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Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Wer mochte es wohl sein? Durch die zertrümmerte Thür des alten Boothauses blickte Ethel zu ihm hinaus, wo er ohne Schutz in dem furchtbaren Regen sich mit der bäumenden und zu Tode erschrockenen „Sultana" abmühte. Wer war er? Ein Sommergast in einem der Hotels? Es kam ihr nicht wahrscheinlich vor. Seine Kleidung aus gewöhnlichem grauem Tuch und sein schlichtes, anspruchsloses Wesen rechtfertigen diese Annahme nicht. War er ein Bewohner von Blackport — vielleicht ein Fischer? Nicht unwahrscheinlich. Er war von hoher, kräftiger Statur und hatte ein offenes, ziemlich hübsches, aber sonnverbranntes Gesicht. Seine grauen Augen hatten einen ernsten, festen Ausdruck. Je mehr Ethel den Mann betrachtete, desto räthselhafter kam er ihr vor; hatte sie ihn wohl schon gesehen? Vergeblich zerbrach sie sich den Kopf, um eine Antwort auf ihre Frage zu finden. „Sie werden ja ganz durchnäßt!" rief ste ihm endlich zu; „kommen Sie doch herein unter dieses Dach; es ist Raum genug für zwei Personen hier, und „Sultana" könnte — könnte an — etwas angebunden werden." „Ich danke Ihnen," erwiderte er, seine Stimme war jetzt das einzige Trockene an ihm. „Der Regen schadet mir nicht; es ist nichts vorhanden, woran ich das Thier an« binden könnte." Ethel bot einen merkwürdigen Anblick, wie fie so, selbst halb durchnäßt und mit aufgelösten Haaren, in dem Schuppen stand. „Wenn ich nicht gewesen wäre," stammelte sie, „hätten Sie vor dem Ausbruch des Unwetters ein Obdach erreichen können." „Das hat durchaus nichts zu sagen." „Es ist aber sehr unangenehm für Sie." „Ganz und gar nicht," lautete die Antwort. Stärker und stärker ergoß sich der Regen herab, der Donner krachte, die Blitze zuckten in greller, schwefliger Pracht und die Wogen des Meeres brachen sich schäumend an dem Strande. „Kommen Sie herein!" rief Ethel wiederum. „Sie können „Sultana" unter der Thür halten!" Der Fremde schien sie nicht zu hören. „Sie stampfte mit den Füßen vor Ungeduld. „Ich befehle es Ihnen; Sie werden da draußen ja ertrinken!" Er gehorchte endlich und trat triefend unter das Dach des Boothauses, gefolgt vom Kopf und Hals der armen „Sultana". Ethel zog sich soweit zurück, als es der enge Raum gestattete, und die Beiden verblieben nun in dem Schuppen, bis der Sturm vorüber war; er blickte schweigend auf die See hinaus, während sie mit ihrer Reitpeitsche spielte und sich wiederholt fragte, ob dies wohl ein Bewohner von Blackport sein könne. Endlich begann der Regen nachzulassen; der Donner verhallte in der Ferne; die Sonne brach hell und klar durch die Wolken hervor; das Gewitter war vorüber. Der Mann legte nun den trockenen Sattel auf „Sultanas" nassen Rücken und war Miß Grehlock beim Aufsteigen behülflich. Ethel spielte einen Augenblick mit dem Zügel; dann stammelte sie mit bezauberndem Lächeln: „Sie waren sehr gütig, und ich danke Ihnen herzlich; bitte, verzeihen Sie mir die unhöflichen Worte, die ich Ihnen draußen am Strande wegen — wegen — des Briefes sagte." „Von Herzen gern; sprechen Sie nicht mehr davon." Sie blickte ihn forschend an und sagte: , Haben wir uns vielleicht schon früher getroffen." „Nie!" „Sonderbar; Sie er nnern mich an eine Person, die ich einmal gesehen haben muß, ob wohl ich mich nicht mehr entsinnen kann, wann und wo es geschah. Leben Sie wohl!" Sie nickte ihm freundlich zu. Er nahm höflich den Hut ab und verbeugte sich. Im nächsten Augenblick flog „Sultana" mit der Reiterin Grehlock Woods zu. Mr. Godfrey Grehlock pflegte spät aufzustehen; Ethel 314 hoffte, daß er ihre Abwesenheit noch nicht entdeckt haben möchte. Als sie in die Haupt - Allee des Parkes einbog, kam ihr plötzlich ein Gedanke in den Kopf. „Ob in der Rosen-Villa wohl schon Vorbereitungen für die Rückkehr meiner Mama getroffen werden?" sagte sie, und schnell wie der Blitz schlug sie eine Neben - Allee ein, die direct nach der hübschen Eremitage führte. Beim ersten Anblick derselben wußte sie, daß ihre Mutter angekommen war. Die Fenster standen offen, Dienstboten liefen geschäftig hin und her. Echel sprang aus dem Sattel,- sie trat ohne Weiteres in das Haus ein und lief rasch die mit neuen Teppichen bedeckte Treppe zum Zimmer ihrer Mutter hinauf. „Mama! Mama! Ich bin's!" rief sie, indem sie in das Gemach flog, in welchem Iris vor einem Toilettentisch saß und ihr Gesicht in dem Spiegel betrachtete, während Hannah Johnsohn mit den Haaren ihrer Gebieterin beschäftigt war. Die Zeit war gnädig mit Iris Grehlock verfahren- ihre dunklen Locken waren noch so üppig wie je und völlig frei von jenen silbernen Streifen, die Alter und Sorgen zu bringen pflegen. Keine Runzeln entstellten ihr blasses Gesicht, das noch immer den mädchenhaften Ausdruck ihrer Jugendjahre hatte. Ihre Gestalt war so schlank und sylphenähnlich wie je, und ihre Schönheit hatte wie in vergangenen Tagen jenen zarten Teint, der uns namentlich bei Licht so sehr entzückt,- sie sah zehn Jahre jünger aus, als sie wirklich war — eine Thatsache, die Niemand besser wußte als sie selbst. Als die Thür aufging und die strahlende Gestalt des jungen Mädchens hereintrat, stieß Iris einen Schrei der Ueberraschung aus. „Ethel! Mein Gott, ist's möglich?" rief sie, indem sie mit theatralischer Geberde die Arme ausstreckte. „Mein Kind! Mein geliebtes Kind!" Mutter und Tochter umarmten einander, wenn auch ohne wahre, innige Zärtlichkeit. „Wann hast Du die Schule verlassen? Was machst Du drüben im Hause? Liebt Dein Großvater Dich noch so sehr wie je? Hast Du mich ganz vergessen?!" rief Iris, indem sie das junge Mädchen mit der Miene einer Kennerin betrachtete. „Oh, wie schön bist Du geworden! Wo hast Du denn diese vornehme Miene her? Ich bin erstaunt - ich bin entzückt! Du hast die Verheißungen Deiner Kindheit mehr als erfüllt!" „Mama! Du benimmst mir ja den Athem!" sagte Ethel lachend. „Wenn eine Tochter des Hauses Grehlock nicht durch ihre Geburt ein Anrecht auf Vornehmheit hat, wer sollte es dann haben? Ich verließ die Schule vor vierzehn Tagen, vertreibe mir die Zeit auf die angenehmste Weise, und Großpapa liebt mich mit immer steigender Zärtlichkeit. Beweist mein früher Besuch Dir nicht, daß ich Dich nicht vergessen habe? Wenn Du einen Boten hinüberschicken willst, um Großpapa zu benachrichtigen, daß ich hier bin, so will ich bei Dir bleiben und mit Dir frühstücken - ich habe noch nichts gegessen." Iris klingelte und ertheilte die gewünschten Befehle. //Pflegst Du schon zu so früher Stunde auszureiten?" fragte Iris mit einem Blick auf Ethels nasses Reitkleid - „es war ja ein entsetzliches Unwetter- bist Du davon überrascht worden? Bist Du zu Schaden kommen?" „Nicht im Mindesten," antwortete Ethel, leicht er- röthend, indem sie ihres eben erlebten Abenteuers gedachte - „ich habe ein Obdach gefunden." Hannah Johnsohn, welche noch immer mit der Haartoilette ihrer Gebieterin beschäftigt war, warf zuweilen verstohlene Blicke auf das schöne Mädchen, das sich in einen Fauteuil neben dem Toilettentisch geworfen hatte. „Ich hoffe, Sie erinnern sich meiner noch, Miß," sagte sie endlich - „ich bin immer noch bei Ihrer Mama, wie Sie sehen." Ethels Augen blitzten- sie hatte die intime Dienerin ihrer Mutter stets verabscheut. „Ja, Hannah," antwortete sie trocken- „ich habe ein scharfes Gedächtniß für unangenehme Dinge." „Mein Gott, Miß, was meinen Sie damit?" fragte Hannah. „Die Schläge und Püffe, die ich in meiner Kindheit von Ihnen erhielt, fühle ich noch heute so wie vor zehn Jahren." „Sie waren damals ein ungezogenes Kind, Miß," entgegnete Hannah mit einem häßlichen Grinsen. „Sie verdienten alle Schläge, die Sie bekamen, und Ihre Mama weiß, daß ich Sie dennoch auf den Händen trug. Niemand kann sich mehr darüber freuen als ich, daß Sie zu einer so schönen jungen Dame herangewachsen sind, und daß Sie so glänzende Aussichten haben. Wenn Sie erst Herrin von Greylocks Woods sind, so hoffe ich, daß Sie sich meiner Verdienste erinnern werden." Der familiäre Ton des Weibes erbitterte Ethel noch mehr. „Ich sehe, Sie sind noch unerträglicher geworden, als Sie es früher waren," sagte sie mit flammenden Blicken. Hannah lächelte höhnisch und sagte: „Oh, ich habe meine Rechte, Miß- Ihre Mama kennt dieselben, wenn Sie sie nicht kennen." Iris sah verdrießlich und beunruhigt darein. „Hannah, wie kannst Du nur so thörichtes Zeug schwätzen!." rief sie- „kein Wort mehr davon- bring mir meine Morgenrobe aus weißem Caschmir mit den rosafarbenen Atlaßbändern. „Ethel, mein liebes Kind," fuhr sie fort, um die Gedanken ihrer Tochter von Hannah abzulenken, „ich habe prächtige Toiletten aus Paris mitgebracht- ich werde sie Dir später zeigen. Ohne Zweifel findest Du mich so alt und verwelkt, daß Du Dich wunderst, wie ich noch für Putz und Staat Sinn und Geschmack haben kann." Ethel lächelte. „Du alt, Mama? — Du verwelkt! Unsinn! Du könntest sehr gut für meine ältere Schwester gelten. Nun erzähle mir aber von Deinem lahmen Knie- ist es besser damit geworden? Haben Dir die deutschen Bäder gut gethan?" Iris erhob sich von ihrem Stuhl, ihre Haartoilette war beendet- ihr zartes Gesicht sah noch jung und hübsch aus wie vor zehn Jahren- sie war noch immer ein Schmetterling- doch ach, der erste Schritt, den sie vorwärts that, zeigte Ethel, daß es mit Ihrem Gebrechen nicht besser geworden war. „Ich habe Alles versucht- ich habe Tausende von Dollars ausgegeben," seufzte sie- „allein ich werde bis zu meinem Tode lahm bleiben- es ist sehr hart, sehr Hart- Jahre lang habe ich gehofft- Jahre lang hatte ich nur den einen Zweck im Auge, eine Kur zu gebrauchen, um zur Bühne, zum Leben einer Tänzerin zurückzukehren — dem einzigen Leben, das Reiz für mich hat." „Sprich nicht so, Mama," sagte Ethel ernst. „Ah, Du kennst den Zauber einer solchen Kunst nicht!" rief Iris, während eine fieberhafte Röthe ihre bleiche Wange überflog. „Und doch solltest Du ihn begreifen, denn auch Du hattest einst Talent; als Kind tanztest Du zum Entzücken. Tanzest Du jetzt noch zuweilen? Hast Du nicht Lust, öffentlich aufzutreten?" „Nein," antwortete Ethel; „Großpapa würde bei dem bloßen Gedanken daran wahnsinnig werden- übrigens habe ich auch keine Neigung dazu, Mama!" „Der abscheuliche Graukopf!" rief Iris. „Ob er mich noch immer so haßt, wie ehedem? Doch, was liegt daran- es ist genug, daß er gegen Dich so zärtlich ist. Beabsichtigt er, uns ganz und gar von einander getrennt zu halten? Ist es sein Wille, daß Du Dich beständig in seinem Hause aufhälst?" „Ich glaube das, Mama." „Welch abscheuliche Selbstsucht! Gieb mir Deinen Arm, Kind- wir wollen Hinunteegehen. Wie stark und behende Du bist! Wollte Gott, ich hätte Deine Jugend und Deine Gesundheit!" Sie gingen die Treppe hinab - Ethel stützte ihre Mutter. 318 In dem Boudoir war die Frühstückstafel gedeckt, und ein pechschwarzer Page in scharlachrother Livree stand mit schneeweißer Serviette unter dem Arm zur Bedienung bereit. „Polly, Polly! Ich bin Polly!" krächzte eine heisere Stimme vom Fenster. Es war der jetzt altersschwache grüne Papagei. Ethel fuhr unwillkürlich zusammen. „Du hast also den Vogel noch, Mama?" „Ja, um Deinetwillen gebe ich ihm das Gnadenbrod," antwortete Iris, indem sie eine Trüffel zum Munde führte. „Kind! Jetzt, da wir allein sind, habe ich Dir einige Worte zu sagen. Du mußt Deine Abneigung gegen Hannah zu überwinden suchen- sie ist mir von großem Nutzen, und wenn sie auch zuweilen ein wenig übermüthig wird, wie es bei allen verhätschelten Dienstboten der Fall ist, so hat sie doch ein braves und gutes Herz. Ich bitte Dich, mache sie Dir nicht zur Feindin- sie ist — eine — das heißt, sie ist gefährlich, kann es wenigstens werden. Es ist mein sehnlicher Wunsch, daß Du Dich freundlich gegen sie benimmst." Ethel riß ihre Veilchenaugen weit auf. „Ich freundlich! Und gegen Hannah Johnsohn!" rief die hochmüthige Erbin- „wie kannst Du nur so reden, Mama? Ich verabscheue dieses Weib! Ich kann sie nicht ausstehen, und ich begreife nicht, wie Du sie um Dich dulden kannst- warum giebst Du ihr denn nicht den Laufpaß, Mama? Eine übermüthige Dienerin hat sich stets überlebt." „Ethel, Du weißt nicht, was Du sprichst!" rief Iris. „Wenn Dir mein Wunsch etwas gilt, so reize Hannah nicht- sie ist Dir nicht sehr gewogen — sie hat uns Beide in ihrer — ich will damit sagen, daß ich nach ihren langjährigen Diensten so auf ihren Beistand angewiesen bin, daß ich sie nicht entbehren kann." „Ich muß mich über Dich wundern, Mama!" antwortete Ethel- „ich würde mich nie von irgend einem meiner Dienstboten abhängig machen." „Du hast gut reden!" rief Iris pikirt- „Du bist gesund und rüstig- ich aber wage es nicht, Hannah zu entlassen- ich kann ohne sie nicht leben. Es ist wahr, sie ist in den letzten Jahren sehr anmaßend geworden- sie fordert ungeheueren Lohn, und da ich mtch nicht mit ihr zanken will, so gebe ich ihren Forderungen nach. Apropos, Ethel, ich muß Dich um eine weitere Gefälligkeit bitten. Dein Großvater schlägt Dir keinen Wunsch ab- bitte ihn, mir eine Zulage zu meinem jährlichen Einkommen zu gewähren." „Mama!" „Dich wundert es wohl, zu hören, daß ich mit fünftausend Dollars das Jahr nicht auskommen kann? Bedenke nur die Reisekosten und die schweren Summen, die ich vergeblich zahlte, um von meinem Gebrechen kurirt zu werden. Unter uns gesagt, ich stecke tief in Schulden und bin nicht im Stande gewesen, auch nur einen Dollar für die Zukunft zurückzulegen." „Aber Mama! Die Sorge für Deine Zukunft kannst Du doch sicherlich mir überlassen." „Ja, mein Kind, ich darf Deinem guten Willen wohl vertrauen. Wollte Gott, Godfrey Greylock wäre erst tobt, und Du hättest erst Dein Erbe angetreten- er hat wahrhaftig lange genug gelebt." „Mama!" rief Ethel bestürzt und erschrocken aus. //Oh Mama! Wie kannst Du so etwas auch nur denken!" Iris hatte nicht beabsichtigt, so offen zu sprechen, allein ernste Befürchtungen und trübe Ahnungen begannen sie zu quälen. Hannahs Betragen war in letzter Zeit unerträglich geworden, und ein höchst unangenehmes Gefühl der Unsicherheit hatte sich der Herrin der Rosen-Villa bemächtigt. „Du liebst ihn natürlich," sagte sie nervös- „Du kannst aber nicht erwarten, daß ich Deine Gefühle theile. Nun, mein Kind, vergiß nicht, um was ich Dich bat, und nimm die erste Gelegenheit wahr, Dir als eine persönliche Begünstigung eine weitere Zulage von weiteren fünftausend Dollars jährlich für Deine arme Mama zu erbitten." „Bist Du nicht ein wenig verschwenderisch, Mama?" fragte Ethel ernst. „Mag sein, mein Kind - allein das ist eher mein Unglück, als meine Schuld- ich war mit dem Geschmack und den Ansprüchen einer Herzogin geboren. Du solltest mir keinen Borwurf machen, Ethel, denn Du hast durch unsere Aussöhnung mit Godfrey GreylockAlles gewonnen- selbst Hannah Johnsohn hat sich in meinem Dienst ein hübsches Vermögen erspart. Ich allein bleibe arm, bekümmert, unglücklich. Doch," fuhr sie fort, indem sie plötzlich einen anderen Ton anschlug, „ich will nicht weiter über diesen unangenehmen Gegenstand reden- ist der englische Baronet angekommen, und hat Dein liebevoller Großpapa den Tag der Trauung bereits festgesetzt?" Ethel erröthete, faßte sich aber rasch und sagte: „Auf beide Fragen kann ich mit Nein antworten, Mama." Iris lehnte sich in ihrem Feuteuil zurück und brach in ein schallendes Gelächter aus. „Höre mich an, Kind," rief sie- „ich habe die Bekanntschaft Deines hochgeborenen englischen Freiers bereits gemacht, des Auserwählten Deines stolzen Großvaters, des verzauberten Prinzen, der Dich über das Meer nach dem Stammsitz seiner Ahnen führen soll." Ethel stutzte. „Wie soll ich das verstehen, Mama?" „Es traf sich ganz zufällig auf dem Dampfer. Wir reisten zusammen von Liverpool ab- er fing an, mich zu beobachten, noch ehe wir den Hafen verlassen hatten. Ich werde nie seekrank, wie Du weißt, und traf daher beständig auf dem Verdeck und in den Salons mit ihm zusammen. Am zweiten Tage der Reise entdeckte er meinen Namen, kam mit einer Karte in der Hand zu mir und fragte mich mit der ausgesuchtesten Artigkeit, ob ich nicht eine seiner amerikanischen Cousinen sei. Er war während der ganzen Reise mein beständiger Gefährte- seine Aufmerksamkeit gegen mich ging sogar so weit, daß die übrigen Damen an Bord grün vor Eifersucht wurden und allen Ernstes glaubten, daß er mich zu der Seinigen zu machen beabsichtige." Ethel fuhr erschrocken auf. „Er ist also angekommen, Mawa? — Er ist — wo ist er?" „Das weiß ich wirklich nicht," erwiderte Iris, indem sie ihre Chocolade schlürfte- „wir trennten uns an oer Werfte von Boston- ich sah ihn seither nicht wieder. Und ich soll die Schwiegermutter dieses Mannes werden! Diese Idee erscheint zu lächerlich, wenn ich an seine neuntägige Courmacherei an Bord des Dampfers bente !" Ethel schob ihren Teller von sich- ihr Appetit war bahin. „Es freut mich, baß Du ben Baronet liebenswürbig unb unterhaltenb gefunben hast, Mama- es freut mich, baß er Dich bewunderte- hätte er dies nicht gethan, so hätte er einen kläglichen Mangel an Geschmack gezeigt." „Es ist artig von Dir, dies zu sagen, Ethel. Ich war indessen wüthend über seine völlige Gleichgültigkeit in Bezug auf Dich. Nach unserer ersten Unterhaltung nannte er Deinen Namen nicht einmal mehr- er richtete keine Fragen an mich, zeigte weder Interesse noch Neugierde hinsichtlich des Mädchens, das Godfrey Greylock ihm buchstäblich — verzeihe mir den Ausdruck — buchstäblich an den Hals geworfen hat. War das nicht kalt und sonderbar? Ich sagte damals zu Hannah, daß ich befürchtete, es möchte nichts aus der Partie werden." (Fortsetzung folgt.) Die Greuel im Kinderashl zu Neapel. Vor einiger Zeit ging durch verschiedene Zeitungen eine Notiz, die mit dürren Worten berichtete, daß in dem Findelhause „Santa Casa dell' Annunziata" in Neapel letztes Jahr von 853 Säuglingen 850 gestorben und also nur drei mit dem Leben davongekommen seien. Nun kommt eine italienische Schriftstellerin von Namen, Mathilde Serao, die in einer Nummer des neapolitanischen Blattes „Jl Mattino" jene unglaubliche Meldung nicht nur in vollem Umfange bestätigt, sondern mit genauester Sachkenntniß alle Einzelheiten über die mörderische Wirthschaft in jenem frommen Kinderasyle mittheilt. Wenn jenes „Heilige Haus zu Mariä Verkündigung" eigens zum Zwecke der Findelkindervernichtung erbaut und eingerichtet worden wäre, ähnlich wie es etwa Maikäfervernichtungsanstalten gibt, so hätte es kaum ausgiebigere Leistungen aufweisen können, als bei der vollständig entgegengesetzten Bestimmung in Wirklichkeit der Fall ist. „Die Zimmer der Annunziata" — so schreibt Frl. Serao — „sind eng und niedrig- fast alle Fenster schauen auf den Hof hinaus. Die Atmosphäre ist von ungesunden Gerüchen und Krankheitserzeugern überladen. Zweite Ursache: der Hunger. In dieser Anstalt, die einen Ueberschuß von 600000 Frcs. eintrug, waren die Pflegebefohlenen einem allgemeinen, beständigen, verzehrenden Hunger preisgegeben, den keine Amme je zu stillen vermochte, denn jede hatte auf einmal mindestens zwei und sogar vier Säuglinge zu ernähren. Infolge dessen litten die Bedauernswerthen unsäglich unter dem andauernden Nahrungsmangel, und je mehr bei dem raschen Wachsthum der Kleinen ihr Appetit zunahm, desto schmerzlicher empfanden sie das Unzulängliche einer halben oder Drittelsbeköstigung. Und manchmal war auch diese noch ungesunder Art. Denn auch die Säugammen wurden schlecht genährt — viel Kraut und Gemüse, Gemüse zweiter und dritter Qualität und saurer Wein. Mit ihren 18 Frcs. Monatslohn konnten sie sich keine nennenswerthen Zulagen verschaffen. Und bei dieser Verpflegung sollten sie zwei, drei bis vier Kinder mit Milch versehen. Diese Frauen wurden in kurzer Zeit bleich, mager und abgezehrt. Die meisten hielten es nicht länger als einige Monate aus, dann gingen sie fort, um nicht in Santa Casa zu sterben. Die Hausordnung verbot ihnen auszugehen. So waren sie Tag für Tag in diese Unheimlich beängstigenden Räume mit der verpesteten Luft eingeschlossen, ohne Bewegung und Unterhaltung, bei der denkbar kümmerlichsten Verpflegung, so daß sie nach und nach zu kränkeln anfingen. Und die Findelkinder wurden bald davon angesteckt und starben hinweg wie die Fliegen. Eine weitere Todesursache war der gänzliche Mangel aller hygienischen Einrichtungen und Vorkehrungen. Es fehlte vor Allem eine Einrichtung zum Wärmen des Wassers, so daß die Säuglinge im strengsten Winter mit kaltem Wasser gewaschen werden mußten. Wohl waren da zwei einfache Holzöfen, aber sie wurden niemals gebraucht. Das kalte Wasser behielt die Herrschaft. In welch schrecklicher Weise es mit den zarten Geschöpfen aufgeräumt hat, kann man sich leicht vorstellen. Bronchitis und Lungenentzündung waren die natürlichsten Folgen dieser kalten Bäder. Manchmal kam freilich auch eine kleine Badewanne mit erwärmtem Wasser in die Säle. Aber 10 Liter Wasser auf mindestens 50 Kinder ist wenig, sehr wenig. Ein weiterer Herd der Ansteckung war die unendlich lüderliche Wäscherei, wo alles zusammen in einen Kessel geworfen, die Wäsche von Erwachsenen und Säuglingen, von Gesunden und Kranken, und dazu r och in flüchtiger Weise gereinigt, manchmal kaum einmal durchs Wasser gezogen wurde. Die nur halb getrockneten oder nur ausgedrehten feuchten Lumpen kamen dann ohne Weiteres in die Wiegen und Bettchen auf die zarten Körper der Neugeborenen. Und dazu herrschte allenthalben die schrecklichste Unordnung und Unreinlichkeit, selbst den Wäscheschränken entstieg ein ekelhafter Geruch. Auch mit den Saugflaschen wurde in lüderlichster und unreinlichster Weise hantirt. Und in der Apotheke des Asyls schaltete eine Nonne, die von den für dieses Amt erforderlichen Kenntnissen nicht die geringste besaß. Auch in Bezug auf die Kinder, die von der Anstalt nach Auswärts in Verpflegung gegeben wurden, herrschten die krassesten Uebelstände. Diese Pflegemütter hätten von Organen der Gemeindebehörden sowie von den Aerzten dec Santa Casa überwacht werden sollen. Es geschah aber keines von Beiden. Viele Kinder sind gestorben, man weiß nicht wie, noch wann. Viele Pflegemütter haben ihren Wohnsitz gewechselt, den Pflegling mitgenommen und sind rerschollen geblieben- andere haben den Ammenlohn Monat für Monat erhoben, während das Kind schon lange gestorben war. In anderen Fällen war die Bezahlung so schlecht und unregelmäßig, daß die Ammen mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und die Pflege natürlich entsprechend vernachlässigten. Indessen war die Sterblichkeit der auswärts untergebrachten Pfleglinge doch eine viel geringere als diejenige im Findelhause selber. Allein wenn die Kinder von auswärts in das Annunzistha- haus zurückgebracht wurden, so starben auch sie. Man hat ausgerechnet, daß innerhalb sieben Jahren von etlichen Tausend armer Findelkinder, die in die Santa Casa gebracht wurden, nur 20 das Alter der Entwöhnung erreicht und überschritten haben. Hrrmsristisches. Boshaft. Rechtsanwalt: „Wie hat Sie denn der Mann genannt?" — Kläger: „Sie alles Riesen-Rhinozeros hat er mich geschimpft!" — Rechtsanwalt: „Merkwürdig! Sie sind doch noch in den besten Jahren und haben kaum das Militärmaß !" * * * Zweierlei Standpunkt. Vater: „Fritzl, wirst Du jetzt gleich Deine Suppe ordentlich essen?.....Wie manch armer Bub' wäre froh, wenn er nur die Hälfte hätte!" — Fritzl: „Ich auch!" * * * Verschnappt. Gast: „In solch einem großen Restaurant muß doch viel übrig bleiben?" — Wirthin: „I bewahre — einmal wirds doch aufgegessen!" Literarisches Die große Kunst der Wandmalerei hat einen hervorragenden Ver- treter in Prof. Hermann Prell gefunden. Zu den schönsten Schöpfungen gehören des Künstlers Fresken im Treppenhause des Museums zu Breslau. In Heft 22 der ,Moder«<« Kunst* (Verlag von Rich. Bong, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart) werden diese Wandbilder eingehend behandelt und drei von ihnen, „Der Zug des Pegasus", „Der Garten der Hesperiden" und „Der Kamps mit dem Drachen", in ausgezeichneten Reproductionen vorgeführt. Die Verkörperung der antiken und christlichen Weltanschauung, aus der noch heute unser Geistesleben seine tiefsten Anregungen schöpft, zeugt in Prells Darstellungen von einer Tiefe geistvollen Empfindens und echt malerischen Ausdrucks, wie sie nur wenigen hochbegabten Künstlernaturen eigen ist. Der „Modernen Kunst" gebührt aufrichtiger Dank, daß sie weite Kreise des Volkes mit Leistungen von solcher Schönheit bekannt macht. * -r- Die HauplstLdte de« Welt. Das elfte Heft dieses Prachtwerkes enthält außer der glänzenden Schilderung Konstantinopels von Pierre Loti den Anfang des Aufsatzes über Bukarest, der keinen Geringeren zum Verfasser hat als Carmen Sylva, d. i. die Königin Elisabeth von Rumänien. Daß eine auf den Höhen des Lebens wandelnde Persönlichkeit, wie eine Fürstin, uns nur ein einseitiges Bild, ausgenommen von der Höhe ihrer Stellung, bietet, diese Befürchtung liegt nahe, erweist sich aber hier als unbegründet, denn diese Fürstin ist zugleich ein Dichter, dem nichts Menschliches fremd ist, der das Leben in seinen Höhen und Tiefen erfaßt und das Menschenherz kennt, und ein edler Mensch, der auch mit den Niederen zu fühlen, ihre kleinen Leiden und Freuden zu theilen, die Seele des Volkes zu verstehen vermag. So wird man der Schilderung Bukarests den Vorwurf der Ein- eitigkeit nicht machen können, und mehr als bei irgend einem der anderen Artikel des Werkes tritt zu dem Interesse für den behandelten Gegenstand das Interesse für die Person des Verfassers; von besonderem Reiz ist Carmen Sylvas Schilderung des ersten Eindrucks, den ie bei ihrem Einzug in ihr „neues Vaterland" empfing — eine Schilderung, die ebenso characteristisch für den damaligen Zustand des Landes, wie für die Persönlichkeit der hohen Dichterin ist. — Das Heft ist mit zahlreichen hübschen Illustrationen geschmückt, darunter das Doppelbild „O-ientalischer Tanz", die Vollbilder: „Die Galata-Brücke", „Em vorbeiziehender Harem", „Ueberredungskünste", sowie zwei Porträts der Königin von Rumänien (Carmen Sylva). Redaction: S. Scheyda. Srud und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.