Diw-Kß le* 12. October. l i-- »W fm em Kinde nicht den süßen Glauben, Die Hoffnung nicht dem Jüngling rauben, Dem Manne Muth und Thatkrast nähren, Dem Greise stille Rast gewähren: Das sind der Menschheit Liebespflichten, Nach ihnen wird die Gottheit richten Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Das Fest hatte begonnen und nahm einen glänzenden Verlauf. Die gräflichen Herrschaften plauderten mit allen Anwesenden und die Gnadensonne ihrer Huld bestrahlte ausnahmslos einen Jeden, welcher sich in ihre Nähe wagte. Der Assessor fieberte. Die Gräfin tanzte Walzer mit ihm, _ der Apotheker und Assistent klatschten währenddessen alle anderen tanzenden Paare ab, theils aus höchster Devotion, theils um ein Unglück mit der Schleppe zu verhüten, welche die hochgeborene Frau zu allgemeinem Staunen selbst während der Rundtänze nicht hoch nahm. Aber der Assessor war ein Mordskerl, er machte seine Sache brillant und heilste nachher auch von Allen größtes Lob ein. „Ja, mit Schleppe tanzen," lächelte er blasirt, „das will eben gelernt sein! Ich habe lange Jahre in den großen Städten dazu Zeit gehabt!" Es war ganz augenscheinlich, daß das Ansehen des Assessors mit diesem Tanze noch bedeutend stieg, auch die anderen jungen Herren bildeten plötzlich ein Streberthum, sie bemühten sich im Schweiße ihres Angesichts, zu zeigen, daß auch sie Muth und Schliff genug besaßen, eine Dame wie Gräfin Niedeck auf's Beste zu unterhalten. Der Tanz nahm seinen Fortgang, und während Frau Melanies Dramantgefunkel die Herzen und Seelen im Saale in Zauberbande schlug, setzte sich der Graf im Nebenzimmer nieder, im K-eise seiner Getreuen männerwürdige Reden zu pflegen! Er hatte voll gewinnendster Cordialität den Doctor an seine Seite gerufen und schien es ganz besonders darauf abzusehen, auch diesen Herrn mit Leib und Seele für sich zu gewinnen. „Verkehren Sie viel und intim mit meinem Vetter Willibald auf Schloß Niedeck?" fragte er. Der Arzt zog ein sauersüßes Gesicht: „Doch nicht, Herr Gras!" verneigte er sich, „meine Bekanntschaft mit dem Majoratsherrn ist leider nur eine sehr oberflächliche!" Rüdiger war starr. „Wie ist das möglich?! Der Arzt pflegt gewöhnlich aus dem Lande der vertrauteste Freund und Rathgeber zu sein? — Aber ganz recht, ich entsinne mich, daß Willibald stets eine Aversion gegen Acrzte hegte, ihre Wissenschaft verspottete und sich lieber irgend einen Quacksalber von Wunderschäfer holen ließ, anstatt eine Autorität zu consultiren!" Der Doctor lachte scharf auf. „Ganz recht! Der alte Schäfer Encke ist Factotum bei dem Herrn Grafen, falls derselbe wirklich einmal zu klagen hat, was äußerst selten der Fall ist!" „Hm ... bei Leuten seines Geisteszustandes bilden sich ja derartig krankhafte Marotten!" nickte Graf Rüdiger traurig, „aber er ist doch hoffentlich anständig genug, Ihnen als Entschädigung für solche Nichtachtung ein hohes Jahrgehalt zu zahlen, um Ihr Ansehen in der Stadt nicht zu schädigen?" Das magere Gesicht des Gefragten spiegelte allen Ingrimm, welcher schon seit Jahren an dem armen, kinderreichen Familienvater zehrte. „O nein, nicht einen rothen Heller beziehe ich von ihm, wie sollte ich auch, da ich ja gar nicht nach Niedeck geholt werde!" Rüdiger war empört, außer sich. „Ist es denn schon soweit mit dem Unglücklichen gekommen, daß ihm jedes Pflicht- und Ehrgefühl mangelt? Wenn eine anständig denkende Familie auf Nwdeck wohnte, müßten Sie ein fürstliches Salair beziehen, theuerster Doctor! ein Salär, wie cs Ihre hohen Kenntnisse einfach bedingen!" Der kleine Landarzt seufzte tief auf und nickte trostlos mit dem Kopfe, dann fragte er mit haßsunkelnden Augen: „Sie halten ihn wirklich für verrückt, Herr Graf?" „Gewiß, Sie etwa nicht, lieber Doctor, der doch als Mann der Wissenschaft seinen Zustand am besten beurtheilen kann?" „Ich ... oh ... ja ... ich —" stotterte sein Nachbar verlegen, „ich habe ihn stets für einen Sonderling gehalten, — zu näherer Beobachtung seines geistigen Zustandes habe ich leider noch keine Gelegenheit gehabt!" 474 „Und bedarf es derselben wirklich?" seufzte Rüdiger kummervoll auf. „Ich dächte, Alles, was man von meinem armen Vetter hört und sieht, spräche deutlich genug für seinen Zustand. Degenerirt! — Dies eine Wort sagt Alles! Sehen Sie seinen unförmigen Kopf an, — wie eine Wassermelone! Das kommt bei den sechszehn Ahnenheirathen heraus!" Der Bürgermeister lachte hart auf. „Ja, ja, das sieht ein Kind ein, daß es bei dem Grafen Willibald nicht mehr richtig im Hirne ist! Haben Sie schon von seiner neuesten Verrücktheit gehört, meine Herren?" Alle Köpfe schossen eifrig näher: „Nein, bitte, erzählen Sie!" „Nun, der Herr Graf hat sich jetzt für Tischgesellschaft gesorgt! Es wird täglich für sechs Personen gekocht und gedeckt. Dann geht Seine Hochgeboren hinüber in die Ahnengallerie, wählt fünf Portraits aus, dieselben werden in das Kutscherstübchen gesetzt, und nun nimmt der Graf neben ihnen Platz, legt seinen stummen Gästen Essen vor, schenkt ihnen ein, — spricht mit ihnen —" „Großer Gott, entsetzlich !" stöhnte Rüdiger auf. „Vollständige Gehirnerweichung! Man hat derartige Erscheinungen sehr oft, ehe Katastrophen eintreten, nicht wahr, mein lieber Doctor, Sie kennen auch derartige Fälle?" „Gewiß," nickte dieser selbstbewußt, „die bekannte Eneephalomalacia, bei Verschluß der Schlagadern eines Bezirkes, kennzeichnet sich durch langsame Abnahme der Geisteskräfte." „Großartig," bewunderte der Graf, „vortrefflich bewandert, dieser Doctor! Ja, meine Herren, ich fürchte, da werden wir uns auf ganz ungeheuerliche Dtnge gefaßt machen müssen!" „Das wäre ja Alles, was noch fehlte!" „Hm . . . haben wir uns das etwa gefallen zu lassen!" „Nun . . . was in meinen Kräften steht, um Alles gut zu machen, was mein Vetter an Ihnen und der Stadt hier versäumt, meine Herren, soll geschehen. Vor allen Dingen will ich mich sofort persönlich bei dem Herzog melden lassen, um es durchzusetzen, daß Angerwies Garnison wird!" „Hurrah! — Hurrah!" „Oh bitte, jubeln Sie nicht zu früh, meine Freunde! Willibald hat sehr viel in dieser Angelegenheit versehen, indem er sich nie für die Sache verwandt hat! Er, als Majoratsherr, hätte dem Herzoge gegenüber ganz energisch vorgehen können, wie ich jetzt, der ja eigentlich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun hat. Ich fürchte auch, daran werden meine Bemühungen scheitern! Ja, wenn ich Majoratsherr wäre — oder für meinen minderjährigen Sohn als Vormund sprechen könnte — ja dann! Athemlos lauschte man im Kreise. Endlich stieß der Bürgermeister heraus. „Nun, Herr Graf — und könnten Sie denn das jetzt nicht schon werden?" Rüdiger zuckte die Achseln. „Willibald lebt ja noch, meine Herren." „Aber er ist geisteskrank!" „Ja gewiß, er ist verrückt!" „Man muß ihn in ein Narrenhaus bringen und Ihren Sohn als Erben Proclamiren, Herr Graf!" Das Eis war gebrochen, in wildem Durcheinander klangen die Stimmen und auf Rüdigers fahle Wangen traten zwei rothe Flecken höchster, fieberhafter Erregung. Er senkte die Wimpern über die Augen, um seine verrätherisch aufblitzenden Blicke zu verbergen. Dann seufzte er tief auf, streckte jählings dem Bürgermeister und Doctor die Hände hin und rief voll schmerzlicher Extase: „Ja, meine Herren, könnte man dem armen Geisteskranken die Wohlthat anthun, ihn in eine Anstalt zu bringen, so wäre Angerwies gerettet und könnte blühen, wachsen und gedeihen zu einer Stadt ersten Ranges! — Nicht an mich denke ich — ich habe es nicht nöthig — sondern nur an Angerwies und seine Bewohner, wenn ich erkläre — es würde ein Glück sein, könnte mein beklagenswerther Vetter einem Jrrenhause überwiesen werden!" „Ja, ein Glück, ein Glück für ihn und uns!" hallte es im Kreise: „Erbarmen Sie sich, Herr Graf, helfen Sie uns, daß es geschehe!" Capitel 4. Wir nehmen nicht ein Herz mit uns von hinnen, das nicht in Einstimmung mit unserem lebt, und lassen keins dahinten, das nicht wünscht, daß uns Erfolg und Sieg begleiten mag! Shakespeare, König Heinrich V. 2. Auf. Ein treuer Bursch, mein Herr! Commödie der Irrungen, 1. Aufz. 2. Sc. Eine wunderliche Veränderung war mit dem kleinen Angerwies seit dem Kriegerball vor sich gegangen. Der Sturm tobte im Wasserglas. Welch ein Flüstern, Tuscheln und Raunen aller Ecken und Enden! Welch eine wichtige Geheimnißkrämerei unter den Vätern des Städtchens und seinen Honoratioren! Bürgermeister und Doctor gingen aus und ein bei Graf Rüdiger, und dieser hatte dem Feuereifer der Herren nur zu wehren. „Vor allen Dingen muß über die ganze Angelegenheit tiefstes Schweigen beobachtet werden, meine Herren!" befahl er sehr nachdrücklich, „und namentlich über den Plan, welchen wir entwerfen wollen, um die Sache möglichst bald und ohne großes Aufhebens zum Abschluß zu bringen! Sie können nicht verlangen, meine Freunde, daß ich mich persönlich com- promittire, wenn ich für Ihr Wohl zu Felde ziehe, — für Ihr Wohl, lediglich für das Ihre, denn Sie wissen, daß ich nicht die mindesten Interessen an dem Majorat habe/ ob es mein Sohn ein paar Jahre früher oder später besitzt, ist ja völlig gleichgültig. Also nur Ihrem Interesse gilt es, wenn ich mich Ihren Wünschen füge und die fatale Angelegenheit in die Hand nehme! Darum ersuche ich Sie auch, sich blindlings meinen Anordnungen zu fügen und tiefes Schweigen über dieselben zu wahren!" Die Herren gelobten es voll fanatischen Eifers, und ihre Zungen flössen über von eitel Lob und Preis, gab es doch wirklich nichts Rührenderes und Selbstloseres, als das Handeln Graf Rüdigers, welcher als edler Menschenfreund dem armen, vernachlässigten Städtchen zu Hilfe kam. Die Bürgermeisterin hatte Anfangs den Kopf geschüttelt. Sie war eine Frau von gesundem und klarem Urtheil und kannte bis dato keine Selbstüberhebung! Ihre Würde war groß genug und genügte ihr. „Ich begreife die plötzliche Unzufriedenheit der Anger- wieser nicht!" sagte sie, „wir haben ja bisher glücklich und vergnügt gelebt und nichts darnach gefragt, ob Graf Willibald verrückt sei oder nicht! Wir haben es uns auch früher nie im Traume einfallen lassen, zu verlangen, daß der menschenscheue Mann an unseren Bällen theilnehmen solle! Meiner Ansicht nach war unsere Einladung eine unziemliche Keckheit, und daß die der Graf ablehnte, hat mich weder überrascht, noch beleidigt. Was aber ist um Alles in der Welt plötzlich in Euch gefahren? Kein Mensch will sich mehr begnügen! Alle wollen mehr verdienen, wollen höher hinaus, wollen Dinge verlangen, die ihnen selber zuvor nicht im Traume eingefallen sind! Grad als ob der Hochmuthsteufel und die Geldgier Euch allesammt besessen hätte!" Der Bürgermeister antwortete grob und erregt, „das verstehe sie nicht, und die Weiber hätten ihren klugen Rath für sich zu behalten!" Da schwieg Frau Lieschen achselzuckend, und ihr Gatte ging in die „Stadt Hamburg", um sich dort die Seele frei zu schimpfen. Nächsten Tags fuhr die Frau Gräfin bei der Frau Bürgermeisterin vor und machte dieser einen langen Besuch, ein so fabelhaftes Ereignitz, daß die Straße vor dem Haus gedrängt voll Neugieriger stand und Frau Lieschen keine Kleinstädterin und kein Weib hätte sein müssen, um solch eine Auszeichnung kaltblütig aufzunehmen! Sie glühte vor Stolz und Genugthuung, und die Gräfiw - 475 — sprach mit weicher, einschmeichelnder Stimme so unglaublich liebenswürdige Sachen, daß die einfache Frau sich schon aus lauter Höflichkeit davon überzeugen lassen mußte. „Ja, vorwärts streben! nicht immer am alten Zopf hängen, sondern frisch und energisch neue Besserungen alter Zustände erreichen wollen! Es ist nicht mehr zeitgemäß, im verjährten Schlendrian einherzutrollen! Eine Stadt muß aufblühen, wachsen und gedeihen! Flottes Militär muß nach Angerwics kommen, damit die vielen, reizenden jungen Mädchen flotte Tänzer und schmucke Ehegatten bekommen!" Bei diesen Worten erglühten die drei Töchter in seligsten Hoffnungen und Frau Lieschen nickte lächelnde Zustimmung. — Ja, Männer für ihre Töchter, das war in dem kleinen Angerwies, das so reich an Mädchen und arm an Heirathscandidaten war, der wunde Punkt, welcher jedem Mutterherzen schlaflose Nächte bereitete! Wenn dieser Calamität Abhilfe geschaffen werden könnte — ja, dann! Dann wollte die Frau Bürgermeisterin gern zu Allem Ja und Amen sagen, was die Männer planten und erstrebten! Sie zeigte voll strahlenden Stolzes der Gräfin die mächtigen Holztruhen, in welchen alle Leinwandschätze zur Ausstattung der Mädels bereits fix und fertig lagen, und Frau Melanie neckte die jungen Damen so entzückend schelmisch mit den künftigen Lieutenants, daß es die heirathslustigen Schönen wie ein Wonnerausch erfaßte. Die Gräfin hatte kaum die »Hausthüre hinter sich, als die bürgermeisterlichen Damen mit glühenden Wangen schon nach allen Windrichtungen davon flogen, die selige Verheißung von künftigen Freiern zu allen Freundinnen zu tragen. Und weiter verlangte ja die Frau Gräfin nichts. Die anderen Mütter und Töchter dachten: „Wenn Bürgermeisters einen Lieutenant kapern, dann fällt für uns wohl auch noch einer ab!" und damit war das Signal gegeben, daß die Damen am eifrigsten und energischsten auf einen neuen Majoratsherrn drangen, welcher der Stadt für Garnison sorgte. „Was aber die Frau will — das will Gott!" sagt der Franzose. Die geheimnißvollen Berathungen in dem kleinen Privatzimmer der „Stadt Hamburg" wurden immer lebhafter, bis sie nach drei Tagen ihren definitiven und feierlichen Abschluß fanden. Man schüttelte sich in treuer Verbrüderung die Hände und gelobte sich, frisch ans Werk zu gehen. Es ward Folgendes beschlossen: „Kehrte jetzt Graf Rüdiger in die Residenz zurück, so ward er von nun an mit bittschriftlichen Briefen der Angerwieser bestürmt, den unerträglichen Zuständen ein Ende zu machen, welche ihr geisteskranker Patronatsherr auf Niedeck über sie heraufbeschwor. Diese Briefe sollten Graf W llibald in all seiner Verrücktheit schildern, sollten ihn Alles dessen anktagen, was er verabsäumte und durch was er die Gemeinde Angerwies in ihren wahlberechtigten Forderungen schädigte. Der Assessor sollte die Sache recht geistreich und geschickt, mit allen Chicanen eines Rechtsanwaltes, ausklügeln. Auf diese Briefe hin wollte Graf Rüdiger alsdann seinen Antrag auf Entmündigung bei dem Amtsgericht stellen. Als Sachverständiger sollte der Doctor berufen werden, die Zeugen sollten durch den Bürgermeister und andere wohlgemeinte Personen gestellt werden. Ganz Angerwies kann sich ja dazu melden! Was die Dienerschaft auf Niedeck anbelangte, so müßte bei Zeiten dafür gesorgt werden, dieselben den Ansichten und Wünschen der „Verschworenen" geneigt zu machen! Der Apotheker wiegte bedenklich den Kopf. „Diese Bagage könnte zum Stein des Anstoßes werden," sagte er kleinlaut, „ihnen gefällt das zuchtlose Leben unter dem verrückten Herrn, welcher sie schalten und walten läßt, wie es ihnen beliebt! Sie werden mit einer Aenderung der Verhältnisse am wenigsten einverstanden sein!" „Pah!" polterte der Assessor, „sie können doch seine landbek.nnten Verdrehtheiten nicht ableugnen, und aus diese kommt es hauptsächlich an!" „Das wohl, aber sie können Vieles beschönigen, wenn sie wollen!" „Je nun, man muß eben versuchen, sie auf diese oder jene Weise zu gewinnen!" zuckte Graf Rüdiger die Achseln. „Ich denke mir, die Gagen werden bei dem Geizhalz Willibald nicht allzuhoch ausfallen, der künftige Majoratsyerr bewilligt sie in doppelter oder gar dreifacher Höhe!" „Vortrefflich, Herr Graf, das wird ziehen!" „Ich überlasse Ihnen plein pouvoir meine Herren, diese oder jene Zugeständnisse zu machen, welche Sie im Interesse der Sache für nöthig halten," fuhr Rüdiger gleichgültig fort, „ich bin kein Knauser und gönne gern Jedem das Seine. Und nun wollen wir diese Angelegenheit hiermit erledigt sein lassen und reckt vergnügt noch ein Glas Wein zusammen trinken! Ich bitte Sie, meine Freunde, zu Gast und leere das erste Glas auf ein „Gut Gelingen!" Man that voll aufgeregter Freude Bescheids der Wein perlte in den Gläsern und in den Köpfen spukten traumhaft schöne Bilder von einer künftigen besseren Zeit! Noch einmal entflammte das gräfliche Paar alle Herzen durch bezaubernde Liebenswürdigkeit, dann nahm man Abschied, aber man lächelte dabei ein siegessreudigcs „Auf Wiedersehen!" Am nächsten Morgen stolperte der Hotelomnibus abermals vor die Thüre, um die seltenen Reisenden zum Bahnhof zu bringen. Der Assessor stand mit einem Strauß an der Wagenthüre. Es war ein Meisterstück des Angerwieser Gärtners, welcher seine schönsten Blumenstöcke geplündert hatte, um diesen Abschiedsgruß zu ermöglichen. Es war für die Gräfin! Da that er es mit Begeisterung — denn die hohe Dame hatte mit seiner Frau auf dem Kriegerball gesprochen und seiner Tochter sogar auf den Fuß getreten, — so dicht stand sie zwischen ihnen! Die halbe Stadt war auf den Beinen, um die gefeierten Menschenfreunde noch einmal zu sehen. Man rief Hurrah! schwenkte die Taschentücher und etliche Damen weinten sogar, weil sie es für respectvoll und schicklich hielten. Die Herrschaften grüßten und winkten mit dem Ausdruck größter Herzlichkeit und Innigkeit nach allen Seiten und der Abschied von Simmels hatte etwas geradezu Rührendes! Es war auch keine Kleinigkeit für die biederen Alten! Sie hatten in diesen zwölf Tagen mehr verdient, wie sonst in etlichen Jahren und das war eine Thatsache, welche die „Stadt Hamburg" für ewige Zeit dem gräflichen Paar verpflichtete. Und nun gar die Hoffnung, diese Menschen dauernd auf Niedeck zu wissen — nach wie vor freundschaftlich verkehrend — oh, nach Adam Riese war Vater Simmel dann sehr bald schon ein gemachter Mann! Noch ein letztes Lebewohl und vielsagendes „Aus Wiedersehen!" dann schwankte der gelbe Kasten langsam nach vorn, setzte sich in Bewegung und rumpelte die Straße entlang. Die Straßenjungen gaben selbstverständlich das Geleit, und der Graf schüttelte als letzte Menschensreundlichkeit sein Portemonnaie unter sie. Da gab's ein unendlich Gejohle, Gebalge und Gepurzle, und während alle Welt voll Entzücken diese Freigebigkeit anstaunte, entschwand der Omnibus den Blicken. Als sich auch der Abschied von Gottlieb und Schröder mit aller Inbrunst vollzogen — man streckte der Gräfin im Uebermaß der Freude über das fürstliche Trinkgeld wieder und wieder die Hand zum biederen Drucke entgegen — schloß sich endlich die Coupathüre erste Klasse hinter den Reisenden. Mit einem Seuszer, welcher einem Aufstöhnen glich, sank die Gräfin in die Polster zurück und auch ihr Gemahl warf sich wie ein Erlöster in die Ecke nieder. 476 — „Gott sei Dank! Das wäre überstanden!" Die Gräfin streifte die perlgrauen Handschuhe ab und schleuderte sie mit einem Ausdruck des Ekels von sich. „Pfui! wie viel schmierige Koffern haben sie gedrückt! Zu allem Ueberfluß auch noch dieser ungebildete Hausknecht! Rüdiger, es war entsetzlich, diese zehn Tage haben mich Nerven gekostet!" (Fortsetzung folgt.) G-m-innÄtziges. Wie kann man Zwetschen so lange frisch erhalten, daß dieselben eventuell zu Weihnachten den Baum zieren können? Man pflückt, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, zu diesem Zwecke dieselben an einem trockenen Tage vorsichtig mit den Stielen, läßt sie drei Tage ans Stroh ausgebreitet in einem trockenen, ungeheizten Zimmer liegen. Darauf schichtet man die Zwetschen in ein Fäßchen oder großen Steintopf zwischen Weizenmehl so, daß sie sich nicht berühren. Dann deckt man das Fäßchen oder den Topf gut zu und bewahrt ihn an einem trockenen Orte auf. Zu Weihnachten öffnet man das Gefäß, nimmt die Zwetschen heraus, wäscht sie ab, legt sie in ein Sieb, hält sie in gehöriger Entfernung über Dampf von kochendem Wasser und die Zwetschen haben ihre frühere blaue Farbe und ihren Geschmack wieder erhalten. Auf diese Weise habe ich schon mehrere Jahre hindurch die Meinigen mit frischen Zwetschen am Weihnachtsbaum überrascht. * * ♦ Das Liegenlassen von kranke« Kartoffel« auf dem Felde rächt sich meist bitter, denn sie bilden nicht nur für Engerlinge und Larven einen geeigneten Schlupfwinkel, wo diese sicher der Verpuppung entgegengehen, sondern sie leisten auch der Erhaltung und Vermehrung der Feldmäuse Vorschub, indem diese hierdurch hinreichende Futterstoffe finden. Daneben muß besonders des Umstandes gedacht werden, daß durch angefaulte Kartoffeln eine Uebertragung des Kartoffel Pilzes für die nächste Ernte vorbereitet wird. Wer daher der Ausbreitung dieser Krankheit entgegenarbeiten will, der lasse keine verfaulten oder angefaulte Knollen auf dem Felde liegen, sondern sammle sie auf Haufen, wo sie dann durch Uebergießen mit Kalk unschädlich gemacht werden. * * ♦ Jetzt sind Veilchen i« Töpfe zu pfla«ze«. Wer viel Veilchen im Garten hat, hebe, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, eine Anzahl davon aus, Pflanze sie in Töpfe und bringe sie im Winter an's Stubenfenster, wo sie dann blühen werden. Die bepflanzten Töpfe sind vorläufig an einer geschützten Stelle im Garten aufzustellen, wie z. B. zwischen den Sträuchern einer Gehölzanlage, in einem leeren Mistbeetkasten oder an irgend einem passenden Orte. Man kann sie hier etwas mit Laub umgeben oder auch leicht mit diesem bedecken, damit die Erde und Töpfe nicht festfrieren. Das Aufstellen am Zimmerfenster geschieht im December und auch später noch. Die Monatsveilchen haben jetzt schon Knospen und blühen in einigen Wochen sehr willig am Fenster. * * * Joco«-e-S«ppe. Die Leber und den Magen einer Truthenne schneidet man ebenso wie einige Champignons und einen kleinen Blumenkohl in kleine Stücke, bringt Alles mit etwas Butter in einer Kasserole auf's Feuer und läßt es sich bräunen. Unter fortwährendem Umrühren fügt man Pfeffer, Salz und etwas Mehl hinzu, gießt die nöthige Menge Fleischbrühe oder kräftige Auflösung von Liebigs Fleischextract bei und läßt die Suppe eine Weile kochen. Eine Viertelstunde vor dem Anrichten bringt man einige Löffel Reis in die Suppe, die man schließlich mit geriebenem Parmesankäse servirt. ______________ Humoristisches. Curioser Widerruf. In einer ostschweizerischen Gemeinde wurde ein Bürger anläßlich der Steuerrevision etwas höher geschraubt. Darüber ergrimmt, äußerte er sich unter Anderm öffentlich: ,,D' Hälfte vo de Gmeindröth sind Narre." Das ließ sich natürlich die gestrenge Obrigkeit nicht gefallen, stellte den Sünder zur Rede und verlangte, daß er die bösen Worte zurücknehme. Er that es auch mit den Worten: ,,D' Hälfte vo de Gmeindröth sind kei' Narre." * * * Boshaft. „Gestern Abend wurde ich von einem heftigen Gewitterregen bis auf die Haut durchnäßt. Trotzdem brachte ich meiner Angebetenen noch ein Ständchen!" — „Wahrscheinlich — weil Sie nun doch eiinmal naß waren?!" * * * Aus der Kaserne. Sergeant: „Was verstehen Sie unter Avantgarde?" — Recrut: „Dös iS a Kart, die man an die Wand hängt." * * * Nack der ersten Ausfahrt. „Nun, mein Goldkind, wie bist De gefahren mit'm Rad?" — „Anfangs ist's gegangen gut, später bin ich aber gestürzt!" — „Nun, und der Hofmeister?" — „Js nicht gestürzt." — „So e' frecher Mensch!" * * * Bauer (der vom Hausknecht aus dem Wirthshause hinausgeworfen wird, zum Wirth, der unter der Hausthür steht und leuchtet): ,,A' nobler Kerl bist D' halt do', Ochsen wirth, sonst thätst D' uns net leuchten!" * * Von der Schmiere. Schauspieler (zum Director vor der Vorstellung): „Ach, Herr Director, ich bitte um zwanzig Pfennig — ich will mir Wurst kaufen!" — Director: „Warten Sie bis nach der Vorstellung — sonst spielen Sie die Hungerthurmscene unnatürlich!" Eit-r?avisch-s Die Herbst- und Wintergarderobe der lieben Kleinen möchte jede auf Sparsamkeit bedachte Mutter gewiß gern selbst anfertigen und dabei das gut erhaltene Alte noch verwenden. Das ermöglicht sehr leicht das in seiner nutzbringenden Eigenart einzige, reich illustrirte Specialblatt „Kindergarderobe", Verlag John Henry Schwerin, Berlin. Die prächtigen Beilagen der „Kindergarderobe": „Für die Jugend" und „Im Reiche der Kinder" bergen eine Menge Unterhaltungs- stosf für die langen Winterabende durch Selbstansertigung von Spielzeug aus Resten und Abfällen des Haushalts, Vorführung reizend illu- strirter Märchen re. Grundprinzip ist Selbstanfertigung aller dargestellten Sachen und dadurch Erzielung großer Ersparnisse. Für nur 60 Pfg. vierteljährlich zu beziehen durch sämmtliche Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis-Probenummern der „Kindergarderobe" durch erstere und den Verlag, John Henry Schwerin, Berlin. * * * Die musikalische Erziehung bildet heutzutage einen so wichtigen Factor in der modernen Bildung unserer Jugend, daß alle Eltern und Erzieher ihr Augenmerk darauf richten sollten, auch in dieser Hinsicht die rationellsten pädagogischen Hilfsmittel in Anwendung zu bringen. Als ein solches erweist sich als ganz besonders zweckdienlich und fördernd die „Musikalische Jugendpost" (Verlag von Carl Grüninger in Stuttgart), ein Organ, das es vortrefflich versteht, den Kindern in erster Linie Lust und Liebe für die zu erlernende Kunst beizubringen. Die musikalische Jugend hat ihre helle Freude an den hübsch illustrirten Gedichten, Erzählungen, belehrenden und unterhaltenden Artikeln und den vielen mit Geschick gewählten Clavierstücken und Liedern. Selbst Erwachsene müssen dem frischen, gesunden Inhalt der „Musikalischen Jugendpost" Geschmack abgewinnen. (Preis Mk. 1,50 vierteljährlich.) Probenummern versendet die Verlagshandlung auf Verlangen kostenfrei. Redaction: Ä. Echeyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße«.