! ]•_ # lifl aSÄsJÄ MEW! WDK WiW s Iff 11 nu-mMlsiam Roquette. u zürnst dem Wort, das, kühl betont, Wie Undank Dich getroffen, Und fühlst mit Bitterkeit belohnt Dein Geben und Dein Hoffen. - Befrag' Dich selbst und halt' in Ruh' Des Vorwurfs Pfeil im Köcher, Ob bitt're Tropfen nicht auch Du Gemischt in fremden Becher. Der Majoratsherr. Roman von Nataly ». Sschstruth. (Fortsetzung.) Fränzchen jauchzte hell auf vor Vergnügen: „Na stopp! man sachte mit den jungen Pferden!" amüsirte sie sich in ihrer ungenirten Weise. „Ich habe schon eine ganze Menge Schmöker intus, in welchen etwas von Liebe vorkam! Sogar den Faust kenne ich — und finde ihn sogar noch nicht einmal so furchtbar toll, wie ich mir dachte! Könntest Du Dich in so einen salbaderischen Doctor verlieben?" „Nein!" „Siehst Du, ich auch nicht!" Fränzchen rückte naher und legte den Arm sehr innig um die schlanke Cousine. „Sag 'mal ehrlich, Goldchen, wie muß 'mal der Mann sein, in den Du Dich vergucken könntest?" Pia strich lächelnd mit der Hand über das starre Haar der Fragerin, welches unter den graziösen Fingern sofort wieder rebellisch emporschnellte. „Das weiß ich selber noch nicht, Mamsell Neugier!" „Was soll er denn 'mal sein?" forschte Comteßchen und die Stimme knaxte ihr über, weil sie so recht weich und zärtlich flüstern wollte. Pia lachte noch mehr und führte einen leichten Fingerschlag gegen die indiscreten Lippen. „Papst zum mindesten." „Na, Prost! — Also hoch hinaus. Dachtees mir doch. Bist auch ganz berechtigt, was besonderes zu verlangen. Würdest Du aber nicht doch schon mit einem Majoratsherrn fürlieb nehmen?" Fräulein von Nördlingen wich jählings zurück: „Wre kommst Du darauf?" fragte sie gedehnt, holl neu erwachenden Mißtrauens. Fränzchen verschränkte die Arme vor dem Magen und lachte in ihrer lustigen Weise verschmitzt auf, dann rieb sie ich die Hände: „Ich thu's 'mal nicht unter dem!" „So? Nun, ich wünsche Glück dazu!" Pias rosiges Antlitz sah plötzlich sehr kühl und stolz aus, ihr Blick ruhte durchdringend auf dem häßlichen Gesicht der kleinen Gräfin. Also scheint sich Tante Johanna doch den Grafen Wulff-Dietrich zum Schwiegersohn ausgesucht zu haben. Je nun, eS giebt ja heutzutage noch Montecchis und Capu- lcttis, deren Kinder sich zum Schluffe heirathen. Fränzchen hielt den Blick voll kecker Unverforenheit aus. Sie musterte sogar die Cousine wieder mit dem verliebtesten Gesichtsausdruck. „Weißt Du, Pia, wenn ich als Männlein auf die Welt gekommen wäre, heirathete ich einzig und allein Dich!" „Sehr schmeichelhaft." Da blickten die grauen Augen plötzlich jäh verändert, voll beinah flehender Angst. „Würdest Du mich dann nehmen?" Pia glaubte aus diesen Worten viel mehr zu hören, als vielleicht darin lag, die zitternde Angst eines Mädchen- Herzens, welches gern hören möchte, daß es trotz seiner Häßlichkeit gefällt. Voll Mitleid, weicher und herzlicher wie sonst, legte Pia den Arm um den Hals des Backfischchens. „Das versteht sich!" scherzte sie. „Solch ein Prachtexemplar wie Du hat keinen Korb zu befürchten, und em flotter kleiner Schnurrbart würde Dir gewiß allerltebst stehen!" , Sie wollte lachen, aber ihre Stimme erstickte unter den ungestümen Küssen, welche plötzlich auf ihren Lippen brannten. Comteßchen schien wie von Sinnen über die Eloge, welche ihr gesagt war. Sie bekam einen ihrer übermuths- vollen Anfälle. Wie eine Wildkatze sprang sie von der Mauer und umhalste die angebetete Cousine, als solle sie unter diesen stürmischen Liebkosungen ersticken! „Aber, Franziska, bist Du nicht recht gescheit?" wehrte sich Fräulein von Nördlingen athemlos, doch schon fühlte sie sich frei und die derben Knopfstiefeln des BackfischchenS trabten mit denselben Hechtsätzen davon, als wie sie vorhin gekommen waren. Die kleine Gräfin sauste den Eltern entgegen, welche soeben auf der Freitreppe erschienen, um die Equipage zu besteigen. Pia ordnete schnell ihre deran- girte Toilette und schritt mit glühenden Wangen nach dem Portal zurück. Fränzchen hatte dem alten Kuhnert einen heiteren Klaps auf die hülfreich dargebotene Hand gegeben und war ohne — 530 Dir jed- Viel Unterstützung in den Wagen gesprungen, daß die Achsen krachten, und während die Eltern wohlgefällig lächelnd folgten, stülpte sich der sechzehnjährige Unband ein schlichtes Jägerhütchen auf die wilden Haare, um es im nächsten Moment mit tiefer Reverenz vor Pia zu ziehen. „Mama, weißt Du, was die schöne Base vorhin gesagt hat? Wenn ich ein Majoratsherr mit einem stotten Schnurrbart wäre, würde sie mich heirathen!" Zum ersten Male sah Tante Johanna ärgerlich aus, mit verweisendem Blick hob sie den Kopf und der Graf sagte in beinahe strengem Tou: „Unsinn! Vergiß nicht, daß Du mir versprochen hast, alle dummen Gedanken unterwegs zu lassen!" Die Kleine kreuzte voll übertriebener Devotion die Arme und schnitt eine Grimasse, Graf und Gräfin aber neigten sich aus dem offenen Wagen und verabschiedeten sich herzlich von dem Hauslehrer und der Dienerschaft, welche die Equipage umringte. oder I rufen!" fuhr die junge Gräfin mit glühenden Wangen fort । und stieß die Eltern zur Bekräftigung mit dem Fuß an. - 1 * z/^uz Fränzchen, sei doch nicht so unmanierlich," schalt Eine kleine Weile flog die Unterhaltung in kurzen Worten her und hin, dann räusperte sich Onkel Willibald plötzlich und wechselte einen schnellen Blick des Einvernehmens mit seiner Gemahlin. „Liebe Pia," sagte er zögernd, „wir haben jetzt unsere gemeinsame Reise begonnen, und wäre es wohl angebracht, Dich mit etlichen Absonderlichkeiten bekannt zu machen, welche wir uns während der langen Wanderjahre angewöhnt haben!" des Feindes zu schützen. Möglicherweise thue ich mit diesem Verdacht Rüdiger unrecht und gehe zu weit in meiner schlechten Meinung über ihn, aber wir wollten lieber zu vorsitztig wie zu leichtsinnig sein, und da unsere Aengstlichkeit mit dem Kind so wie so sehr groß war, und es auch jetzt noch ist, so hätten wir keine ruhige Minute gehabt, wenn wir uns durch Nennung des Namens den Nachstellungen Rüdigers preisgegeben hätten. Daß er sich mehr wie einmal alle denkbare Mühe gegeben hat, unsere Spur aufzufinden, weiß ich genau, in Kairo hat er sogar die Geheimpolizei in Bewegung gesetzt, was mich veranlaßte, sofort abzureisen. Du siehst mich ganz starr vor Staunen an — liebe Pia- — ja, wenn ich einen Roman schreiben wollte, brauchte ich nur den Stoff aus meinem Tagebuch zu holen! — Nun Du weißt jetzt, warum und weshalb wir Versteckens spielem Ehemals war es eine Nothwendigkeik, jetzt ist es mehr eine Angewohnheit, welcher wir kaum noch untreu werden können. Wir sind stets als Deutsch - Amerikaner gereist. Mr. und Mrs. Luxor hießen wir stets und wollen uns auch diesmal so nennen. Wenn es Dir recht ist, liebe Nichte, fiqurirst Du als unsere älteste Tochter!" Auch Pia nickte und grüßte, Fränzchen erhob segnend die Hände und ermahnte den gestrengen Pädagogen salbungsvoll: „Bleib hübsch ordentlich und fromm, — bis nach Haus ich wiederkomm!" Der Kutscher ruckte an den Zügeln und die ungeduldigen Pferde griffen aus, in den knospenden Wald hineinzustürmen. „Hurrah, Bravo! ich habe ein Schwesterchen bekommen' dann verlange ich aber auch, daß Taufe ist!" Tante Johanna lachte mit strahlenden Augen, wie weder Scherz ihres Abgotts sie beseligte! „Nun, Pia, dann rüste Dich für diese Feier! Gevattern werden wir Dir aber nicht laden können!" „Einen anderen Vornamen bekommt sie auch!" „Gut, Fränzchen, suche mir nur einen aus, wenn der meine nicht schön genug ist!" L°»°i ik»-r I -i-, -LMLL-LS2 DZDLWL--- schreiben! -" " Fremdenbuch zu Lreblmgspose, wenn sie nachdachte oder sehr eifrig zuhörte. „Oh! Du überraschst mich' —" I « \U,n^e.n ^9en flackerten dabei im lebhaften Inter- Willibald lächelte- Wir reisten mSfirpnh n t, t, I e^e/ &te Blicke wie suchend von einem Antlitz der Jahre unserer Ehsts f W" gegenübersitzenden Eltern zum anderen glitten. gesagt -taeognito" Dich nicht z» furchtbar an, Kleinchen, Da _ -»st „Oh, da« » ja ein herrlicher n-«° S---Ä7 am MrdNngen " ÄaÄr BeUnJwi« erschrocken auf dem Bock zusammenstießen. Um™' >»3‘, “ ""®r ium »*<«>«««" *■ r «- f*'" .T,*“meinti Kkd-S kannte ihm -ach nicht ,,maL «„b™ iir'S »ach?» 'M K UWkW8ufov! “ *Ki* Mdig»"ehr"l>-l-g-nh-ü st- „Lilian» zn nenne» und zu wre Du sonst willst- aber verarge es uns nicht, wenn wir bemüht waren, unser theuerstes Kleinod vor den Nachstellungen 531 der Papa, mehr aus Höflichkeit gegen die maltraitirte Mutter, wie aus Rücksicht gegen seine eigene große Zehe. „Nun — und wie heißt Du in unserer kleinen Reise- comödie, Fräulein Base?" „Ich?" — Kränzchen warf geringschätzend den Mund auf, daß er noch größer aussah. „Ich? Ach, weißt Du, Lilian bet mir lohnt sich das Amtaufen nichts wenn man einen Hering auch wässert, er bleibt doch ein Hering' — und wenn man mir auch den poetischsten Namen geben würde, ich würde ihm doch keine Ehre machen! — also laßt mich man ruhig das olle tolle Fränzchen bleiben, damit d'e Leute nicht stutzig werden!" „Dann müssen wir doch mindestens Francis sagen, sonst paßt Du ja gar nicht in unsere ausländische Gesellschaft!" „Francis! — na, das ginge allenfalls, — aber wie gesagt, Fränzchen ist mir schon lieber! ich fühle mich dann nicht so genirt und brauche kein anderes Gesicht zu machen!" „Glaubst Du vielleicht, ich mache ein besonderes Gesicht für Lilian" — lachte Pia hell auf. Fränzchen hakte sich zärtlich bet ihr ein. „Du? nein, das hast Du auch nicht nöthig!" klang es wieder sehr schwärmerisch von ihren Lippen, und die dunklen Spatzenaugen bekamen abermals den verliebtesten Ausdruck. „Wenn man so schön ist, wie Du, Pia, — ich wollte sagen,' Lilian, dann hat man nicht nöthig, sich das Gesicht zu verrenken! Ich finde Dich nämlich bildschön, wirklich, schauderhaft schön! — bist Du eigentlich immer so gewesen, oder ist es erst später gekommen? Weißt Du, wie bei mir, wo die Leute immer sagten: „Sie ist jetzt freilich mordsgarstig, aber das verwächst sich doch wohl noch!" Abermals ein allgemeines Gelächter. Frau Johanna schien nicht im Mindesten wegen der Häßlichkeit der Tochter bekümmert und ihr Gatte saß so schmunzelnd und wohlgefällig seiner Einzigsten gegenüber, als habe er in ihr zum Mindesten die Venus von Milo zu bewundern. Pia zog den wildlockigen Kopf der Cousine mit liebevollem Blick an sich. „Ja, es hat sich schon verwachsen, Fränzchen!" nickte sie, „und ich bin überzeugt, die Menschen werden die herzensgute, fröhliche, natürliche Francis viel lieber gewinnen, wie die steife, langweilige Lilian mit dem poetischen Namen!" „Gieb mir einen Schmatz!" „Aber, Fränzchen! Du weißt, daß Pia das Küssen nicht leiden mag!" verwies die Gräfin streng und der Graf lachte. „Danke Gott, liebe Nichte, daß dem Wildfang kein Schnurrbart gewachsen ist, Du hättest einen unausstehlichen Verehrer an ihm!" „Ist eigentlich schon ein Programm für unsere Reise entworfen?" „Nein, wir reisen immer ohne Ueberlegung in den Tag hinein! wo es schön ist, bleiben wir, und wo es uns nicht gefällt, da fahren wir stolz vorüber! „Wollen wir die ganze Rheinreise zu Schiff machen?" „Ach nein! aussteigen! klettern! ich will auf jede Burg steigen!" „Na ja! schrei doch nicht so, wir sind ja gottlob nicht taub! Wenn es für Mama nicht zu viel wird, können wir 1Q verschiedene Wagenfahrten machen!" „Von Kastel bis Bingen fahren wir wohl durch?" „Nein, Papa, das geht viel zu schnell! In Rüdesheim wollen wir doch übernachten, da müssen wir zuvor schon mal aussteigen und uns die Ufer näher besehen, sonst ist ja der Tag ganz verloren, denn für den Niederwald ist's schon zu spät, zu der Tour müssen wir von früh Morgens bis Abends Zeit haben." „Nun, kommt Zeit, kommt Rath; vorläufig wollen wir erst mal in den Zug steigen und uns freuen, wenn wir Mainz erreicht haben! „In Mainz bleiben wir zuerst?" „Da wir Frankfurt kennen, ja!" „Hast Du schon wegen des Nachtquartiers an ein Hotel telegraphrrt, Willibald!" „Alles besorgt, Hänschen!" „Hänschen ist aber nicht amerikanisch, Vater! so darfst Du die Mutter vor dem Kellner nicht nennen!" „Sind die Dienstboten instruirt, liebe Tante, daß sie nicht etwa unser Jncognito verralhen!" Die Gräsin lachte: „Unbesorgt! meine treue Kammerfrau reist schon seit fünfzehn Jahren mit Mrs. Luxor, und der brave, alte Friedrich ist auch an unsere Absonderlichkeit gewöhnt. Dich müssen wir allerdings erst als „Lilian" vorstellen!" „Wenn das alte Trampelthier den Namen nur merken wird?'" grollte Fränzchen, deren Meinung von Friedrichs Intelligenz nicht besonders hoch zu sein schien. „Er wird schon " „Essen wir table d’höte oder ä, la carte?" informirte sich Comteßchen weiter. „Hast Du schon Hunger?!!" „Ich habe immer Hunger, und außerdem liebe ich es, darüber nachzudcnken, was ich eventuell Alles ess n könnte!" „Dazu haben wir im Zug die beste Zeit. Ich spiele Kellner und überreiche Dir die Karte." „Famos; — mit Hühnerfricasse fange ich immer an, — das ist auch Gewohnheitssache bei mir! überhaupt lege ich auf Essen und Natur des hauptsächlichste Gewicht,- auf sogenannte Reiseabenteuer oder Bekauntschaften brenne ich nicht" Fränzchen bog den Kopf zurück und blickte der schönen Cousine mit seltsam forschendem, beinah eifersüchtigem Blick in die Augen. „Thust Du es etwa?" Pia lachte. „Ehrlich gestanden, sind mir die Menschen und Mitreisenden bedeutend interessanter wie die Speisekarte!" „Wirst Du Dir etwa die Cour machen lassen?!" Fränzchen richtete sich jählings auf. „Natürlich! ich hoffe stark, mich auch in einen recht semmelblonden Engländer zu verlieben!" lachte Pia scherzend. Die kleine Gräfin faßte derb ihre Hand: „Pia! Du sollst auf einen Anderen warten!" stieß sie hastig, mit blitzenden Augen hervor. Die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung und ihr Gatte nahm das heftige Töchterlein bei beiden Schultern und drückte es in das Wagenpolster zurück. „Und Du sollst keinen Unsinn reden!" befahl er streng. Fränzchen lachte verlegen und.behauptete: „Man müsse Pia doch ein wenig necken!" und dann seufzte sie tief auf und sagte unvermittelt: „Wenn wir doch erst vier Jahre weiter wären!" Die Gräfin aber unterbrach sie lebhaft: „Da ist bereits die Bahnstation! Bitte, rüstet Euch zum Aussteigen!" (Fortsetzung folgt.) Pariser Modebrief. Von Blanche Thiviers. •------- (Nachdruck verboten.) Paris, 1. November 1897. KO. Trotz des mondainen Typus, welcher Paris zu der oberflächlichsten Stadt Europas erhebt, weiß man hier dem Feste tre des passes den ausdruckvollsten Stempel zu verleihen, und in wahrhaft weihevoller Weise gedenkt man hier seiner geschiedenen Lieben. Aber wenn dem nächsten Angehörigen auch der hauptsächlichste Zoll der Erinnerung, in Form von Requien, Thränen und Kränzen geleistet wird, so vergißt der sonst so leichtlebige Pariser auch seiner verstorbenen Bekannten nicht und weiht ihrem Andenken zum mindesten ein kleines Sträußchen. Am P6re Lachaise, Montmartre und wie die übrigen Leichenfelder heißen mögen, in welchen ganze Generationen den ewigen Schlaf schlummern, trifft sich ganz Paris in diesen Tagen, man glaubt fast bei 532 einer Sensationspremiere zu sein, nur daß sich neben den oberen Zehntausend auch jene Hunderttausende emfinden, d,e in der Person des theuren Dahingeschiedenen ost auch den Zusammenbruch ihrer Zukunft und ihrer Hoffnungen zu beweinen haben. Dies führt oft zu herzzerreißenden Scenen und zartempfindende Menschen kehren, von den quälendsten Eindrücken gefoltert, von den blumenübersäten Grabstätten heim. Der erste und zweite November gehört der Blumenindustrie, was Tausende von jugendlichen Händen das ganze Jahr über zu täuschend nachgeahmten Blüthen- und Blumenzweigen geformt haben, geht in Form von Kränzen und Bouquets als Zeichen der Erinnerung seinen Liebesweg. Die Sitte verlangt es, daß man nicht wie in früheren Jahren, die dem Alter oder der Jugend, der Braut oder dem Kinde angemeffenen Blüthen bringt, sondern man schmückt den Grabhügel mit der Lieblingsblume der Verstorbenen. Dies nimmt diesen Trauerspenden viel vom conventionellen grabesstarren Character und raubt nicht vollständig die Illusion eines wirkliches Besuches bei den geliebten Todten. — Wie viele Meter Crepe an solchen Tagen verwendet werden, ist unglaublich, jede halbwegs moderne Pariserin hat einen bestimmten Anzug für das Allerseelenfest und außer in schwarz, weiß-schwarz würde sie an diesem Tage die Straße nicht betreten. Für die Wittwenhaube oder selbst den Capotehut ist ein schmaler wstßer Crepeftreif, welcher das Haar umgiebt, die letzte nouveaute in Trauermode und den höfischen Sitten der spanischen Etiquette entlehnt. Das Trauerkleid hier in Paris ist von anspruchlosester Einfachheit, für die ersten drei Monate tiefer Trauer ist es nicht einmal bon ton, das frou-frou des Seidensutters rauschen zu lassen, es wird daher zum Jüitern der Trauerkleider eine weiche Seide gewählt, welche nicht knistert. Im Uebrigen hat da die Mode nicht viel zu sprechen, in jedem Falle wird sie nur discret angedeutet, denn ein Trauerkleid mit Aplomb trägt die sich immer in die Gelegenheit hineinlebende Französin nicht. — Doch wir wollen nach französischer Art uns mit einem raschen Gedankensprung von allem Traurigen loslösen, die Pariserin ist zu lebenslustig, um sich unnöthig der Schwermuth hinzugeben und würde es ewig bereuen, ihre schönen Jahre nicht auszunützen, was das übermüthige Chanson „La grandmere“, mit welchem Ivette Guilbert die Pariser unterhielt, am besten markirt: Combien je regrette, Mon bras si dodu, Ma jambe bien faite Et le temps perdu! In diesem plein air-Liedchen liegt der ganze Verismo des auf die Neige gehenden Jahrhunderts und macht die Neigung der Französin, durch alle erdenklichen Toilettebehelfe ihre Reize in's beste Licht zu stellen, um zu gefallen, erklär lich. Der letzte Sou wird hingegeben, um einem alten Hut durch eine neue Blume frisches cachet zu verleihen, dem Magen spart man Manches ab, der Toilette nie. Jedoch ich verliere mich hier in Betrachtungen, statt Ihnen vom dernier cri der Saison zu erzählen. Die russische Allianz wird von der Mode ausgenützt, wenn erstere nicht länger währen wird wie letztere, so könnte man mit Recht sagen: Tant de bruit pour une Omelette. Also vor Allem ist die russische Blouse mit Schößchen in allen Variationen en vogue, russisch-grün ist die Modefarbe, russisch-grün sind sogar die neuesten Pariser Lederstiefelchen. Selbst die Ueberjacke erfreut sich der russischen Fayon, d. i. die lose, überhängende Blouse mit langen, casaque-artigen Schößen und wird ebensowohl von „Doncet“, dem ersten Atelier, als auch im „Bon marche“ propagirt. Für Costüme wird das Schößchen glatt und kurz gehalten- erstere aus grauem, schwarzem oder russisch-grünem Tuch, Vorder- und Rückentheil ganz soutachirt, nebst einem Gold- gürrcl um die Mitte, sind die Specialität der Herbstsaison. Natürlich spielt das Pelzwerk eine große Rolle, und Revers und Kragen werden mit grauem Astrachan, Skunks, Chinchilla oder Seal ausgeschlagcn. Für Matronen — denn hier in Paris existirt die femme entre deux ages nicht, das weibliche Geschlecht ist entweder jung oder alt — hat man als nouveautö sehr kleidsam Pelz- oder Tuchcapes mit anschließendem Rücken und Glockenärmel- besonders gern wird Sammt für Confectionszwecke verwendet und mit echte- Spitzen applicirt. Ob die Damen mit ihren russischen weichen SPiegelsammtmützen gut behütet sind, wird die Zeit, die Ver- drängerin der Mode, lehren, vorläufig stehen dieselben unter dem Zeichen innigster Freundschaft. Ein großes Capitel jedoch verdient die glückliche Errungenschaft zwangloserer Kleidungsstücke. Das Stahlcorset ist hier gänzlich verHnt, selbst ein stattliches embonpoint gewährt sich die ceinture, nur wie in alten Zeiten erlaubt sich die Uebersülle durch ein in die Taille genähtes Fischbeinleibchen ihr de trop zu cachiren. Ebenmäßige Gestalten sehen so biegsam und elastisch aus, daß man sie nur beglückwünschen kann, sich endlich vf>n der steifen stählernen Last emanzipirt zu haben. Die Französin verschmäht auch die sogenannten englischen Kleider, nur Straßencostüme, d. h. Rock und Ueberjäckchen, goutirt sie und bei diesen wird das glatte englische Genre durch Blousen oder Einsätze aus Mousselinechiffon, Tüll und Spitzen gemildert. Was ihre Toilette auszeichnet, ist das Weiche, Weibliche. Sie liebt es, den vollen Gegensatz des starken und schwachen Ge- schlechies hervorzukehren, und selbst die enragirtesten Vorkämpferinnen für Fcauenemancipation vergessen in ihrer Toilette nie ihre eigentliche Bestimmung, sie wollen Verbesserungen, den Fortschritt, den Aufschwung, aber sie verschmähen es keineswegs, anziehend zu sein und die Chance in der Liebe geben sie durchaus nicht preis. Vielleicht ist der Frauenfrage auch die neue Modespielerei, das Spazierstöckchen, zu danken, ohne welches keine Dame am Boulevard erscheint. Es ist dies ein Uebergangsobject für den an schönen Herbsttagen überflüssigen Schirm, die Juweliere leihen denselben ihre Kunstfertigkeit und schmücken sie mit kostbaren Handhaben, in welchen Smaragde, Rubinen und Brillanten eine große Rolle spielen. Aber auch ohne Handhabe, das Ebenholzstöckchen nur von einer goldenen Schlange mit Smaragdaugen umwickelt, ist es ein beliebtes kostspieliges youyou. — Di- Sensation des vergangenen Monats bildeten die Toiletten in dem immer interessirenden Stücke von Dumas „Die Fremde". Madame Barett« im „Theätre Fran$ais“ trägt eines der großartigsten Modelle als Herzogin von Septmonts: Es ist eine Toilette de Visite aus altblauem Velours, mit einem Arabeskendessin in schwarzer Schmelzstickerei bedeckt, welche sich in verführerischen Lmien über das ganze Kleid ziehen. Wanda de Boncza trägt in der Titelrolle ein Abendkleid aus gelbem Sammt, reich mit weißen Perlen gestickt, ein kostbares Spitzentuch deckt das Tablier. Um ihre Magerkeit zu cachiren, hat sie den Empirestyl gewählt, und ihre Toilette wurde entschieden mehr acclamirt als ihre künstlerischen Leistungen. ^umeriftifd?€St In der Verlegenheit. Vater (der seinen Sohn im Atelier besucht): „Was hat denn der Gerichtsvollzieher bei Dir gethan?" — Junger Künstler: „Der — der hat mir Modell gesessen!" * * Immer amtlich. Tochter: „Papa, darf ich singen?" — Papa (Richter): „Ja, aber nur mit Ausschluß der Oeffent- lichkeit!" * * Schweres Dasein. Studioses Süffel (welcher bereits sein Militärjahr abgedtent hat, mühsam von einer Kneipe heimwärts taumelnd): „Der Mensch hat's doch nicht leicht. Dreimal muß er — als Kind, als Soldat und als Student Redaktion; 8° Scheyd«. - Druck und «erlag der Brühl'schm «niversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m ©ttficn-