Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Er war so erschüttert, dgß er sie nicht zu küssen wagte- leise nur strich er mit der Hand über ihre Hand. Jetzt aber umklammerte sie ihn mit ausbrechender Leidenschaft. „Nun bist Du mein, und ich bin Dein! Das Glück ist gekommen, und ich will es halten. Mit meinem Leben will ich es ver- theidigen, wenn sie es mir rauben wollen. Niemals, hörst Du, niemals darf etwas zwischen uns treten! Niemals darfst Du an mir zweifeln oder mich verlassen, wenn ich nicht sterben soll! Ich halte Dich, ich klammere mich an Dich an —" Es war wie eine Wiederholung des Tannhäuser-Bildes an der Wand, als sie die Arme in angstvoller Umschlingung immer fester um seinen Nacken legte. Plötzlich 'aber horchte sie auf, die Hände lösten sich, mit bleich gewordenem Antlitz machte sie sich von ihm los. „Hörst Du nichts? Dies seltsame Geräusch?" Es war derselbe Ton, der am selben Abend die kleine Versammlung in der Küche des hinteren Flügels erschreckt hatte. Hierher in die vorderen Räume aber drang er nur matter, gedämpft, und der Assessor, überwältigt von dem Anblick der geliebten Frau, vernahm nichts von beut leisen Beben und 1897. m K in geschmeidiger Rücken, geeignet zum Bücken, Spitzige Ellbogen, sich durchzudrücken, Eine dicke, zähe, lederne Haut, Ein Magen, der jede Lüge verdaut; Ein beschränkter Kopf, ein weites Herz, Eine glatte Zunge, eine Stirn von Erz, Eine sanfte Stimme mit warmem Ton, Ein tiefer Respect vor der eig'nen Person — Ach, was für herrliche Gottesgaben Für einen strebsamen, fleißigen Knaben! Mit ihnen muß er auf dieser Erden Doch sicher was ganz Besonderes werden, Hat er nicht etwa das Mißgeschick Und hängt zuvor wo an einem Strick! S. Wagner. Grollen zu seinen Füßen. „Es war der Wind," sagte er, „laß doch die Welt da draußen." „Ja, laß die Welt," sagte nun auch sie, durch seme Worte rasch beruhigt. „Hier in dem alten Hause ist sie ja von heute ab sür uns. Komm, setz' Dich her und erzähle mir, wie es gekommen ist, daß Du mich gern hast, was Du von mir gedacht hast, als wir uns kennen lernten, — ganz genau muß ich das Alles wissen." Sie zog ihn neben sich auf einen kleinen Divan, über dem die Palmenwedel ein grünes Dach bildeten, und hier saßen sie nun, Hand in Hand, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft plaudernd und goldene Träume spinnend. Jetzt küßte er sie auch zum ersten Mal. Als er sie wieder frei gegeben hatte, sagte er: „WeißtDu, wem ich es zuerst sagen möchte? Dem Papa Busenius oben im Giebel. Ich glaube, Keiner wird sich so darüber freuen wie er." „Thu's," gab sie lächelnd zur Antwort. „Ich kenne ihn ja nur wenig, aber da die Menschen ihn einen Narren schelten, so ist das Beweis genug, daß er nicht ist wie die anderen." „Sie schelten ihn einen Narren, ich nenne ihn einen Weisen," rief der Assessor lebhaft. „Oft meine ich, einen der Propheten aus der Bibel zu hören, wenn ich bei ihm sitze und mit ihm plaudere." „Nur seine Sonderlingstracht gefällt mir nicht," sagte die Frau. „Warum sich auch äußerlich von den Menschen unterscheiden, wenn man innerlich anders ist als sie? Meist redet denn doch die liebe Eitelkeit bei solchen Absonderlichkeiten mit." „Bei ihm gewiß nicht! Aber ich will ihn nicht ver- theidigen- Du wirst ihn kennen lernen, und dann ist keine Vertheidigung mehr nöthig." Er wollte noch etwas hinzufügen, aber ein Pochen an der Thür, die zum Corridor führte, unterbrach ihn. Frau Ina erhob sich, und auf ihr „Herein" betrat ein stattlicher, hochgewachsener Mann das Zimmer. Sein Gesicht war regelmäßig und von reiner Hautfarbe, nur unter den Augen lagen bläuliche Ringe. Der blonde Vollbart war kurz zugespitzt, der ins Röthliche spielende Schnurrbart sorgsam mit dem Eisen nach oben gebogen und auseinandergekämmt. Ein tadelloser schwarzer Anzug von modernstem Schnitt umgab die Gestalt. „Ist es erlaubt, gnädige Frau?" fragte der Eintretende. „Ich suche einen Ausreißer und finde ihn hier. Wi"d er Ihnen nicht lästig mit seinen häufigen Besuchen? Schicken Sie ihn fort, wenn es so ist, oder sagen Sie cs mir, daß 18 ihm immer bieten werde als etwas Natürliches, Telbsttzer- ständliches. Die Bande des Blutes sind doch heilig —" Sind sie das wirklich?" Um Gottes Willen, zweifelst Du daran? Sie sind es und müssen es sein in alle Ewigkeit. Wohin kommen wir, wenn wir an diese ersten, natürlichsten Gefühle rühren?" „Sei mir nicht böse, Georg- es giebt noch Dinge zwischen uns, ich weiß es, über die wir uns erst allmälig einigen werden. Ich will Dich in Deinen Gefühlen für diesen Mann nicht mehr kränken. Ich sollte ihm dankbar sein denn er hat mir unbewußt zu meinem Glücke verholfcn, indem er damals Dich hierher empfahl, als ich die leerstehenden Zimmer im Flügel vermiethen wollte. Sonst I hätten wir uns vielleicht niemals kennen gelernt. Und doch, ich kann mir nicht helfen; wenn ich ihn sehe, lehnt sich etwas in mir gegen ihn auf. Er ist, was die Leute einen schönen I äjjann nennen - in meinen Augen aber hat er ein Raubthier- Kennen Sie „Galeotto", gnädige Frau? Nein? Es I ift eine interessante Sache. Doch an solcher Lectüre wirr es 4nen jedenfalls nicht fehlen, und ich darf Sie mcht langer stören. Du kommst also noch zu mir, alter Junge, mcht wah'-? Und möglichst bald. Wie behaglich und hübsch Sie es hier haben! Bei mir oben in meiner Junggesellenwirth- schaft ist es die reine Wildniß dagegen. Verzeihen Sie die Störung, gnädige Frau, ich wünsche guten Abend/ Er ging, und die Beiden blieben allein. Der Assessor zeigte eine finstere Miene, trat wieder an das Fenster, wie vorhin, schlug die Gardine zurück und schaute hinaus tn den unfreundlichen Albend. Als er so eine Weile schwelgend gestanden hatte, ging Frau Ina zu ihm, legte sanft ihren Arm um seine Schultern und fragte: Was hast Du nur ? „Ich bin ärgerlich — über mich selbst. Warum haben wir es ihm nicht gesagt? Er wäre doch der Nächste dazu, cs zu erfahren." , „Vorhin dachtest Du nicht daran, als Du von Papa Busenius sprachest," sagte sie mit feinem Lächeln. „Aber freilich ist er Dein Onkel." „Der mich erzogen hat, dem ich Alles verdanke, was ich bin, den ich lieb habe und achte und verehre, — und doch, es ist wunderlich, wenn ich in seiner Nähe bin, dann ist mir es immer, als läge etwas auf mir, als wäre ich noch der kleine Schuljunge, der vor seinem Herrn und Meister steht. „Ich glaube, daß es etwas anders ist, was Euch trennt, sagte sie nach kurzem, sinnendem Schweigen sehr ernst. Die Scheu des Reinen vor dem Unreinen." " Ina! Was sprichst Du! Vergiß nicht, daß er mein Verwandter ist, daß ich ihm Liebe schulde, und daß ich sie gesicht." „Ina!" Mas wiM Du? Es ist ein Typus, der heutzutage sehr häufig ist. ' O, ich habe sehen gelernt in den Jahren, als ich so einsam war. Sieh Dir die Menschen von heute nur einmal genauer an, und Du wirst den Raubthiertypus weit öfter finden, als Du denkst. Dies Glatte, Kalte und Lauernde bei aller äußeren Form, den harten Blick, der immer nach Beule sucht, — sieh Dich nur um,, der Kamps ums Dasein erzeugt wunderliche und häßliche Dinge.‘ Er war ruhiger geworden, sobald sie angefangen hatte, statt des besonderen Falles das Allgemeine zu erörtern. Jetzt lachte er plötzlich heiter auf. „Haben wir berm heute nichts Besseres zu sprechen, Du große Philosophin? Und das Sprechen ist überhaupt nicht das beste, was die Lippen können. Weißt Du noch, was Shakespeare den Antonius zur Kleopatra sagen läßt? „Was daS Leben adelt, ist einzig, I st zu thun." Er zog sie wieder an sich und küßte sie. „Hat Shakespeare nicht recht?" „Wie immer," sagte sie und lächelte ihm zu. Die Welt versank von Neuem hinter ihnen rm Gefch ihrer Liebe, rein und voll übertönte der Einklang ihres Empfindens den Widerspruch ihrer Anschauung und Gedanken. Aber ein prosaischer Laut weckte sie auf. Caroline, dle Kochm, war es diesmal, die sie störte. Behutsam öffnete , sie die Thür und reichte Frau Henninger den großen, altenhümlichen Hausschlüssel dar. „Ich habe dem Wurm eben herunter, gebracht," sagte sie, „der Hanne, un da habe lch gleich ° - geschlossen un den Schlüssel mitgebracht. Nee, un der Wetter noch immer! Ich hätte der Kleinen am liebsten hier behalten. Un wenn Fran Regiernngsrath mich nu gleich noch für morgen herausgeben sollten, denn wäre mrch das fehl angenehm." „ , „Ich hatte es ganz vergessen, Caroline, kommen Sie, ich gehe mit Ihnen. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich bin gleich wieder hier." , Sie nickte ihm zu und ging hinaus. Er schaute yq, allein geblieben, im Zimmer um, als hätte er es nte vorher gesehen. Das Gesühl des Glückes ließ ihm Alles verändert, neu und herrlich erscheinen. Der kleinste Gegenstand erfreu. e ihn, von dem er wußte, daß ihre Hand ihn berührt Hatte. I Die Bilder an der Wand, die er lange schon kannte, hatten eine neue Bedeutung gewonnen, weil sie von dem vergangenen Leben der geliebten Frau erzählten. Dort in der Thur gleichsalls erleuchteten Nebenzimmers, das nur durch ein geöffnete Portiere von diesem geschieden war, hatte er 1 zuerst gesehen, als er ihr damals seinen Besuch als neu r Miether und Hausgenosse gemacht hatte. Dann dort I Thür zum Corridor, durch die sie eben verschwunden / und hier in der Wand zur Rechten eine dritte Thür, ,e noch niemals geöffnet gesehen hatte. Zum ersten Male p ihm das heute ein. Er hatte nie gehört, tvaS lu Zimmer sich dort befand; immer nur hatte er die !») | herniedersinkenden Falten der dunklen, geschlossenen po ich einmal wieder meine Autorität als Onkel gebrauche, wenn er meiner Zucht auch im Allgemeinen entwachsen fft.' Ucber Frau Inas Antlitz war es bei seinem Erscheinen wie ein erkältender Hauch gegangen, aber sie ^mang Mzn freundlicher Entgegnung. „Ich freue mach der Besuche chres Neffen, Herr Doctor," sagte sie, „und bin ihm dankbar, wenn er mir die Zeit vertreibt an diesen langen Winterabenden. I „Die angenehmste Ausgabe jedenfalls für einen jungen Manu," entgegnete der Doctor, und em cynnches Lächeln umspielte seine Lippen, das jedoch zu rasch erschien und wieder verschwand, um von den Anderen bemerkt zu werden. Gestatten Sie mir ein paar Worte an meinen Neffen, I gnädige Frau?" Auf ihre stumme Bejahung wandte er sich an den Assessor, der sich nun gleichfalls erhoben hatte ,,^ch war auf Deinem Zimmer, Georg, nnd suchte Dich dort, ^ch bespräche gern heute Abend noch em paar geschäftliche machen mit Dir, Convertirung von Papieren von Demem väterlichen I Vermögen und dergleichen. Vielleicht kommst Du nachher ein Stündchen zu mir herauf, und nicht zu spat, nicht wahr? Wie ist es denn," er sprach jetzt wieder zu Frau Henmnger, haben Sie vorhin nichts bemerkt von dem sonderbaren Ge- \ rausch hier im Hause? Deshalb kam ich auch herunter, um dE?,Jch habe es gehört," gab Frau Henninger zur Antwort, „Ihr Neffe aber meinte, es sei nur der Wmd. Wieder zuckte das rasche Lächeln um die Muudwinke des Doetors. „Der Wind klingt sonst anders," sagte er, aber es ist ja möglich, daß er recht hat. Also gehört haben Sie es auch? Und Fräulein Tietjens, - pardon, ich sehe, Ihre Gesellschafterin ist nicht hier." Seine Worte klangen harmlos und höflich, aber seine Blicke verriethen einen zornigen Hohn über das zeugenlose tete-ä-tete der beiden Menschen, das er gestört hatte. „Wahrhaftig," sagte Frau Henninger und suchte eine leichte Verlegenheit durch ein Lachen zu verbergen, „ich weiß nicht, wo sie geblieben ist. Vorhin war sie hier im Zimmer, aber seit Ihr Neffe da ist, habe ich sie nicht mehr gesehen. Sie muß ganz leise verschwunden sein- vlelleichre dachte ste, wir wollten den „Tasso" weiter lesen, den wir angefangen IS belbstver- J e sind es men wir, rühren?" ch Dinge allmälig ihlen für dankbar verhalfen, die leer- Sonst Und doch, sich etwas en schönen staubthier- heutzutage n Jahren, von heute ithiertypus Kalte und Blick, der der Kampf lge." ngen hatte, ;ern. Jetzt jeute nichts Und das die Lippen t Antonius , ist einzig, ) küßte sie. im GeW klang ihres d Gedanken. die Köchin, nete sie die errhümlichen n herunter- ch gleich ab- l der Wetter ten hier be- l gleich noch ach das sehr ommen Sie, inen Augeu- schaute sich, s nie vorher es verändert, tand erfreute berührt hatte, mnte, hatten vergangenen er Thür des c durch eine hatte er sie ch als neuer ann dort die wunden war, Thür, die er ten Male siel vas für ein ;r die schwer :nen Portiere nun ich Ihnen keine (Fortsetzung solgt.) das eine in ihrer ruhigen, griff nach einer mit einem festen einem Ton des wieder von seiner früheren Neugierde ergriffen. „Es ist ja ein Durchgang zum Corridor, wie drüben " — sie wies mit einer kurzen Bewegung ihres " ' ” ■ „und von Abwehr jeglicher Vertraulichkeit. „Wie kommen Sie von dort her?" fragte der Assessor, Mühe mache." Winterliche Gesundheitspflege für ältere Leute. Von Dr. Hans Fröhlich. ------ (Nachdruck verboten.) fernt waren, zur Hälfte verborgen. „Sie sind es, Fräulein Tietjens?" fragte der Assessor, der sich rasch gefaßt hatte. „Wir haben Sie vermißt." „Wirklich?" Es war kein Hohn in der Art, wie sie eine Wort sprach, nur eine vollendete Gleichgültigkeit, an dieser Stelle erblickt. Das Schlafzimmer Frau Inas war es nicht, das lag nach hinten hinaus, wenn auch noch im Vorderflügel des Hauses. Eine ungekannte Neugierde ergriff ihn, das Herrschergesühl des zukünftigen Hausherrn vielleicht, der seinen Besitz möchte kennen lernen. Er that ein paar Schritte auf die Portiöre zu und überlegte, ob es indiskret von ihm sei, wenn er einen Blick in den Nebenraum werfe, als etwas Ueberraschendes geschah, das ihn fast erschreckte. Von anderer Hand, von dem anderen, unbekannten Raum aus wurde die Portsre plötzlich geöffnet, ein mattes, gelbliches Licht schimmerte durch den Spalt, und . aus diesem Dämmerschein hervor trat eine Frauengestalt ins Zimmer, die den schweren Stoff unmittelbar hinter sich wieder zusammenfallen ließ. Es war nicht die Erwartete, Ersehnte, nicht Ina Henninger. Eine größere Figur von starkem Knochenbau, ein älteres Gesicht. Um die Schläfen legte sich graues, gewelltes, noch dichtes Haar, die schwarzen Augen, die einen seltsamen Gegensatz dazu bildeten, lagen tief in ihren Höhlen. Die Gesichtsfarbe war gelblich, nur auf den stark hervortretenden Backenknochen, auf Nase und Kinn zeigte sich ein röthlicher Schimmer. Sie trug ein graues, altmodisches Gewand, ein kurzes, schwarzes Mäntelchen hing um die Schultern, die Hände waren in seidenen Handschuhen, von denen die Finger ent- auch," — jiv iunx> ui» nnv* m-ov.. ■~-—- Kopfes auf das erleuchtete Nebengemach, — meinem Zimmer her ist dieser Weg sogar der nähere. O lieb', so lang Du lieben kannst! O lieb', so lang Du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo Du an Gräbern stehst und klagst! Und hüte Deine Zunge wohl, Bald ist ein böses Wort gesagt! O Gott, es war nicht bös gemeint, Der andre aber geht und klagt. Dann kniest Du nieder an der Gruft, Und birgst die Augen trüb und naß, __ Sie seh'n den Andxrn nimmermehr — Jn's lange feuchte Kirchhofsgras. Darum sorget in Liebe für eure theuren Alten, heget und pfleget sie, behütet ihre Gesundheit vor allen Fährlichkeiten, namentlich vor denen der winterlichen ^ahreszeir! Da bei alten Leuten die Wärmeerzeugung des Körpers nicht mehr so regelrecht von statten geht, so ist für eine recht warme Bekleidung Sorge zu tragen. Am besten erfüllen diesen Zweck wollene Stoffe. Besonders zur Unterkleidung sollten sie ausschließlich gewählt werden. Bei sehr strenger Kälte sind auch mit Watte gefütterte Kleider zu empfehlen - jedoch sei darauf aufmerksam gemacht, daß die Watte tn lange getragenen Kleidern sich zusammendrückt und dann aus Mangel an Porosität ihren Zweck des Warmhaltens fast ganz verliert. Solche Kleidungsstücke müssen also wieder aufgelockert oder frisch gefüttert werden. Für die Nacht ist sehr zweckmäßig ein recht langes Hemd, welches auch die unteren Gliedmaßen einhüllt, und wenn es nöthig ist, eine bequeme Nachtjacke, welche aber nirgends drücken darf. Ueber- haupt soll die Kleidung nicht eng oder einschnürend sem- denn da die Muskeln und Gefäße der Alten nicht mehr so elastisch sind, können schwere Kreislaufstörungen entstehen. Sie gab keine Antwort, sondern ging leidenschaftslosen Art auf die Portiere zu, dahinter verborgenen Schnur und öffnete Zuge die geschloffenen Vorhänge. Mit Schreckens wich der Assessor ein paar Schritte zurück. Ein ergreifendes, unheimliches Bild hatte sich ihm enthüllt. Es war ein ganz kleines Gemach, in das er hineinsah, einer von jenen Räumen, die sich nur noch in diesen alten Häusern mittelalterlicher Städte finden, und deren Zweck dem Menschen von heute kaum erklärbar ist. Zu klein scheinbar für irgend welche Benutzung, liegen diese Gemächer neben und zwischen den größeren Zimmern, oft ohne Fenster, in ewige Dunkelheit gehüllt, Hier freilich war Licht, das von einer kunstvoll geschmiedeten, laternenähnlichen Ampel aus- strehlte, die von der Decke herabhing und mit dunkelgelben Glasscheiben umkleidet war. Der gelbe Schein fiel auf eine dichte Masse von Pflanzengrün, auf ernste, blüthenlose Gewächse, auf Palmen, Lorbeer und Lebensbäume, dre den Raum zum größten Theil füllten. In ihrer Mitte aber erhob sich eine kräftige, einfach geformte, schwarze Marmorsäule, die eine überlebensgroße Männerbüste aus weißem Marmor trug. „Aber ich habe noch niemals diese Portiöre geöffnet gesehen. Ich habe keine Ahnung, was für ein Raum sich hier befindet und was er enthält." , „Wollen Sie ihn kennen lernen?" Sie stellte die Frage in derselben monotonen, etwas müden Art, wie sie alles Vorhergegangene gesprochen hatte- kein eigenes Interesse schien ihre Brust zu bewegen, im Dienst für Andere schien sie verlernt zu haben, selbst zu fühlen. „Gern, wenn ich darf, und wenn Der „Sprachgewaltige" Jacob Grimm hielt im Jahve 1859 nach dem Tode seines zweiten Jchs, des Bruders Wll- helm, in der König!. Akademie der Wissenschaften zu Berlin eine Rede zum Lobe des Alters, in welcher der Funfundstebzrg- jährige sagte: „Es liegt ein Widerspruch darin, daß, wahrend alle Menschen alt zu werden wünschen, sie doch nicht alt sein wollen." Weiter veranschaulichte er die beim Lebensmüden im letzten Augenblicke wieder aufflackernde Lebenslust durch die äsopische Fabel von jenem Greise, der tn den Wald ging, Holz zu fällen, aber bann, von seiner schweren Bürde überwältigt, diese zu Boden warf und den Tod herbeirief. Als der Tod schnell nahte, hatte der Greis mchs zu bitten , als daß er ihm die Last wieder auf die Schulter helfe. „Keinen Alten," so fügt Grimm hinzu, „gibt es, der nicht noch ein Jahr zu leben gedächte." Es bietet eben auch das Alter noch genug Annehmlichkeiten, wie der Spätherbst und Winter, welche Jahreszeiten zwar nicht die Freuden des heiteren Frühlings und des prächtigen Sommers besitzen, aber doch ihre eigenen, gereiften, köstlichen Reize haben. Freilich gehört dazu vor allem, daß man mit doppelt verfchärfter Achtsamkeit von dem Körper und Geist alle gesundheitschädl'chen Einflüsse fernhalte. Dies ist eine wichtige Aufgabe der Greise selbst und der liebenden Angehörigen. Die Sorgfalt und Fürsorge, welche mau i en Alten widmet, kann stets als ein Maaßltab für die Herzens- . güte, Humanität und Cultur der Menschen angesehen werden. Jene Völker, welche dieser Tugenden ganz entbehrten, ent- ' * ledigten sich der altersschwachen Personen sogar durch gewaltsamen Tod. So ließen die Fitschi-Jnsulaner m emem gewissen Alter sich lebendig begraben. Wer aber irgendwie auf Humanität Anspruch erheben will, der wird stets die schönen Worte Freiligraths vor Augen haben! 20 c< e- Ph< M sind erf oht das grc I ihr kein Mei Sm Gec des Thust Du zu viel studiren, So wirst Du Justitiar, Und mit dem Avanciren Jst's damit völlig gar. Es kann's zu was nur bringen In Deutschland der Jurist, Wenn in jurist'schen Dingen Er auch nicht Fachmann ist. Im „Zollfach" zum Director Wird der Jurist creirt, Der Zöllner bleibt Jnspector, Weil er das Fach studirt. Der Fachmann, der darf rathen, Beschließen der Jurist, Weil frei er von dem Schaden Von Fachmanns Wissen ist. Der schönste Stand auf Erden Ist des Juristen Stand, Nur er darf etwas werden Im deutschen Vaterland. Zum Chef wird stets erkoren In Deutschland ein Jurist; Er ist dazu erkoren. Weil er kein Fachmann ist. Es ist darob nur Logik, Daß er die Schul' regiert, Weil ihn die Pädagogik Nicht sonderlich geniert. Es kann die Schul' nur leiten In Deutschland ein Jurist, Weil er des Blicks, des weiten, Allein theilhaftig ist. Die Kunst der „Ingenieure" Hat niemals er capirt, Er ist es d'rum, man höre, Der Bahnen projectirt; Denn Bahnen zu traciren Versteht nur der Jurist, Weil er im Nivelliren Durchaus nicht Fachmann ist. Rai als Gli geg List sein ■ Bil wie rat Ich sei - stel trei als Nur ec erkennt die Wahrheit, Er ist darin geübt, Weil seines Geistes Klarheit Fachwissen nicht getrübt. Es ist allein gescheidte In Deutschland der Jurist, Weil ihm des Blickes Weite Ja angeboren ist. Im „Landwirthschaftsvereine" Ist stets er Präsident, Weil er die Mutterschweine Nicht von den Ebern kennt. Es köret auch die Stiere In Deutschland der Jurist, . Weil in Bezug auf Thiere Er ja nicht Fachmann ist. Ob Hoch-, ob Niederwaldung, Von ihm wird's decretirt, Weil auch die „Forstverwaltung" Er niemals hat studirt. Im Wald die Umtriebszeiten Bestimmet der Jurist, Weil darin auch bescheiden Sein sachlich Wissen ist. So ist's in jeden, Zweige — Bis auf das Militär, Wenn das nichts taugt im Reiche, So kommt das davon her, Daß an der Spitz' nicht stehet In Deutschland ein Jurist, Der nicht zu viel verstehet Und der nicht Fachmann ist. Willst Du d'rum avanciren Im deutschen Vaterland, Mußt Jura Du studiren, Das ist der schönste Stand. Der Fachmann hat zu denken, Zu leiten der Jurist; Den Staat kann er nur lenken, Weil er nicht Fachmann ist. Doch will ich Dir noch rathen- Darsst nicht zu fleißig sein. Sonst impsst Du Dir den Schaden Zu vielen Wissens ein. Es gilt nur für gescheidte In Deutschland der Junst, Wenn er des Blickes Weite In „vollem Maß" genießt. In der „Gesundheitspflege" Er an der Spitze steht, Dieweil er allewege Davon nicht viel versteht. Sie leiten kann alleine In Deutschland ein Jurist, Weil er in der Hygieine Richt sachverständig ist. Im „Steuerfach" ist's Satzung, Daß der Jurist befiehlt, Weil Steuern er und Schatzung Als Zahler nur gefühlt. Es leitet das Kataster In Deutschland der Jurist, Weil er des Wissens Laster Mit Vorsicht nur genießt. Ein sathrisches Gedicht borstigster An enthält düs „Fachblatt des Vereins deutscher Ingenieure". Wir wollen !>as Poem, das den Weg durch die Presse nimmt, unfern Lesern seines urwüchsigen Humors wegen nicht vorenthalten. Jeder Vernünftige wird ja den wahren Kern aus den offen- !'undigen Uebertreibungen des satyrischen Dichters heraur- chälen und sich wohl selbst sagen, daß hier gewisse Zustande n vergrößertem Maßstabe gezeigt werden, um sie deutlicher erkennbar zu machen. Das Gedicht lautet: Hedicht, «»geschrieben »uS dem Büdinger Stadt-Anzeiger v»m 2. August 1896 (Nr. 61). Mit Recht gelten allgemein warme Füße als Haupterfordermß der Gesundheit, während kalte Füße das erste Alarmsignal vieler Erkrankungen bilden. Darnach hat sich besonders bte hier in Betracht kommende Altersklasse zu richten. Warme wollene Strümpfe, Filz- oder Pelzschuhe und sogar eme Wärmflasche, sowohl am Tage wie in der Nacht, sind hier durchaus angebracht. Gehen Greise bei kaltem Wetter aus, so sollen sie die Ueberkleider schon in der warmen Stube anziehen, damit sie sich noch genügend mit Wärme vollsaugen. „Essen und Trinken erhält Leib und Seele. Diese alte Volksweisheit haben namentlich die Senioren der Menschheit zu beachten. Sie müssen zu bestimmten Tageszeiten die Mahlzeiten innehalten, auch wenn sie kemen Appetit, geschweige denn Hunger haben. Und zwar sindihnen fünf Mahlzeiten anzurathen: erstes und zweites Frühstück, Mittagessen, Vesper- und Abendbrod. Da sie jedesmal nur wenig zu genießen pflegen, müssen sie eben dem Magen öfters etwas anbieien. Aber welche Nahrungsmittel sind ihnen am zu- träg ichsten? Zunächst müssen gänzlich ausgeschlossen werden alle zähen und harten Sveffen. Da das Gebiß der Greise doch in der Regel mehr ooer weniger Lücken ausweist, so können solche Speisen nur ganz unvollkommen zerkleinert werden und es entstehen dann gefährliche Magenbeschwerden. Die Menge der Nahrung sei nie groß, weil der Magen nicht mehr so viel bewältigen kann, aber der Gehalt sei möglichst concentrirt und nahrhaft. Daher werden Fleischspeisen, namentlich im Winter, wo der Leibesofen mehr geheizt werden muß, eine Hauptrolle spielen. Besonders passend für altere Leute ist Kalbfleisch als Eingemachtes oder Hachs, als Fri- candeau oder gefüllte Kalbsbrust. Zu vermeiden sind solche Fleischspeisen, welche mit viel Sahne, Rahm oder picanter Sauce, mit Oel, Trüffeln und anderen schwer verdaulichen Zuthaten versehen sind. Fische bilden sür die Semorentafel eine milde, angenehme Speise; nur dürfen sie nicht marimrt, geräuchert oder mit Aspik, Sulz, Mayonnaisen zubereitet sein. Sehr schädlich ist harter, magerer und alter, scharf riechender Käse, der geradezu als Gift wirken kann. Hulsen- früchte passen nur bedingungsweise, wenn ste nämlich frisch (grün) sind oder wenn sie, als trockene Früchte von Schalen und Hülsen befreit, breiig (als Purree) oder schwach gesäuert genossen werden. Von den Brodsorten eignet sich am besten Weizcnbrod, weniger dagegen Roggenbrod. Sehr zu empfehlen ist Zwieback, in Cacao, Thee oder Kaffee eingeiaucht. „ Vor diesen drei Getränken, namentlich vor Kaffee, werden ältere Leute oft gewarm, weil sie dadurch zu sehr aufgeregt würden. Dies ist aber keineswegs so schlimm, wenn man genügend Milch dazu gießt und den Genuß derselben nicht übertreibt. Als der Dichter-Philosoph Fontenelle gefragt wurde, ob Kaffee nicht ein Gift sei, antwortete er: „Jawohl, Kaffee ist em Gift, aber ein sehr langsames. Ich nehme es schon seit achtzig Jahren." Ein oder zwei Taffen dieser Getränke werden im Winter dem leicht frierenden Alten stets eme wohl- thuende Wärme und Anregung verleihen. Bier möchte ich nur denjenigen Greisen erlauben, welche schon seit Jahrzehnten gewohnt sind, zu bestimmter Stunde entweder am Stammtisch oder zu Hause ihr Schöpplein zu trinken. Das beste und passendste Getränk sür ältere Personen ist und bleibt eben der Wein. „Der Wein ist die Milch der Alten," sagt mit Recht das Sprüchwort, womit es ausdrücken will, daß der Wein sür das vorgeschrittene Lebensalter ebenso unentbehrlich ist, wie die Milch sür den Säugling. Jedoch darf der Wein nicht zu stark und auch nicht „gepanscht" sein, sondern muß reiner Naturwein sein. Der Moselwein macht Greise jung Und fesselt die Begeisterung. Wie in Allem, so müssen die werthen Alten natürlich auch im Weingenuß mäßig sein. „So man viel davon trinkt, bringt er Herzeleid," sagt Sirach. (Schluß folgt.) Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei (Pietsch & Scheydch