W DM Tonn TW ie man wohl richtig Sich selber ehrt? — — Nimm Dich nicht wichtig, Aber halte Dich werth! Frida Schanz. Hoffnung ist ein fester Stab Und Geduld ein Reisekleid, Da man mit durch Welt und Grab Wandert in die Ewigkeit. Logau. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Ethel blickte unwillig drein. „Mama, es ist nicht möglich, daß Du Deine Würde so weit vergessen kannst, meine Angelegenheiten mit Hannah oder Deinen anderen Dienstboten zu besprechen. Der Baronet ist offenbar ein Mann von gesundem Verstands ich bin ihm sehr dankbar dafür, daß er dies so deutlich zeigte." „Du sonderbares Kind!" lief Iris lachend- „einen solchen Liebhaber kannst Du Dir wünschen? Wie blaß Du aussiehst! Du issest ja nichts. Willst Du noch eine Tasse Choco ade haben? Sage mir aufrichtig, Ethel, bist Du mit dieser englischen Heirath einverstanden?" „Oh, warum denn nicht?" erwiderte Ethel, indem sie sich erhob- „wir können indessen unsere Unterhaltung zu einer anderen Zeit fortsetzen, Mama- ich muß jetzt fort Großpapa könnte über mein langes Ausbleiben ungehalten lverden." Sie zog ihre Handschuhe aus der Tasche, doch indem sie dies that, flog — o Entsetzen! — Regnaults unglückseliger Brief heraus und fiel dicht vor Iris Füßen auf den Teppich nieder. Schnell wie der Blitz hob die Herrin der Rosen-Villa ihn ans. „Ah!" rief sie neugierig, „Du erhältst Briefe? Von wem, wenn ich fragen darf?" Plötzlich stieß sie einen lauten Schrei aus und ihr Gesicht wurde weiß wie Kreide. //Ethel! Oh gerechter Himmel! Wessen Handschrift ist das?!" sie, indem sie aufsprang. Ethel riß ihr den Brief aus der Hand. „Was ist Dir, Mama? Wie Du mich erschreckst! Warum zitterst Du so?" „Den Brief! Den Brief!" rief Iris - „nimm ihn aus dem Couvert und laß mich hineinblicken!" „Ich kann das nicht thun, Mama," antwortete Ethel mit fester Stimme- „verlange das nicht von mir — Du hast kein Recht dazu!" Iris erbebte von Kopf bis zu den Füßen. „Stein Recht?!" schrie sie. „Undankbares Mädchen! Antworte mir- ich will es wissen! Wer hat den Brief geschrieben?" Ethel war bleich vor Schrecken- sollte sie sich ihr Ge- heimniß entreißen lassen. „Er ist von einem meiner Lehrer in der Pension, Mama," stammelte sie. „Dein Lehrer? Wie heißt er?" „Regnault, Mama." Die Farbe kehrte langsam in Iris Antlitz wieder, doch mit hysterischem Gelächter sank sie in ihren Stuhl zurück: „Wie lächerlich von mir," rief sie. „Ich bin noch immer schwach von den Strapazen der Seereise. Diese Handschrift hat mich sehr erschüttert- sie hat so große Aehnlichkeit mit der eines meiner Freunde, der schon seit Jahren tobt ist. Es ist natürlich nur eine zufällige Aehnlichkeit - ich hätte es ja wissen können, daß es nicht möglich war- die Todten kehren nur in Sensationsromanen in's Leben zurück. „Regnault! Regnault!" fuhr sie nachdenklich fort; „ich habe den Namen nie zuvor gehört." „Es ist fein gewöhnlicher Name, wie ich glaube," sagte Ethel, die sich vor weiteren Fragen fürchtete. „Laß mich klingeln, Mama- Du benöthigst ein Glas Wein. Soll ich bei Dir bleiben, bis Du Dich besser fühlst, oder soll ich gehen?" „Gehe!" antwortete Iris. Ethel ließ sich das nicht zwei Mal sagen, sondern verabschiedete sich von ihrer Mutter und ritt davon. Es war schon beinahe Mittag, als sie das Herrenhaus erreichte. .Tante Pamela trat ihr auf dem Hausflur entgegen und sagte, athemlos vor Aufregung: „Oh, mein liebes Kind, wie konntest Du uns so erschrecken! ? Die Hälfte der Dienerschaft ist ausgeschickt worden, um nach Dir zu suchen. Eile und kleide Dich ar.- es ist während Deiner Abwesenheit Jemand angekommen — ein Gast aus England." Ethel fühlte ihr Herz still stehen. „Sir Gervase Grcylock?" „Ja," sagte Tante Pamela- „er ist in der Bibliothek bei Deinem Großvater, und Beide erwarten Dich dort." — 318 „Wann ist der Baronet gekommen?" „Vor einer halben Stunde." Die Krisis stand bevor- Ethel mußte derselben kühn die Stirne bieten. Regnaults dunkle, herrliche Augen schienen vor ihr aufzuleuchten und ihr Kraft und Muth einzuflößen- um seinetwillen konnte sie Alles thun und wagen. Sie eilte nach ihrem Zimmer hinauf, gefolgt von Tante Pamela, die sehr eifrig sprach, jedoch zu tauben Ohren. Dort machte sie Toilette, indem sie vor sich hinflüsterte: „Oh, mein Geliebter! Ich will Dir treu sein- ich werde meinen Schwur nicht vergessen! Dein bin ich — Dein bleibe ich bis in den Tod!" „Beeile Dich, mein Kind!" sagte Tante Pamela. Bleich, aber gefaßt, begab sich Ethel mit ihrer Tante die Treppe hinab. Sie hatte ein schwarzes Kleid angezogen und einen Vergißmeinnichtstrauß an den Busen gesteckt. Einen Augenblick hielt sie vor der Bibliothek an, um sich zu sammeln- dann öffnete sie die Thür und trat ein. „Ethel," sagte der Großvater, indem er ihre Hand ergriff und sie nach dem Kamin geleitete, „unser sehnlichst er warteter Gast und Verwandter ist hier- erlaube mir, Dir Sir Gervase Grehlock von Greylock Park in Suffolk, England, vorzustellen." Langsam und zögernd erhob sie ihre Augen zu ihrem englischen Freier. Er war groß von Statur- ihr Auge hatte mehrere Zoll über ihre eigene Höhe emporzuwandern, um seinem Blick zu begegnen. Dann aber fuhr sie erschrocken zurück- das Blut strömte in ihre Wangen- sie versuchte zu sprechen, vermochte aber kein Wort zu finden. Sie stand dem Manne gegenüber, der an diesem Morgen Regnaults Brief am Strand von Blackport aufgehoben und während des Gewitters an der Thüre des alten Boothauses „Sultana" gehalten hatte. 18. Capitel. Eine neue Heimath. „Polly! Polly!" rief der Hausherr, und „Polly! Polly!" rief auch die Hausfrau. „Polly! Du mußt mir mein zerrissenes Kleid flicken!" schrie eines der Kleinen. „Polly, ich will ein Butterbrod!" ließ sich ein Anderes vernehmen. Das dunkle Mädchen mit den seelenvollen Augen und der schwächlichen Gestalt, die geduldige Sklavin des lärmenden, unordentlichen Steele'schen Haushalts, flog Treppe auf, Treppe ab, nach dem Zimmer ihrer Herrin, um mit einem einzigen Paar müder Füße und zwei mageren Händen ein Dutzend Befehle auszuführcn und die Arbeit einer Köchin, Aufwärterin, Näherin und Kindermagd zu vollbringen. Es war eine nachsichtslose, undankbare Brut, diese Steel'sche Kinderschaar. Seit Jahren schon war Polly, die namenlose Waise, der Spielball ihrer Launen gewesen — seit jenem Abend, als Dick Vandine sie von dem Hospital nach dem Hause des Doctors gebracht hatte. Während dieser Zeit war Großmutter Serags „schwarzer Satan" aus einem Kinde zu einer hageren Jungfrau herangewachsen. Sie hatte eine häßliche Narbe an der Stirn, eine bleibende Erinnerung an den Unfall, der ihr bei dem unglücklichen Versuche, Nan einzuholen, beinahe das Leben gekostet hätte- zwei große Rehaugen und ihr üppiges Haar waren ihre einzige Schönheit. Im Alter von ungefähr achtzehn Jahren — Niemand vermochte ihr Alter genau anzugeben — gebrach es Polly nicht ganz an Schulkenntnissen- von früh bis spät hatte sie sich zwar für die Kinder abmühen müssen - allein sie hatte auch Zeit gefunden, die Schulaufgaben derselben mitzulernen- Sonntags saß sie stets mit der jungen Brut um sich her im Kirchenstuhl der Familie. Dick Vandine, dessen Interesse für die arme Waise die Zeit nicht abzuschwächen vermocht hatte, brachte ihr oft Bücher, die Werke Shakespeares, vorzügliche Romane, die besten Dichter aller Nationen, sowie gute Geschichtswerke. „Diese Bücher richtig zu lesen, ist an und für sich eint 1 gute Erziehung," hatte er ihr einmal gesagt- „Du bist-« geweckten Geistes, um in Unwissenheit oufzuwachsen." 5 Und Polly hatte die Bücher in den stillen Stunden bet Nacht gelesen, wenn die geräuschvolle Familie schlief, Ulli) wenn ihr eigener müder Leib ebenfalls hätte der Ruhe pflegen sollen. In jeder Beziehung hatte sie sich ihrer Herrschaft unschätzbar und unentbehrlich gemacht, allein in Bez«» auf die Frage des Lohnes blieb dieselbe stumm. Sie war eine unbezahlte Sclavin. Nicht einen Cent hatte sie je für all ihre Mühe und Arbeit empfangen- Alles, was sie erhielt, war ihre Beköstigung und Kleidung, und Beides lief in Quantität und Qualität viel zu wünschen übrig. Als sie älter wurde, fing sie an, sich gegen diese ungerechte Behandlung aufzulehnen- sie faßte sich ein Herz, mit Vandine darüber zu sprechen. „Es war, wie Sie wisse« längst meine Absicht," stammelte sie, „etwas Geld zu ersparen, um Nan aufzusuchen- wie soll ich dies aber anstelle« wenn ich keinen Lohn erhalte? Ich werde meinen Liebling wohl nie Wiedersehen?" „Was?!" rief Doctor Dick, „hast Du Nan noch immer nicht vergessen?" Pollys mageres Gesicht, das hübsch gewesen wäre, wenn es Fleisch und Farbe besessen hätte, nahm einen wunderbaren Ausdruck an. „Vergessen! In meinem ganzen Leben werde ich sie nicht vergessen! Und sollte ich hundert Jahre alt werden, so würde ich bis zu meinem letzten Athemzug an sie denken und sie lieben'" „Du gute, treue Polly!" rief Vandine. „Beim Himmel, ich möchte wissen, ob Nan an Dich denkt und sie Deiner Treue auch nur annähernd würdig ist." Es war ein ungemüihlicher Regentag. Rauch und Nebel hüllten die Stadt ein und erfüllten die enge, unscheinbare Straße, in welcher die Familie Steele wohnte. Der Nachmittag ging zu Ende. Polly saß mit den Kleinen in der Kinderstube, mit dem Ausbessern ein großen Haufens Kleider und Wäsche beschäftigt. Robert und Joseph, die größten Plagegeister des Hauses, lagen zu ihren Füßen und rissen Löcher in den ohnehin schon stark abgenutzten Teppich. Zwei oder drei kleine Mädchen hingen an der Rücklehne ihres Stuhles und amüsirten sich damit, ihren Ellbogen mit Stecknadeln zu stechen, während sie dem Scheine nach der kleinen May, dem einzigen artigen Kinde der Familie, zuhörten, die auf einem Stuhle neben Polly saß und aus einem Buche laut vorlas- die Thür ging auf und Doctor Vandine trat ein. Ein vielstimmiger Freudenruf erscholl durch die Kinderstube. Niemand achtete darauf, wie Pollys Gesicht bleich, dann roth und dann wieder bleich wurde. Die Kinder stürmten insgesammt auf ihren Vetter heran- selbst die kleine May warf ihr Buch hin und sprang von ihrem Stuhle herab. Es dauerte einige Zeit, bis Vandine im-Stande war, sich Polly zu nähern und ihr freundlich die Hand zu reichen. „Da bist Du, wie gewöhnlich, von diesen Plagegeistern umringt," sagte er. „Wie hager Du wirst, armes Ding! Doch kein Wunder- des Doctors zahlreiche Sprößlinge würden selbst einen weiblichen Herkules alles Fleisches berauben. Komm, Joe, laß meinen Hals los- ich kam in Geschäften nach der Stadt und dachte, ich wolle aus einen Augenblick hierher gehen, ehe ich nach Blackport zurückkehre." Polly gab sich keine Mühe, ihre Freude über seinen Besuch zu verbergen- ihre großen, dunklen Augen leuchteten wie zwei Monde, eine schwache Röthe überflog ihre hohlen Wangen- sie ließ ihre Arbeit auf einige Augenblicke ruhen. „Gefällt es Ihnen in Blackport, Doctor?" sagte sie, „und gedenken Sie dort zu bleiben?" Eine Wolke beschattete sein gutmürhiges Gesicht- er streichelte Roberts Flachskopf mit solcher Energie, daß dieser jüngste Sprößling des Steele'schen Ehepaares laut zu heulen anfing. „Oh ja, ich werde bleiben," antwortete er- „der L-r 319 ist zwar verteufelt gesund, allein ich bin der einzige Arzt dort- meine Aussichten auf Erfolg sind in dem kleinen Städtchen wie Blackport besser, als in einer Großstadt, wo unbemittelte Doctoren in jeder Straße wie Pilze emporschießen." „Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren," sagte Polly ruhig- „Sie sehen bekümmert und niedergeschlagen aus." Der junge Arzt runzelte die Stirne, lachte dann aber hell auf und sagte: „Welchen Scharfblick Du besitzest, Polly! Nun ja, ich gebe zu, daß ich seit einigen Tagen in keiner angenehmen Gemüthsstimmung bin - laß uns an das Fenster treten, so daß die junge Brut uns nicht hört- ich habe Dir etwas mitzutheilen." So sonderbar es erscheinen mag, kam der junge Doctor oft mit seinen kleinen Anfechtungen zu Polly- ihr ruhiges, sympathisches Wesen flößte ihm Vertrauen ein- überdies wußte nur sie ihn und seine Tugenden richtig zu würdigen. Sie trat daher seinem Wunsche gemäß an das Fenster, während er eine Schachtel mit Bonbons auf dem Tische ausleerte, über welche die jungen Steeles sofort herfielen. Er wußte, daß er wenigstens auf einige Augenblicke Ruhe haben würde, und trat nun ebenfalls an das Fenster. „Wie kommt es nur, Polly," begann der Doctor, „daß ich mich immer unwiderstehlich zu Dir hingetrieben fühle, um über meine Angelegenheiten zu reden, namentlich wenn dieselben schief stehen?" „Ich weiß es nicht," murmelte Polly. „Hol mich der Henker, wenn ich es selbst erklären kann, aber Thatsache ist es- ich glaube, daß Du der beste Freund bist, den ich in der Welt habe!" „Ich?" erwiderte sie mit wehmüthigem Lächeln. „Nicht doch, es giebt Leute, die sich sehr beleidigt fühlen würden, wenn sie Sie so sprechen hörten." „Ganz und gar nicht," entgegnete er lachend- „ich bin nicht reicher an Freunden, denn an Geld. Polly, ich habe eine ungeheuere Thorheit begangen, die schlimmste, die ein Mann in meinen Schuhen nur begehen kann." „Mein Gott!" ries Polly erschrocken- „sind Sie — sind Sie — in Schulden gerathen?" 1 Die Steeles waren beständig in Schulden und Polly erkannte die üblen Folgen eines solchen Zustandes aus Erfahrung. „Unsinn!" rief Doctor Dick- „es ist etwas unendlich Schlimmeres." „Sie haben doch Niemanden beraubt oder getödtet?" stammelte Polly erblassend. Dick lächelte düster und sagte: „Nicht daß ich wüßte, obwohl den Doctoren Beides zuweilen passirt. Ich will Dir die ganze Affaire in kurzen Worten mittheileu, Polly!" „Ich bin verliebt — bis über die Ohren verliebt, und die Zauberin, die es mir angethan hat, ist die Erbin eines großen Vermögens, schön wie eine Venus und steht auf der höchsten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter! Nun sage mir aufrichtig: kann ein Mensch blödsinniger handeln als ich?" Polly empfand eine plötzliche, seltsame Erschütterung - es war ihr, als ob ihr ein Dolchstoß durch das Herz führest bemeisterte indessen ihre Gefühle und sagte: „Ist es — ist es — Jemand dort — in Blackport?" „Ja," antwortete Doctor Dick, indem er auf seinen rothen Schnurrbart biß- „das einzige weibliche Wesen, das der Erwähnung werth ist- im Vergleich zu ihr erscheinen mir alle übrigen Mädchen von Blackport wie Talgkerzen neben dem Monde." Polly hatte ihr dunkles Gesicht an eine Fensterscheibe gedrückt und starrte nun mit trübem Blick auf die Straße und in den Regen hinaus. „Wie sieht sie aus?" fragte sie endlich. „Sie ist das holdeste Geschöpf auf Erden," antwortete ey; „weiß wie Schnee, mit Haaren wie von getriebenem Golde, die Augen wie Veilchen und einer Gestalt, die Worte nicht zu beschreiben vermögen." „Oh!" stammelte Polly, „eine Blondine! In allen Romanen, die ich gelesen habe, ist es immer die blonde Schönheit, die ihrer Nebenbuhlerin den Liebhaber wegschnappt - sind Sie — sind Sie schon lange mit ihr bekannt?" Die jungen Steeles waren den Bonbons wegen einander in die Haare gerathen- sie machten einen entsetzlichen Lärm- allein weder Dick noch Polly achteten darauf. „Gerade seit einer Woche," antwortete der junge Doctor, „und ich gebe Dir mein Wort darauf, daß ich während dieser Zeit unaussprechliche Qualen erduldet habe. Sie ist mein Himmel und meine Hölle- ich kann nur noch an sie denken, und dennoch ist mir jeder Gedanke eine Folter." „Weiß sie darum?" fragte Polly mit matter, heiserer Stimme, als ob das Leben in ihr erstürbe, während ihre Stirn noch immer an die Fensterscheibe gedrückt war. „Ob sie es weiß? — nach einer Bekanntschaft von einer Woche? Ich denke wohl nicht." „Nun, warum verzweifeln Sie dann?" „Mein Gott! Sie ist schon so gut wie verlobt — mit einem englischen Baronet, einem Verwandten ihrer Familie. Welche Chance hat wohl ein armer Uankee-Doctor neben einem solchen Nebenbuhler? Der Henker hole ihn!" (Fortsetzung folgt.) Gesellschaften. Von Frau Prof. Barthels, Bonn.*) In der Wohnung eines in unserer Nähe wohnenden höheren Beamten bemerkte ich an einem klaren Winterabend, daß die Fenster in hellem Lampenlicht erglänzten. Wagen fuhren vor und ich glaubte sogar, fröhliches Stimmengewirr zu vernehmen. „So, so," dachte ich unwillkürlich, „da drüben ist wieder einmal Gesellschaft," und grübelte nach — nicht etwa über die Herrlichkeiten und Genüsse, die dort zu sehen, zu hören und zu schmecken waren, sondern über die Berechtigung der Klagen, in die die Hausfrau aus jenen strahlenden Räumen vor wenigen Tagen erst mir gegenüber ausbrach: über die theure Wohnung, die theuren Kleider, die theuren Schulbücher der Kinder und — den immerhin geringen, kaum ausreichenden Gehalt ihres Mannes, von welchem man nicht nur nichts für spätere Zeiten (Ausstattung der Töchter, Wechsel für eventuell studirende Söhne u. s. w.) zurücklegen, sondern selbst nicht einmal einen Nothpfennig für etwaiges Kranksein erübrigen könne. Wider Willen stieg mir der übrigens recht naheliegende Gedanke auf: Würde jene Frau, wenn sie keine Gesellschaften gäbe bezw. sich nicht darauf eingerichtet hätte, auch nöthig haben, derart zu klagen? Denn der Gehalt ihres Mannes — über 6000 Mk. jährlich — reicht nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen auch heutigen Tages noch hin, anständig zu leben und eine kleine Summe zu ersparen. Als ich mir bewußt wurde, was ich gedacht hatte, erschrak ich fast vor mir selbst- denn es ist doch eine Ungeheuerlichkeit, nicht über Gesellschaften, den Stolz der jungen und älteren Ehegattinnen, die Freude der ganzen Damenwelt, entzückt, rein weg zu sein oder sich nicht in eine solche — vielleicht die eben abgehaltene — versetzt zu wünschen! Jedes jung verheirathete Beamtenpaar und jedes sonstige Pärchen, welches glaubt, sich dadurch ein Ansehen zu geben, nur dadurch etwas zu gelten, daß es ein „Haus macht", wie man sich auszudrücken beliebt, macht sich gleich mit dem Gedanken vertraut, Gesellschaften zu besuchen und zu geben. Da wird nun zunächst eine passende Wohnung gesucht. Dem Gehalte des Mannes oder sonstigen Einkommensverhältnissen entsprechend wäre eine solche von wenigen Zimmern, reinlich *) Obigen Aufsatz entnehmen wir der österreichischen Zeitschrift „Frauen-Werke", an welcher die Verfasserin Mitarbeiterin ist. Die Red. 820 aber bescheiden ausgestattet, geeignet zu einem trauten Nestchen ; aber — man muß doch Gesellschaften geben, man muß also einen Salon, etwa mit Lüster, größere, besser ausg-putzte und vor allen Dingen mehr Zimmer haben, vielleicht auch einen Balkon, Glaserker oder Veranda. Um dieses, schon an sich theure Logis auszumöbliren, bedarf es auch einer größeren, eigentlich überflüssigen Anzahl von Möbelstücken, und daß diese fein, geschnitzt u. s. w., dabei weniger dauerhaft sind, versteht sich ganz von selbst, da man doch damit Ehre einlegen, prunken will, weil Bekannte und Fremde sie sehen, sich darüber wundern und — man höre und staune — neidisch werden sollen. Die größere Wohnung erfordert auch eine größere Menge oder wenigstens gewandtere und daher kostspieligere Dienstboten. Rechnet man hierzu nun noch die Extraausgaben für Gesellschaftskleider und die Herrichtung des verhältniß- maßig luxuriös ausgestatteten Tisches oder Büffets, so kann man sich allerdings nicht wundern, daß die Einnahmen über Gebühr in Anspruch genommen werden, ja, nicht reichen. Wachsen die Kinder heran, so entwickeln sich naturgemäß bei ihnen in dieser Umgebung — in diesem Milieu, um mich künstlerisch auszudrücken — auch die Ansprüche, die sie an's Leben stellen, ungebührlich, selbst unvernünftig,- nicht zu gedenken des nie zu rechtfertigenden Uebels, daß ihre Erziehung von Seiten der Eltern, die zu viel mit ihrem Amt, ihren Geschäften, Gesellschaften und Vergnügungen zu thun haben, in den Grundbedingungen vernachlässigt wird. Auch sie gewöhnen sich an, heimlich oder offen Ausgaben zur Befriedigung ihrer Eitelkeit und ihrer Launen zu machen, so daß man sich nicht wundern kann, wenn die Eltern in Schulden gerathen und bei ihrem Tode ihren verwöhnten, verzogenen Kindern nichts hinterlassen, oft nicht einmal einen unbescholtenen Namen. Besonders empfindlich werden hierdurch dann die unversorgten Töchter betroffen; als traurige Beispiele könnte ich verschiedene meiner Haushälterinnen anführen, die, zum Theil aus besseren Beamtenfamilien stammend, als Waisen vollständig mittellos in der Welt standen. Wie oft sind die Töchter von Beamten, Offizieren und aus sonstigen angesehenen Familien gezwungen, ihr Brod in dienender Stellung oder durch schlechtlohnende Arbeit kümmerlich zu erwerben, was ihnen bei ihrer mangelhaften Erziehung, die nur auf den äußeren Schein berechnet war, und bet ihren früheren Gepflogenheiten doppelt schwer fällt. Manch stolzes, schönes und auch gesellschaftlich feingebildetes Wesen geht unter und verkommt in Elend und Schande, nur weil seine Eltern nichtrechtzeitig für dieZukunftsorgten. Welch' schwere Verantwortung laden sich doch die Eltern aus, die weder für einen, wenn auch kleinen Sparpfennig sorgen, noch auch so viel ihre Ausgaben für Luxus und Großthun beschränken können, um ihre Kinder sich Kenntnisse aneignen zu lassen, die ihnen im Falle der Roth die Möglichkeit bieten, auf eigenen Füßen zu stehen, sich eine auskömmliche, ehren- werthe Existenz zu gründen! Viele Familien suchen dadurch ein Gegengewicht gegen jene, aus gesellschaftlichen Rücksichten, wenn man sie so nennen soll, zu machende Ausgaben herzustellen, daß sie ihre täglichen häuslichen Ausgaben möglichst, oft unvernünftig, beschränken. Sie begnügen sich mit den geringsten und billigsten Speisen, werden oft nur aus diesem Grunde Vegetarianer, wozu sie sonst gar keine Lust verspürten, oder genießen nur selten Fleischspeisen. Mit der Unterkleidung, die man ja äußerlich doch nicht sehen kann, ist es sehr, sehr schlecht bestellt. Daß durch ein derartiges schlechtes Leben und mangelhafte, nicht vor den Witterungseinflüssen schützende Kleidung die Gesundheit tiefeingreifend geschädigt wird, kommt bei solch' unvernünftigen und leichtsinnigen Menschen gar nicht in Betracht- ebensowenig, daß bei einer Theilung zwischen Redaction: 8. Scheyda. — Druck und Gesellschaften, die in das ganze Hauswesen für Tage störend eingreifen, und Nahrungssorgen kein zufriedenes und gemütliches, wahrhaft Herz und Geist erfrischendes Familienleben erblühen kann. Mir fällt dabei immer das drastische Wort einer klugen, scharfblickenden Bauersfrau ein: Außen „hm» und innen „pfui"! Als triftige, so behauptet man wenigstens, Gründe für das Abhalten von Gesellschaften werden nun folgende angegeben: Untere Stellung als Beamte, Vorgesetzte u. s. m, erfordert es, oder wir müssen die an uns ergangenen Einladungen doch erwidern, oder dadurch hat man Verkehr mit Andern, die Sitte erfordert es, oder — man kann sich doch nicht von Allem zurückziehen bezw. ausschließen. Besonders offenherzige und mittheilsame Gastgeber führen vielleicht auch im vertrauten Freundeskreise noch an: Unser Credit wird durch Gesellschaftgeben, d. h. durch reichscheimndes Auftreten, erhöht und wir bringen unsere Töchter dadurch an denManu- denn wer nichts aus sich macht, der gilt auch nichts! Inwiefern d ese Gründe Berechtigung haben und ob sie den gerügten übergroßen Uebelständen die Waagschale halten, will ich hier nicht erörtern, glaube cs aber mit Grund bezweifeln zu dürfen,- übrigens weiß ich auch, daß man Leute, die ihre persönlichen Gründe haben und daher nicht überzeugt werden wollen, nicht überzeugen kann, man würde da that- sächlich gegen Windmühlen ankämpfen. Selbstverständlich habe ich auch nichts gegen den ungezwungenen, gemiithlicheu und nicht zu großen Depensen verleitenden Familienverkehr mit intimeren Bekannten und einem engeren Freundeskreise einzuwenden, welche schöne Sitte tief in der menschlichen Natur, besonders in dem Wesen der Deutschen, begründet ist. Ich will gegen das Uebermaß, die Auswüchse reden, ich will nur Denjenigen, weiche die oft wirklich ungeheure Last des Gesellschastgebens schmerzlich empfinden, ohne sie glauben abschütteln zu fönn.n, einen Ausweg angeben, der mit einigem festen Willen und kräftigem, zielbewußtem Zusammenwirken leicht auszuführen ist. Mehrere gleichgesinnte Familien einer Stadt müssen sich vereinigen und sogenannte Zusammenkunfts-Nachmittage ober Abende in einem Gasthofe ober Restaurant veranstalten, an welchen sich die befreundeten Familien — Gäste dürften natürlich eingeführt werden —, wie es ihre Zeit erlaubt, ungezwungen einfinden würden, um bei Unterhaltung, Musik u. s. w. die Geselligkeit zu Pflegen. Hierbei hätte natürlich Jeder für seine leiblichen Bedürfnisse selbst Sorge zu tragen. Da hierdurch der Wirth regelmäßige Gäste hätte, würde er wohl auch in den meisten Fällen gerne bereit sein, ein besonderes Zimmer oder einen Saal unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Einladungen und Absagen fielen somit ganz weg- wer kommt, ist da, und Jeder kann gehen, wenn ihn seine Geschäfte oder seine Lebensgewohnheiten abrufen, während durch keinen Zwang die Geselligkeit gestört wird. Eine solche Pflege des Verbhrs würde sich schnell, wie ich zu beobachten schon Gelegenheit hatte, einbürgern und nach und nach würden in unserer immerhin praetischen Zeit selbst die begeistertsten Anhänger von „Gesellschaften zu Hause" das Bequeme und Annehmliche desselben einsehen und — nachahmen. Es wende mir nur Niemand wegwerfend ein: Gesellschaften im Wirthshaus! Ja, wissen die verehrten Leserinnen denn nicht, wie sich schon allerorts der Usus eingebürgert hat — den ich allerdings nicht vertheidigen möchte —, größere Hochzeiten, Kindtaufen u. s. w. in öffentlichen Localen abzuhalten, ohne daß man daran Anstoß nimmt- man findet es einfach praetisch und darum nachahmenswerth. Wenn nun solche, tief in Gemüth und Leben der Menschen eingreifende Festlichkeiten nicht absolut des Schutzes der heimischen Penaten bedürfen, können wir uns sicherlich mit dem Abhalten lediglich geselliger Zusammenkünfte außerhalb unseres Hauses aussöhnen und befreunden. Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindrnckcrei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.