Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Fortsetzung.) ES war ein köstlicher Morgen, sonnig, frisch, lachend, als Lottchen Rechow erschien, um Regine zu einem Spazier- gange nach Wenningstedt abzuholen. Der Gedanke war verlockend, und bald wanderten sie mit noch einigen Damen dahin über die weite Heide. Regine war ein wenig hinter den anderen zurückgeblieben. Sie genoß den Zauber des Augenblicks. Wie stattliche, weiße Berge ragten die Dünen empor, auf denen sich das Strandgras im Winde wiegte, und verbargen das Meer vor den Blicken. Nur das leise Rauschen der Wogen verkündete, daß hinter den Hügeln ein geheimnißvolles, großartiges Etwas sein Wesen treibe, dessen Dasein auch die feuchte, salzige Luft ahnen ließ. Ringsum war Alles einsam, kahl- kein Baum, kein Strauch, nur hier und da ein vereinzeltes, angepflöcktes Schaf, ein altes Friesenhaus mit strohgedecktem, weit überhangendem Dache. Dann und wann hörte man den krächzenden Schrei einer Möve. Der Duft des Thymian zog vom Boden empor, und die liebreizende, rosa Glöckchenheide malte röthliche Flecken auf die weiten Flächen, die ihre wohlbekannte, lila Namensschwester bedeckte. „Wie reizend, daß ich Sie endliche treffe, meine gnädigste Frau," rief da plötzlich eine fröhliche Stimme neben ihr, und Lossen schwenkte grüßend seine Mütze. „Drei Tage schon habe ich immer vergeblich nach Ihnen ausgeschaut! Aber wie geht es Ihrem Herrn Gemahl, hat er sich von den Un- akoehyllichkeit der Seefahrt ganz erholt?" ' Die Frage sollte verbindlich klingen, aber eine leise Ironie tönte doch durch. „Danke für Ihre gütige Theilnahme," erwiderte die junge Frau etwas gereizt, „mein Mann war wieder völlig ivvhl, er mußte mich leider schon gestern verlassen." 1897. «W jjKhiJi üPm Glück nicht stolz sein und im Leid nicht klagen. Das Unvermeidliche mit Würde trage», Das Rechte thun, am Schönen sich erfreuen, Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen, Und fest an Gott und bessere Zukunft glauben, Heißt leben, heißt dem Tod sein Bitt'res rauben. „Wird es Sie nicht interessiren in Wennigstedt das Hünengrab zu besuchen, gnädige Frau?" fragte Lossen nach einer Pause. „Ich weiß nicht," meinte sie zögernd und strich die zerzausten Haare zurecht, mit denen der Wind sein Spiel getrieben, „die Epoche der Hünengräber ist mir zu entlegen. Ich habe keine rechte Sympathie für jene Urbewohner des Landes, sie sind mir zu roh in ihren Sitten und Gebräuchen. Ein Volk gewinnt erst dann Interesse für mich," fuhr sie langsam fort, als suche sie sich selbst über ihr Empfinden Rechenschaft zu geben, „wenn einzelne Gestalten aus demselben hervortreten und durch ihr Handeln darthun, welcher Sinn ihre»Zeit und Umgebung beseelt, wenn das geistige Leben erwacht, — mich fesselt überhaupt nicht Sage, sondern Geschichte, durch die Wissenschaft festgestellte und begründete Thatsachen." „Wie unendlich schwer ist aber dieses Begründen und Feststellen," fiel Lossen ein, „was wir durch Jahrhunderte für Wahrheit genommen, wird durch einen neueren Forscher plötzlich wieder in Frage gestellt. Die Grenze zwischen Sage und Geschichte ist schwerer zu ziehen, als Sie meinen. Uebrigens hat doch ein Werk rohester Heidenzeit einen gewaltigeren Eindruck auf mich gemacht, als ich für möglich gehalten hätte — ich meine jene colossalen Steinkreise bei Salisbury, Stonehenge genannt, denen man nicht ohne Scheu der Ehrfurcht nahen kann, als wohne dort wirklich jene unsichtbare Gottheit, der zu Ehren sie errichtet sind." Regine sann noch seinen Worten nach. „Mag auch der Geschichtsschreiber in Einzelheiten irren," sagte sie dann, wir sind ihm doch so viel Dank dafür schuldig, daß er große Zeitepochen der Vergessenheit entreißt, vergangene Jahrhunderte vor uns wieder aufleben läßt, deren Geist uns oft so viel verwandter anmuthet, als derjenige unserer Zeit." „Sehnen Sie sich wirklich in die Vergangenheit zmück, wenn Sie Geschichte lesen?" rief Lossen lebhaft. „Nein, mir dient ihr Studium nur dazu, mich die eigene Zeit recht verstehen zu lehren, mir die frohe Zuversicht zu geben, daß wir jetzt höher stehen, als je zuvor!" „Glauben Sie wirklich an die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechtes?" fragte Regine zweifelnd. „So sicher glaube ich daran, wie an meine eigene Mangelhaftigkeit," entgegnete er scherzend, „aber im Ernst gesprochen: wir gehen wirklich aufwärts, wenn auch nur all- mälig mit vielen Windungen, gleichsam in Spiralen." „Denken Sie doch aber an die reichen Culturen, die 170 Jahrtausende vor uns blühten und dann verschwunden sind, an Egypten, Griechenland, Rom! Es kommt mir vor, als ob für jedes Einzelwesen daS Leben damals ruhiger, harmonischer und genußreicher war, als in unserer Zeit des Dampfes - jetzt erscheint mir die große Mehrzahl des Volkes oft zur Maschine herabgedrückt." „Zu keiner Zeit war aber die allgemeine Bildung der Massen auf einer so hohen Stufe als jetzt," protestirte Lossen. „Wohl steht unser Jahrhundert unter dem Zeichen des Dampfes, aber vergessen Sie auch nicht, was wir diesem verdanken! Den ganzen Erdkreis hat er der Civilisation näher gerückt, fortan giebt es keine Entfernungen mehr. Wenn ich nur der großen Entfernungen gedenke, um welche sich die Cultur während der vierzig Jahre seit meiner Geburt bereichert hat, dann thut es mir bitter leid, daß ich nicht die kommenden Jahrhunderte mit erleben kann und den weiteren Fortschritt beobachten auf allen Gebieten." „O nein, nicht zu lange leben!" rief Regine abwehrend, von einem plötzlichen Impulse getrieben, „unsere Existenz währt schon lange genug!" Sie war stehen geblieben- ihre Blicke schweiften in die Ferne. „Wer einmal dem Glücke recht in das Antlitz geschaut hat, der lebt gerne, sei es auch nur um der Erinnerung willen," flüsterte Lossen, ihr tief in die Augen sehend. Sie wandte sich ab. „Was bedeutet Glück?" fragte sie unwillkürlich. „Glücklich sein heißt: nicht mehr einsam sein- einen Menschen neben uns haben, der uns versteht bis in die verborgenste Falte unseres Herzens- der uns lieber ist als die ganze Welt!" „Er hatte sein Haupt dicht zu dem ihrigen geneigt. Sie fühlte seinen Athem und schritt hastig vorwärts. Seine Worte tönte ihr im Ohre fort. Wieder hatte er ausgesprochen, was sie empfand. Es war, als wenn ein Traum sie umfinge. Die ganze Welt schien für sie zu versinken- sie wandelte allein auf einer einsamen Insel und hörte nur das ferne Brausen des Meeres und die Stimme dessen, den sie liebte. Er aber betrachtete sie mit Entzücken. Die reinen Linien ihrer schlanken Figur wurden durch ein schlichtes, weißes Kleid gehoben, das in weichen Falten an ihr niederfloß. Der Helle Sonnenschein gab dem Gewände einen gelblichen Schimmer, welcher von dem orangefarbenen Schärpenbande auszugehen schien, das sich um die feine Taille schmiegte. Ein großer Florentiner Strohhut beschattete das schöne Antlitz, das reiche, dunkle Haar. Und diese Frau, gleich vollkommen an Leib und Geist, hätte sein eigen sein können, wenn er damals vor zwölf Jahren nur gewollt hätte! War sie nicht im Grunde doch ein kostbarerer Besitz, wie ein stattliches Vermögen? Aus seiner Erinnerung tauchte plötzlich eine Scene auf mit greifbarer Deutlichkeit. Er sah sich wieder mit Regine im Kahne sitzen und hörte sie Stielers Gedicht vom Mönche Eltland mit ihrer ausdrucksvollen Stimme sprechen- und wieder schien er seine eigenen Worte zu vernehmen. „Welch klägliches Schicksal, wenn man sich durch eigene Unvernunft um sein Glück gebracht hat, durch ein Verkennen der gütigen Absicht des Schöpfers, der uns nur in dem Weibe, das wir lieben, zur eigenen Vollendung kommen läßt!" War er denn im Grunde nicht noch thörichter gewesen, als jener Mönch? Er hatte das für ihn bestimmte Weib ja schon gesunden gehabt, als er die Stimme seines Herzens geflissentlich überhörte und sich an eine Andere verkaufte. Aber Lothar von Lossen schüttelte diese unbequemen Betrachtungen mit energischem Ruck von sich ab. Man mußte das Leben nehmen, wie es war. Er bereute grundsätzlich niemals Unabänderliches. * * * Der Wind blies, und hoch aus bäumten sich die dunkel- grSnea Wellen, gewaltig, drohend, um sich dann mit lautem Tosen zu überschlagen und scheinbar harmlos über den weißen Sand zu lecken. Hier und da, wo man sich am sichersten vor ihnen glaubte, schlichen sie sich heimcktüsch heran an ein zierliches Damenkleid und bedeckten es mit ihrem klebrigen Schaum, und die also Ueberfallene diente dann noch zum Gegenstände allgemeiner Heiterkeit. Eben hefteten sich aller Blicke schadenfroh auf eine weiße Wollentoilette mit überreichem Spitzenbesatz, deren Trägerin bestürzt die gebliche Kante musterte, mit der die salzige Feuchtigkeit sie soeben bedacht hatte. Es war eine jugendliche Erscheinung, aber ohne Frische, mit übermäßig fein geschnürter Taille und großem, hochmodernem Hute, auf dem die, von der nassen Luft erschlafften, grellgrünen Federbüschel nach allen Seiten nickten. Man befürchtete beinahe, daß der schlanke Hals einmal abbrechen möchte unter der Wucht dieses Monstrums, das immer die Neigung zeigte, mit dem Winde auf und davon zu gehen. „Welch eine unglaubliche Idee, sich hier am Strande mit einem derartigen Federhute auszurüsten," sagte Regine, die neben Lottchen im Strandzelte saß, während ihre Kinder mit den Rechow'schen Buben eine großartige Sandburg schaufelten, „wer die geschmacklose Person nur sein mag?" „Das kann ich Dir ganz genau sagen," erwiderte Lottchen in dem angenehmen Bewußtsein, eine unerwartete Neuigkeit zu verkünden. „Sie heißt Constanze von Lossen, geborene Pottmüller." Ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel hätte auf Regine nicht verblüffender wirken können, als diese Kunde. Constanze Pottmüller, die ein Lothar von Lossen für würdig erachtet, seine Frau zu werden! Wie so eine ganze andere Erscheinung hatte sie sich zu diesem Namen gedacht- einfach vornehm, auch äußerlich ihm angemessen — konnte es wirklich kein Jrrthum sein? Doch nein, jetzt kam er ja auf die besprochene Dame zu, und Regine konnte sogar aus der geringen Entfernung seine Stimme hören, die nicht eben freundlich klang. Einzelne Worte, wie „albernes Gehabe", „auffällige Plündern", schlugen an ihr Ohr. Dann wandte er sich um und erkannte Regine. Der ärgerliche Ausdruck in seinen Zügen machte sofort einem verbindlichen Lächeln Platz, als er nun auf sie zuschritt. Aber Frau von Lossen war ihrem Manne gefolgt, und dieser mußte sie vorstellen, obgleich er es sichtlich ohne Freudigkeit that. Lottchen Rechow in ihrer Gutmüthigkeit erleichterte die Situation. „Meine Cousine und ich sind alte Bekannte Ihres Herrn Gemahls", sagte sie und bot der sie neugierig Musternden die Hand, „das Gut meines Vaters liegt in der Nähe von Falkenberg, und Herr von Lossen brachte dort zuweilen etwas Leben in unsere ländliche Einsamkeit." „Wie intereffant!" rief Constanze lebhaft, „nun nimm Dich nur in acht, Lothar, ich werde mir alle Deine Jung- gesellenftreiche von den Damen hinterbringen lassen! Ein sehr liebenswürdiger Gesellschafter kann er damals eigentlich nicht gewesen sein," fuhr sie mit einem Versuch zur Schelmerei fort, der doch eine gewisse Gereiztheit nicht verbergen konnte. „Ich habe ihn noch als recht ungeleckten, kleinstädtischen Brummbären übernommen und erst etwas aufmöbeln müssen. Und Sie, meine Damen, fühlen Sie sich wohl hier? Sie vermissen Ihren Herrn Gemahl, Frau von Rechow? O, eigentlich sind Sie doch beneidenswerth in Ihrer Strohwittwen- schaft! Wir armen Frauen leben im Grunde erst so recht auf, wenn wir den Haustyrannen ein Weilchen los sind. Dann steckt man den Trauring in das Portemonnaie, damit er einen nicht beständig an seine Sclaverei erinnert, und freut sich seiner goldenen Freiheit. Für mich hat diese schöne Zeit nun aufgehört!" — Dabet schielte sie herausfordernd nach Lossen hinüber. Sie wußte, daß sie ihn ärgerte mit ihrem freien Wesen- aber gerade das war ihr Zweck, sie wollte sich rächen für die eben erhaltene Zurechtweisung. Auch Regine blickte ihn an, und zwar war eS das 171 r den f) am heran ihrem dann ' eine deren ier die r eine Mäßig Hute, jrünen te beiunter zeigte, trande iegine, Kinder tdburg nag?" viderte »artete Lossen, Regine Con- üg er- andere einfach : wirk- Dame ernung inzelne idern", •fannte machte auf sie t, und I ohne thigkeit Ihrer ugierig egt in te dort 1 ; nimm Jung- ! Ein gentlich elmerei konnte, dtischen müssen. ? Sie । ? ö, ittwen- ) recht ? sind. . damit t, und ! schöne wdernd rte mit eck, sie ng. eS dar erste Mal, daß sie ihn kritischer betrachtete. Er war äußerlich doch verändert. Das Wohlleben hatte die frühere, vornehme Schlankheit der Figur in ein gewisses Enbonpoint verwandelt; seine Züge erschienen ihr schlaff, gealtert — oder war eS nur der Mißmuth über seine Frau, der ihn entstellte? Constanze merkte, daß er sie über alle Berge wünschte, und gerade darum blieb sie. „Gestatten Sie, meine Damen, daß ich mich ein wenig zu Ihnen setze? Es ist ein solcher Genuß, einmal wieder mit seinesgleichen reden zu können. Bisher war noch wenig Adel hier vertreten, die Haute-volee kommt immer erst im August. Mit den Professoren- und Doctorfrauen in meinem Hotel mochte ich mich natürlich nicht einlassen- man ist doch aus zu verschiedenen Gesellschaftssphären. Ich bin überhaupt sehr vorsichtig mit Badebekanntschaften, man kann damit schrecklich hereinfallen, so habe ich mich nur wenigen angeschlossen." Nun Plauderte sie so unaufhaltsam weiter, als habe sich der Strom ihrer Rede lange angestaut und lasse sich nun nicht mehr zurückhalten, nachdem sich endlich ein Publikum gefunden hatte, mit dem sie sich sorglos „einlassen" konnte. Sie schien trotz der angeblichen Zurückgezogenheit jeden Menschen und alle Klatschgeschichten von Westerland zu kennen und setzte bei ihren Zuhörerinnen ein lebhaftes Interesse daran voraus. Lossen wurde es sichtlich immer unbehaglicher zu Muthe. Er benutzte einen Wink seiner Frau, sich unter dem Vorwande, nach den Kindern zu sehen, stillschweigend zu entfernen. Frau Constanze aber war im schönsten Fahrwasser. Endlich gewahrte sie einen blaffen, blonden Jüngling, höchst stutzerhaft in ein schneeweißes Strandcostüm gekleidet und mit so kurz verschnittenem Haare, daß der Kopf fast kahl erschien. „Sehen Sie dort Baron Barnim," rief sie erfreut. „Er ist naMch ein glühender Verehrer von mir, ich kann mich kaum genug wehren gegen feine Aufmerksamkeiten. Run schleicht er schon den ganzen Vormittag herum auf der Suche nach mir, und läßt sich's keiner Mühe verdrießen. Wenn ich mich in ein Mauseloch verkröche, er würde mich doch heraustüfteln! Ich muß doch wohl barmherzig sein und dem Armen zu Hülfe kommen!" Damit verabschiedete sie sich hastig und rauschte von dannen. Eine Weile blieb Alles stumm in dem Strandzelte, das eben noch von ihrer lebhaften Rede wiederhallte. Dann konnte sich Regine nicht länger enthalten, eine Frage zu thun, die ihr auf den Lippen brannte: „Sag', Lottchen, wie kommt Lossen zu dieser Frau?" Die Gefragte zuckte mit den Schultern. „Ja, wie das so geht. Man sagt, daß er schwere Spielschulden hatte - Constanze Pottmüller war steinreich, verliebte sich in ihn und brannte vor Begier, sich aus einer simplen Commerzienrathstochter in eine adlige Offiziersfrau zu verwandeln- so wurden sie handelseinig. Ich finde eS schade um ihn. Aber es ist Zeit, daß wir uns zur Table d’hftte zurecht machen!" Damit packte sie die Arbeit ein und rief nach den Kindern. * * * Auf das strahlende Bild, das Regine sich von Lossen gemacht, war ein dunkler Schatten gefallen. Sie stand vor einer unbegreiflichen Thatsache. Er hatte sich für Geld an eine ganz gewöhnliche Person verkauft und ertrug nun deren Plattheiten, nur weil ihr Vermögen ihm ein bequemes Leben sicherte. O, wie hatte Regine früher über solche Ehen raisouniren können als etwas ganz Unwürdiges! Nun hatte ihr Ideal, Lossen, der ihr bisher als etwas außergewöhnlich Vollkommenes galt, eine solch niedrige Handlung begangen Diese Offenbarung lastete auf ihr wie ein schwerer Druck in den nächsten Tagen. Lossen bemerkte wohl, daß er in Ungnade gefallen sei. Vergebens zeigte er sich wieder als der alte, unwiderstehlich liebenswürdige Gesellschafter. Vergebens sprach er von Dingen, bei denen er sicher war, Reginens Interesse zu erwecken — es gelang ihm nicht mehr, ihre verlorene Gunst zurückzuerobern. Dieser Mensch, der eine Persönlichkeit, wie Constanze, zur Gattin erwählt, wollte ihr von ästhetischem Feingefühl reden! Als er sein Bemühen fruchtlos sah, verlor er rasch Geduld und Stimmung und erkor besonders seine Gattin, die unschuldige Ursache seines Mißerfolges, zum Opfer seiner Launen, und mit immer erstaunteren Augen betrachtete Regine ihr einstiges Ideal. Es war später Nachmittag. Mit mächtigem Anprall überschlugen sich die Wogen. Der Wind trug den Badegästen Frische und Stärkung zu und rüttelte sie ordentlich durch. Heute wehte er so stark, daß Regine sich eilig hinter eine der Strandhallen flüchtete, um nicht umgeblasen zu werden und in Ruhe ein bischen Athem zu schöpfen. Die Kinder hatten mit Lottchen einen Spaziergang unternommen nach dem südlich gelegenen, im Flugsande halb begrabenen Dörfchen Rantum. Die meisten Gäste machten sich zu dieser Stunde etwas Bewegung. Nur vereinzelte Herren saßen bei ihrer Cigarre oder einer Scatpartie. Im Vorübereilen hatte Regine Lossen an einem der nächsten Ecktische erkannt und neben ihm einen alten Bekannten, seinen einstigen Rittmeister aus Falkenberg, der seit Kurzem in Westerland weilte. Die Beiden waren aber so in ihr Gespräch versunken, daß sie nicht bemerkt wurde. Wie sie nun erschöpft gegen die Rückwand der Halle lehnte, konnte sie deutlich die Stimmen der Herren unterscheiden. Sie dachte nicht daran, ihrer Unterhaltung Aufmerksamkeit zu schenken, als plötzlich ihr eigener Name an ihr Ohr schlug. „Sieht noch verteufelt hübsch aus, die Frau von Helling," sagte der dicke Rittmeister, „die Jahre scheinen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein." „Ja, sie war immer eine schöne Erscheinung," bestätigte Lossen gedehnt, „biegsame Figur, königliche Haltung, prachtvolle Augen!" „Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, als Sie ganz weg waren von der Kleinen," neckte der Dicke lachend. „Aufrichtig gestanden, erwartete ich damals Ihre Berlobungs- anzeige, als Sie in Berlin auf Turnfchnle waren, Lossen." „Nun, für einen solch unpractischen Schwärmer hätten Sie mich doch nicht halten sollen," lautete die Entgegnung, „sie hatte ja kaum das Nöthigste zu beißen und zu brechen. Was helfen mir die schönsten Braunaugen ohne anständige Zulage! Jetzt liege ich weicher gebettet, und sie ist ja auch schlau genug gewesen, eine reiche Partie zu machen." Regine hatte genug gehört. Sie eilte geräuschlos von bannen, immer weiter und weiter, so lange ihr Fuß sie trug. Der Schlag war grausam. Für ihn, der in ihrem Leben eine so große Rolle gespielt, war sie also nie mehr gewesen, als nur ein Spielzeug. Sie hatte ihm ihre reine, glühende Jugendliebe gebracht, er aber verachtete sie um ihres geringen Vermögens willen und setzte bei ihr ohne Weiteres die eigene, berechnende Gesinnung voraus, er, von dem sie sich noch vor Kurzem allein nach ihrem wahren Werthe geschätzt glaubte! Nichts Anderes wußte er an ihr zu rühmen, al» ihren guten Wuchs! Um dieses Menschen willen hatte sie sich jenem Manne entfremdet, der nie etwas Anderes begehrt als ihr eigenes Selbst, der mit seinem erworbenen Vermögen auch für die Ihren eintrat als etwas ganz Natürliches. Felix, Felix! Warum hatte sie sich von ihm getrennt, warum war sie nicht daheim geblieben, wo sie hingehörte! O, daß er in ihrer Nähe wäre, daß sie in seine Arme flüchten könnte, ihr verwundetes Gemüth ausruhen an seinem reinen, edlen Herzen, o, daß sie ihn jetzt um Verzeihung bitten könnte! Denn plötzlich wußte sie, welches großes Unrecht sie ihm gethan. — 172 - In Gedanken hatte sie gesündigt gegen ihn durch Jahre und Jahre, bis dieselben eine unheilvolle Gewalt über sie bekamen und sie nicht mehr erkennen ließen, wie viel sie in ihrem Gatten besaß! (Schluß folgt.) Gemeinnütziger. Mistbeete. Sämmtliche Mistbeete, in welchen Pflanzen von Salat, Kohlrabi, Blumenkohl und anderen Kohlarten, Zwiebelpflanzen, Radieschen rc. herangezogen werden, sind spätestens Mitte April leer und können dann zu neuen GuL- tmcen benutzt werden. Vortheilhaft ist es, statt Gurken Früh- carotten in diesen Beeten zu ziehen und zwar die Sorten: Pariser Treib und Frankfurter kurzkrautige. Der Samen der Carotten liegt ziemlich lange, bevor er keimt, zwei bis drei Wochen mindestens. Die Pflänzchen brauchen auch noch mehrere Wochen, bis sie das dritte Blatt machen und können in dieser Zeit ohne Schaden etwas gedrückt stehen. Es paßt sich deshalb sehr gut, daß man die Carottensamen beim Aussäen der verschiedenen Gemüsesamen dazwischen streut. Wenn später die Gemüsepflanzen ausgezogen werden, bleiben die zu dieser Zeit noch schwächlichen Carottenpflanzen stehen. Werden sie jetzt einige Male gründlich gegosien und von Unkraut reingehalten, so kräftigen sie sich zusehends und liefern ohne besondere Pflege schon nach wenig Wochen brauchbare Carotten für die Küche. * * • Kürbisse stupft man im April in Töpfe und versetzt die Pflanzen, wenn sie mehrere Blätter zeigen und keine starken Nachtfröste mehr zu befürchten sind, in's Freie. Zu diesem Behufe macht man, wenn man recht viele Kürbisse ziehen will, einen Meter weite und einen Meter tiefe Gruben, giebk einen Theil der ausgehobenen Erde, vermischt mit Compost, verrottetem Mist rc. in die Grube und gießt recht viel Abtrittdünger und mit Wasser verdünnte Stalljauche daraui. In die so zubereiteten Beete setzt man zwei bis drei Pflanzen sammt dem Ballen und hält die Pflanzen feucht. Fett, feucht und warm müssen die Kürbisse haben, wenn sie recht groß und schön werden sollen. Kürbisse bieten auch den Bienen eine ausgiebige Weide, und gerade zu einer Zeit, wo sie derselben am meisten bedürfen. * * * Im Ziergarten sind die schweren, sich neigenden Hhacimhenblüthen an Stäbe zu binden, hochstämmige Rosen werden aufgebunden- die Gladioluszwiebeln werden ausgepflanzt. Zarte Florblumen, wie Nelken re., aufblühende Hyaeinthen sind vor starkem Regen und brennender Sonne zu schützen. * ♦ ♦ Die Beete mit Sileue, Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen, welche in Blüthe bezw. eben davor stehen, sind fleißig zu gießen, die, welche man im Herbst mit Nemophila, Colliusia rc. vollständig übersäte, reinige man, ehe die Pflanzen sich stark entwickeln, vom Unkraut. * * * Die Tomaten beginnen mehr und mehr sich in die Gemüsegärten einzubürgern und das mit Recht. Hauptsache bei der Tomatencultur ist, daß man Anfangs Mai kräftige Topfpflanzen schon in's Freie setzen kann und zwar an den sonnigsten, wärmsten Platz im Garten, daß man, wenn die Pflanzen blühen, die Spitze ausbricht und einige Aeste aus- schneidet, die Pflanze, an einem Gitter fächerartig ausgebreitet, aufbinder, fleißig gießt und von Zeit zu Zeit mit flüssigem Dünger düngt. Die Veredelung de* Rosen im Frühjahr«. Bereit» Anfangs Mai kann oculirt werden, wenn man Rosen in .Töpfen cultivirt, von welchen um diese Zeit reife Augen zum Oculiren genommen werden können. Man nimmt eine Kielfeder und schneidet sie ähnlich wie zum Schreiben, natürlich ohne gespaltene Spitze, trennt mit der Messerspitze das Edelschildchen in der gewünschten Größe von dem Edelreis etwas loö, schiebt dann die zugeschnittene Feder hinein, gleichgiltig, ob von oben oder unten, und schiebt das Auge von dem Holze loS. Die um diese Zeit eingesetzten Augen wachsen bei günstiger Witterung bald an, man schneidet den Wildling oberhalb der Beredelungsstelle ab und eS bildet sich noch in demselben Jahre eine stattliche, reichblühende Krone. * * * Zur Ziegenpflege. Die Ziege, in ihren Gewohnheiten ein seltsames Thier, will danach behandelt und gepflegt fein. Thut man das, dann verschwindet gewiß auch manches Bor- urtheil, das man gegen sie hegt, besonders die viel verbreitete Ansicht, daß sie mehr Futter verderbe, als fresse. Man muß ihr eben nicht sämmtlicheS Futter auf einmal verabreichen, wie es oft geschieht, denn im Ueberfluß verschmäht sie auch das Beste, sondern man füttert in fünf bis acht kleineren Portionen. Dann wird man stets eine leere Krippe finden. • * * Musselin zu waschen. In einen kupfernen Kessel thut man 1 Liter Weizenkleie und 4 bis 6 Liter weiches Wasser. Sobald es kocht, legt man den Stoff hinein, läßt ihn eine Viertelstunde ziehen und wäscht ihn unter Hinzuthun von kaltem Regenwasser in dem Kleiewasser rein. Das Spülen wird so lange wiederholt, bis alle Kleie entfernt ist. Der Stoff ist auf dem Boden zu trocknen. • * • Man gewöhnt sich nur allzuschnell an die Errungenschaften der Industrie: Die moderne Hausfrau, die Liebigs Fleisch-Extract als etwas Selbstverständliches anwendet, würde sich verwundert umsehen, wenn ihr plötzlich dieses allerbequemste Hilfsmittel entzogen würde, um Saucen und Gemüse zu würzen, im Falle eines plötzlichen Besuche» ein Restchen Suppe zu angemessenem Quantum zu verlängern oder auch, wenn sich eins der häufigen kleinen Küchenunglücke ereignet hat, eine Braten- oder Fricassse-Sance von neuem herzustellen, ohne daß Jemand den Ersatz gewahr wird. Es läßt sich nicht bestreiten, daß, wo Liebigs Fleisch-Extrack, dessen Ergiebigkeit bekannt ist und durch dessen Anwendung Zeit und Geld gespart werden kann, sich in vielen Haushaltungen seit Jahrzehnten eingeführt hat, auch die Kiichen- forgen unserer Hausfrauen beträchtlich geringer geworden sind. Hninsvistischer. Ein Zeitkind. „Otto, Du hast aber ein schlechtes Zeugniß!" — „Ja, Papa, der Lehrer muß was gegen Dich habenW * -i- * Vergaloppirt. Vater (im Eifer): „Laura, nimm Dir ja einen gescheidten Mann — Deine Mutter hat leider nur aufs Geld geseh'n!" * * * Das kluge Karlchen. Papa: „Sag' mal, Karlchen, bei wem thut es denn am meisten weh, wenn Du Schläge bekommst, bei mir oder bei der Mama?" — Karlchen: „Bei mir!" * * * Schöne Aussicht. „Sie, Kutscher, fahren's doch langsamer — das ist doch lebensgefährlich." — //Ach was, ich hab' ohnedies keine Freud' am Leben!" Redaktion: 8. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch & kcheyda) in dich«.