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Nach einem drückenden Schweigen, das auch er mit keinem Laut unterbrochen hatte, fühlte sie plötzlich, wie seine Finger, kalt und feucht, sich um die ihren legten, und ehe sie es hindern konnte, hatte er ihre Hand mit seinen beiden Händen fest umspannt, zog sie an sich und drückte seine Lippen darauf. Sie wollte sich von ihm loßreißen, wollte ihm ihren Abscheu und ihre Verachtung ins Gesicht schleudern, aber sie dachte an Busenius'Mahnung, ihn seine ganze Seele enthüllen» zu lassen, und duldete einen Augenblick schweigend seine Nähe. Dann machte sie sich los und preßte ihr Taschentuch auf die Hand, die seine Lippen berührt hatten. Noch ehe sie sich wieder von ihm frei gemacht hatte, begann er zu sprechen, mit entstellter, heiserer Stimme. „Das ist es ja, was Sie so schön macht, diese Wärme des Herzens. Wenn Sie wüßten, wie Ihr Gesicht leuchtet in solch' einem Augenblick! Wenn Sie ahnten, welche Gewalt Sie über die Menschen haben, — aber Sie sehen es ja an mir. In Ihrer Nähe bin ich willenlos wie ein Kind. Ich thue Dinge, über die Sie mir zürnen müssen, aber ich bin nicht im Stande, mich zu bezwingen. Wehrlos und waffenlos bin ich in Ihrer Macht!" „Sind Sie gekommen, um mir das zu sagen?" „Ich wollte es sagen, aber anders, nicht so. Ruhig und verständig, wie es einem Manne in meinen Jahren wohl ziemt." Er lächelte ein wenig und strich sich mit der Hand über die Stirn, während der große Diamant an seinem kleinen Finger in wechselndem Feuer leuchtete. „Aber in Ihrer Nähe bin ich nicht Herr meiner selbst. Es macht mich rasend, so neben Ihnen zu sitzen und Sie nicht an mich zu reißen." Sie machte eine Bewegung, um sich zu erheben, er aber erfaßte von Neuem ihre Hand. „Verzeihen Sie mir, ich will so etwas nicht wieder sagen. Ich will jetzt wirklich ganz ruhig und verständig sein. Aber hören müssen Sie endlich, daß ich Sie liebe, daß ich Sie schon geliebt habe, als Ihr Mann noch lebte, und daß der Wunsch, Sie zu besitzen, nur noch heißer geworden ist seit dem Tage, an dem er starb." „Sie wagen es, mir das zu sagen, obwohl Sie wissen, daß ich Ihren Neffen liebe?" „Ich weiß, daß Sie geglaubt haben, ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden. Aber ich weiß auch, daß er seit Wochen von Ihnen getrennt ist, ohne Ihnen ein Wort, eine Zeile zu schreiben, ich weiß, daß er Ihre Liebe nicht verdient hat und Sie vergißt!" „Daß er mich vergißt!" Das Gift, das er ihr eingeflößt hatte, begann seine Wirkung. Ihre geheimen, flüchtigen, bangen Gedanken hatte er jetzt eben in Worte gekleidet, und für einen Augenblick meinte sie zu fühlen, er habe recht mit dem, was er sprach. Ihm aber schien ihr schmerzlicher Ausruf eine Verheißung dessen, was er begehrte, er machte ihn unvorsichtig und tollkühn. „Der Eine vergißt Sie dort in der Ferne, er ist Ihrer Liebe nicht werth. Aber hier ist ein anderer Mann, dessen Neigung nach Jahren zählt, der im Stillen um Sie geworben und gedient und gewartet hat, bis seine Stunde gekommen wäre. Sagen Sie mir, daß sie jetzt da ist, daß ich Sie in meine Arme nehmen darf!" Sie sah die glühende Röthe auf seinem Gesicht und sah, wie er zitterte in rasender Sinnlichkeit, die nach ihrem Besitz begehrte. Sie stellte in Gedanken die Gestalt des Mannes, den sie liebte, neben ihn und weckte dadurch ein mildes Gefühl reiner Wärme in ihrem bewegten Herzen. Auch Busenius' ehrwürdiges, leidenschaftsloses Gesicht meinte sie für einen Augenblick hinter ihm auftauchen zu sehen und gedachte der Worte, die er zu ihr gesprochen hatte. Damm bezwang sie sich noch jetzt und sagte nur, als Jaksch laut athmend schwieg: „sie kennen ja doch das Versprechen, das ich meinem Manne gegeben habe." „Sie hätten es meinem Neffen zu Liebe gebrochen." Sie schwieg und sah vor sich nieder- sie fühlte es, dies Versprechen war keine Waffe mehr gegen ihn. Er aber blickte zur Seite, ob sie auch wirklich allein seien, um sich dann wieder nahe zu ihr heranzubeugen. Sie suhlte seinen heißen Äthern, als er nun ganz leise zu ihr sprach. „Auch könnte ich^Sie von diesem Gelübde und seiner Last befreien, wenn Sie "„bann frei sein wollten für mich." „Mich befreien?" 114 — „Durch ein Wort Ihres verstorbenen Mannes, das ich allein kenne." „Wenn das möglich wäre!" Für einen Augenblick überwog die plötzlich erweckte Hoffnung, der Jubel über die fern auftauchende Möglichkeit einer glücklichen Zukunft ihre Zweifel an seinen Worten, das Mißtrauen ihrer Seele gegen ihn selbst. „Wenn das möglich wäre!" rief sie noch einmal und umklammerte seinen Arm, ohne sich bewußt zu werden, daß sie es that. Ihm aber nahm ihre Berührung den letzten Rest von Vorsicht und Berechnung. „Es ist möglich, es ist! Sie wissen, daß ich als Hausgenosse und Arzt der erste war, der am Morgen nach seinem Tode gerufen wurde. Ich konnte nichts thun, als constatiren, daß er schon vor mehreren Stunden gestorben sei, aber damals blieb ich eine kurze Zeit mit der Leiche allein. Sie wissen, daß er in seiner letzten Nacht aufgestanden ist und versucht hat, zu schreiben,- auf seinem Schreibtisch liegt ja noch das Blatt Papier, auf dem die Feder abgeglitten ist. Aber er hat doch auch etwas niedergeschrieben in jener Nacht." Sie wollte fragen, sie rang nach Worten, aber die Stimme versagte, und ihr Athem kam laut, fast wie ein Stöhnen aus ihrer Brust. Ihre Finger umspannten fester seinen Arm, und ihre Berührung durchzitterte ihn von Neuem wie ein electrischer Strom. Auch ihm kamen die Worte immer heiserer und gebrochener vom Munde, während er weiter sprach und mit seinen Blicken den Körper der Frau gleichsam umklammerte, die ihm endlich so nahe war. „Er muß sich wieder niedergelegt haben," fuhr er fort, „nach jenem vergeblichen Versuch am Schreibtisch. Aber er hat sich ein Blatt Papier aus dem Notizbuch gerissen und hat mit Bleistift noch ein paar Worte geschrieben. Er hielt den Zettel zusammengepreßt in der Hand, ich aber habe ihn genommen und gelesen und — ich muß es Ihnen heute gestehen — ich habe ihn behalten." „Das kann nicht wahr sein!" Sie sagte es mit einem Seufzer, alle die Zweifel, die während der letzten Minuten geschlummert hatten, waren mit einem Male wieder erwacht. Er aber tastete mit unsicheren Händen auf seiner Brust umher und holte eine Brieftasche hervor, die er eilfertig öffnete. „Sehen Sie her," sagte er und hielt ihr ein kleines, zerknittertes Blatt entgegen, das nachträglich wieder war geglättet worden. Sie nahm es und las. Und indem sie die Handschrift ihres Mannes erkannte, verzerrt und entstellt durch die furchtbare Nähe des Todes, die ihn zum Schreiben gedrängt hatte, doch zweifellos echt und unverfälscht, kam ein befreiendes Gefühl über sie, wie sie es niemals mehr geträumt hatte. Hier war die Lösung der Zweifel auch für den Geliebten. Wie sie sich befreit hatte durch eigene Kraft, so wurde er frei gemacht durch die letzten, lösenden Worte des Sterbenden. Sie hatte vergessen, aus wessen Hände sie das Papier empfangen hatte, wer neben ihr saß. Ein weiter, sonniger Weg that sich vor ihr auf, und eine Gestalt kam ihr im hellen Lichte von Weitem darauf entgegen, die ihr theurer war über Alles in der Welt. Wieder und wieder las sie die Worte des Todten: „Dem Sterben nahe, fühle ich, daß Du dem Leben gehörst. Mit Unrecht habe ich das Versprechen von Dir gefordert, ich mache Dich wieder frei davon. Sei glücklich." Von dem Namen ihres Mannes standen nur noch die Anfangsbuchstaben darunter, dann war ihm die erkaltende Hand erlahmt. Aber soviel der Mann da neben ihr gelogen haben mochte in seinem Leben, dieser Zettel war echt. Sie war frei und schuldlos auch in den Augen der Welt, sie durfte glücklich werden, ohne des Vorwurfs Augen auf sich gerichtet zu fühlen! Mit jähem Wechsel, auf eine leise Bewegung des Doc- tors, der sie aus ihrer seligen Träumerei zu erwecken suchte, wandelte sich ihr die Empfindung des Glücks in die des Zorne-. Des Zornes auf ihn, der sie hatte dulden lassen Wochen und Monate hindurch, ohne den Finger zu rühren, um sie zu erlösen von ihrer Qual. „Warum geben Sie mir dies erst heute?" Er beugte sich im Sessel zurück vor der glühenden Entrüstung in ihren Augen. Aber er gab sein Spiel nicht verloren. „Weil ich Sie liebte," sagte er leise. „Das ist keine Entschuldigung für einen Diebstahl." „Die Liebe hat schon größere Sünden entschuldigt. Sehen Sie, als ich dies fand, da war mein Wunsch, Sie zu besitzen, schon ganz so glühend wie heute. Ich wußte, daß Sie Ihren Mann geliebt hatten, und daß ich warten mußte ruhig und geduldig. Aber indem ich dieses Blatt Papier an mich nahm, glaubte ich Sie von jeder anderen neuen Liebe frei zu halten. Wenn dann die Zeit gekommen war, wenn ich mir langsam Ihre Liebe erobert hatte, dann wollte ich Sie auch von dem letzten Scrupel durch diese Worte hier befreien, wie ich es heute nun wirklich thue. Und ich wäre schon eher zu meinem Ziele gelangt, wenn ich nicht selber so unklug gewesen wäre, Ihnen meinen Neffen ins Haus zu bringen, den schönen Geist, an dessen Gefährlichkeit für die Frauen ich niemals gedacht hätte. Jetzt aber —" „Sie sind ein Schurke!" Sie hatte sich erhoben, nicht hastig und leidenschaftlich, sondern mit ruhiger Hoheit und stand ihm gegenüber, die Hände auf der Platte des Tisches gestützt. Als hätte sie ihm einen Schlag ins Gesicht gegeben, so taumelte er empor, den Sessel zurückstoßend, und hob die Fäuste, als wollte er sie zerschmettern. „Ein Schurke, sage ich! Und auch den Beweis will ich Ihnen nicht schuldig bleiben, wenn Sie ihn haben wollen. Sie sind ein Dieb, das Papier in meiner Hand hier beweist es. Sie sind ein Verräther, denn Sie haben das Vertrauen eines Freundes verrathen. Denken Sie an Ihre Vergangenheit und hören Sie genau auf das, was ich sage. Sie sind ein Betrüger, denn durch Betrug haben Sie sich in den Besitz des Vermögens gesetzt, von dem Sie leben, und von dem Ihnen kein Pfennig gehört, weil der Mann noch lebt, dessen Tod Sie erdichtet haben. Mit Hilfe meines unglücklichen Bruders, den Sie verführten und ins Elend brachten!" Die Hände waren ihm herabgesunken, als lähmte ihn das Gewicht der Anklagen, die auf sein Haupt niederfielen. Bei der Erwähnung ihres Bruders aber belebten seine erstarrten Züge sich wieder und erfüllten sich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Bosheit und Haß. „Der Hund! Er also hat geschwatzt! Hätte ich ihn hier vor mir!" Es war etwas so Mörderisches in seinem Blick, daß sie unwillkürlich zurückwich. Aber in ihrer muthigen Rede ließ sie sich nicht beirren und hemmen. „Ein Mord fehlt freilich noch in der Liste Ihrer Verbrechen. Dazu waren Sie doch wohl zu klug, wenn Sie auch sonst ein dummer Schurke gewesen sind. Wie alle Schurken, denn sie berechnen die anderen Menschen nach sich und lassen bei ihren Exempeln immer die Treue und Wahrhaftigkeit aus der Rechnung. Hätten Sie sonst jemals glauben können, daß ich nach wenigen, kurzen Wochen dem Manne untreu werden könnte, dem meine Seele und mein Leben gehört? Hätten Sie sonst —" „Was soll das Alles? Warum sagen Sie mir das?" Er hatte sich von seinem Schrecken erholt, und seine ohnmächtige Wuth wandte sich nun gegen sie. „Weil es mich ersticken würde, wenn ich es noch länger auf der Seele behielte. Aber auch nicht ohne Zweck, ohne äußeren Zweck. Sie haben gehört, was ich von Ihnen weiß, und ich brauchte nur zum Gerichte zu gehen, um Sie noch heute zum Gefangenen zu machen. Wenn ich es unterlasse — vorläufig nur, merken Sie sich das — dann geschieht es aus Rücksicht auf Georg, nicht auf Sie selbst. Aber ich stelle meine Bedingungen. Sie verlassen nach Verlauf von acht Tagen diese Stadt, um niemals hierher zurückzukommen. Sie —" Ein höhnisches, heißeres Lachen unterbrach sie, aber sie achtete nicht darauf und fuhr fort: „Sie ersetzen der Ver- 115 Zimmer. (Fortsetzung folgt.) werde es halten." Er vermochte nicht mehr zu reden, die Wuth erstickte ihn, mit geballten Fäusten und zuckenden Lippen stand er lautlos vor ihr, so furchtbar in seinem schweigendem Haß, daß sie fühlte, wie Kraft und Muth sie verließen. „Soll ich um Hilfe rufen?" „So viel Stärke hatte sie noch, um es laut und spöttisch zu sagen, im selben Augenblicks aber hob er die Hände, packte ihre Schultern und preßte sie zusammen mit der Gewalt eines Raubthiers. „Soll ich Ihnen helfen?" Er zuckte zusammen bei dem Ton dieser Stimme, die Plötzlich hart und kraftvoll hinter | ihm erklungen war. Wie zu einem freundlichen, hilfreichen Geist aber blickte Frau Henninger zu der dunklen Gestalt von Fräulein Tietjens hinüben, die so plötzlich, die Portiere lautlos zurückschlagend, ihr gegenüber stand. „Soll ich Ihnen helfen?" wiederholte sie ihre Frage noch einmal. „Ich habe die Mittel dazu und thue es gern. „Schweigen Sie," sagte der Doctor leise, „es ist genug." Er hatte sein Taschentuch hervorgezogen und wischte den Schweiß von der Stirn, der in dicken Tropfen darauf stand. Aeußerlich hatte er seine Ruhe und Haltung jetzt wiedergefunden, und zu seinem Hm greifend, sagte er zu Frau Henninger: „Was wir vorhin besprochen haben, bedarf der Ueberlegung. Wollen Sie mir drei Tage dafür gewähren. Ich verspreche am Abend des dritten Tages Ihnen pünktlich meine Entscheidung mitzutheilen." Sie zauderte einen Augenblick, dann sagte sie: „Ich verstehe den Zweck nicht ganz, aber ich bin bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Am dritten Tage also, nicht wahr? „Am dritten Tage." Mit einer Verbeugung gegen die Damen, die nicht erwidert wurde, verließ der Doctor das sicherungsgesellschaft, die Sie betrogen haben, bei Heller und I Pfennig das geraubte Geld. Was mein Bruder davon er- I halten hat, werde ich Ihnen geben, ich will nicht, daß er von Ihrer Güte, wie Sie es vielleicht nennen würden, gelebt hat. Sie versprechen ferner —" „Weiberideen und Weibergewäsch! Damit bin ich noch I immer fertig geworden. Sparen Sie sich Ihre weiteren Wortes ich thue nichts von dem, was Sie verlangen." „Sie weigern sich?" „Und ich werde mich weigern, solange ich Athem habe zu sprechen." „Sie wollen meine Forderungen nicht erfüllen — gut. Vielleicht hat ein Anderer mehr Gewalt über Sie, als ich. Es ist ein sonderbarer Zufall: Sie haben heute mit diesem Blatte Papier ein Wendung in mein künftiges Leben gebracht, auch ich habe ein Blatt Papier in Händen, das vielleicht eine ähnliche Wirkung auf Sie ausübt." Sie ging zu ihrem Schreibtisch und nahm aus einer verschlossenen Mappe, die dort lag, und die sie öffnete, das Papier, das Busenius ihr gegeben hatte. Langsam reichte sie es Doctor Jaksch, er aber hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er einen Schreckenslaut ausstieß und, die Hände ausstreckend, davor zurückwich bis zu der Wand des Zimmers. „Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!" stammelte er. Dann aber, als sie die Schrift ihm noch immer ruhig entgegenhielt, griff er nach seinem Hals, als müsse er ersticken. „Wer hat es Ihnen gegeben?" flüsterte er. „Das werden Sie niemals erfahren." „Ich aber will es wissen, hören Sie wohl, ich will! Wer hat Ihnen dies Blatt gegeben?" „Sie erfahren es nicht, ich habe es Ihnen gesagt." „Ueberlegen Sie es wohl!" Er war dicht vor sie hingetreten, bebend vor Angst und Zorn, mit weißem, verzerrtem Gesicht. „Ich ermorde Sie, wenn Sie es mir nicht sagen!" „Ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen, und ich qeljett. , r. „ Kaum hatte er sich entfernt, als der junge Mann sich zu seiner Nachbarin herüberbeugte und hastig fragte: „Ist er fort?" Der Ausdruck seines Gesichts war ein völlig veränderter, er drückte Angst und Hast aus. Als Fran Lemke seine Frage bejahte, fing er in heftiger Sprechweise und nnt lebhaften Geberden an zu reden. „Er gönnt mir nichts," sagte er von seinem Schwiegervater. „Er hält mich gefangen und tfirannifirt mich wie Alle. Das mußt Du so machen, das mußt Du so machen, — heißt es den ganzen Tag, als wenn ich ein unvernünftiges Kind wäre. Ich bin kein Kind. Ich weiß recht gut, was i ich will. Anstatt daß sie mir ihren Arm leihen, wollen sie meine Seele bedrücken, mich unterdrücken. Und wenn ich dann heftig werde und es ihnen gerade heraus in's Gesicht sage, dann sagen sie, ich sei krank und man müsse auf mich Rücksicht nehmen. Das empört mich am meisten. Was fehlt mir denn? Ich kann nicht sehen, das ist Alles. Aber weil ich sie brauche, darum denken sie, Alles mit mir machen zu können. Meine Frau — wie hab' ich sie geliebt! — sie will nichts mehr von mir wissen. Sie geht nicht mit mir aus, weil ich zu launisch wäre, wie sie sagt. Sie liest mir auch nichts vor. Ich habe sie manchmal gebeten. Sre fit I immer nicht aufgelegt dazu. Sie thut ihre Pflicht, o gewr^ I sie füttert mich wie ein Kind, — aber — liebe Fran, :ch fürchte mich, es zu sagen, was ich so lange schon denke — sie liebt mich nicht mehr. Sie liebt Mich nicht mehr ! Ist das nicht furchtbar? Und nicht sehen zu können, — nicht zu wissen — wenn sie nun vielleicht einen Anderen — mit mir können sie ja Alles machen, Alles!" Die alte Frau legte dem Blinden beschwichtigend die Hand auf den Arm; der Schwiegervater war wieder an den Tisch getreten. Er hatte die letzten Worte gehört, machte der alten Frau abwehrende Zeichen und schüttelte mit dem Herr Boje," begann die Alte nun, „haben Sie Lust, noch eine kleine, recht scherzhafte Geschichte mit anzuhören?" „Tausend für eine!" „Ich will mich kurz fassen. An ein paar Worte von Fhnen will ich anknüpfen. Sie fragten: Was fehlt mir denn? Ich will es Ihnen sagen. Mir scheint, Sie verlangen unmögliche Dinge vom Leben. Aber ich will Ihnen keine Predigt halten- die Geschichte ist wirklich ganz lustig. Als alte Schachtel haben Sie mich ja nun doch schon wegen meiner 1 dicken Taille erkannt, also können Sie auch mehr wissen. —- I Im letzten Sommer besuchte ich meine Heimath. Da hatte I ich mir auf einer Station auch ein Stelldichein mit einem | alten Verehrer gegeben, der vor fünfzig Jahren ein Reben- Der Blinde. Bon Felix von Stenglin. (Schluß.) Boie faßte ihre Hand. „Dafür haben Sie aber schon recht rauhe Hände." „Ja, ich habe früh anfangen müssen, zu arbeiten, und helfe meiner Mutter in der Wirthschaft." „Ihre Mutter lebt auch noch? Muß das eine steinalte Dame sein!" „Sie sind ungezogen. Ich habe noch gar keine Falten, bin schlank wie eine Tanne und tanze leidenschaftlich." Der Blinde beugte sich zu seiner Nachbarin herüber und umfaßte schnell ihre Taille, so daß sie leise aufschrie. „Ich wollte nur untersuchen," sagte er, „wie sich beim Tanzen Ihre Taille anfaßt." . „Sie finden sie etwas stark, meine Taille? Das kommt, weil ich so vernünftig bin, mich nicht zu schnüren." Die Wangen des Blinden hatten sich geröthet, seine Augen hatten einen übermüthig-heiteren Ausdruck. Jetzt stand der Schwiegervater auf und sagte, er wolle den Kellner suchen, da es wirklich Zeit sei, nach Hause zu - 116 — buhler meines späteren Mannes war. Er hatte mich darum gebeten, um die Erinnerung an alte schöne Zeiten aufzufrischen. So gab ich denn einen halbe» Tag d'ran und wartete in großer Spannung auf der betreffenden Station. Für den großen, statilichen, schönen Mann hatte ich immer ein gewisses Interesse gespürt und freute mich, ihn wiederzusehen. Man erinnert sich ja doch so gern an die Jugend, die schöne Jugend. Aber ich warte und warte, — mein Verehrer kommt nicht, so daß ich schließlich so ein armseliges, altes, kleines Männchen, das durch den Wartesaal humpelt, nach dem Zuge aus Neustadt frage. „Der Zug ist schon da," sagt das Männchen, „ich bin ja damit gekommen- aber können Sie mir nicht sagen, ob der Berliner Zug schon vorüber ist?" — „O schon sehr lange," sag' ich, „ich komme ja aus Berlin und erwarte Jemand aus Neustadt." — „Einen — Herrn?" fragt da der Alte ganz komisch. — „Freilich! Einen großen, stattlichen, älteren Herrn, mit dem ich mich hier verabredet habe." Da macht der Mann große Augen. „Sie sind doch nicht Frau Lemke aus Berlin?" fragt er. „Das ist ja gar nicht möglich." — „Allerdings bin ich das!" hab' ich geantwortet und bin aufgestanden. „Hat Sie vielleicht der Forstrath Nebbelmeyer geschickt? Das thut mir aber leid, daß er nicht selber kommen kann." — „Nicht selber?!" sprudelt's nun aus dem Alten heraus. „Ich bin's ja! Ich bin ja der Forstrath Nebbelmeyer!" — Da haben wir uns gegenüber gestanden, uns Beide angeschaut und eine ganze Weile kein Wort hervorgebracht. — „Das ist ja unmöglich!" hab' ich schließlich auch gesagt. „Herr Nebbelmeyer war doch ein so stattlicher, flotter Herr —" — Na, da hab' ich's aber bekommen! — „Ja, was glauben Sie denn?" hat er gesagt. „Ich finde auch nicht eine Spur mehr von früher in Ihnen. Wo sind Ihre schönen feurigen Augen geblieben, —* diese wunderbaren Augen, — wo sind sie? Und Ihr üppiges, blondes Haar, die ätherische Gestalt, — nein, Sie tauschen mich! Sie können nicht Frau Lemke sein!" — „Und Sie können nicht der stattliche junge Nebbelmeyer sein!" ist es mir herausgefahren. Da hat er sich einen Augenblick besonnen, hat fein gelächelt und dann gesagt: „Der Junge nun gerade nicht mehr, ich bin neunundsiebzig —" — „Und ich siebenundsechzig," hab' ich geantwortet. Da ist es uns klar geworden, was so ein halbes Jahrhundert bedeutet und daß es thöricht war, uns so falsche Vorstellungen zu machen und so falsche Erwartungen zu hegen. Das Leben ist halt unerbittlich und wir dürfen nicht mehr vom Leben verlangen, als es bieten kann. . . . Und nun muß ich nach Haus, es wird kalt und ich bin eine alte Frau." Damit erhob sich Frau Lemke und auch die Männer standen auf. Der Blinde war nachdenklich, als er, den Arm in den seines Schwiegervaters gestützt, neben der alten Frau dahinschritt. Aber wenn auch nachdenklich, so sah er doch nicht unglücklich aus. Auf der Straße trennten sie sich. „Der Himmel ist klar," sagte die alte Frau, „Millionen und aber Millionen Sterne scheinen herab. Das bedeutet gut Wetter." „Auf gut Wetter!" meinte lachend der Blinde und drückte die Hand seiner Freundin. Die beiden Männer kamen nach Hause. Die junge Frau trat ihnen entgegen. „Hat es sehr lange gedauert, Liebste?" fragte der Blinde. Wie gut, daß er ihr ernstes, zurückhaltendes Gesicht nicht sehen konnte. So fuhr er fort: „Du mußt schon entschuldigen, wir haben eine Bekanntschaft gemacht, eine Dame- aber Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein, sie ist schon siebenundsechzig Jahre alt." Erstaunt sah die junge Frau auf ihren Mann. War es doch lange, lange her, .daß er so heiter gesprochen hatte. Eigenthümlich zog es durch die Seele der Vielgeplagten. — Die jungen Gatten waren allein. Nach längerem Schweigen begann der Blinde: „Was ich sagen wollte, — ich bestehe nicht darauf, hinauszuziehen in die Villa, wo es so einsam für Euch wäre, die Ihr an das Leben der Stadt gewöhnt seid und Eure Freunde hier habt. Ich will mich wieder täglich meinem Geschäft widmen, mir über Alles Vortrag halten lassen und die nöthigen Bestimmungen selbst treffen. Dann hab' ich weniger Gelegenheit, an mein Unglück zu denken. Ich glaube, das wird ganz gut sein. ... Wo liegt unser Kleiner? Schläft er ruhig? Für ihn wollen wir leben, wir haben ihn ja Beide so lieb, nicht wahr? Und für ihn wollen wir arbeiten . . ." Der Blinde hatte die Hand seiner jungen Frau fest umfaßt, sie lehnte sich an ihn und — weinte. „Siehst Du die Sterne?" fragte er. „Gewiß, Lieber!" „Erzähle mir davon!" Und sie erzählte und Beide schwatzten und liebkosten sich, bis die Müdigkeit sie endlich überfiel. Doch als die junge Frau in ihrem Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Sie setzte sich aufrecht hin, lauschte auf die ruhigen Athemzüge ihres Mannes und ihres Kindes und träumte mit offenen Augen vor sich hin von kommenden besseren Tagen. — Literarisches. Deutsche Lttteraturgeschicht«. Von Dr. Paul Möbius. Siebente, verbesserte Auflage von Dr. Gotthold Klee, Professor am Gymnasium zu Bautzen. In Original-Leinenband zwei Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Dieser Band der Weber'schen Katechismen ist in Idee und Ausführung ein kleines Meisterwerk. Grundgedanke des ganzen Werkes ist: Das Studium der deutschen Dichtung ist eins der vorzüglichsten nationalen Bildungsmittel; warum es das ist und sein muß, legt ebenso eingehend als überzeugend ein vorzüglich geschriebener einleitender Abschnitt dar. In klarer, lichtvoller Anordnung folgt die historische Darstellung, unterstützt und farbiger gestaltet durch biographische Details, bibliographische Nachweise und Angabe der besten Ausgaben, alles knapp, gedrungen und doch ausreichend. Man sehe darauf die das Nibelungenlied, die höfische Epik, die Dichterschulen des 17. Jahrhunderts , die Litteraturheroen Weimars betreffenden Paragraphen an. Liebevolles Eingehen erfahren die Dialectdichter und die häufig so stiefmütterlich bedachten Humoristen. Das ff«lbSftL«dig< Erlernen fremder Eprachen wird wesentttch gefördert durch drei bei Rosenbaum und Hart in Berlin erscheinende Zeitschriften „Le Repfititeur“, The Repeater“ und „J1 ripetitore“. Die Methode derselben ist insbesondere geeignet, den Lesern in leichter Weise die Kenntniß der französischen, englischen resp. italienischen Sprache zu erschließen. Jedes fremde Wort hat unter sich das entspechende deutsche, sodaß das Unbekannte sofort auffällt und bei Wiederholung in Erinnerung gebracht wird, wodurch der Wortschatz sich vermehrt. Dieses ebenso einfache wie practische System wird glücklich unterstützt durch den fesselnden Inhalt dieser Blätter, der stets unterhaltend, anregend und belehrend ist. 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Mit diesem Bande ist der ursprüngliche Plan ausgeführt, inzwischen hat aber Georg Ebers noch eine Reihe neuer Werke geschaffen, und die Bezeichnung „Gesammtausgabe" wäre nicht zutreffend, wenn nicht auch diese hinzugefügt würden. Hierzu nun hat sich der Verlag auf Ersuchen zahlreicher Abonnenten ent- chlossen, und in weiteren 30 Lieferungen werden nunmehr die neuesten Schöpfungen des Dichters dargeboten. An den Roman „Kleop atra", der sich den berühmten ägyptischen Culturbildern anschließt, reihen sich die drei fesselnden Romane aus der deutschen Vergangenheit: „Im Schmiedefeuer", „Im blauen Hecht", und „Barbara Blomberg", letzteres. Werk ist erst zum vorigen Weihnachten erschienen, und hierzu gesellt sich noch das schalkhafte Märchen „Die Unersetzlichen", das ernste Wahrheit mit launigem Humor verbindet. In Ausstattung, Umfang und Erscheinungsweise entspricht diese Fortsetzung durchaus den früheren Lieferungen. Bei diesem Anlaß sei darauf hingewiesen, daß Georg Ebers gesammelte Werke auch jetzt noch in 135 Lieferungen » 60 Pfennig nach und nach durch jede Buchhandlung bezogen werden können. Redactiop; S. Scheyda. — Druck und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen. Dc Frau beinahe gel faltete sie i immer fest ein einzige ftorbenen 5 ihre Adern „Das Tietjens, i hat mir z bringen koi so recht, re gekommen, Ihnen eine „Sie Ich danke sam, mit i ab und gin Frau von der si sich auf bei aus, warf Weinen zue es lesen, f ja vor dir, mehr lange Frau Georg zu t keit, in ku geben. Ai kurz und zi