast schien es mir, als müßte ich ihm und seinem Vater, dem Orgeldreher mit dem Affen, begegnen. Da waren noch dieselben dunklen, übelriechenden Treppenabsätze, dieselbe in ihren Angeln knarrende Dachkammcrthür am Ende der obersten Treppenflucht und im Innern die Hölle meiner Kindheit, die Dachstube, in der ich mit Nan gelebt und gelitten hatte! Ich öffnete die Thür, welche nie verschlossen werden komtte. Das schmutzige „Skylight", der Wandschrank, das Lumpeubett, der zerbrochene Ofen — Alles war noch da; allein keine menschliche Seele befand sich in der Kammer. „Dies ist die Stube," sagte ich zu Sir Gervase; „allein die Alte ist nicht hier." „Wir müssen auf sie warten," antwortete er. Es brannte kein Feuer in dem Ofen, und bittere Kälte herrschte in der Stube. Sir Gervase reichte mir einen zerbrochenen Stuhl und begann bann in ber Kammer auf unb ab zu schreiten. „Sehen Sie sich in biesem Zimmer um," sagte ich, „unb benken Sie bann an Greylock Woobs unb bas Leben, das Nan bort führte! Denken Sie an ben Luxus, an bie Liebe unb Sorgfalt, womit sie Jahre lang umgeben war. Sie werben ohne Zweifel sagen, baß Gobfrey Greylock schänblich hintergangen, baß Sie selbst burch diesen Betrug zu bitterem Leiben verbammt würben; ich sage Ihnen aber, baß meine arme Schwester burch biesen Schlag am schwersten von Allen betroffen worben ist! Aus einem solchen Eben wie Greylock Woobs nach einem solchen Platze wie biesem zurück- verstoßen zu werben — Gott erbarme sich ihrer!" Ich schlug heftig bie Haube ineinanber, beim ich selbst wußte nur zu gut, was es hieß, arm, heimathlos unb freunblos zu fein. Er war eben im Begriff, zu antworten, als wir schwere Fußtritte unb einen keuchenben Athem auf der Treppe vernahmen. Die Thür ging auf; eine tiefgebückte Fran wankte mit einem Stock in ber Hanb unb einem alten Korb in ber anderen in der Kammer. Es war Großmutter Scrag. Es schien mir, als ob ihr zerlumptes Kleid und ihr durchlöcherter Shawl noch dieselben waren, welche sie in den Tagen meiner Kindheit getragen hatte; jedenfalls strömten sie den wohlbekannten Schnapsdunst aus. Ihr häßliches, mumienähnliches Gesicht, ihre steifen, grauen Haare, ihre hervorstehenden Knochen waren unverändert. Sie blieb bei unserem Anblick plötzlich stehen und ließ ihren Korb auf den j Boden sinken. Sie selbst betrieb jetzt das Gewerbe einer Straßenbettlerin, welches ich vor Jahren so plötzlich aus- gegebeu hatte. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?" fragte sie mit krächzender Stimme, indem sie bald den Baronet, bald mich anblickte. Sir Gervase trat auf sie zu und antwortete: „Wir haben wichtige Geschäfte mit Euch, meine gute Frau. Wer wir sind, kommt vorläufig nicht in Betracht. Was wir wollen, ist Auskunft über zwei Kinder, die einst hier bei Euch lebten — zwei kleine Mädchen Namens Nan und Polly. I Ihre nanntet sie Eure Enkelinnen." Die Alte ließ sich auf einem zerbrochenen Stuhl nieder. Trotz ihrer Bosheit konnte ich nicht umhin, sie zu bemitleiden. (Fortsetzung folgt.) 376 sorgt. W nn die Familie zahlreich ist, wird oft noch eine Frau beim Waschen zu Hülfe genommen- wo das nicht geschieht, Pflegen sich die Frau oder erwachsene Töchter der übrigen Hausarbeit anzunehmen. Es kommt aber auch vor, daß sämmtliches Geschirr nach den Mahlzeiten ungewaschen stehen bleibt und das ermüdete Mädchen am Abend noch Alles spülen und wegräumen muß. Sehr verschieden ist die Behandlung der Mädchen in Bezug auf die ihnen zum Schlafen angewiesenen Räumlichkeiten, auf das für sie bestimmte Essen, und auf die Beanspruchung von außergewöhnlichen Dienstleistungen. Ueber den letzteren Punkt gibt es oft bedeutende Gegensätze der Ansichten. Wwd das Mädchen ost von der Arbeit abgerufen, um den Kindern oder der Madame ein Glas Wasser zu bringen, den Mantel zu holen, und Anderes, so pflegen die Verdrießlichkeiten nicht auszublelben. Ein deutsches Mädchen gab lieber auf der Stelle einen guten Platz auf, als daß cs sich bequemt hätte, einer besuchenden Dame die Schuhe und Kleider zu rein'gen. „Das brauche ich nicht zu !h n hier", sagte sie, „Amerika ist ein freies Land." Diese Abneigung gegen Dienste, die im Geringsten an die hiesigen Zustände der früheren Sklaverei oder der feudalen Zeiten in Europa erinnern, ist wohl anch ein Hauptgrund, daß die eingeborene Amerikanerin sich fast niemals zur Hausund Küchenarbeit bei fremden Leuten entschließt. Aber auch die unwissendsten Eingewanderten empfinden bald einen An hauch von dem Geiste der Unabhängigkeit- sobald die Hausfrau einen hochfahrenden Ton anschlägt, hat sie es mit ihren Dienstboten verdorben. In der Regel geschieht dies auch nicht. Der befehlende Ton wird selten gebraucht, und auch die Kinder werden angehalten, den Dienstboten gegenüber das Please (bitte) und thank you (danke Ihnen) nicht zu vergessen. Keine Hausfrau darf von ihrer Bedienung das vollständige Unterordnen, die Verehrung gegen Höhergestellte erwarten. Das liegt hier nicht in der Luft. Eltern, Lehrern, Predigern und anderen Vorgesetzten wird dies nicht zu Theil, wie sollte es gerade von der Dienstmagd ihrer Herrin entgegengebracht werden? Selbst unser oberster Beamter muß sich ja das vertrauliche Handschntteln von Tausenden ihm unbekannten Menschen, seiner Mitbürger, gefallen lassen. Was die Hausfrauen über die Fehler und Mängel ihrer Dienstmädchen zu klagen haben, das hört man in allen Tonarten, und bekommt es außerdem noch oft genug gedruckt zu lesen. Die Mädchen verstehen nichts, die Frauen müssen sie belehren, ihnen das Material liefern, woran sie ihre so oft mißlingenden Versuche machen, und sie dazu noch theuer bezahlen. Dabei zeigen sie sich ungeschickt, unaufmerksam, störrisch, denken nur an ihre eigenen Wünsche, ihren oft so unpassenden und lächerlichen Aufputz, möchten lieber alles Andere thun als Hausarbeit, und sind immer auf der Wanderung von einer Stelle zur andern. Gelegentlich hört man dann auch wohl die andere Seite, daß die Hausfrauen nur bedacht wären, möglichst viel Arbeit von den Mädchen zu erlangen, sie als Maschinen behandelten, die nie ermüdeten, und für welche Alles gut genug wäre. Gewiß sehen auch oft die Mädchen es wohl ein, daß sehr viel für den Schein geschieht, was überflüssige Mühe macht, und daß die Einrichtungen der Frau nicht immer die besten sind, da sie gar oft selbst nicht sehr weitgehende Kenntnisse von der Haushaltung besitzt. Wie die Sachen jetzt stehen, herrscht eine weitgehende Unzufriedenheit, eine Währung, aus welcher vielleicht mit der Zeit bessere Zustände hervorgehen mögen. Immer mehr junge Mädchen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, wenden sich den großen und kleinen Handelsgeschäften als Verkäuferinnen, den Fabriken als Arbeiterinnen oder einem sonstigen Gewerbe zu, wobei sie ihre Wohnung bei der Familie behalten, ihre Abende frei haben und täglich Neues sehen und hören im Verkehr mit so vielen Anderen. Sie halten selbst ihre Stellung für geachteter, ihre Aussichten für besser, als wenn sie sich als Hausmädchen vermietheten. Und sicher ist, daß wohl nur selten ein gebildeter junger Mann sich die Lebensgefährtin aus der Küche holen wird, wo sie im Dienste für Andere beschäftigt ist. Die Frauen haben ihrerseits Verbesserungspläne, deren Ausführung wohl noch ziemlich in der Weite liegt, und bestenfalls in engen Grenzen bleiben würde. Sie wünschen die Hausarbeit als Gewerbe gelehrt zu haben, und sind bereit, sich zur Gründung solcher Schulen Opfer aufzulegen, um dann später unter geübten, verständnißvollen Dienstmädchen ihre Auswahl treffen zu können Sie wollen auch selbst noch lerne», was sie vielleicht früher versäumt haben, und unter den Zielen der vielen Frauenclubs fehlt gewiß auch nicht eine Abtheilung für die „Haushaltung als Wissenschaft." Die moderne Amerikanerin ist ja fast übertrieben ehrgeizig und wißbegierig. Es fehlt ihr aber oft an der körperlichen Kraft, Alles auszuführen, was sie gern möchte, und eilte weise Beschränkung würde ihr sehr dienlich sein. Andere Pläne, sich von der Dienstmädchenplage zu befreien, betreffen radicalc Aenderungen in den Einrichtungen, das Wohnen in den neueren „Flat-Häusern", wo die Hauptmahlzeit gemeinschaftlich im großen Speisesaale eingenommen wird, sonst aber die Familie für sich in ihren Zimmern bleibt, wodurch ein Mittelding zwischen dem eigenen Hauswesen und dem Hotelleben geschaffen wird. Auch mit Cooperativküchen sind schon in unserer Nähe Versuche gemacht, aber bis jetzt nicht zufriedenstellend ausgefallen- sie waren jedenfalls interessant und lehrreich. Am besten wäre es wohl, wenn von beiden betreffenden Klassen Zugeständnisse gemacht würden, die auch sonst mit den Zeitverhältnissen in Einklang ständen: wenn die Hausfrauen ihre Lebensweise vereinfachten und die Mädchen mehr die Verpflichtung fühlten, für den guten Lohn, den sie erhalten, 372—5 Doll, die Woche, auch etwas Ordentliches zu leisten. Rechtthun, Freundlichkeit, Geduld und gegenseitige Theilnahme (der Hausfrau oft ebenso nothwendig als dem Dienstmädchen) würden den Verkehr und die Lasten leichter machen. Eine geschickte, flinke, fähige und verständige Person, eine wirkliche Hilfe im Hause, würde überall gute Aufnahme finden, und es gibt ja viele solche, es gibt zufriedene Hausfrauen, zufriedene Mädchen in Menge, nur hört man weniger von ihnen als von den Unzufriedenen. Im Grunde genommen ist es doch eine verhältnißmäßig kleine Zahl, die von den vielbesprochenen Uebelständen betroffen wird. Gar viele Hausfrauen in Amerika in ganz guten Verhältnissen behelfen sich ohne Mädchen, weil sie cs selbst so angenehmer finden. Leute mit geringer Einnahme können schon gar nicht an solchen (oft zweifelhaften) Luxus denken, und Jeder weiß ja, wie groß bereit Zahl ist int Ver- hältniß zu den Bessergestellten. Chicago, April 1897. Hedwig V v ß. GenreiMNÄtziges. Jetzt ist die Zeit der Picknicks; welches Vergnügen gewährt es, unter Waldesdom oder auf grüner Flur am Wasscrsaum aus dem Rasen zu lagern und im Freien die Mahlzeit einzunehmen! Aber ausschließlich kalte Speisen, so delicat sie auch sein mögen, genügen doch dem an warme Kost gewöhnten Magen nicht recht. Also her mit der Casse- rolle, Feuer angemacht, Wasser zum Kochen gebracht und rasch bereitet man mittelst des echten Liebigs Fleisch-Extracts nebst Salz, Ei, ein wenig Butter oder Brodstückchen eilte vortreffliche Bouillonsuppe, die dem ermüdeten Touristen köstlich mundet und als warmes Gericht die Mahlzeit ebenso erquickend einleitet, wie wohlbekommen läßt. Redactivn: ®. Scheyda. Druck und 8erlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.