Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Im nächsten Augenblick hörte ich ihn die Treppe hinabgehen. Ich sank neben dem leeren Korb nieder, verbarg mein Gesicht in der Schürze und ließ meinen Thränen freien Lauf. Ich sollte eine Schule besuchen — Lehrerin werden! Der Ehrgeiz erwachte in mir. Das Leben zeigte sich mir von seiner heiteren Seile Ach, diese Aussicht war zu schön, um daran zu glauben! Tage vergingen. Er sprach nicht wieder mit mir, er war nur selten im Gasthof und kam blos, um zu essen und zu schlafen- allein er lieh mir Bücher, und Mercy Poole fing an, mich mehr als Gast denn als Dienerin zu behandeln. Es war klar, daß er ihr seine Pläne in Bezug auf mich mitgetheilt hatte. Mittlerweile herrschten Glück und Freude in Greylock Woods. Wie erfuhren im Gasthof Alles, was dort vorging. Mit unaussprechlicher Theilnahme vernahm ich, daß Miß Greylock ihre Gesundheit und ihren englischen Freier wiedererlangt hatte und daß sie Sir Gervase heirathen und mit ihm nach der alten Welt ziehen sollte. „Golt sei Dank!" dachte ich, als ich Nachts in meinem Bette lag und den Sturmwind um den Gasthof heulen hörte. „Ihr Glück ist jetzt gesichert. Sie ist zwar die unschuldige Theilhaberin an einem großen Betrug, aber ist sie erst die Gattin des Baronets, so kann ihr kein Leid mehr widerfahren, denn er liebt sie und wird sie ihr ganzes Leben hindurch schützen und schirmen. Obwohl ich sie vielleicht nie Him-ta- de« 10. August ±J » MbM jürtfl OTT erbrich des Kleinmuths träge Fesseln! 4 Um Ziel und Preis mußt Du Dich müh'n! Es träumt sich Mancher fest in Nesseln, Jndeß ringsum die Rosen blüh'n. Anna Nitschke. Ist Dir auch die Kindheit ferne, Halt' die Stirne faltenrein, Und von Lerch' und Blumen lerne Du die Kunst, beglückt zu sein! E. Rittershaus. wieder sehen darf, wird es doch meine höchste Freude sein, zu erfahren, ob sie mit dem Manne ihrer Wahl glücklich lebt." Eines Morgens erschien meine Schwester — nein! so darf ich sie nicht nennen — erschien die Erbin von Greylock Woods mit Sir Gervase in einem prächtigen Schlitten vor dem Gasthof. Die Beiden stiegen aus, betraten das Haus und fragten nach mir. Ich eilte nach dem Empfangszimmer. Da stand Miß Greylock, in Sammet und kostbare Pelze gekleidet, und sah so schön und lieblich aus, daß ich unwillkürlich auf der Schwelle stehen blieb und sie mit stummer Bewunderung betrachtete. Kaum hatte sie mich erblickt, als sie auf mich zueilte, mich umarmte und mich auf beide Wangen küßte. Dann ergriff sie mich bei der Hand und führte mich mit Thränen in den Augen zu dem Baronet. „Gervase!" sagte sie, „das ist das gute, brave Mädchen, das sein eigenes Leben auf's Spiel setzte, um mir das meinige zu retten." Daß er nicht nur ein Edelmann, sondern in der vollsten Bedeutung des Wortes ein edler Mann war, ersah ich auf den ersten Blick. Er ergriff meine beiden Hände, drückte sie freundlich und dankte mir mit einem einfachen Ernste, der mir zu Herzen ging. „Meine liebe Polly," sagte Ethel Greylock, „ich komme, um Sie dringend zu bitten, meiner Trauung beizuwohnen. Blicken Sie nicht so erstaunt drein! Mein Glück würde nicht vollkommen sein, wenn Sie bei der Ceremonie nicht zugegen wären. Sir Gervase weiß, wie positiv meine Wünsche in diesem Punkte sind." Der Baronet erklärte mit ruhigem Lächeln: „Ich weiß es und bin überzeugt, daß Deine edle Freundin, der Du nur allein Deine Rettung verdankst, Dir diese Bitte uicht abschlagen wird. Ihre Gegenwart bei unserer Trauung wird mich nicht minder freuen als Dich." Miß Greylock legte mir nun schmeichelnd die Hand auf die Schulter und bat: „Nicht wahr, Polly, Sie kommen nach der Kirche, um meiner Trauung beizuwohnen? Bedenken Sie nur, wie ernstlich ich es wünsche, da ich den Baronet mitbringe, um meine Bitte zu unterstützen! Ich kann Ihnen versichern," fügte sie lachend hinzu, „daß ich keine meiner anderen Freunde auf diese Weise auszeichnete." Wie sie so in ihrer Schönheit und ihrem Glücke dastand, brannte ich vor Verlangen, sie in meine Arme zu schließen und an mein Herz zu drücken, wie in den Tagen, da wir Beide kleine Straßenvagabunden waren. Sie war meine 366 Schwester, ich liebte sie zärtlich, und dennoch sollte sie es niemals, niemals erfahren, das Geheimniß sollte in meiner Brust verschlossen bleiben und mit mir sterben. „Ich werde in der Kirche erscheinen, um Ihrer Trauung beizuwohnen," stammelte ich. „Ich danke Ihnen,- ich wünsche Ihnen und Sir Gervase viel Glück und Freude!" Nach einigen weiteren Bemerkungen verließen sie den Gasthof. Bald nachdem sie fortgefahren, kam eine Kiste mit meiner Adresse von Grehlock Woods an. Ich öffnete dieselbe und fand ein Kleid von glänzendem Seidenzeug, einen eleganten Mantel, einen Pariser Hut, feine Spitzen, Handschuhe, Bänder, sowie ein liebevolles Billet von Miß Grehlock, in welchem sie mich bat, diese Geschenke von mir anzunehmen und dieselben bei ihrer Trauung zu tragen. Mercy Poole zuckte die Achseln, Doctor Vandine aber beobachtete völliges Schweigen. Ach, ich wußte nur zu wohl, daß es außer mir noch Jemanden gab, der die Abreise der schönen Braut tief betrauern würde! An einem bitterkalten Wend wurde der Doctor zu einem kranken Fischer in der Nachbarschaft von Blackport gerufen, nach einem einsamen Orte weithin unter gefrorenen Bächen und Salzwiesen. Vandine war den ganzen Tag im Sattel gewesen und hatte sich eben erst zu Tische gesetzt, um sein Abendbrod einzunehmen, als der Bote kam. „Hm!" sagte der Arzt, indem er sich von der noch mv berührten Mahlzeit erhob und seinen Ueberzieher anzog - „es ist augenscheinlich ein dringender Fall. Ich muß auf der Stelle fort. Heben Sie die das Essen in einer warmen Ecke für mich auf, Miß Poole! Ich werde in einer Stunde zurück sein." Mit diesen Worten eilte er in die eisige Nacht hinaus. Eine Stunde verging und der Doctor kehrte nicht zurück. Zwei, drei Stunden verstrichen, und noch immer ließ er sich nicht sehen. Mercy Poole legte die Katzen in ihre Körbe und schickte sich dann an, zu Bette zu gehen. „Ohne Zweifel fand der Doctor den Mann so krank, daß er beschloß, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben," waren ihre letzen Worte. „Riegeln Sie die Thür zu, Polly, und gehen Sie auch zu Bette!" Wenn ich an die gefrorene Fensterscheibe hauchte, so konnte ich sehen, daß der Schnee draußen in wilden Wirbeln umherflog. Der Wind heulte und stöhnte um den alten Gasthof, das Schild über der Hausthür ächzte in seinen Angeln. Mit schaurigem Dröhnen schlugen die Wogen an den Strand. Es war eine schreckliche Nacht, und wie ich so in den Sturm und die Dunkelheit hinausblickte, konnte ich Mercy Pooles Erklärung von dem langen Ausbleiben des Doctors keinen Glauben schenken. Schlimme Ahnungen quälten mich. Ich strengte meine Augen auf das Aeußerste an, vermochte aber keine Spur von ihm zu entdecken. Die Straßen von Blackport waren öde und verlassen- die Lichter in den Häusern waren erloschen. Es war beinahe Mitternacht, Wind und Schnee waren die alleinigen Herren der Stadt. Ich hüllte mich in meine wärmsten Kleider und zündete eine Laterne an. Im Gasthof lag bereits Alles in tiefstem Schlummer. Geräuschlos verließ ich das Haus und machte mich aus den Weg, Doctor Vandine aufzusuchen. Der schneidende Wind durchkältete mich bis aufs Mark - der Schnee wirbelte in blendenden Wolken durch die Luft. Da ich noch sehr schwach war, so vermochte ich Anfangs nur langsam vorwärts zu kommen- der Sturm benahm mir den Athem und trieb mich wie eine Wetterfahne hin und her. Mein Entschluß wankte indessen nicht- ich drückte meine Laterne fest an den Leib und eilte weiter, so schnell ich es vermochte. Bald hatte ich die Stadt hinter mir und lief auf der Landstraße weiter. In der Nähe vernahm ich den dumpfen Wellenschlag des Meeres. Rings um mich her lagen die öden, gefrorenen Salzwiesen; meine Ohren vernahmen keinen anderen Laut als das Toben des Sturmes, kein Lichtstrahl als der meiner kleinen Laterne drang durch das Dunkel der Nacht. Plötzlich hielt ich in meinem Laufe inne. Was mußte er von mir denken? Welches Recht hatte ich, ihn aufsuchen zu gehen, blos weil er nicht zur festgesetzten Zeit in den Gasthof zurückgekehrt war? War es nicht unziemlich, unmädchenhaft gehandelt? Ich war im Zweifel, ob ich weiter gehen oder meine Schritte zurücklenken sollte, als ich lauten Hufschlag vernahm, und im nächsten Augenblick galoppirte ein Pferd an mir vorüber und verschwand bald auf dem nach der Stadt führenden Wege. Mein Herz pochte gewaltig. Das Licht meiner Laterne war voll auf das Thier gefallen, und ich hatte im demselben Doctor Vandines Pferd erkannt. Es war jedoch ohne Reiter. Die Angst verlieh mir neue Kräfte. Gleich einem flüchtigen Reh eilte ich vorwärts und erhob meine Stimme so laut ich vermochte. „Doctor Vandine!" rief ich aus- „ich bin hier — Polly! Hören Sie mich?! Antworten Sie doch! Wo sind Sie?!" Es blieb indessen Alles um mich her still. Ich schritt über eine Brücke, die über einen Bach sührte- und auf der anderen Seite, an einer schwarzen Biegung des Weges, fand ich ihn im Schnee liegen. Die dichten Schneeflocken fielen auf ihn, und sein bleiches Gesicht startte zum mitternächtlichen Himmel empor. Ich stellte meine Laterne auf den Boden und kniete neben ihm nieder. Er lag wie tobt da. Ich rief ihn beim Namen, allein er antwortete nicht. Zum Glück fand ich eine kleine Flasche mit Branntwein in der Tasche seines Ueberziehers. Ich legte seinen Kopf auf meinen Schooß und goß ihm einige Tropfen von dem feurigen Getränk in den Mund, dann zog ich ihm die Handschuhe von seinen eisigen Händen und rieb dieselben in meinen eigenen. Endlich schlug er verwirrt die Augen auf und blickte mir in's Gesicht. „Großer Gott!" stöhnte er. „Bist Du es, Polly?" „Ja," antwortete ich- „kann ich Ihnen zum Ausstehen behülflich sein?" Er machte einen Versuch, sich von der Erde zu erheben, fiel aber hülflos wieder zurück. „Mein Pferd strauchelte und fiel mit mir — fiel auf mich," sagte er mit schwacher Stimme. „Ich glaubte schon, daß ich hier erfrieren müßte. Was bringt Dich aber hierher, mein armes Kind?" „Ich fürchtete, daß Ihnen etwas zugestoßen sein möchte," stammelte ich, „weil Sie nicht nach dem Gasthof zurückkamen. So beschloß ich denn, Sie aufzusuchcn." „Gott segne Dich, Polly! Was fangen wir aber jetzt an? Ich kann mich nicht rühren, alle Knochen in meinem Leibe scheinen gebrochen zu sein. Eine Strecke weit von hier — an der Landstraße — wirst Du ein Haus finden —" Die Stimme versagte ihm. Von seinen Schmerzen und der Kälte übermannt, fiel er bewußtlos zurück. Das Haus, von dem er sprach, befand sich eine halbe Meile jenseits der Brücke. Bald stand ich vor demselben, klopfte mit einem Stein an die Thür und ries laut um Hülfe. Zum Glück für den unglücklichen Mann, den ich auf der schneebedeckten Erde gelassen hatte, war Beistand zur Hand. Starke Männer trugen Doctor Vandine nach dem Gasthofe zurück, und die Insassen des Hauses standen auf, um ihm die nöthige Hülfe zu leisten. „Er hat einen doppelten Beinbruch erlitten," sagte Mercy Poole trocken. „Welches Unheil haben wir wohl zunächst zu erwarten, Polly?" Ach, ich hatte keine Ahnung von dem Unglück, das bereits an die Thür klopfte! 28. Capitel. In der Kirche. Der Tag, an dem Ethel Grehlock mit Sir Gervase getraut werden sollte, war endlich herangekommen. Es war ein klarer, kalter Decembermorgen. Kryftallhelle Schnee- 367 und Eisfäden wanden sich wie Guirlanden um die laublosen Aeste der Bäume- Meilen weit hin funkelten die gefrorenen Salzwiesen wie mit Diamanten bestreut - schäumend brachen sich die Wellen des Meeres an dem vereinsamten Strande. In ihrer Kammer in der „Katzen - Herberge" stand Polly, die namenlose Waise, in dem neuen Kleide, das Miß Greylock ihr geschickt hatte. Es war eine schwarzseidene Robe und paßte der schlanken Gestalt des Mädchens wie angegossen. Kragen und Aermel waren reich mit feinen Spitzen besetzt, und ein Bouquet von gelben Maröchal Niel- Rosen prangte vorn am Hals. Lange Handschuhe verhüllten die Schwielen an Pollys fleischlosen Händen, und ihr glänzend schwarzes Haar war in reichen Flechten arrangirt. Sie hatte in ihrem Leben noch nie ein elegantes Kleid besessen, und es ist daher nicht zu verwundern, daß sie sich jetzt mit sprachlosem Erstaunen betrachtete, daß sie ihr eigenes Bild, das der kleine Spiegel zurückwarf, kaum wieder erkannte. Mercy Poole öffnete jetzt die Thür und trat herein. Einen Augenblick betrachtete sie das Mädchen schweigend vom Kopf bis zu den Füßen, dann sagte sie trocken: „Kleider machen Leute, Polly. Die Greylocks haben eine Kutsche geschickt, um Sie nach der Kirche bringen zu lassen — das Fuhrwerk wartet vor dem Hause, Doctor Vandine wünscht Sie noch zu sehen, ehe Sie gehen. Er ist diesen Morgen sehr fieberhaft. Die Doctoren zeigen, wie ich sehe, in Krankheiten ebenso wenig Geduld wie andere Leute. Der arme Mensch! Es ist kein Geheimniß, daß er Miß Greylock liebte." Pollys Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an. //Ja," stammelte sie und begab sich nach der Stube hinab, in welcher Doctor Dick mit seinem gebrochenen Bein sich unruhig auf seinem Schmerzenslager wälzte. Waren es die physischen Schmerzen, oder war es der Gedanke, daß Ethel Greylock auf immer für ihn verloren war, was ihn so unruhig machte? Gott allein war Zeuge des Kampfes, der in diesem Augenblick in ihm vorging. Bei Pollys Anblick leuchteten indessen die Augen des Kranken hell auf. „Wunder aller Wunder!" rief er. „Welche Verwandlung ist das. Das ist ja eine neue Auflage des Märchens vom Aschenbrödel! Meiner Treu', Polly, so hübsch habe ich Dich noch nie gesehen! Ich vermag kaum meinen Augen zu trauen." Polly war noch nie zuvor bewundert worden- eine tiefe Verlegenheit bemächtigte sich ihrer plötzlich. „Wie finden Sie das Kleid?" stammelte sie, indeni sie die glänzenden Falten mit ihren behandschuhten Fingern glättete. Vandine betrachtete sie aufmerksam- sie erschien ihm wie eine neue Offenbarung. Zum ersten Mal sah er, daß ihre Augen einen prächtigen Schnitt hatten, daß sie den Teint einer Spanierin besaß, und daß eine Fürstin sie um ihre Haare hätte beneiden können. „Das Kleid?" wiederholte er. „Gewiß, es ist hübsch. Du kommst mir so verändert vor, daß ich Dich gar nicht mehr kenne, Polly. Aber bin ich denn die ganze Zeit blind gewesen? Du wirst also Miß Greylocks Trauung beiwohnen? Ach!" seufzte er, „wie mein elendes Bein mich heute schmerzt! Nun, geh' mein Kind, und weide Deine Augen an all' der Pracht und Herrlichkeit — fügte er stöhnend hinzu, „überbringe der Braut meine Gratulation und sage ihr, daß ich ihr alles Glück auf Erden wünsche. Sir Gervase ist ein prächtiger Mensch, cs steckt keine Spur von aristokratischem Hochmuth in ihm. Ja, bei Gott, er ist ebenso ihrer würdig, wie sie seiner würdig ist!" Polly setzte nun ihren neuen Pariser Hut auf nnd warf den schönen Caschmirmantel über ihre Schultern, -worauf sie dem Doctor guten Morgen wünschte- wenige Augenblicke darauf hatte sie ihren Platz in der Kutsche eingenommen. Sie kam sich in der That selbst vor wie Aschenbrödel auf dem Wege zum Ball. Die Kirche, ein altes graues Gebäude, befand sich nur wenige hundert Schritte von der Hauptstraße von Blackport entfernt. Ungewöhnliches Leben und Gedränge herrschten an diesem Morgen in dem sonst so stillen Gotteshause. Eine ganze Reihe prächtiger Equipagen waren bereits vorgefahren. Reiche Teppiche lagen vor dem Portal der Kirche. Das Innere des heiligen Gebäudes war auf das Luxuriöseste mit Blumen geschmückt. Große Guirlanden wandten sich um die Säulen und um die Kanzel- riesige Bouquets von Orchideen, Myrthen, Orangenblüthen, Jasmin, Wachskamelien, duftenden Tuberosen und Königslilien schmückten den Altar und füllten den Taufstein. Ganze Schaaren elegant gekleideter Damen und Herren, eingeladene Gäste, hatten bereits die vorderen Sitze eingenommen. Die strahlenden Toiletten, die kostbaren Fächer, das Blitzen der Juwelen, das Hin- und Herhuschen der Kirchendiener mit Hochzeitsbändern in den Knopflöchern, alle diese Dinge erschreckten und verwirrten Polly. Sie wählte sich einen Sitz in der Nähe des Einganges aus, wo sie Alles sehen konnte, ohne gesehen zu werden- inmitten einer solchen Versammlung kam die namenlose Waise sich wie ein gemeines Unkraut unter kostbaren Treibhauspflanzen vor. Endlich schlug die zu der feierlichen Ceremonie festgesetzte Stunde. Der Geistliche stand in seinem weißen Ornat bereits vor dem Altäre. Sir Gervase nnd sein Trauzeuge waren an ihrem Platze- allein die Braut und ihre Angehörigen waren noch nicht erschienen. Alle Gesichter waren der Thür zugewandt, alle Ohren gespitzt, um die Ankunft der Braut zu vernehmen. Polly neigte das Haupt und flüsterte ein leises Gebet für das künftige Glück der Braut, die sie nur vor Gott ihre Schwester zu nennen wagte. Plötzlich setzte sich Jemand neben ihr nieder. Als Polly die Augen wieder aufschlug, erblickte sie die dicke Gestalt und das dunkle, pockennarbige Gesicht Hannah Johnsons. Sie fuhr betroffen zurück. Welcher Zufall hatte diese ihr in tiefster Seele verhaßte Kreatur in ihre unmittelbare Nähe gebracht? Die Beiden blickten einander einen Augenblick scharf an- doch schon im nächsten Moment wandten sich die Blicke aller Anwesenden der Thür zu. Die Braut und ihre Angehörigen betraten das Gotteshaus und schritten langsam und feierlich dem Altar zu. Heiße Thränen rollten über Pollys Wangen nieder. Da war Miß Pamela in grünem Atlaskleid und einem Hut mit grauen Straußenfedern. Da war Godfrey Greylock, stolz, triumphirend und mit minder strengem Gesichtsausdruck als gewöhnlich. Da hinkte Iris Greylock in einem Kleid von schwerem Sammet, mit Spitzen und Diamanten geschmückt, auffallend gepudert, herbei — jenes Weib, das für Polly der Inbegriff aller Falschheit und Gewissenlosigkeit war. Da waren die hübschen, lächelnden Brautjungfern in rahmfarbenen Kleidern und da war, alle Anderen an Schönheit überstrahlend, Ethel Greylock in einem prächtigen Brautkleid von einer Wolke venetianischer Spitzen eingehüllt, mit Diamantsternen, die ihren durchsichtigen Schleier an ihr Haar befestigten, und Orangenblüthen, die ihren Busen schmückten — fast überirdisch in ihrer Schönheit und der Pracht ihrer goldenen Locken, die ihr Haupt umwallten — sie, die Schwester Pollys, die als kleines Kind mit dieser in der Harmony-Alleh gelebt und gelitten und deren Verlust das ältere Mädchen lange, lange Jahre hindurch tief betrauert hatte. Ach! Polly wußte nur zu gut, daß die Lebenspfade, die in dem alten Miethshause parallel gelaufen waren, einander nach diesem Tage nie wieder begegnen würden. Sie erblickte ihren Liebling zum letzten Mal. Nan ging neuem Glücke, neuer Herrlichkeit in der alten Welt drüben entgegen, während Polly fest entschlossen war, das Geheimniß ihrer Schwester treu zu bewahren, Vandines edelmüthiges Anerbieten anzunehmen, eine Schule zu besuchen und ihr Bestes zu thun, um irgend einen bescheidenen Platz im Leben würdig zu füllen. Sie standen jetzt vor dem Altar und hatten ihre Plätze vor dem Geistlichen im weißen Ornat eingenommen. Durch 368 das gemalte Chorfenster fielen die Strahlen der Morgensonne wie ein sichtbares Zeichen himmlischen Segens auf das Brautpaar. Jetzt begann der Geistliche mit feierlicher Stimme: „Wir sind hier vor dem Angesicht Gottes und vor dem Angesicht dieser Zeugen versammelt, um diesen Mann und dieses Weib in heiliger Ehe zu vereinigen. Wenn irgend Jemand eine Ursache weiß, warum diese Zwei nicht ehelich zusammen kommen töiinen. so spreche er jetzt oder enthalte sich nachher jeglicher Einrede!" (Fortsetzung folgt). Liebe. Von Anna Seyffert. (Schluß.) Heinrich ist aufgesprungen — als sei ein Blitz vor ihm nicdergefahren, so fassungslos starrt er die liebliche Gestalt vor sich an. „Irmgard" — weich und zagend, erschreckt und beruhigend zugleich, stiehlt sich ihr Name über seine Lippen, so wie ihn nur ein Mann ausspricht, der im Moment nicht weiß, was er mit einem geliebten Wesen beginnen soll. Vergeblich ringt er nach Worten. Da legt sich Irmgards kleine Hand in die seinige. „Sage mir — zum Trost — daß Du mich — ein ganz klein wenig lieb hast —" „Irmgard — wie soll ich das verstehen — ich muß Dir ja Schmerz bereiten, Du armes Kind!" Ihr leises Weinen hatte etwas Erschütterndes und wieder klingt es zagend und doch bittend zu ihm herauf: „Hast Du — mich — lieb — ?" Langsam gewinnt er die Fassung zurück. Die freie Hand, an welcher der schlichte Goldreif funkelt, der ihn an die Braut fesselt, streicht schmeichelnd über Irmgards duftiges Blondhaar. „Irmgard, ich habe Dich sehr lieb, doch versuche, mich jetzt ruhig anzuhören." Sie läßt die Hände sinken. Ihr thränenüberströmtes Gesicht neigt sich tiefer. „Ich weiß, was Du sagen willst," flüstert sie tonlos, „Hanna steht zwischen uns — ich bin ja auch bereit, zu entsagen —" „Irmgard!" Gewaltsam rafft er sich auf. „Es wäre feige von mir, wollte ich in dieser Stunde Rücklicht aus Deine oder meine Empfindungen nehmen, Dich zu täuschen suchen! Ich liebe Dich wie meine Schwester, ebenso wie Hanna Dir in unbegrenzter Zärtlichkeit zugethan ist! Das aber, was mich seit fast einem Jahrzehnt mit Hanna verbindet, kann niemals in's Wanken gerathen! Mein Herz gehört mit jeder Faser meiner Braut!" „Wie Du mich demüthigst," haucht sie mit zuckendem Munde. „Nimm es nicht so auf," bittet er weich, „denn sieh', was Du für Liebe hältst, ist nur ein Ueberfließen Deiner reichen Empfindungen, die sich auf eine bestimmte Person con- centriren mußten- bald genug wirst Du Deinen Jrrthum ei-sehen, denn unsere Herzen bindet ja nichts Verwandtes, Du gehörst «och dem Lenz des Lebens an, Dein ganzes Sein umschließt das Werdende, Hanna und ich aber repräsen- tiren den Sommer, da ist Alles fertig, abgeschlossen! Sehr bald würden meine Interessen Dich langweilen oder Dir zum wenigsten unverständlich erschein n. Hanna und mich aber vereinen ungezählte Erinnerungen. So viel trübe und auch frohe Stunden, wie wir sie im Laufe der Zeit miteinander getheilt, knüpfen ein unlösliches Band um zwei Menschen, wenn anders sie nicht oberflächlich und wankelmüthig sind! Dir aber, meine Irmgard, danke ich von ganzem Herzen für das, wodurch Du mich geehrt, und ich bitte Dich ebenso innig: Zürne mir nicht!" „Ich glaube nicht, daß Hanna sich des großen Glückes bewußt ist, das sie in Deiner Liebe und Treue besitzt," entgegnet Irmgard wie aus einem Traum heraus. „Wenn Du bereits gelernt hättest, im menschlichen Antlitz zu lesen, so würdest Du anders sprechen! Nur in dem Frohgefühl eines großen Glückes vermag ein Weib sich zu einer so herrlichen Rose zu entfalten wie meine Hanna!" „Wie hast Du mich beschämt —" „Nur auf den rechten Weg zurückgesührt habe ich Dich, Du kleine Träumerin! — Und nun schicke ich Dir Hanna, in ihrem Herzen magst Du Dein Leid begraben!" Irmgard ist allein. Sie faltet die Hände und richtet den Blick nach oben, von wo ungezählte Sterne gleich freundlichen Augen sie zu grüßen schienen. Sie fühlt es, eine Krisis in ihrem jungen Leben ist überstanden — glücklich überstanden! — Vorher war es, als befände sie sich in einem Bann und jetzt erst ermißt sie die Größe des Unheils, das Hanna getroffen haben würde, wenn Heinrich sich willenlos dem Zauber dieser Stunde hingegcben hätte! Er aber hat schnell und geschickt den Conflict in Irmgards Herzen gelöst — noch brennt die Wunde, aber sic wird heilen, vernarben, das empfindet sie schon jetzt, trotzdem ihr sterbensweh zu Muthe ist und immer noch heiße Thränen den Blick umdunkeln. Und in der That, ein guter Stern hat ihr in dieser Stunde gestrahlt, denn das Leid, das sie schuf, war nur scheinbar vorhanden, die Erkenntniß aber, die sie zeitigre, wird Irmgard für alle Zeit beschützen vor den bösen Geistern des Zweifels und des Argwohns. Die Liebe hat sich ihr in ihrer ganzen Größe und Reinheit offenbart und deshalb wird Irmgard auch an die Liebe und Treue des Mannes glauben, dem ihr Herz sich einst zu eigen giebt. Gemeinnütziges. Mockturtlesuppe (falsche Schildkrötensuppe). Einen ausgesucht schönen, großen, weißen Kalbskopf, von dem man nur die Haare abbrühte, die Augen sowie das Innere der Ohren entfernte, halbirt man, nimmt die Zunge, das Gehirn heraus, blanchirt ihn, kocht ihn nebst der Zunge in gesalzenem Wasser weich, schneidet die abgehäutete Zunge in kleine Filets, das übrige Eßbare vom Kopf in Würfel, giebt etwas Fleischbrühe darauf und stellt Alles im Wasserbade warm. Das Gehirn wird blanchirt, in zierliche Scheiben geschnitten und diese kurz vor dem Anrichten, mit Ei und Zwieback panirt, auf beiden Seiten in Butter hellbraun gebacken. Auch ganz kleine runde Klößchen macht man aus einer schmackhaften Geflügel- oder einer anderen Farce, kocht sie in Fleischbrühe gar und kocht, auch kurz vor dem Anrichten, einige Eier (7 bis 8 Miliuten) und schneidet sie in Scheiben. Die braune Fleischbrühe verkocht man noch eine halbe Stunde mit drei Eßlöffeln voll gelber Mehlschwitze, 1/i Liter Madeira und Prise Cayennepfeffer, legt alle Ingredienzen, Gehirn, Eier, Fleisch u. s. w. möglichst warm in die Terrine, schmeckt nach dem Salze und richtet die Suppe darüber an. Kalbfleisch-Haricot (Französisch). 3 bis 4 Kilo recht dicke, saftige Kalbscotelettes verkürzt man etwas, taucht sie n zerlassene Butter, bedeckt sie mit kräftiger Bouillon und dämpft sie langsam weich. Unterdessen kocht man ein Liter junge Erbsen, zwei in kleine Röschen zertheilte Stauden Blumenkohl, zerschnittene Carotten, weiße Rüben, acht bis zehn kleine Schalotten, jungen Kohlrabi, zwei Gurken und zwei in Viertel geschnittene kleine Stauden Kopfsalat, auch Spargel in guter Fleischbrühe. Kurz vor dem Anrichten grebt man das Gemüse zu dem Kalbfleisch, würzt es durch Salz und Pfeffer und läßt Alles 8 bis 10 Minuten dämpfen, legt das Fleisch in die Mitte der Schüssel, das Gemüse herum und garnirt das Gericht mit gerösteten Gries- oder Farceklößen. Redactian. A. Echeyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrci (Pietsch & Schcyda) in Gießen.